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Marcel Baumann ist Sohn aus reichem Haus. Er besitzt alles, was er sich wünscht. Geld, Macht und die Tochter seines Chefs. Aber eine Frau reicht ihm nicht für sein gigantisches Ego. Doch Marcel bekommt Konkurrenz von einem Kellner und so sieht er die für ihn lukrative Hochzeit platzen. Von da an versucht er alles, um John aus dem Weg zu räumen. Wird Isabella ihn heiraten oder gewinnt sein Nebenbuhler?
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Seitenzahl: 327
Veröffentlichungsjahr: 2024
Anna Weiss Anna
Kater sucht Kätzchen
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kater sucht Kätzchen
Prolog
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Impressum neobooks
Es war einer dieser Abende, an denen er so gar keine Lust zu arbeiten hatte. Aber was blieb ihm anderes übrig? Seine Miete zahlte sich nicht durch Faulheit. Und eine reiche Frau, die ihn aushielt, war weit und breit nicht in Sicht. Nicht, das er darauf aus gewesen wäre. Obwohl sich ihm täglich zig Gelegenheiten boten. Doch er wollte sich nicht verkaufen. Weder seinen Körper, noch seine Seele. Sein Stolz verbot es ihm einfach. Wie gerne wäre er der Verlockung des Geldes erlegen? Doch er blieb standhaft und arbeitete hart für seinen Lebensunterhalt. Er war es gewohnt, anders zu leben. Dekadenz und Reichtum waren keine Fremdwörter für ihn.
Er hatte sich bewusst gegen Reichtum und Luxus entschieden. Seine Freunde, besser gesagt seine ehemaligen Freunde hielten ihn für verrückt und wendeten sich einer nach dem anderen ab.
Was nutzten ihm „falschen Freunde“, die einem nur beistanden, solange das Leben auf der Sonnenseite stattfand? Sein Vater war erst wütend, dann resigniert, dann warf er ihn aus dem Haus.
Sein letzter Kommentar: „Komm erst wieder, wenn du vernünftig geworden bist!“, hatte sich in sein Gehirn gebrannt. Wie bei einem Horrorfilm, den man nicht mehr schauen wollte, aber trotzdem nicht ausmachen konnte.
Wer er ist? Taylor. John Taylor.
John Taylor traf diese geheimnisvolle Frau am Silvesterabend kurz vor 22 Uhr. Mit einem Tablett voll Champagnergläser versuchte er, sich durch die Menschenmasse zu quetschen, ohne dabei die Kontrolle zu verlieren. Es war schwer, die teuren Gläser auf dem Tablett zu jonglieren. Eines war wahrscheinlich teurer als seine heutige Gage. John sah sich um. An Dekadenz war nicht gespart worden. Prunk und Protz wohin man schaute.
Das wichtigste und bedeutendste Plattenlabel gab sich die jährliche Ehre. Jeder Party Service wetteiferte schon Monate vorher, um den lukrativen Auftrag zu erhaschen. Mittlerweile war es schon fast zu einem Kleinkrieg ausgeartet. Die Konkurrenten überboten sich mit den originellsten Ideen. Dabei wurden die Preise ständig gegenseitig unterboten.
Die Prominenz der Geschäftswelt gab sich an diesem Abend die Klinke in die Hand. Die meisten der anwesenden Gäste waren Männer.
Umso mehr verblüffte John die Anwesenheit dieses scheuen Rehs.
Sie stand etwas abseits. Ihre Füße wippten zum Takt der Musik mit. Es schien, als beobachte sie die Menschen um sich herum nur. Sie machte selbst keine Anstalten zu tanzen. John gefiel die Frau sehr gut.
Er versuchte, sich ihr zu nähern. Unauffällig. Wie ein Tiger, der sich an seine Beute heran pirschte.
Doch John wurde jäh unterbrochen. Er von seinem Boss zurück gepfiffen. John sollte den Service übernehmen, während die Getränke aufgefüllt wurden. Was soll´s?, dachte sich John, als er mit dem Tablett in der Hand nach vorne lief. Diese Frau wird mit einem einfachen Kellner nichts zu tun haben wollen. Trotzdem wollte er die Hoffnung auf ein Wiedersehen nicht aufgeben.
Kurz vor Mitternacht konnte John sich auf die Suche nach der Brünetten machen. Ob sie überhaupt noch da war? Ihr Gesichtsausdruck war eher angewidert gewesen. Für sie war es nur eine lästige Pflichterfüllung. Genauso erging es ihm auf solchen Partys oft. Er verdiente sich bloß seinen Lebensunterhalt und sie war wahrscheinlich die genervte Ehefrau eines dieser überbezahlten, überflüssigen Managertypen, die sich für den Nabel der Welt hielten. Wahrscheinlich fühlte sie sich genauso fehl am Platz wie er. Ob er ihr Gesellschaft leisten sollte? Sich wie zufällig neben sie stellen? Ihr ein Glas Champagner der besten Marke anbieten? Obwohl sie den bestimmt nicht mochte, wenn man sich ihren angewiderten Ausdruck ins Gedächtnis rief.
Wie sollte er ein Gespräch in Gang halten, ohne das es langweilig wurde? Er wollte improvisieren. Zur Not konnte er ihr einen Quickie in der Garderobe anbieten, dachte John amüsiert. Er stellte sich in Gedanken vor, wie sie ihm volle Granate eine donnerte, um dann anschließend über ihn herzufallen. So waren die Weiber doch immer! Zumindest die meisten! Zierten sich erst wie ein schüchternes Blümchen, um dann wie ein Vulkan zu explodieren. Nicht dass er diese Nummer oft abzog, aber die ein oder andere Gelegenheit nutze er gerne. Vor allem, wenn die Figur und der Charakter stimmte. Für manche mag das ja bei einem One-Night-Stand nicht so wichtig sein. Er legte Wert auf solche Dinge. Zickige Frauen gingen ihm nicht ab. Im Gegenteil! Er hasste sie wie die Pest. Man konnte ihnen nichts recht machen. Egal wie sehr man sich auch anstrengte. Dieser ständig unzufriedene Zustand konnte doch auf die Dauer nicht gut gehen.
