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Leben am Fluss – ist das nicht selbstverständlich, wenn eine Stadt am Fluss liegt, so wie Kassel an der Fulda? Im documenta-Sommer 2022 jedenfalls war es eine Selbstverständlichkeit, selten hat man so viel Leben am und auf dem Fluss gesehen in der jüngeren Vergangenheit. Aber auch frühere documenta-Ausstellungen haben bereits die Nähe zum Fluss gesucht. Der vorliegende Sammelband beleuchtet dies sowie ganz unterschiedliche Aspekte des Lebens am Fluss, angefangen mit der Frühzeit, die viele Funde, aber auch Rätsel hinterlassen hat. Erzählt wird die Geschichte der Flussschifffahrt, des Hafens und der Stadtschleuse, die nach umfangreicher Sanierung 2023 wieder nutzbar sein soll. Das wird auch Kassels Volksfest, dem fast hundert Jahre alten Zissel mit seinem Wasserfestzug zugutekommen. Das Thema Hochwasserschutz, die Historie des Flussbadens, die Uferpromenade unterhalb des Auedamms und die Bundesgartenschau 1981, mit der gegenüber dem städtischen Ufer das Freizeit- und Naturschutzgelände der Buga entstand, sind weitere Themen. Ebenfalls auf der östlichen Seite der Fulda wurde die Unterneustadt auf historischem Grundriss wiedergegründet, während der Wiederaufbau auf Seiten der Altstadt historisches Gespür bis in die jüngste Zeit vermissen lässt. Anders in Bad Karlshafen, wo die Sanierung des alten Hafens die Stadt aufblühen lässt, wie ein Exkurs über die Barockperle an der nördlichen Spitze des Landkreises Kassel beschreibt. Mit Beiträgen von Gerhard Böttcher, Joachim Bürgel, Karl-Erwin Franz, Irina Görner, Christina Hackenberg, Uli Hellweg, Bertram Hilgen, Albrecht Hoffmann, Eckhard Jochum, Harald Kimpel, Alexander Lorch, Martin Marburger, Franziska Umbach, Petra Wettlaufer-Pohl und Günther Wagner
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Seitenzahl: 185
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Petra Wettlaufer-Pohl (Hg.)
Kassel: Leben am Fluss
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte Daten sind im
Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
Band 44 in der Reihe
Die Region trifft sich – die Region erinnert sich
der Kasseler Sparkasse
Titelbild: Blick auf die Schlagd, Foto: Martin Weiß,
BSW Fotogruppe Kassel
Bild Umschlagrückseite: Blick von der Fulda auf den Herkules,
Foto: Anne Jellonek, BSW Fotogruppe Kassel
Grafische Gestaltung der Printausgabe: atelier grotesk, Kassel
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH
Gesamtherstellung: euregioverlag, Kassel
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk, Fernsehen und sonstige elektronische Medien, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger jeder Art, auszugsweisen Nachdruck oder Einspeicherung und Rückgewinnung in Datenverarbeitungsanlagen aller Art, sind vorbehalten.
© 2023 euregioverlag
D-34127 Kassel, Naumburger Str. 40
www.euregioverlag.de
ISBN 978-3-933617-97-2
Mit freundlicher Unterstützung durch die
Vorwort
Ingo Buchholz
Leben am Fluss Die Wiederentdeckung der Fulda, die doch schon immer zu Kassel gehört hat Einleitung
Petra Wettlaufer-Pohl
Gaben an die Götter? Archäologische Funde vom Grund der Fulda
Irina Görner
Zur Geschichte der Fuldaschifffahrt
Gerhard Böttcher, Joachim Bürgel, Albrecht Hoffmann und Alexander Lorch
Badelust und Badefrust in der Fulda Die Kasseler und ihre Flussbäder
Günther Wagner
Der Zissel – das Fest am Fluss
Christina Hackenberg
Die Stadt Kassel und „ihre“ Hochwasser
Martin Marburger und Franziska Umbach
Mit dem Streifenboot unterwegs – die Wasserschutzpolizei
Alexander Lorch
Bundesgartenschau 1981 – Der Sprung über den Fluss
Petra Wettlaufer-Pohl
Ende gut – alles gut! Die Geschichte des Fuldauferweges
Bertram Hilgen
Die Wiedergründung der Unterneustadt: ein wichtiger Baustein für die Integration der Fulda in die Stadt
Eckhard Jochum
Die verkehrte Stadt Kann Kassel doch noch ein Stück seiner Altstadt am Fluss erlebbar machen?
