Kauderwelsch -  - E-Book

Kauderwelsch E-Book

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Beschreibung

Inwieweit trägt das "Kauderwelsch" unserer Politiker zur Politikverdrossenheit der Bürger bei und welche Rolle haben die Journalisten bei der Vermittlung von Inhalten und Meinungen? Wir haben in unserem Land das Glück, jederzeit über alles umfassend informiert zu werden, die Herausforderung besteht jedoch darin, hinter Fachsprache und Floskeln den Kern einer Debatte zu "begreifen". Klartext ist hier gleichermaßen von Politikern wie auch von Journalisten gefragt. Die EDITION LINGEN STIFTUNG nimmt in diesem Band die Sprache der Politiker unter die Lupe - zugleich wird die Aufgabe der Medien und die Eigenverantwortung der Bürger hinterfragt. Mit Beiträgen von: Klaus Bölling Klaus Bresser Frank Elstner Jörg van Essen Sigmar Gabriel Hans-Dietrich Genscher Michael Glos Roman Herzog Josef Joffe Jean-Claude Juncker Arnold Kirchner Roger Köppel Wolfgang Krebs Coordt von Mannstein Stefan Müller Jörg Quoos Manfred Freiherr von Richthofen Harald Schmidt Peter Struck Dieter Wedel Dieter Wonka

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Seitenzahl: 158

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Vorwort

Arnold KirchnerKauderwelsch

Jean-Claude JunckerEine Frage der Freiheit

Roman HerzogKauderwelsch: Rede und „Schreibe“

Hans-Dietrich Genscher„Die eigene Sprache achten – andere Sprachen lernen!“

Sigmar GabrielIch bin bekennendes Mitglied des Vereins für deutliche Aussprache!

Michael Glos„Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein“

Peter StruckMan muss mal draufhauen, mal zuspitzen dürfen

Jörg van EssenPolitikersprache – der Bundespräsident als positives Beispiel

Stefan MüllerWas wirklich hinter der Politikersprache steckt

Klaus BöllingIns Fegefeuer mit den Sprachverhunzern!

Manfred Freiherr von RichthofenZu politischer Glaubwürdigkeit gehört klare Sprache!

Josef Joffe„Neusprech“ und „Gutdenk“ – ganz ohne Widerspruch

Roger KöppelKauderwelsch als Herrschaftsinstrument

Jörg QuoosKauderwelsch – Gegengift ist guter Journalismus

Dieter WonkaSprache ist ein Kampfinstrument im politischen Alltag

Coordt von MannsteinOhrwürmer, Eye-catcher und Worteerfinder – aus der Trickkiste eines Politikberaters

Dieter WedelMit schwarzem Feuerblick und erprobten Worthülsen

Harald Schmidt„Ach, wissen Sie …“

Frank ElstnerSchaut dem Volk aufs Maul!

Mainhardt Graf von NayhaußVon Schnittmengen, Denglisch und Wichtigtuern

Klaus BresserWorttäuscher haben die Rosstäuscher abgelöst

Wolfgang KrebsKauderwelsch besonderer Art – eine fiktive Stoiber-Rede

Impressum

Vorwort

„Es genügt nicht, keine Gedanken zu haben. Man muss auch unfähig sein, sie auszudrücken.“Karl Kraus

Jean-Claude Juncker bringt es auf den Punkt: „Sprache ist Politik und Politik ist auch Sprache!“ Schon die Überschrift seines Beitrags „Eine Frage der Freiheit“ macht klar, dass hier keine Nebensache der Politik verhandelt wird, sondern eine Hauptsache – die Sprache der Politiker. Klar und unmissverständlich nennt der luxemburgische Premierminister die Dinge beim Namen: „Sprache muss, soll sie Sinn machen, verstanden werden!“ Würden Politik und Medien diese Einsicht Junckers beherzigen, wäre Politikverdrossenheit nicht zu einem der größten Probleme der Demokratie geworden. Allgemeinplätze und unverdauliche Fremdwörter beherrschen die öffentlichen Debatten und kennzeichnen auch die Flut der „Kauderwelsch-Talkshows“. Juncker analysiert diese Entwicklungen und warnt vor gefährlichen Rückkopplungen. Seine Kritik lässt sich – in Abwandlung eines berühmten Diktums von Max Horkheimer – so zusammenfassen: Wer von der Worte-Krise nicht reden will, der sollte von der Werte-Krise schweigen.