Er sah sich suchend um. Ihn überfiel Panik. Nicht wegen des entgangenen Abenteuers. Er wollte dieses zarte Geschöpf einfach kennenlernen. Irgendwie fühlte er sich zu ihr hingezogen. Er hatte sie für den Bruchteil einer Sekunde gesehen. Doch ging sie ihm nicht aus dem Kopf. Ihre Gesichtszüge waren in seine Gedanken eingebrannt, wunderbar und unauslöschlich. Es verging noch eine Viertelstunde, bevor er sie auf der Tanzfläche entdeckte.
Ihre braunen, langen Haare wippten auf und ab. Ihre Laune schien sich gebessert zu haben, denn sie lächelte den Typen an, mit dem sie tanzte. Scheiße! Die Frau ist vergeben. John blieb wie angewurzelt stehen und beobachtete die beiden. Sein Magen rebellierte, ihm wurde schlecht. Doch er zwang sich hinzuschauen. Schließlich konnte man von einer Momentaufnahme nicht alles abhängig machen. Er konnte ihr Bruder sein oder der Chef. Aber der Typ schien noch ziemlich jung zu sein für einen Firmenboss. Anfang 30.
John beobachtete sie. Ihr Tanzabstand war größtmöglich, obwohl man auf diesen Song durchaus enger tanzen konnte. Schließlich war es eine dieser Schnulzen, die John so hasste.
Er stellte sich an den Rand und sah dem ungleiche Paar zu. Er war schlank und ein gutes Stück größer als sie. Ihre Figur war durchtrainiert, aber nicht zu sehr. Ihre Haare trug sie offen.
Sie lachte laut. Anscheinend hatte der Idiot etwas total Witziges gesagt. Arschloch, dachte John nur. Ihr Lachen war warm und herzlich. John beneidete den Mann. Diese Frau war so ziemlich das Schönste, was er jemals gesehen hatte. Und der Arsch schien keine Augen dafür zu haben. Wahrscheinlich sah er in ihr nur eine gute Freundin. Und warum bist du dann so sauer?
Er wusste gar nicht, was mit ihm los war. Warum war er so böse? Er wusste weshalb. Er würde alles dafür geben, diesen Engel in den Armen halten zu können. Sich an sie zu schmiegen und sie im Takt der Musik zu wiegen. Seine Fantasie ging mit ihm durch. Er sah sich als alten Mann mit ihr im Schaukelstuhl sitzen, natürlich eng aneinander gekuschelt. Ihre Enkel liefen fröhlich um sie herum, sangen, tanzten und verlangten ständig Süßigkeiten.
„Würdest du vielleicht mal arbeiten? Der Chef hat dich schon auf dem Kicker!“, rief Timo sauer.
„Was interessiert mich der scheiß Job?“, stieß John gequält aus.
„Davon zahlst du deine Miete. Und heute Abend geht es ums Ganze!“
„Wieso?“, fragte John gelangweilt.
„Wir können einen Auftrag für eine Riesenparty an Ostern ergattern. Eine Anwaltsfirma hat Firmenjubiläum. Da tauchen alle wichtigen Leute auf. Und es gibt richtig viel Schotter!“
„Wie viel?“
„Das Doppelte von heute Abend“, zischte Timo.
John überschlug die Summe im Kopf. Das lohnte sich wirklich. Er ließ die schöne Unbekannte einen Moment unbeobachtet und drehte sich zu seinem Freund um. Die beiden waren seit dem Kindergarten miteinander befreundet. Doch Timo lebte noch in der alten Welt. John dagegen in der neuen, ohne jegliche Perspektiven für seine Zukunft. Auch wenn sie so gut wie niemals über früher sprachen, man merkte trotzdem diese unsichtbare Barriere. Timo lächelte ihn gequält an. Sein Blick sagte alles: Johns derzeitiger Lebenswandel gefiel ihm ganz und gar nicht. Warum etwas ändern?
Ihm gefiel es genauso, wie es gerade war. Sein alter Herr, der ihn die ganze Zeit gegängelt hatte, war machtlos geworden. Sein einziger Sohn, den er jahrelang unterdrückt und in ein Leben gedrängt hatte, dass er niemals führen wollte, war frei. Frei alles zu tun, nach dem ihm der Kopf stand. Frei von den langweiligen und stupiden Gewohnheiten der Reichen und Schönen, die ihr Leben nur noch im Drogen- und Alkoholrausch erträglich fanden, weil sie den Sinn des Lebens nicht mehr verstanden. Genervt von den scheinheiligen Veranstaltungen, wo Gelder für arme, benachteiligte Menschen gesammelt wurden. Geld, mit dem man das kurz aufkeimende, schlechte Gewissen beruhigen konnte. Das war der Ausgleich für viel zu teure Handtaschen und Autos. Die Reichen waren von ihrem Leben gelangweilt.
„Hör auf zu reden. Ich krieche niemals vor meinem Vater zu Kreuze!“, rief John sauer.
„Das habe ich nicht gesagt.“
„Aber gedacht. Du kannst mir nichts vormachen! Wir kennen uns ein ganzes Leben lang.“
„Schuldig“, grinste Timo.
„Lass es sein. Mein alter Herr ist ein verbohrter Sack ohne die geringste Einsicht. Der würde auch behaupten, dass die Welt eine Scheibe ist, wenn es ihm in den Kram passt.“
„Ich mag deine Eltern und sie vermissen dich.“
„Ich vermisse sie auch. Aber ich möchte keinen Kontakt mehr. Mama versucht mich zu behüten und Papa versucht mir seinen höchst eigenen Stempel aufzudrücken.“
„Den Dickschädel hast du eindeutig von ihm“, lachte Timo.
„Sag ich doch! Keine Chance.“
„Lass uns weiter machen. Wir reden später.“
„Lass es gut sein.“
John ging durch die Reihen der feiernden Menschen. Bald würde ein neues Jahr beginnen. Neues Jahr! Neues Glück! Er ließ dabei nie die Augen von der tanzenden Schönheit. Es war schwer, sie zu beobachten. Ständig sprang ihm so ein Möchtegern Fred Astaire vor die Optik. Fehlte nur noch Ginger Rogers, dachte John entnervt. Ständig musste er das Tablett mit Gläsern krampfhaft festhalten. Es war nur seiner Erfahrung als Kellner zu verdanken, dass nichts daneben ging.
