Kein Frieden in Nahost - Noam Chomsky - E-Book

Kein Frieden in Nahost E-Book

Noam Chomsky

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Beschreibung

Wieso amerikanische und israelische Interessen einen Frieden mit den Palästinensern verhindern und auch in Zukunft verhindern werden: Chomsky zeigt eine verschworene Gemeinschaft, die ohne seine Analyse kaum zu durchschauen ist. Der Nahost-Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern – ein Thema ohne Ende und ohne Hoffnung? Chomsky erläutert innen- und außenpolitische Entwicklungslinien in den USA und in Israel, die zu einer verschworenen Gemeinschaft geführt haben. Er zeigt die strategischen Interessen der USA im Nahen Osten, die grundsätzliche Einigkeit der israelischen Parteien über den Umgang mit den Palästinensern und erläutert das Problem der israelischen Atomwaffen. "Kein Frieden in Nahost" versammelt Noam Chomskys wichtigste Gedanken zu diesem kontroversen Thema, das auch kommende Generationen noch beschäftigen wird. Ein Buch von andauernder Aktualität.

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Noam Chomsky

Kein Frieden inNahost

Warum mit Israel und den USA keinPalästinenserstaat zu machen ist

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Michael Haupt

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe: Nomen Verlag,Frankfurt am Main 2018

www.nomen-verlag.de

2. Auflage 2018

Die Einleitung sowie Kapitel I bis III erschienen zuerst als»Fateful Triangle. The Unites Staes, Israel and the Palestinians«bei South End Press, CambridgeCopyright © 1999 by Noam ChomskyKapitel IV erschien zuerst als »World Orders Old and New«bei The American University of Cairo Press, KairoCopyright © 1994 by Noam Chomsky

Umschlaggestaltung: Petra Dorkenwald, MünchenAutorenfoto: © Don Usner

Druck und Bindung: CPI – Clausen & Bosse, Leck

ISBN 978-3-939816-53-9

eISBN 978-3-939816-57-7

INHALT

Vorbemerkung des Übersetzers zur 2. Auflage

Einleitung: Öl ins Feuer

IDie Ursprünge der »Sonderbeziehung« zwischen Israel und den USA

IIVerweigerung und Verständigung

IIIDer Weg nach Armageddon

IVÖl vs. Frieden?

Anmerkungen

VORBEMERKUNG

Seit mehr als vier Jahrzehnten setzt sich Noam Chomsky mit dem Israel-Palästina-Konflikt auseinander; bereits 1974 erschien sein Buch Peace in the Middle East. Es folgten viele weitere Publikationen zum Thema, darunter 1983 das umfangreiche Werk Fateful Triangle; im Vorwort zur erweiterten Neuausgabe von 1999 heißt es:

»Seit einiger Zeit bin ich gezwungen, Vortragstermine sehr langfristig vorab festzulegen. Bisweilen muss ein Titel oder Thema schon Jahre vorher genannt werden. Eins kann man, wie ich gemerkt habe, mit Sicherheit immer angeben: ›Die gegenwärtige Krise im Nahen Osten‹. Wie sich diese Krise entwickeln wird, lässt sich nicht genau sagen, aber dass es sie geben wird, unterliegt keinem Zweifel. Das bleibt auch so, wenn die Grundprobleme dieser Region nicht endlich einer Lösung nahegebracht werden.«

Die »Krise im Nahen Osten« fand lange Zeit ihr Hauptaugenmerk im Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern – im Gazastreifen und im Westjordanland – und ihr hat Chomsky seine ganze Aufmerksamkeit gewidmet. Dem tun die Entwicklungen im jetzigen Jahrtausend keinen Abbruch, nicht die Lage im Irak, hervorgerufen von einem durch Willkür und Lügen in Szene gesetzten Krieg der USA unter Anleitung von George W. Bush und weiteren Politikerdarstellern, und nicht der Stellvertreterkrieg in Syrien (ganz zu schweigen, wie die Weltöffentlichkeit es nun einmal tut, vom Jemen). Zu der an Problemen, Spannungen und Aggressionen nicht armen Region »Naher Osten« gehört grundlegend auch weiterhin der Israel-Palästina-Konflikt, dessen Lösung mittlerweile ferner scheint denn je.

Die Grundproblematik des Konflikts lässt sich – ungeachtet ihrer so komplexen Vor- und Frühgeschichte – auf zwei Knotenpunkte reduzieren, die Chomsky immer wieder hervorgehoben hat. Da ist zum einen die »Sonderbeziehung« zwischen den USA und Israel, die ihren Ausdruck in der fast bedingungslosen Unterstützung der israelischen Politik im Nahen Osten durch die US-Regierung – und nicht nur die jetzige – findet. Und da ist zum anderen das markanteste Zeichen gegen die ungeliebten Mitbewohner des Territoriums, das einstmals als »Heiliges Land« galt: die Siedlungspolitik im Westjordanland.

Diese Politik, darauf hat Chomsky unverdrossen hingewiesen, wurde und wird von allen israelischen Regierungen gleich welcher politischen Couleur betrieben, und dazu gehört auch der Ausbau von Ostjerusalem, wo doch die Palästinenser gern die ganze Stadt als Hauptstadt eines künftig von ihnen bewohnten und regierten Staatsgebiets sähen.

Allerdings wird es bei diesem Konjunktiv wohl bleiben, zumal nach der Entscheidung des derzeitigen US-Präsidenten Donald Trump, die amerikanische Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen. Das Fait accompli führte zu starken Protesten auf palästinensischer und einer letalen Reaktion auf israelischer Seite. (Besonders pikant ist dabei, dass die Verlegung, normative Kraft des Faktischen par excellence, in den USA auch von fundamentalistischen Evangelikalen bejubelt wurde, wenngleich ganz sicher nicht aus philosemitischen Motiven.)

Die amtierende US-Regierung hat damit, sehr zur Freude des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu, die Rolle der besonderen Beziehung zwischen den USA und Israel bekräftigt; und es gilt, was Chomsky bereits 1999 schrieb, dass nämlich die USA »besorgt« sind »angesichts der Macht, die der Iran darstellt«. Damals, im Iran-Irak-Krieg (der, obwohl er acht Jahre währte, heute im Westen nahezu vergessen ist) unterstützte die amerikanische Regierung den Irak, genauer: Saddam Hussein, der 2003 dann als Besitzer von Massenvernichtungswaffen und somit Ausgeburt des absolut Bösen niedergekämpft werden musste.

Aber die Sonderbeziehung dient nicht nur dazu, Israels – und damit die eigene, US-amerikanische – Vormachtstellung im Nahen Osten aufrechtzuerhalten und zu stärken, sondern auch mittels Duldung, wenn nicht gar Förderung der israelischen Siedlungspolitik im Westjordanland, die lange in Aussicht gestellte Zwei-Staaten-Regelung so weit wie möglich hinauszuschieben und letztlich zu verunmöglichen.