Nicht ohne Grund bilden Junckers grundsätzliche Erörterungen zu Demokratie, Freiheit und klarer Sprache den Auftakt zum vorliegenden Band der „Edition Lingen Stiftung“. Die ­bereits mit dem Vorgänger-Band „Größenwahn und Politik“ begonnene ­Ursachenforschung in Sachen Politikverdrossenheit zielt dieses Mal auf den Umgang von Politik und Medien mit der Sprache.

Das Unbehagen an „spinnösen Fachausdrücken“, dem der frühere Bundespräsident Roman Herzog Ausdruck verleiht, zeigt sich eindrücklich an aktuellen Wortschöpfungen wie „Realwirtschaft“ und „Finanzindustrie“. Gibt es auch eine Irreal- oder Fantasiewirtschaft? Das ist nicht nur Kauderwelsch, hier werden die Menschen, so Herzog, „einfach hinter die Fichte geführt“.

Dass es ihm nicht um Deutschtümelei geht, wenn er Respekt vor der Muttersprache fordert, macht Hans-Dietrich Genscher in seinem Beitrag deutlich. Sprache und kulturelle Identität gehören zusammen, Verlust an Sprache bedeutet daher immer auch Verlust an kultureller Identität.

Als „bekennendes Mitglied des Vereins für deutliche Aussprache“ fordert Sigmar Gabriel von einer bürgernahen Politik zu „sagen, was ist“ und „sagen, für was man selbst steht“. Der SPD-Vorsitzende weist zu Recht darauf hin, dass die Forderung „Klartext“ zu reden, nicht als Freibrief für Populismus und Stammtischparolen missverstanden werden darf. Der aus Franken stammende Michael Glos legt Wert darauf, die Sprache der Menschen in seiner Heimat zu sprechen: „Direkt, ohne Hintertürchen. Mit einfachen Worten. In kurzen geraden Sätzen.“ Für Glos hat ein so verstandener „Klartext“ völlig zu Unrecht den Beiklang des Populistischen und Einfältigen. Denn ohne klare Sprache kann man keine klare Position beziehen. Austauschbare Worte führen zu austauschbaren Positionen und am Ende zu austauschbaren Politikern ohne Ecken und Kanten.

Dass Ex-Verteidigungsminister Peter Struck „Ecken und Kanten“ hat, ist bekannt. So bezieht er mit der Überschrift seines Beitrags gleich Stellung: „Man muss mal draufhauen, mal zuspitzen dürfen.“ Strucks Kritik richtet sich dabei nicht nur an Politiker: „Die Medien verschanzen sich genauso hinter Fachchinesisch und Expertensprech.“ Wer da noch die Floskel verwendet, Politiker müssten die Menschen „abholen“, entlarvt sich selbst. Wo, so Struck, will man sie abholen, wenn sie sich längst abgewandt haben?

Jörg van Essen kennt die „Fachsprache“ der Politiker genau. Das heutige „Polit-Sprech“ wird nicht nur durch fast automatisiert benutzte Halbsätze und Worthülsen gekennzeichnet, sondern auch durch Übertreibungen. Ein weiteres Stilelement: Dinge immer in der Schwebe halten. So wird viel geredet und nichts gesagt. Doch van Essen richtet auch an die Wähler eine kritische Frage, denn wollen sie tatsächlich immer die ungeschminkte Wahrheit hören?