„Wen hast du denn auf dem Kicker?“, fragte Timo von hinten.
John erschrak und das Tablett wackelte bedrohlich.
„Hast du sie nicht mehr alle?“, flüsterte John zornig. Sein bester Freund war für hinterhältige Attacken bekannt. Als würde es ihm Spaß machen, alle aus dem Konzept zu bringen.
„Du musst ja hier keine teuren Gläser durch die Gegend schaukeln.“
„Hat was Anmutiges!“, platzte es aus Timo heraus. „Du starrst permanent auf die Tanzfläche. Bist du unter die Stalker gegangen?“
„Hä?“, antwortete John, als hätte er die Frage nicht verstanden.
„Du hast mich genau verstanden. Also welche ist es?“
Er versuchte Johns Blick zu folgen, scheiterte jedoch kläglich.
„Ist es die alte Frau mit der Gehhilfe, die gerade versucht, den Ober abzuknutschen? Da bist du leider zu spät dran“, lachte Timo laut.
„Armer Miguel. Auf den fliegen immer die Verrückten.“
„Besser er als ich! Aber jetzt mal ernsthaft. Wer ist sie?“
„Woher soll ich das wissen? Siehst du mich mit ihr reden?“ John biss sich auf die Lippen. Timo hatte ihn dran gekriegt.
„Hab ich dich. Also welche ist es?“
„Braune, lange Haare. Hosenanzug. Tanzt mit ihrer besten Freundin.“
Timo sah sich suchend um.
„Wo denn?“
„3 Uhr.“
Timo sah die hübsche Brünette. „Das ist doch ein Kerl. Hast du Tomaten auf den Augen?“, lachte er hysterisch los.
„Sollen die dich auf dem Klo auch noch hören?“, zischte John.
„Du hast einen fantastischen Geschmack. Die Kleine ist echt heiß. Aber ich glaube, der Rambo für Arme war zuerst an ihr dran.“
„Die tanzen nur. Keine Austausch von Zärtlichkeit in den letzten 10 Minuten.“
„Führst du etwa Buch?“, fragte Timo amüsiert.
„So ähnlich.“
„Sie muss dir ja gut gefallen, wenn du die Buchhaltung angeworfen hast. Zu schade, dass du hier zum Arbeiten bist.“
„Sehr witzig!“
„Soll ich sie für dich ansprechen?“
„Danke, lass mal. Das schaffe ich selbst!“
„Dann beeile dich, bevor sie mit dieser Tranfunsel in die Kiste springt. Der tanzt ja, als hätte er eine große Eiche im Arsch stecken. Sie muss ihn wohl sehr mögen. Ich wäre längst weg. Garantiert!“
„Dann geht sie auch nicht mit ihm ins Bett!“, rief John sauer.
„Du glaubst gar nicht, was Frauen alles aus Mitleid tun!“
„Sprichst du da etwa aus Erfahrung?“, kicherte John.
Er ließ sich doch nicht diesen Abend vermiesen! Weder durch seinen Vater, noch durch Timos halbherzige Versuche, ihm eine Frau anzubaggern.
Timo gab ihm einen schmerzhaften Rand in die Seite. „Den hast du dir verdient, alter Miesepeter.“
Der Countdown für das alte Jahr lief. Noch 10 Sekunden. John sah auf die Tanzfläche. Die Menschen standen da und zählten die letzten Sekunden des Jahres mit. Um Punkt Mitternacht fielen sich alle um den Hals, als gäbe es kein Morgen. Idioten!
Er behielt die schöne Unbekannte im Auge. Sie gab dem Typen, mit dem sie die ganze Zeit getanzt hatte, einen zaghaften Kuss auf die Wange. Jetzt habe ich den Beweis, triumphierte John innerlich. Am liebsten hätte er einen Freudentanz aufgeführt. Er sollte sich beherrschen, wenn er nicht alle Blicke auf sich ziehen wollte. Obwohl er dann endlich die volle Aufmerksamkeit der Frau für sich hatte.
„Untersteh dich!“, zischte Timo, der anscheinend Johns Gedanken lesen konnte.
„Den Typen jage ich über Bord“, lachte John und drückte Timo das Tablett in die Hand, bevor dieser sich wehren konnte und sprang auf die Tanzfläche, als wäre der Teufel persönlich hinter ihm her.
Wenn das der Chef sieht! Der reißt dir den Allerwertesten auf, dachte Timo panisch. Stocksteif stand er mit dem Tablett da, als wäre er zur Salzsäule erstarrt. Eine Frau nahm sich lächelnd ein Glas vom Tablett, wodurch Timos Gesicht noch mehr zu Eis gefror. Er rang sich ein gequältes Lächeln ab.
John tanzte neben der Brünetten. Sie schenkte ihm keine Beachtung. Sie unterhielt sich gerade angeregt mit dem Hampelmann, der anscheinend keine Lust hatte, die Fliege zu machen. Warum denn auch? Wenn er an seiner Stelle wäre, würde er genauso wenig die Fliege machen wollen. Er sah sich die Frau genau an. Er schätzte sie auf Mitte, Ende 20. Ihre Haut war makellos und leicht gebräunt. Beim Lächeln konnte er gepflegte Zähne erkennen. Ihre braunen Haare sahen aus der Nähe noch schöner aus. Und ihre vollen Lippen glänzten in dem künstlichen Licht. Am liebsten hätte er sie geküsst. Doch wie küsste man eine Frau, die einen ignorierte? Würde sich schwierig gestalten. John konnte seine Augen nicht mehr von dieser Schönheit lassen.
Und irgendwann, er wusste nicht mehr wie viel Zeit vergangen war, starrte er in ihre dunklen Augen. Auf einen Schlag war seine Kehle wie ausgetrocknet. Und anstatt eines coolen Spruchs kam nur ein gequältes Röcheln aus seinem Mund. Zu allem Übel verschluckte er sich jetzt noch an seiner Spucke, so dass er unkontrolliert husten musste und knallrot anlief. Schlimm genug, dass er wie ein doofer Pavian neben all den ganzen Pärchen getanzt hatte. Nein, wegen seiner bescheuerten Hustenattacke glotzten ihn nun alle an. Er versuchte eine halbwegs normale Position einzunehmen, doch der Husten wollte und wollte nicht nachlassen. Fast flüchtend verließ er die Tanzfläche. Timo versuchte einen Lachanfall zu unterdrücken, weil er die Panik in den Augen seines Freundes sah. Doch es fiel ihm sichtlich schwer.
