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Was, wenn ausgerechnet der Mensch, dem Du dein Herz geschenkt hast, das fehlende Puzzlestück deiner schmerzhaften Vergangenheit ist? Julie ist eine junge, erfolgreiche Anwältin aus München. Sie liebt die Großstadt, ihren ambitionierten Job und ihr strukturiertes Leben. Doch hinter ihrer immerzu kontrollierten Fassade steckt ein zutiefst gebrochenes Herz und eine Vergangenheit, die ihr noch immer schmerzvoll auf der Seele lastet. Als sie ein neuer Fall in ihre alte Heimat zurückführt, brechen längst vergessene Wunden wieder auf. Und ausgerechnet Dominik, jener junge Mann, den sie eigentlich vor Ort strafrechtlich vertreten soll, scheint ihre größte Stütze im Kampf gegen ihre qualvollen Erinnerungen zu sein. Doch je näher sich die beiden kommen, je mehr sie ihr Herz für einander öffnen, desto stärker gelangen all ihre verdrängten Gefühle zurück an die Oberfläche. Und schon bald muss Julie schmerzlich erfahren, dass sie beide so viel mehr verbindet, als zunächst angenommen, und dass die Schatten ihrer Vergangenheit ein und dieselben sind.
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Seitenzahl: 445
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Keine Heimat ohne Dich ist rein fiktiv. Dennoch behandelt diese Geschichte Themen – mal oberflächlicher, mal intensiver –, auf die ich zu Beginn kurz aufmerksam machen möchte. Themen, wie Verlust, Suizid, Tod, Psychosen, Tablettenabhängigkeit.
Nicole Klein entdeckte bereits in jungen Jahren ihre Leidenschaft für das Schreiben. Sie studierte in Ravensburg Medien-und Kommunikationswirtschaft und lebt ihre Kreativität seit vielen Jahren als Marketingmanagerin und freiberufliche Autorin aus. Gemeinsam mit ihrer Familie lebt sie in Stuttgart.
dem Du dein Herz geschenkt hast,
das fehlende Puzzlestück deiner
schmerzhaften Vergangenheit ist?
Für Daniel. Meine Heimat – immer schon.
Did you make it to the Milky Way to see the lights
all faded and that heaven is overrated?
Tell me, did you fall for a shooting star,
one without a permanent scar?
Did Venus blow your mind?
Was this everything you wanted to find?
And did you miss me, while you were looking
for yourself out there?«
Drops of Jupiter, Train
PROLOG - Das Schicksal und ich
TEIL I - Julie
KAPITEL 1 - Einmal Milchstraße und zurück
KAPITEL 2 - Immerzu funktionieren
KAPITEL 3 - Alles auf Anfang
KAPITEL 4 - Wie das Schicksal es so will
KAPITEL 5 - Eisige Erinnerungen
KAPITEL 6 - Niemals wieder
KAPITEL 7 - Bittersüße Ablenkung
KAPITEL 8 - Meine Heimat ist hier
KAPITEL 9 - Ein unversehrtes Fleckchen Vergangenheit
KAPITEL 10 - Dem Himmel so nah
KAPITEL 11 - Ein erster Schritt zurück
KAPITEL 12 - Ein Kuss, der alles zum Wanken brachte
KAPITEL 13 - Bring mich zum Fliegen
KAPITEL 14 - Dünne Luft
KAPITEL 15 - Lebwohl, alter Freund
KAPITEL 16 - Zurück in die Zukunft
KAPITEL 17 - Narben, die verbinden
KAPITEL 18 - Bittere Erkenntnis
TEIL II - Dominik
KAPITEL 19 - Neun Jahre zuvor
KAPITEL 20 - Zwei Wochen zuvor
KAPITEL 21 - Heute. Eine Identität aus Lügen
KAPITEL 22 - Undefinierbare Faszination
KAPITEL 23 - Ich weiß, was Du fühlst
KAPITEL 24 - Alte und neue Gefühle
KAPITEL 25 - Narben der Vergangenheit
KAPITEL 26 - Freundschaft aus dem Wartezimmer
KAPITEL 27 - Freundschaft aus dem Wartezimmer
KAPITEL 28 - Ein erstes Stück Wahrheit
KAPITEL 29 - Worte, so tief
KAPITEL 30 - Diese Wut in mir
KAPITEL 31 - Du hast noch Zeit
KAPITEL 32 - Wenn alles zerbricht
KAPITEL 33 - Lebwohl, Jules
TEIL III - Jules & Nik
KAPITEL 34 - Jules. Drei Wochen später
KAPITEL 35 - Mars und Ally
KAPITEL 36 - Nik
KAPITEL 37 - Jules
KAPITEL 38 - Nik
KAPITEL 39 - Jules
KAPITEL 40 - Jules
KAPITEL 41 - Jules
KAPITEL 42 - Jules
KAPITEL 43 - Nik
KAPITEL 44 - Jules
KAPITEL 45 - Das Schicksal und wir
EPILOG
Graue Rauchwolken durchziehen die Nacht, durchbrechen die Dunkelheit, wie viele kleine Schäfchenwolken am sonst so sternenklaren Himmel. Der Blick nach oben in die unendliche und sonst so friedliche Weite ist getrübt, denn sie ist gespeist von schwarzem Ruß, der noch immer wild umher peitschenden Flammen, die soeben dabei sind mein ganzes heiles Leben auszulöschen.
Ich wage kaum noch zu atmen, mein Hals ist furchtbar trocken, das Schlucken fällt mir schwer. Eine unsägliche Hitze umgibt mich, doch der Schweiß auf meiner erwärmten Haut ist eiskalt. Er lässt mich erschaudern, obgleich um mich herum Temperaturen herrschen, die kaum noch auszuhalten sind. Die sich anfühlen, als würden sie meinen Körper zu zerfressen beginnen, ihn förmlich auflösen, ihn wie Wachs zerschmelzen lassen.
Gerne würde ich meine Augen weit aufreißen, proaktiv nach einer Möglichkeit suchen, aus dieser beängstigenden Situation zu fliehen, doch meine Lider sind schwer wie Blei, ich kann sie nur noch unter Anstrengung öffnen.
Ich bin erschöpft, müde, doch mein Herz rast. Es pumpt Blut durch meine Gefäße, lässt mein Herz-Kreislauf-System auf Hochtouren arbeiten.
Flucht oder Kampf, sagt mir ein Urinstinkt, doch für beides bin ich bereits zu schwach. Ich kann mich mittlerweile kaum noch bewegen, mein ganzer Körper zittert und bebt wie bei einem heftigen Krampfanfall. Als würden mich tausende von Volt durchlaufen. Also liege ich nur da und sehe völlig handlungsunfähig dabei zu, wie alles um mich herum zusehends zusammenfällt wie ein instabiles Kartenhaus.
Meine Sinne sind völlig vernebelt und doch hellwach. Alles in mir verkrampft und ist butterweich zugleich. Ich vernehme Bruchstücke von Sätzen und Namen, die umherjagen wie lose Fetzen Papier in einem tobenden Sturm, doch kann längst nichts mehr davon in meinem Kopf verarbeiten. Ich sehe Bilder, höre Worte, nehme Stimmen wahr, aber sie folgen keinerlei Logik mehr.
Mein Bewusstsein schwindet merklich dahin, mein Blickfeld beginnt zu wanken, als stünde ich an der Reling eines Schiffes inmitten einer aufbrausenden See. Rastlos wandern meine Augen umher. Ich suche Halt … und ich finde ihn.
Da ist eine kräftige Hand, die augenblicklich nach mir greift. Da sind wundervolle grüne Augen, die mich ansehen. Ein Lächeln, das mich erdet und eine Stimme, die mich in Sicherheit wiegt.
»Hey Jupiter, alles gut, ich pass auf dich auf«, sagt sie ruhig und besonnen, bevor sie leise einen Song zu summen beginnt, der mich wie eine schützende Decke ummantelt. Einen Song, welchen ich kenne, welchen ich liebe, weil du ihn immerzu für mich sangst.
Jene Melodie durchdringt mich. Stimmt mich ruhig. Ich fühle mich auf einmal sicher, geborgen, so als wäre all das nur ein schlechter Traum. Nichts mehr, als reine Fiktion. Doch als ich noch einmal meine schweren Lider anhebe und nichts als diesen grellen Orangeton vernehme, der sich in meinen kindlichen Augen spiegelt wie die Pforte zur Hölle, da weiß ich, dass es gänzlich anders ist. Dass mein Leben in diesem Moment, in diesem nicht mehr umkehrbaren Moment, unmissverständlich auseinanderbricht und alles mit sich reißen wird, was mir jemals etwas bedeutet hat.