Uli Hellweg
Bedingt wasserscheu. Das Verhältnis der documenta zu dem Fluss, der die documenta-Stadt durchzieht
Harald Kimpel
Neuer Hafen belebt die Stadt Ein Ausflug an die Weser
Karl-Erwin Franz
Anhang
Autorinnen und Autoren
Bildnachweis
Liebe Leserin, lieber Leser,
wie ein blaues Band schlängelt sich die Fulda durch unsere Stadt und unseren Landkreis. Von Süden kommend schenkt sie dem Örtchen Fuldabrück seinen Namen und vollzieht eine kleine Schleife, bevor sie über Bergshausen die Kasseler Stadtgrenze passiert. Dort ergießt sie sich großzügig und ausufernd zur Fuldaaue, touchiert entlang des Auedamms das Innenstadtgebiet und bahnt sich durch den Stadtteil Wesertor ihren Weg zurück in den ländlichen Raum.
Doch vorher passiert sie die Fuldaschleuse vor dem Naturschutzgebiet Wolfsanger, schlägt auf der Höhe von Gut Kragenhof eine schwungvolle Kurve und fließt anschließend etwas ruhiger durch Wahnhausen und Wilhelmshausen. Kurz nach dem Reinhards-wald heißt es dann Abschied nehmen. Denn unsere Fulda hat in Hann. Münden ihr Ziel erreicht und mündet, vereint mit der Werra, in die Weser.
Kassel und seine Fulda – die Fulda und ihr Kassel. Das Leben am Fluss ist so vielfältig wie sein Verlauf. Mit dieser Vielschichtigkeit beschäftigen sich die Autorinnen und Autoren dieser aktuellen Ausgabe unserer Reihe „Die Region trifft sich, die Region erinnert sich“.
Um die unterschiedlichen Facetten von „Leben am Fluss“ darzustellen, gehen die Autorinnen und Autoren auf archäologische Spurensuche, erörtern wirtschaftspolitische Zusammenhänge, tauchen ab in sportliche Aktivitäten und widmen sich geselligem Miteinander. Das „Leben am Fluss“ fließt immer weiter und schreibt ganz neue Geschichten. Ein neues Kapitel beginnt bereits, wenn die sanierte Schleuse Kassel wie geplant im Frühjahr 2023 wieder öffnet und dadurch der Schiffsverkehr zwischen Kassel und Hann. Münden durchgehend möglich ist.
Doch lesen Sie selbst und lassen Sie sich treiben von dieser erfrischenden und erhellenden Lektüre.
Ihr
Ingo Buchholz
Vorstandsvorsitzender der Kasseler Sparkasse
Petra Wettlaufer-Pohl
Einleitung
Spielen auf der Fuldawiese am Heimatort, während die Großen schon badeten, gehörte zur frühen Kindheit. Später ging es lieber ins Freibad, inzwischen genießen wir die Flusslandschaft beim Spaziergang oder der Fahrradtour, während sich die Fulda selbst durch Felder und Wiesen schlängelt. Dazwischen allerdings lagen 15 Jahre am Rhein, einem Strom, den man ganz anders wahrnimmt. Manchmal fast ehrfürchtig, oft schlicht begeistert von der Weite des Flusses. Zurück an der Fulda dauerte es eine Weile, sich mit dem kleinen Fluss abzufinden.
Aber: die Fulda mit neuen Augen sehen, ihre Geschichte, ihre Funktion für die Stadt, die Flusslandschaft, die schönen und auch die weniger schönen Seiten bewusst wahrnehmen; lernen, was man noch besser machen könnte, um die Fulda stärker in den Fokus zu rücken, das alles ist der Arbeit an diesem Buch und den Beiträgen der Autoren und Autorinnen zu verdanken.