Wenn man sich auf der Landkarte die Bautätigkeiten in Ostjerusalem und der Westbank ansieht, fällt ins Auge, dass ein Palästinenserstaat, würde er jetzt tatsächlich ins Leben gerufen und politische Wirklichkeit werden, geographisch eher einem Flickenteppich als einem zusammenhängenden Gebiet gleichen würde. Und würde der Siedlungsausbau in Tempo und Ausrichtung beibehalten, wäre das Westjordanland irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft keine Einheit mehr. Ohnehin gehen die radikalen Siedler davon aus, dass alles (noch) von Palästinensern bewohnte Gebiet »Eretz Israel« ist.

Lange hat die Friedensbewegung in Israel, mit Unterstützung zumeist linker und linksliberaler Gruppen aus dem Ausland, die Zweistaatenlösung befürwortet, die natürlich auch weiterhin noch Anhänger hat. Aber die Skepsis wächst, und prominente Vertreter der Bewegung treten mittlerweile für eine Einstaatenlösung ein, d. h. für einen Staat, in dem Israelis und Palästinenser gleichberechtigte Bürger sind.

Wenn es aber so aussieht, dass die »Grundprobleme dieser Region« sich vermehren statt verringern – und die in Syrien wie im Jemen geführten Stellvertreterkriege zeigen, mit welch unerbittlicher Energie der Kampf um die Vorherrschaft im Nahen Osten geführt wird –, dürfte eine wie immer geartete Lösung des Konflikts zwischen Israel und den Palästinensern (und vom Gazastreifen haben wir noch gar nicht gesprochen!) auf absehbare Zeit, um das Mindeste zu sagen, nicht im Bereich des Möglichen liegen, es sei denn, die Sonderbeziehung zwischen den USA und Israel würde ihren Charakter ebenso dramatisch verändern wie zum anderen die Siedlungspolitik der israelischen Regierung(en). Aber dafür gibt es keine Anzeichen.

Die Kritik hat Chomsky, eigentlich seit er in den 1960er Jahren begann, sich politisch zu äußern (Amerika und die neuen Mandarine erschien 1969, im selben Jahr wie die amerikanische Originalausgabe), Einseitigkeit vorgeworfen. Der Vorwurf ist auf doppelte Weise unberechtigt. Zum einen, weil Chomsky für die Seite der »Verdammten dieser Erde« und gegen die Omnipräsenz und Omnipotenz der politischen Machtkartelle Partei ergreift. Zum anderen, weil er nicht als Journalist oder Historiker schreibt, der der ausgewogenen Darstellung, noch als Politikwissenschaftler, der der begrifflichen Abstraktion verpflichtet wäre. Der von ihm erhobene Anspruch auf Wahrheit bleibt davon jedoch unberührt.

Chomsky schreibt als das, was heute, was schon seit längerem nicht mehr en vogue zu sein scheint: als engagierter (und bisweilen enragierter) Intellektueller, der zu den Kämpfen der Zeit Stellung bezieht und sich dabei dem aufklärerischen Gedanken verpflichtet fühlt. Voltaires Écrasez l’infâme würde er wohl zustimmen, den Schlachtruf aber gegen etwas anderes als die katholische Kirche richten.

Wer Stellung bezieht, exponiert sich zumeist. Chomsky hatte davor niemals Angst. In einem Interview berichtet er, welchen Schmähungen bis hin zu physischen Attacken die Teilnehmer an den frühen Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg ausgesetzt waren. Die Vorwürfe und Schmähungen sind geblieben, die Angriffe nicht physisch, sondern institutionell.

Wohlmeinende Kritik gibt es auch, die aber häufig beklagt, man wisse ja ohnehin, was Chomsky so denke, sage und schreibe. Jedes neue Buch schlage die altbekannten Töne an. Nur kann Chomsky nichts dafür, dass die von ihm seit Jahrzehnten kritisierte Politik sich nicht ändert, allenfalls zum Schlimmeren hin (Namen müssen hier nicht genannt werden). In dieser Hinsicht ist er viel konservativer als die Konservativen (zu denen er die US-Republikaner schon lange nicht mehr rechnet), und vielleicht ist er ihnen gerade deshalb ein Dorn im Auge.

Das wirklich Ermüdende aber ist, dass grundlegende Änderungen zum Besseren nicht in Sicht sind. Darum, und das muss bedrücken, ist das vorliegende Buch aktuell, eben weil es keine grundsätzlich neuen Erkenntnisse vermittelt – es gibt diese schlichtweg nicht. Aber Chomsky, und deshalb ist der Lektüre dringend zuzuraten, sagt auch, warum das so ist. Die »gegenwärtige Krise im Nahen Osten« ist so gegenwärtig wie eh und je seit 1948 oder 1956 oder 1967 (oder …), nur gegenwärtig noch etwas krisenhafter als sonst. Die Zahl der bellizistischen Akteure ist größer geworden, die Situation unübersichtlicher. Eine Lösung jedoch, die ist nicht in Sicht, nach wie vor nicht.

Michael Haupt, Juni 2018

EINLEITUNG: ÖL INS FEUER

Im Krieg der Worte, der seit dem 6. Juni 1982, dem Beginn des israelischen Einmarsches in den Libanon, geführt worden ist, sind Kritiker der Palästina-Politik Israels häufig der Heuchelei bezichtigt worden. Während die Begründungen für diesen Vorwurf fadenscheinig sind,1 läßt er selbst sich nicht ohne weiteres von der Hand weisen. Es ist sicher heuchlerisch, Israel für die Errichtung von Siedlungen in den besetzten Gebieten zu verurteilen, während die USA dafür bezahlen. Das gilt auch für den israelischen Einsatz von Cluster- und Phosphorbomben mit dem Ziel, »pro Treffer eine maximale Anzahl von Opfern zu erzielen«,2 wenn wir die Waffen gratis oder zu Niedrigstpreisen liefern, wobei wir wissen, welchem Zweck sie dienen.3 Und es ist natürlich auch heuchlerisch, Israels »wahllose« Bombardierung dichtbesiedelter Wohngebiete oder andere militärische Abenteuer4 anzuprangern, während wir zugleich darüber erfreut sind, daß Israel uns dabei behilflich ist, neu entwickelte Waffen im realen Einsatz und dazu noch unter günstigen Bedingungen – gegen einen völlig unterlegenen Feind und an weitgehend ungeschützten Zielen – zu testen. Insgesamt ist es also pure Heuchelei, daß wir Israels militärische Machtausübung kritisieren, während wir dafür dankbar sind, daß die Israelis uns dabei helfen, mögliche Bedrohungsfaktoren unserer Vorherrschaft im Nahen Osten aus dem Weg zu räumen.

