Katastrophe um Katastrophe - Verena Herkules - E-Book

Katastrophe um Katastrophe E-Book

Verena Herkules

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Beschreibung

In ihrer Beziehung ist Sophia schon längst nicht mehr glücklich. Auch ihr Job macht keinen Spaß. Viel lieber macht sie in ihrem alten VW Käfer Jagd auf High Heels. Dabei zieht sie das Chaos magisch an. Selbst ihre geliebte Schwester Lara bezeichnet sie als Katastrophen-Else. Kein Wunder also, dass Sophia es schafft, einen absoluten Traummann kennenzulernen, indem sie sein Auto anfährt. Wäre da nicht die hinterhältige Freundin Sybille. Aber von solchen Hindernissen lässt sich Sophia nicht beeindrucken. Es folgt eine turbulente Zeit, geprägt von ihrer verrückten und liebenswerten Familie.

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Seitenzahl: 411

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Worte an meine Leser und Leserinnen. Ich hoffe sie haben Vergnügen an diesem Roman. Meine Heldin stolpert von einer Katastrophe in die nächste. Es ist ein Buch, die die Situationen eines jeden erzählt. Lustig und unterhaltsam. Viel Spaß beim Strapazieren Ihres Zwerchfells.

Ihre Verena

Anmerkung zur Autorin.

Verena Herkules wurde 1966 in Göttingen geboren und ist Mutter von zwei Kindern. Sie lebt mit ihrem Mann, den Kindern und ihrem Kater in Bremen. Sie ist eine erfolgreich selbstständige Detektivin und hat ihren Beruf aufgegeben, um sich vollkommen dem Schreiben zu widmen.

Das ist das zweite Buch von ihr.

Für meine kleine Schwester, rest in Peace. Ich vermisse dich so sehr

Katastrophe um Katastrophe

Dieses Buch handelt von der liebenswerten chaotischen Sophia, die von einer Katastrophe in die nächste rutscht.

Mutter:

Emma

Vater:

Richard

Schwester:

Lara

Bruder:

Lars

Ich:

Sophia

Hund:

Marvin

Krähe:

Alvin

Cousinen:

Juliana

Verwalter:

Ernst

Rundfunk v. Lara:

Radio 57

MA Juliana:

Kerstin

Clara:

Hausperle

Bianca:

Tochter von Clara

Lutz:

Exfreund

Rosi u. Eckert

Eltern von Lutz

Pastor:

Axel

Mutter Axel:

Christa

Freundin Pastor

Sybille

EKZ Besitzer

Heinrich Brandes

Hausmeister

Victor Zlatko

Geschäftsführerin:

Katharina Falkenberg

Alexander Falkenberg

Vater Katharina

Kollege

Herbert

Masur

Mutter v. Herbert

Frieda Masur

Nachbar Cottage Müller

Matthias

Freundin Mutter von Juliana

Hannelore

Ensemble

Mathilde

Eltern von Mathilde

Gudrun Wilfried Böttcher

Ensemble:

Ralf und Maria

Alter Schulfreund

Flotter Otto

EKZ Tabakladen

Petra

Erste Kraft v. Lars

Arno

Mir war klar, dass diese Beziehung nicht wirklich hält. Lutz und ich kennen uns seit gefühlten hundert Jahren, in Wirklichkeit sind es zwölf Jahre. Wir lernten uns durch meinen besten Freund Matze kennen. Den ich wiederum seit der Sandkiste kenne. Ich meine Lutz und ich sind zwar zusammen aufgewachsen, haben aber nie etwas miteinander zu tun gehabt. Lutz ist gebürtiger Dramfelder. Eigentlich wollte ich mit Lutz nur so circa drei Wochen zusammen sein. Er war nicht wirklich mein Typ. Nicht das er nicht gut aussah –blonde Haare, rehbraune Augen und die richtige Körpergröße. Ich stehe schon immer auf große Männer. Damit ich meine schönen High Heels nicht einmotten muss. Er war nicht mein Typ, weil er immer alles analysieren und ausdiskutieren muss. Das kann sehr ermüdend sein.

Nach zwölf Jahren konnte ich mich einfach nicht mehr wehren. Ich war der Diskussion einfach leid und stimmte einer gemeinsamen Wohnung zu. Und es kam, wie es kommen musste, ich wurde immer deprimierter. Kinder wollte ich mit diesem Mann sowieso nicht haben, was meiner Stimmung auch nicht weiterhalf.

Also blieb nur die Liebe zu meinen geliebten Schuhen. Da ich bei uns –im beschaulichen Studentendorf Göttingenneulich ein paar schicke rote Boxerstiefel, voll trendy bis zur Wade zu schnüren, gesichtet hatte, beschloss ich mit Karl, das ist mein roter VW Käfer, dorthin zu fahren. Leider gab es diese Stiefel nicht mehr in meiner Schuhgröße. So ein Mist, was jetzt? Frustkauf? Nö danke. Also beschloss ich spontan Urlaub zu nehmen. Ich habe eh keinen Job, der so richtig reißt. Ich bin Beschäftigte im öffentlichen Dienst. Da ist das schon mal spontan möglich, da man sich sowieso auf der Behörde nicht totarbeitet, jedenfalls in meinem Amt nicht. Also Eis essen in Kassel. Das klang echt gut. Na, dann auf zur Eisdiele. Zwar habe ich so meine Bedenken, dass Karl die Kasseler Berge schafft aber ich bin zuversichtlich. Tatsächlich werden wir auf der A sieben von diversen Lastern überholt aber das juckt mich nicht. Ich weiß, dass Karl nicht schneller als sechzig Stundenkilometer bergauf ist. Das kompensiere ich in flachen Gefilden mit Einheitsgeschwindigkeit einhundert.

Endlich sind wir auch mal angekommen. Diese Stadt ist wirklich so hässlich. Alles durch den zweiten Weltkrieg zerstört und neu im vierziger Jahre Look wieder aufgebaut.

Ich stehe so an der roten Ampel und bin froh, dass ich hier nicht wohnen muss. Außerdem spricht hier ja eh keiner richtiges Deutsch. Es läuft gerade ein schönes Lied im Radio –Sam Cook mit Cupid- ach ist das nicht schön. Während ich rauchend mitsinge, fällt mir die Kippe runter. Immer das gleiche mit mir. Blöd wie ich nun mal sein kann, bücke ich mich nach meiner Zigarette im Fußraum und nehme meinen linken Fuß vom Kupplungspedal, natürlich habe ich noch den ersten Gang drin. Rums Bums kracht Karl in den Wagen vor mir. Eine weiße Ente. Karl vs. Schnattchen. Wer hat wohl gewonnen. Ich jedenfalls nicht, ich merke schon die wachsende Beule an meinem Hinterkopf. Bin durch den Ruck unters Lenkrad geknallt. So ein Mist.

Mal wieder typisch. Während ich noch vor mich hin meckere und die Alte vor mir verfluche, sie hätte ja auch noch bei gelb rüberfahren können. Ist ja keine Blitzampel, geht die Fahrertür von Schnattchen auf und ein Gott in Form von Mann schält sich aus der weißen Karre. Ich wusste gar nicht, dass so ein großer Mann in so ein kleines Auto passt. Dieser Anblick raubt mir den Atem. Ich glaube ich sabbere. Dieser Kerl ist circa zwei Meter groß, hat dunkelbraune dichte dicke Locken und teichgroße dunkelblaue Augen, so dunkelblau wie man sich ein Gebirgssee vorstellt.

Ich bin wahrscheinlich immer noch mit Glotzen und Sabbern beschäftigt, als er mich anspricht. „Na Kleene, wat sollte dat denn?“ Jetzt bin ich komplett hinüber. Er spricht kein Deutsch. Aber diese sonore klare tiefe Stimme, ich glaube was Schöneres habe ich noch nie gehört. „Was haben sie gemeint?“ Wie geistreich von mir.