Dabei haben sie sich ganz unterschiedlichen Themen gewidmet, beginnend mit archäologischen Zeugnissen einer Zeit, die viele Tausend Jahre zurückliegt und auch an der Fulda noch manches Rätsel aufgibt. Zur – wesentlich jüngeren – Vergangenheit gehört die Flussschifffahrt, einst ein wichtiger Wirtschaftszweig, der Kassel mit der Welt verband und der Stadt Ende des 19. Jahrhunderts einen Hafen bescherte. Heute liegt der, bar öffentlicher Nutzung, eher versteckt. Dabei beherbergt er ein kleines Juwel: Das Museum für Fuldaschifffahrt, mit dem engagierte Vereinsmitglieder diesen Teil der Kasseler Geschichte lebendig halten. Schon damals ging es nicht immer konfliktfrei zu auf der Fulda, heute ist hier die Wasserschutzpolizei im Einsatz, deren Boot im Hafen stationiert ist.
Ein anderes kleines Juwel, ebenfalls von engagierten Bürgerinnen und Bürgern erhalten, befindet sich im Kurbad Jungborn in der Unterneustadt und widmet sich der Geschichte des Flussbadens. In unmittelbarer Nachbarschaft beginnt das wohl ambitionierteste Stadtbauprojekt Kassels, die in den neunziger Jahren auf dem historischen Grundriss begonnene Wiedergründung des im Zweiten Weltkrieg nahezu komplett zerstörten Stadtteils Unterneustadt. Ganz anders der Wiederaufbau nach dem Krieg auf der anderen Seite des Flusses, wo nur noch wenig an die Altstadt erinnert. Aber muss das so bleiben?
Um eine politische Entscheidung geht es auch in einem sehr persönlichen Beitrag des früheren Oberbürgermeisters Bertram Hilgen, der 2009 die Promenade unterhalb des Auedamms durchsetzte – gegen zunächst erbitterten Widerstand der Schwimm- und Rudervereine, die dort seit vielen Jahrzehnten ansässig sind und lange Zeit einen wichtigen Beitrag zum sozialen Leben Kassels leisteten. Nicht einmal zur Bundesgartenschau 1981, der Kassel das Freizeit- und Naturschutzgelände Fuldaaue verdankt, hatte man sich an den privilegierten Zugang der Vereine zum Wasser herangetraut.
Ganz anders, nämlich selbstverständlich, haben die Menschen in Kassel den Zugang der documenta-Künstlerinnen und -Künstler zur Fulda im Sommer 2022 erlebt. Fast so, als müsste die Kunst den Kasselern die Augen öffnen für ihren Fluss. Und doch stimmt es nicht ganz. Auch in der Vergangenheit gab es viele Bezüge zwischen Kunst und Fluss. Dass das Leben an der Fulda auch seine Schattenseiten hat, davon zeugen historische Hochwasserereignisse in Kassel. Wie man dem heute gerade unter den Bedingungen des Klimawandels vorbeugt, beschäftigt die Hochwasserexperten des Regierungspräsidiums.
Zum Schluss geht es um einen Zugang zum Wasser, der Hoffnung macht – nicht an der Fulda, sondern im Norden des Landkreises Kassel, an Diemel und Weser: Die Stadt Bad Karlshafen, das von Landgraf Karl gegründete barocke Kleinod, das vor einigen Jahren noch auszubluten drohte, hat seinen Hafen neu entdeckt und damit die Stadtentwicklung wieder angekurbelt.
Danke an alle, die Beiträge zu diesem Buch geleistet, aber auch an diejenigen, die zuvor Anregungen dafür gegeben haben. Und an die Fotografen und Fotografinnen der Fotogruppe Kassel der Stiftung Bahnsozialwerk, die den Fluss auf ihre Weise für uns entdeckt haben.
1 Vom Mammutbackenzahn über eine jungsteinzeitliche Steinaxt bis hin zur neuzeitlichen Kanonenkugel reicht das Fundspektrum in zwei Kiesgruben im Bereich des heutigen Buga-Geländes in Kassel.
