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Vero ist ein Kleinstadtmädchen voller Selbstzweifel und Ängste. Nur ungerne lässt die 26-Jährige jemanden an sich heran, denn die stetige Angst verletzt zu werden, hat hohe Mauern um ihr Herz gezogen. Die Einladung zu einem Vorstellungsgespräch und die Vorfreude auf ein Wiedersehen mit ihrer besten Freundin ziehen sie nach Berlin. Doch die Tage in der Großstadt verlaufen anders als geplant, denn in einer der zahllosen Straßen läuft sie zufällig ihm in die Arme, Tom. Der attraktive Geschäftsmann verkörpert all das, was sich ihrem Streben nach Sicherheit, Stabilität und Planbarkeit völlig widersetzt und doch lässt sie sich mit ihm auf eine ebenso romantische wie lustvolle Reise ein. Hinter Toms grünen Augen jedoch verbirgt sich eine Wahrheit, die ihr Leben bis auf die Grundmauern erschüttern soll.
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Seitenzahl: 527
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Nicole Klein entdeckte bereits in jungen Jahren ihre Leidenschaft für das Schreiben. Sie studierte in Ravensburg Medienund Kommunikationswirtschaft und lebt ihre Kreativität seit vielen Jahren als Marketingmanagerin und freiberufliche Autorin aus. Gemeinsam mit ihrer Familie lebt sie in Stuttgart.
Wenn sich alles perfekt anfühlt, woher weißt du dann, dass es echt ist?
Für Daniel und unseren wundervollen Sohn.
»Let me fall if I must fall.
The one I am becoming will catch me.«
Baal Shem Tov
PROLOG
KAPITEL 1
KAPITEL 2
KAPITEL 3
KAPITEL 4
KAPITEL 5
KAPITEL 6
KAPITEL 7
KAPITEL 8
KAPITEL 9
KAPITEL 10
KAPITEL 11
KAPITEL 12
KAPITEL 13
KAPITEL 14
KAPITEL 15
KAPITEL 16
KAPITEL 17
KAPITEL 18
KAPITEL 19
KAPITEL 20
KAPITEL 21
KAPITEL 22
KAPITEL 23
KAPITEL 24
KAPITEL 25
KAPITEL 26
KAPITEL 27
KAPITEL 28
KAPITEL 29
KAPITEL 30
KAPITEL 31
KAPITEL 32
KAPITEL 33
KAPITEL 34
KAPITEL 35
KAPITEL 36
KAPITEL 37
KAPITEL 38
KAPITEL 39
KAPITEL 40
KAPITEL 41
KAPITEL 42
KAPITEL 43
KAPITEL 44
KAPITEL 45
KAPITEL 46
EPILOG
DANKSAGUNG
Sie fiel. Immer weiter und weiter. Wie in einen endlos tiefen Schacht hinein. Ihre Augen konnten nichts erkennen, nichts als Dunkelheit. Eine Dunkelheit, die sie noch nie zuvor als derart düster und beklemmend empfunden hatte. Unter ihr war kein Boden. Ihr gesamter Körper schien zu schweben, als würde sie soeben mit einer Achterbahn in die endlose Tiefe stürzen – umhüllt, von einem niemals enden wollenden Gefühl des hilflosen Fallens.
Hektisch begannen ihre Blicke zu kreisen. Erforschten einen Raum, der offensichtlich nicht erforscht werden wollte. Der im tiefsten Schwarz versank und ihrem Verstand keinerlei Möglichkeit gab, dessen Ausmaße abzuschätzen. Alles was sie vernahm, waren Stimmen, die wie durch einen Tunnel zu ihr durchdrangen. Verschiedene Namen, Fragmente von Sätzen und lose Wortfetzen schallten wie ein Echo nahezu willkürlich um ihre Ohren.
Ihr Kopf begann zu brummen, ihre Schläfen zu pochen. All die Geräusche, die Aufregung und Anspannung quälten sich schmerzhaft durch jede Faser ihres Körpers. Wühlten sie auf und ließen eine unsägliche Panik in ihr aufsteigen.
Ob sie nun sterben würde? Oder ob sie das alles nur träumte? Würde sie träumen, da war sie sicher, würde nichts weiter passieren. Dann würde sie nicht auf dem Boden dort unten im tiefsten Dunkel aufprallen und sich dabei jeden erdenklichen Knochen in ihrem Körper brechen. Denn sie wusste, dass man in einem Traum unmöglich echte Schmerzen erleiden konnte, dass man sich nicht ernsthaft verletzen oder gar sterben konnte. Stattdessen würde ihr Körper sogleich Adrenalin ausschütten, welches zunächst ihren Herzschlag, dann ihren Blutdruck nach oben schnellen lassen würde – solange, bis sie aus ihrer tiefen Schlafphase zurückkehren würde. Bis sie endlich wieder Erwachen würde.
Doch es geschah nichts.
Was sollte sie jetzt tun? Panisch schreien oder sich mit der Situation arrangieren? Hoffen aufzuwachen oder sich der Dunkelheit ergeben, bis diese hoffentlich bald wieder von Licht geflutet werden würde?
Sie öffnete ihren Mund. Formte ihn zu einem Oval. Wollte schreien. Furchtbar laut. Um das hässliche Gefühl in ihrem Magen und die Angst vor dem bevorstehenden Kontrollverlust zu vertreiben. Aber ihr Hals fühlte sich trocken und beklemmt an, so, als hätten sich zwei starke Hände um ihn gelegt. Ihr Kopf schrie, ihre Gedanken wirbelten umher, doch ihre Stimme blieb stumm. Kein Ton kam hervor.
Alles begann sich derweil völlig surreal anzufühlen. Selbst die Zeit war nur noch ein bedeutungsloser Umstand, den sie nicht mehr greifen konnte. Wie lange fiel sie schon? Minuten, Stunden, Tage?
Verzweiflung keimte in ihr auf und als sie soeben beginnen wollte zu weinen, völlig hilflos und alleine, da sah sie augenblicklich Licht. Wie ein heller Kreis voller Hoffnung, am Ende eines langen Tunnels. Und während sie langsam realisierte, dass ihr tiefer Fall, ihre Reise ins Ungewisse, nun endlich ein Ende gefunden hatte – welcher Art auch immer – begann sie zu lächeln.
Ein milder Luftzug wehte Vero ins Gesicht, als sie die letzten Stufen der Unterführung passierte, um hinauf in Richtung Friedrichsstraße zu gelangen. Hier oben, im Herzen Berlins, zwischen all den vielen Menschen, die augenblicklich wie Ameisen um sie herumwuselten, fühlte sie sich unfassbar klein. Unbeachtet, unbedeutend, wie ein winziger Fisch in einem riesigen Schwarm, wie eine beliebige Nummer auf einer nahezu unendlichen Skala. Niemanden interessierte es, wer sie war. Sie war eine von vielen, ging in der Masse unter, wie schon so oft zuvor in ihrem Leben.
Die schwülwarme Luft, die zwischen den engbebauten Straßen Berlins nahezu wie gefangen schien, war drückend und mehr als ermüdend. Jeder Schritt die Straße entlang schien ihre Sinne ein wenig mehr zu betäuben, ihre Umgebung zu einem bunten Potpourri aus Farben, Gerüchen und Stimmen zu vermengen. Zugegebenermaßen hatte sie in der vergangenen Nacht aber auch nicht sonderlich viel geschlafen. Erst gestern Abend war sie mit dem Flieger in der Hauptstadt angekommen und hatte die viel zu kurze Nacht auf dem Sofa ihrer Freundin verbracht. Ihr Rücken schmerzte noch von der ungewohnt harten Matratze ihres provisorischen Nachtlagers und ihr Kopf brummte monoton vor sich hin, als würde er ihren ausschweifenden Weinkonsum des Vorabends rückwirkend beanstanden wollen.
Eine gefühlte Ewigkeit hatte Vero ihre beste Freundin Lisa nicht mehr gesehen, nachdem diese vor knapp einem Jahr die gemeinsame Studenten-Wohnung in Stuttgart verlassen und nach Berlin gezogen war. Hier, in der Hauptstadt, hatte Lisa einen gut bezahlten Job als Eventmanagerin gefunden, besaß den Schlüssel zu einer Zwei-Zimmer-Wohnung in einem charmanten Altbau in Schöneberg und ein Leben, um das Vero sie in jeglicher Hinsicht beneidete. Nicht nur, weil sie selbst seit ihrem Abschluss förmlich auf der Stelle trat, sondern auch, weil Lisa schon immer all das verkörperte, was sie selbst nur zu gerne wäre. Denn ihre Freundin war ein Freigeist, mutig, geradeheraus, selbstbewusst und extrovertiert, während Vero bevorzugt in der zweiten Reihe stand und das Leben immer mit ein wenig Skepsis und Zurückhaltung betrachtete. Ihre Freundschaft war ein Sinnbild für Tag und Nacht, für Schwarz und Weiß, für den völligen Widerspruch in sich und doch etwas ganz Besonderes. Die unverkennbaren Unterschiede ihrer Persönlichkeiten hatten sie über die Jahre hinweg eng zusammengeschweißt, hatten ein einzigartiges Gleichgewicht gefunden und ein Band der Freundschaft erschaffen, welches selbst sechshundert Kilometer Entfernung nicht hatten abreißen lassen. Mindestens einmal die Woche telefonierten oder schrieben sie noch, tauschten Ratschläge und Lebensweisheiten aus und teilten ihre Geschichten, ihre Träume und Wünsche miteinander. Lisa war ihr Anker, ihre Stütze, ihr Antrieb in allen Lebenslagen, und überhaupt erst der Grund dafür, dass sie heute hier in Berlin war. Denn dank Lisas guten beruflichen Kontakten, hatte sie nicht nur für eine langersehnte Joboption gesorgt, sondern auch für ein längst überfälliges Wiedersehen.