Solange die Vereinigten Staaten das Kriegsgerät liefern, wird Israel es im Sinne seiner Absichten nutzen. Diese Absichten von den beiden politischen Gruppierungen in Israel sind heute klarer erkennbar als je zuvor: Es geht darum, möglichst viel von den besetzten Gebieten israelischem Territorium einzuverleiben und dabei zugleich die arabische Bevölkerung auf die eine oder andere Weise zu dezimieren, die Flüchtlinge zu vertreiben, jede Regung eines palästinensischen Nationalbewußtseins politischer oder kultureller Provenienz im Keim zu ersticken5 und die Kontrolle über den Südlibanon zu erlangen. Da die USA mit ihrer großzügigen Militärhilfe sowie durch ideologische (d. h. die historischen Tatsachen verfälschende) und diplomatische Unterstützung entscheidend zur Verwirklichung dieser Absichten beitragen, besteht kein Anlaß, Israel dafür zu verurteilen, daß es seine Stellung als regionale Vormacht zur Festigung und Erweiterung seiner Position entsprechend nutzt. Zwar gibt es gelegentlich milde Kritik aus Washington oder in den US-Medien, doch hat, selbst wenn sie ernstgemeint ist, noch keine israelische Regierung Grund gehabt, sich darum zu kümmern, konnte sie doch letztlich darauf vertrauen, daß die politischen Führungsschichten und die meinungsbildenden Medien in den USA hinter ihr stehen, egal, was sie tut und ungeachtet genauer und korrekter Berichterstattung über ihre Taten und Untaten.

Worauf es ankommt, ist leicht zu begreifen und liegt für Beobachter außerhalb der USA, auch für israelische, auf der Hand. Ein kritisch eingestellter israelischer Journalist bemerkt: »Die Selbsttäuschung, der Israel unterliegt, indem es sich für eine imperiale Macht hält, würde sofort verfliegen, wenn die Vereinigten Staaten … aus Verärgerung über eine besonders exzessive Torheit den Hahn zudrehten.«6

Ähnlich kommentiert der Londoner Economist:

»Die Lieferung neuer Waffensysteme auszusetzen, gehört zu den traditionellen Maßnahmen, mit denen Amerika Israel zu größerer Zurückhaltung mahnt. Aber ein Embargo ist nur wirksam, wenn es sich über einen längeren Zeitraum erstreckt … Effektiv wäre eine solche Politik, wenn Israel merkt, daß der amerikanische Präsident willens ist, an ihr festzuhalten und zugleich das Ausmaß der Militärhilfe zu überdenken.«7

Noch vor wenigen Jahren wäre es in der Tat einfach gewesen, eine solche Politik zu betreiben, um Israel zu motivieren, sich dem Konsens der internationalen Staatengemeinschaft anzuschließen, den auch die großen arabischen Staaten, die Bevölkerung in den besetzten Gebieten und die Mehrheitsfraktion der PLO befürworteten, nämlich eine politische Regelung, die zwei Staaten, anerkannte Grenzen, Sicherheitsgarantien und die Aussicht auf eine langfristige friedliche Regelung des Konflikts vorsah. Vorbedingung wäre natürlich gewesen, daß auch die USA selbst diese Lösung unterstützten, nicht aber die Verweigerungshaltung der Arbeiterpartei und, danach, des von Menachem Begin geführten Likud-Blocks. Diese Interpretation der jüngsten Geschichte des Nahostkonflikts entspricht zwar nicht der in den USA verbreiteten Standardversion, ist aber im Ausland geläufig und hat dazu noch den Vorteil, den Tatsachen zu entsprechen.8

Was vor wenigen Jahren noch einfach gewesen wäre, ist heute erheblich schwieriger und vielschichtiger geworden, denn mittlerweile ist überhaupt nicht mehr klar, was geschehen würde, sollten die Vereinigten Staaten beschließen, ihr Engagement für ein Groß-Israel, das die Region im Interesse der amerikanischen Macht beherrscht, ebenso zu beenden wie ihre gegen den internationalen Konsens gerichtete militärische und ideologische Schützenhilfe. Die Frage ist von großer Bedeutung, und ich werde mich im folgenden mit dem geschichtlichen Hintergrund, den entscheidenden Problemen und den augenblicklichen Zukunftsaussichten beschäftigen.

Dabei geht es mir nicht um eine umfassende Darstellung der vielfältigen Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten, Israel und den Palästinensern, sondern, bescheidener, um den Nachweis bestimmter Elemente der »Sonderbeziehung« zwischen den USA und Israel und das Verhältnis der beiden Staaten zu den ursprünglichen Bewohnern der Region namens »Palästina«. Diese Relationen sind, wie ich meine, bisher unzureichend analysiert und oftmals falsch dargestellt worden, was zu einer Politik führte, die nicht nur verabscheuungswürdig, sondern auch äußerst gefährlich ist.

Meine Bemerkungen befassen sich kritisch mit einer israelischen Politik, die der einheimischen Bevölkerung seit Jahren das Recht auf nationale Selbstbestimmung verwehrt, sie vielmehr unterdrückt und terrorisiert und deren Propagandabemühungen in den USA höchst erfolgreich waren, Israel selbst jedoch zum Nachteil gereicht haben. Zweierlei möchte ich in diesem Zusammenhang vorab betonen. Zum einen unternehme ich nicht den Versuch einer allgemeinen Geschichtsschreibung, sondern richte mein Augenmerk auf das, was meiner Meinung nach falsch gelaufen ist und geändert werden sollte, nicht aber auf das, was positiv hervorzuheben wäre.9 Zum anderen soll meine Beschäftigung mit der israelischen Politik nicht verbergen, daß die Hauptverantwortung bei den USA liegt, deren Regierungen diese Politik geduldet, wo nicht gefördert haben. Bei uns wird die öffentliche Meinung in einem bemerkenswerten Ausmaß von Personen beherrscht, die sich als »Unterstützer Israels« bezeichnen. Diesen Ausdruck will auch ich verwenden, wenngleich mir scheint, man solle sie besser »Unterstützer des moralischen Verfalls und der drohenden Zerstörung Israels« nennen. Angesichts dieses ideologischen Klimas und der dadurch ermöglichten konkreten Maßnahmen unserer Regierungen konnte sich die israelische Politik auf vorhersehbare Weise entwickeln. Sollte sich an den Grundzügen dieser Verhältnisse und Beziehungen nichts ändern, dürfte die Zukunft nicht allzu rosig aussehen.

