Keine Helden - Piraten des Mahlstroms - Nils Krebber - E-Book
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Keine Helden - Piraten des Mahlstroms E-Book

Nils Krebber

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Beschreibung

Eberhart Brettschneider ist Händler, Abenteurer und Entdecker - wenn man ihm glauben möchte. Tatsächlich jedoch ist er einer der erfolgreichsten Betrüger Kammerbads. Gemeinsam mit seiner Partnerin Aurelia schwindelt er sich durch die Straßen seiner Heimatstadt. Als Eberhart glaubt, den großen Coup gefunden zu haben, geraten die beiden durch eine Intrige mitten in die Suche nach dem Schatz des Schreckenskapitäns. Durch Piraterie und Hexerei werden sie bis in die Tiefen des Mahlstroms getrieben, wo Eberhart Sturmgeborene, Magier, Totenbeschwörer und die Götter selbst hereinlegen muss, um zu überleben. "Aber was soll schon passieren?"

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Seitenzahl: 423

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© 2017 Amrûn Verlag Jürgen Eglseer, Traunstein

Lektorat und Korrektorat: Susanne Pavlovic und Andrea Weil

www.textehexe.com

Umschlaggestaltung: Atelier Tag 1

atelier.tag-eins.de

ISBN – 978-3-95869-296-1

Besuchen Sie unsere Webseite:

http://amrun-verlag.de

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter http://dnb.d-nb.de abrufbar

INHALTSVERZEICHNIS

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Danksagung

Das Gasthaus am Ende der finsteren Gasse hatte schon bessere Tage gesehen. Windschiefe Häuser lehnten sich von beiden Seiten über das Kopfsteinpflaster, sodass es schien, als wollten sie den Blick auf das darunter befindliche Elend verdecken.

Noch bevor das Haus selbst in Sicht kam, konnte man schon das laute Grölen aus Männerkehlen und das schräge Wimmern einer Leier vernehmen. Der Geruch von Unrat und Schimmel in der Gasse wurde um die Aromen von Alkohol und Tabakrauch bereichert.

Das Äußere des Gebäudes war ein Flickwerk an Ziegeln, Brettern und Nägeln zusammengehalten von schierer Dickköpfigkeit und den Aushängen fragwürdiger Auftraggeber. Dutzende von Anschlägen bedeckten die Wände, auf denen diverse zwielichtige Gestalten gesucht wurden – entweder, weil ein Preis auf sie ausgesetzt war oder weil man einen Auftrag für sie hatte. Einzig ein schwarz angelaufenes Schild über der Tür, auf dem gerade noch die Umrisse von drei ehemals weißen Federn zu sehen war, gaben einen Hinweis auf den Namen des Ortes.

Eberhart rückte sein Wams zurecht, als er sich der Tür näherte. Bevor er sie öffnen konnte, flog sie ihm entgegen, zusammen mit einer Wolke aus Lärm, Gestank und ungewollten Gästen. Eine der Gestalten blieb am Boden liegen, zwei andere krochen und wankten davon. Vorsichtig stieg Eberhart über den Körper hinweg in das Zwielicht der Drei Federn.

Die Hitze packte ihn wie eine Faust, die ihm die Luft aus der Brust zu drücken drohte. Als er einen tiefen Atemzug nahm, um sein Gleichgewicht zu finden, empfing ihn eine würzige Mischung aus Bier, Schweiß und Ruß, die sich einer Patina gleich auf seinen Gaumen legte. Er schmatze einmal mit den Lippen und spähte durch die verrauchte Stube. Die Mischung aus Tabakqualm und schlecht abziehendem Rauch aus der glosenden Feuerstelle verwandelte den Raum in eine Ansammlung von schattenhaften Umrissen. Die geöffnete Tür hatte den Dunst in Bewegung versetzt, sodass hier und da Szenen offenbart wurden, nur um kurz darauf wieder zu verschwinden. Ein paar Schönheiten der Nacht lagen über einem der Gäste drapiert, an einem anderen Tisch stach ein Mann missmutig mit seinem Messer auf ein Stück gräulichen Fleisches ein. Mehrere Gestalten warfen Messer auf ein lebendes Ziel an der Wand. Das Kreischen und Betteln aus der Richtung ließ an der Treffsicherheit der Werfer zweifeln. Gläser klirrten und Humpen schlugen rhythmisch auf Holz, während irgendwo in den Tiefen des Raumes jemand eine schlecht gestimmte Leier quälte.