Montag, 16. Juli, 9:55 Uhr, zeigte das Display an, als Vero nach wenigen Metern einen ersten nervösen Blick auf ihr Smartphone warf. Bis zu ihrem Termin verblieb zwar noch eine gute halbe Stunde, dennoch wollte sie ungern mit Schweißperlen auf der Stirn in das Gebäude in der Französischen Straße hetzen und ihrem potenziell neuen Chef aufgewühlt entgegentreten. Lieber wäre sie viel zu früh, als nur eine einzige Minute zu spät. So könnte sie wenigstens noch einmal tief durchatmen und entspannt ein weiteres Mal das bevorstehende Gespräch bei Reflection.Berlin durchgehen.
Dort, in der Redaktion eines der erfolgreichsten Lifestyle-Magazine der Hauptstadt, würde sie sogleich für eine freie Stelle im Online-Marketing vorsprechen. Für eine Stelle, die so gar nicht ihren Wünschen und Vorstellungen entsprach und sich nur wenig mit ihren eigenen Interessen deckte. Denn wenn sie eines nicht war, dann ein trendiger Hipster und laut Lisa sollte man genau das eigentlich sein, wenn man sich um einen Job in der Berliner Medienbranche bewarb. Doch zugegebenermaßen hatte sie diesen Begriff noch nicht einmal in ihrem Wortschatz gespeichert, geschweige denn jemals zuvor benutzt. Erst der Blick in ein Online Lexikon hatte ihr erläutert, was sie eigentlich sein sollte, doch mit Sicherheit nicht war – eine Person mit extravagantem, individualistischem Lebensstil, die stets darüber informiert war, was modern und angesagt ist. Außerdem trug so jemand wohl bevorzugt karierte Flanellhemden und Schuhe aus veganem Leder, genehmigte sich in der Mittagspause gerne einmal einen Mate-Tee und verließ das Haus nur mit Nerd-Brille und stylischem MacBook. Okay, letztere Information hatte nicht in einem Lexikon gestanden, dies hatte Lisa noch augenzwinkernd hinzugefügt.
»Wenn du bei deinen künftigen Kollegen punkten willst, hast du ab sofort außergewöhnliche Hobbys, exotische Essgewohnheiten und im besten Fall kein Bedürfnis nach Privatleben. Du bist immer gut gelaunt und up-to-date«, hatte ihre Freundin erläutert und Vero hatte daraufhin kurz mit dem Gedanken gespielt, ihr bevorstehendes Gespräch wieder zu canceln. Denn es war mehr als offensichtlich, dass sie so absolut gar nicht in dieses Berufsbild passte. Dass sie dabei war, um einen Job zu buhlen, in welchem sie unverkennbar wie ein Fremdkörper wirken würde.
Vero stoppte kurz vor einer der zahllosen Boutiquen, die sich hier in der Straße befanden und betrachtete ihre Erscheinung in der Spiegelung eines Schaufensters. Die etwas unscharfe Reflektion zeigte ein durchaus hübsches, aber dennoch unscheinbares Mädchen, dezent geschminkt, mit kleinen goldenen Kreolen in den Ohrlöchern. Die mittellangen blonden Haare hatte sie zu einem schlichten Pferdeschwanz zusammengebunden und ihren schlanken Körper in ein Outfit gepackt, in welchem sie sich alles andere als hip fühlte. In einen dunkelblauen Zweiteiler, eine klassische weiße Markenbluse und dunkle Absatzschuhe. Ja, augenscheinlich war sie keines dieser modebewussten Werbemäuschen und erst recht kein trendiger Hipster. Sie war ein klassischer Normalo. Ein einfaches Mädchen, das gerne zu legeren Jeans und bequemen Sneakers griff. Sie war dezent, verträumt, ja geradezu feingeistig, und mit Sicherheit alles andere als up-to-date.
Ernüchtert rümpfte sie die Nase, bevor sie sich wieder dem vor ihr liegenden Gehsteig zuwendete und rasch durch eine Einkaufspassage hinweg, auf die nächste Straßenkreuzung zulief. Ein junger Mann kam ihr auf den letzten Metern entgegen. Sein dunkles Haar wippte mit jedem Schritt, den er nahm, locker im milden Sommerwind auf und ab und seine weißen Zähne blitzten kurz auf, als er ihr freundlich zunickte. Ein Stapel Bücher klemmte unübersehbar unter seinem rechten Arm. Jane Austen, Stolz und Vorurteil, stand auf einem der Umschläge, der schon ein wenig zerfleddert wirkte. Ob es eine Erstausgabe war?
Ein wenig Hoffnung keimte augenblicklich in Vero auf, hier während ihres Aufenthaltes in Berlin, vielleicht doch auf den ein oder anderen Gleichgesinnten zu treffen, der mit ihr die Leidenschaft für Kunst und Literatur teilte. Der anstelle eines Notebooks, lieber einen Stapel Bücher unter seinem Arm trug und genau wie sie auf die guten, altbewährten Dinge stand; auf ein romantisches Picknick im Park, auf handgeschriebene Briefe, das nostalgische Knistern einer Vinyl-Schallplatte und schwarz-weiß Filme der Sechzigerjahre.
Träumerisch blickte sie ihrem potenziellen Seelenverwandten hinterher, bis seine durchaus attraktive Erscheinung im Trubel der Großstadt verschwand. Nur noch wenige Schritte trennten sie von ihrem Ziel; der Französischen Straße, und dem imposanten, mehrstöckigen Redaktionsgebäude, in welchem sie vermutlich sogleich hervorstechen würde, wie ein kantiges Dreieck unter zahllosen Kreisen.
Rasch drehte sie ihren Kopf erneut in Laufrichtung, um die letzte, noch verbleibende Straßenecke zu passieren, als sie ganz plötzlich mit einem heftigen Rums unsanft aus ihrer Gedankenwelt gerissen wurde. Ein warmes Gefühl breitete sich blitzschnell auf ihrer Brust aus und tropfte in dunkler Farbe, von ihrer Bluse abwärts auf den grauen Asphalt.
Ihr Herz hämmerte, bedrängte ihren Brustkorb, während sich ein hochfrequenter Ton durch ihre Ohren wandte. Ein Ton, der kurzzeitig alles zum Stillstand brachte, der das gesamte Szenario um sie herum verschwimmen ließ, wie ein nasses Aquarell.
»Oh, das tut mir sehr leid. Ich hab dich gar nicht kommen sehen«, sagte der junge Mann, der sie gerade kurz vor ihrem Bewerbungsgespräch mit dem gesamten Inhalt seines Coffee-to-go-Bechers übergossen hatte. »Alles okay bei dir, Kleines?«
Die Konturen ihres Gegenübers schärften sich nur langsam vor ihr. Seine dunkelgrünen Augen funkelten reumütig in der Mittagssonne, während er sich verlegen auf die Unterlippe biss. Wie in Trance starrte Vero ihn an. Noch immer fühlte sie sich, als hätte sie soeben einen kräftigen Schlag auf den Hinterkopf abbekommen und nicht den warmen Kaffee dieses unvorsichtigen Kerls, der sie beinahe über den Haufen gerannt hatte.
»Verdammt«, fluchte sie, als sie die Kaffeeflecken bemerkte, die ihr Oberteil nun wie eine versiffte Tischdecke wirken ließen. »Wieso muss mir sowas immer passieren?«
»Immer? Wie viele Kaffee-Unfälle hattest du denn heute schon?« Der junge Mann lachte amüsiert. Wie unpassend.
Hektisch wischte sie einige Male über ihre Bluse hinweg, doch damit schien sie die warme Brühe nur noch kräftiger in den hellen Stoff zu reiben. »Verdammt«, fluchte sie erneut.
Ein kurzes Aufschnaufen ihres Gegenübers ließ sie noch einmal aufblicken. Der Kerl schmunzelte noch immer, seine Augen glänzten belustigt.
»Findest du das etwa witzig?«
»Ein wenig.« Er zuckte kurz mit seinen Schultern und ließ seine Brauen dabei in die Höhe tänzeln.
»Wie nett.«
»Oh, ich bin durchaus nett.«
»Offensichtlich nicht, sonst würdest du mehr Mitgefühl zeigen. Ich habe gleich ein Bewerbungsgespräch und sehe dank dir nun aus, als hätte ich die Nacht durchgemacht.« Angewidert deutete sie an ihrer befleckten Bluse hinab.
»Hast du?« Er grinste frech.
Vollidiot, kommentierte sie im Stillen. Niemals hätte sie dieses Wort laut ausgesprochen, auch wenn es ihr förmlich auf den Lippen brannte. Stattdessen warf sie ihm einen abfälligen Blick zu und drängte sich nur kopfschüttelnd an ihm vorbei.
»Warte!« Er griff nach ihrer Hand und hielt sie zurück.
Ein kurzes, aber intensives Gefühl raste dabei durch ihre Adern. Wie ein sanfter, dennoch spürbarer Stromstoß.
Sie drehte sich erneut zu ihm um. Seine Stirn lag in Falten und er musterte sie noch einmal für einen kurzen Moment.
»Lass mich dir helfen«, sagte er noch, bevor er sie wortlos an seiner Hand hinter sich herzog.
Gerne hätte Vero dagegen lautstark Protest eingelegt. Ihre Zeit war knapp und seine draufgängerische Art widerstrebte ihr in jeglicher Hinsicht. Aber ihr fehlten auf einmal die passenden Worte und die Kraft für einen Widerstand. Ihr Zunge schien schwer wie Blei, ihr Körper wie fremdgesteuert, und so folgte sie ihm stumm auf die gegenüberliegende Straßenseite, bis hin zu einer kleinen Boutique. Ein Glöckchen erklang, als sie nacheinander durch die Eingangstüre ins Innere schritten.
»Hi, dürfen wir kurz ihre Garderobe benutzen?«, warf der Kerl dem älteren Herrn sofort forsch entgegen, der hinter einem mahagonifarbenen Verkaufstresen stand und sie beide nur irritiert musterte.
