Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Diese Serie von der Erfolgsschriftstellerin Viola Maybach knüpft an die bereits erschienenen Dr. Laurin-Romane von Patricia Vandenberg an. Die Familiengeschichte des Klinikchefs Dr. Leon Laurin tritt in eine neue Phase, die in die heutige moderne Lebenswelt passt. Da die vier Kinder der Familie Laurin langsam heranwachsen, möchte Dr. Laurins Frau, Dr. Antonia Laurin, endlich wieder als Kinderärztin arbeiten. Somit wird Antonia in der Privatklinik ihres Mannes eine Praxis als Kinderärztin aufmachen. Damit ist der Boden bereitet für eine große, faszinierende Arztserie, die das Spektrum um den charismatischen Dr. Laurin entscheidend erweitert.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 117
Veröffentlichungsjahr: 2021
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Julia Holsten tanzte ausgelassen, ihre Umgebung hatte sie vergessen. Wie ein Schmetterling sah sie aus in ihrem bunten, kurzen Kleid, das ihr genügend Bewegungsfreiheit ließ für die Art, wie sie tanzte. Ihre Freundin Flora sagte, Julias Tanzstil sei ›besonders‹. Aber Flora war selbst besonders, denn sie hatte das bunte Kleid entworfen und genäht.
Julia war ganz bei sich, immer wieder schloss sie die Augen. Es war ein wunderbarer Abend, sie genoss jede Sekunde davon. Vor ein paar Stunden hatte sie sich mit ein paar Freundinnen zu einem Club aufgemacht. Dort trat an diesem Abend eine noch junge, unbekannte Band auf, die das Publikum vom ersten Song an begeistert hatte. Julia tanzte für ihr Leben gern, und endlich hatte sie wieder einmal die Möglichkeit, sich so richtig auszutoben. Ab und zu winkte ihr eine ihrer Freundinnen zu, wenn sie aneinander vorbeitanzten. Alle sahen gleichermaßen glücklich aus. Bella tanzte schon länger mit einem gutaussehenden Typen, sie würde also nach diesem Abend etwas zu erzählen haben.
Julia brauchte eine Pause, sie war durstig. Aber sie würde schon bald weitertanzen, um diese Nacht bis zur letzten Sekunde zu genießen. Wer hätte aber auch ahnen können, dass diese Band so ein Knaller war! Eigentlich hatten sie gar nicht herkommen wollen, Flora hatte noch gemosert: »Die letzte Band, deren Namen wir vorher noch nie gehört hatten, war ein richtiger Reinfall, erinnert ihr euch? Wenn sich das heute schlecht anlässt, gehen wir gleich wieder und suchen uns unbedingt was anderes.«
Und jetzt das! Als sie sich langsam durch die Tanzenden drängelte, um zu ihrem Tisch zu gelangen, konnte sie ihr Glück noch immer kaum fassen. Sie hatte Wasser bestellt, für den Anfang. Mit dem Alkohol wartete sie lieber, einen Kater konnte sie nicht gebrauchen.
Sie trank das Wasser und machte sich umgehend auf den Rückweg zur Tanzfläche, aber jemand stellte sich ihr in den Weg, umarmte sie. »Süße!«, sagte er – oder besser: Er lallte es. Sie hatte ihn noch nie zuvor gesehen.
Unwillig versuchte sie, sich aus seinen Armen zu befreien. »Lass mich sofort los!«, sagte sie scharf, doch ihre Worte waren nicht zu hören, die Musik der Band übertönte alles.
Der Mann jedenfalls schloss seine Arme noch fester um sie, sein feuchter Mund drückte sich an ihren Hals. Sie versuchte, ihm ihr Knie in den Unterleib zu rammen, aber er hielt sie zu fest, sie konnte sich kaum bewegen. Also schrie sie, obwohl sie wusste, dass sie sich das genauso gut sparen konnte: Sie hörte sich ja nicht einmal selbst in diesem Höllenlärm. Wo war das Personal, das in solchen Fällen normalerweise sofort eingriff?
Immerhin konnte sie einen Arm befreien, also schlug sie dem Kerl auf den Rücken, so fest sie konnte, doch er schien aus Eisen zu sein und nichts zu merken. Erst als sie ihn an den Haaren riss, reagierte er, aber leider nicht so, wie erhofft.
»Du machst mich ja richtig wild …«, nuschelte er.