Dr. Irina Görner
Flüsse nehmen in unserer Geschichte in vielerlei Hinsicht eine wichtige Rolle ein: Sie lieferten einen wertvollen Beitrag zur Ernährung, hielten Trink- und Brauchwasser bereit, dienten als Transportweg oder als willkommene Möglichkeit der Abfallentsorgung. Nicht überraschend bergen Flüsse wie die Fulda daher eine Vielzahl von Dingen, die im Laufe der Jahrtausende auf die eine oder andere Art dorthinein geraten sind. Archäologen sehen sich durch Flussfunde allerdings vor erhebliche Herausforderungen gestellt. Schließlich handelt es sich meist um Zufallsfunde, die bei Eingriffen in den Flusslauf durch Baggerarbeiten oder in Kiesgruben zutage kamen. Es liegt in der Natur der Sache, dass dabei kaum mehr genauere Angaben zur Lage und Tiefe der Fundobjekte möglich sind, was ihre Deutung erheblich erschwert. Vielfältig sind nämlich nicht nur die Flussfunde selbst, sondern auch die Umstände, die zu einer Ablagerung im Fluss geführt haben können. In den Fluss geriet so einiges, manches absichtlich, anderes wohl eher unfreiwillig. Es finden sich die Überbleibsel von Unglücksfällen und Hochwasserkatastrophen ebenso wie aus unterschiedlichen Gründen gezielt versenkte Gegenstände und nicht zuletzt auch die Umweltsünden unserer älteren und jüngeren Vergangenheit. Die Schichten, die ein Fluss im Laufe der Zeit ablagert, sind ein mehr oder weniger lückenhaftes – und nicht unbedingt wohlgeordnetes – Archiv der Geschichte.
Auch aus der Fulda bei Kassel stammen zahlreiche Objekte unserer jüngeren, aber auch älteren Vergangenheit. Steingeräte der Jungsteinzeit (5500–2200 v. Chr.) wurden unter anderem bereits im 19. Jahrhundert im Fuldakies an der Schlagd gefunden. Damit sind sie keineswegs die ältesten Funde aus der Fulda. Auch einige Mammutbackenzähne stammen aus ihren Kiesschichten und die letzten Mammuts streiften vor über 10.000 Jahren durch das Kasseler Becken. Und selbstverständlich finden sich auch immer wieder Zeugnisse der jüngeren Geschichte, wie etwa eine Kanonenkugel aus einer Kiesgrube an der heutigen Regattastrecke im Bereich des Buga-Geländes (Abb. 1).
2 Die ungefähre Lage der beiden fundreichen Kiesgruben im Bereich der heutigen Messehalle (1) und weiter südlich schon in der Gemarkung Fuldabrück-Bergshausen (2).
Die bei weitem überraschendsten Funde kamen in den 1950er und Anfang der 1960er Jahre in zwei Kiesgruben in Kassels Süden zutage. Die eine Grube lag im Bereich der heutigen Messehallen an der Damaschkestraße, die zweite schon in der südlich anschließenden Gemarkung Fuldabrück-Bergshausen (Abb. 2). Heute fließt die Fulda in bis zu 300 m Entfernung zu den beiden Fundstellen. Trotzdem handelt es sich bei den Kiesschichten, in denen die Funde entdeckt wurden, eindeutig um Ablagerungen der Fulda. Durch die starken Landschaftsveränderungen im Laufe der Jahrtausende – nicht zuletzt durch die Anlage des Geländes für die Kasseler Bundesgartenschau im Jahr 1981 – sind die Altarme der Fulda, die zu diesen Kiesablagerungen führten, jedoch nicht mehr überall eindeutig zu erkennen.