»Hey, was soll das werden?«, fragte Vero noch, doch er manövrierte sie bereits zielstrebig weiter durch die engen Räumlichkeiten, vorbei an zahllosen, sicher sündhaft teuren Herrenanzügen und Designerhemden. Am Ende des Raums führte er sie in eine große Umkleidekabine und zog eilig den schweren Vorhang hinter sich zu.
»Keine Sorge, unverbindlicher Sex sieht bei mir definitiv anders aus«, witzelte er amüsiert, bevor er sich rasch aus seinem weißen T-Shirt schälte. »Wie heißt du eigentlich, Blusen-Mädchen?«
Wie versteinert starrte Vero auf seinen nackten Rücken, während ihr Name kaum hörbar ihre Lippen verließ. Sein Körper wirkte derart perfekt im hellen Licht der Kabinenbeleuchtung, dass es ihr schon beinah surreal vorkam. Keine Unebenheit, keine Rötung, kein Muttermal, nichts. Seine Haut war makellos, sonnengebräunt und spannte sich straff über seine definierte Rückenmuskulatur, bis hin zum Bund seiner Jeans. Bis zu diesen kleinen, aber feinen Grübchen seitlich der Wirbelsäule, knapp über seinem wohlgeformten Po. Eine kurze, aber heftige Hitzewelle erfasst sie und ihre völlig unsortierten Gedanken trieben ihr umgehend eine leichte Röte ins Gesicht.
»Hier Vero, nimm mein T-Shirt. Das fällt bestimmt niemandem unter deinem Blazer auf.« Er drehte sich zu ihr und streckte ihr sein weißes T-Shirt mit einem jungenhaften Grinsen auf den Lippen entgegen. »Ist auch frisch aus der Reinigung.«
Zögerlich legte sie ihre Hand auf den weichen Stoff, ohne dass es ihr gelang, ihre Augen von ihm abzuwenden. »Ähm, okay. Danke«, stieß sie nur leise hervor und nahm ihm das Shirt wie fremdgesteuert aus der Hand.
»Nicht dafür«, antwortete er nüchtern, bevor er aus der Kabine heraustrat. »Ich sagte doch, ich bin ein netter Kerl.«
Vero lauschte seinen Schritten und als sie sich sicher war, dass er nicht mehr direkt vor ihrer Garderobe stand, stieß sie einen kräftigen Atemstoß aus. Sie fühlte sich, als hätte man ihr soeben zwei heftige Ohrfeigen verpasst. Ihre Wangen glühten und ihr Herz klopfte völlig unregelmäßig in ihrer Brust. Sie war wütend, irritiert und erleichtert zugleich.
Skeptisch fixierte sie ihr eigenes Spiegelbild für einen kurzen Moment. Sie sah nach allem aus, nur nicht nach einer seriösen Bewerberin. Ihre weiße Bluse war mit zahlreichen braunen Kaffeeflecken überzogen und ihr heller Spitzen-BH schimmerte obszön durch den feuchten Stoff hindurch.
Nervös blickte sie auf ihre Armbanduhr. Egal wie sie es drehen und wenden würde, wenn sie noch rechtzeitig und einigermaßen vertretbar gekleidet zu ihrem Gespräch wollte, musste sie jetzt handeln. Auch wenn dies bedeuten würde, dass sie sogleich in einem Herren-T-Shirt vor ihren neuen Chef treten müsste.
Sie seufzte tief, bevor sie sich widerwillig ihren Blazer von den Schultern streifte, die Knöpfe ihrer Bluse öffnete und sich letztlich den feuchten Stoff von ihrem Körper schälte. Eilig zog sie sich daraufhin sein Shirt über. Es roch gut. Nicht nach einem pudrigen Waschmittel, sondern vielmehr nach einem herben, männlichen Parfüm, welches regelrecht zu ihm zu passen schien. Zu einem heroischen Kerl, der ganz offensichtlich vor Selbstbewusstsein nur so strotzte.
»Lassen Sie mich einmal sehen, junges Fräulein«, sagte der Verkäufer mit ruhiger Stimme, als sie schließlich angespannt die Kabine verließ. »Kommen Sie, ich mache Ihnen das noch ein wenig enger. Das bekommen wir schon hin.«
Er zog einige Stecknadeln aus einem Samtkissen, das er zuvor an einer Gürtelschlaufe seiner Cordhose befestigt hatte, und machte sich mit einem Stück Garn an ihrem Rücken zu schaffen. Sie spürte, wie die kalten, metallischen Nadeln ihre Haut tangierten, bis das eigentlich viel zu große Shirt letztlich eng an ihrem Körper saß.
»Ich hätte Ihnen ja auch eines unserer Hemden angeboten, aber ihre nette Begleitung kam mir ja zuvor«, entschuldigte sich der Verkäufer noch mit einem freundlichen Lächeln, bevor er dem Kaffee-Typen ein weißes Designerhemd entgegenwarf. »Hier, für Sie! Nicht, dass Sie noch wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses hinter Gittern kommen.«
Veros Augen folgten der Flugbahn des Hemdes. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass der junge Mann noch immer mit nacktem Oberkörper dastand und sie vom Verkaufstresen aus ungeniert in lässiger Pose musterte. Verlegen wendete sie ihre Augen von ihm ab, bevor sich ihre Blicke hätten treffen können.
Schnell knöpfte er das Hemd auf und zog es sich über seine Schultern hinweg. Aus dem Augenwinkel heraus, sah sie den vermeintlich teuren Stoff über seinen wohlproportionierten Körper hinweg gleiten.
»Das ist dann wohl mein Stichwort, ich muss jetzt leider los. Sorry nochmal für meine Unachtsamkeit, Kleines, und viel Erfolg bei deinem Gespräch!«, rief er ihr noch zu, bevor er mit halbgeöffnetem Hemd in schnellen Schritten aus dem Laden eilte.
Ohne zu bezahlen. Wie unverschämt, dachte sie noch und sah ihm ein wenig verächtlich hinterher, bevor letztlich auch sie die Boutique verließ, um noch pünktlich ihr Gespräch wahrzunehmen.
Knapp zwei Stunden später war Veros Gespräch beendet und die warme Julisonne brannte sich heißer und drückender durch die überfüllten Straßen Berlins als noch am frühen Vormittag. Schwungvoll passierte sie soeben eine gläserne Drehtüre nach draußen und stieß dabei einen tiefen, beinahe schon befreienden Seufzer aus.
Überraschenderweise war ihr Termin besser verlaufen, als erwartet und tatsächlich hatte sie sich in ihrem improvisierten Outfit in keiner Minute unwohl gefühlt. Ihr Shirt, nein, sein Shirt, saß dank des beherzten Eingreifens des Boutique-Besitzers nun passgenau an ihrem Körper und hatte ihrer Optik vermutlich sogar ein klein wenig die prüde Spießigkeit genommen.
In eiligen Schritten entfernte sich Vero vom Gebäude. Es war bereits halb eins und in einer guten halben Stunde war sie mit Lisa in einem kleinen italienischen Restaurant, zwei Querstraßen von ihrer Wohnung entfernt, zum Essen verabredet. Genug Zeit eigentlich, um mit der nächsten Bahn zurück nach Schöneberg zu fahren, und doch liebäugelte sie mit einem der Taxis auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Zu sehr schmerzten ihre Fersen in den engen, bislang kaum getragenen Absatzschuhen, als dass sie noch mehr Schritte gehen wollte, als nötig waren.
»Ick hab aber noch Pause. Du musst dich noch kurz gedulden«, erwiderte ein Fahrer auf ihre Anfrage hin, sie nach Schöneberg zu fahren, während er einige Male emotionslos an seinem abgegriffenen Zigarettenstummel zog. Weißer Rauch trat zwischen seinen Lippen hervor und schlängelte sich vor ihren Augen aufwärts in den blauen Himmel.
Vero atmete den intensiven Tabakgeruch tief durch ihre Nase ein, bevor sie zustimmte und sich erschöpft auf der Rückbank des weißen Mercedes niederließ. Tatsächlich hatte sie zu ihrer Studienzeit auch einmal geraucht. Keine ganze Schachtel, wie ein echter Raucher, aber die ein oder andere Zigarette vor oder nach einer nervenaufreibenden Prüfung oder zu einem kühlen Bier auf einer Party. Natürlich hatte Lisa sie dazu gebracht; sowohl zum Rauchen, als auch zum regelmäßigen Alkoholtrinken. Ja, das Studentenleben mit ihr, hatte Vero so einiges abverlangt. Immer wieder hatte Lisa sie aus ihrer Komfortzone herausgekitzelt und sie zu Dingen angestiftet, über die sie noch nicht einmal nachgedacht hätte. Einmal hatte sie sogar mit einem wildfremden Kerl auf einer Hausparty in einem Kleiderschrank geknutscht, nur weil sie eine dämliche Wette gegen ihre Freundin verloren hatte.
Schnell streifte Vero sich ihre Schuhe von den Füßen und rieb sich behutsam ihre wundgelaufenen Fersen. Kühle Luft aus dem Fahrerraum blies ihr wohltuend entgegen und ein wunderbar männlicher Geruch strömte sogleich in ihre Nase. Ein wenig verhalten griff sie an den Kragen ihres Shirts und atmete den betörenden Duft ein – seinen Duft.
Was für ein skurriler Vormittag, ging ihr augenblicklich durch den Kopf. Jetzt, mit etwas Abstand betrachtet, konnte sie sogar ein klein wenig darüber schmunzeln. Denn im Prinzip war sie schon immer ein Pechvogel gewesen und das Glück war nicht unbedingt ihr stetiger Begleiter. Gab es irgendwo ein Fettnäpfchen, sie würde es sicher nicht auslassen. Bestand eine minimale Wahrscheinlichkeit für eine komplett abwegige Situation, sie würde in ihrem Leben mit Sicherheit eintreffen. Erst kürzlich hatte sie bei einer Routineuntersuchung erfahren, dass sie eine der seltensten Blutgruppen der Welt besitzt: Null, Rhesusfaktor Negativ. Lediglich knapp vier Prozent aller Menschen weltweit haben diese Blutgruppe. Ein Sechser im Lotto quasi, nur eben ohne den Koffer voller Geld.