„Junges Fräulein, haben sie denn geträumt? Die Ampel war noch rot.

Darf ich mich vorstellen. Mein Name ist Axel Schollmeyer.“ „Man kann ja nichts dafür, wie einen seine Eltern nennen. Ich bin Sophia Maria Magdalena von Lichtenberg. Meine Eltern haben sich wenigsten Mühe gegeben.“ Ich spare mir aus, dass mein Name ein Racheakt meiner Mutter war.

Sie wollte mich unbedingt Varinja Cleopatra nennen. Der damalige Standesbeamte konnte sich gegen meine Mutter durchsetzen und hat diese Namen nicht genehmigt. Meine Mutter ist von Beruf Schauspielerin, aber dazu später mehr. „Na, dann lassen sie uns mal den Schaden, den sie verursacht haben, ansehen.“ Ach ja, mein armer Karl, hoffentlich ist es nicht so schlimm.

Also auf den ersten Blick hat die Ente nichts abbekommen. Ich gehe um Karl herum und sehe auch nichts. Und wo kommt dann die Beule an meinem Kopf her? Schnattchen und Karl haben noch die gute alte Chromstoßstange. Die Ente wurde hinten mit Turnschuhen ausgestattet. Das ging damals noch, weil die Stoßstangen aus den Siebzigern senkrechte Teilstücke in der Stoßstange hatten. Sah aber auch nur bei zwei CV Citroen Enten gut aus.

Ich brabbele so vor mich hin: „Alles nur wegen der roten Schuhe, auf Eis habe ich jetzt auch keinen Bock mehr“.

Die sonore Stimme unterbricht mein Gesülze. „Woll´n ma ein Kaffee trinken?“ „Ich bräuchte eigentlich was mit Alkohol“. Was erzähl ich da, ich trinke doch so gut wie kein Alkohol. „Naja, junges Fräulein, wie ich sehe, kommen sie aus Göttingen und wenn sie noch fahren müssen, wäre das wohl nicht so klug.“ Recht hat der Mann, er kann ja nicht wissen, dass ich Blödsinn erzähle. Jetzt schiele ich erstmal auf sein Kfz-Kennzeichen. Wo kommt der denn eigentlich her. Hann. Münden Kennzeichen HMÜ. Ich muss mich jetzt mal wirklich zusammenreißen. Altklug wie ich bin, sage ich zu ihm. „Sie meinen wohl, ob wir einen Kaffee zusammen trinken möchten. Können sie sich nicht mal zusammennehmen und klares Deutsch sprechen“. „Ich kenne hier wirklich ein nettes kleines Café aber es liegt ein bisschen außerhalb. Mit sehr schönen Blick auf die Fulda.“ Kenn ich bestimmt nicht, also willige ich ein.

So tuckere ich hinter Axel her. Wir lassen Kassel hinter uns. Ich horche immer wieder auf, aber Karl gibt keine röchelnden Geräusche von sich.

Da haben wir wohl noch einmal Glück gehabt. Durch diese ganze Aufregung habe ich absolut kein Zeitgefühl mehr. Armbanduhr trage ich nicht und im Käfer ist auch keine Uhr. Aber es ist ja noch hell. Ach was soll´s, ich habe mir ja ein paar Tage frei genommen.

Endlich hält die Ente an. Man muss einfach mal erwähnen, dass dieses Gefährt in den Bergen auch nicht schneller ist. Mein knallroter Karl mit den selbst draufgemalten schwarzen Punkten braucht sich nicht schämen.

Ich beschließe so für mich den Entenfahrer einfach heimlich Scholly zu nennen. Mal sehen, wann es mir das erste Mal rausrutscht.

Da ich nur der Ente vor mir gefolgt bin, weiß ich gar nicht, wo wir sind. Aber der Anblick ist wirklich atemberaubend. Das kleine Café ist gut besucht und wir haben Glück und bekommen einen süßen kleinen zweier Tisch auf der Terrasse.

Das Café hat den wunderschönen Namen „Zur Flusshexe“. Ob das wohl eine Anspielung auf mich ist. Hat Scholly mich bewusst hier her manövriert? Denk nicht so viel, dass kannst du sowieso nicht so gut. Das ist nur Zufall.

Während wir auf unseren Kaffee warten, beschließe ich kurzerhand aus der gemeinsamen Wohnung mit Lutz auszuziehen. Vor mir sitzt ein griechischer Gott bei denen meine Schuhe auch richtig zur Geltung kommen. Oh Scheiße, ich habe meine ausgelatschten Turnschuhe an. Habe mich schon gewundert, warum ich so klein bin. Heute ist echt nicht mein Tag.

Aber das mit dem Auszug steht. Was denkst du eigentlich? Das du diesen Traummann, den du erst circa drei Stunden kennst und von dem du gar nichts weißt, vor den Altar zu zerren. Vielleicht ist er ja verheiratet –das Alter hat er ja- und hat schon eine ganze Schar Kinder. Oder vielleicht ist er von Beruf Massenmörder und hat dich nur in dieses Café gelockt, um dich hier in der schönen Fulda zu versenken? Meine Phantasie dreht mal wieder durch. Immerhin sitzen hier ja auch noch andere Leute und wir sind nicht in Alan Bates Motel.

Wir unterhalten uns ja auch ganz ungezwungen. Mittlerweile weiß ich, dass er vierunddreißig Jahre alt ist und von Beruf Pastor in Rosdorf. Das Kaff liegt im Landkreis Göttingen unweit vom Anwesen meiner Eltern. Er ist nicht verheiratet. Ich kann mein Glück kaum fassen. Ist mein Tag doch noch gerettet?

Nein. Er hat eine enge befreundete Kollegin. Diese Freundin wohnt auch in Göttingen. Oh Gott, vielleicht kenne ich sie ja. Das fehlte mir auch noch. Wir genießen die schöne Aprilsonne, ich bin total entspannt, was mir sonst eigentlich gar nicht gelingt. Bis mich eine Stimme jäh aus meinen Tagträumen reißt. Das kann doch einfach nicht wahr sein. Ich muss unter Halluzinationen leiden. Das kann gar nicht angehen. Meine Mutter.

Was treibt die denn hier? Wo sie ist, kann Marvin auch nicht weit sein. Marvin ist der Mops meiner Mutter. Ohne Marvin geht sie nirgendwo hin. Eher vergisst sie meinen Vater. Marvin ist gefährlich. Er frisst High Heels. Soviel zu dem Köter. Ein Segen. Mein Papa ist auch da. Wie schön.

„Schätzchen, was machst du denn hier“? fragt meine Mutter. „Das gleiche könnte ich ja dich fragen“. „Also, wenn du schon fragst, dann will ich dir auch keine Antwort schuldig bleiben. Der Intendant vom Frankfurter Theater hat mich eingeladen. Ich soll die Hauptrolle in Romeo und Julia spielen.“ „Bist du da nicht zu alt für?“ „Also Kind, ich bin gerade einmal im zarten Alter von zweiunddreißig“. „Und ich bin erst acht Jahre, ich weiß.“ Ich verdrehe die Augen, was wirklich filmreif ist. Gleich nimmt Scholly reiß aus. Sowas kann kein normaler Mensch ertragen. Aber er scheint sich zu amüsieren. Ich stelle sie alle miteinander vor. Sie sind sich einig, dass die Erfindung des Siezens nur für konservative Menschen in Frage kommt.

