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Eine außergewöhnliche Liebe entwickelt sich zwischen der aus Prag stammenden Katerina und dem Münchner Peter. Zunehmend unglücklich in ihrer Beziehung mit einem Sänger, sieht Katerina eines Tages keinen anderen Ausweg als Hals über Kopf ihren Prager Lebensgefährten zu verlassen und in München ein neues Leben zu beginnen. Dort trifft sie auf Peter, der sich unsterblich in sie verliebt. Ihre Seelen und Körper verschmelzen miteinander, bis sie eins sind. Doch nur wenige Jahre grenzenlosen Glücks sind den beiden vergönnt - dann hat das Schicksal andere Pläne mit den beiden Verliebten...
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Seitenzahl: 157
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Prolog
Montag
Helena oder Katerina
Freitag eins
Auftakt
Geburtstag
Lebenslust
Freitag zwei
Familie
Lebensgemeinschaft
Schock
Odyssee
Verwirrung
Ballast
Entsetzen
Gegenwehr
Mein Leben
Finale
Epilog
Rendezvous mit der Liebe
Wer ein holdes Weib errungen,
stimm in unsern Jubel ein,
nie, nie, nie wird es zu hoch
besungen sein.
Fidelio
Ludwig van Beethoven
Es lässt Peter einfach nicht in Ruhe. Dieses antreibende, in seinem Herzen Unruhe stiftende Gefühl. Mach es doch endlich! Schreib es endlich auf! Oder lass es wenigstens von jemandem aufschreiben. Es will und muss endlich raus aus dir. Jeder soll es lesen können, soll sich seine eigenen Gedanken dazu machen dürfen – auch deswegen, weil es jeden treffen kann. Außerdem willst du diese Frau und ihr Schicksal doch schon seit Jahren durch die Buchform ehren.
Dabei ist es unerheblich, dass das Geschehene schon vor einem Vierteljahrhundert stattfindet. Denn die Zeit spielt keine Rolle in dieser menschlichen Tragödie, die ungewollt auf der Bühne des Lebens aufgeführt wird. Klar, leuchtend und zeitlos ist die Erinnerung in seinen Gedankenstrom eingebettet. Es geht um die allmächtige Liebe. Die keine Zeit kennt, ihr nicht unterworfen ist, weil sie selbst die Zeit ist. Deshalb bleibt dieser Blick in die Vergangenheit in ihm so lebendig wie die ewige Liebe lebt.
Seinerzeit wollen Peter und Katerina für sich und ihre Liebe zusätzlich zu ihrem bestehenden Seelen Haus ein weltliches Haus bauen. Massiv aus Ziegel Mauerwerk, den Stürmen des Lebens trotzend. Nicht groß und prahlerisch soll es werden, sondern errichtet um sich darin wohlzufühlen und zum Geborgensein. Der Außenanstrich des Hauses natürlich in Sonnen gelbem Ton gehalten symbolisiert die Sonne in ihren Herzen. Dazu großflächige Fenster, die viel Licht in die Räume hereinlassen. Vergnügt wollen die beiden zudem auch in der kalten Jahreszeit zuschauen, wenn die wirbelnden Schneeflocken vom Winterwind gegen die Fenster gepeitscht werden.
Mitten in den von Blüten satten Sträuchern umsäumten Garten soll ein Rot blühender Kastanienbaum gepflanzt werden. Unter seinem grünen Blätterdach machen sie es sich im Sommer gemütlich rund um einen stattlichen Holztisch. Entspannen pur in bequemen Stühlen. Ihr Mini-Biergarten, in den sie Freunde einladen zum Grillen, Reden und fröhlich sein. Jedoch: Ein unerfüllter Traum, nur ein Wunsch bleibt es.
Dieses Buch ist ein mit Worten gebautes Haus, in dem ihre Liebe weiter leben kann. Höchste Zeit ist es geworden, dieses Buch über Liebe und Tod zu schreiben, Liebe über den Tod hinaus.