Vielleicht aber, war es heute ausnahmsweise kein Pech, sondern vielmehr das Schicksal, das sie in seine Arme getrieben hatte. Das penibel genau dieses Szenario geplant hatte: sie trifft ihn, einen von dreiundachtzig Millionen, in einer der tausenden Straßen Berlins. Die Nadel im Heuhaufen. Der Sechser im Lotto. Vero hasste Statistik, aber dieser Gedanke erschien ihr auf einmal völlig schlüssig. Dieser junge Mann; er war ein wenig dreist, und ja, vermutlich auch ziemlich selbstverliebt, aber seine grünen Augen hatten etwas in ihr ausgelöst, das weit über Dankbarkeit hinaus ging. Da war ein vertrautes Gefühl, eine beinahe schon magische Anziehungskraft, ein sanftes Bitzeln tief in ihrer Magengrube, welches sie selbst jetzt noch mehr als deutlich spüren konnte.
Hektisch begann sie in ihrer Tasche zu wühlen. Sie müsste Lisa um Rat fragen. Bestimmt hätte ihre Freundin einen guten Tipp parat, wie sie an seine Telefonnummer kommen könnte, um sich bei ihm für die T-Shirt-Aktion zu bedanken und … und um ihn wiederzusehen. Um zu prüfen, ob ihr Zusammentreffen vielleicht wirklich ein Wink des Schicksals war oder doch nur ein mehr als misslicher Zufall.
Vero zog ihr Handy zwischen den Seiten eines Gedichtbands hervor, welches sie gestern noch am Flughafen in Stuttgart gekauft hatte. Mit Mut fangen die schönsten Geschichten an, stand passenderweise in geschwungener, kursiver Schrift auf dem roséfarbenen Cover.
Los! Sei mutig, motivierte sie sich im Stillen. Nur ein einziges Mal wollte sie den Kampf gegen die Unsicherheit gewinnen, die tief in ihrem Inneren schlummerte. Immer. Allseits.
Entschlossen ließ sie das Smartphone zurück in ihre Tasche gleiten, öffnete die Wagentüre und sprang wie automatisiert mit einem großen Satz aus dem Fahrzeug.
»Ich bin gleich wieder da, bitte nicht ohne mich fahren!«, rief sie dem Fahrer noch zu, obwohl ihr durchaus bewusst war, dass diese Forderung hier in einer Großstadt, ebenso sinnbefreit war, als würde sie einen Hund dazu auffordern, nicht in die vor ihm liegende Bockwurst zu beißen.
Eilig überquerte sie die Straße und lief zurück in die Einkaufspassage, bis vor den Eingang der kleinen Boutique. Ihre Fersen brannten noch immer wie Feuer, doch das aufkeimende Bedürfnis, ihn wiederzusehen, war stärker als der oberflächliche Schmerz.
Das Glöckchen am Türrahmen ertönte erneut, als sie den Laden betrat. Sofort erschien der ältere Herr am Eingangstresen. Seine Brille baumelte an einem Band um seinen Hals und er blickte sie fragend aus seinen stechendblauen Augen heraus an.
»Hallo! Entschuldigen Sie, ich schon wieder«, stammelte Vero unsicher. »Ich wollte mich für vorhin entschuldigen und Ihnen danken, dass Sie mir geholfen haben. Eigentlich ist es gar nicht meine Art und ich wollte Ihnen sicher keine Umstände bereiten, aber …«
»Kein Problem«, unterbrach der ältere Herr ihren Wortschwall mit ruhiger Stimme. »Ich kenne den jungen Mann mit dem Sie vorhin hier waren schon viele Jahre und daher war es für mich selbstverständlich Ihnen kurz unter die Arme zu greifen.«
»Sie kennen den Kaffee-Typen, ähm, ich meine den jungen Mann, mit dem ich vorhin hier war? Hätten Sie mir vielleicht seinen Namen, eine Telefonnummer oder Adresse? Ich würde mich gerne bedanken und ihm sein Shirt zurückgeben.« Wow. Das ging einfacher, als gedacht. Danke, Schicksal!
»Langsam, langsam, junges Fräulein. Wir legen hier viel Wert auf Diskretion. Ich kann Ihnen nicht einfach private Daten eines Kunden herausgeben«, verneinte der Verkäufer ihre Bitte jedoch. Danke, für Nichts! »Aber ich könnte ja für Sie anrufen und ihm von Ihrer netten Anfrage erzählen, was halten Sie davon?«, schlug er ihr stattdessen vor.
Vero trat einen Schritt näher an den Verkaufstresen heran, so dass sie sein Namenschild besser lesen konnte. »Herr König, das wäre wirklich wunderbar und ich wäre Ihnen sehr dankbar dafür.«
Herr König nickte ihr freundlich zu und tippte sogleich eine Nummer aus einem großen schwarzen Notizbuch ab.
Ihr Herz begann sofort wie wild zu schlagen.
Hätte sie doch vorher nochmals mit Lisa sprechen sollen? Was sollte sie ihm denn genau sagen und wie sollte sie reagieren, wenn er gar nicht mit ihr sprechen wollte?
Ihre Gedanken drehten sich im Kreis und ihr Magen zog sich schlagartig auf die Größe einer Rosine zusammen, als Herr König ihr erneut zunickte und ihr lächelnd den Telefonhörer entgegenstreckte.
»Und dann habt ihr euch verabredet? Schätzchen, das klingt wie der Beginn einer total kitschigen Lovestory«, lautete Lisas Resümee, bevor sie sich ihre dunklen Haare zu einem Dutt zurückband und genüsslich in ihre Salami Pizza biss.
Vero hatte ihr soeben eine kurze Zusammenfassung ihres bisherigen Tages abgeliefert und dabei selbst noch keinen Bissen ihres Mittagessens hinunterbekommen. Noch immer schlug ihr Herz heftig in ihrer Brust und so richtig fassen, konnte sie auch jetzt noch nicht, was sich da nur wenige Stunden zuvor alles abgespielt hatte. Was ihr auf dem Weg zu ihrem Bewerbungsgespräch passiert war und wie sie daraufhin gehandelt hatte. Diese bedrückende Nervosität, mit welcher sie am Morgen aufgestanden war, der Kaffee-Unfall mit jenem jungen Mann, dessen Namen sie nicht einmal erfragt hatte, und das anschließende Telefonat aus Herrn Königs Boutique; all das kam ihr völlig surreal vor – obgleich alles besser verlaufen war, als sie erwartet hatte. Das Gespräch bei Reflection.Berlin war durchaus vielversprechend und schon diese Woche sollte sie eine Rückmeldung erhalten. Und aus dem Kaffee-Typen, der sie vorhin noch fast an den Rande eines Nervenzusammenbruchs gebracht hatte, wurde Tom, mit dem sie noch heute zu einem Eis verabredet war.
»Ist das dann aus deiner Sicht nur ein Dankbarkeits-Eisheute Abend oder findest du den Kerl auch scharf?«, fragte Lisa direkt frei Schnauze heraus, so wie sie es immer tat.
»Ich möchte mich eigentlich nur bei ihm bedanken, ganz ohne Hintergedanken.«
»Schon klar. Der Typ kippt dir einen Becher Kaffee über die Bluse, leiht dir sein getragenes Shirt und du willst nur Danke sagen. Dass er ultra heiß ist, spielt natürlich nur eine untergeordnete Rolle.«
»Woher willst du denn wissen, dass er ultra heiß ist?«, entgegnete Vero mit überspitzter Stimme und musste flüchtig an Toms wohlgeformten Oberkörper zurückdenken, dessen Anblick sie tatsächlich ganz schön in Verlegenheit gebracht hatte.
»Naja, du würdest nie einen solchen Aufwand betreiben, nur um ein Shirt zurückzugeben, das ein x-beliebiger Kerl vermutlich in zehnfacher Ausführung in seinem Schrank liegen hat. Der Typ muss heiß sein! Jedenfalls kann ich mich nicht erinnern, dass du jemals derart offensiv auf einen Mann zugegangen bist. Du erhoffst dir also irgendetwas aus diesem Treffen.«
»Erhoffen? Darf man nicht einfach nur höflich sein und sich bedanken wollen?«
»Dürfen schon, aber weswegen?« Lisa zuckte kurz mit ihren Schultern und grinste schelmisch. »Also?«
Vero seufzte resignierend. »Ja, vielleicht ist das dieses eine Mal wirklich so. Vielleicht hatte ich das Bedürfnis ihn wiederzusehen, ganz unabhängig von seinem Shirt. Meinst du etwa, das war zu forsch von mir?«
»Forsch? Ach Vero, Süße«, schmatzte ihr Lisa entgegen, die bereits ihr letztes Stück Pizza in den Händen hielt. »Erstens, sagt heute kein normaler Mensch mehr forsch, also bitte zieh endlich den Stock aus deinem Hintern und zweitens, bist du niemals zu forsch – ganz im Gegenteil. Ein wenig mehr Offensivität würde dir sicherlich ganz guttun. Also entspann dich! Meinetwegen geh das Pseudo-Eis mit ihm essen, bedank dich freundlich und dann genieß den One-Night-Stand mit deinem heißen Kaffee-Typen.«
Lisa lachte, während Vero sich fast an ihrer Cola verschluckte. Denn die direkte, vorlaute Art ihrer Freundin war nicht das Einzige, was sie unterschied. Auch in Sachen Männer waren sie schon immer auf unterschiedlichen Gleisen unterwegs. Während Lisa recht offenherzig mit ihrer Sexualität umging und stets extrovertiert auf Menschen zuging, war sie eher zurückhaltend und wartete zumeist ab, dass ein Mann den ersten Schritt machte. Das war vermutlich auch der Grund dafür, dass ihre Liste an Verflossenen, wie ein schlechter Witz gegenüber der solchen ihrer Freundin aussah. Eigentlich hatte Vero mit ihren sechsundzwanzig Jahren bislang nur zwei richtige Beziehungen vorzuweisen. Im Herzen war sie nun mal altmodisch, unverbesserlich romantisch und das Thema One-Night-Stand passte so gar nicht in ihr prüdes Liebesleben. Ihre Freundin hatte sie deswegen schon oft aufgezogen und während ihrer Studienzeit gab es nicht wenige Partynächte, in denen sie alleine in die gemeinsame WG zurückkehrt war. Lisa liebte das Leben und sie liebte die Männer. Sie war ein wahrer Testosteron- Magnet, was nicht unbedingt einem makellosen Äußeren zuzuschreiben war. Ihre Freundin war attraktiv, keine Frage, aber sie war keine Sexbombe im klassischen Sinne. Sie war groß, vielleicht sogar ein wenig schlaksig, hatte wenig Busen und kindliche Hüften. Ihre Haare waren lang, dunkelbraun, ebenso wie die vielen Sommersprossen auf ihrer recht markanten Nase und den blassen Wangen. Aber die Männer standen auf sie – reihenweise. Auf ihr loses Mundwerk, ihre dreiste Art, ihre Offenheit. Sie hatte einen überaus dreckigen Humor und konnte Trinken und Feiern wie ein Kerl. Sie war der perfekte One-Night-Stand, die lustvollste Affäre, die beste Begleitung für die heißeste Party der Stadt.