Also Emma – Axel, Axel – Richard, Axel – Marvin. Wie doof ist das denn jetzt. Der Köter muss ja nicht wirklich vorgestellt werden. Wir können alle von Glück reden, dass sie ihre Dohle nicht mitgebracht hat. Die Krähe heißt Alvin. Alvin wird gerade das Sprechen von meiner Mutter beigebracht. Alvin wohnt seit ungefähr einem Jahr bei uns. Ungefähr zu diesem Zeitpunkt hat meine Mutter das Vieh angefahren und ihm den Flügel gebrochen.

„Emma, es ist nicht Romeo und Julia, wofür dich Markmeyer haben will, sondern für die Bürgerrechtlerin Erin Brockovitch“. „Sage ich doch“. „Du bringst manchmal geringfügig etwas durcheinander.“ stöhnt mein Dad. „Ist doch vollkommen egal, die Rolle ist mir voll auf den Leib geschnitten, das habe ich gleich beim ersten Einlesen gemerkt. Axel und was machst du beruflich?“ Ich bin froh, dass wir jetzt normales Terrain betreten, etwas Bodenständiges. „Ich bin Pastor an der evangelischen Kirche zu Rosdorf.“ „Und bist du verheiratet“.

„Mama, das geht dich wirklich nichts an. Was soll Axel denn von dir denken?“ „Natürlich das richtige, das ich neugierig bin“. „Sophia, ist schon okay, es ist ja kein Geheimnis, das ich mit Sybille befreundet bin“.

Meine Mutter beschließt für uns alle, dass wir bei ihnen den schönen Nachmittag ausklingen lassen. Daraufhin steckt sie sich eine Fluppe an und ordert die Rechnung und das Telefon.

Kurzerhand ruft sie meinen Bruder Lars und meine Schwester Lara an, um sie ebenfalls einzuladen. Lara ist meine ältere Schwester und wohnt in Hildesheim. Sie arbeitet als Radiomoderatorin bei einem freien Sender in Hannover. Sie kann leider nicht kommen. Meine Mutter fuchtelt mit der Fluppe rum und brennt dem armen Kellner fast ein Auge aus. Lars sagt zu. Mein Bruder betreibt ein Fitnessstudio in Göttingen, dessen Zulauf aus neunzig Prozent weiblicher Kundschaft besteht. Dieses erklärt sich ja von selbst. Lars ist eine Mischung aus Mutter und Vater. Lars hat lockige blonde Haare von Mama und die grünen Augen von Papa. Lara, unsere Schwester, ist eindeutig Mama. Blonde Locken und himmelblaue Augen. Ich gehe nach meinem Papa. Schwarze Haare und grüne Augen. Schwarze Haare sind ja auch sehr schön, leider kann immer nur schwarz tragen. Es geht keine andere Farbe einzufärben.

Meine Mutter war der Meinung, sie könnte ja mal etwas an mir ausprobieren. In ihrer Theatergruppe hätte sich Rita die braunen Haare in einem Goldton gefärbt. Und zwar hätte sie aus der Drogerie ein Mittel besorgt. Herr Erdmann habe sie fachkundig beraten und das Ergebnis ist berauschend gewesen.

Also meine Mutter schleppte das Zeug an und hat genau nach Gebrauchsanweisung, was bei meiner Mutter nicht leicht ist, da sie sich nach ihrer Meinung so einen Blödsinn nie durchliest, das Mittel auf meinen Kopf aufgetragen. Danach stülpte sie mir eine Plastiktüte über den Kopf und meinte, ich müsste das Zeug eine Stunde einwirken lassen. Und ich sollte nicht rauchen, wegen Explosionsgefahr. Ich betete, dass ich nach Ablauf dieser Stunde überhaupt noch Haare auf den Kopf habe. Das Mittel stank verdächtig nach Stinkbomben. Nach der Einwirkzeit war ich richtig benommen. Die Gase, meinte meine Mutter, ich habe nicht widersprochen.

Meine Haare waren jetzt orangeschwarz. Ich habe überlegt, ob es wohl rechtens ist, seine eigene Mutter zu verklagen. Verwarf die Sache aber gleich wieder, weil sie mir einen schönen lila Farbton für meine Haare ausgesucht hatte. Rauf auf die Haare und halbe Stunde einwirken lassen.

Auswaschen, fertig. Fertig ist gut. Meine Haare waren wieder schwarz. Von da an habe ich mich damit abgefunden, dass meine Haare so sind, wie sie sind.

Endlich sind wir bei meinen Eltern. Sie wohnen nicht direkt in Göttingen, sondern in einem Dorf was auch kein wirkliches Dorf ist. Mein Vater hatte meiner Mutter das Gut geschenkt, da sie dort ungestört mit ihren Schauspielkollegen sich einstudieren kann. Der Ort heißt Mariengarten und ist zwei Autobahnabfahrten von Göttingen Richtung Süden. Das Gut besteht aus einem riesigen Haus. Ferner befinden sich an der Straße nach Atzenhausen noch drei Wohnhäuser. Diese werden als Ferienwohnungen abvermietet. Hinter dem Haupthaus ist noch ein kleineres Haus, welches früher für das Hauspersonal bestimmt war. Das wird jetzt von meiner Schwester und mir genutzt, wenn wir von dort nicht mehr den Weg nach Hause finden.

Mein Bruder lungert schon vor dem Hauseingang als wir eintreffen. „Habt ihr den Schlüssel wo anders versteckt. Ich konnte ihn nicht finden. Aber ich habe schon mal Lutz von zu Hause angerufen.“

„Wann kommt er?“ „Er meinte, er müsste zur Uni“. „Er braucht eh nicht mehr zu kommen. Ich trenne mich von ihm und ziehe noch heute aus.“ Meine Mutter fällt aus allen Wolken und versteht den Weltfrieden nicht mehr.

Mein Papa guckt mich vollkommen entgeistert an und fragt dann: „Hättest du dir das nicht vor fünf Wochen überlegen können?“ „Wir sind sowieso nur befreundetes Paar, jedenfalls aus meiner Sicht. Und wo wir jetzt davon auch sprechen, kann ich wieder bei euch einziehen. Lars ist bestimmt so lieb und fährt mit mir nach Hause um meine Klamotten rauszuholen.“

In der Zwischenzeit hat sich meine Mutter wieder gefangen und spricht voll theatralisch zu mir „hol mir mal einen Drink, ich brauche jetzt etwas Stärkeres als Kaffee.“ Ich bringe ihr einen Whisky. Dann schenke ich beiden einen ein. Ich trinke ja kein Whisky. Der Gerechtigkeit halber trinke ich aber einen mit. Das ist ein ekelhaftes Zeug. Kann man wirklich nicht trinken. Axel schaut mich sehr befremdlich an. Darauf muss ich erst mal einen Schluck nehmen. Der Kerl wird immer interessanter.

Meine Mutter ruft unsere Hausperle Clara an, sie möchte bitte das hintere Haus richten.

Hoffentlich ist dieses leidige Thema jetzt endlich vom Tisch und wir können irgendwann auch mal den Grill anschmeißen. Jetzt kriege ich wirklich Hunger. Ich trinke noch einen Schluck von der braunen Brühe und muss feststellen, dass der Whisky doch recht nett schmeckt.

Meine Mutter faselt irgendetwas mit Axel und Kirchentheater und so. Mein Vater und Lars kümmern sich um den Grill, während ich kurzerhand – ich bin ja mal wieder allein und keiner kümmert sich um mich – Lutz anrufe und ihm via Telefon die Hiobsbotschaft schon mal vorab mitteile. Das kann ja lustig werden. Zu meinem Verdruss ist er nicht zu Hause. Ach ja, er ist ja in der Uni. Alvin kräht dafür seine erlernten Worte und ich beschließe für mich, dass der Whisky doch sehr lecker schmeckt und der gerissene Vogel lächelt mich an.

Von dem restlichen Abend bekomme ich nicht mehr allzu viel mit, dafür ist die Flasche Whisky schon fast leer. Was für ein Ärgernis.