Eine Hand klatschte Eberhart auf die Schulter und blieb dort liegen. Als er sie inspizierte, schälte sich die Visage des dazugehörigen Schlägers aus dem Dunst.

»Die Tür«, grunzte der vierschrötige Bursche. »Es zieht.«

Irritiert zog Eberhart die Tür in den schiefen Rahmen, wobei er das Knarren und Quietschen des gequälten Holzes eher spürte, als hörte. Bevor er dem zugempfindlichen Barbewohner eine bissige Antwort geben konnte, war dieser schon in den Tiefen des Schankraums verschwunden. Schulterzuckend watschelte Eberhart durch das knöchelhohe Sägemehl in die Richtung, in der er die Bar erahnte. Diverse feuchte und merkwürdig weiche Stellen umging er beflissentlich und schaffte es sogar, den torkelnden oder tieffliegenden Hindernissen auszuweichen.

Schließlich erreichte er die Bar, eine Schiffsplanke, die auf mehreren Fässern lag, die vielsagend mit »XXX« markiert waren. Der Wirt, ein verdächtig schmaler Bursche in einem fleckigen, gelblich-weißen Hemd, wischte mit einem Lumpen in einem Zinnbecher herum. Es war offensichtlich mehr Gewohnheit als irgendetwas anderes, denn der Stoff wurde dabei sauberer als der Becher.

Eberhart bestellte sich ein Bier, lehnte sich mit dem Rücken an den Tresen und ließ noch einmal den Blick durch die verräucherte Bude wandern.

Schließlich knallte er eine Hand auf den Tresen und räusperte sich. Er straffte seinen Gürtel und kletterte auf einen Hocker. Die Dielen knarzten bedenklich unter seinem Gewicht.

Man konnte Eberhart eine beeindruckende Gestalt nennen, wenn es denn um die Tiefe seiner Fußabdrücke ginge, aber vor allem war er – immens. Unter mehreren Bahnen Purpurstoff und Puffärmeln wogte ein birnenförmiger Torso unter schweren Atemzügen. Aufgrund seiner geringen Größe konnte er auf dem Hocker so grade über die Menge schauen. Er breitete die Arme aus und verkündete mit einem breiten Grinsen:

»Meine Damen und Herren, Sie haben die Ehre, Eberhart Brettschneider in ihrem Etablissement zu begrüßen! Wein für alle!«

Der daraufhin erschallende Jubel warf ihn beinahe hintenüber. Nachdem das Eis erfolgreich gebrochen war, kletterte er unbeholfen vom Hocker, riss sich die unförmige Kappe herunter und klatsche sie auf die Theke. Mit der anderen Hand winkte er den Gastwirt heran. An drei von Eberharts fetten Fingern glänzten solide Goldringe, am Ringfinger prangte ein krabbenförmiges Siegel. Um seinen Hals hing ein schwerer Anhänger, eine Karavelle über drei Münzen.

Als der Gastwirt herankam, beugte sich der Händler über die Theke und sah ihn verschwörerisch an. Eberharts aufgedunsenes, verschwitztes Gesicht war von der Art, wie es nur eine Mutter lieben kann. Wässrige, blass-blaue Augen saßen in tiefen Fettwülsten verborgen. Eine haarige Warze prangte auf der knollenförmigen Nase, an deren Spitze ein einzelner Schweißtropfen hing. Das strähnige, hellblonde Haar war mit einer Mischung aus Schweiß und Pomade an den Schädel geklatscht.

Seine schwammige Hand legte sich in den Nacken des Wirtes, um ihn noch näher zu sich zu ziehen und dem Mann eine Nase voll seines ranzigen Körpergeruches zu gönnen. Er flüsterte ihm ins Ohr: »Du wirst den billigsten Fusel ausschenken, den du hast, mein Freund. Und ich weiß, was so eine Lokalrunde kostet, also keine Spielchen.« Er tätschelte dem Mann die Wange und zwinkerte ihm zu. Dann ließ er einen Beutel mit Münzen über die Theke rutschen und drehte sich wieder den munteren Gästen zu.