Ich starre auf den dunkelblauen Schokoriegel, der vor mir auf dem Tisch liegt. Auf den weißen, fetten Schriftzug und die vielen Sterne, die ihn umgeben. Milky Way lese ich immer und immer wieder – so lange, bis ich gefühlstechnisch genau dort angekommen bin: zurück auf der Milchstraße. Zurück bei ihm.
Es scheint, als wäre ich immerzu von ihnen umgeben; von zahllosen Triggern, die mich stets an meine Kindheit zurückdenken lassen. An die Zeit in Füssen, an all die warmen Sommertage am See, das satte Grün der Wiesen, an Elma und Luise, die beiden Kühe unseres Nachbarn, an das Versteckspielen in den hiesigen Heuspeichern und unweigerlich, eben immer auch an ihn.
Wir lernten uns bereits als Kinder kennen, gingen in dieselbe Klasse, wurden älter, kamen aufs Gymnasium. Wir liebten das kühle Wasser des Hopfensees in den Sommermonaten, den Geruch nach Kuhmist auf den weitläufigen Weiden vor unseren Haustüren, unsere Streifzüge durch die nahegelegenen Wälder. Doch noch viel mehr als das, liebten wir den sternenklaren Himmel, der sich in so vielen Nächten wie ein großes dunkles Flies über uns legte. Der uns alles gab, was wir in unseren jungen Jahren brauchten – so unglaublich viel Potenzial zu träumen. Den Blick nach oben gerichtet, rücklings im warmen Gras, beobachteten wir an vielen Abenden all die Sterne, all die Planeten, die über uns leuchteten. Wir zählten Sternschnuppen, tanzten gedanklich über die Milchstraße hinweg, träumten von einer glanzvollen Zukunft. Doch diese traf niemals ein. Unser einzigartiges Band der Freundschaft zerriss, unsere Hände konnten sich nicht mehr halten. Wir verloren den Blick auf die Sterne, unsere kindliche Leichtigkeit und all unsere Träume, in welchen wir doch niemals getrennt sein wollten.
Mars war alles, was mir jemals etwas bedeutete. Er war der Bruder, den ich niemals hatte, meine zweite Hälfte, mein Seelenverwandter, mein bester Freund. Er machte jeden Tag besonders und jede Nacht, die wir gemeinsam im Garten seiner Eltern in unserem Campingzelt verbrachten, zu etwas Einzigartigem. Er leuchtete mein Leben aus, so wie jener namensgebende rote Planet, den wir so gerne mit dem Teleskop seines Vaters am weiten Nachthimmel beobachteten. Und er spielte stets auf seiner Gitarre, summte uns mit der immerzu gleichen Melodie in den Schlaf, der bis zu jenem Tag, bis zu jenem schicksalhaften Tag, nur die schönsten Träume für uns bereithielt.
Now that she's back in the atmosphere, with drops of Jupiter in her hair, hey, hey, yeah …
»Hey! Julie?«
Meine Augen sind noch immer starr auf diesen dämlichen Schokoriegel gerichtet, der vor mir in einer großen Glasschale mit zahlloser anderer kalorienreicher Nervennahrung liegt. Mein Blick ist völlig leer, doch meine Gedanken sind voller, als es mir lieb ist. Wieder einmal finden Erinnerungen in meinen Kopf zurück, die zwar vermeintlich schön, für mich aber derart qualvoll sind, dass ich sofort in eine Art Standby-Modus verfalle. Ich schalte mich förmlich ab, blende alles um mich herum aus, denn nur so schaffe ich es, sie immer wieder dorthin zu vertreiben wo ich sicher vor ihnen bin – ganz tief unten. Dort, wo es dunkel ist, wo meine Gefühle nicht von ihnen tangiert werden, ich sie stattdessen wegschließen kann und sie mich nicht bedrängen. Mir nicht die Luft zum Atmen nehmen.
»Julie?«, höre ich Danijel Novaks sonore Stimme erneut zu mir durchdringen. Sie schiebt jenen Songtext beiseite, dessen Melodie noch immer eindringlich durch meine Ohren rauscht. With drops of Jupiter in her hair, hey, hey, yeah …
Ich hole tief Luft.
Jupiter, bleib bei mir!, vernehme ich noch einmal den Hauch einer Stimme meinen Nacken streifen, bevor auch sie verstummt. Bevor meine Gefühle gebändigt sind, ich wieder Kontrolle über meine Gedanken habe und er erneut fort ist.
Langsam fokussiere ich mich wieder.
Die stechendblauen Augen meines Chefs, welcher mir soeben gegenübersitzt, erheben sich unter seinen buschigen Brauen. Sichtlich erwartungsvoll blickt er mich an, ebenso wie Christian Minz, sein langjähriger Golfkumpane, dessen Akte aufgeschlagen vor mir auf dem Tisch liegt.
Gedankenvoll beginne ich meinen Kugelschreiber zwischen meinen Fingern kreisen zu lassen. Jenen, den ich zu meiner Festeinstellung vor einem knappen Jahr erhalten habe, der eine Gravur mit meinem Namen trägt. Bewusst nehme ich mir Zeit mit meiner Antwort, um den beiden zu signalisieren, dass ich soeben lediglich in Gedanken war. Keinesfalls bin ich beinahe im Strudel meiner Vergangenheit ertrunken – nein, nicht doch – ich habe schlicht und ergreifend nachgedacht.
Ich lasse die Mine meines Kugelschreibers herausklicken, als würde ich für eine bevorstehende Schlacht mein Gewehr laden.
»Setzen Sie einen Vergleich an«, beginne ich schließlich. »Gehen Sie auf die Forderungen ein, aber nur zu Ihren eigenen Bedingungen. Die Anwälte ihrer Frau pokern hoch. Lassen Sie diese wissen, dass Sie nicht mit sich spielen lassen. Sie verhandeln – in fairem Rahmen – aber Sie lassen sich nicht über den Tisch ziehen. Zweihundertfünfzig Tausend und das Apartment in Nymphenburg. Sie behalten das Haus in der Lerchenfeldstraße, den Rest Ihres gemeinsamen Vermögens und den Bentley.«
Ich genehmige mir einen schnellen Schluck Wasser und lege anschließend meinen Stift beiseite.
»Sie werden zustimmen. Ich kenne ihre Anwälte; die beiden sind Greenhorns, kaum ein paar Jahre in der Praxis tätig, sie werden diesen Vergleich als Erfolg notieren.«
Minz schnaubt bei meinen Worten nur auf. Amüsiert würde ich sagen, dürfte ich tippen. Natürlich weiß er ebenso wie ich, dass ich mit solchen Äußerungen vorsichtig umgehen muss, denn ich bin ja selbst kaum länger als ein Jahr im Zivilrecht tätig. Ich habe zwar stets neben dem Studium gearbeitet, konnte viel Praxiserfahrung sammeln und war immer schon fleißig und überaus ambitioniert, doch mit gerade einmal sechsundzwanzig gelte ich in den Augen vieler nicht wirklich als erfahrene Anwältin.
Doch bis auf das Schnauben hält mir Minz nicht viel entgegen. Vielmehr nickt er zu meiner Überraschung nur und macht sich jetzt schnell einige Notizen. Die zivilrechtliche Verhandlung mit seiner Ex-Ehefrau ist für kommenden Montag terminiert, doch ich werde meinen Mandanten nicht persönlich begleiten. Mein Chef möchte seinen Kumpel selbst vertreten, hatte aber keine Zeit oder gar Lust gehabt, seinen Fall zu bearbeiten. Und so habe ich die Vorarbeit übernommen, eine simple Handlangertätigkeit, die sich für mich jedoch in keiner Weise derart anfühlte. Denn ich bin Danijel unglaublich dankbar für das Vertrauen, das er stets in mich setzt und für die vielen Freiheiten, die er mir hier in seiner Kanzlei einräumt. Er ist mein Mentor, mein größter Förderer, er ist wie ein Vater, den ich in den letzten Jahren selbst so schmerzlich vermisst habe.
»Gute Arbeit, Blum«, lobt er mich auch sofort als Minz den Meetingraum schließlich zufrieden verlässt; vermutlich um mit seinem prolligen Bentley zurück in seine Villa in Altstadt-Lehel zu fahren.