Wie aus dem Nichts tauchte hinter ihm ein entschlossenes Gesicht auf, in dem sehr blaue Augen wütend blitzten. Bevor Julia richtig begriff, was vor sich ging, wurde der Betrunkene auch schon von ihr weggerissen und schwungvoll ein paar Meter weit weggeschleudert. Er landete zwischen den Tanzenden, die sich von ihm nicht groß stören ließen, sie tanzten einfach um ihn herum.
Der Blonde grinste Julia an, seine Lippen bewegten sich. Als sie auf ihre Ohren zeigte und den Kopf schüttelte, um ihm zu bedeuten, dass sie ihn nicht hörte, nahm er einfach ihre Hand und zog sie mit sich. Gleich darauf standen sie draußen, in der frischen Luft. Als sich die Tür schloss, war es auf einen Schlag ruhig.
»Tut mir leid, dass ich nicht früher zur Stelle war. Eigentlich sollte sich das Personal um so einen dreisten Grobian kümmern, aber die waren ziemlich beschäftigt heute Abend. Du warst nicht die Einzige, die belästigt wurde. Ich bin übrigens Oliver.«
»Julia. Danke, dass du es überhaupt gemerkt hast. Im Grunde waren ja genügend Leute in der Nähe, die mir hätten helfen können, aber …« Sie zuckte mit den Schultern. »Die hatten halt alle nur Augen für sich selbst.«
»Auch du warst zunächst in dich gekehrt«, lächelte er. »Vorher, auf der Tanzfläche. Da hätte um dich herum ein Erdbeben die Stadt erschüttern können, ohne dass es dir aufgefallen wäre.«
Sie sah ihn erstaunt an. »Woher weißt du das? Hast du mich beobachtet?«
»Ja«, gestand er ohne zu zögern. »Mir hat gefallen, wie du dich bewegst – und dass dich das Tanzen offenbar glücklich macht. Ich war fast ein bisschen neidisch. Du hast so … so gelöst ausgesehen.«
»Das war ich auch. Gelöst und glücklich, das stimmt. Aber das ist kein Grund, neidisch zu sein.«
Ihre Blicke begegneten sich, und in Julias Innerem breitete sich eine angenehme, zugleich aufregende Wärme aus. Dieser Mann … Er sah unglaublich gut aus, wieso fiel ihr das erst jetzt auf? Zuerst hatte sie nur seine blauen Augen bemerkt, jetzt sah sie auch die blonden Haare, sein klassisches Profil und diesen Mund, der sich gerne zu einem etwas spöttischen Lächeln zu verziehen schien. Er war fast einen Kopf größer als sie und wenn sie es richtig beurteilte, hatte er die Figur eines sportlich durchtrainierten Menschen. Und: Er hatte ihr aus einer ziemlich unangenehmen Situation herausgeholfen, ohne viel Aufhebens davon zu machen. Also war er offenbar auch noch ein sympathischer Retter und Beschützer.
»Was ist?«, fragte er. »Du machst plötzlich so ein seltsames Gesicht.«
»Ich sehe dich nur gerade zum ersten Mal richtig an«, erwiderte sie. »Weißt du, das war wie eine Erscheinung, als du hinter diesem Typen aufgetaucht bist, ich habe eigentlich nur deine Augen gesehen. Im nächsten Moment lag er schon auf der Tanzfläche.«
Oliver lachte, wurde aber gleich wieder ernst. »Ich kann solche Männer nicht ausstehen«, sagte er. »Zuerst trinken sie sich Mut an, und dann werden sie unverschämt, weil sie denken, sie kommen damit in einem Club mit schummeriger Beleuchtung und vielen Leuten, die vor allem mit sich selbst beschäftigt sind, schon durch. Das hasse ich!«
Er hatte mit Nachdruck gesprochen, seine blauen Augen funkelten zornig. Das war der Moment, in dem Julia begriff, dass sie sich bereits in ihn verliebt hatte. Praktisch im Handumdrehen. Das war sehr verwirrend, zumal es ihr nie zuvor passiert war. Natürlich war sie schon einmal verliebt gewesen. Aber so schnell? Noch nie!
»Gehen wir ein Stück?«, fragte er. »Oder willst du zurück?«
»Eigentlich nicht«, sagte sie. »Ich hätte gern noch getanzt, aber irgendwie ist mir jetzt nicht mehr danach.«
»Musst du dich von jemandem verabschieden? Du warst doch bestimmt nicht allein unterwegs?«
»Mit ein paar Freundinnen, die mich nicht vermissen werden«, antwortete sie, während sie sich fragte, ob das seine Art gewesen war zu fragen, ob sie einen Freund hatte.