Als ich morgens aufwache, weiß ich erst gar nicht wo ich bin. Himmel, was war passiert. Ich erinnere mich an Axel. Ist er doch ein Killer und hat mich in seinem Haus versteckt, weil er mich töten will. Langsam nehme ich mein altes Zimmer wahr und bruchstückartig fällt mir der gestrige Tag wieder ein. Blöder Alkohol. Um Himmelwillen. Ich werde Axel nie wiedersehen. Ich habe ja überhaupt keine Adresse. Ach doch. Er ist ja Pastor in Rosdorf. Dort kann ich ihn ja Sonntag ausfindig machen.

Darauf beschließe ich, dass ich erst einmal einen Eimer Kaffee trinken werde, um mich dann wieder ins Bett zu legen und am besten bis Sonntag durchschlafe. Dieser Whisky war bestimmt schlecht und deswegen geht es mir nicht gut. Gute Erklärung Sophia.

Meine Mutter steht rauchend in der Tür und fragt nach meinem Befinden. Ich denke nur, >das siehst du doch<. Ein gezwungenes Lächeln streift meine tauben Lippen. „Es geht so.“ Darauf schnattert sie los „also der Axel, der ist ja super gut drauf. Ich habe ihm vorgeschlagen, dass wir seine Gemeinde ja mit Schauspielabende auftaffen können. Mein Ensemble würde sich mit mir freuen, eine neue Herausforderung anzunehmen. Natürlich würden wir auch im Gemeindehaus öffentliche Proben halten. Somit hätte seine Gemeinde auch Zeit, uns kennenzulernen. Und vielleicht kann man ja die ein oder andere Person motivieren mitzumachen. Das wäre ja mal was ganz anderes. Ein kirchliches Dorftheater, ganz unter dem Motto: Kirche der etwas anderen Art. Wie findest du das, mein Schatz.“ Ich finde gar nichts, außer das mir kotzübel ist.

Einen Tag später. Endlich finde ich die Kraft, mich aufzuraffen, um mit Lutz zu sprechen. Vor dem Gespräch graut mir ja irgendwie.

Das ist jetzt nicht erwähnenswert. Er hat sofort eingewilligt, weil er meinte, mich dazu gedrängt zu haben. Gut so.

Klamotten ohne Lars einpacken und weg. Wie leicht das doch ging.

Eine Woche später stehe ich im Gemeindehaus vor der Kirche in Rosdorf, um meiner Mutter bei den Proben zu zusehen.

Sie hat es wirklich geschafft, ihre ganze Truppe zu motivieren, um dort ein Theaterstück zu proben. Ich kenne dieses Stück nicht. Wer weiß, wo sie das wieder aufgegabelt hat. Es handelt von einer egozentrischen Tochter, die grundsätzlich nur ihr Ding im Kopf hat. Ohne Rücksicht auf Verluste für den Rest der Welt. Was für ein Früchtchen. Das Kind kommt ins Kloster. Meine Mutter ist dort die Schwester. Heute würde man wohl Heimleitung dazu sagen. Natürlich hat Emma die Hauptrolle.

Die Tür geht auf und meine Schwester steht in der Tür. Gott sei Dank hat sie den Weg nach meiner Beschreibung gefunden. Ich kann ja froh sein, dass sie nicht in Timbukto gelandet ist. Ich konnte noch niemals gut irgendwelche Wegbeschreibungen machen. Ich hole einfach immer zu sehr aus. Das muss man sich so vorstellen –liebe Lara, du fährst die Hauptstraße, also die vom Auditorium nach Rosdorf führt immer gerade aus. Dabei habe ich dann aber vergessen, dass die neue Bundesstraße schon seit etlichen Jahren fertiggestellt ist. Dann schreibe ich so weiter, bei der ersten Ampel –ich meine dann die erste Kreuzungsampel- fährst du rechts ab. Natürlich würde jetzt Lara an der nächsten Ampel, welches eine Fußgängerampel ist, rechts abbiegen.

Und so enden meine Wegbeschreibungen immer in einem Desaster. Nobody is Perfekt. Naja, jetzt ist sie ja da und mein Herz geht auf. „Ich bin so froh, dass du aus Hannover gekommen bist. Ich wünsche mir, du bleibst ein bisschen länger.“ „Ach Sophia, wie habe ich dich Katastrophen-Else vermisst. Ich kann meinen privaten Aufenthalt mit einer Story verbinden. Ich muss hier etwas recherchieren.“ Wie spannend. Kann ich dir dabei helfen, worum geht es?“ „Wir können später darüber reden. Lass uns lieber Emma bewundern. Du weißt doch, dass sie einen Anfall bekommt, wenn wir ihr nicht genügend Aufmerksamkeit entgegenbringen.“ In meinem Kopf schwirren die Gedanken nur so rum. Was soll mein Schwesterherz wohl rausfinden? Einen Mord? Ist eine neue Studentenrevolte im Anmarsch. Schlägt die Terrorzelle jetzt in Göttingen zu?

Alles gute Fragen und keine Antworten. Endlich ist die Probe vorbei. Meine Mutter erntet grandiosen Applaus. Alle Anwesenden scharrten sich um unsere Mutter, so dass Lara und ich uns unauffällige verkrümeln können. „Lara, lass uns zu Ernie´s gehen. Der Whisky soll da sehr gut sein.“ „Häh, du trinkst Whisky, seit wann?“ Ich sehe sie mitleidig an und meine nur Emma und die Umstände. „Das ist typisch unsere Mutter. Wir finden bei Ernie´s einen gemütlichen kleinen Tisch. Meine Neugier ist kaum noch zu bremsen. Wir bestellen doch lieber Wein. „Jetzt schieß doch schon los. Was sollst du herausfinden?“ „Ich würde dir ja gerne alles erzählen aber es soll alles sehr geheim bleiben.“ „Ich schweige wie ein Grab“. „Du? Du erzählst doch gleich alles, wenn man dich in die Enge treibt.“

So wie das aussieht, hat Lara recht. Ich verplappere mich ständig um Kopf und Kragen. Nur gut, dass es in Deutschland die Foltermethoden aus dem Mittelalter nicht mehr gibt. „Papa sagt, du willst dich von Lutz trennen? Warum?“ „Ach Lara, ich habe Bockmist gebaut. Was hätte ich denn tun sollen, du kennst doch Lutz und seine Hartnäckigkeit.

Nun sag doch bitte mal, worum es bei der Recherche geht. Du musst ja keine so genauen Angaben machen.“

„Nervensäge. Aber du musst mir versprechen und zwar ganz doll, die Klappe zu halten.“ „Auf Marvin“. Lara verdreht die Augen, welches Oscar verdächtig ist. „Nun gut. Du weißt doch, wo sich der Verbrauchermarkt Brandes befindet“. „Der in Grone etwa?“ „Der am Friedhof, genau. Das Einkaufszentrum soll auf einer Mülldeponie erbaut worden sein. Die Geschäftsführerin Falkenberg ist spurlos verschwunden. Eine brisante Angelegenheit.“ „Meinst du, ihr wurde etwas angetan?“ „Wer weiß, vielleicht hat sie sich ja auch nur aus dem Staub gemacht. Man munkelt in diversen Kreisen, das Brandes schon lange keine schwarzen Zahlen mehr schreibt. Meinst du wir können etwas –du arbeitest ja in der Verwaltung- rausbekommen.