»Liebes, ich muss dir noch ein Geständnis machen«, fuhr Lisa jetzt schnörkellos fort.
Vero setzte ihr Glas von den Lippen ab und schaute neugierig auf. Denn immer dann, wenn ihre Freundin einen Satz derart reumütig begann, kam zumeist nichts Gutes dabei heraus. Dann hatte sie sich vermutlich wieder einmal in den falschen Mann verguckt. In ihren Chef, den verheirateten Kollegen oder den eigentlich auf Männer stehenden Pizzaboten.
»Ich muss den Rest der Woche ins Ausland.«
»Ins Ausland? Mit wem?«
»Mit José nach Bora-Bora.« Lisa grunzte amüsiert und schob ihren Stuhl mit einem lauten Geräusch über den aufpolierten Parkettboden nach hinten. Eine ältere Dame am Nebentisch räusperte sich sogleich ein wenig pikiert und warf ihr einen mahnenden Blick zu.
Vero zuckte gleichgültig mit ihren Schultern. »Okay.«
»Okay?« Ihre Freundin schaute verdutzt auf.
»Mich überrascht bei dir so absolut gar nichts mehr. Du hättest mir jetzt auch erzählen können, dass du morgen spontan in Las Vegas heiratest, eine Hauptrolle in einem Bollywood-Streifen annimmst oder eine Wette verloren hast und dir den Kopf kahl rasieren musst, es wäre für mich vollkommen normal gewesen. Hundertprozent Du, eben.«
»Hey, das ist fies! Du weißt, dass ich dich ungerne hier alleine lassen möchte, aber …«
»… aber José ist so ultra heiß?«, vervollständigte Vero, bevor sie einen letzten Schluck aus ihrem Glas nahm.
»Schön wär´s. Aber nein. Ich muss leider meiner Kollegin auf einer Konferenz in Prag unter die Arme greifen. Keine Sonne, keine heißen Südländer. Nur Überstunden vom Feinsten und null Bock im Gepäck!«
Am Hals ihrer Freundin begannen sich einige rote Flecken abzuzeichnen. Flecken, die sie immer dann bekam, wenn sie sich über etwas aufzuregen begann.
»Schon in Ordnung. Kein Grund, dich zu ärgern.«
»Ich ärgere mich nicht, ich bin stinksauer. Ich hatte meinem Chef mehrfach gesagt, dass ich in den kommenden Wochen Besuch von dir habe und nicht bereit dazu bin, in einer billigen Absteige in Prag zu hocken, während du hier alleine in meiner Wohnung sitzt.«
»Kein Thema. Ich wusste doch bereits vorher, dass du diese Woche noch arbeiten musst. Ob jetzt hier oder in Prag – ein paar Tage werde ich sicher auch ohne dich überleben.«
»Du alleine in Berlin? Ich bin mir nicht sicher, ob deine sensible Seele das ohne mich packt.« Lisa drückte ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange und steckte einem der Kellner einige Geldscheine zu.
»Sensible Seele«, wiederholte Vero kopfschüttelnd und schob ihren Stuhl möglichst geräuscharm zurück an den Tisch. »Ganz schön anmaßend von dir.«
»Anmaßend? Wohlwissend«, stichelte Lisa und griff nach ihrer Hand. »Los jetzt, beeilen wir uns, damit wir noch genügend Zeit haben, dich für heute Abend so richtig schön herauszuputzen.«
Um punkt zwanzig Uhr schnellte ein kleiner grüner Vogel aus Lisas Wanduhr und trällerte wie wild geworden vor sich hin. Vero kannte niemanden, mit Ausnahme ihres Großvaters, der in der heutigen Zeit noch eine Kuckucksuhr besaß. Doch Lisas Einrichtungsgeschmack war schon immer recht eigenwillig; ein gewöhnungsbedürftiger Mix aus modern und altmodisch. Hippe Ikea-Möbel standen in ihrer Erdgeschosswohnung Seite an Seite mit schrulligen Antiquitäten, die sie auf ihren zahllosen Flohmarktbesuchen ergattert hatte. Bis auf die Einrichtung jedoch, hatte Lisas Zwei-Zimmer-Wohnung, hier in Schöneberg, nichts mit ihrer vorherigen Dachgeschoss-Loft in Stuttgart gemeinsam. Der Altbau hatte einen ganz eigenen Charme, den man wohl in keinem Neubau jemals finden würde. Die Decken waren hoch, etwa vier Meter schätzte sie, hübscher Stuck zierte die Türleisten und der Boden war mit massiven dunkelbraunen Holzdielen ausgelegt. Im Wohnzimmer, welches an eine offene Küchenzeile grenzte, stand ein großes, graues Polstersofa, auf welchem sie bereits vor über einer Stunde den Inhalt ihres gesamten Koffers ausgebreitet und doch noch immer nicht das richtige Outfit für den heutigen Abend gefunden hatte.
»Ich bin für das cremefarbene Blümchenkleid und deine weißen Sneakers. Das schreit ich will dich, aber noch nicht heute«, lachte Lisa, die ihre langen Beine zu einem Schneidersitz gefaltet hatte und sie bereits seit geraumer Zeit amüsiert vom Esstisch aus beäugte.
Vero presste sich den Stoff des Kleides an ihren Körper und warf einen unsicheren Blick in den großen Wandspiegel im Flur. Das schulterfreie Kleid mit dezentem Blumenprint hatte sie vor Jahren einmal in einer kleinen Boutique in Italien gekauft und seither viele Male zu den unterschiedlichsten Anlässen getragen. Doch heute war sie sich unsicher. Unsicher, ob es auch für ein First-Date das richte Outfit wäre. Unsicher, ob es überhaupt ein Date war oder nicht doch nur ein einfaches Treffen, welchem er lediglich zugestimmt hatte, um ihr keine unbequeme Abfuhr erteilen zu müssen.
»Time is running!«, hörte sie Lisa aus dem Wohnzimmer rufen, bevor sie sich schließlich doch ihr Lieblingskleid überzog und in ihre weißen Converse Sneakers schlüpfte.
In einer halben Stunde würde sie Tom auf dem Rathausplatz in Schöneberg treffen und musste sich jetzt tatsächlich ein wenig sputen. Zeit für weitere Überlegungen, für weitere Abwägungen, gab es nicht mehr.
Sanft fuhr sie sich noch einmal durch ihr offenes Haar und schenkte ihrem Spiegelbild ein verhaltenes Lächeln.
»Du siehst umwerfend aus.« Lisa nickte zustimmend und trällerte parallel einige Zeilen eines Ramons-Songs mit, der im Hintergrund lautstark aus ihrem Handy hallte. Dann zwinkerte sie und reichte ihr eine kleine Umhängetasche. »Hier, da ist alles drin, was du für heute brauchst.«
Vero warf einen Blick in die graue Ledertasche. Hausschlüssel, Taschentücher, Lippenstift, Kaugummis und …
Sie wedelte mit einer Fünfer-Kette-Kondome.
»Nur für den Notfall«, erwiderte Lisa und schob sie bereits bestimmend in Richtung der Haustüre. »Deine Bahn geht in zehn Minuten. Hopp-Hopp, los jetzt Süße, du kannst mir später dafür danken!«
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Kaum mehr als zehn Minuten dauerte die Fahrt zum Schöneberger Rathaus, doch Vero kam es wie eine halbe Ewigkeit vor. Ihre Beine zitterten unentwegt und ihre Handflächen fühlten sich ungewohnt feucht an, als wäre sie gerade auf dem Weg zu ihrer eigenen Hinrichtung.
Als sie die letzte Stufe des Bahnaufgangs passiert hatte, verharrte sie kurz. Ihre Atmung war flach, ihr Herz flatterte.
Zögerlich sah sie sich um. Ihr Blick blieb direkt an einer Werbevitrine hängen, die nur ein paar Schritte entfernt aufgestellt war. Der Platz hinter der Scheibe jedoch war leer, nur ein weißes Papier spannte sich dahinter, bedruckt mit einer Zahl in dunklen Lettern: 423.
Vero lief auf die Tafel zu und starrte die drei nahezu willkürlich aneinandergereihten Zahlen an, als würden diese irgendein besonderes Geheimnis verbergen. Vermutlich war es nur ein Platzhalter für eine gebuchte Werbung, die hier in Kürze aufgehängt werden würde, aber dennoch beschlich sie augenblicklich ein diffuses Gefühl. Ein Gefühl, als ob sie diese Zahl kennen müsste. Ihre Bedeutung verstehen müsste.