»Handtasche?«, fragte er. »Frauen haben doch immer Taschen bei sich.«
»Ich nicht. Alles, was ich brauche, habe ich bei mir, das mache ich immer so, wenn ich ausgehe.«
»Kluges Mädchen.«
»Und mein Wasser hatte ich schon bezahlt«, setzte sie hinzu.
»Wasser?« Er grinste auf sie hinunter. »Du willst mir allen Ernstes erzählen, du hättest nur Wasser getrunken?«
»Ja, das mache ich meistens so, zu Beginn. Ich will die Nacht ja genießen, und das kann ich mit klarem Kopf besser. Den Drink spare ich mir für später auf.«
»Du bist ein bisschen seltsam, oder?«
»Findest du? Ich finde das eigentlich nicht.«
»Doch, ein bisschen seltsam kommst du mir schon vor.« Er wirkte jedoch nicht so, als störte ihn das, im Gegenteil.
»Und wo wollen wir jetzt hingehen?«, fragte sie.
Er sah sie an, so lange, bis sie das Gefühl hatte, in diesem blauen Blick zu versinken. »Deine Entscheidung«, sagte er, als er nach ihrer Hand griff. »Rechts oder links?«
»Rechts«, sagte sie.
Sie waren noch keine hundert Meter gegangen, als sie sich das erste Mal küssten. Julia konnte es noch immer nicht fassen. Sie, die über ›Liebe auf den ersten Blick‹ bislang nur gelacht hatte, weil sie nicht daran glaubte, stand jetzt hier mit einem Mann, von dem sie nur den Vornamen wusste, und doch wollte sie nichts mehr, als ihm nahe zu sein. Er war es, auf den sie schon lange gewartet hatte!
Sie landeten in seiner Wohnung, nur wenig später. Gesprochen hatten sie kaum etwas, aber beiden war auch nicht nach reden zumute. Sie rissen sich die Kleider vom Leib, und was dann folgte, war ein leidenschaftlicher Liebesakt, der Julia so aufwühlte, dass ihr hinterher die Tränen kamen. Nie zuvor hatte sie so empfunden, nie zuvor hatte ein Mann ihr solche Lust bereitet. Sie war fassungslos.
Es blieb nicht bei dieser ersten wilden Vereinigung. Beim zweiten Mal ließen sie es langsamer angehen, viel langsamer. Sie streichelten sich und ließen die Erregung von neuem anschwellen. Bald übernahm Julia die Regie, indem sie Olivers Körper mit Küssen bedeckte und als sie sah, dass Oliver es genoss, war sie es, die den Liebesakt immer weiter in die Länge zog, bis er irgendwann stöhnte: »Willst du mich um den Verstand bringen?«
»Ja!«, sagte sie. »Genau das will ich!«
Da zog er sie auf sich und hielt sie fest, und von da an war es mit der Langsamkeit vorbei. Auch ihr zweiter Liebesakt endete wild und leidenschaftlich, und wieder kamen Julia die Tränen.
»Meine Güte, was machst du mit mir?«, murmelte er, als sie danach eng umschlungen, verschwitzt und erschöpft nebeneinander lagen.
Sie lächelte nur, während ihre Augen noch feucht waren. Das hatte er gar nicht bemerkt, und sie fand, das war auch nicht nötig. Er brauchte nicht zu wissen, wie tief er sie erschüttert hatte. Diese Nacht, das wusste sie schon jetzt, würde ihr Leben verändern.
*
»Kevin!«, sagte Antonia Laurin, die gegen vier Uhr morgens plötzlich aufgewacht war und beschlossen hatte, ein Glas Wasser zu trinken. Auf der Treppe nach unten hatte sie das Licht in der Küche gesehen. »Selbst für dich ist das jetzt aber spät!«
Kevin, ihr mittlerer Sohn, war nach den heute sechzehnjährigen Zwillingen Kaja und Konstantin auf die Welt gekommen und vor Kyra, der elfjährigen Jüngsten. Er war die Nachteule der Familie, ein Dreizehnjähriger, der abends nicht ins Bett fand und in der Frühe schlecht heraus. Legte er sich zu früh ins Bett, konnte er nicht einschlafen, tat er es erst, wenn er müde war, hatte er morgens Probleme. Seine Schwierigkeiten ließen sich nicht lösen, also schlief er sich in der Regel am Wochenende aus. Nun war Wochenende, aber wenn er selbst um vier Uhr morgens noch nicht schlief, würde er den noch jungen Sonntag mehr oder weniger im Bett verbringen müssen, wenn er den versäumten Schlaf der vergangenen Woche noch nachholen wollte.