»Kinderspiel«, winke ich ab, denn Minz´ Fall hat nicht wirklich einen hohen Schwierigkeitsgrad – und das weiß Danijel ebenso gut wie ich. Es ist ein simpler Scheidungsfall, ein typischer Kleinkrieg zwischen geprellten Eheleuten. Nichts, womit man sich im Nachgang noch rühmen könnte.
»Haben Sie noch eine paar Minuten?«
»Natürlich.«
Ich nehme wieder Platz, bin ich doch soeben aufgestanden, um den Raum in Richtung Kaffeeküche zu verlassen. Es ist schon spät an diesem Donnerstagnachmittag und ich benötige dringend einen Koffeinschub, sollte ich wie gewohnt noch bis in die frühen Abendstunden in der Kanzlei bleiben wollen, um meine Unterlagen für die kommende Woche vorzubereiten.
Danijel lehnt sich jetzt lässig gegen die Zimmerwand. Er ist ein gepflegter, äußerst attraktiver und recht großer Mittfünfziger, der sicher schon einige seiner Mandantinnen um den Verstand gebracht hat. Er ist ledig, zumindest soweit ich weiß, trägt niemals eine Krawatte oder einen spießigen Anzug. Seine dunklen Haare sitzen stets perfekt und obgleich sie bereits graumeliert sind, geben sie mit seinen blauen Augen ein mehr als stimmiges Gesamtbild ab.
»Ich würde Sie gerne um einen Gefallen bitten.«
Autsch. Ich blinzle nahezu in Zeitlupe.
Ein tiefes Gefühl der Verspannung überkommt mich. Denn mein Chef weiß nur zu gut, dass ich ihm kaum eine Bitte abschlagen kann. Dass ich stets gewillt bin, immerzu hundert Prozent zu geben, auch wenn viele seiner mir übertragenen Tätigkeiten weder Freude bereiten, noch zu meinem Aufgabengebiet gehören. Doch zu viel hat er bereits für mich getan, zu oft hat er seine Hand schon schützend über mich gehalten, als das ich ihm jemals ein Nein entgegengebracht hätte. Ich nicke daher gewohnt zugewandt und er fährt umgehend fort.
»Ich möchte, dass Sie jemanden vertreten. Der Anruf kam erst vor wenigen Stunden rein. Vermutlich keine große Sache, aber mir ist sie dennoch äußerst wichtig. Es geht um den Sohn eines alten Freundes. Er steckt in Schwierigkeiten und ich habe gehofft, Sie könnten sich dem Fall annehmen, da ich nächste Woche doch mit Christian in den Krieg ziehen muss.«
Danijel grinst breit, während er das Wort Krieg mit seinen Fingern in Anführungszeichen setzt. Mir jedoch entrinnt nur ein leises Schnauben und ich muss kurz an mich halten, damit er das solche nicht als Resignation meinerseits deutet.
»Natürlich, schicken Sie mir die Akte gerne zu.«
»Wunderbar, ich wusste auf Sie ist Verlass. Vielen Dank.«
Mein Chef setzt eines seiner Mister-Charming-Lächeln auf, um dessen Wirkung er mit Sicherheit bestens weiß, und schlendert sichtlich zufrieden in Richtung Türe zurück. Als er sie einen spaltweit öffnet, verharrt er jedoch noch einmal und dreht sich nochmals zu mir um.
Ich lasse mich umgehend wieder zurück in meinen Drehstuhl fallen, aus welchem ich mich soeben ein weiteres Mal erheben wollte. Kaffee!, stöhnen meine überstrapazierten Nerven.
»Ich bin sehr zufrieden mit Ihrer Arbeit, Julie. Nutzen Sie die Angelegenheit doch gleich, um ein wenig auszuspannen. Ein paar Tage aus der Stadt zukommen. Ich denke ein Tapetenwechsel würde Ihnen einmal ganz guttun.«
»Tapetenwechsel?« Meine Augen verengen sich irritiert.
»Naja, sie hatten dieses Jahr kaum mehr als zwei Wochen Urlaub. Und ähm …« Danijel räuspert sich. »Der Mandant ist nicht hier ansässig, er ist momentan in Arrest, auf der Wache in Kaufbeuren. Das ist …«
Mein Herz pocht heftig, noch bevor mein Chef seinen Satz zu Ende spricht. Wie ein Radar, der soeben ausschlägt, der auf etwas längst Versunkenes gestoßen ist.
»Ich weiß, wo das ist«, raune ich leise.
Danijel hebt sichtlich überrascht seinen Kopf. Eigentlich müsste er meine Vita nahezu auswendig kennen, schließlich arbeite ich schon eine ganze Zeit lang für ihn. Aber offensichtlich ist ihm in all dieser entgangen, dass ich ganz in der Nähe aufgewachsen bin. Dass meine Heimat keine vierzig Kilometer entfernt von jener Stadt liegt, in die er mich nun offensichtlich für einen Bagatellfall schicken will. Für eine reine Gefälligkeit unter alten Freunden.
»Ach ja, richtig!« Seine überraschte Mine wirkt aufgesetzt. »Sie kommen ja aus der Ecke.«
Ecke. Ich stolpere kurz über seine Formulierung. Denn ja, so kann man das durchaus bezeichnen. Zumindest hatte es sich für mich zuletzt genauso angefühlt; wie in die Ecke getrieben. Ich hatte mich in der Stadt, in der ich meine Kindheit verbracht hatte, die ich eigentlich so sehr geliebt hatte, letztlich nur noch eingeengt gefühlt. Mir hatte dort die Luft zum Atmen gefehlt. Mir hatte er gefehlt. Doch der Umzug nach Landsberg, den meine Eltern schließlich forciert hatten, trug nicht wirklich zu einer Besserung bei. Manche Erinnerungen verfolgen dich nun mal wie ein Schatten. Sie sind immer direkt hinter dir, egal in welche Richtung du auch gehst, egal, ob dir die Sonne irgendwann wieder ins Gesicht scheint oder nicht. Manche Dinge wollen nicht vergessen werden, hängen über dir wie eine hässliche Dunstwolke, auch wenn du vermeintlich alles dafür getan hast, sie gänzlich auszulöschen.
»Soll ich besser Benson fragen?« Danijels Augen verkommen zu Schlitzen, mit welchen er mein Gesicht förmlich zu scannen beginnt, als wäre es ein Strichcode.
Benson? Oh bitte, bloß nicht!
Unser neuster Uni-Nachwuchs geht mir gehörig auf die Nerven, seitdem er vor einigen Monaten hier in der Kanzlei angefangen hat. Er kann mir zwar nicht das Wasser reichen, ist keine wirkliche Konkurrenz, aber dennoch, er lässt keine Gelegenheit ungenutzt, sich bei Danijel einzuschleimen. Sich vor mich zu drängen und um die Gunst meines Chefs zu buhlen. Mir bleibt also gar nicht wirklich eine Wahl, wenn ich nicht ins Hintertreffen geraten will. Meine Position, mein Ansehen hier in der Kanzlei sind mir zu wichtig, um sie aufgrund von privaten Befindlichkeiten zu gefährden.
Und so stimme ich zu. Ich stimme zu, meine Vergangenheit, die ich in den letzten zehn Jahren bewusst von mir geschoben habe, wieder dichter an mich heranzulassen. Ich stimme zu, meinen Erinnerungen an jene Zeit in Füssen, an meine Kindheit, meine Jugend, wieder Platz in meinem Herzen einzuräumen. Mich nicht nur einem Trigger, nein zahllosen davon, auszusetzen. Und ich hoffe, ich hoffe inständig, dass sie mich nicht erneut zerstören werden.
Meine Nacht ist von Unruhe geprägt. Ich drehe und wende mich, doch meine Entscheidung kann ich nicht mehr revidieren. Mein neuer Fall liegt in Form einer schmalen, braunen Mappe mit den Initialen D.K. bereits auf meiner gepackten Tasche und meine Zusage an Danijel ist verbindlich. Darauf legt er stets wert. Ein Ja bleibt ein Ja, ein Nein bleibt ein Nein. Das sind die Regeln bei Novak & Partners und sie machen im Normalfall vieles einfacher. Wer einen Fall annimmt, muss sich durch diesen unweigerlich auch durchfuchsen, wer ablehnt, kann sich später nicht beklagen, sollte die nächste Akte noch um einiges unangenehmer ausfallen.
Aber in diesem konkreten Fall geht es mir gar nicht um den Inhalt jener Akte, die Danijel mir vorhin noch übergeben hat, um die Angelegenheit an sich, die mich derart unruhig stimmt. Sondern vielmehr darum, dass ich mich schlicht und ergreifend nicht bereit dazu fühle sie zu bearbeiten. Mich nicht in der Lage fühle, den dafür nötigen Schritt in Richtung meiner schmerzvollen Vergangenheit zu nehmen.