Aus beiden Kiesgruben stammen jeweils mehrere Funde der Bronzezeit (Abb. 3). Diese vorgeschichtliche Epoche fällt etwa in die Zeit zwischen 2200 v. Chr. und 800 v. Chr. Damals lebten die Menschen bereits seit über 3.000 Jahren als sesshafte Ackerbauern und Viehzüchter. Sie hielten Rinder, Schweine, Schafe und Ziegen, gegen Ende der Bronzezeit wurde auch das Pferd domestiziert. Sie bauten verschiedene Getreidearten, Hülsenfrüchte und Lein an. Die Menschen kannten den Transport mit Booten sowie Wagen und legten bereits erste Straßen aus Holzbohlen in unwegsamem Gelände an. Prägend für diese Periode ist die Entdeckung des Metalls. Verwendete man anfangs noch reines Kupfer, hatte man wenig später bereits entdeckt, dass eine Legierung aus Kupfer und Zinn bessere Materialeigenschaften bot. Die nötigen Rohstoffe mussten in Hessen allerdings durch Handel mit weit entfernten Regionen beschafft werden. Die heimischen Kupferlagerstätten, etwa im Gebiet von Richelsdorf im Werra-Meißner-Kreis, ließen sich mit den eingeschränkten Möglichkeiten der Bronzezeit noch nicht ausbeuten und Zinnvorkommen sucht man in Hessen vergeblich. Metallanalysen verraten, dass das verwendete Kupfererz aus dem Ostalpenraum stammt, wo es bereits in der Bronzezeit bergmännisch unter Tage gewonnen wurde. Das notwendige Zinn stammt wohl aus dem Erzgebirge, aus Südengland oder Nordfrankreich. Kupfer und Zinn mussten jedenfalls von weither nach Hessen transportiert werden. Vor Ort verarbeiteten spezialisierte Handwerker das Metall zu einer Vielzahl von Gegenständen, vom Armring bis zum Schwert.
3 Aus den beiden Kiesgruben stammen zahlreiche Funde der Bronzezeit. Einige Stücke – etwa unten rechts – wurden durch die Brechanlagen der Kiesgewinnung beschädigt.
4 Die Kiesgrube im Bereich der heutigen Messehallen mit Blick auf Kassel-Waldau. Deutlich erkennbar ist der Schwimmbagger mit der Eimerkette, mit dem der Kies aus bis zu 8 m Tiefe gefördert wurde.
Die Mehrzahl der Funde aus den Kiesgruben von Kassel-Waldau und Bergshausen stammen aus der Spätphase der Bronzezeit, einer Periode zwischen 1100 und 800 v. Chr. Dass wir die Objekte heute im Museum bestaunen können, ist der Aufmerksamkeit der damaligen Kiesgrubenarbeiter zu danken, denn ohne sie wären die Funde unwiederbringlich verloren gewesen. Auch die damals noch eher einfache Technik der Kiesgewinnung mit Greifbaggern oder Baggern mit Eimerketten ermöglichte die Rettung der Funde (Abb. 4). Auf Förderbändern wurden seinerzeit Fremdkörper von Hand aussortiert, um Schäden an den Maschinen zu vermeiden. Viele Fundstücke wurden so von den Arbeitern der Kieswerke vom Förderband gelesen. Objekte, die zu spät bemerkt wurden, gelangten mit dem Kies in die Zerkleinerungsmaschinen und trugen entsprechende Schäden davon.
5 Unter den Funden aus der Kiesgrube im Bereich der Messehallen war auch ein 10,5 cm langes Tüllenbeil der Späten Bronzezeit.
6 Ein so genanntes Randleistenbeil der Mittleren Bronzezeit (1550–1300 v. Chr.) stammt aus der Kiesgrube von Fuldabrück-Bergshausen.
7 Eines von zwei Fundstücken der Frühen Bronzezeit (2200–1550 v. Chr.): ein Trapezbeil aus Kupfer geborgen in der Grube von Kassel-Waldau.
Bei den Funden handelt sich um dreizehn so genannte Lappenbeile aus Bronze, hinzu kommt ein Tüllenbeil (Abb. 5). Ein Randleistenbeil (Abb. 6) stammt noch aus der Mittleren Bronzezeit (ca. 1550–1300 v. Chr.). Nur zwei Objekte sind noch älter: Ein Flachbeil (Abb. 7) und eine seltene Doppelaxt (Abb. 8) aus Kupfer sind noch der Frühbronzezeit (ca. 2200–1550 v. Chr.) zuzurechnen. Daneben wurden noch drei bronzene Sichelklingen, die zur Getreideernte dienten, zwei Schwerter und der Rest einer Lanzenspitze geborgen. Schmuckgegenstände sind unter den Funden nicht vertreten. Ein halbmondförmiger Anhänger war nach ähnlichen Stücken aus gleichalten Gräbern wohl das Zierstück eines spätbronzezeitlichen Wagens.