Bauamt etc.?“ „Du bist vielleicht ein Dussel. Dafür ist die Stadt zuständig. Da kann ich überhaupt nichts machen. Und selbst wenn, ich setze doch nicht meinen Job aufs Spiel, weil du eine Story schreiben willst. Ich kenne allerdings aus der Kantine –der Landkreis hat immer noch keine eigene- und somit müssen wir immer rüber zur Stadtverwaltung, wenn wir etwas zu Mittag essen wollen, den Herbert. Wir lästern immer über den Küchenbullen ab. Bin mal gespannt, wann er uns Arsen ins Essen mischt.“

„Fein, dann lade den Herbert doch mal zu uns ein“. „Und Emma? Wenn sie Lunte riecht das irgendetwas faul ist. Dir ist ja wohl nicht entfallen, dass Emma auch nichts für sich behalten kann.“

„Dann machen wir es, wenn sie mit ihren Kirchenmenschen probt. Wer ist denn überhaupt der Gutaussehende mit der sonoren, männlichen Stimme?

Kennst du ihn?“ Ich erzähle ihr das ganze Drama mit Karl und Schnattchen.

Das zaubert Lara ein strahlendes Lächeln in Gesicht. Was soll das denn jetzt schon wieder bedeuten?

Am darauffolgenden Tag erzähle ich Herbert von Laras Story. Man muss sich Herbert so ungefähr vorstellen. Also Herbert ist siebunddreißig und würde eigentlich recht tagestauglich aussehen, wenn er sich kleiden könnte. Allerdings ist er ein dauerhafter Junggeselle, was sich wohl auch nie ändern wird, es sei denn, er bezieht eine eigene Wohnung.

Herbert wohnt noch bei seiner Mutter, die siebenundachtzig ist. Herbert ist ein Nesthäkchen. Seine drei Geschwister sind alle erheblich älter. Nicht das Herbert noch in seinem Jugendzimmer schläft, nein, er hat im Elternhaus schon seine eigene Wohnung.

Da Herbert einen kleinen Touch von Detektiv Columbo hat, wirkt er auch ständig zerstreut. Er ist aber der beste Kollege, den man sich vorstellen kann.

Erstmal ist Herbert sehr skeptisch. Er stimmt nach reiflicher Überlegung zu, zu uns nach Hause zu kommen. Schnell hatte sich auch ein Termin gefunden, wann es passt –Mutter darf ja nicht da sein- also kommt er am heutigen Abend.

Ich überlege mir so, was ich wohl zu Essen machen könnte. Überrede mich lieber gleich selbst, den Bringdienst anzurufen. Was vom Chinesen, dass passt immer.

„Wie ist denn Herbert so?“ fragt Lara. Ich meine nur, sie soll sich doch lieber überraschen lassen. Ich kann ihn einfach nicht in Worte fassen. Dabei überprüfe ich den Whiskybestand von Emma. Als es klingelt, macht Lara auf und kommt mit Herbert zurück.

Der Bringdienst müsste auch gleich da sein. Ich schenke uns erstmal Kaffee und für jeden ein Glas Whisky ein. Der Herbert mag kein Alkohol. Das muss wohl an seiner Mutter liegen. Diese Frau muss doch auch mal loslassen. Ich beschließe kurzerhand, sie mal zu besuchen. Ich habe noch nicht einmal einen Schluck getrunken und denke schon Blödsinn.

Nachdem Essen erklärt mir Lara, dass sie sich mit Herbert allein unterhalten möchte. Ich schmolle ein bisschen. Wie ein kleines Kind werde ich in der Küche allein gelassen. Wenn es schon mal spannend wird, darf ich nicht dabei sein.

Ich stecke mir eine von Emmas Fluppen an. Das fühlt sich so verrucht an. In der einen Hand den Whisky und in der anderen die Kippe. Plötzlich klingelt das Telefon. Wer könnte das wohl sein? Ich habe keine Lust zu telefonieren und warte bis der Anrufbeantworter anspringt. Das haut mich glatt aus den Kissen. Es ist Axel, der anruft. Ich hechte zum Anrufbeantworter, irgendwie kann man dazwischen das Telefonat annehmen, nur wie? Sophia und Technik. Zwei Welten treffen aufeinander. Ende, vorbei. Ich habe es vermasselt. Aber er versichert der Blechkiste, sich nochmal zu melden. Da bin ich ja beruhigt.

Eine Stunde später sind Lara und Herbert immer noch am Palavern.

Ich langweile mich zu Tode und die Schachtel Zigaretten habe ich auch fast leer, als erneut das Telefon klingelt. Ich bete zu Gott, dass es Axel ist und nicht Lutz. Ich habe Glück und es ist mein Held, der am anderen Ende der Leitung dran ist. „Ich habe dich heute bei der Probe vermisst“. „Das ist schön, ich konnte nicht, da mein Kollege Herbert zu uns kommen wollte“. „Was macht er denn bei dir? Entschuldige, das geht mich ja nichts an“. „Nee, nee, ist schon okay. Er und Lara haben etwas zu besprechen. Ich darf nicht dabei sein.

Und auch Emma nicht.“ „Was hat Emma denn damit zu tun?“ Ich erkläre ihm groß und breit, dass wir beide keine Geheimnisse wahren können und Lara an einer Story bezüglich einer Mülldeponie dran ist. Der Herbert soll ihr helfen.

„Weswegen ich anrufe, ich wollte dich fragen, ob du Freitag mit mir ein Obdachlosenheim für ehemalige Straftäter besuchst. Ich bin dort Seelsorger, allerdings müssen wir nach Lippoldsberg fahren. Anschließend können wir dann uns einen gemütlichen Tag in Bad Karlshafen machen. Wie findest du das?“ Ich finde das gut, endlich kümmert sich jemand um mich. Sofort willige ich ein.

Endlich kommen Lara und Herbert wieder in die Küche zurück. Beide gucken so verschwörerisch. „Was habt ihr denn nun besprochen“ frage ich.

„Wenn wir gewollt hätten, dass du es weißt, wären wir ja wohl nicht aus der Küche gegangen und hätten unter vier Augen geredet.“ Auch wieder wahr. Als Herbert aufsteht um zu gehen, verabschieden wir uns noch einmal brüderlich. „Sophie, wann kommst du denn wieder. Ohne dich ist es so langweilig beim Essen.“ Ich tröste ihn und sage ihm, dass ich noch zwei Wochen Urlaub habe.

Wir winken ihm nach, als er vom Hof rauscht. Gerade rechtzeitig, da keine fünf Minuten später unsere Eltern eintrudeln. Es wird noch ein gemütlicher Abend.

Der nächste Morgen startete sehr vielversprechend. Ich hatte sehr gut geschlafen. Ich hatte einen sehr schönen Traum. Es war ein Liebestraum. Leider hatte ich nicht von Axel geträumt.

Sondern von einem Manager. Ich kenne diesen Mann überhaupt nicht persönlich.

Er hatte vor einiger Zeit bei Werder Bremen gemanagt. Dann ist er nach Gelsenkirchen gezogen. Wieso ich ausgerechnet von diesem Mann geträumt habe, verstehe ich bis jetzt nicht, da ich ja noch nicht mal Fußball schaue, geschweige denn, dass mich Fußball interessiert. Die Regeln habe ich bis heute noch nicht kapiert, obwohl mein Papa sie mir mindestens schon einhundertmal erklärt hat.

Lara und ich treffen uns in der Küche. Sie meint, sie würde heute mit mir zu dem Einkaufszentrum fahren. Wir wollen uns mal so umhören. Ich weiß zwar nicht, wie meine Schwester an Informationen kommen will. Wird ja wohl keiner was von der Geschichte wissen. Sowas behält man doch sicherlich im kleinen Kreis. Aber ich lasse mich einfach mal überraschen. Der Tag ist schön, die Sonne scheint und wir brettern mit Laras Rumpelkiste, die Roadrunner heißt, rein nach Göttingen.

Ich war schon ewig nicht mehr bei Brandes gewesen. Das ist aber auch ein großes Einkaufszentrum. „Wen willst du eigentlich fragen.“ Lara überlegte kurz, dann antwortete sie mir, dass sie nach dem Hausmeister fragen würde. Das klingt schon mal nach einem guten Plan.