Die Grundzüge des US-amerikanischen Beitrags zur israelischen Expansionspolitik wurden auf brutale Weise im September 1982 deutlich, als das Massaker in den Palästinenserlagern von Sabra und Schatila weltweite Proteste hervorrief. Der israelische Einmarsch in den Libanon war in den USA insgesamt gutgeheißen und nur dort, wo er zu weit zu gehen und amerikanische Interessen zu bedrohen schien oder zu viele zivile Opfer kostete, mit einigen Fragezeichen versehen worden. Vieles erinnerte an den amerikanischen Angriff auf Südvietnam 1962, dem einige Jahre später der Krieg gegen Indochina folgte; ein Ereignis, das laut US-offizieller Geschichtsschreibung nicht stattgefunden hat.

Auch als Israel am 15. September West-Beirut besetzte, rührte sich bei uns noch nichts; erst das Massaker von Sabra und Schatila führte zu heftigen Verurteilungen, die sich in erster Linie an die christlichen Falange-Milizen, die eigentlichen Urheber des Verbrechens, in zweiter Linie an die israelische Regierung richeten, der es nicht gelungen sei, die Bewohner des Lagers zu schützen. In einer wahren Flut von Briefen und Artikeln wurde Begin wegen seiner gewalttätigen Maßnahmen, seiner Täuschungsmanöver und seiner anfänglichen Ablehnung einer offiziellen Untersuchung gegeißelt und der vorbildlichen Haltung der Arbeitspartei kontrastiert, die das »schöne«, das »bessere« Israel von einst repräsentierte, das Begin und Scharon jetzt zugrundezurichten drohten.

Hauptmann Eli Geva, der aus der israelischen Armee entlassen worden war, weil er sich geweigert hatte, seine Truppen auf West-Beirut marschieren zu lassen, wurde mit den Worten zitiert:

»Hier herrscht das Gefühl, daß das Haus in Flammen steht. Unser Land ist in einer Art Erdrutsch begriffen, und jeder, der noch an dieses Land glaubt, muß dazu beitragen, den Erdrutsch aufzuhalten.«10

Viele stimmten dem zu, darunter auch eine ganze Anzahlder bereits erwähnten »Unterstützer Israels«, die in Begin den eigentlichen Verursacher dieses Erdrutsches sahen.

In Israel selbst rief das Massaker von Beirut Zorn und Entsetzen hervor. Es gab zahlreiche Proteste gegen die Regierungspolitik und eine Großdemonstration, die von der oppositionellen Arbeitspartei unterstützt wurde. Insgesamt jedoch genossen Begin und seine Koalition weiterhin das Vertrauen der Bevölkerungsmehrheit, die schon den Einmarsch in den Libanon leidenschaftlich unterstützt hatte.

Sehr interessant war die Reaktion in den Vereinigten Staaten. Nach anfänglich scharfer Verurteilung war man sich bald schon mehrheitlich einig, daß der israelische Umgang mit den blutigen Ereignissen die hohen moralischen Maßstäbe dieses Landes zeige. Ein Leitartikel in der New York Times sah im Zorn der Israelis »die angemessene Antwort einer Gesellschaft, in der moralische Sensibilität zu den Prinzipien des politischen Lebens gehört«. Ähnlich äußerten sich auch Zeitschriften, denen sonst eine eher kritische Haltung zu Israel nachgesagt wird. So entdeckte Time in den Protesten von Angehörigen der israelischen Streitkräfte »den gleichen aufrichtigen, hochmoralischen Zorn, der Israel durch seine an Tumulten reiche Geschichte geleitet hat«. Als einige Monate nach dem Massaker der Bericht der israelischen Untersuchungskommission erschien, wollten die Lobeshymnen über diesen erhabenen Triumph von Demokratie und Moral kein Ende nehmen.11

Dergleichen feierliche Beschwörungsformeln würden in bezug auf einen anderen Staat als peinliche Entgleisung empfunden werden, in den USA jedoch sind sie, was Israel angeht, gang und gäbe. Das genaue Gegenbild geben dann die Palästinenser und ihre Organisationen sowie die Araber im allgemeinen ab: Sie stehen mit Terror, Gewalt und Irrationalität im Bunde und weigern sich, die Existenz Israels oder auch nur die Normen zivilisierten Verhaltens zu akzeptieren. Diese Verteilung von Licht und Schatten findet sich nicht nur in der Berichterstattung, sondern auch in Fernsehspielfilmen, wo es unmöglich wäre, einem Israeli die Rolle des arabischen Schurken zukommen zu lassen.

Eli Geva hat sicherlich recht, wenn er von einem Erdrutsch spricht, aber wann hat er begonnen, und was hat die Arbeitspartei, die Israel von der Staatsgründung bis 1977 regierte, damit zu tun? Die historischen Fakten, so meine ich, zeigen deutlich, daß der »Erdrutsch« nicht erst mit Begin und dem Likud begonnen hat. Das Haus stand schon lange vorher in Flammen, und die Unterstützer Israels haben, wie viele wahrhaft friedliebende Israelis immer wieder bedauernd feststellen mußten, Öl ins Feuer gegossen. All jene, die dem Erdrutsch stillschweigend zuschauten oder ihm nachhalfen oder ihn apologetisch verschleierten oder gar die Palästinenser dafür verantwortlich machten, haben das ihre dazu getan, den Brand zu entfachen und die Flammen zu nähren, die sich schließlich bis nach Sabra und Shatila durchfraßen.

Es wäre also heilsam, die Heuchelei aufzugeben. Entweder unterstützen wir die Entwicklung zu einem Groß-Israel und unterlassen es, die schwerwiegenden Folgen dieser Entscheidung zu beklagen, oder wir hören auf, die Mittel für dieses Projekt bereitzustellen und sorgen statt dessen dafür, daß die berechtigten Forderungen der Palästinenser und Israels erfüllt werden. Noch ist es dafür nicht zu spät, auch wenn die Möglichkeiten Jahr für Jahr geringer werden, während Israel wächst und seine Militärmacht – jetzt wohl an vierter Stelle hinter den USA, der Sowjetunion und China – stärker wird.12 Schon bald mag eine Umkehr unmöglich sein, worunter dann nicht nur der Nahe Osten, sondern die ganze Welt zu leiden hätte.