Kein Wunder bei der lächerlichen Vorstellung, die ich gerade eben abgeliefert habe, dachte John und ärgerte sich über sich selbst. So etwas Dummes war ihm noch nie zuvor passiert.
„Da hast du ja gerade eben alles gegeben!“, lachte Timo nun laut heraus.
Sein bester Freund sah zu komisch aus.
„Mach es doch besser!“, versuchte John Antwort zu geben, doch seine Worte kamen nur bruchstückhaft aus seinem sonst so schlagfertigem Mund.
„Da hat es dir doch glatt die Sprache verschlagen, was?“, lachte Timo noch immer.
„So würde ich das nicht gerade nennen!“ John hustete nun schon etwas weniger.
„Übrigens, die Schöne tanzt immer noch. Anscheinend hat ihr dein verzweifelter Erstickungsversuch nicht die Laune verdorben. Lernt man das bei euch in der „Ich-benehme-mich-mal-wie-ein-kompletter-Volltrottel-Schule?“
„Witzbold!“, keuchte John.
„Da musst du mich wohl mit jemandem verwechseln. Ich nenne keinen Namen, aber ich zeige mal drauf.“
Timos Finger war genau auf ihn gerichtet.
„Nimm ihn runter, oder du hast nur noch neun davon!“, lachte John hustend.
„Kein Problem. Und wie soll es jetzt weitergehen?“
„Wie? Was soll sein? Die Kleine macht mir gleich einen Heiratsantrag! Gleich nachdem sie mich gefragt hat, ob ich vermögend bin und wie lange ich noch lebe!“
„Ist das deine neue Anmache?“
„Endlich raffst du es mal, Alter!“, lachte John ausgelassen.
„Ich darf doch sehr bitten!“, flachste Timo und strich sich durch das volle Haar.
„Du bist ja eitel, Mann.“
„Ich kann es mir durchaus leisten!“, kicherte Timo.
Ihr Chef beobachtete sie mit grimmigem Blick. Sein entsetzter Gesichtsausdruck verhieß nichts Gutes. Privat war er ein sehr netter Mann, doch wenn es um sein Geschäft ging, verstand er keinen Spaß. Der Servicemarkt war hart umkämpft. Ein Fehler und du warst raus. Und sie beide waren gerade dabei, den ersten Sargnagel zur Firmenpleite einzuschlagen. John nahm das Tablett und ging mit einem künstlich aufgesetzten Lächeln seiner Arbeit nach. Ärger mit dem Chef war das Letzte, was er gerade gebrauchen konnte. Die Leute griffen gerne zu den Gläsern. Schließlich konnte man in einer lockeren Runde viel offener miteinander umgehen, als in der verkrampften Büroatmosphäre. Was bei dem ein oder anderen für jede Menge Gesprächsstoff und peinliche Lacher sorgen konnte. Wer wollte schon gerne damit konfrontiert werden, dass man sich an den Boss herangemacht hatte, wenn man den sonst keines Blickes würdigte. Und schon war sie wieder da, die peinliche Stille und das hämische Grinsen hinter vorgehaltener Hand. Doch John kümmerte das alles nicht. Er ging zur Bar, um sein Tablett aufzufüllen, als er von der Seite angesprochen wurde.
„Wieder alles gut?“, fragte ihn eine männliche Stimme.
John drehte sich um und sah in die Augen seines Nebenbuhlers.
„Was sollte nicht in Ordnung sein?“
„Sie sind doch auf der Tanzfläche fast krepiert!“
„Bin halt erkältet. Kein Problem. Mir geht es bestens!“, erwiderte John gereizt.
Wo war seine Begleiterin? Hatte er sie mit seinen schwachsinnigen Fragen vertrieben?
„Hab mir ein Glas Champagner geholt!“, rief der Typ und hielt ihm das Glas unter die Nase. Der Kommentar war ja wohl echt überflüssig!
„Sie hätten bloß warten sollen, bis ich vorbei gekommen wäre.“
„Dann wäre ich ja verdurstet. Ich wollte sie nicht bei ihrer Unterhaltung mit ihrem Kollegen stören!“, rief der Typ süffisant.
John wäre ihm am liebsten jetzt schon an die Gurgel gegangen.
„Wir haben nur die nächsten Stunden besprochen!“, rief John ihm zu.
Was spielte der sich eigentlich so auf?
„Da haben sie ja heftig viel zu tun. So wie sie sich unterhalten haben.“
„Es ist viel los!“, rief John.
Auf was war der Kerl aus? Eine harmlose Unterhaltung hörte sich anders an. Das Gespräch glich eher einem Verhör.
„Oh ja, die Silvesterpartys sind immer heftig. Das ist jedes Jahr so. Stimmt, sie sind ja das erste Mal dabei. Wie gefällt es Ihnen hier?“, fragte er John.
Sein lauernder Unterton missfiel ihm.
„Sehr gut. Die Leute sind nett und zuvorkommend.“
„Und die Frauen? Wie finden Sie die?“
Aha, dachte John. Jetzt kommen wir der Sache schon näher. Er will wissen, was da mit der hübschen Brünetten läuft.
„Frau ist Frau! Ich bin zum Arbeiten hier.“
„Dann haben Sie vorhin nicht meine hübsche Begleitung angegafft?“, rief der Kerl.
So langsam ging ihm der Typ echt auf den Sack. Erstens hinderte er ihn am arbeiten, zweitens ging ihn das einen feuchten Furz an. Die Frau war offensichtlich nur eine gute Freundin. Da konnte es ihm doch egal sein, ob er sie anschaute und wie lange.
„Wen meinen Sie genau?“
John versuchte die Beherrschung zu wahren.