Ich reibe mir jetzt die Augen und setze mich auf, ergebe mich meiner Unruhe, die sich durch mein tiefstes Inneres wühlt und irgendwo auf Höhe meines Magens nervös vor sich hin flattert.
Als ich meine Hand ausstrecke um mein Handy zu greifen, die Uhrzeit prüfen will, ertaste ich unweigerlich jenes Buch, welches ebenfalls auf meinem Nachttisch liegt. Es liegt immerzu dort, ist seit vielen Jahren mein stetiger Begleiter, ist der Freund, den ich nicht mehr habe, der zuhört, wenn ich ihn brauche, der mich alles offen und ehrlich aussprechen lässt, was ich fühle. Alles, was ich im echten Leben niemals über meine Lippen bekommen würde.
Viele Seiten habe ich in diesem Tagebuch bereits gefüllt, welches mittlerweile so dick ist, dass es in einem Bücherregal neben einer Enzyklopädie kaum mehr herausstechen würde. Das ein Großteil meines Lebens beinhaltet; die düsteren, wie die freudigen Abschnitte. Und welches ich früher nicht alleine führte, sondern immerzu mit ihm.
Schon als Kinder haben Mars und ich die Seiten in diesem Buch beschriftet; ihm gehörte die erste Hälfte, mir die zweite. Wir hatten das Buch hin und her getauscht wie ein Poesiealbum und uns dort immerzu kleine Nachrichten zukommen lassen. Unsere Gedanken und Gefühle aufgeschrieben, all das, was uns als Kinder bewegte. Doch je älter wir wurden, desto weniger schrieben wir. Desto seltener gaben wir das Buch ab. Zumeist verweilte es letztlich bei Mars; ich hatte kaum mehr Zeit und Lust etwas darin zu notieren, hatte keinen Spaß mehr daran, die Seiten bunt zu verzieren und war längst nicht mehr gewillt, meinem besten Freund all meine Gefühle und Gedanken preiszugeben. Christin, seine Mutter, gab es mir nach der Beerdigung, wollte es wohl in guten Händen wissen, doch ich hatte Mars´ Einträge nie wieder aufschlagen, nie wieder lesen können – weder die älteren, noch die neueren, die er kurz vor seinem Tod verfasst hatte. Ich hatte das Tagebuch einige Zeit lang weitergeführt, es mit meiner Geschichte, meinem Schmerz um seinen Verlust gefüllt, ohne dass ich die seine gänzlich kannte. Doch zu groß war, und ist meine Angst auch heute noch, dass ich Dinge lesen könnte, die ich nicht lesen will. Dinge erfahren könnte, die all das Dunkle in mir erneut zum Vorschein bringen würden.
Meine Finger streichen kurz über den kalten Buchrücken hinweg. Sie kribbeln, als wäre mir der Arm eingeschlafen und tasten sich dennoch bis zu jenem Lesezeichen vor, mit welchem ich gut sichtbar die Mitte des Buches markiert habe – den Beginn meiner Aufschriebe –, um sicherzustellen, dass ich nie wieder abdrifte, nie wieder zurückblicke, in das was einst war. Aufschlagen muss ich die Seiten nicht, um zu wissen, was ich dort notiert habe. Ich kenne all meine Worte nahezu in und auswendig.
Die ersten Seiten meiner Buchhälfte sind noch liebevoll mit Buntstiften geschrieben und mit glitzernden Stickern verziert. Sie sind Zeugen einer wundervollen und unbeschwerten Kindheit. Erst als Mars nicht mehr da war, wurden meine Aufschriebe einfacher. Ich schrieb nur noch mit Kugelschreiber – mal schwarz, mal blau –, je nachdem was ich zur Hand hatte, gab mir keine Mühe mehr mit einer Schönschrift, verzierte nichts und zeichnete weder Blumen noch Smileys an den Rand. Ich erwartete schließlich nie eine Antwort; niemals wieder.
Fast auf den Tag genau zehn Jahre ist jener Beitrag alt, den ich nach Mars´ Tod verfasst habe. Ich war sechzehn und musste von einem Tag auf den anderen alles hinter mir lassen – weil meine Eltern es so gewollt hatten. Weil sie es für das Beste hielten. Weil sie einen Umzug, und es sollte nur der erste von dreien werden, für einen dringend notwen digen Schritt ansahen. Für einen Neustart, der uns vor den immerzu mitleidigen Blicken und dem ständigen Getuschel der Nachbarn schützen sollte. Der mich schützen sollte. Ich selbst hatte keinerlei Wahl, musste mit ihnen gehen, obwohl mich zu jener Zeit der Blick nach vorne ebenso ängstigte, wie der solche zurück.
Mit siebzehn, nur ein Jahr später, verließ uns mein Dad und alsbald begann meine Mutter mir nahezu im Wochentakt neue potenzielle Väter vorzustellen. Ich mochte sie alle nicht und doch spielte ich ihr zuliebe stets mit; meine laienhafte Rolle in einer sich zunehmend völlig fremdanfühlenden Familie. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, den Platz meines Vaters mit einer anderen Person zu besetzen und dennoch musste ich den Wunsch meiner Mutter irgendwie akzeptieren. Ich musste das Spiel mitspielen, mein neues Leben ohne meinen Vater, ohne Mars, unweigerlich annehmen. Denn eine Dunkelheit hatte sich unlängst in meiner Seele ausgebreitet; wie eine schwarze Decke hatte sie mich ummantelt, und mein einziger Halt in der Finsternis war nun mal sie – meine Mum – und die Familie, die sie nahezu zwanghaft für ihre kaputte Tochter neubegründen wollte. Doch Narben bleiben nun mal Narben, auch wenn das Pflaster, welches man über sie hinwegklebt, noch so dick ist, auch wenn man sie hartnäckig zu ignorieren versucht. Sie sind und sie bleiben immerzu da.
Mit achtzehn hatte ich bereits mein Abitur in der Tasche. Es war trotz der Umstände, dass es mittlerweile die dritte Schule war, die ich in den letzten Jahren besucht hatte, ausnahmslos gut. Denn das Lernen lenkte mich stets von all den Scherben zu meinen Füßen ab, hielt mich fern von meinen dunklen Gedanken. Und es sollte schon bald mein Ticket werden. Mein langersehntes Ticket um endlich auf eigenen Beinen stehen zu können. Um eigene Entscheidungen treffen zu können und das zu fixen, was vermeintlich in den Jahren zuvor, alles in mir kaputt gegangen war.
Wenige Monate später zog ich alleine nach München und schrieb mich dort auf der Juristischen Fakultät ein. Ich wusste, dass der Weg verdammt hart werden würde und auch, dass ich vermutlich noch nicht stark genug war, um ihn zu begehen. Doch wider Erwartens wuchs ich auch in diese Schuhe, die anfänglich viel zu groß erschienen, hinein.
Und auf einmal passte mir mein Leben wieder.
Meine Einträge wurden daraufhin seltener. Nur noch gelegentlich schreibe ich heute auf, was sich durch mein Inneres wühlt. Denn mein Leben scheint wieder auf die richtige Spur, wieder einen tieferen Sinn gefunden zu haben. Kurz nach meinem sechsundzwanzigsten Geburtstag erreichte ich schließlich das, was ich all die Jahre zuvor mit eisernem Willen angestrebt hatte. Nach meinem Staatsexamen, einem zweijährigen Referendariat am Oberlandesgericht und einem Praktikum bei Danijel Novak bekam ich schließlich eine Festanstellung. Ich wurde Anwältin bei Novak & Partners, Zivilrecht mein Schwerpunkt, und ein unerbittlicher Ehrgeiz meine Stärke.
Doch obgleich mich Danijel persönlich in diese Position befördert hat, muss ich mich beinahe täglich gegen all die Vorurteile behaupten, die man einer jungen Frau wie mir, in einem Job wie diesem entgegenbringt. Ich kämpfe daher irgendwie noch immer, nur eben nicht mehr gegen mich. Ich kämpfe mittlerweile für mich – Tag für Tag. Und mit jedem neuen Morgen, mit jeder erfolgreich abgeschlossenen Akte mehr, werde ich ein klein wenig stärker. Alleine. Ganz aus eigener Kraft. Ohne helfende Hand, ohne Schulter zum Ausweinen. Ich habe über all die Jahre hinweg gelernt, auf eigenen Beinen zu stehen und all die Last, die auf mir ruht, selbst zu tragen.