Mit geschlitzten Augen studierte sie noch einmal das weiße Plakat, doch fand keine Hinweise auf deren Sinnhaftigkeit. Stattdessen aber, zuckte sie merklich zusammen, als sie auf einmal die Spiegelung ihrer Selbst in der Scheibe wahrnahm. Ihr cremefarbenes Kleid war feuerrot, als wäre es in dunkles Blut getränkt worden.
Das Flattern ihres Herzens ging abrupt in einen kräftigen, dumpfen Schlag über. In ein Stolpern, welches ihren Puls heftig in die Höhe trieb. Erst als sie realisierte, dass dieses Trugbild lediglich den letzten Sonnenstrahlen des Tages geschuldet war, die sich in warmen Rottönen auf der Scheibe vor ihr spiegelten, begann sie sich wieder zu entspannen.
Langsam drehte sie sich von links nach rechts, das Kleid fächerte ein wenig am Saumende auf. In Rot sah es tatsächlich noch schöner aus, als es ohnehin bereits war und irgendwie schien ihr diese Farbe auf einmal Kraft zu verleihen. Ihr Herz fand wieder zurück in seinen normalen Rhythmus. Die Anspannung, die zuletzt wie ein straffer Gurt um ihren Brustkorb gelegen hatte, verschwand nahezu gänzlich.
Sie atmete noch einmal kräftig aus, bevor sie sich abdrehte und die noch verbleibenden Meter zum Eingang des Rathauses nahm. Dieser lag längst im Schatten der einbrechenden Dunkelheit, doch Tom konnte sie bestens erkennen. Er stand mit dem Rücken zu ihr, seine Hände steckten in den Taschen seiner Jeans und er blickte zu dem rund siebzig Meter hohen Turm hinauf, der mittig auf dem Gebäude thronte. Seine Hose trug er an den Knöcheln leicht aufgeschlagen, dazu weiße Sneakers und ein schwarzes schlichtes Shirt.
Von wegen weißes Shirt in zehnfacher Ausführung, dachte sie noch und musste kurz über Lisas Aussage schmunzeln, bevor sie sich in langsamen Schritten weiter näherte. Zaghaft tippte sie ihm von hinten auf die Schulter und hörte sich selbst mit viel zu hoher Stimme »Hey!«, sagen.
Tom drehte sich blitzartig um. »Hi, Blusen-Mädchen, wie geht es dir?«, erwiderte er sichtlich erfreut. Erst jetzt fiel ihr sein tolles, kastanienbraunes Haar auf, welches im milden Abendwind leicht seine Stirn umspielte.
»Hi, Kaffee-Typ«, entgegnete sie ungewohnt schlagfertig, bevor sie begann, ihre zuvor mehrfach einstudierte Dankesrede vorzutragen.
»Kein Thema. Ich hätte wohl einfach etwas aufmerksamer auf den Fußweg achten sollen«, tat Tom die Situation selbstreflektiert ab und machte dabei rasch einen bestimmenden Schritt auf sie zu. Für einen kurzen Moment sah er ihr tief in die Augen. Vermutlich war es gerade einmal eine Zehntelsekunde lang. Die Länge eines Wimpernschlags, eines Atemzugs, und doch fühlte es sich für Vero an, als hätte er die Welt für eine lange Zeit angehalten.
»Ich bin nur froh, dass ich nichts Teuflisches mehr in deinen Augen aufblitzen sehe. Ich hatte heute Vormittag nämlich ein wenig Angst, dass du mich gleich vierteilst.«
Er lachte herzlich, während sie noch immer in sein schönes Gesicht starrte. Noch nie zuvor hatte sie in solche Augen geblickt. Grün. Funkelnd. Tief. Geheimnisvoll.
»Wie lief denn dein Gespräch?« Seine Stimme hallte durch ihre Ohren und riss sie abrupt aus ihren Gedanken.
»Ähm … besser als erwartet. Ich bekomme diese Woche noch eine Rückmeldung. Vielleicht bleibe ich dann in Berlin.«
»Bleiben? Das heißt, du kommst nicht von hier?«
»Nein, ich bin nur zu Besuch bei meiner Freundin.«
»Dachte ich mir schon. Dass, du nicht von hier bist. Du bist viel zu schön, für das verbrauchte Berlin.«
Vero wendete ihren Blick verlegen zur Seite ab. Schön, ein so einfaches Wort und doch hatte sie noch nie zuvor jemand derart genannt.
»Und was hat dich hierher verschlagen?«, fragte sie nach einem kurzen Moment des Schweigens interessiert zurück.
»Zunächst einmal eine der besten Eissorten«, witzelte er und zeigte auf eine kleine Eisdiele auf der gegenüberliegenden Straßenseite, die er auch sogleich ansteuerte.
Sie folgte ihm mit schnellen Schritten.
Unter der rotweiß gestreiften Markise standen erstaunlich wenige Menschen Schlange und Tom rückte schnell an den Verkaufstresen heran. »Geheimtipp«, flüsterte er ihr zu.
»Dann darf ich dich hier zu einem Eis einladen? Dafür, dass du mir heute Vormittag den Allerwertesten gerettet hast und ich dich kurz habe glauben lassen, dass ich dich vierteilen möchte?« Sie lächelte sanft.
»Glaubst du denn, du hättest das geschafft?« Er ließ seinen Blick an ihrem schmächtigen Körper auf und ab wandern.
»Beurteile ein Buch nie nach seinem Cover. Vielleicht besitze ich ja einen schwarzen Gürtel oder bin professionelle Martial Arts Kämpferin?«
»Das macht mich jetzt wirklich neugierig. Aber bevor ich es herausfinden werde, möchte ich dich trotzdem gerne ganz gentlemanlike einladen. Schließlich hast du heute auch mir den Allerwertesten gerettet. Ich musste einmal nicht in eines dieser furchtbar langweiligen Meetings. Ich hatte ja eine gute Ausrede. Schließlich musste ich ein hübsches Mädchen retten.«
Er zwinkerte und feine Grübchen deuteten sich seitlich seiner Mundwinkel an. Bestimmend trat er einen Schritt an den Verkaufstresen heran und orderte je zwei Kugeln seines zuvor angepriesenen Geheimtipps Meersalz-Karamell, welche sie nur kurze Zeit später in bunten Bechern ausgehändigt bekamen.
»Erzähl mir etwas von dir«, forderte Vero ihn auf, nachdem sie die Eisdiele wieder verlassen und einige Schritte schweigend nebeneinander hergelaufen waren.
»Was möchtest du denn wissen?«
»Die Basics? Wo kommst du genau her? Wie alt bist du? Was machst du beruflich?« Wieso bist du nur so verdammt attraktiv und triffst dich mit einem Mädchen wie mir, freiwillig auf ein abendliches Eis?
»Sind das Dinge, die dich wirklich interessieren?«
»Klar, wieso nicht?«
»Weil sie doch gar nichts über einen Menschen aussagen.«
Bäm! Was für ein Statement. Damit hatte er sie. Definitiv.
Erst kürzlich hatte sie ein Bewerbungsgespräch bei einem Verlagshaus wahrgenommen, in welchem genau das zur Ansprache gekommen war. Der Bereichsleiter hatte sie gebeten, sich vorzustellen und sie hatte daraufhin standardgemäß begonnen ihren Lebenslauf herunterzubeten, bis er sie schließlich unterbrochen hatte. »Nein«, hatte er gesagt, »ich will wissen, wer Sie sind. Nicht was Sie können, was Sie bisher gemacht haben. Das kann ich auch Ihrer Bewerbungsmappe entnehmen. Ich möchte wissen, welcher Mensch gerade vor mir sitzt, wie er denkt und was er fühlt.« Sie war vollkommen baff gewesen. Eine solche Frage hatte ihr noch nie zuvor jemand in einem Bewerbungsgespräch gestellt gehabt. Und erschreckenderweise hatte sie zögern müssen. Hatte kurz über das nachdenken müssen, was man doch eigentlich am besten wissen sollte. Wer man selbst war.
Tom hatte daher ebenso Recht, wie es der Bereichsleiter aus jenem Verlagshaus hatte. Was sagten schon banale Informationen, wie ein Job, das Alter und der Wohnort über einen Menschen aus? Nichts. Und dennoch musste sie ja irgendwo beginnen. Konnte nicht einfach mit der Türe ins Haus fallen. Hey, Tom, bist du Single? Du bist echt ultra heiß, wie meine Freundin sagen würde, und ich würde dich gerne näher kennenlernen. Ich, das kleine, unsichere Mädchen, das mit Sicherheit keinen schwarzen Gürtel besitzt und bereits weiche Knie bekommt, wenn sie dich nur ansieht.
Vero räusperte sich. »Stimmt. Aber ein paar Eckdaten zu Beginn wären durchaus hilfreich.«
»Hilfreich für was?«
Er zwinkerte neckisch. Und sie schluckte merklich. Seine direkte Art schüchterte sie ein – ungemein. Verunsichert biss sie sich auf ihre Unterlippe und ließ ihren Blick auf den dunklen Asphalt wandern.
»Hey, keine falsche Verlegenheit. Ich mach doch nur Spaß! Wenn du Eckdaten möchtest, bekommst du natürlich welche«, erwiderte er, bevor er tief Luft holte, als hätte er nur eine einzige Minute Zeit, sein ganzes Leben in Worte zu fassen. »Also, ich bin dreißig, kein Ring am Finger, keine Kinder, keine außergewöhnlichen Hobbys. Ich lebe eigentlich in Kalifornien, in der Nähe von San Diego, und bin gerade beruflich für einige Wochen hier in Berlin.«
Vero nickte ihm zufrieden zu. »Was machst du denn beruflich?«, hakte sie noch nach, obwohl sie eigentlich bereits alles gehört hatte, was sie wissen wollte, auch wenn sie es nicht direkt angesprochen hatte. Er war Single, hatte keine Freundin. Das war ehrlicherweise die interessanteste Information für sie. Aber wieso? Das Wieso irritierte sie ein wenig.