Nicht ohne eine gewisse Portion Selbstironie geht Stefan Müller der Frage nach, was hinter der Politikersprache steckt. Dafür nimmt er nicht nur die Perspektive „seiner“ politisch desillusionierten Bäckereiverkäuferin ein („Das meiste, was Ihre Kollegen da erzählen, versteht doch kein Mensch.“), sondern klärt auch über Zwänge auf, denen politische Äußerungen unterliegen. Trotzdem gilt: „Niemand, auch kein Politiker, ist gezwungen, Phrasen zu dreschen und staatstragende Floskeln zu verwenden.“

„Der Verderb der Sprache ist der Verderb des Menschen.“ Mit der eindrücklichen Warnung Dolf Sternbergers aus dem Vorwort zum „Wörterbuch des Unmenschen“ untermauert der frühere Regierungssprecher Klaus Bölling seine Forderung, Sprachverhunzer ins Fegefeuer zu schicken. Vielleicht, so Bölling, kämen sie geläutert und mit einem besseren Deutsch wieder heraus. Dann könnte man wieder etwas erklären, anstatt immer nur etwas „deutlich zu machen“, etwas verwirklichen, anstatt es „umzusetzen“. Auf die negativen Folgen, die die „Diktion der Bürokratie“ auf die Sprache der Politik hat, weist Manfred Freiherr von Richthofen hin. Über Vorschriften zum Krümmungsgrad der Salatgurke mag man noch schmunzeln, aber das Gerede von „integralen Konzepten“ und „struktureller Ökologisierung“ ist schlichtweg Kauderwelsch.

„Warum das Gehaltlose?“, fragt daher Josef Joffe, Mitherausgeber der ZEIT. Seine Antwort: Klartext und Kante, wie in den Beiträgen dieses Bandes schon häufig eingefordert, verstoßen gegen ein eisernes Gesetz der modernen ­Politik. Es lautet: Niemanden verärgern oder wehtun, keine Wählerstimmen verlieren! Mit „verbaler Spachtelmasse“ wird aber nicht nur in Politik und Marketing verschleiert und versteckt: „Alle, die im Weinberg des Zeitgeistes arbeiten, reden so: Sozialarbeiter, Gender-Beauftragte, Stiftungs­refe­ren­ten, Bürokraten.“ Herrschaft durch Wortgeklingel – dafür brauchen wir keinen „Big Brother“ mehr, wie noch in „1984“.

Dem Aspekt „Kauderwelsch als Herrschaftsinstrument“ geht auch Roger Köppel, Chefredakteur der Weltwoche, nach. Sein Beitrag ist ein Plädoyer für die direkte Demokratie, denn „sie ist das Damoklesschwert über den Köpfen der politischen Klasse, mit einer enorm disziplinierenden Wirkung“. Und: „Wer unverständlich oder, noch schlimmer, abgehoben daherredet, fällt durch.“ Wo die direkte Kontrolle durch Plebiszit fehlt, wächst den Journalisten eine „Wächterrolle“ zu: „Journalisten müssen die Nebelsprache der Politiker durchdringen und entlarven, zur Kenntlichkeit entstellen.“ Köppels Ausführungen zu Arbeit und Aufgabe der Journalisten teilt Jörg Quoos, langjähriger Stellvertreter des Chefredakteurs bei BILD. Wer das Politiker-Kauderwelsch „bloß wiederkäut, versündigt sich am Auftrag der freien Presse“. Die „sprachliche Verlotterung“ (Ulrich Wickert) zeigt sich dabei besonders deutlich in den beschönigenden Umschreibungen von „Krieg“. Wer Kriegsopfer ernsthaft „weiche Ziele“ nennt, so Quoos, „ist selber weich – und zwar in der Birne!“

Dieter Wonka, Hauptstadtkorrespondent der „Leipziger Volkszeitung“, betont zwar ebenfalls, dass heutige Politiker Risiken meiden und deswegen meinen, sich eine klare Sprache nicht mehr leisten zu können. Doch das ist nicht die ganze Wahrheit. Wenn ein Politiker aus seinem Herzen keine Mördergrube macht (wie etwa Ronald Pofalla), dann werden diese Politiker in der Regel von der Presse fertig gemacht. Und wenn Politiker in vertraulichen Gesprächsrunden ein offenes Wort nicht scheuen, tags darauf jedoch alles in der Presse nachlesen können, dann sind es nicht allein die Politiker schuld, dass sofort wieder „Kauderwelsch“ geredet wird.