»Ein Brettschneider lässt sich nicht lumpen, Freunde! Wer will als Erster das Glas mit mir erheben?«

In den folgenden Stunden hob der Händler mit nahezu jedem in der Kneipe das Glas. Seine Bewegungen waren langsam, aber präzise. Er berührte jeden seiner Trinkkumpane, sei es ein Schlag auf die Schulter, ein schwächlicher Händedruck oder ein Klaps auf das Hinterteil. Auch schien er kein Gefühl für den persönlichen Raum von Menschen zu haben, immer rückte er einen Hauch zu nah an die Leute heran oder hielt den Blick etwas zu lange.

Nach kurzer Zeit kannte jeder in der Bar den Händler mit der großzügigen Börse und dem auffälligen Schmuck.

Als der letzte Gast das Wirtshaus verlassen hatte, sackte Eberhart erschöpft in sich zusammen. Die Fassade des starken, vertrauenswürdigen Patrons wich dem Ausdruck zufriedener Erschöpfung. Er wischte sich mit der Kappe über das verschwitzte Gesicht und schloss für einen Moment die Augen. Dann rappelte er sich auf, ließ sich vorsichtig vom Hocker rutschen und rückte seine Hose zurecht, bevor er sich leicht schwankend auf den Weg zur Tür machte.

»Schönen Abend noch und beehren Sie uns bald wieder«, rief der Wirt ihm nach. Eberhart konnte nur noch müde abwinken. Die teigigen Finger fest am Geländer, wankte er die Treppenstufen hinab. In der Gasse angekommen, nahm er einen tiefen Luftzug, klatschte sich die Kappe aufs Haupt und begann zielstrebig nach Hause zu wandern – zur Sicherheit ließ er aber eine Hand an der Wand.

Zwei Gestalten lösten sich hinter ihm aus den Schatten. Eberhart schaffte etwa drei Schritte, bevor ihn eine Flasche auf den Schädel traf und zu Boden streckte.

Mit Ächzen rollten ihn die beiden auf den Rücken, geschickte Hände fanden zunächst seine Börse, dann seine Ringe und zuletzt das Gildenwappen.

Eine raue, männliche Stimme erklang: »Immer noch über zwanzig Silber in der Tasche. Unfassbar, dass sich so einer in einer Hafenspelunke herumtreibt. Wir machen natürlich halbe-halbe. Und was hast du da?«

Eine weibliche, aber vom Alkohol beinahe ebenso raue Stimme antwortete. »Ach nix, nur seinen Anhänger. Das passt schon, behalt du mal die Börse.«

Der Mann klang misstrauisch. »Wie meinste das denn, Puppe? Erst willste den Kerl hopsnehmen und dann willste nur die Kette? Nu zeig her!«

Die Diskussion der beiden um den Wert ihrer jeweiligen Beute wurde hitziger. Die Frau, eine schlanke, gefährliche Halsabschneiderin mit wildem, schwarzen Haar, gab dem großen Kerl in der Uniform der imperialen Marine ordentlich Kontra.

Das Gesicht des Matrosen verfinsterte sich. »Du meinst, wir sind reich. Wir ham das zusammen gefunden, also gehört es uns beiden!« Er streckte die Hand nach der Kette aus.

Die Frau riss sie zurück.

»Ne ne, sei du mal glücklich mit deinem Silber. Du musst bei Sonnenaufgang auslaufen, und bis dahin finden wir bestimmt keinen Hehler. Für was immer das auch ist ...« Sie hielt das Schmuckstück in die Höhe, sodass sich die ersten Sonnenstrahlen in dem goldenen Abzeichen spiegelten.

»Ha! Viel Glück damit, das hier zu verkaufen, Schätzchen.« Der Matrose zeigte mit einem schmutzigen Finger auf das Symbol. »Das ist das Siegel der Kammerbader Hanse. Hier in ihrem Hauptsitz erkennt das jeder sofort als Diebesgut.«

Die Stimme der Räuberbraut wurde unsicher. »Aber ich könnt es ja einschmelzen ...«

»Quatsch, dann ist das doch nur noch die Hälfte wert.« Der Matrose beugte sich herüber. »Komm, nimm du die Börse und ich die Kette. Wir fahren in den Süden, da schert sich keiner um die Hanse. Dir macht das Ding doch nur Ärger.«

Die Schwarzhaarige schüttelte den Kopf. »Auch mit der Hälfte ist das immer noch mehr als die lumpigen paar Silber in der Börse da. Da wird nix draus!« Sie presste sich die Kette an die schmutzige Jacke.