Wie also hätte ich Danijels Bitte ablehnen können? Wie hätte ich ehrlich sein können und meinem Chef geradeheraus sagen können, dass ich nicht dorthin zurückwill, wo ich einst alles verloren habe. Wo ich mich verloren habe.
Ich habe doch noch nie abgelehnt, noch nie gekniffen.
Ich bin stets aufgestanden und habe funktioniert.
Würde ich Gefahr laufen, auf einer einsamen Insel zu stranden und dürfte nur eine einzige Sache mitnehmen, so wäre es Kaffee. Viel Kaffee. Ganze Bohnen im besten Falle, bloß kein Pulver, kein Instant-Mist, nichts aus der Dose oder einem Tetrapack. Ich mag meinen Kaffee schwarz und frisch gemahlen – schon immer – und am frühen Morgen komme ich nahezu ohne gar nicht aus. Doch ausgerechnet heute, an diesem verflixten Freitagmorgen, an dem ich zu meinem neusten Fall aufbrechen wollte, oder besser gesagt, es muss, hatte mein Vollautomat gestreikt. Zahllose Lämpchen hatten geblinkt, Fehlermeldungen waren auf dem Display aufgepoppt, als würde hinter meiner Kaffeemaschine ein Hightech Computer lauern. Und so stehe ich nun um sieben Uhr dreißig am frühen Morgen hier, an einer Tankstelle kurz vor der Autobahnauffahrt A96, mit einer lauwarmen, bitteren Plörre in der Hand und einer Stimmung, die … nun ja, sagen wir es mal so, durchaus ausbaufähig ist.
Ich verziehe mein Gesicht, während ich einen weiteren kräftigen Schluck meines undefinierbaren Heißgetränks nehme, das ich zuvor mit zahllosen Klicks auf einen Süßstoffbehälter noch ungenießbarer gemacht habe, als es ohnehin schon war.
Als ich wieder in meinen Wagen steige, fällt mein Blick erneut auf jene Akte, die mir heute Nacht ein stetiges und mehr als schlafloses Hin- und Herwälzen beschert hat. Die mir diesen ganzen Mist überhaupt erst eingebrockt hat. Ich hasse es meine Komfortzone zu verlassen und habe weder Lust auf diese unliebsame Reise in meine Vergangenheit, noch auf den Idioten, den man bereits seit knapp zwölf Stunden auf der Polizeiwache in Kaufbeuren festhält und welchen ausgerechnet ich – weswegen auch immer – dort herausholen soll.
Heute Morgen noch, zu einer Zeit, die jeder normale Mensch vermutlich nicht als den solchen, sondern eher als inmitten der Nacht definieren würde, habe ich seine Unterlagen überflogen. Sie kamen einer Bettlektüre gleich, gähnend langweilig, und fallen nicht einmal in meinen Tätigkeitsbereich. Keine nennenswerten Vorstrafen, keine wirkliche Herausforderung für eine junge, aufstrebende Großstadtanwältin wie mich.
Dominik Kanz ist Ende Zwanzig und hat ganz offensichtlich ein Drogenproblem. Zumindest wurde er bereits das zweite Mal in kürzester Zeit mit illegalen Substanzen erwischt, was ihm nun eine Tagesverwahrung auf der Wache inklusive einer Strafanzeige eingebracht hat. Ein weiteres Verfahren gegen ihn gab es zwar vor vielen Jahren, aber dieses ist offensichtlich bereits verjährt und in der Akte nahezu vollständig geschwärzt gewesen. Hätte ich mehr Vorlauf gehabt, so hätte ich sicher aus reiner Neugierde weitere Informationen dazu angefordert – auch, weil ich meine Klienten gerne gänzlich kennen möchte, bevor ich ihnen erstmalig gegenübertrete – aber für den aktuellen Fall ist diese mir nun unbekannte Sache eigentlich völlig irrelevant. Es wird ein Spaziergang werden; ein mehr als unnötiger Spaziergang.
Also los Julie, Augen zu und durch! Ich schlage kurz zu meiner eigenen Motivation mit beiden Händen gegen mein Lenkrad, bevor ich meinen Wagen starte und in einem ordentlichen Tempo über den Beschleunigungsstreifen auf die Autobahn auffahre. So schnell wie möglich möchte ich nach Kaufbeuren fahren, aber länger als nötig, will ich nicht bleiben. Von wegen Tapetenwechsel. Wenn alles gut läuft, bin ich hoffentlich am frühen Abend wieder zurück in München und kann pünktlich mit Steven zum Essen ausgehen.
Steven. Ich schlucke verkrampft, während ich das Gaspedal weiter durchtrete, als wäre ich in stiller Hoffnung, dadurch dem berühmt berüchtigten DeLorean gleich, einen Zeitsprung zu schaffen und binnen Sekunden meinen Auftrag erledigen zu können. Doch es ist nicht wirklich Steven, weswegen ich schnellst möglich wieder zurück nach München möchte. Es ist jenes ungute Gefühl, das ich schleunigst wieder ablegen möchte, das ich nur dann nicht derart penetrant verspüre, wenn ich in der Großstadt untertauchen kann. Steven ist nur mein Alibi, eine weitere Angelegenheit, zu der ich bislang noch nicht hatte Nein sagen können.
Wir treffen uns nun schon seit gut vier Wochen, mal zum Abendessen, dann wieder zum gemeinsamen Squash Spielen, zum Joggen oder auf einen Feierabend Cocktail. Ich mag Steven – ehrlich –, er ist stets zuvorkommend, gebildet und wortgewandt. Er ist ein netter Zeitvertreib und mit dem Blick in seine dunkelblauen Augen hatte ich anfänglich wirklich die Hoffnung gehegt, mich endlich wieder für etwas Festes zu öffnen. Doch in jenem Moment, in dem es schließlich verbindlicher hätte werden können, neulich auf dem Nachhauseweg, als er meine Hand gegriffen hatte, da hatte sich alles in mir dagegen gesträubt. Einen Kuss hätte ich mir mit ihm durchaus vorstellen können, sogar Sex hätte ich sicher genossen, aber Händchenhalten? Nein, das funktioniert nicht. Das geht mir zu nahe. Viel zu nahe. Denn wenn ich mir eines vorgenommen habe, eines aus meiner Vorgeschichte gelernt habe, dann, dass ich niemals mehr irgendjemanden zu nahe an mich heranlassen werde. Gefühle sind wie ein Virus. Sie zecken sich in deinem Herzen ein und warten dort nur auf diesen einen Moment der Schwäche, in dem sie dich von innen heraus zerfressen können.
Den Rest der Fahrt verbringe ich damit, mir mehrmals ernsthaft zu überlegen, ob ich nicht doch passen, nicht doch mit eingezogenem Schwanz wieder zurück nach München fahren und Danijel gestehen soll, dass ich es einfach nicht kann. Dass ich es nicht will, dorthin zurückgehen, wo ich nichts als Dunkelheit verspüre. Aber ich widerstehe dem Bedürfnis mitten auf der Autobahn eine Vollbremsung einzuleiten und meinen Wagen zu wenden – nicht nur, weil es taktisch unklug wäre und es mich im dichten Verkehr vermutlich mein Leben kosten würde –, sondern auch, weil ich tapfer sein möchte. Nicht vor meinen Ängsten davonlaufen möchte, so wie ich es einst getan habe.
Knapp neunzig Minuten später habe ich den Kampf gegen meinen Fluchttrieb gewonnen und lenke meinen Wagen auf einen Parkplatz direkt vor der städtischen Polizeiwache.
Wirklich viel Zeit habe ich in Kaufbeuren als Kind nicht verbracht, doch ab und an bin ich mit meinen Eltern oder mit Mars hierhergefahren, um in der Großstadt, wie es sich früher für mich anfühlte, einkaufen zu gehen. Die Stadt ist im Vergleich zu Füssen riesig, hat fast viermal so viele Einwohner und eine Polizeiwache, die von außen aussieht, als wäre sie einer Kriminalsendung entsprungen. Das gelbe, langgezogene Gebäude, das sich imposant um die Straßenecke windet, wirkt wie eine Fernsehkulisse – nur das darin eben sogleich kein spannender Krimi abgedreht wird, sondern lediglich ein Pausenfüller. Ich sehe die Regieanweisung schon vor mir: junge Anwältin marschiert selbstbewusst ins Revier, kurzer Wortwechsel, charmantes Lächeln der Beamten, charmantes Lächeln der Anwältin, Gefangener ist frei, alle sind glücklich. Ende. Demensprechend selbstsicher trete ich jetzt an den Empfangstresen heran.