Eine interessante Sichtweise auf die Sprache der Politiker vermittelt der Beitrag Coordt von Mannsteins. Der Politikberater öffnet seine „Trickkiste“ und verrät ein paar „Betriebsgeheimnisse politischer Werbung“. Seine ­Darle­gungen zu den Wirkungspoten­zialen von Wahlplakaten, vom Zusammenspiel sprachlicher und visueller Elemente zeigen vor allen Dingen, was ein guter Slogan nicht sein darf – nämlich Kauderwelsch. Regisseur und Filmemacher Dieter Wedel beurteilt dagegen die Unterordnung der politischen Sprache unter die Gesetze der Werbung („wiederholen, wiederholen, wiederholen“) kritisch. Die Politiker hämmern den Bürgern Floskeln ein, ihre Sätze sind stereotyp, ihre Antworten kommen „wie aus der Pistole geschossen“. Doch Wedels Kritik richtet sich nicht allein gegen die Politiker. Die Mechanismen der modernen Medien und die Gesetze des Entertainments sind für ihn für das Dilemma mitverantwortlich. Jedes Mittel ist recht, um die „Dramatik“ zu steigern: „Erklären Sie den Sinn des Lebens, und vielleicht auch noch, was die Welt im Innersten zusammenhält. Für die Antwort haben Sie 15 Sekunden.“ Dieter Wedels karikierenden Worten steht Harald Schmidt in nichts nach: „Heute glüht der mediale Scheiterhaufen 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr.“ Mit der ihm eigenen Ironie spießt Schmidt eine ganze Menge „dummes Zeuch“ auf, das Politiker so von sich geben. Während einige Autoren dieses Bandes auf das Bibelwort „Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein“ Bezug nehmen, stellt Harald Schmidt dazu nur lakonisch fest: „Wer gewählt werden will, dessen Rede sei keinesfalls ja – ja, nein – nein, sondern ,ich sach ma …’. Fakten sind was für Streber.“

Frank Elstner, TV-Profi vor und hinter der Kamera, kann aus eigener Erfahrung und Anschauung berichten, dass Kameras und Mikrofone eine eigentümliche Wirkung auf Politiker haben: „Kaum hat der Toningenieur das Funkmikro abgekabelt und die Gästebetreuerin ein frisches Pils gezapft, können Politiker plötzlich Klartext reden.“ Warum aber beginnen Politiker zu schwadronieren, sobald sie ein Mikrofon vor die Nase gehalten bekommen? Elstners Diagnose: aus einem ständigen Hang zur Selbstüberschätzung. Herausgeber Mainhardt Graf von Nayhauß entgeht nichts (und niemand). Ein „Fuchs“, der mit untrüglichem Gespür Stilblüten, abgedroschene Formulierungen und sträfliches Kauderwelsch aufspießt. Sicher liegt Elstner mit seiner Diagnose „Selbstüberschätzung“ richtig, doch Nayhauß zeigt, dass es oft gar keiner komplizierten Ursachenforschung bedarf, da bei Politikern schlicht Wichtigtuerei am Werk ist.

„Worttäuscher haben die Rosstäuscher abgelöst“, befindet der frühere ZDF-Chefredakteur Klaus Bresser. Die tägliche Verbreitung von „programmiertem Unsinn“ ist ein Versuch, die Menschen durch Unklarheit zu verwirren. Die Mahnung, die Bundespräsident Gauck in seiner Antrittsrede ­aussprach, sollten sich daher die „Worttäuscher“ ins Stammbuch schreiben: „Redet offen und klar, dann kann verloren gegangenes Vertrauen zurückgewonnen werden.“

Eingerahmt werden die Beiträge auf künstlerische Weise: Arnold Kirchner macht sich einen Reim auf „Kauderwelsch als Wortsinnkleister“ und Wolfgang Krebs lässt diesen Band mit einer fiktiven Stoiber-Rede wortgewandt ausklingen.

Bleibt zum Schluss eine Erkenntnis, die wir Winston Churchill zu verdanken haben: „Kurze Wörter sind am ­besten, und die alten kurzen Wörter sind am allerbesten.“

Köln, im September 2012

Werner Schulte Edition Lingen Stiftung

Arnold Kirchner

Kauderwelsch

Ob Kanzler oder Diplomat, Minister, Ortsrat, Bürgermeister, wer hier bei uns das Sagen hat, nutzt Kauderwelsch als Wortsinnkleister.