8 Die über 43 cm lange frühbronzezeitliche Doppelaxt aus Kupfer weist nur ein winziges Schaftloch auf. Zum praktischen Gebrauch war die fast 3 kg schwer Axt damit nicht geeignet.
Die genaue Fundsituation bleibt leider weitgehend im Dunkeln. Die Objekte stammen auf jeden Fall aus erheblicher Tiefe, denn in den bis zu drei Meter dicken Deckschichten aus Auelehmen, die vor der Kiesausbeutung durch Bagger entfernt wurden, sind keine Funde bekannt geworden. Die Kiesschicht selbst ist bis zu fünf Meter mächtig. Die Funde stammen also aus drei bis acht Meter Tiefe. Über die exakte Lagerung der Objekte liegen ebenfalls nur vage Angaben vor. Immerhin existieren für die Waldauer Kiesgrube Beobachtungen zur Verteilung der Fundstücke. Dabei wird klar, dass viele Funde aus einem enger begrenzten Bereich stammen (Abb. 9).
Die Frage, ob die Funde am Ort ihrer Wiederentdeckung auch ins Wasser gelangt sind, scheint auf den ersten Blick nicht so einfach zu beantworten. Der Fluss verlegt schließlich sein Bett im Laufe der Jahrtausende immer wieder und auch die Strömung kann für erhebliche Verlagerungen sorgen. Hier helfen genaue Beobachtungen an den Fundstücken selbst weiter: Der Transport unter Wasser hätte durch den Kontakt mit Sand und Kies die Oberflächen der Bronzen deutlich geschädigt. Davon kann jedoch keine Rede sein. Die Oberflächen sind im Gegenteil gut erhalten, wie beispielsweise ein genauer Blick auf das Bronzeschwert eindrucksvoll zeigt. Sogar feine, gravierte Rillen sind hervorragend zu erkennen (Abb. 10). Die Funde sind also zumindest in unmittelbarer Nähe ihres Fundortes ins Wasser gelangt und wurden recht schnell im Kies eingebettet.
Besonders interessiert die Frage, wie und warum die Stücke in den Fluss gekommen sind. Um profanen Abfall hat es sich keinesfalls gehandelt, denn gerade Bronzegegenstände hatten einen erheblichen Wert – schließlich mussten die Rohstoffe für ihre Herstellung aus fernen Gebieten importiert werden. Und einer der größten Vorteile von Bronze ist die Tatsache, dass man sie unproblematisch wieder einschmelzen und daraus einen neuen Gegenstand herstellen kann. Die massiven Beile mit einem Gewicht von bis zu 400 Gramm pro Stück waren damit regelrechte Wertgegenstände. Noch dazu sind an den meisten unserer Funde keinerlei antike Beschädigungen zu erkennen.
9 Nur für die Funde aus der Kiesgrube im Bereich der heutigen Messehallen liegen ungefähre Lageangaben vor. Sie zeigen deutlich, dass sich die Funde in bestimmten Bereichen konzentrierten.