„Die Frau mit der ich getanzt habe. Halten Sie mich für dumm?“
„Warum sollte ich?“ Er musste den Idioten irgendwie loswerden.
„Behaupten Sie dann, ich würde nicht richtig hinsehen?“
Der Mann sah ihn zornig an. Langsam verlor John den Respekt vor diesem Arschloch. Was hatte der für ein Problem? Schließlich war er nicht knutschend auf der Toilette überrascht worden.
„Ich beobachte die Leute, falls sie etwas zu trinken wünschen. Dafür bin ich schließlich hier.“
„Genau deshalb habe ich ja mein Getränk selbst geholt.“
Der hielt sich wohl für besonders klug, was?
„Ich wollte gerade nachfüllen!“, rief John wahrheitsgemäß. „Außerdem haben Sie Beine bis auf den Boden oder können sich sonst wie bemerkbar machen.“
„Wohl einen Clown gefrühstückt, oder? Das habe ich gar nicht nötig. Aber anscheinend hat so ein kleiner Dienstleister wie Sie davon keine Ahnung.“
Der arrogante Schnösel strich sich einen nicht vorhandenen Fussel von seinem Anzug und rauschte davon.
Fehlte nur noch, dass der Arsch mit selbigem davon dackelt wie eine Tunte. Wo hat der die rosa Handtasche gelassen?Er lud sich die vollen Gläser auf das Tablett, wobei einige davon überschwappten. So eine scheiß Sauerei, fluchte John innerlich. Dabei hatte der Abend so gut angefangen. Er stellte die Champagnergläser zurück, trocknete das eingesaute Tablett ab und belud es erneut. Dann waren sie eben nicht ganz so voll wie die Übrigen. Die Leute würden es ihm schon danken. Schließlich ging es ja um deren Führerschein. Obwohl hier garantiert niemand ohne Chauffeur nach Hause fuhr. John schmunzelte. Die armen Kerle warteten jetzt wahrscheinlich in der Tiefgarage und langweilten sich zu Tode. Oder sie zischten einen und fuhren die Herrschaften in volltrunkenem Zustand zu ihren teuren Häusern.
John machte sich an die Arbeit. Obwohl er innerlich kochte, versuchte er nach außen ruhig und gelassen zu wirken. Wo war der Kerl bloß? So sehr sich John anstrengte, er konnte ihn nicht finden. Dafür fand er die schöne Unbekannte. Sie stand am Buffet und belud sich gerade einen Teller mit Finger Food. Was sie unter Beladen verstand. Die beiden Teilchen auf dem goldenen Teller kamen sich wohl ziemlich fehl am Platz vor. Kein Wunder, dass sie so eine gute Figur hatte. Sie aß den ganzen Tag nicht viel. Normale Leute schlugen sich bei einem so großen Buffet den Bauch voll, bis sie fast platzten.
Anschließend knabberte sie lustlos daran herum. John fand sie immer niedlicher. Er ging näher. Er behielt die Umgebung im Auge. Der Typ war anscheinend gegangen. John stellte sich neben die Frau und hielt ihr das Tablett hin. Sie schüttelte den Kopf und verneinte.
„Ich habe schon genug getrunken“, sagte sie lächelnd.
„Das ist vernünftig“, erwiderte John.
Die Brünette sah ihn an. Anscheinend verstand sie erst jetzt. „Sie waren doch vorhin auf der Tanzfläche?“, lachte sie verschwörerisch.
„Schuldig!“
„Geht es Ihnen besser?“
„Jetzt ja. Das muss wohl an Ihnen liegen.“
„Schmeichler!“
„Möchten Sie tanzen?“, fragte John mit einem umwerfenden Lächeln.
„Ich tanze ungern!“, lachte sie.
„Was haben Sie dann vorhin auf der Tanzfläche gemacht? Kuchen gebacken?“
„Das war geschäftlich. Privat tanze ich nie.“
„Dann sehen Sie es doch als berufliche Verpflichtung. Schließlich arbeite ich hier“, grinste John und hielt ihr die rechte Hand hin.
„Tut mir leid!“, rief sie und verschwand in der Menge.
John wollte ihr nachlaufen, doch der fiese Typ von vorhin hielt ihn am Arm fest.
„Ich rate Ihnen, sich aus fremden Angelegenheiten raus zu halten. Die Kleine gehört zu mir. Also Finger weg!“, zischte der Unbekannte.
„Mit wem die Dame reden will, sollten wir ihr überlassen.“
„Ich denke ihre Antwort war eindeutig. Schließlich ist sie geflüchtet.“
John ließ den Typen einfach stehen. Das Tablett, das er eben auf den Tisch abgestellt hatte, vergaß er ebenfalls. Er musste sie finden, kostete es was es wolle. Sein Herz klopfte wie verrückt, sein Hals war belegt. Er konnte noch immer das schallende Lachen seines Konkurrenten hören.
„Wo willst du hin?“, fragte ihn Timo, der gerade von der Toilette kam.
„Sie ist weg!“, rief John außer Atem.
„Wer?“, fragte Timo mit dem dämlichsten Gesichtsausdruck der Welt.
John musste lachen. „Na die Brünette. Wer sonst?“
„Hast du sie jetzt endgültig verscheucht?“
„Der Intelligenzallergiker von vorhin. Als er auftauchte, verschwand sie einfach.“
„Dann ist da vielleicht doch mehr, als du auf den ersten Blick siehst. Lass die Finger von ihr, bevor du sie dir verbrennst.“
„Vielleicht hat die Frau einfach nur höllische Angst vor ihm. Hast du daran mal gedacht?“, fragte John aufgeregt.
„Dann solltest du dich erst recht raus halten. Sie ist alt genug. Sie kann zur Polizei gehen.“
„Du weißt genau, wie das endet. Nicht gut!“
John sah sich panisch um. Timo konnte die Angst spüren, die sein Freund empfand. Anscheinend war ihm die Frau wirklich wichtig. Für einen One Night Stand brauchte er sich sonst nicht so sehr ins Zeug legen. Die Frauen rannten ihm in Scharen nach.
„Ich helfe dir suchen. Wir müssen es allerdings als Arbeitseinsatz tarnen, sonst fliegen wir im hohen Bogen raus.“
„Danke! Du bist der Beste.“
„Ich wollte schon immer mal Geheimagent spielen. Bilde dir bloß nicht soviel ein“, lachte Timo.