I DIE URSPRÜNGE DER »SONDERBEZIEHUNG« ZWISCHEN ISRAEL UND DEN USA

1. Die Unterstützung Israels durch die USA

Weltpolitisch und vor dem Hintergrund der amerikanischen Kultur ist die Beziehung zwischen Israel und den Vereinigten Staaten seit langem ein Kuriosum, dessen Einzigartigkeit auch im Abstimmungsverhalten bei den Vereinten Nationen sichtbar wird. So votierten die USA am 26. Juni 1982 allein gegen eine Resolution des UN-Sicherheitsrats, die den gleichzeitigen Rückzug palästinensischer und israelischer Streitkräfte aus Beirut forderte. Begründet wurde das Veto mit der Behauptung, dieser Plan sei »ein durchsichtiger Versuch, die PLO als politische Kraft am Leben zu erhalten«, was die amerikanische Regierung offenbar für eine unerträgliche Vorstellung hielt.13 Einige Stunden später stimmten die USA und Israel als einzige gegen eine Resolution der UN-Generalversammlung, die für die Beendigung der Feindseligkeiten im Libanon und an der israelisch-libanesischen Grenze eintrat, und bereits zuvor war Washington zu einer ansonsten einmütigen Resolution des Sicherheitsrats, die Israel verurteilte, weil es die Forderung nach dem Abzug seiner Truppen unbeachtet gelassen hatte, auf Distanz gegangen.14 Dieses Verhaltensmuster ist von bemerkenswerter Festigkeit.

Konkreteren Ausdruck findet die Sonderbeziehung in der langjährigen Militär- und Wirtschaftshilfe, die Israel von seinem transatlantischen Gönner gewährt wird. Der genaue Umfang ist unbekannt, weil er auf vielerlei Weise verschleiert wird. Bereits vor 1967, also noch ehe die »Sonderbeziehung« in ihr Reifestadium trat, übertrafen die Zuwendungen, prozentual auf die Bevölkerung berechnet, alles, was anderen Ländern gewährt wurde. In diesem Zusammenhang weist der Nahost-Spezialist Nadav Safran von der Harvard-Universität darauf hin, daß ein substantieller Teil dieser Unterstützung auf den umfangreichen Kapitaltransfer von ausländischen Quellen zurückzuführen ist, der praktisch die gesamten in Israel getätigten Investitionen umfaßt. Auch deshalb kann Israels Wirtschaftswachstum kein Modell für unterentwickelte Länder abgeben.15 Wenn man alle Faktoren in Rechnung stellt, belaufen sich die Hilfsleistungen auf jährlich etwa 1000 Dollar für jeden israelischen Bürger. Schon die öffentlich bekanntgegebenen Ziffern sind erstaunlich hoch. Von 1978 bis 1982 gingen 48 Prozent der gesamten US-Militärhilfe und 35 Prozent der Wirtschaftshilfe an Israel. Für das Haushaltsjahr 1983 zweigte die Regierung Reagan von dem 8,1 Milliarden Dollar umfassenden Budget für Entwicklungshilfe 2,5 Milliarden für Israel ab. Dazu gehörten 500 Millionen Dollar in Form von Krediten und 1,2 Milliarden Dollar in Form von zinsgünstigen Darlehen.16 Hinzu kommen indirekte Finanzhilfen, wie erhebliche Preisnachlässe für Waffenkäufe und andere Methoden, zu denen auch steuerabzugsfähige »gemeinnützige« Spenden gehören (die letztlich den amerikanischen Steuerzahler belasten), über deren Verwendung noch zu reden sein wird.17 Damit aber war einer der prominentesten liberalen Demokraten, Senator Alan Cranston aus Kalifornien, noch nicht zufrieden. Er »schlug einen Zusatz zum Entwicklungshilfegesetz vor, in dem festgelegt werden sollte, daß die amerikanische Wirtschaftshilfe für Israel nicht niedriger sein sollte als der Schuldbetrag, den Israel an die Vereinigten Staaten zurückzahlen muß«. Das lief, wie Senator Charles Percy bemerkte, auf die Verpflichtung hinaus, »alle gegenwärtigen und zukünftigen israelischen Schulden zu decken«.18

Das war vor dem Libanonkrieg, der den Süden des Landes verwüstete, die gnadenlose Belagerung und Bombardierung Beiruts mit sich brachte und – als Reaktion auf Präsident Reagans Aufforderung, die weitere Besiedlung des Westjordanlandes gemäß seinen Vorschlägen für eine Friedensregelung auszusetzen – die Ausweitung dieser Besiedlung. Daraufhin stellte sich für den US-Kongreß die Frage, ob man Israel bestrafen müsse, indem man »knallhart« nur die von Reagan vorgesehene, substantielle Erhöhung der Hilfsleistungen bewilligen19 oder aber milder verfahren und über die Vorschläge Reagans hinausgehen solle, was der Senat und die meisten liberalen Abgeordneten verlangten. Glücklicherweise war die Presse diszipliniert genug, die eher komischen Aspekte dieses geläufigen Verfahrens nicht ins Licht zu rücken. Die Folgen dieses Signals der Zustimmung an Israel waren freilich alles andere als komisch.

Nicht komisch ist auch ein anderes Charakteristikum der Hilfsleistungen: Rein theoretisch unterliegt ihre Verwendung Einschränkungen (so dürfen z. B. Clusterbomben nur zur Selbstverteidigung eingesetzt und Entwicklungsgelder lediglich für Projekte innerhalb der israelischen Grenzen von vor 1967 [d. h. vor dem Sechstagekrieg] verwendet werden), aber in der Praxis wird das nicht weiter kontrolliert. Bestenfalls führt der illegale Einsatz von Waffen hin und wieder zu einer Ermahnung oder einem zeitweiligen Lieferstopp, damit die öffentliche Meinung nicht unnötig erregt wird. Auch der Einsatz von US-Geldern für die von Washington als illegal eingestuften Siedlungs- und Entwicklungsprogramme in den besetzten Gebieten unterlag nur theoretisch einem Verbot, weil es keine Möglichkeiten gibt, die Sanktionen durchzusetzen: »Im Gegensatz zu anderen Ländern sind die Projekte, die wir in Israel finanzieren, nicht spezifisch gebunden«, bemerkt Ian Lustick, und die »Verwendung unserer Gelder durch die israelische Regierung ist niemals, weder durch das Außenministerium noch durch die Hilfsorganisationen kontrolliert worden«.

Vergleichen wir damit das US-Programm für Ägypten, das seit Camp David mehr nicht-militärische Entwicklungshilfe empfängt als alle anderen Länder mit Ausnahme von Israel. Hier überwacht ein mit 125 Personen besetztes Büro genauestens alle Details der Leistungen. Ägypter, die sich in der Materie auskennen, äußern sich höchst kritisch über das Programm, das ihrer Meinung nach eher amerikanischen Bedürfnissen angepaßt ist, weil es nicht nur US-Importe, die auf amerikanischen Schiffen transportiert werden, finanziert, sondern auch Berater, obwohl ausgebildetes Personal für einen Bruchteil der Kosten in Ägypten selbst verfügbar ist. Die USA liefern Weizen, »an dem Farmer im Mittleren Westen gut verdienen, obwohl das Getreide zum halben Preis in Ägypten angebaut werden könnte«, meint ein ehemaliger AID-Direktor. Zudem wird die ägyptische Gesellschaft so stark infiltriert, daß manche die nationale Sicherheit des Landes gefährdet sehen.20