»Ja, ich weiß«, erwiderte er. »Ich konnte einfach nicht einschlafen.« Er sah sie nicht an bei diesen Worten, was ein sicheres Zeichen dafür war, dass er jetzt keines dieser Gespräche führen wollte, das sie ab und zu, wenn sie sich nachts zufällig begegneten, führten. Er wollte überhaupt nicht reden.
Er war verändert, schon seit einiger Zeit. Sie hatte mehrfach versucht, mit ihm über ihre Wahrnehmung zu sprechen, aber er war ihr ausgewichen. Dabei war es mittlerweile auch Leon, ihrem Mann, aufgefallen, dass Kevin nicht mehr der alte Kevin war: immer für eine trockene Bemerkung gut, ausgeglichen und freundlich, durch nichts wirklich aus der Ruhe zu bringen. Inzwischen war er in sich gekehrt, mit verschlossenem Gesicht, beim gemeinsamen Abendessen schweigsam – und jeden Abend verschwand er schnell in seinem Zimmer und schloss die Tür hinter sich.
Sie hatte sich auch bei seinen Geschwistern schon vorsichtig erkundigt, ob die etwas wussten über die Gründe für Kevins Veränderung, aber die Zwillinge hatten nur die Köpfe geschüttelt, sie hatten gerade genug mit sich selbst zu tun. Konstantin war durch seine erste Filmrolle tatsächlich so etwas wie eine kleine Berühmtheit geworden, und Kaja kämpfte um ihren Notendurchschnitt. Sie wollte ja Medizin studieren und brauchte ein erstklassiges Abitur, sie konnte sich keine Fehler erlauben. Kyra allerdings … Ja, das fiel ihr jetzt erst wieder ein, Kyra war ihr ausgewichen. Sie hatte eigentlich noch einmal nachbohren wollen, es dann aber im Trubel ihres arbeits- und ereignisreichen Alltags vergessen.
»Das tut mir leid«, sagte sie in neutralem Tonfall. »Dann kriegen wir dich vermutlich den ganzen Sonntag nicht zu Gesicht.«
Er nickte nur und bewegte sich auf die Tür zu. Wie gern hätte sie ihn in diesem Augenblick einfach in die Arme geschlossen und ihm gesagt, dass, was immer ihn gerade bedrückte, nicht von Dauer sein würde, dass wieder bessere Zeiten kommen würden, aber sie traute sich nicht. Seine Körpersprache signalisierte Abwehr, und sie wusste, dass solche Signale beachtet werden mussten. Dennoch, und auch das wusste sie: Er musste jederzeit sicher sein können, dass seine Familie für ihn da war, dass er sich seinen Eltern oder Geschwistern anvertrauen konnte, dass sie ihm helfen würden, wenn es in ihrer Macht stand.
Deshalb sagte sie ganz ruhig: »Du hast Kummer, das merken wir. Und du willst nicht mit uns darüber reden, das merken wir auch. Aber eines musst du wissen: Manchmal hilft es schon, etwas nur auszusprechen. Und manchmal wissen andere, die nicht direkt betroffen sind, Rat, weil sie etwas mehr Abstand haben. Denk drüber nach, Kevin. Und jetzt schlaf gut.«
Er war stehengeblieben bei ihren Worten, immer noch halb abgewandt, aber er hatte ihr zugehört. Nachdem sie geendet hatte, warf er ihr einen Blick zu, der ihr fast das Herz zerriss, weil so viel Kummer und Verzweiflung darin lagen. Einen Moment lang hoffte sie, er werde sich in ihre Arme stürzen, wie er es als kleiner Junge getan hatte, und ihr sagen, was ihn quälte. Aber der Moment ging vorüber. Kevins Gesicht verschloss sich wieder. Leise sagte er: »Danke, Mama«, dann wandte er sich ab und verließ die Küche.
Antonia seufzte, wärmte sich ein Glas Milch, rührte einen Löffel Honig hinein und trank es langsam aus, bevor sie wieder nach oben ging und sich ins Bett legte.
»Wo warst du denn so lange?«, fragte Leon schlaftrunken.
»Unten«, antwortete sie. »Ich habe ein Glas Milch mit Honig getrunken.«