Auf so eine Idee wäre ich nie gekommen. „Und dann?“ „Hausmeister kennen die Schwachstellen des ganzen Komplexes“. „Warum?“ „Stell dich doch nicht so trottelig an. Sie müssen ständig etwas reparieren. Da man davon ausgehen kann, dass sie ihren Job gut machen, wird ihnen das ein oder andere spanisch vorkommen. Falls zum Beispiel vermehrt Sachen gemacht werden müssen, obwohl es einmal im Jahr reicht sich darum zu kümmern“. Ach so, denke ich mir. Mir fällt sowas nie ein.

Als wir endlich herausgefunden haben, wie der Hausmeister heißt, er heißt Zlatko, bekommen wir gleich einen Dämpfer verabreicht. Die Frau an der Information sagte uns, dass der Herr Zlatko zurzeit nicht im Hause ist, da er irgendwas, blablabla von Kassel holen müsse. Irgendein Zeugs, was nicht mehr vorrätig war und er das erneuern müsste. Lara bedankt sich und meint, dass sie morgen nochmal vorbeischauen würde.

War nicht sehr produktiv unser Tag, aber egal, ich freue mich, dass wir den Rest des Tages für uns haben.

Am nächsten Morgen fahren wir wieder zum Einkaufszentrum. Der Hausmeister ist endlich da. Lara bittet darum, dass er ausgerufen wird.

Als der Mann endlich auftaucht, glaube ich es nicht. Hausmeister sehen meistens nach Arbeit aus. Der aber nicht. Herr Zlatko sieht zum Anbeißen aus. Ich schätze ihn so auf fünfunddreißig Jahre.

schneeweiße kurze Haare das man meinen könnte er wäre bei der Bundeswehr. Braungebrannt und circa zwei Meter groß. Lara glotzt ihn an, als ob er ein Außerirdischer wäre. Ich stupse sie an, damit sie aufhört zu sabbern.

Aber dann legt sie auch ganz professionell los. „Herr Zlatko, können wir uns irgendwo in Ruhe unterhalten?“

„Selbstverständlich. Kommen sie doch bitte in mein Büro.“ Als wir dort ankommen, haue ich mich gleich in den gemütlichen Sessel, bevor Lara ihn erobert.

„Herr Zlatko, ich bin von der Presse und recherchiere, ob dieses Einkaufszentrum auf einer Mülldeponie errichtet wurde.

Können Sie mir diesbezüglich etwas sagen.“ „Soso, wo haben sie das denn her?“

„Ich denke mal, dass ein totaler Abriss dieses Gebäudes billiger wäre, als ihn komplett neu zu renovieren.“ „Ihr hübscher blonder Kopf macht sich aber Gedanken. Können wir ganz frei sprechen?“ Ich weiß was gleich passiert und tatsächlich sagt meine Schwester „Sophie leider musst du raus. Du weißt warum. Hier hast du fünfzig Mark und schau mal was das Einkaufszentrum zu bieten hat.“ Glücklich über die Mäuse und dass ich sie verprassen kann, stimmt mich milde.

„So Frau von Lichtenberg, ich bitte sie, hier nicht rumzuschnüffeln und die Ermittlungen zu gefährden.“ „Was denn für Ermittlungen, was kann ein Hausmeister denn schon ermitteln?“ Ich bin ermittelnder Beamter.“ „Toll und das heißt, sagen sie mir doch irgendwas.“

„Es wird hier alles sehr eindringlich ermittelt, und ich kann ihnen nichts sagen. Aber ich verspreche ihnen, sobald es was zu berichten gibt, was an die Öffentlichkeit darf, rufe ich sie an.“

„Gut, dann lassen sie uns die Telefonnummern austauschen.“

Ich habe hier wirklich ein paar tolle Schuhe gesichtet, die ich mir gönnen werde. Dabei denke ich an Scholly. Ich glaube, ich kann mir nie wieder Schuhe kaufen, ohne an ihn zu denken.

Auf einmal sichte ich meine Schwester, warum ist das Gespräch nur so kurz gewesen. „Weiß der Hausmeister nichts oder warum bist du schon da?“ „Nö, er weiß nichts, aber wenn er was zu Ohren bekommt, ruft er mich an.“ „Na wenigstens hast du schon mal seine Telefonnummer, das ist ja immerhin ein Anfang. Hast du ihn gefragt, ob er noch zu haben ist.“ „Sophia, du bist viel zu verträumt.“

Wir fahren erstmal zu Emma und Richard. Als wir dort ankommen, ist Emma voll mit den Proben beschäftigt.

Sie kreischt wild um sich und beschimpft erstmal Maria. Die arme Frau, die ist schon so schüchtern. Wir unterbrechen sie nicht in ihrem Wutanfall. Der werte Pastor ist auch da.

Der Mann sieht aber auch gut aus.

Verflucht und zugenäht.

Lara meint zu mir „morgen treffe ich mich mit dem Herbert. Er sagte mir, dass er herausbekommen hat, wo sich die Geschäftsführerin Falkenberg aufhält.

Durch einen dummen Zufall. Seine Mutter hat beim Einkaufen ein Gespräch mit angehört.“ „Prima, seit du wieder da bist, ist hier mal wieder etwas los.“ Axel bemerkt uns, und kommt zu uns. „Na, ihr Hübschen, wo wart ihr so lange, ich habe euch schon vermisst.“ So ein Mist, denke ich mir. Hat er auch Lara vermisst. Nicht nur mich.

Nun ist auch Emma auf uns aufmerksam geworden und kreischt mich an. Warum denn immer nur mich? „Wo kommst du denn jetzt erst her, du solltest doch die Trixi in unserem Stück spielen.“ „Emma, das sind nur fünf Sätze, die hätte jede andere auch übernehmen können.“

„Na jetzt biste ja da. Lara mach schon mal mit deinem Bruder den Grill sauber, ich habe beschlossen, dass wir spontan eine Party feiern.“

Ich ziehe mich derweil um, um die doofe Trixi zu spielen. Axel lacht sich halb tot und meint „du siehst wie eine Zwölfjährige aus.“ „Die Trixi ist ja auch erst elf und ich verstehe Emma nicht, warum wir zu den Proben uns umziehen müssen“. „Das ist dafür da, liebe Sophia, damit du ein Gefühl für die Rolle bekommst. Das ich dir schon x-fach erklärt“, blökt Emma mich an.

Endlich habe ich dieses Drama überstanden und mache mich auf, um mich erneut umzuziehen und mich aufs nächste Drama gefasst zu machen. Hätte der liebe Herrgott mir nicht normale Eltern schenken können.

Meine Mutter ist von ihren Schauspielkollegen umringt. Alle buhlen um sie herum. Derweil kommt Axel auf mich zu und das ist gar nicht gut. Mir wird immer so heiß, wenn er in meiner Nähe ist. Ob ich ihn einfach mal küssen soll. Nee, das traue ich mir nicht. Da bin ich altmodisch, für mich muss der Mann den ersten Schritt machen.

„Ich fand, dass Emma unrecht hatte, du hast gut gespielt.“ „Wenn man bedenkt, dass ich eigentlich einen vernünftigen Beruf in der Verwaltung habe. Und das ich eigentlich keine Lust mehr habe, diesen Zirkus mitzumachen, fand ich mich auch ganz haltbar in der Trixi.

Wann fahren wir denn morgen früh los?“

„Lass uns das mal von heute Abend abhängig machen. Mittlerweile habe ich ja schon mitgekriegt, wie die Partys deiner Eltern verlaufen.“ Wo der Mann nun mal recht hat, hat er recht. Dann nimmt er meine Hand und mir wird ganz schwindelig. Aber wir gehen nur zu Lara und Lars.