Nur Dichter hatten damit Schwierigkeiten: Auf Kauderwelsch gab‘s keinen Reim. So warnten sie zu allen Zeiten: Geht solchem Wort nie auf den Leim!

Erst als man uns vom Rhein regierte, gab‘s einen Reim auf „Kauderwelsch“, der tat uns gut, weil er uns nach Europa führte, hieß „Adenauers Plauder-Kölsch“.

Sein Wortschatz war kein bunter Strauß, von Blütenduft umhüllt. Er sprach das, was er dachte, aus: Das gab ein klares Bild!

Der Alte Herr, mit viel Humor, führte der Welt ein Deutschland vor, dem man erstaunlich schnell verzieh. Dank sei dem Mann! – Vergesst das nie!

Inzwischen kauderwelscht man wieder, meint, klare Sprache sei zu bieder.

Und in der Tat, ganz ohne Frage, rein sprachlich ist man in der Lage, nachhaltig alles zu verschleiern und routiniert drumrum zu eiern, was eignem Image schaden könnte, wenn es zu klar ins Volksohr tönte.

Ein Satz, kontaminiert mit Keimen, bestimmt, die Wählerschaft zu leimen, hat, wenn man ihn in Wolken hüllt, dreiviertel schon den Zweck erfüllt, für den er trickreich ausgedacht: dass er im Volke Stimmung macht.

Und schwimmen mal die Felle fort, dann gibt man auch ein Ehrenwort.

Wo wahre Worte wenig wiegen wird stets versucht, sie so zu biegen, dass sie wie wirkungsvolle Waffen mal Mitleid, Angst, mal Jubel schaffen. Kommt dann ein Wertwort ins Gerede und wird zum Anlass einer Fehde, gibt ihm ein Blick in die Geschichte, den Wert zurück und auch die Wichte.

Beispiel: Wenn Herr Gauck als Präsident „FREIHEIT“ sagt und dann erkennt, dass dies Wort mit viel Facetten manche gern erklärt noch hätten, sind ganz schnell in diesem Land Hunderttausende benannt, die in 40 Unrechtsjahren FREIHEIT suchend Flüchtling waren.

Für die Freiheit, für ihr Glück ließen damals sie zurück Heimat, Freunde, Hab und Gut. Viele bringt das noch in Wut.

Andrerseits erfüllt mit Schauder: Ausgerechnet ein Herr Kauder prahlt, was Nachbarn in die Brust sticht, dass Europa deutsch mit Lust spricht.

Kauderwelsch in jeder Form hilft der Politik enorm. Allerdings heißt oft ihr Los: Fehlschuss! – Ging nach hinten los!

Jean-Claude Juncker

Eine Frage der Freiheit

„Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose.“ So sagt es poetisch die amerikanische Dichterin Gertrude Stein. Doch so klar kaudert es nicht die gänzlich unpoetische und unkreative Mainstream-Politik in ihrem medialen Welsch. Auch wenn sich etwa Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Wahlanalyse nach dem Urnengang im Saarland an Stein inspiriert zu haben scheint: „Wer sich mit den Details des Saarlandes befasst hat, weiß, dass das Saarland das Saarland ist.“ Es geht bei Merkel aber auch klarer: „Ein Politiker muss machtbewusst sein. Er muss ehrgeizig sein. Er muss sich selber etwas abverlangen können.“ Und er muss die politische Sprache beherrschen, die Worte beleben, die Begriffe „besetzen“ (Biedenkopf/Geißler).