Auch bedauerliche Unglücke, also etwa ein Verlust der Fracht von zwei untergegangenen Booten im Bereich der einstigen Fuldaarme sind als Erklärung unwahrscheinlich. Dagegen spricht beispielsweise ein Lappenbeil, an dem sich die Reste des ehemaligen hölzernen Beilstieles erhalten haben. Gehandelt wurden jedoch nur die bronzenen Beilklingen. Und noch etwas spricht gegen die Theorie der versunkenen Fracht, nämlich die Tatsache, dass wir nicht nur Funde einer Zeitstellung vor uns haben. Die Objekte der Frühen und Mittleren Bronzezeit müssten dann zufällig Jahrhunderte früher genau an den späteren Unglückstellen in die Fulda gefallen sein. Denkbar ist zwar, dass es im Bereich unseren Fundstellen über lange Zeit genutzte Flussübergänge gab. Die Existenz solcher Furten durch die Fulda ist sogar sehr wahrscheinlich, aber es wäre doch recht überraschend, wenn bei den Flussdurchquerungen fast nur Beile verloren gegangen wären und niemals Schmuckstücke oder andere Gerätschaften. Die eigenartige Objektauswahl macht auch eine Hochwasserkatastrophe, die etwa eine Siedlung mitgerissen hat, recht unwahrscheinlich. Warum hätten die Bewohner bei drohendem Hochwasser die kostbaren Bronzeobjekte in der Siedlung zurücklassen sollen? Und warum wären mit Beilen, Schwertern und Lanzenspitzen fast ausschließlich Gegenstände weggerissen worden, die der Lebenswelt der Männer zuzuordnen sind und keine Schmuckstücke, Messer oder auch Keramikgefäße? Auch ein weggeschwemmter Bestattungsplatz ist auszuschließen, denn die aus den Fuldakiesen geborgenen Objektkategorien gelangten in der Späten Bronzezeit kaum jemals in die Gräber. Zu jener Zeit war es üblich, die Toten zu verbrennen und auch die – ohnehin seltenen – Bronzebeigaben gelangten üblicherweise mit auf den Scheiterhaufen. Unverbrannte Bronzegegenstände sind in spätbronzezeitlichen Gräbern dementsprechend selten. In dem großen über 200 Gräber umfassenden Bestattungsplatz von Vollmarshausen im Kreis Kassel waren zwei Lanzenspitzen und ein Messer die einzigen unverbrannten Bronzebeigaben. Lappenbeile – wie sie hier in der Kiesgrube von Waldau so häufig auftreten – oder gar Schwerter sind aus Gräbern in Nordhessen gar nicht bekannt.
Sucht man in anderen Regionen nach vergleichbaren Fundumständen mit ähnlicher Objektauswahl wird man allerdings schnell fündig. Es handelt sich um ein überregionales Phänomen, das etwa von der Donau, dem Rhein, dem Main und auch europaweit hinlänglich bekannt ist. An fast allen größeren Flüssen gibt es bestimmte Fundstellen, an denen jeweils eine Vielzahl von Gegenständen aus der Späten Bronzezeit geborgen wurden und immer ist eine eigenartige Zusammensetzung zu beobachten. Meist überwiegen Dinge aus der Lebenswelt der Männer, häufig finden sich Waffen, seltener Wagenteile, Helme, Schilde oder sogar Brust- und Beinpanzer.
Sehr wahrscheinlich haben solche Fundhäufungen in Flüssen sakrale Ursachen. Offenbar wurden in der Bronzezeit über längere Zeiträume an bestimmten Stellen immer wieder intakte Bronzegegenstände versenkt – vermutlich als Opfer- oder Weihegaben. Das absichtliche und unwiederbringliche Versenken von Wertgegenständen aus rituellreligiösen Gründen mutet uns heute befremdlich an. Macht man sich aber klar, dass ohne unsere heutigen naturwissenschaftlichen Kenntnisse viele Naturphänomene unerklärlich bleiben, wird nachvollziehbar, warum Gewässer zu Orten religiöser Handlungen werden konnten. Das Element Wasser hat zwei Seiten. Einerseits ist es lebenspendend – ohne Wasser kein Ackerbau und keine Viehzucht. Zudem dienten Flüsse in der Bronzezeit als wichtige Transportwege, denn der überregionale Warenverkehr war wegen des Fernhandels mit Bronze und Zinn überlebenswichtig. Auf der anderen Seite steht Wasser als Naturgewalt, als das Gefährliche und Unergründliche. Hochwasser und Regen zur Unzeit bedrohen die Ernten und Dörfer, und Gewässer bergen weitere Gefahren. Man kann in ihnen ertrinken und selbst das Reisen auf dem Wasser oder sogar nur die einfache Überquerung kann verhängnisvoll enden. Zusammen mit der häufig unergründlichen Tiefe von Gewässern war es also naheliegend, in ihnen den Wohnsitz von Gottheiten oder – wie in der griechischen Mythologie überliefert – gar den Eingang zum Totenreich zu vermuten.