»Ich glaube, die heutige Jugend würden sagen, etwas mit Medien«, antworte er mit einem jungenhaften Grinsen auf den Lippen und sie musste kurz an Lisas spöttische Beschreibung eines Hipsters denken – die auf Tom allerdings so überhaupt nicht zutraf.
»Und wieso sprichst du so perfekt Deutsch?«
»Du meinst, du hörst kein typisch-amerikanisches Kaugummi-Zwischen-den-Zähnen-Gebrumme?«
Sie nickte amüsiert über seine Wortwahl.
»Then I guess, I'm a good actor or just a native german guy«, sagte er mit tiefer Stimme und lachte kurz laut auf, bevor er ihr einen erwartungsvollen Blick zu warf.
Vero wusste ihn nicht zu deuten, schlussfolgerte aber daraus, dass er ganz offensichtlich in Deutschland geboren wurde. »Das heißt, du kommst ursprünglich aus Berlin?«
Er nickte. »Ja, ich bin hier aufgewachsen. Meine Mutter war Deutsche, mein Vater bei der Armee. Als meine Eltern sich getrennt haben, bin ich mit meinem Dad zurück in die USA gegangen«, erklärte er weiter, bevor er sie zu mustern begann. »Ganz schön neugierig. Und was muss ich noch über dich wissen? Was sind deine Eckdaten?«
Vero überlegte kurz, an welcher Stelle in ihrem bis dato doch recht langweiligen Leben, sie beginnen sollte. Sie war ein Landei, das nicht einmal direkt in Stuttgart aufgewachsen war, auch wenn sie das immer gerne behauptete. In Wahrheit hatte sie einen Großteil ihres Lebens in einem eintausend Seelen-Dörfchen am Rande der Landeshauptstadt verbracht und war erst kürzlich wieder in ihr altes Elternhaus gezogen. Bis auf ihre recht wilde Studienzeit mit Lisa hatte sie keine besonderen Highlights vorzuweisen. Nichts, was ihn in irgendeiner Weise beindrucken könnte.
Tom blickte sie erwartungsvoll an und durchbrach dann die Stille. »Okay, scheiß auf die Eckdaten. Wir machen besser einen schnellen Quickie. Schwarz oder weiß?«
Vero hielt einen Moment inne und schluckte verkrampft.
»Schwarz«, antwortete sie schließlich wie fremdgesteuert, in der Hoffnung, dass er die dezente Röte nicht bemerkt hatte, die ihr bei dem Wort Quickie ins Gesicht gestiegen war.
»Kaffee oder Tee?«
»Kaffee.« Okay, jetzt hatte sie das Spiel verstanden.
»Strandurlaub oder Wandern in den Bergen?«
»Wandern in den Bergen.«
»Sofa oder Party?«
»Das kommt auf meine Stimmung an.«
Er warf ihr einen tadelnden Blick zu.
»Sofa?« Sie zuckte unsicher mit den Schultern.
»Unsichtbar sein oder Gedanken lesen können?«
»Definitiv Gedanken lesen können.« Unsichtbar fühlte sie sich schon oft genug. Könnte sie Gedanken lesen, so würde ihr das vermutlich einiges erleichtern. Zum Beispiel wüsste sie dann, was er dachte. Über sie.
»Optimist oder Pessimist?«
»Realist.« Ihre Standardantwort bei Vorstellungsgesprächen, die jedoch im Gegensatz zu vielen anderen Phrasen, die man in solchen Terminen zumeist von sich gab, nicht gelogen war. Sie war eine Realistin, ein pessimistische Realistin um genau zu sein. »Geht diese Antwort durch oder muss ich dafür einen Joker ziehen?« Sie grinste frech. Das erste Mal am heutigen Abend, dass sie sich ein wenig aus ihrer Komfortzone bewegte.
»Genehmigt!« Er nickte zustimmend, bevor er mit seinem Fragespiel fortfuhr. »Süß oder sauer?«
»Süß.«
»Ja, das bist du wirklich«, hauchte er und ihr Herz stolperte unerwartet. »Sommer oder Winter?« fragte er jedoch direkt weiter, bevor sie sein Kompliment verdauen konnte.
»Winter.«
»Winter?« Er blieb stehen und blickte sie überrascht an.
»Keiner mag den Winter.«
»Doch, ich.«
»Wieso?«
»Hey, ich dachte, das wird ein Quickie? Für weitere Informationen müsstest du auch mich einmal eine Frage stellen lassen. Ein Gegengeschäft quasi.«
»Okay, ich erkaufe mir mehr Infos. Im Gegenzug bekommst du eine Frage frei. Also, wieso der Winter?«
»Ich stehe auf Glühwein, Bratäpfel und all das fettige Essen zur Weihnachtszeit.« Sie erwiderte sein Lächeln kurz, während sie noch überlegte, ob sie den Satz weiter ausführen sollte. Noch ein wenig mehr über sich preisgeben sollte, über ihr wahres, verträumtes, feinsinniges Ich. Sie entschied ihn an ihren Gedanken teilhaben zu lassen. »Und ehrlicherweise mag ich es aus dem Fenster zu schauen, wenn es draußen schneit. Der Winter ist unaufgeregt, so still und das Leben scheint irgendwie nur mit halber Geschwindigkeit zu laufen. Ich mag das sehr.«
Tom wirkte kurz nachdenklich. Oder beindruckt. Oder beides. Sein Blick schien sie fast zu durchdringen.
»Autsch, du bist ein Sommermensch und hältst mich für verrückt, richtig?«, schlussfolgerte sie.
»Sieht man mir das an?«
»Dass du mich für verrückt hältst?«
»Dass ich kein Wintermensch bin.«
»Naja, jemand der eine Erklärung fordert, weswegen der Winter schön ist, der wird ihn wohl kaum gut finden.«
»Ich bin äußerst anpassungsfähig.« Er lächelte wieder. Mit diesem Funkeln in den Augen, welches ihn so unglaublich interessant und auf eine spannende Weise unnahbar machte.
»Großstadt oder Landleben?«, fuhr er fort.
»Landleben«, nuschelte sie mit leicht gesenktem Kopf. »Ich bin gerne in der Großstadt, aber in meiner Brust schlägt ehrlicherweise das Herz eines Dorfkindes.«
Tom lachte herzlich und Vero verliebte sich augenblicklich ein wenig in jede einzelne Lachfalte, die sich um seinen schönen Mund legte.
»Dann haben wir zumindest zum Teil etwas gemeinsam«, sagte er nach einer kurzen Pause zu ihrer Überraschung. »Ich lebe zwar schon immer in einer Großstadt, aber wenn ich es mir selbst aussuchen könnte, dann würde ich abseits jeder Metropole wohnen wollen. Draußen im Grünen.«
Im Grünen, wiederholte sie in Gedanken und verlor sich flüchtig in seinen tiefgrünen Augen.
»Buch oder Film?«
»Ganz klar: Buch!«, erwiderte sie dieses Mal blitzschnell.
»Ich hab’s nicht so mit Filmen. Die Abenteuer die ich genieße, sind eher literarischer Natur.«
»Bist du ein Bücherwurm?«
»Ist diese Frage Quickie-konform?«
»Nicht wirklich.«
»Ich habe Literaturwissenschaften studiert«, ergänzte sie rasch. »Demnach bin ich wohl ein Bücherwurm, wenn du es so betiteln willst.«
»Aber ein äußerst süßer Bücherwurm.«
»Schließt das eine das andere denn obligatorisch aus?«
»In meiner Welt zumeist schon.«
»Dann lebst du in einer sehr oberflächlichen Welt.«
Er nickte einige Male stumm vor sich hin, ohne ihre Aussage jedoch zu kommentieren. »Erzähl mir doch ein wenig aus deiner Welt«, forderte er stattdessen.
Und obwohl sie das Gefühl hatte, dass sein Leben ein völlig anderes, als das ihre war und er vermutlich nicht viele ihrer Passionen teilen würde, begann sie unverblümt zu erzählen. Von ihrer Kindheit auf dem Land, von ihren Eltern, ihrem Umzug nach Stuttgart und ihrer Studienzeit mit Lisa. Von ihrer Leidenschaft für Kunst und Literatur, ihrer Liebe zu Büchern und der Tatsache, dass diese für sie wahre Zufluchtsorte waren, in welchen sie sich stundenlang verlieren konnte.
Tom folgte ihren Erzählungen aufmerksam. Er wirkte wach und durchaus interessiert; anders, als zuvor gedacht. Sie hatte ihn mit ihren Anekdoten ganz offensichtlich nicht gelangweilt und als er schließlich seine Hand auf ihre Schulter legte, war auch sie wieder hellwach.
»Jetzt wissen wir wenigstens, wieso wir heute morgen so unverhofft zusammengerauscht sind«, zog er Resümee.
Vero blickte irritiert in sein Gesicht, während ihr Puls noch immer mit hundertachtzig durch ihren Körper raste.
»Naja, man sagt doch so schön: Gegensätze ziehen sich an. Wir haben scheinbar so gar nichts gemeinsam, außer die Vorliebe für Kaffee.«
»Verstehe.« Sie kräuselte kurz ein wenig ihre Nase. »Das heißt dann wohl keine Bücher?«
Er schüttelte den Kopf und einige Strähnchen seiner locker sitzenden Haare wirbelten über seine Stirn hinweg. »Keine Bücher. Und auch kein Winter, kein Landleben, kein Wandern in den Bergen – leider, muss ich dazu sagen – und …«
»Optimist?«
»Aus Leidenschaft.«
Affektiert verzog sie ihr Gesicht. »Das sind die Schlimmsten.«
»Aber zu meiner Verteidigung …«, setzte er an.
»… bist du ein süßer Optimist?«
»Nicht süßer als die Realistin vor mir«.
Veros Herz machte einen Sprung. Schnell suchte sie noch nach einer passenden Antwort, einer neckischen Gegenfrage, als sich auf einmal vor ihnen ein großes Straßenschild auftat. Mittlerweile waren sie am Tiergarten angekommen und hatten gut dreißig Minuten Fußweg hinter sich. Der dunkle Parkeingang lag direkt zu ihren Füßen.