Sprache ist von zentraler Bedeutung in der Politik: Sprache ist Politik und Politik ist auch Sprache! Für den Politik-Linguisten Armin Burkhardt ist Politik sogar „zum weitaus überwiegenden Teil politische Kommunikation“. Ganz stimme ich dem nicht zu. Dennoch dürfte der Anteil der Kommunikation bei gut 50 Prozent liegen. Es verhält sich demnach mit Politik und Kommunikation so wie mit Wirtschaft und Psychologie. Denn Sprache, die Rede, das Wort bleiben die zentralen Überzeugungs- und Erkenntniswege in „res publica“ und „res internet“. Und auch die wichtigsten Propagandawege – bei gleichzeitiger Einschränkung der freien Rede und Presse – in einer Diktatur. Ohne die Freiheit des öffentlichen Wortes kann mithin keine Demokratie, keine Volksherrschaft funktionieren. Die freie öffentliche Sache ist ohne das freie öffentliche Wort unmöglich. Ich möchte hinzufügen: ohne das gut und verständlich gewählte Wort! Und das ist letztlich immer das eigene Wort in natürlicher Sprache. „Verständliche Sprache bei einem Politiker zeugt von gutem Gewissen“, sagte einst André Malraux.

„Im Anfang war das Wort“, heißt es richtig und schön im alten und kurzen Prolog zum Johannes-Evangelium. In der Staatskunst, im Gesellschaftshandwerk, im persönlichen Leben verhält es sich nicht sehr viel anders. Auch Politik beginnt zumeist mit dem Wort, mit dem Begriff, mit dem Motiv, mit dem Aufschrei. Dann folgen weitere Wörter. Zumeist zu viele Wörter. Oftmals irreführende, verzerrende Wörter. Manchmal auch verletzende oder hetzerische Wörter. Und immer wieder – bewusst oder unbewusst – Kauderwelsch-Wörter, Kauderwelsch-Sätze, Kauderwelsch-Reden. Ich denke hier an alles- und somit nichtssagende Wörter wie „alternativlos“ oder „zielführend“. Oder an Bild-Floskeln wie „politische Hausaufgaben machen“ oder „am Scheideweg stehen“. Einmal ganz zu schweigen vom Diplomaten-Kauderwelsch in „harmonischer“ oder gar in „freundschaftlicher Atmosphäre“. Und dann gibt es noch Politiker, für die alles „sehr wichtig“ ist und die immer nach neuen „fundamentalen Konzepten“ verlangen. Allerdings ohne jemals zu sagen, was sie wirklich darunter verstehen! Ganz zu schweigen von der „schwierigen Lage“, die sich seit Jahrzehnten „immer mehr zuspitzt“. Kein Wunder, dass daraus Kauderwelsch-Gesetze, Kauderwelsch-Verträge, Kauderwelsch-Verordnungen, Kauderwelsch-Richtlinien oder Kauderwelsch-Abschlusserklärungen entstehen, die zumeist noch in Kauderwelsch-Reden, -Reportagen und -Artikeln ungefiltert verbreitet werden. Das vielleicht extremste Negativbeispiel hierfür war der sprachlich und inhaltlich vollkommen unverständliche „Vertrag über eine Verfassung für Europa“. Bereits der Titel des 160.000-Wörter-Werkes war missverständlich. Kein Wunder, dass Kauderwelsch-Politik so zu Politik- und Politikerverdrossenheit führt. Letztlich ist es Kauderwelsch-Verdrossenheit. Oder positiv formuliert: die Sehnsucht nach erklärender Klarheit und erfrischender Authentizität.

Darüber hinaus wäre manchmal auch in der Politik Schweigen wirklich Gold. Wie angenehm wäre doch die politisch-mediale Landschaft, wenn jeder nur dann etwas sagt, wenn er auch wirklich etwas zu sagen hat. Doch zu oft wirken Mikrofone auf Politiker wie Magneten auf Metall. Und manchmal fehlen auch die notwendigen verständlichen Worte. Weil nicht verstanden werden soll. Weil nicht verstanden werden darf. Weil Verständnis nicht interessiert. Oft auch, weil nicht verstanden wird. Folgende Aussage des deutschen Wirtschaftsministers Philipp Rösler in der Schlecker-Debatte ist hierfür ein frappierendes Beispiel: „Jetzt gilt es, für die Beschäftigten – mehr als 10.000 vornehmlich Frauen, einzelne Mütter und ältere Frauen – schnellstmöglich eine Anschlussverwendung selber zu finden.” Der Begriff „Anschlussverwendung“ ist nicht nur ein sprachliches Unding! Er sagt auch viel über das Welt-, Menschen- und Wirtschaftsbild aus. Überhaupt sagen Wörter viel über jene Menschen aus, die sie sprechen. So auch der vielfach benutzte Begriff „Finanzindustrie“, der eine eindeutige Verfremdung ist. Dem Wort geht immer die Idee voraus. Oder sie sollte es zumindest. Beim Kauderwelsch ist dies jedoch nicht immer der Fall. Kauderwelsch geht auch sehr gut, ja sogar besser ohne grundlegende Idee. Zumindest wirkt es dann glaubwürdiger. Diese Kauderwelsch-Form ist eigentlich eine Un-Sprache. Denn Sprache muss, soll sie Sinn machen, verstanden werden. Sonst verfehlt sie ihren Zweck. Gerade in der Politik als Staatskunst.