Diese Beispiele zeigen die diplomatische und materielle Unterstützung für Israel, die auf der ideologischen Ebene durch die Verbreitung hartnäckiger Illusionen über das Wesen der israelischen Gesellschaft und den Nahostkonflikt gekennzeichnet ist. Seit 1967 ist die Diskussion über diese Themen in den USA zunehmend schwieriger geworden, weil gegen diejenigen, die es wagten, den offiziellen Konsens in Frage zu stellen, eine höchst wirksame Veleumdungskampagne geführt wurde, bei der man auch vor Lügen nicht zurückschreckte.21 Diese Tatsache ist gleichermaßen von friedensengagierten Israelis beklagt worden, die in den USA eine ähnliche Behandlung erfuhren, wodurch ihre Position in der Heimat geschwächt wurde. So meinte General Mattitjahu Peled, die »an Hysterie grenzende … chauvinistische und engstirnige« Unterstützung von Vertretern der reaktionärsten israelischen Politik berge die Gefahr, daß Israel erneut »in eine Haltung forcierter Gleichgültigkeit gedrängt wird«.22 Der bekannte israelische Journalist und Historiker Simcha Flapan hält »die Vorurteile der amerikanischen Juden« mittlerweile »für das größte Hindernis« auf dem Weg zu einem Dialog zwischen Amerika, Israel und den Palästinensern, ohne den es »kaum Chancen gibt, auf dem mühseligen Weg zum Frieden voranzukommen«.23 Daran sind allerdings, was die USA betrifft, nicht nur die Vorurteile der amerikanischen Juden schuld.

2. Politischer Lobbyismus in den USA

Die »Sonderbeziehung« wird oft als Resultat der Arbeit politischer Lobbygruppen gesehen, zu denen vor allem die jüdische Gemeinschaft in den USA zählt, die über wirksame Mittel verfügt, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen.24 Aber das ist nur ein Aspekt, und sicher nicht der hauptsächlichste, denn zum einen ist der Kreis der Unterstützer viel größer und zum anderen der Einfluß von Lobbygruppen auf politische Entscheidungen nicht so groß, wie häufig angenommen wird. Betrachten wir diese beiden Punkte der Reihe nach.

Die »pro-israelische Lobby« – ein Ausdruck von Seth Tillman – umfaßt sehr viel mehr als nur die jüdische Gemeinschaft. Zu ihr gehören große Teile der liberalen Meinungsführer, die Gewerkschaftsspitzen,25 religiöse Fundamentalisten,26 »konservative« Befürworter eines starken, militärkeynesianistisch ausgerichteten und außenpolitisch aggressiven Staats sowie kalte Krieger aus allen Lagern. Das sehen israelische Politiker gern, und keineswegs nur die rechtsgerichteten. So erklärte der zur Fraktion der »Tauben« gerechnete Jitzhak Rabin von der Arbeiterpartei nach dem Jom-Kippur-Krieg (1973), Israel solle keine politische Lösung des Konflikts anstreben, sondern lieber »Zeit gewinnen« in der Hoffnung, daß »wir uns später in einer besseren Situation befinden, wenn die USA gegenüber der Sowjetunion eine aggressivere Haltung einnehmen sollte«.27

Viele amerikanische Zionistenführer sind sich dieser Tatsachen bewußt. Im Dezember 1980 ließen einige von ihnen in der Jewish Week verlauten: »Die Juden haben mit der ›Moral Majority‹ potentiell mehr gemeinsame Interessen als mit dem Nationalen Kirchenrat.« Jacques Torczyner, ehemaliger Präsident der Zionistischen Organisation von Amerika und führendes Mitglied der Zionistischen Weltorganisation, schrieb: »Zuallererst müssen wir zu dem Schluß kommen, daß die rechten Reaktionäre die natürlichen Verbündeten des Zionismus sind, und nicht die Liberalen.«28 Letzteres ist, wie wir noch sehen werden, falsch; und auch die linken und pazifistischen Organisationen in den USA stehen, von Einzelfällen abgesehen, auf der Seite Israels, wobei sie bereitwillig die Augen vor Praktiken verschließen, die sie in anderen Ländern anprangern.

Vor kurzem erschien in den USA ein Buch mit dem Titel The Real Antisemitism in America. Verfasser sind der Direktor der Anti-Defamation League (ADL) von B’nai Brith, Nathan Perlmutter und seine Frau Ruth. In den Vereinigten Staaten zählt die Liga zu den für Bürgerrechte engagierten Organisationen, ein einstmals wohlverdienter Ruf. Mittlerweile jedoch ist es ihr Hauptanliegen, Kritiker der israelischen Politik mundtot zu machen und auch Israelis, die den Treuetest nicht bestehen, zu verunglimpfen. Das geschieht häufig mit »Informationen« in Form von unsignierten Flugblättern u. dgl.29 Für Seth Tillman gehört die ADL zur »pro-israelischen Lobby«, und in Israel gilt sie als »eine der Hauptsäulen« israelischer Propaganda in den USA.30

Nathan und Ruth Perlmutter zitieren Untersuchungen, denen zufolge der in den Vereinigten Staaten »einst virulente« Antisemitismus abgeebbt sei. Zwar gebe es noch hier und da anti-jüdische Einstellungen, doch seien sie nicht stärker als Vorurteile gegen andere religiöse und ethnische Gruppen. Worin also besteht der »wahre Antisemitismus«? Er äußert sich, so die Autoren, in den Handlungen »von Vietnamkriegsgegnern, Rüstungskonvertiten à la ›Schwerter zu Pflugscharen‹, die für die terroristische PLO eintreten …« Die Perlmutters befürchten, »daß heutzutage der Krieg schlechtgemacht wird und der Frieden eine allzu geneigte Presse findet«. Sie sind besorgt über die »Verleumdungen seitens der Linken wegen unserer Unterstützung für den Krieg in Vietnam« und der Kritik der ADL an den Versuchen, den amerikanischen Verteidigungshaushalt zu beschneiden. »Neben dem Öl ist es die Ideologie der Liberalen, selbst einen ungerechten Frieden der Konfrontation vorzuziehen, die heute die Juden gefährdet.« Bedroht sind die jüdischen Interessen auch »durch die jetzige Linke, die hier und im Ausland die Vereinigten Staaten wegen ihres Engagements in Nicaragua und El Salvador angreift« – weil nämlich die mittelamerikanischen Diktatoren Freunde Israels waren, deren Zuneigung gerne erwidert wurde. Die Autoren verschweigen allerdings, warum die Opfer dieser Diktatoren keine Freunde Israels waren; nicht, weil es sich um Antisemiten gehandelt hätte, sondern weil sie mit israelischen Waffen bedroht und ermordet oder von Soldaten gefoltert wurden, die ihre Ausbildung israelischen Fachkräften verdankten. Gefährlich finden die Perlmutters auch Organisationen wie den Nationalen Kirchenrat, die Israel auffordern, »die PLO in die Nahost-Friedensverhandlungen einzubeziehen«.