KATERINA Rendezvous mit der Liebe
Frank Neuland
Das verregnete Wochenende verbringe ich überwiegend mit dem Eintauchen in klassische Musik und Lesen. Vor allem Beethovens kraftvolle Oper Fidelio, gespielt und gesungen vom Chicago Symphony Orchestra & Chorus unter dem Dirigat Sir Georg Soltis entführt mich in eine andere Welt. Lässt mich träumen von einer Frau, die mich wie Leonore ihren Florestan aus der Dunkelheit befreit. Die dem Leben außergewöhnlichen Glanz und ein Hochgefühl verleiht. Aber diese Gedanken zeichnen wohl das Bild einer Fata Morgana. Wie und wo soll es diesen perfekt zu mir passenden, mich ergänzenden Menschen geben? Es bleibt anscheinend der Kunst vorbehalten, ein solches Ideal zu besingen und zu beschreiben, um dadurch einen Leitstern zu erschaffen. Nur – die Realität sieht halt anders aus. Viele in meiner Umgebung halten mich deshalb in dieser Hinsicht für einen Träumer. Aber mir tut es gut, das Unmögliche zu träumen. Was soll falsch daran sein? Dieses romantische Gefühl ist ein Teil von mir und will ausgelebt werden. Es lässt sich nicht so einfach unterdrücken oder gar ausschalten wie eine Nachttischlampe. Bereits seit meinem fünfzehnten oder sechzehnten Lebensjahr habe ich das untrügliche Gefühl, eines Tages eine Erfahrung zu machen, wie sie die wenigsten Menschen in ihrem Leben durchlaufen.
Nun stehe ich also an diesem grauen Montagmorgen unschlüssig im Nieselregen am Ausgang der Tiefgarage an der Oper in Münchens Stadtmitte. Die Farbe Grau mag ich nicht, weil ich sie für melancholisch halte. Außerdem ist Grau die bevorzugte Farbe des Alltags. Da können die Modeleute tausend Mal sagen, grau wäre elegant. Das mag für andere zutreffend sein, doch mich kann man damit nicht locken. Von quälerischer und sinnentleerter Arbeit befreite Tage entsprechen mir, wie vermutlich der Mehrheit der Menschen, dafür umso mehr. Ich bin in einer glücklichen Lage. An meinem derzeitigen Beruf schätze ich vor allem die persönliche Freiheit, die mir die Selbständigkeit schenkt. Ich überlege. Soll ich gehorsam sofort in mein Büro gehen oder noch einen Kaffee und ein kleines Frühstück im Waldheimer, meinem Lieblingsbistro, zu mir nehmen? Wenn ich es recht überlege, bin ich noch nicht in der richtigen Stimmung fürs Büro. Hat man schon, so wie ich, die Möglichkeit zu wählen, ist doch auf jeden Fall die angenehmere Variante zu bevorzugen. Also drücke ich mich in Ermangelung eines Regenschirms an die Häuserzeilen und eile dem Frühstück entgegen. Einige Gäste halten sich bereits im Bistro auf. Mein Stammplatz in der Ecke jedoch ist frei, so als hätte er mich bereits erwartet. Dort sitze ich besonders gern, denn von hier aus kann ich das gesamte Restaurant überblicken. Ich fühle mich im Waldheimer gut aufgehoben. Das Ambiente stimmt ebenso wie die Speisen und die Getränke und nicht zuletzt kann man hier interessante, weltoffene Leute antreffen. Otto, der Besitzer, begrüßt mich schon beim Eintreten herzlich. Wir wechseln einige freundliche Worte miteinander, dann bestelle ich Quiche Lorraine. Zum Frühstück eine richtige Kalorienbombe, aber ein lukullischer Leckerbissen, für den Ottos Restaurant zu Recht berühmt ist. Ungefragt bringt er neben dem bestellten Haferl Kaffee ein kleines Glas Elsässer Gewürztraminer. Perfekt passend zur Quiche. Darüber hinaus verschont er mich heute mit immobilienbezogenen Fragen, auf deren Beantwortung ich so gar nicht erpicht bin. Ich bin zufrieden und vertiefe mich in eines der ausliegenden Boulevardblätter.