John schnappte sich das Tablett vom Tisch. Timo organisierte sich an der Theke Stift und Block. So getarnt ging es auf die Mission „Such das Küken“. Timo kam sich albern vor. Doch John schien die Sache wichtig zu sein. Also gab er sein Bestes.
Eine Viertelstunde später trafen sie sich im Eingangsbereich wieder.
„Keine Spur von ihr“, rief Timo atemlos.
Sein Block hatte sich dagegen mit den witzigsten Bestellungen gefüllt. John konnte sogar einige Telefonnummern sehen.
„Scheint sich gelohnt zu haben!“, lachte John atemlos und zeigte auf den Block.
„Wie soll ich bloß die ganzen Bestellungen zuordnen?“
„Aber die Nummern hast du trotzdem.“
„Und was soll ich damit?“, stöhnte Timo.
„Anrufen und verabreden.“
„Dafür bin ich mir zu schade“, rief Timo laut.
Einige Leute drehten sich zu ihnen um. Leises Kichern war zu hören. Auch ein lautes „Leider“ war zu hören.
„Da hast du es. Du hast mehr als genug Chancen.“
„Du wolltest die schöne Unbekannte suchen.“ Timo wollte eindeutig vom Thema ablenken.
„Es scheint aussichtslos zu sein. Von den beiden keine Spur.“
„Vielleicht haben sie sich vertragen und haben jetzt tollen Versöhnungssex im Auto!“
„Und ich heiße Karl August!“, stieß John hervor.
„Vergiss sie. Die war eh einige Nummern zu groß für den neuen John. Ich kenne diese Sorte Frauen. Die wollen schlecht behandelt werden.“
„Was weißt du schon über Frauen? Du bist eine verkappte Jungfrau.“
John biss sich auf die Lippen. Sein letzter Satz tat ihm schrecklich leid.
„Sorry! Ich weiß, ich bin ein Arschloch. Kannst du mir noch einmal verzeihen?“
„Das wäre dann das 4956. Mal.“
„Führst du etwa eine Statistik über meine Vergehen?“
„So ähnlich.“
John pustete theatralisch die Luft aus den Wangen.
„Übrigens, da hinten ist dein Herzensbrecher!“, rief Timo und zeigte Richtung Ausgang.
„Und wo ist sie?“
„Nicht da.“
„Das bedeutet, sie ist in Schwierigkeiten“, zischte John, der gerade das letzte Glas verteilt hatte.
„Du glaubst, dass er ihr etwas getan hat?“
„Ihm nach. Davon will ich mich selbst überzeugen.“
„Bei dir sind ein Latten am Zaun locker. Und das alles wegen einer Frau, mit der du gerade mal 2 Sätze gewechselt hast.“
Doch John hörte ihn nicht mehr, er war schon auf seiner hirnverbrannten Trip direkt in die Hölle.
John packte den Mann am Hemd und drängte ihn in eine Ecke. Seine Augen funkelten vor Zorn.
„Was hast du mit ihr gemacht, du Schwein?“
Der Typ versuchte sich aus Johns Griff zu befreien. Johns jahrelanges Kampftraining konnte ihn innerhalb weniger Sekunden in eine Kampfmaschine ohne Gnade verwandeln.
„Hast du Sie nicht mehr alle?“, knurrte der Kerl sauer.
„Wenn du sie angerührt hast, bringe ich dich um!“, drohte John in blinder Wut.
Timo stand hilflos daneben. Sein Freund schien zu allem entschlossen. Er zweifelte nur daran, dass die Frau es wert war. Sobald ihr Chef davon Wind bekam, wären sie beide ihren Job los. John kannte doch nicht einmal ihren Namen, geschweige denn wusste er, ob diese Frau überhaupt etwas für ihn empfand. Sie hatte ihn bisher links liegen gelassen, von dem leichten Wortgeplänkel abgesehen. Timo ging zu John hin und zog ihn weg. John wehrte sich heftig, doch Timo ließ sich davon nicht beeindrucken. Schließlich war er in all den Jahren Johns Partner in der Kampfschule gewesen. Er wusste genau, wie er John anpacken musste, damit er sich geschlagen gab.
„Ich werde dich fertig machen, mein Lieber!“, konnten sie den Typen rufen hören.
„Ich wollte den Kerl umbringen!“, zischte John aufgebracht. „Warum hast du das getan?“
„Ich habe deinen Arsch gerettet.“
„Du meinst wohl seinen Arsch. Der hatte doch nichts drauf.“
„Das ist egal. Kannst du dich noch erinnern, warum wir eigentlich hier sind?“
„Ich bin aber keine Saftschubse!“
„Wenn schon ein Saftschubserich!“, grinste Tim.
Er hoffte, dass John seine Gefühle gleich wieder in den Griff bekam.
„Das ist nicht witzig!“, fauchte John wütend.
„So kenne ich dich überhaupt nicht! Du hast noch nie deine Kräfte gegen einen Unschuldigen eingesetzt.“
„Pah! Der und unschuldig. Das ich nicht lache.“
„Du behauptest Sachen, die du gar nicht wissen kannst. Vielleicht ist sie Zuhause und schläft schon. Krieg dich endlich ein!“
Timo war mittlerweile auf 180 wegen seines Freundes.
„Das werde ich noch herauskriegen!“, drohte John und ging.
Timo sah seinem Freund ungläubig nach. So langsam schien ihm der Umgang, den er in letzter Zeit pflegte, schlecht zu bekommen. Timo kannte Johns neue Freunde nicht. Er legte auch keinen besonderen Wert darauf. Das wenige, was er ihm über sie erzählte hatte, reichte ihm schon zur Genüge. Anscheinend nahmen sie es weder mit der Wahrheit noch mit dem Gesetz so genau. Timo bekam es ernsthaft mit der Angst zu tun. Bisher hielt er Johns Verhalten für eine Rebellion gegen seinen fordernden Vater und seine strenge Erziehung. Mittlerweile konnte man die Entwicklung eher als Abrutschen ins kriminelle Milieu bezeichnen. John war noch nie gegen einen Menschen gegangen, obwohl schon mehr als einmal der Grund bestand auszurasten. Er verlor die Kontrolle über seine Handlungen.