Insgesamt gehen die Autoren davon aus, daß die »israelischen Interessen« – worunter sie implizit die Interessen eines Groß-Israel verstehen, das den Palästinensern keinerlei Rechte zugesteht – mit den »jüdischen Interessen« identisch sind, folglich also jeder, der für diese Rechte eintritt oder eine Politik befürwortet, die die »israelischen Interessen« bedrohen könnte, »objektiv« (ein beliebter rhetorischer Ausdruck der Stalinisten) antisemitisch ist. Somit verkörpern all jene, die für den Frieden eintreten und die Unterstützung blutrünstiger Tyrannen durch die USA anprangern, den »wahren Antisemitismus«, der extrem gefährlich ist.31

Die Methode, Kritikern Israels Antisemitismus – oder, wenn es sich um Juden handelt, »jüdischen Selbsthaß« – vorzuwerfen, ist nicht neu. Selbst Abba Eban, der hochangesehene Diplomat der Arbeiterpartei, ließ sich zu der Bemerkung hinreißen: »Eine der hauptsächlichen Aufgaben im Dialog mit der nicht-jüdischen Welt liegt in dem Nachweis, daß es zwischen Antisemitismus und Antizionismus [verstanden als Kritik an der Politik des israelischen Staats] keinen Unterschied gibt.« Jüdische Kritiker (Eban nennt als Beispiele I. F. Stone und mich) leiden an einem »Schuldkomplex«, weil sie die Schrecken der Vernichtung überlebt haben.32 In seiner ausgezeichneten Untersuchung über die vorstaatliche Periode der israelischen Einwanderung führt Christopher Sykes den Ursprung der Gleichsetzung von Antizionismus und Antisemitismus (»eine neue Phase der zionistischen Propaganda«) auf eine »wütende Attacke« Ben-Gurions gegen ein britisches Gericht zurück, das 1943 zionistische Führer des illegalen Waffenhandels bezichtigt hatte: »Seitdem war Antizionismus antisemitisch.«33 Allerdings wurde die Taktik erst nach dem Sechstagekrieg, als die israelische Politik immer schwerer zu verteidigen war, zu jener hohen Kunst ausgebildet, die sie heute darstellt.

In ihrer Unterstützung für Israel ist sich die jüdische Gemeinschaft in den USA bemerkenswert einig (was, wie bereits gesagt, israelischen Friedensaktivisten das Leben nicht gerade erleichtert), und es gibt sogar lebhafte Diskussionen darüber, ob man die israelische Politik überhaupt legitimerweise kritisieren dürfe. So bekundet z. B. Elie Wiesel:

»Ich unterstütze Israel – Punkt. Ich identifiziere mich mit Israel – Punkt. Ich greife Israel niemals an und kritisiere Israel niemals, wenn ich nicht in Israel bin.«

Zu dem, was in den besetzten Gebieten geschieht, weiß Wiesel nichts zu sagen:

»Was zu tun ist und wie, weiß ich nicht, weil mir dazu die notwendigen Kenntnisse und Informationen fehlen … Um sie zu besitzen, müßte man in einer Machtposition sein … Ich verfüge nicht darüber, also kann ich nichts sagen …«34

Ein derart unkritisches Verhältnis zum Staat findet man sonst nur in totalitären Ideologien.

3. Strategische Interessen der USA

Kommen wir zum Ausgangspunkt zurück. Weder ist die pro-israelische Haltung der Vereinigten Staaten allein das Werk einer jüdischen Lobby, noch wäre diese – und das gilt für Lobbygruppen generell – in der Lage, irgend Einfluß auf die öffentliche Meinung oder politische Entscheidungen auszuüben, wenn ihre Ziele nicht mit denen der eigentlichen Führungsschichten übereinstimmten. Allerdings gibt es auch innerhalb dieser Schichten Differenzen inhaltlicher oder taktischer Art. Dennoch stimmt, wie ein näherer Blick zeigt, die Behauptung, daß die Entwicklung der amerikanisch-israelischen Beziehungen »vor allem durch die sich wandelnde Rolle bestimmt wird, die Israel im Zusammenhang mit den sich wandelnden Auffassungen der USA über ihre politisch-strategischen Interessen im Nahen Osten erhalten hat«.35 Wenden wir uns also, um diese Beziehungen aufzuhellen, dem historischen Hintergrund zu.

Trotz aller Unterstützung für Israel richtet sich das strategische Hauptinteresse der USA im Nahen Osten auf die Energiereserven der arabischen Halbinsel. 1945 hieß es in einer Analyse des US-Außenministeriums, Saudi-Arabien sei »eine ungeheure Quelle strategischer Macht und einer der größten Preise, den die Weltgeschichte zu vergeben hat«.36 Die USA setzten alles daran, diesen Preis zu gewinnen, und seit dem Zweiten Weltkrieg gehört es zu den Axiomen ihrer Politik, die Kontrolle über das Öl zu behalten und gegen diverse Bedrohungen zu verteidigen.

Rein rhetorisch mußten die nahöstlichen Energiereserven natürlich gegen die UdSSR verteidigt werden, obwohl die Bedrohung regierungsintern wohl kaum jemals für wirklich realistisch gehalten wurde (was nicht heißt, daß Ideologen nicht irgendwann selbst an die von ihnen zu ganz anderen Zwecken erfundenen Phantasien glauben).37 De facto aber hat sich die Sowjetunion in jener Region weitgehend aus dem Einflußbereich der USA herausgehalten.

Die Grenzen des Einflußbereichs wurden schon bald nach dem Zweiten Weltkrieg gesteckt, als die USA 1947 in Griechenland den linken Aufstand bekämpften. Zuvor hatte Großbritannien die königstreuen Kräfte und ehemalige NS-Kollaborateure gegen den antifaschistischen Widerstand zurück an die Macht gebracht; Churchill hatte den Truppen die Anweisung gegeben, in Athen »so zu handeln, als wären sie in einer eroberten Stadt, wo eine lokale Rebellion stattfindet«.38 Allerdings bekamen die vom Krieg geschwächten Engländer die Lage nicht in den Griff, weshalb die Amerikaner die Aufgabe übernahmen, die von Kommunisten geführte Bewegung zu zerschlagen und die Monarchie – mit König Paul und Königin Friederike, die beide in der faschistischen Jugendbewegung tätig gewesen waren – zu erhalten. Innenminister wurde der (so US-Geheimdienste) ehemalige Kollaborateur Mavromichalis. Einige US-Senatoren fanden das mit der Truman-Doktrin – »Unterstützung freier Völker, die sich gegen ihre Unterjochung durch bewaffnete Minderheiten oder Druck von außen wehren« – nicht recht vereinbar. Ihnen erklärte Senator Henry Cabot Lodge: »Diese faschistische Regierung, mittels derer wir operieren müssen, ist kein Dauerzustand.«39