Aus den Augenwinkeln sehe ich eine junge Frau aus der Schwingtür zur Küche kommen. Bisher ist sie mir im Waldheimer noch nicht aufgefallen oder ich habe sie bisher nicht richtig wahrgenommen. Also, so schließe ich messerscharf wie Monsieur Hercule Poirot, Romanfigur der berühmten britischen Schriftstellerin Agatha Christie, ist sie eine neue Mitarbeiterin. Meine Augen streifen kurz über ihre Erscheinung. Sie hat eine gute Figur, trägt eine weiße Bluse und über ihren Jeans wie in französischen Bistros üblich eine lange weiße Schürze. Geschickt balanciert sie ein großes Tablett mit appetitanregenden, belegten Baguettes zur Eingangstür, die wohl für die unmittelbar neben dem Bistro befindliche kleine Schänke bestimmt sind. Nur einen kurzen Blick kann ich in ihr schmales Gesicht werfen, das einen leicht erschöpften Eindruck auf mich macht. Womöglich, schätze ich, hat sie vergangenes Wochenende etwas zu kräftig gefeiert.
Gut, dass ich ausreichend gefrühstückt habe an diesem typisch unerfreulichen Montag, denn zum Mittagessen wird es vermutlich heute zeitlich nicht reichen. Unsere Sekretärin überfällt mich gleich mit mehreren Notizen, kaum dass ich die Tür hinter mir geschlossen habe. Alle Anrufer wollen selbstverständlich möglichst sofort einen Rückruf erhalten. Mein Partner Hubert ist noch nicht im Büro anwesend. Das wundert mich, denn Montag ist der Tag in der Woche, an dem er gewöhnlich schon sehr früh auftaucht. Er regeneriert sich montags von den Schimpf- und Nörgeltiraden, mit denen ihn seine zänkische Ehefrau am Wochenende traktiert. Es ist immer wieder das eine grobe Lied, das sie ihm vorsingt: „Hubert, friss nicht so viel!“ Ihn jedoch andererseits Sonntagnachmittags zum ausgiebigen Kuchen- und Tortengenuss nötigt. Im Gegenzug revanchiert er sich, indem er sie als meine Xanthippe verspottet.
In Partnerschaft bauen wir qualitativ hochwertige Eigentumswohnungen im Raum München. Am Wochenende besuchen regelmäßig einige Wohnungskäufer ihr zukünftiges Objekt. Es bleibt deshalb nicht aus, dass sie bei dieser Gelegenheit tatsächliche oder vermeintliche Mängel am Bauwerk finden. Die Handwerker streiten wie üblich das Meiste ab, oder schieben die Schuld auf andere am Bau Beteiligte, und der Bauleiter will es sich bewährter Weise mit niemandem verderben. Oder es taucht bei den zukünftigen Eigentümern plötzlich der Wunsch nach baulichen Änderungen auf. Es macht halt einen großen Unterschied, ob man die Wohnung nur auf dem Bauplan oder in der Realität im Rohbau oder nach Fertigstellung betrachten kann. Kurz und gut, einer muss diese manchmal unangenehmen Angelegenheiten regulieren, und das bin ich. Hubert drückt sich davor, so bleibt diese Tätigkeit verantwortlich an mir hängen. Schließlich haben aber ungeachtet der internen Aufgabenverteilung unsere Kunden ein Anrecht auf eine sach- und fachgemäße Ausführung der Arbeiten. Als beste Lösung der Probleme erweist sich auf jeden Fall die sofortige Bearbeitung der Dinge. Die das Projekt finanzierende Bank erwartet ebenfalls einen Rückruf. Der Kreditsachbearbeiter braucht schon wieder weitere, ergänzende Unterlagen. Ich verschiebe diesen Anruf auf später, sobald mein Partner im Büro ist und ich die Angelegenheit mit ihm besprechen kann.
Den dicken Hubert habe ich über meinen guten Bekannten Erich, Rechtsanwalt von Beruf, kennengelernt, welcher mir bereits bei mehreren, teils unangenehmen rechtlichen Schwierigkeiten aus der Patsche half. Erich ist kein brillanter Jurist. Er versteht es aber, juristischen Sachverhalten die Trockenheit und den teils kalten Ernst zu entziehen. Vielmehr ist er der geborene Kuppler und Mediator. Eine sehr erfolgreiche Partner-und Heiratsvermittlung zu betreiben oder in der Politik tätig zu sein, liegt ihm sicher genauso. So jedoch belabert er Richter und Staatsanwälte zum Vorteil seiner Mandanten. Reich wird er damit im Gegensatz zu manch anderem seiner Kollegen aber nicht. Sehr zum Ärger seiner introvertierten Ehefrau Ruth, einer „studierten Püschologin“, wie Erich sie des Öfteren boshaft bezeichnet. Sie entstammt einer recht wohlhabenden schwäbischen Familie. Seine Frau auch mal vor Freunden und Bekannten bloß zu stellen, bereitet Erich durchaus Vergnügen. Unverschämt, wie er auch sein kann, nimmt er allerdings gerne die finanziellen Vorteile wahr, die ihm diese Verbindung bietet. Im Grunde bedauere ich sie, denn diese Behandlung hat sie eigentlich nicht verdient. Doch weiß ich andererseits nicht, was zwischen den beiden hinter den Kulissen ihrer Ehe vor sich geht. Also halte ich mich lieber aus der Parteinahme heraus.