Der Marinesoldat fletschte die Zähne und packte sie am Kragen. »Hör mal zu, sei froh, dass ich dich mag. Reich jetzt die Kette rüber oder es setzt was!«

Seufzend hob sie die schwieligen Hände. »Nu sei doch nicht so. Ohne mich hättest du dich gar nicht getraut, den Fettsack hochzunehmen! Lass uns einen fairen Deal machen. Kannst du nicht wenigstens noch was drauflegen? Du läufst doch eh gleich aus, was brauchste da Bargeld? Und im nächsten Hafen verkaufst du das Teil für hartes Gold!«

Unwillig griff der Matrose an seinen Gürtel und löste seinen Beutel. »Hast ja recht. Hier, das ist mein Sold für den letzten Monat. Das sind nochmal satte fünfzig Silber. Das ist für eine Hafenratte wie dich ein Haufen Geld. Und wenn wir in drei Monaten wieder hier sind, gebe ich dir einen Anteil von dem, was ich gekriegt habe. Das ist doch fair.«

Misstrauisch warf die Schwarzhaarige einen Blick in den Beutel. »Und wenn du wieder hier anlegst, krieg ich den Rest?«

Der Matrose grinste. »Klar doch, Hand drauf!« Er packte die schmalen Finger der Frau mit hartem Seemannsgriff.

»Na gut, wenn man der imperialen Marine nicht mehr trauen kann, wem dann?« Mit einem verschwörerischen Grinsen reichte sie ihm die Kette. Der betrachtete noch einmal den funkelnden Anhänger und ließ ihn dann in seinem Hemd verschwinden.

»Alles klar, lass uns abhauen, bevor der Dicke aufwacht oder jemand nach ihm sieht. Mit Händlern ist nicht zu spaßen.« Er wankte los. Nach einigen Schritten merkte er, dass die Frau immer noch bei dem Ohnmächtigen stand. »Was ist los? Kommst du?«

Die Frau winkte ab.

»Nee, ich schau lieber, dass ich wegkomme. Wenn mein Alter mich mit so einem feschen Matrosen sieht, kommt er noch auf falsche Gedanken.« Sie gackerte los.

Der Matrose zuckte mit den Schultern.

»Na, dann lass dich nicht erwischen.« Er setzte seinen unsicheren Weg in Richtung Hafen fort.

Als er um die Ecke verschwunden war, beugte sich die Frau mit einem Grinsen auf den Lippen über Eberhart.

»Er ist weg« flüsterte sie.

Der »Bewusstlose« schlug die Augen auf und verzog angewidert die Mundwinkel. »Dann nimm deinen Pestatem aus meinem Gesicht, Aurelia. Bei Laros bröckeligem Auswurf, was säufst du nur mit diesen Typen?« Mit Hilfe seiner Komplizin rollte er sich auf die Füße und erhob sich mit knirschenden Knien aus der Hocke.

»Größtenteils Wurzelsaft, mein lieber Eberhart. Das riecht so ähnlich wie Branntwein. Und ist gut für die Verdauung.« Sie hieb ihm auf den Wanst.

»Als ob du das nötig hättest. Der Dünnpfiff läuft dir doch auch so locker über die Lippen.« Er dehnte sich und überprüfte die Polsterung seiner unförmigen Kappe. »Musst du immer so hart zuhauen? Das scheppert trotz Stroh immer ganz ordentlich, und mein Köpfchen ist mein Kapital. Apropos.« Er streckte die Hand aus. »Wie viel haben wir?«

Aurelia warf ihm den Beutel zu. »Achtunddreißig Silber in imperialen Adlern, zwölf bretonische Kronen und diverse arabische Münzen. Ist ganz schön rumgekommen, unser kleiner Matrose.«

Eberhart spähte in den Beutel und seufzte. »Dafür ist es fast nicht wert, hier auf den kalten Steinen herum zu liegen. Aber es reicht für ein paar Tage. Wann kommt die nächste Fuhre Frischfleisch?«