Der Kampf gegen die griechische Linke war kein geringfügiges Unternehmen: 160 000 kamen dabei um, 800 000 mußten fliehen. Die amerikanische Botschaft selbst machte es sich zur Aufgabe, die »subversiven gesellschaftlichen Kräfte« (so Botschafter Lincoln MacVeagh) zu beseitigen, die »Vorherrschaft des Staats« uneingeschränkt wiederherzustellen und den »Aufstand der Banditen« niederzuschlagen (genauso lautete die sowjetische Sprachregelung für Afghanistan). So wurden Zehntausende vertrieben, Zehntausende auf Gefängnisinseln verbannt und dort gefoltert oder ermordet (oder, wenn sie Glück hatten, nur »umerzogen«). Die Macht der Gewerkschaften wurde gebrochen, auch westlich orientierte sozialistische Parteien unterdrückt und die Wahlen schamlos manipuliert, damit sie von den rechten Leuten gewonnen werden konnten. Die sozialen und wirtschaftlichen Folgen waren deprimierend: Noch ein Jahrzehnt später, »zwischen 1959 und 1963 emigrierte fast ein Drittel der griechischen Arbeitskräfte, weil es in der Heimat kein Auskommen gab«.40 Auch der Militärputsch von 1967 war ein spätes Echo dieser Nachkriegsvorgänge.

Die Kampagne wurde nicht zuletzt um des nahöstlichen Öls willen geführt. In seiner Rede vom 12. März 1947 bemerkte Truman anläßlich der Verkündigung seiner Doktrin, man müsse nur auf die Landkarte schauen, um zu sehen, daß der gesamte Nahe Osten zu einem Unruheherd würde, falls Griechenland in die Hand der Rebellen fiele. Eine Untersuchung der CIA vom Februar 1948 mutmaßte, daß im Falle eines Siegs der Aufständischen »die USA den möglichen Verlust der Ölreserven des Nahen Ostens« befürchten müßten.41 Natürlich war auch von sowjetischer Bedrohung die Rede, obwohl Stalin ebenfalls daran gelegen war, den griechischen Widerstand unter Kontrolle zu bringen, weil er seinerseits vermeiden wollte, daß der gesamte Balkan unter den Einfluß von Tito geriet.

Der militärisch wie ideologisch erfolgreiche Kampf gegen den griechischen Aufstand bildete das Fundament der weiteren US-Politik – Eindämmung des »sowjetischen Einflusses« im Nahen Osten –, auch wenn niemals davon die Rede war, daß die UdSSR einen Atomkrieg führen würde, um in den Besitz der Ölquellen zu gelangen.

Realistischer war die Bedrohung, die europäische Mächte für die amerikanische Vorherrschaft in der Region darstellten. In den vierziger Jahren konnten die USA zunächst Frankreich, dann Großbritannien verdrängen, was z. T. planmäßig geschah, z. T. aus der veränderten Machtverteilung resultierte.42 Der von der CIA geförderte Putsch, mit dem 1953 im Iran der Schah reinthronisiert wurde, hatte u. a. zur Folge, daß 40 Prozent des iranischen Öls aus britischen in amerikanische Hände gelangten, was die New York Times zu der besorgten Frage veranlaßte, ob man in Großbritannien nun glaube, daß der »amerikanische ›Imperialismus‹ … die Briten wieder einmal aus einer historischen Festung verdrängt hat«. Abgesehen davon freuten sich die Leitartikler der Zeitung darüber, daß »unterentwickelte Länder mit reichen Rohstoffvorkommen jetzt erkennen, wie teuer es für sie wird, wenn sie fanatischem Nationalismus verfallen«.43

Auch danach war es den USA darum zu tun, den europäischen Einfluß zurückzudrängen. 1956 mußten England und Frankreich, die zusammen mit Israel den Suez-Kanal blockiert hatten, sich zurückziehen und das ägyptische Territorium räumen, und noch 1973 warnte Henry Kissinger in seiner Ansprache zum »Europäischen Jahr« vor der Gefahr eines europäisch dominierten Handelsblocks, zu dem auch Nordafrika und der Nahe Osten unter Ausschluß der USA gehören würden. Später bekannte er bei einer privaten Zusammenkunft, daß es nach 1973 zu den Grundelementen seiner Politik gehört habe, Japaner und Europäer aus den diplomatischen Bemühungen um den Nahen Osten herauszuhalten.44

Das dritte Element einer potentiellen Bedrohung ist für die USA der »radikale Nationalismus«. In diesem Zusammenhang hat sich die Sonderbeziehung zwischen Israel und den Vereinigten Staaten entwickelt. Zu Beginn der fünfziger Jahre war noch alles in der Schwebe, und eine Zeit lang sah es so aus, als suchte Washington eine engere Beziehung zum ägyptischen Präsidenten Nasser. Um das zu verhindern, führte Israel in Ägypten Terroranschläge gegen ägyptische und amerikanische Einrichtungen aus, in der Hoffnung, diese würden einheimischen ultranationalistischen Fanatikern zugeschrieben.45

Erst ab Ende der fünfziger Jahre machte sich die US-Regierung allmählich die These zu eigen, ein starkes Israel könne als »strategischer Aktivposten« sowjetischerseits geförderte nationalistische Bestrebungen in der Region im Zaum halten und so amerikanische Interessen schützen. Ein Memorandum des Nationalen Sicherheitsrats von 1958 bemerkte damals, es sei, um dem radikalen arabischen Nationalismus Einhalt zu gebieten, »logisch … Israel als einzig noch verbliebene starke, pro-westliche Macht im Nahen Osten zu unterstützen«.46 Israel selbst schloß einen Geheimpakt mit der Türkei, dem Iran und Äthiopien, der, David Ben-Gurions Biograph zufolge, von US-Außenminister John Foster Dulles angeregt worden und dem »eine lange Dauer« beschieden war.47 Während der sechziger Jahre sah der amerikanische Geheimdienst in Israel ein Gegengewicht zum sowjetischen Einfluß und zum von Nasser ausgeübten Druck auf die Ölförderstaaten am Golf. Diese Einschätzung wurde durch Israels überzeugenden Sieg im Sechstagekrieg von 1967 noch verstärkt. Damals eroberte Israel die Sinai-Halbinsel, den Gazastreifen, das Westjordanland und, nach einer von Verteidigungsminister Mosche Dajan eigenmächtig in Verletzung des Waffenstillstandsabkommens durchgeführten Aktion, die Golanhöhen.48