Und nun ruft mich Erich eines schönen Tages an und sagt:
„Peter, ich habe einen sehr interessanten Typen für Dich! Er scheint offensichtlich über beträchtliches Immobilienvermögen zu verfügen, und heißt Hubert. Vielleicht kannst Du mit ihm zusammen das Geschäft ausweiten. Gehen wir doch morgen zusammen mit ihm zum Essen.“ Erich, das Schlitzohr, hat hinsichtlich der Essenseinladungen einen bestimmten Trick drauf. Er schätzt es außerordentlich, das Mittagessen in größerer Runde zu genießen. Vor allem in Gesellschaft ihm bekannter Frauen, die er aus diesem Grund einlädt. Wenn der Kellner oder die Kellnerin schlussendlich mit der Rechnung am Tisch steht lautet sein an die Männer gerichteter Standardspruch: „Die teilen wir uns…“ Damit meint er selbstverständlich die Rechnung, nicht die Frauen. Gewisse Annehmlichkeiten im Hinblick auf letztere behält er sich nämlich alleine vor. Er geht allerdings so geschickt vor, dass er von seiner Hauszierde noch nie auf frischer Tat erwischt worden ist.
Einen bescheidenen Ausgleich für die aufgezwungene Rechnungsteilung schafft er durch den Gspritzten, Wein mit Mineralwasser, den jeder Besucher jederzeit in seinem Büro serviert bekommt. Ob dieser will oder nicht. Eigentlich unnötig ist die Feststellung, dass natürlich der Anteil des Weins in der Schorle denjenigen des Wassers bei weitem übersteigt. Wenn ich einen Termin mit ihm in seiner Kanzlei ausmache, versuche ich diesen immer auf den späten Nachmittag zu legen. So beeinträchtigt der Gspritzte nicht gleich den ganzen Tag.
Bisher führe ich allein kleinere Bauvorhaben durch; mit einem finanzstarken Partner eröffnen sich natürlich neue, wesentlich größere Möglichkeiten. Allerdings muss ich den Mann zunächst dahingehend unter die Lupe nehmen, ob die Chemie zwischen uns stimmt, und ihn erst im Anschluss mehr oder weniger überzeugen, dass hier ein lukratives Geschäft auf uns wartet.
„Es gibt in München ja so gut wie keine Grundstücke mehr“, knurrt er, als wir im China-Restaurant Jade zusammentreffen. Taxierend sieht er mich durch seine goldgeränderte Brille an. Ich erwidere seinen kühlen Blick, lasse mir gleich von Anfang an nicht die Butter vom Brot nehmen.
„Das halte ich für ein Gerücht“, entgegne ich betont lässig. Ich mache eine künstliche Pause. „Innerhalb von vier Wochen besorge ich ein geeignetes Grundstück“, wage ich mich aufs eigentlich dünne Eis.
Ein wenig vorlaut ist das schon von mir. Im Gegensatz zu heute sind Grundstücke, die mit einem Mehrfamilienhaus mit bis zu acht Wohnungen bebaubar sind, und daran bin ich letztlich interessiert, in München zwar noch nicht Mangelware. Doch liegen sie auch nicht wie Sauerbier herum. Wer wagt gewinnt, denke ich mir und schaue Hubert, der mit seinen etwa 160 Kilogramm wie ein Buddha an der Stirnseite des Tischs thront, unverwandt in seine wasserblauen Augen, die mich jetzt hinter den blitzenden Brillengläsern durchaus interessiert, aber auch prüfend betrachten.
Einige Sekunden verstreichen, dann nimmt er die Herausforderung an.