Timo ging zurück zur Theke und widmete sich seinen eigentlichen Aufgaben, denn Servieren gehörte garantiert nicht dazu. Timo koordinierte die Partys für seinen Chef. Dafür war er durch die sprichwörtliche Hölle gegangen, denn keiner der Kollegen gönnte ihm diesen Job wirklich. Er war als Letzter zu der Truppe gestoßen, war aber durch Fließ und vollen Arbeitseinsatz schnell an seinen Kollegen vorbeigezogen und war jetzt stellvertretender Geschäftsführer.
Er hatte John den Job beschafft, als der sich von seinem Vater abgewendet und nicht wusste, wo er wohnen sollte. Ein eigenes Einkommen war nicht vorhanden. John bekam alles von seinen wohlhabenden Eltern zugesteckt. Jetzt, wo diese Quelle von heute auf morgen versiegt war, fiel John erst auf, wie gut er es bis dahin hatte. Doch ein so harter Kerl wie er konnte das natürlich nicht zugeben. Niemals Schwäche zeigen, das war auch das Lebensmotto seines Vaters. So ganz unähnlich waren sich die beiden nicht. Doch John hasste diese Eigenschaften an seinem Vater, obwohl er in seinem tiefsten Inneren nicht anders war. Mittlerweile sprach John nur noch von seinem Vater als Erzeuger. Seine Mutter vermisste er unendlich. Wenn er sich mal etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann blieb er auch dabei. Also schloss er auch seine Mutter aus seinem Leben aus, weil er wusste, dass sie doch nur versuchen würde, zwischen Vater und Sohn zu vermitteln. Und wo das hinführte, konnte man gerade in diesem Augenblick erleben. Timo suchte vergeblich nach seinem Freund. Das Tablett mit den Gläsern stand noch an der gleichen Stelle. Unauffällig lief er hin und räumte es weg. Johns Probleme waren schon groß genug. Stress mit dem Boss war fehl am Platz.
John lief ziellos durch den großen Saal. Noch immer gab es keine Spur von der schönen Frau, für die er mehr fühlte als jemals zuvor. Jede Faser seines Körpers sehnte sich nach ihr. Der Schmerz fraß sich durch seinen ganzen Körper. Die Sehnsucht nach ihr ließ ihn fast verrückt werden. Als er an den Garderoben vorbei kam, fiel ihm etwas ein.
„Hallo Helen!“, rief er zuckersüß.
„Hi John. Wie läuft die Party?“
„Wie immer. Jede Menge Snobs und solche, die es werden möchten.“
Sie lächelte ihn verklärt an. John sah heute Abend gut aus, aber in seinen Augen war Panik zu sehen.
„Ist irgendetwas?“
„Was soll denn sein?“, fragte John gespielt ahnungslos.
„Und warum bist du dann nicht im Service?“
„Pause!“
„Ach so nennt man das heute!“, lachte sie.
„Genau. War gerade nötig.“
„Sind noch viele Leute da? Werde nämlich langsam müde.“
Sie gähnte herzhaft und sah auf die Uhr. Es war schon nach 3 Uhr in der Nacht.
„Die Hälfte ist schon gegangen“, erzählte John.
Und wahrscheinlich auch meine Angebetete, von der ich nicht einmal den Namen weiß.
„Kannst du den Rest nach Hause schicken?“, kicherte sie.
„Würde ich ja gerne, aber dann…“
John stoppte mitten im Satz, stattdessen biss er sich auf die Lippen. Sein loses Mundwerk brachte ihn ständig in Schwierigkeiten.
„Was dann?“, bohrte Helen.
„Kannst du ein Geheimnis für dich behalten? Obwohl ich gar nicht weiß, ob es wirklich eines ist.“
„Ich kann schweigen wie ein Grab. Das scheint ja ganz schön ernst zu sein, wenn man sich deinen Gesichtsausdruck anschaut.“
„Es geht um einen Gast.“
„Habe ich gehört. Warst du das etwa?“
„Was?“, fragte John ängstlich.
Wenn der Vorfall schon bei Helen angekommen war, dann würde es früher oder später sein Chef erfahren. Und was das für ihn bedeutete, war klar.
Helen nahm ihre Hände und legte sie um ihren Hals. John sah schuldbewusst nach unten.
„Hat Antoine schon Wind davon bekommen?“
„Er ist schon nach Hause gefahren. Kopfschmerzen.“
„Die werden bestimmt noch größer!“
„Was hast du dir dabei gedacht?“, platzte es aus Helen heraus.
„Gar nichts. Der Kerl hat seine Freundin verprügelt.“
„Hast du das etwa gesehen?“
John schüttelte mit dem Kopf. Eigentlich hatte er gar nichts gesehen, doch dieser Arsch brachte ihn nur durch seine bloße Anwesenheit auf die Palme.
„Dann verstehe ich deinen Ausraster nicht.“
„Er war in Begleitung einer Frau und nachdem ich mich mit ihr unterhalten habe, war sie wie vom Erdboden verschwunden.“
„Und da hast du gleich den Unbekannten in Verdacht?“
John konnte schon ein komischer Vogel sein.
„Wen denn sonst?“
„Schon mal auf die Idee gekommen, dass sie deinetwegen getürmt ist? Ich habe von der Nummer auf der Tanzfläche gehört.“
John lief knallrot an. „Timo?“, fragte er atemlos.
„Klar! Wer sonst? Er macht sich ernsthafte Sorgen um dich. Was ist mit dir los?“
„Das Mädchen geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich glaube, ich habe mich das erste Mal so richtig verliebt.“
„Du arme Sau!“, rief Helen und schlug sich die Hände vor den Mund.
„Warum das? Es ist ein schönes Gefühl. Wer ist sie?“
„Den willst du gar nicht wissen.“
„Was weißt du? Los rücke mit der Wahrheit raus.“
„Du stürzt dich in dein eigenes Unglück. Vergiss die Frau schnell wieder.“
„Warum sollte ich das?“
„Weil es für deine Gesundheit besser ist!“
„Und du meinst, damit gebe ich mich zufrieden?“
„Wirst du müssen!“
„Was ist mit ihr?“, bohrte John weiter.