Die Motive für das Versenken der wertvollen Objekte in der Fulda können indes vielfältig sein. Es mag sich um Weihungen handeln, die als Gabe für einen erwiesenen Gefallen den im Fluss innewohnenden Göttern versprochen wurden oder eine Gabe, die einer Bitte Nachdruck verleihen sollte. In Anbetracht der waffenlastigen Opfergaben sind auch Gelöbnisse im Zusammenhang mit kriegerischen Ereignissen vorstellbar, bei denen die Beute oder die eigenen Waffen nach siegreicher Rückkehr den Göttern geweiht wurden. Denkbar ist auch, dass man die Flüsse als Eingänge zum Totenreich begriff und der Besitzer selbst oder seine Hinterbliebenen Dinge, die man im Jenseits zu glauben brauchte, auf diesem Wege quasi ins Totenreich schickten. Jedenfalls stellen Weihung von Bronzegegenständen durch deren unveränderlichen Materialwert ein wirkliches Opfer dar. Dass diese Tradition ausgerechnet in der Späten Bronzezeit europaweit einen derartigen Aufschwung erlebt, mag mit der gestiegenen Bedeutung der Flüsse als Handelsrouten für das begehrte Metall zu tun haben. Wahrscheinlich bestehen auch Zusammenhänge mit dem tiefgreifenden religiösen Wandel, der sich ab etwa 1200 v. Chr. im Grabbrauch widerspiegelt. Zu dieser Zeit ging man nämlich von der zuvor praktizierten Bestattung des unversehrten Leichnams unter einem Grabhügel dazu über, die Toten auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen und die Reste dann, in einem Keramikgefäß geborgen, in einer Erdgrube beizusetzen. Solche grundlegenden Veränderungen sind wohl nur durch neue religiöse Vorstellungen zu erklären. Vermutlich war ein Teil dieses Wandels eben auch, sich verstärkt die unsichtbaren Mächte mit Gaben gewogen zu machen, die man den unergründlichen Tiefen der Gewässer übergab. Letztlich nicht so ungewöhnlich, lassen sich ähnliche Vorstellungen doch auch bei den Römern finden, die Fluss- und Quellgötter in großer Zahl kannten. Für uns heute aber vielleicht doch überraschend bleibt die Tatsache, dass dort, wo wir heute im Sommer entspannt allerhand Freizeitaktivitäten nachgehen, vor über 3.000 Jahren Orte religiöser Handlungen lagen.
10 Die gut erhaltene Oberfläche des bronzenen Schwertes macht eine langandauernde Verlagerung unter Wasser sehr unwahrscheinlich.
Literatur
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Almut BICK, Fundort Kassel – archäologische Schätze aus einer Viertelmillion Jahre, Kassel 2007.
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Svend HANSEN, Studien zu den Metalldeponierungen während der Urnenfelderzeit im Rhein-Main-Gebiet (Universitätsforschungen zur Prähistorischen Archäologie 5), Bonn – Berlin 1991.
Wolf KUBACH, Bronzezeitliche Deponierungen im Nordhessischen sowie im Weser- und Leinebergland, in: Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums 30, 1983, S. 113–160.
Hans-Peter KUHNEN, abgetaucht, aufgetaucht. Flussfundstücke. Aus der Geschichte. Mit ihrer Geschichte (Schriftenreihe des Rheinischen Landesmuseums Trier 21), Trier 2001.
Wolfgang TORBRÜGGE, Vor- und frühgeschichtliche Flußfunde. Zur Ordnung und Bestimmung einer Denkmälergruppe, in: Berichte der Römisch-Germanischen Kommission 50/51, 1970/71, S. 1–146.
Gesine WEBER, Händler, Krieger, Bronzegießer. Bronzezeit in Nordhessen (Vor- und Frühgeschichte im Hessischen Landemuseum Kassel 3), Melsungen 1992.
Günter WEGNER, Die vorgeschichtlichen Flussfunde aus dem Main und aus dem Rhein bei Mainz (Materialhefte zur Bayerischen Vorgeschichte, Reihe A 30), Kallmünz/Oberpfalz 1976.
Haio W. ZIMMERMANN, Urgeschichtliche Opferfunde aus Flüssen, Mooren, Brunnen aus Südwestdeutschland, in: Neue Ausgrabungen und Forschungen in Niedersachsen 6, 1970, S. 53–92.