Eine andere Kauderwelsch-Form ist die vermeintliche Expertensprache. Umberto Eco hat einen „Experten“ einmal so definiert: „Ein Mensch, der zu reden anfängt, wenn er zu denken aufhört, und umgekehrt.“ Man kann die Eco-Definition auch auf viele Politiker, die sich selbst zu oft als vermeintliche Experten in allen Fragen des öffentlichen Lebens präsentieren, im Medienzeitalter ausweiten. Einige wenige Textbausteine – etwa „verstecktes Potenzial freisetzen“ oder alles „geopolitisch hinterfragen“ – im Consulting-Kauderwelsch genügen hierfür. Dabei kann man nur mit einer klaren Idee im Kopf auch klar und verständlich sprechen. Die Worte müssen dabei der Sache folgen. Nicht die Sache den Worten. Nur mit einem klaren Verständnis einer politischen Sachfrage kann man den Menschen klare und verständliche Antworten geben. Oft, zu oft versteckt sich also hinter Politiker-Kauderwelsch schlichtweg Nicht-Verständnis, Nicht-Wissen, Nicht-Nachdenken. Aber man kann auch zu viel wissen. Oder zumindest das Wesentliche nicht vom Unwesentlichen unterscheiden. Gerade in der gegenwärtigen Schuldenkrise in der Eurozone, die völlig zu Unrecht als Eurokrise bezeichnet wird, kommt dies praktisch jeden Tag vor. Da ist dann die Rede von „systemischen Ereignissen“ oder von „weitreichenden Reformen“. Und immer wieder inflationär von der „mythischen Macht Globalisierung“ (Josef Klein). Allgemeinplätze und akademische Begriffe werden so zu Schlagwörtern fusioniert. Und dann zur rhetorischen Allzweckwaffe im Parlament, auf dem Parteitag und – besonders wichtig – in der Talkshow. Man könnte fast schon Kauderwelsch-Show sagen. Denn echte Diskussionsrunden ohne Sensationszapping werden immer seltener. Wie soll man so Vertrauen erhalten und erzeugen? Besser wäre es, Kind und Tatbestände beim Namen zu nennen. Auch Martin Heidegger hat also Recht, wenn er die oftmals verloren gegangene Schulung des Denkens wieder einfordert. Dennoch ist auch philosophisches Kauderwelsch nicht sehr viel besser als politisches. Aber es richtet in der Regel weniger Schaden an. Wobei auch Ideen klar formuliert sein wollen.

Doch Politiker sind in einer Demokratie – im Gegensatz zu Film-, Fernseh- und Fußballstars, denen sie zu sehr nacheifern – zur verständlichen Rede verpflichtet! Nur so funktioniert positive Streitkultur. Nur so funktioniert wahre Volksherrschaft. Demokratie ist immer auch die Herrschaft des Wortes und der Begriffe. Demokratie sind keine bewegten oder unbewegten Hochglanzbilder mit Kauderwelsch-Berieselung! Worte entspringen nicht nur Ideen, Weltanschauungen und Menschenbildern. Sie prägen auch Ideen, Weltanschauungen und Menschenbilder! Und verständliche Sprache ermöglicht erst eine möglichst breite Debatte und Meinungsbildung, Entscheidungsfindung und Aktion. Eine Debatte, die allerdings oft bei Kauderwelsch-Politikern unerwünscht ist.