Daraufhin muss ich erst mal was trinken. Axel und Lars reden über sein Geschäft und ob es gut läuft. Dabei erfahre ich, dass diese Sybille von Axel in seiner Muckibude Aerobic macht. Und das ihre Figur das gar nicht nötig hätte. Sowas will ich einfach nicht hören. Dann guckt mich mein Bruder an und meint „Sophia sollte lieber zu mir kommen, vielleicht wachsen ihr ja dann ein paar Muskeln.

So dünn wie ein Brett.“ Ich werde knallrot. Sowas muss er ja nicht vor Axel sagen. „Ich finde, dass Sophia eine tolle Figur hat.“ Jetzt wechselt meine Gesichtsfarbe in stark violett. „Du musst doch nicht gleich rot werden“, grinst mein Bruder. Ich überlege mir gerade, welche Todesart ich an ihm ausprobieren könnte. Ich trinke jetzt noch ein Glas Wein und qualme noch eine und dann werde ich mich aus der ehrenwerten Gesellschaft zurückziehen. „Axel, du wirst natürlich heute bei uns übernachten, dann kannst du morgen von hieraus mit Sophia zu den Knastbrüdern fahren,“ flötet Emma. „Das sind keine Knastbrüder, sondern ehemalige Strafauffällige und jetzt Obdachlose“, korrigiert sie mein Vater. „Ist ja auch egal, der Axel kümmert sich um diese Menschen, dann können sie ja nicht so schlimm sein“, und zieht rauchenderweise zu Lara ab.

Ich verabschiede mich von Axel, gehe dann zu Lara und sage ihr, dass ich jetzt schnell ins Bett gehe.

Am nächsten Morgen tappe ich zu meinen Eltern rüber, um mit ihnen gemeinsam zu frühstücken. Keiner da, auch egal. So koche ich schon mal Kaffee, irgendwer ist bestimmt schon Brötchen holen fahren. Tatsächlich kommt mein Vater mit einer lecker duftenden Tüte. Emma brauchen wir nicht zu wecken, da sie morgens ungenießbar ist. Lara kommt vom Joggen und Axel aus dem Badezimmer.

Lars ist schon weg, um seinen Laden aufzuschließen. Nach dem Frühstück gehe ich rüber, um mich fertig zu machen. Heute wollen wir das Obdachlosenheim besuchen. Lara hat mir zugeflüstert, dass sie sich um die Mittagszeit mit Herbert trifft. Bin ja mal gespannt, was dabei rauskommt.

Jedenfalls düsen Axel und ich nach Lippoldsberg. Dort angekommen, stelle ich fest, dass die Obdachlosen doch sehr nett sind. Man, die haben vielleicht Probleme. Aber ich bin ganz ruhig, sitze draußen bei schönen Wetter, soll der Axel doch seine Arbeit machen.

Vorsichtshalber habe ich mir eine Zeitung gekauft, darin verfolge ich schön den Klatsch der Reichen. Die müssten gar keine Sorgen haben, da sie ja reich sind, aber die Promis müssen ständig über ihre neuen und alten Beziehungen sprechen. Mein Gott, bei mir schreibt keine Zeitung darüber, was für ein Stress ich habe.

Als Axel zu mir kommt, bin ich gerade tief und fest damit beschäftigt, was Prinz Harry wieder angestellt hat. Ich finde den Lausebengel ja ganz niedlich.

„Sophia, wollen wir nach Bad Karlshafen?“ Ich erschrecke mich so sehr, dass ich laut aufschreie. Er kommt sofort angerannt und meint „du bist aber schreckhaft.“ Er kann ja nicht wissen, dass ich gerade gedacht habe, einer seiner Obdachlosen hätte sich an mich rangemacht und hätte mich vergewaltigt, ermordet und aufgeschlitzt.

„Ja klar, lass uns diesem trostlosen Ort den Rücken kehren.“ Scholly macht sein Entendach auf und wir fahren los. Dort angekommen muss ich feststellen, dass das ein sehr schöner Ort ist. Das Rathaus sieht so schick aus, nicht wie in Göttingen, wo das Rathaus ständig gereinigt werden muss, weil die Stadtbusse durch die Innenstadt knattern.

Wir schauen uns die Stadt an und finden ein kleines nettes Kaffee, wo wir uns niederlassen. Axel bestellt zwei Kaffee.

Eigentlich hätte ich lieber einen Wein gehabt. Sage ich aber nicht, nicht das er denkt, ich wäre eine Säuferin.

Wir plaudern ganz ungezwungen und genießen die herrliche Sonne. Ich beschließe jetzt doch einen Wein zu trinken. Ich habe die Hoffnung, dass Axel dann denkt, ich wäre ein leichtes Opfer und er könne mich küssen. Meine Fantasie dreht schon wieder auf Hochtouren, wie wir wild knutschend durch den netten Ort gehen. Und was passiert. Nichts. Männer eben. Die Realität holt mich wieder ein und ich schalt mich selbst, dass er ja seine Freundin nicht betrügen darf. Er ist ja ein Geistlicher. Gegen Abend fahren wir wieder nach Hause. Ach Manno, das war ein schöner Tag. Axel ist ganz Gentleman und bringt mich bis zur Tür.

Er will aber gleich weiter, um seine Rede für den kommenden Sonntag vorzubereiten. Das Haus ist ganz leer.

Wo sind die alle hin. Kaum zu Hause und wieder ist keiner für mich da. Ich klingele Lara an und ich bin ganz erstaunt, sie ist zu Hause, hinten in unserem Gästehaus. Freudig renne ich zu ihr rüber.

„Hallo große Schwester, wie war es mit dem Herbert. Ich hoffe, der hatte einen Reißer.“ „Schwesterlein, du wirst es nicht glauben, ich weiß wo die Falkenberg sich aufhält. Dank Herberts Mutter. Und ich habe sie dann aufgespürt und sie hat sofort los erzählt, dass sie ein Opfer der Intrigen ist. Sie kann dort nicht mehr zurück. Wir müssen sie quasi vor der Killermafia retten.“ „Du hast wohl den Schuss nicht gehört. Ich mache da nicht mit, ich lege mich nicht mit Kriminellen an. Die tun einem doch sicherlich weh.“ „Doch ich habe einen Plan. Mein Sender hat mir freies Geleit zugestimmt. Emma und Richard wissen auch schon davon, dass wir sie erstmal nach Nizza bringen. Und auf deine Unterstützung sind wir leider Gottes auch angewiesen.“ Ich kreische fast, dass kann mir doch niemand antun. Ich sehe mich schon geistig von der Mafia gefoltert. In einem Film habe ich gesehen, wie sie dort jemanden den Finger abgeschnitten haben, weil er nicht reden wollte. Lara kann doch unmögliches nicht von mir verlangen.

Emma ist am nächsten Morgen am Frühstückstisch anwesend. Mir ahnte schon etwas Schlimmes. „Hast du schon gehört, was wir aufregendes machen.

Wir retten die gute, arme Frau Falkenberg. Das ist ja so spannend.“

„Ich mache da nicht mit“. „Du bist aber auch ein Spielverderber, natürlich machen wir das alle in Familienangelegenheit. Nur Lars kann nicht mit, da er ja auf Alvin aufpassen muss.“ „Wenigstens bleibt der hässliche Vogel zuhause.“ „Alvin ist sehr gelehrig“. „Aber ständig stinkt es hier nach rohem Fleisch, weil Du der Meinung bist, er muss sein Essen püriert haben.