»Blum, guten Tag! Ich bin die Anwältin von Herrn Kanz.«
Der ältere Herr mit der viel zu großen Uniform und dem lichten, grauen Haar, der mir soeben gegenübersteht, nickt mir nur freundlich zu, bevor er sich abdreht. »Die Anwältin ist da!«, ruft er einem anderen, recht korpulenten Kollegen zu, der mich sogleich zu sich winkt.
Ich zupft kurz an meinem dunkelblauen Blazer und taste nach dem Saumende meiner weißen Bluse um sicherzustellen, dass sie richtig sitzt, bevor ich ihm wortlos in ein Nebenzimmer folge. Eine Akte liegt dort bereits auf dem mausgrauen Schreibtisch. Eine Tischlampe flackert störrisch und mehr als klischeehaft vor sich hin.
»Freut mich, Fräulein Blum. Mein Name ist Kommissar Hofbauer, darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?«
Ich verneine, bevor ich meine Unterlagen aus meiner braunen Ledertasche ziehe, die ich mir damals von meinem ersten Gehalt nach Studienabschluss gekauft habe. Sie hat ein halbes Vermögen gekostet, doch ich wollte sie unbedingt haben. Sie ist für mich das Sinnbild all meiner Anstrengungen, die ich in den letzten Jahren aufgebracht habe, um dort zu landen, wo ich nun letztlich bin … offensichtlich, und zu meinem Ärgernis, wieder am Anfang.
»Herr Kanz wurde also in Besitz illegaler Substanzen erwischt. Gemäß meiner Notizen ist die Menge jedoch überschaubar, wir gehen daher nicht von einem Verkauf in großem Stile aus. Vermutlich geht es hier lediglich um den Handel unter Freunden. Wir zielen auf eine angemessene Geldstrafe und Sozialstunden ab. Ich lasse Ihnen meine Karte da und werde mit meinem Mandanten die Verteidigung vorbereiten. Sie erhalten eine Kopie der Akte, sobald ich wieder in München bin«, beginne ich mein kurzes Plädoyer, welches ich nicht einmal habe vorbereiten müssen. Der Fall ist reines Tagesgeschäft, Pillepalle, und keiner großen Worte wert.
»Das zweite Mal!« Kommissar Hofbauer erhebt seine buschigen Brauen und nickt mir besserwisserisch zu. »Herr Kanz wurde bereits wiederholt in Besitz illegaler Substanzen erwischt.«
Ich schlage meine Unterlagen auf und werfe zur Sicherheit noch einmal einen Blick hinein.
»Richtig«, stimme ich schließlich zu. »Aber in der Vergangenheit waren es nicht einmal zehn Gramm. Da sprechen wir höchstens von Eigenbedarf. Ich denke, darüber müssen wir nicht noch einmal sprechen, oder?«
Das Oder? am Ende meines Satze ist rein rhetorisch. Ein Stilmittel, das ich schon früh in meinem Studium gelernt habe, einzusetzen. Eine Konjunktion, die die meisten nur mit einem einfachen Nicken beantworten.
So wie erwartungsgemäß auch Kommissar Hofbauer. Sein Kopf wippt deutlich auf und ab, wie bei einem dieser Wackeldackel auf der Hutablage eines schon recht betagten Autofahrers, bevor er einen kräftigen Schluck aus seiner abgegriffen Kaffeetasse nimmt. Bester Vater der Welt, stand wohl irgendwann einmal auf dieser. Doch jetzt ist der Aufdruck verblasst und kaum mehr lesbar. Ganz ähnlich steht es auch um meine eigenen Gefühle, wenn ich an meinen Dad denke. Ich brauche dafür keine Kaffeetasse. Auch mein Vater war einmal der weltbeste, doch davon ist mittlerweile genauso wenig übrig, wie von jenem Aufdruck auf Hofbauers Tasse, die ich jetzt anstarre, als wäre sie der Heilige Gral.
Umgehend bereue ich, dass ich seine Frage nach einem Getränk verneint habe, würde ich in diesem Moment doch so einiges für einen starken Kaffee geben. Doch ich bitte nachträglich nicht darum, ich komme stattdessen direkt zu meiner nächsten Frage und eile somit bewusst durch unser Gespräch. »Ich gehe davon aus, dass mein Mandant bereits über mein Kommen informiert wurde?«
Kommissar Hofbauer nickt erneut, während er seine Tasse wieder absetzt. Mit den Fingern seiner rechten Hand fährt er daraufhin seinen dunklen Schnurrbart ab, der ihm ein klein wenig die Optik eines Pornostars aus den Achtzigern gibt und mir unvermittelt ein Lächeln auf die Lippen zaubert.
»Das Verfahren gegen ihn wurde bereits eingeleitet. Herr Kanz weiß, dass Sie heute hier sind, um mit ihm mögliche Konsequenzen seines Handelns zu besprechen.«
Konsequenzen seines Handelns. Mein Ego prustet bei diesem Wortlaut förmlich los. Ich genieße ja ab und an durchaus meine Rolle als Anwältin, das von-oben-herab-Getue, all die Paragraphen, die ich gut und gerne einzusetzen weiß, doch ich bin niemandes Erziehungsberechtigte. Ich bin nicht hier, um zu maßregeln, jemanden für sein Fehlverhalten zu kritisieren. Herr Kanz ist schließlich kein kleiner Lausbub, der irgendjemandem einen bittersüßen Streich gespielt hat …
… so wie Mars und ich das früher immer getan haben. Damals, zu Schulzeiten. Damals, als die Welt noch in Ordnung war.
Augenblicklich wird mir flau im Magen. Ich starre direkt in das Licht der Tischlampe auf Hofbauers Schreibtisch, welches mit jedem Flackern mehr, vor meinem geistigen Auge Bilder erscheinen lässt – Klick. Klick. Klick. – so, wie bei einer Diashow.
Nein, Julie! Stopp! Ich will nicht an meine Vergangenheit zurückdenken. Nicht an das, was längst vergessen sein sollte. Nicht mehr an ihn.
Meine mahnenden Worte, die ich im Stillen an mich richte, sind mehr als selbstsicher und dennoch überkommt mich eine unangenehme Unruhe. Meine Beine beginnen zu kribbeln und lassen mich eine Unsicherheit verspüren, die ich abgrundtief hasse. Ich stehe auf, um sie zu kompensieren.
»Gut. Ich würde nun gerne direkt mit meinem Klienten sprechen oder gibt es Ihrerseits noch etwas anzumerken?«
Kommissar Hofbauer sieht überrascht zu mir auf, hatte er doch offensichtlich mit einem etwas längeren Plausch gerechnet. Doch in den Genuss eines solchen wird er nicht kommen; jedenfalls nicht mit mir.
»Wir bekommen eine Kopie der Akte?«, hakt er nochmals nach und ich bejahe diese Frage erneut. Dann nimmt er einen letzten kräftigen Schluck seines Kaffees. Abermals nehme ich mein eigenes, schwindendes Koffeinlevel war und meine Laune, die mittlerweile tief unten im Keller ist.
Geräuschvoll lässt der Kommissar seinen Stuhl nun zurückgleiten. Schwerfällig, als wäre er gerade über Stunden hinweg in einem Verhör gesessen, erhebt er sich. »Nach Ihnen, Fräulein Blum«, brummt er und folgt mir umgehend aus dem Raum hinaus.
Ich nehme einen letzten, großen Schritt durch die Tür hindurch, raus in den langen Gang, der nach altem PVC Boden und frischgebrühtem Filterkaffe riecht. Kommissar Hofbauer schiebt sich wieder vor mich und führt mich bis ans Ende des Flurs, durch welchen meine hohen Absatzschuhe hallen wie durch ein menschenleeres Tunnelsystem.
Tagesverwahrung, steht auf dem Türschild des Zimmers, vor welchem wir letztlich Halt machen. Gemächlich zieht Hofbauer ein Bund mit zahllosen Schlüsseln hervor, greift dabei zu meinem Erstaunen jedoch direkt beim ersten Anlauf den Richtigen und öffnet die Türe.
»Herr Kanz, Sie können gehen. Ihre Anwältin ist da!«, ruft er lautstark in den Raum hinein, als würde uns hinter der Türe ein zweihundert Quadratmeter großes Penthouse erwarten.