„In Ordnung“, sagt er nachdrücklich. „In vier, maximal sechs Wochen sehen wir weiter! Wenn …“.
Erich beobachtet aufmerksam das Kräftemessen, das während diesem kurzen Gespräch stattfindet. Zufriedenheit macht sich jetzt auf seinem Gesicht breit. Nun widmen wir uns bei gelöster Stimmung unserem Essen. Hubert bestellt eine doppelte Portion knusprige Ente mit Gemüse und Reis. Sein im Laufe der Jahre mühsam erworbenes Körpergewicht will schließlich ordentlich verpflegt und erhalten werden. „Ich übernehme die Rechnung!“, lasse ich nach dem Essen verlauten und werfe dabei Erich dieses Mal einen dankbaren und erfreuten Blick zu.
Erich klärt mich weiter darüber auf, dass der Dicke mehrere Mietshäuser besitzt, die ihm und seiner Familie ein sorgenfreies Leben, Haus und S-Klasse-Mercedes, auf den er besonders stolz ist („Mein Fünfhunderter!“), ermöglicht. Mit diesem Partner ist die Finanzierung zukünftiger, vor allem größerer Baumaßnahmen höchstwahrscheinlich ohne sonstige Umstände möglich. Ich mache mich deshalb unverzüglich auf die Grundstückssuche, schließlich habe ich nicht vor, mich zu blamieren und die sich bietende Chance zu vertun. Das Glück ist mit den Tüchtigen, denke ich gut gelaunt. Und tatsächlich: Rechtzeitig finde ich ein im südöstlichen München gut gelegenes Grundstück, auf dem ein ansprechendes 6-Familien-Haus entstehen kann. Ich gebe Hubert sofort Bescheid. Es gilt auch keine Zeit zu verlieren, denn wir sind nicht der einzige Interessent für das Objekt. Dessen Preis bewegt sich zudem am unteren Ende dessen, was marktüblich ist. Hubert reagiert sofort. Er hat also ernsthaftes Interesse an einer Zusammenarbeit. Wieder treffen wir uns im Jade. Hubert zeigt sich beeindruckt und Erich nutzt die Gelegenheit, zwei seiner bevorzugten Ladys auf meine Kosten zum ausgiebigen Dinner einzuladen. Umgehend gründen wir eine Bauträgergesellschaft, unter deren Dach wir die aktuelle Maßnahme und zukünftige weitere durchzuführen gedenken.
Wir überzeugen in intensiven Gesprächen die Verkäufer des Grundstücks, dass es bei uns in den richtigen Händen ist und treffen uns mit dem Ehepaar kurzfristig zur Beurkundung des Verkaufs beim Notar. Von nun an gibt es für Hubert und mich eine Menge zu besprechen und zu organisieren. Vor allem brauchen wir dringend einen einfallsreichen Architekten. Einen zuverlässigen Künstler, der aber die Bodenhaftung nicht verloren hat. Hubert lädt mich in sein zentral in der Stadtmitte gelegenes Büro ein. Von dort aus können wir die erforderlichen Schritte einleiten. Kreditmäßig wird dieses erste Geschäft in unserer Partnerschaft von der Gewerkschaftsbank begleitet, zu der Hubert einen guten Kontakt hat. Zu seiner Hausbank, einer Hypothekenbank, will mich der alte Fuchs zu diesem Zeitpunkt noch nicht bringen. Zufällig ergibt sich wenig später für mich die Gelegenheit, ein neben Huberts Büro befindliches Ein-Zimmer-Büro zu übernehmen, das der bisherige Mieter aus Altersgründen aufgibt. Nach Rücksprache mit der Hausverwaltung schaffen wir einen Durchgang und können uns von nun an direkt verständigen. Mit diesem Büro bin ich beruflich endgültig in der bayerischen Landeshauptstadt angekommen.