»Lust?« Tom zeigte auf einige Cityroller, die an einer Straßenlaterne lehnten. Seine Augen leuchteten wie die eines kleinen Jungen, der vor dem Schaufenster eines Süßigkeiten-Ladens stand und sehnsüchtig auf ein zustimmendes Ja seiner Eltern wartete.
»Klar, warum nicht«, antwortete sie schnell und hingegen ihre sonstigen Vorgehensweise, völlig unbedacht.
Tom nickte zufrieden und nahm sogleich zwei Fahrzeuge in Betrieb. Seine Oberarme wirkten im matten Licht der Straßenlaternen so verdammt verführerisch. Muskulös, straff und leicht gebräunt. Nein, er war ganz offensichtlich kein Winter-Mensch. Er verbrachte augenscheinlich viel Zeit in der Sonne, machte Sport und legte viel Wert auf sein Äußeres.
»Hier!« Er schob ihr einen Roller zu. »Ich mag spontane Menschen«, sagte er noch, bevor er auf das Trittbrett stieg.
Spontane Menschen. Vero hörte eine Stimme in ihrem Kopf lachen – spöttisch und furchtbar laut. Unsicher umklammerte sie die Griffe ihres Rollers mit aller Kraft, so dass sich ihre Fingerknöchel bereits weiß verfärbten, bevor sie ihm in einem ordentlichen Tempo in die Parkanlage folgte.
Die Grünflächen waren trotz der späten Uhrzeit noch gut besucht und viele der Parkbesucher hatten Decken ausgebreitet, um ihren Abend hier, bei milden Temperaturen, gemütlich ausklingen zu lassen. Schneller als zuvor gedacht, hatte sie einen sicheren Stand gefunden und fuhr jetzt mit konstanter Geschwindigkeit auf dem dunkel asphaltierten Weg, während Tom in Schlangenlinien neben ihr herfuhr.
Schon lange hatte sie sich nicht mehr so unbeschwert gefühlt und das, in Begleitung eines nahezu Fremden. Die Zeit an seiner Seite verging demensprechend wie im Flug. Erst gegen Mitternacht erreichten sie Lisas Wohnung und parkten ihre Roller auf einer gekennzeichneten Fläche auf der gegenüberliegenden Straßenseite.
»Hier wohnst du also«, sagte Tom, als sie die Klinkertreppe erreichten, die hinauf zur Haustüre des Altbaus führte.
»Hier wohnt Lisa, aber ja, das Sofa gehört aktuell mir«, witzelte sie und griff sich theatralisch in den Rücken.
Er lachte und seine Augen leuchteten verlockend im weichen Licht des Mondes auf. »Eine Frage habe ich noch. Einen letzten Quickie sozusagen.«
Vero blickte neugierig zu ihm auf.
»Schicksal oder Zufall?«
»Das kommt darauf an, wen du fragst. Mein überaus rational denkender Kopf würde sagen, es gibt kein Schicksal, keine Bestimmung, keine übergeordnete Macht. Letztlich ist das Schicksal nur ein glücklicher oder eben ein misslicher Zufall.«
Er machte einen bestimmenden Schritt auf sie zu. »Und was würde dein Herz antworten?«
Vero wich überrumpelt von seiner plötzlichen Nähe zurück. Ihr Blick verharrte auf seinen sinnlichen Lippen.
Wie er wohl küssen würde?
Zu gerne hätte sie an Ort und Stelle mit ihren eigenen Prinzipien gebrochen und das Date mit einem Kuss beendet. Die Situation war mehr als verlockend. Doch sie war kein Freund schneller Küsse. Denn ein solcher, war für sie schon immer eine der bedeutendsten Gesten zweier Menschen gewesen. Nichts, war für sie intimer. Nichts, ehrlicher und offenbarender als ein Kuss. In diesem einen ersten Moment, in welchem sich die Lippen zweier sich eigentlich noch fremder Menschen berührten, entschied sich einfach alles.
»Schicksal«, erwiderte sie schließlich leise. »Mein Herz würde Schicksal sagen.«
Er zwinkerte und gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange. »Na, dann schauen wir mal, was das Schicksal mit uns beiden noch so vorhat«, flüsterte er ihr ins Ohr, bevor er sich mit einem charmanten »Ciao, Kleines«, verabschiedete und an der nächsten Straßenecke verschwand.
Vero blickte ihm noch einige Zeit wie gebannt hinterher. Ihre Hand strich sanft über ihre Wange hinweg. Die Stelle, an der er ihr soeben einen Kuss auf die Haut gehaucht hatte, bitzelte. Ihr Körper fühlte sich auf einmal unfassbar energiegeflutet an, so als hätte sie von seiner Berührung einen belebenden Stromstoß bekommen.
Leise öffnete sie die Wohnungstüre und tapste in den dunklen Flur hinein. Das Schlafzimmer ihrer Freundin war bereits verschlossen und sie konnte kein Licht mehr im Türspalt erkennen. Vorsichtig drückte sie die Klinke der Badezimmertüre hinab, gönnte sich noch eine kurze Katzenwäsche und legte sich dann auf das große Sofa im Wohnzimmer.
Ob sie ihn wiedersehen würde? Sie hoffte es.
Ob es das Schicksal dieses Mal gut mit ihr meinen würde? Sie wollte daran glauben. Ganz fest.
Langsam zog sie die Bettdecke über ihren Körper hinweg und knetete ihr Kopfkissen ein wenig, bis sie eine gute Schlafposition fand. In ihrem Kopf herrschte eine angenehme Leere, nur das Lächeln von Tom wirkte noch lange nach und begleitete sie schließlich auch in ihre Träume.
»Aufstehen du Schlafmütze! Ich will alles wissen, jetzt sofort, bis ins kleinste Detail«, quietsche Lisas Stimme am frühen Morgen durch das Wohnzimmer. Es war gerade einmal acht Uhr und ihre Freundin stand bereits top gestylt mit zwei Bagels in der Hand vor ihr.
Vero schielte müde unter ihrem Kopfkissen hervor, welches sie sich über das Gesicht gezogen hatte, als Lisa vor wenigen Minuten die helle Deckenbeleuchtung im Wohnzimmer angeschaltet hatte. »Muss das sein?«
»Mädchen, es gibt Menschen, die müssen wochentags arbeiten. Ich, zum Beispiel«, sagte Lisa schnippisch und deutete mit ihrem rechten Daumen auf ihre Brust.
»Tut mir leid, es war viel gestern und der Abend war lang.« Sanft rieb sie sich die Augen und blinzelte dann erneut in die Helligkeit des Raums hinein. Ihre Schläfen pochten und ihre Umgebung schien sich nur in Zeitlupe vor ihr aufzubauen.
»Hallo? Erde an Vero! Du hast zehn Minuten Zeit, Kaffee und Bagel inklusive«, zischte Lisa und stellte eine Kaffeetasse und einen Bagel mit Butter vor ihr auf den Couchtisch. Nervös und mit lauerndem Blick begann sie mit ihren Fingernägeln auf der Glasplatte des Tisches zu tippen.
Oje, jetzt würde die typische Lisa-Inquisition beginnen.
»Gib mir einen Moment, du Nervensäge«, antwortete Vero und griff hastig nach der Tasse auf dem Tisch. Ein wunderbarer Duft nach frisch gebrühtem Kaffee stieg ihr sogleich in die Nase und ein kräftiger Schluck gab ihrem Kreislauf endlich den ersehnten Antrieb.
»Es war ein schöner Abend. Und ja, gleich vorweg, du hattest Recht, es war auch eine Prise Lovestory mit dabei.«
»Ha!«, stieß es aus Lisa hervor, während sie sich bestätigend auf die Brust trommelte.
Vero brach sich ein Stück ihres Bagels ab und steckte sich die Krümel genüsslich in den Mund, bevor sie ihr eine Kurzfassung des gestrigen Abends gab.
»Und …?«, fragte ihre Freundin am Ende erwartungsvoll.
»Und was?«, entgegnete sie und beobachtete Lisa bei einem müden Versuch, pantomimisch einen Kuss darzustellen, in dem sie ihre Zunge durch das Loch ihres Bagels steckte.
Vero verdrehte ihre Augen. »Da muss ich dich enttäuschen, meine Liebe. Es war einfach nur ein ganz normales erstes Date. Ich habe nichts aus deiner Handtasche benötigt.«
»Nicht einmal den Kaugummi?«
»Nicht einmal den Kaugummi.«
»Ach du meine Güte! Was habt ihr denn dann den ganzen Abend lang gemacht?«
»Wir waren spazieren und haben uns unterhalten.«
»Wie aufregend.«
»Das war es.«
»Für ihn auch? Er hat sich sicher mehr von diesem Treffen erhofft. Ein wenig mehr Dankbarkeit.« Lisa kicherte kurz.
»Nein, er war höfflich, zuvorkommend und …«
»… ebenso langweilig wie du?«
»… und unaufdringlich.«
Lisa raunte skeptisch. »Wirst du ihn denn wiedersehen?«
»Ich weiß es nicht.«
»Autsch! Liebes, die Grundregel eines Dates lautet: Küss ihn oder halte ihn für ein zweites Date hin. Aber sag nicht einfach an der Haustüre tschüss und das war´s dann. Jetzt siehst du ihn vielleicht nie wieder.«
»Mmm«, war es nun Vero, die säuselte. Verdammt, wieso hatte sie ihn einfach gehen lassen? Wieso hatte sie sich nicht für ein zweites Treffen mit ihm verabredet?
Sie zuckte zusammen, als Lisa aufstand und zur Haustüre ging. »Ich muss jetzt los. Hier!«, sagte sie, bevor sie ihr ein dickes Buch vor die Füße warf. Mit einem lauten Knall landete es seitlich des Sofas auf dem dunklen Parkettboden. »Lies das! Ich melde mich später«, hörte Vero sie noch nuscheln, bevor die Türe ins Schloss fiel.