Ich linse möglichst unauffällig an ihm vorbei ins Innere des Zimmers, das in Wahrheit gerade einmal so groß ist wie eine Besenkammer. Obgleich mein WG-Zimmer im Studentenwohnheim der Juristischen Fakultät nicht wesentlich geräumiger gewesen ist, empfinde ich es als unglaublich beengend, ja nahezu klaustrophobisch. Ein Waschbecken, eine Toilette und ein einfaches, recht schmales Feldbett stehen darin. Auf letzterem sitzt ein junger Mann und blickt zu uns auf. Er wirkt gepflegt, frisch rasiert, die dunkelbraunen Haare leicht nach hinten frisiert.
Ich weiß nicht, wieso ich etwas anderes erwartet habe. Vielleicht, weil ich mit dem Wort Drogenbesitz etwas völlig anderes verbunden habe. Jemand, der müde vom Leben ist, der zittrige Hände und Schweißperlen auf der Stirn hat. Jemand, dessen Augen rot unterlaufen sind und der schon lange kein Badezimmer mehr von innen gesehen hat.
Doch das genaue Gegenteil baut sich nun vor uns auf.
Ein sportlich-schlanker Kerl in ausgewaschenen Jeans, weißen Sneakers und einem unifarbenen, schwarzen Shirt. Wache, dunkle Augen sehen mich an. Die Überraschung über mein Aussehen, oder mutmaßlich über mein junges Alter, stehen ihm förmlich ins Gesicht geschrieben. Er sieht mich zunächst nur stumm an, eine gefühlte Ewigkeit, bevor er auf mich zuläuft.
Mein Körper zieht instinktiv hinter Kommissar Hofbauers massiger Statur hervor, meine Hand schnellt nach oben.
Doch er greift sie nicht.
»Wurde auch Zeit«, mault er stattdessen im Vorbeigehen und lässt mich mit ausgestreckter Hand hinter sich.
Hofbauer wirft mir einen entschuldigenden Blick zu und zuckt kaum merklich mit den Schultern. »Diese jungen Leute«, zischt er nur leise durch seine kaum geöffneten Lippen, was ihm offensichtlich trotz meines ebenso geringen Alters nicht deplatziert vorkommt.
Ich senke meine Hand wieder. Schnaube leise und doch unverkennbar genervt. »Vielen Dank, Sie hören von mir«, erwidere ich noch, bevor ich meinem Klienten eilig nach draußen folge.
Dessen Tempo ist durchaus beeindruckend. Als ich in den Flur hinaus schreite, wieder zum Eingang der Wache zurückgehe, greift dieser bereits den Griff der Ausgangstüre und läuft überstürzt hinaus.
»Hey!«, rufe ich ihm hinterher, als ich die Schwelle der Türe ebenfalls erreicht habe. Er nimmt soeben die letzte Stufe hinab und eilt in Richtung Hauptstraße. »Sie können nicht einfach verschwinden. Sie müssen …«
Abrupt stoppt er und dreht sich nochmals zu mir um. »Was muss ich?«, fragt er mit flackernden Augen und einer Körperhaltung, die auf mich jetzt doch irgendwie bedrohlich wirkt. Vermutlich ist er auf Entzug, ist nervös und aggressiv.
Wie automatisiert trete ich einen Schritt zurück und hebe beschwichtigend die Hände. »Wir sollten uns unterhalten«, sage ich mit ruhiger Stimme, während ich mich ihm wieder mit Bedacht nähere.
»Weswegen?«
»Vielleicht, weil sie nicht hinter Gitter wollen?«
»Mir wurde gesagt, ich erhalte lediglich eine Geldstrafe.«
»Wenn Sie Glück haben.«
Er wendet sich wieder von mir ab. Kickt einen Stein beiseite und beginnt sich erneut von mir zu entfernen. »Lassen wir’s drauf ankommen«, höre ich ihn noch trotzig sagen.
Mmpf. Mein Koffeinlevel ist definitiv zu niedrig für solche Gespräche am Vormittag. Nun komme ich mir tatsächlich vor, als hätte ich es hier mit einem bockigen Kleinkind zu tun, dessen Aufsichtsperson ich mit Sicherheit nicht sein möchte. Ganz im Gegenteil: am liebsten würde ich zurück zu meinem Wagen gehen und ihm seinem Schicksal überlassen. Ciao, Kakao! Doch dann wäre Danijel sicher ziemlich enttäuscht von mir.
»Okay, wie Sie wollen!«, rufe ich ihm nach, laufe aber dennoch zu meinem Auto zurück. So, wie man es eben mit kleinen Kindern tut. Man sagt gut, dann gehe ich eben ohne dich und läuft einfach davon. »Schicken Sie mir eine Postkarte, sollte man Sie doch für fünf Jahre inhaftieren. Das wäre nämlich der Fall, sollte Ihnen das Glück nicht beiwohnen.«
Als meine Worte zu ihm durchsickern, höre ich ihn umgehend seufzen. Dennoch verbleibe ich in meiner Rolle, krame meinen Autoschlüssel hervor und öffne die Wagentüre.
Seine Schritte kommen erneut näher.
»Sie sind jung.«
Nun steht er dicht hinter mir.
»Sie auch.«
Ich drehe mich und werfe ihm einen kritischen Blick zu. Dabei fällt mir erstmalig auf, welch weiche Gesichtszüge er doch hat. Er wirkt ganz und gar nicht wie ein Drogendealer, keinesfalls aggressiv oder überzogen nervös. Er hat sogar dezente Sommersprossen auf seinem Nasenrücken und feine Grübchen in den Wangen – welcher Kriminelle hat das schon? Er sieht aus wie ein ganz normaler junger Mann, der vermutlich einfach nur einen Moment lang nicht nachgedacht hat und jetzt knöcheltief in der Scheiße steht. Dass seine Laune dabei nicht die beste ist, kann ich sogar nachvollziehen.
»Tut mir leid. Hatte ´ne beschissene Woche. Können wir noch einmal von vorne beginnen?« Er streckt mir nun doch noch seine Hand entgegen. Ein breites, schwarzes Lederband mit Gravur ziert sein Handgelenk unter welchem ich ein kleines Tattoo zu erkennen vermag – das Zeichen für Männlichkeit. Ein Kreis mit einem nach rechts oben deutenden Pfeil.
Ich ziehe meine Unterlippe zwischen die Zähne. Eine Angewohnheit, die Menschen in meinem näheren Umfeld sofort wissen lässt, dass ich nachdenke. Dass ich meine nachfolgenden Worte wohlbedacht wähle.
»In Ordnung«, versuche ich mein Position wortkarg zu bewahren. Dann greife ich seine Hand; kräftig und selbstbewusst, so wie ich es mir antrainiert habe. Denn als Frau hat man in meiner Branche weit mehr um Anerkennung zu ringen, als ein Mann. Auch heute noch – leider. Viele sehen nicht die ambitionierte und durchaus erfolgreiche Anwältin in mir, sondern lediglich das Mädchen mit den pechschwarzen, langen Haaren und den großen kugelrunden Augen. Sie denken ich sei klein, süß und zerbrechlich. Doch das bin ich längst nicht mehr.
»Ich heiße Julie Blum und bin ihre Anwältin. Keine Sorge, ihr Fall ist tatsächlich mehr Papierkram, als alles andere. Ich kümmere mich darum, dass Sie mit einer milden Geldstrafe davonkommen. Versprochen.«
Ich hake meine beiden kleinen Finger ineinander, so wie Mars und ich das stets getan haben, wenn wir uns ein Versprechen gaben. Nur das ich mich eben heute nicht mehr bei ihm, sondern bei mir selbst einhake. Mir selbst das Versprechen geben, meinen Klienten erfolgreich zu vertreten.
»Okay … mmm, danke.« Mein Mandant wirkt kurz nachdenklich, starrt auf meine Hände, auf meinen kleinen Fingerschwur, den er vermutlich nicht zu deuten weiß. Dann jedoch beginnt er zu nicken. »Ich bin Dominik und normalerweise weder unfreundlich noch derart dämlich, mich mit Drogen erwischen zu lassen.«
Ein flüchtiges Augenzwinkern seinerseits lässt meine Kinnlade förmlich herunterfallen.
»Das war ein Scherz«, lenkt er sofort ein. »Ich bin kein Dealer und auch nicht kriminell.«
»Das hoffe ich für Sie.« Ich drehe mich wieder meinem Wagen zu, schiebe meine Tasche bereits auf die Beifahrerseite.
»Wie geht es jetzt weiter?«, höre ich ihn fragen, was mich nochmals zu ihm herumfahren lässt.