Das ist ein Raubvogel, der kriegt das schon klein.“ „Ist ja jetzt auch egal, dein Vater klügelt gerade einen Plan aus, wie wir das am besten angehen.“ „Ich dachte, dass wenigstens Paps noch bei Verstand ist. Er ist eindeutig zu viel mit dir zusammen.“ „Naja ist jetzt eh schnuppe. Lara hat den Wagen von deinem Vater genommen. Ich habe ihr eine Decke mitgegeben, damit sich Katharina auf der Rückbank vom Wagen zudecken und verstecken kann.“ „Och Mami, du siehst zu viel fernsehen.“ „Ich habe dir schon x-Mal gesagt, du sollst mich so nicht nennen. Emma reicht vollkommen aus.“ Ich verdrehe die Augen, was wirklich filmreif ist. „Und wo soll die gute Frau Falkenberg schlafen.“ „Naja, den Umständen entsprechend darf sie ja nicht alleine sein. Ich dachte hinten bei dir im Haus.“

„Was? Ich soll mit einer fremden Frau das Haus teilen? Und wenn sie nun eine Massenmörderin ist und deswegen abgetaucht ist, weil man ihr auf die Schliche gekommen ist?“ „Du bist aber auch ein Angsthase. Ich habe nichts dergleichen in den Zeitungen gelesen.“

„Ruf doch mal Lutz an, vielleicht nimmt er sie auf.“ „Kind, du hast einen Knall.

Es darf doch niemand eingeweiht werden. Ist doch alles streng geheim.“

„Ich habe aber Angst. Axel ist doch auch eingeweiht.“ „Tja im Gegensatz zu uns beiden kann er seinen Mund halten.“ Im Stillen denke mir, dass ich mir jedes weitere Wort sparen kann und frage mich, was mein Dad ausgebrütet hat.

Gegen Mittag fährt Lara mit Frau Falkenberg vor. Ich komme mir wie in einem schlechten Film vor. Auffälliger geht es wirklich nicht mehr und bin froh, dass wir keine Nachbarn haben. Lara hat Frau Falkenberg ernsthaft eine Decke übergestülpt. Eine Burka wäre weniger auffällig gewesen. Bei meinen Eltern wird die Ärmste entblättert. Emma reißt sie gleich an sich und drückt sie in ihre Arme verteilt rechts und links Russenschmatzer, als wäre sie eine längst verschollene Verwandte, die nach zwanzig Jahren wieder nach Hause gefunden hätte. Die Frau Falkenberg sieht sehr befremdlich aus. Warte ab, bis du alle in Aktion gesehen hast, dann wünschest du dir, doch lieber da geblieben zu sein, wo du hergekommen bist. Mein Vater schüttelt ihr nur die Hand, was ja auch vollkommen ausreicht. Nachdem wir alle mit Getränken versorgt sind, spricht mein Vater. „Was hat sie denn in diese missliche Lage gebracht?“ „Mir ist aufgefallen, dass mit der Luft bei Brandes etwas nicht stimmen kann. Das habe ich erst zu spät mitbekommen. Erst dachte ich, dass ich wohl voll überarbeitet bin, da ich immer so müde war. Aber als meine Mitarbeiter immer öfter krank wurden, habe ich den Eigentümer angerufen, dass etwas nicht stimmen kann. Dabei kam nur blablabla raus und somit habe ich eigentümlich ohne Zustimmung jemanden beauftragt, der Messungen durchführt. Die Werte waren so schlecht, dass es für mich hieß, es muss etwas passieren. Daraufhin habe ich dann ein bisschen recherchiert und habe rausbekommen, dass Brandes auf einer Giftmülldeponie gebaut wurde.

Was mir nur schleierhaft war, wie Brandes dafür eine Baugenehmigung bekommen hat. Dann habe ich eins und eins zusammengezählt und bin auf den Schluss gekommen, dass Bandes das hiesige Bauamt geschmiert haben muss, anders geht es gar nicht. Die Mülldeponie wurde in den fünfziger Jahren geschlossen. Der Boden ist dort immer noch verseucht. Als ich dann Brandes damit konfrontiert habe, schickte er mir zwei harte Jungs vorbei und meinte, wenn ich mich damit an irgendwen wenden würde, sollte ich mich schon mal an den Gedanken gewöhnen, mich in Zukunft auf dem Kiesseeboden plus zwei einbetonierten Beinen wieder zu finden.“ Seitdem bin ich auf der Flucht.“

„Mein armes, armes kleines Ding“, flötet Emma, „wir werden nicht zulassen, dass ihnen irgendwas passiert. Immerhin hat mein Gatte sich Gedanken gemacht, wie wir sie außer Landes bringen.“ Mein Vater erklärt darauf, dass wir alle den Nachtzug von Kassel nach Nizza nehmen, das ist unauffälliger, als mit dem Flieger. Mehr kriege ich auch nicht mit, da sich ein breites Rauschen in meinen Ohren breitmacht. Das wäre sicherer, denn der gute, alte Brandes könnte eventuell seine Jungs in Göttingen postiert haben. Ich überlege, ob meine Eltern verrückt geworden sind und ich sie vorsichtshalber in eine Irrenanstalt einweisen sollte. Dann wird Frau Falkenberg erklärt, dass sie bei mir hinten wohnt und auch möglichst im Haus bleiben sollte, man kann ja nie wissen. Langsam werde ich panisch.

Lara und mir wird aufgetragen, sich um sie zu kümmern. Warum müssen wir uns kümmern, es kümmert ja auch keinen, was ich möchte.

Als sich die Geschäftsführerin im dritten Zimmer eingerichtet hat, beschließen Lara und ich auf Abstand zu gehen.

„Wieso ist Paps denn auf Nizza gekommen?“ „Wir werden sie fragen, wenn sie aus dem Zimmer kommt.“ Das scheint sie wohl gehört zu haben -die Wände sind aber auch dünn- schreitet sie durch die Tür und meint, dass ihr Vater dort unweit ein Sommeranwesen besitzt.

Bisschen geschwollen redet sie ja. Da sie unmerklich älter ist, ich schätze sie mal so auf Ende zwanzig, Anfang dreißig, beschließen wir das du. Sie heißt Katharina mit Vornamen. „Ich bin noch nie mit dem Nachtzug gefahren,“ dröhne ich. „Wird bestimmt lustig,“ meint Lara.

Katharina meint gar nichts. „Aber wir nehmen Marvin mit, das wird nicht lustig. Emma geht bestimmt nicht mit dem Vieh vor die Tür, wetten das ich das machen muss.“ „Wir können uns das ja teilen“.

Am nächsten Morgen habe ich schon wieder vergessen, dass wir ja einen Gast haben, und kreische los, als ich Katharina in der Küche sitzen sehe. Die Arme, sie guckt mich an, als wäre ich ein Alien. „Ich gehe mal rüber, um uns Kaffee zu holen“. „Ich trinke nur Tee.“

„Teebeutel sind hier oben im Schrank.

Mach doch einfach eine Liste, was du brauchst.“ „Ich brauche weiter nichts.

Wir fahren ja heute Abend.“ Stimmt auch wieder. Ich weiß auch gar nicht, ob die Teebeutel noch haltbar sind. So stürme ich rüber, um erstmal einen starken Kaffee zu trinken. Der Kaffee ist schon fertig, was mich sehr freut. Ich plaudere angeregt mit meinem Paps, als es klingelt. Mein Vater schreitet zur Tür.

Ich lausche mit einem Ohr, wer das wohl sein wird. Ich kriege trotzdem nichts mit.

Als mein Vater wieder da ist, frage ich nach, wer das war. „Angeblich unsere Stadtwerke, die hier etwas austauschen sollten. Als ich nach ihren Ausweisen gefragt habe, meinten sie, dass sie diese nicht dabeihaben. Sophia, hier hat sich niemand gemeldet, dass etwas ausgetauscht werden soll. Irgendwas war komischen an ihnen. Außerdem kommen