„Die Frau ist fünf Nummern zu groß für dich! Ganz einfach.“
„Du weißt doch was. Und ich will es wissen! Sonst schaue ich dich mit meinem Arsch nicht mehr an.“
„Du wirst als Leiche enden!“
„Deine Sprüche machen mich nur neugieriger. Deine Taktik geht nicht wirklich auf.“
Helen schwieg. John hatte Recht. Statt ihn von seiner fixen Idee abzubringen, setzte sie ihm nur noch mehr Flöhe ins Ohr.
„Ich warte!“, rief John ungeduldig.
„Die Frau heißt Isabella Gomez, 21, Tochter aus reichem Haus. Und der Typ ist ihr zukünftiger Ehemann Marcel Baumann. Von Beruf Sohn.“
„Na und? Wo ist das Problem?“
„Er ist der Sohn des Veranstalters. Er kann sehr unangenehm werden, wenn er möchte.“
„Autsch!“, lachte John und legte den Kopf schief. „Da hab ich mich ja ganz schön in die Scheiße geritten, was?“
„Das wäre noch milde ausgedrückt. Wenn der Typ will, nimmt er dich vollkommen auseinander.“
„Der wird schon den Mund halten. Schließlich weiß er, was ich ihm angedroht habe.“
„Und ich wette mit dir, das hat ihn keinen Millimeter beeindruckt!“
„Mir egal. Der Typ ist ein Arschloch. Und er hat die Abreibung verdient. Aus, Ende, Basta.“
„Das mag sein. Aber er kann dir von heute auf morgen alles nehmen. Und unser Chef verliert seine Firma. Und in diesem Beruf kann ein schlechter Ruf das Ende bedeuten.“
John sah ziemlich zerknirscht aus. Er war zu weit gegangen. Aber die Zeit konnte man nun mal nicht zurückdrehen. Jetzt konnte er nur noch hoffen, dass der Kerl seine Schnauze hielt und das Ganze auf sich beruhen ließ.
„Ist diese Isabella eigentlich noch da?“
„Ja, warum?“
„Weil sie verschwunden ist.“
„Sie ist in der VIP Lounge. Und da haben solche wie wir keinen Zutritt!“
Könnte ich haben, wenn ich wollte, dachte John frustriert. Aber außer Timo wusste niemand in der Firma von seinem Familienhintergrund oder deren Finanzen. Und das war auch gut so.
„Wie schade!“
„Das Leben ist hart“, lächelte Helen.
„Aber ohne Harten kein Leben“, vervollständigte John den angefangenen Satz.
„Du solltest zurück an die Arbeit, bevor jemand Verdacht schöpft.“
„Ist wohl besser so.“
John lächelte Helen an.
„Was ist jetzt noch?“
Wenn John sie so anlachte, wollte er etwas von ihr. Aber nicht das Gleiche, was sie sich wünschte. Zu einer emotionalen Annäherung war es leider nie gekommen. Leider!
„Du könntest mir einen Gefallen tun!“
„Und welchen? Ist das illegal?“
„Nicht unbedingt!“, lachte John.
Er riss einen Zettel vom Notizblock, der auf dem Garderobentisch lag und schrieb etwas darauf.
„Kannst du den unauffällig in eine gewisse Jacke schmuggeln?“
„Hast du sie nicht mehr alle? Dafür fliege ich achtkantig raus.“
„Dann können wir gemeinsam beim Arbeitsamt sitzen.“
„Du glaubst mit deiner umwerfenden Art alles erreichen zu können! Was?“
Funktioniert doch!“, lachte John und gab Helen einen Kuss auf die Wange. Danach war er verschwunden.
Wieso kannst du mir nicht mal einen Zettel in die Jacke stecken?, dachte Helen sauer. War sie etwa Luft für ihn? Er behandelte sie wie seine kleine Schwester. Küsschen hier, Küsschen da. Das Einzige was sie jemals zusammen unternahmen, war ein Kinobesuch. Als sie dort ankamen wäre Sie am liebsten im nächsten Schlagloch versunken, denn die ganze Belegschaft war dabei. Das zum Thema Romantik unter Kollegen. Die nächste Einladung hatte sie mit einem fadenscheinigen Grund abgesagt.
Ständig verliebte er sich in die falschen Weiber. Keines der Mädels wollte mit einem armen Schlucker ausgehen, der Abendessen in einem Fast - Food - Restaurant für das Maß aller Dinge hielt. Welches Date schlürfte gerne Cola aus dem Pappbecher? Sie überlegte kurz, ob sie den Zettel nicht einfach in den Papiereimer werfen sollte, als sie es sich anders überlegte. John war doch eh nicht ihr Typ. Isabella Gomez war eine junge selbstbewusste Frau. Sie spielte in einer anderen Liga. John würde sie allenfalls amüsieren. Mehr nicht. Danach ließ sie ihn wie eine heiße Kartoffel fallen. Und dann konnte er mit dem Thema Isabella abschließen. Das sollte höchstens eine Sache von zwei oder drei Wochen sein, dann konnte die Trauerarbeit beginnen.
Aber wie sollte sie Isabella dazu bringen, ihn zurückzurufen? Sie war mit dem reichsten Junggesellen der Stadt verlobt. Dazu sah er noch unverschämt gut aus, auch wenn John anderer Meinung war. Man konnte in dieser Situation nicht von neutraler Objektivität ausgehen. Und wenn sich Isabella bei seinem Chef beschweren würde, könnte sie die Ausrede von vertauschten Jacken benutzen.
Helen steckte den Zettel mit der Telefonnummer in Isabellas Mantel. Jetzt hieß es abwarten und Tee trinken.
Timo sah John entgeistert an. Dieser stand neben ihm, hielt das Tablett und grinste zufrieden.
„Wo warst du?“
„Hatte ein paar Dinge zu erledigen!“
„Und die wären?“, fragte Timo sauer.
„Der Chef hat nach dir gefragt. Ich hab ihm erzählt, dass ich dich zum Servieren nach nebenan geschickt habe.“
„Und das hat er dir abgekauft?“