»Nun, ich setze mich mit der Staatsanwaltschaft in Kontakt, plädiere auf nicht schuldig. Ihnen wurden die Drogen untergeschoben, Sie wissen nicht, von wem diese stammen.« Ich zucke mit den Schultern und reiche Dominik noch eine meiner Visitenkarten. »Rufen Sie mich an, sollten Sie noch Fragen haben. Ansonsten bekommen Sie in den nächsten drei bis vier Wochen noch ein paar Mal Post; von mir und von der Staatsanwaltschaft. Seien Sie das nächste Mal einfach ein klein wenig schlauer.«
Ein Gähnen überkommt mich, sodass ich mich schnell verlegen abwende. Meine Augen brennen mittlerweile, als hätte ich seit Tagen nicht mehr geschlafen. Sanft reibe ich sie mir, bevor ich in meinen Wagen steige.
»Ich wäre jedenfalls schlau genug, mich derart müde nicht mehr ans Steuer zu setzen.«
Perplex sehe ich zu Dominik auf. Er stützt sich jetzt mit seinem linken Arm auf dem Rahmen meiner Wagentüre ab und blickt herausfordernd zu mir hinab. Unweigerlich fällt mir dabei nicht nur das freche Funkeln in seinen dunklen Augen auf, sondern auch sein offensichtlich recht gut trainierter Bizeps, um welchen sich der Ärmel seines T-Shirts aufregend spannt. Unweigerlich muss ich wieder an sein kleines Tattoo am Handgelenk zurückdenken. Ja, männlich scheint er wirklich zu sein. Sehr männlich.
»Das lassen Sie mal meine Sorge sein«, erwidere ich und versuche meinen Schlüssel ins Zündschloss zu stecken. Doch meine Finger zittern aus einem mir nicht ersichtlichen Grund.
Eilig nimmt Dominik einen Schritt in Richtung meiner Motorhaube, beugt sich kurz ein wenig vor und kommt sofort wieder zu mir zurück. »München, also«, sagt er. »Ich denke die Großstadt kann gut und gerne noch ein wenig auf Sie warten. Ich allerdings hätte tatsächlich noch ein paar Fragen. Kommen Sie, gehen Sie mit mir einen Kaffee trinken.«
Nachdenklich rühre ich meinen Cappuccino um und zerstöre so das florale Muster, das mir der Barista vermeintlich liebevoll in den Schaum gezeichnet hat. Ich weiß nicht genau wie ich mich verhalten soll, habe ich doch noch niemals zuvor die Einladung eines Mandanten angenommen. Schon immer trenne ich berufliches und privates strikt voneinander und obgleich wir uns in den letzten fünfzehn Minuten nahezu ausnahmslos über Dominiks Akte unterhalten haben, fühle ich mich furchtbar unprofessionell. Am liebsten würde ich meinen Cappuccino in diesem Moment exen wie einen Espresso und schleunigst wieder zurück zu meinem Wagen eilen. Eigentlich wollte ich doch längst beim Amtsgericht sein, doch nun sitze ich hier in diesem Café direkt an der Ludwigsstraße, einem Kerl gegenüber, der durchaus auch mein Date sein könnte und beobachte angespannt, wie sich Milch und Kaffee in meinem Glas zu einer braunen Suppe vermischen.
»Wie lange sind Sie schon Anwältin?«
Dominik nimmt einen Schluck aus seiner Kaffeetasse und blickt mich über den Rand hinweg interessiert an. Es ist die erste persönliche Frage, die er mir stellt.
»Sie meinen, weil ich noch so jung bin?«
Ich ziehe zunächst eine Braue in die Höhe, dann den langen Löffel aus meinem Glas und setze dieses schließlich ebenfalls an meinen Lippen an.
»Das haben Sie jetzt gesagt.« Er grinst nahezu schelmisch. »Aber ja, auch das. Sie sind ganz offensichtlich in meinem Alter und sehen Sie mich an, ich saß bis gerade eben noch in Untersuchungshaft und Sie, Sie sitzen hier mit Ihrer schicken Bluse und einem vermeintlich beeindruckenden Werdegang. Studiert man Jura nicht mindestens ein halbes Leben lang?«
Sein Lachen entlockt mir ein dezentes Schmunzeln, welches sich unverhofft gut anfühlt. Denn ja, das ist tatsächlich das gängigste Vorurteil gegenüber uns Juristinnen und Juristen. Auch meine Mutter hatte zu Beginn meines Studiums stets Sorge getragen, ich würde die nächsten Jahrzehnte noch an der Fakultät in München verbringen. Doch ich konnte sie und all die anderen Skeptiker vom Gegenteil überzeugen.
»Die Regelstudienzeit beträgt lediglich zehn Semester, aber Sie haben durchaus Recht, die meisten schaffen es nicht in dieser Zeit. Ich allerdings schon.«
Dominik zieht meine Visitenkarte nochmals aus seiner Hosentasche und studiert den Aufdruck derart akribisch, als würde er sich den Zahlencode für einen Geldtresor einprägen müssen. »Und wie kommt’s, dass Sie jetzt in ihren jungen Jahren bereits eine Festanstellung als Anwältin haben?«, fragt er schließlich.
Erneut ziehe ich meine Braue in die Höhe, was ich recht gut beherrsche, habe ich es doch zahllose Male vor meinem großen Wandspiegel im Schlafzimmer geprobt.
Die Antwort lautet nicht, weil ich mit meinem Chef geschlafen habe –, das denkt er vermutlich von mir. Das, denken so einige. Aber ich musste mich noch nie einschleimen, musste nie meine weiblichen Reize einsetzen, um etwas zu erreichen. »Vielleicht, weil ich verdammt gut in meinem Metier bin«, ist die völlig banale und doch korrekte Antwort. Denn bereits während meines Referendariats am Oberlandesgericht hatte ich nebenbei für Novak & Partners gearbeitet und konnte mich so schon früh beweisen. Konnte Danijel von mir und meinen Fähigkeiten als Anwältin überzeugen.
»Das ist durchaus ein Argument.«
Dominik nickt anerkennend und nimmt noch einen weiteren Schluck seines Kaffees. Seine Augen hat er aber noch immer auf mich gerichtet. Ich sehe sie über den Rand seiner Tasse hinweg leuchten. Ja, sie leuchten. Nicht gänzlich braun. Rund um die Pupillen schimmern sie in einem faszinierenden Grün und wecken etwas in mir, das ich lieber nicht weiter konkretisieren will. Sie erinnern mich an einen Jungen, der mir einmal die Welt bedeutete.
»Und weswegen haben Sie ausgerechnet meinen Fall übernommen?« Dominik stellt seine Tasse nun wieder vor sich auf der Tischplatte ab und leckt sich flüchtig die Lippen. Ein Hauch von Milchschaum verschwindet in seinem Mund, in welchem sich kerzengerade Zähne reihen. »Ich dachte Sie sind auf Zivilrecht spezialisiert. Fällt meine Angelegenheit nicht ganz klassisch ins Strafrecht?«
Meine Augen, die ich eben noch selbstbewusst auf ihn gerichtet hatte, schlitzen sich. Ich bin überrascht, woher dieser Kerl überhaupt den Unterschied zwischen Zivil- und Strafrecht kennt. Noch mehr aber, weswegen ihn all das zu interessierten scheint. Will er nur smalltalken, nur höflich sein oder hat er wirkliches Interesse an mir und meinem juristischen Werdegang – und wenn ja, weswegen?
»Ich habe Ihre Vita gelesen«, schiebt er jetzt noch hinter her, was zumindest erklärt, weshalb er derart gut über mich Bescheid zu wissen scheint.
»Nun ja, ich wurde darum gebeten Sie zu vertreten«, greife ich seine vorherige Frage wieder auf, ohne zu ergänzen, dass mich diese Tatsache noch immer unfassbar aufwühlt. Im Prinzip bin ich lediglich hier, weil ich wieder einmal nicht Nein sagen konnte und Danijel aufgrund einer langjährigen Freundschaft zu Dominiks Vater wohl ebenfalls nicht. Ob meinem Klienten letzteres bewusst ist, ist mir nicht bekannt. Doch ich erwähne es auch nicht, denn ich will ihn keinesfalls in Verlegenheit bringen, indem ich ihm offenbare, dass es sein eigener Vater war, der eben genau darum gebeten hatte. Jeder andere hier ansässige Anwalt hätte diesen Fall, der nicht mehr als bürokratischer Papierkram ist, ebenfalls übernehmen können. Jeder andere, der sich hier in dieser Gegend heimisch fühlt, dem es nicht so vorkommt, als würde ihm eine enge Schlinge um den Hals fortlaufend die Luft zum Atmen nehmen.