Hubert zaubert einen merkwürdigen Architekten herbei. Woher er ihn kennt, bleibt im Nebel. Sein Verhalten gibt mir Rätsel auf. Im Gegensatz zu Hubert weiß ich nicht so recht, was ich von diesem Mann halten soll. Spleenig an ihm sind jedenfalls sein momentan abenteuerliches Aussehen und sein Lebenslauf, den er nach etlichen Halben Löwenbräu in Eddi Reinbolds Franziskaner Poststüberl zum Besten gibt. Ja, ein Abenteurer, das ist er. Erst vor kurzem aus der Türkei zurückgekehrt, wo er angeblich für die Planung und Bauleitung eines Serail die Verantwortung trägt, braucht er einen Anschlussauftrag. Dringend, denn die fixen Jungs an der türkischen Riviera prellten ihn um gut die Hälfte des vereinbarten Honorars. Zumindest sieht er ein, dass er sich auf keinen Rechtsstreit, weil nicht zu gewinnen, einlassen kann und darf. Mit verschwörerischem Grinsen deutet er an, dass das Serail wohl weniger als orientalischer Fürstenpalast denn als Luxusbordell hohen Gästen dienen soll. Sei es drum – uns gefällt diese Story allemal. Der Architekt wohnt in einem kleinen Dorf, etwa fünfzig Kilometer von München entfernt. Dort hat er für wenig Geld ein aufgelassenes Schulhaus erworben, in welchem er mit seiner bildhübschen Frau und zwei aufgeweckten Kindern lebt. Als ich zu einem späteren Zeitpunkt seine Frau kennen lerne, bin ich total verblüfft, wie es diese attraktive Frau mit diesem Bruder Leichtfuß aushält.
Unser Bauvorhaben rechnet sich. Trotz des Architekten. Der kalkulierte, zu erwartende Gewinn übersteigt sogar erfreulicherweise unsere Erwartung. Prompt erleide ich einen Anfall von Größenwahn. Ein neues, repräsentatives Auto muss her. Angestachelt durch den Dicken bestelle ich ebenfalls einen Achtzylinder aus dem Hause Mercedes-Benz. Allerdings das Modell mit dem kleineren Motor. Ja, es geht mächtig aufwärts mit dem unbewanderten Mann vom Land. Aufgewachsen in einer kleinen Stadt mit kaum zehntausend Einwohnern im S-Bahn-Bereich habe ich mir dort ein kleines, aber solides Glück geschaffen. Doch der Spatz in der Hand ist mir nicht genug – mich lockt die Taube auf dem Dach. So erweist sich der Sog der nahen Großstadt mit ihren breitgestreuten Verlockungen als unglaublich stark. Seit ich frühzeitig beruflich in der Finanzbranche aufgewachsen bin, fasziniert mich die Millionenstadt, in der fraglos Verdienstmöglichkeiten in einer verhältnismäßig gehobenen Größenordnung und in einem wesentlich kürzeren Zeitraum bestehen, als dies auf dem Land möglich ist. Deshalb halte ich meine Nase in den abgasgetränkten Großstadtwind und nehme die Witterung auf, um das große Geld zu scheffeln. Es dauert einige lange Jahre, bis ich mich durch die vielen, teils irreführenden Wege hindurchgearbeitet habe. Dass ich dabei auch manche Dornenhecke überwinden musste, zeigen die tiefen Kratzer in mir. Doch jetzt bin ich in jenem Teilbereich beruflichen Wirkens angekommen, der mir zu diesem Zeitpunkt am meisten entspricht. Ich beschließe, auf ruhig und im grünen Umfeld gelegenen Grundstücken architektonisch ansprechende Mehrfamilienhäuser mit nur wenigen Wohnungen in den Gebäuden zu bauen, die ihren Bewohnern Komfort und Geborgenheit bieten.
An diesem heißen Sommertag liege ich auf einer großflächigen Decke am kiesigsandigen Ufer der Berounka, welche die ehemalige Königsstadt Beroun, dreißig Kilometer südwestlich von Prag gelegen, durchfließt. Über mir spannt sich ein makellos blauer Himmel. Die Sonne tut ihr Bestes, meine Haut zu bräunen. Ich liebe das blendende Sonnenlicht und die wohlige Hitze, kann nicht genug davon bekommen. Wasser plätschert über eine Stromschnelle. Ansonsten zieht der Fluss ruhig und unbeirrbar nach Norden, der Moldau entgegen. Sooft es zeitlich möglich ist, fahren wir in den Sommermonaten hierher. Heute fühle ich mich aber nicht wohl, kann den herrlichen Tag nicht richtig genießen. In meinem Kopf und in meinem Herz rumort es gleichzeitig.