Die Diebin zuckte mit den Schultern. »Nächste Woche, denke ich. Aber das muss uns nicht mehr kümmern. Wir haben jetzt genug Kleingeld, um unser großes Projekt anzugehen. Komm, auf in den Tanzenden Goblin, wir haben zu planen und zu trinken!«

Eberhart winkte ab. »Geh du nur, ich will noch mal die Papiere durchgehen.«

Aurelia warf ihm einen mitleidigen Blick zu. »Du weißt, das ganze Lesen macht dich noch krank.« Ihre Hand klatschte ihm auf den Hinterkopf. »Du musst das Leben genießen, Eberhart! Komm, ich stell dich dem knackigen Schmiedelehrling vor. Der denkt immer noch, dass er auf Frauen steht!«

Er grinste schief. »Du hast ja recht. Aber kein Verkuppeln, das endet jedes Mal katastrophal!«

Gemeinsam machten sie sich auf den Rückweg in die Sündergasse. Die Sonne ging hinter ihnen auf, aber es würde noch dauern, bis ihre Strahlen die Tiefen der Gasse erreichten. Sie planten, bis dahin wahrhaft betrunken zu sein.

Der Matrose trat derweil auf das Hafendock und ließ das Schmuckstück in der Sonne glitzern, um es noch einmal näher zu betrachten. Er bemerkte die Gestalt, die sich ihm näherte, erst, als sich eine schwere Hand auf seine Schulter legte. »Interessantes Stück habt ihr da, Matrose.«

Er wirbelte herum und hob zu einer forschen Erwiderung an, aber als er erkannte, wer da vor ihm stand, stockten ihm die Worte im Hals.

Die düstere Figur war an sich schon einschüchternd genug. Der Mann überragte den Seemann um eine gute Handbreite und war gebaut wie ein Grubenkämpfer. Eine tiefe Narbe zog sich über sein Gesicht und unterstrich den toten Blick der tiefgrauen Augen. Die schmalen Lippen waren zu einem ständig missbilligenden Ausdruck verzogen. Aber vor allem der schwarze Umhang, der hohe Hut und die Brosche mit dem Hammer am Hals sprachen eine deutliche Sprache für jeden Bürger des Imperiums. Der Matrose schluckte den Frosch im Hals herunter, räusperte sich und schaffte eine schwache Erwiderung.

»Wie kann ich der Inquisition helfen, mein Herr?«

Die schwarz behandschuhten Finger legten sich wieder auf seine Schulter. Die andere Hand deutete auf das Schmuckstück.

»Dürfte ich das kurz näher betrachten?«

»Ah, natürlich, aber ihr müsst verstehen, ich habe es nur gefunden. Ich war auf der Suche nach dem rechtmäßigen Besitzer, um es ihm auszuhändigen.«

Die Finger des Inquisitors umschlossen die Kette und er inspizierte das Amulett für einen Moment. Dann schaute er den Matrosen nachdenklich an.

»Versucht das nochmal. Woher habt Ihr dieses Amulett?« Seine Stimme war leise, aber die Drohung unüberhörbar.

Der Matrose wand sich.

»Ich ... Da war dieser schmierige Typ, diese Frau hat ihn gefunden. Ihm geht es gut, er war nur ohnmächtig, und dann wollte sie ihn ausplündern, aber ich habe sie davon abgehalten und ihr das Amulett abgenommen. Sie ... Sie ist die Straße da lang, und wenn Ihr Euch sputet, könnt Ihr sie gewiss noch kriegen!« Er deutete in die Richtung, aus der er gekommen war.

»Und sie wollte dieses Amulett unbedingt haben?« Der Hexenjäger betrachtete wieder das Schmuckstück.

»Ja, sie hat gesagt, es wäre unglaublich viel wert. Es war ihr nicht klar, dass sie hier ein Siegel der Hanse niemals würde verkaufen können.« Er vermied den Augenkontakt mit dem Inquisitor.

»Wenn das ein echtes Wappen wäre, könnte das ein Problem sein. Eine billige Messingkopie wie diese hier dürft Ihr natürlich jederzeit für ein paar Pfennige verkaufen.«

»Was?« Ungläubig riss der Matrose das Amulett an sich. »Dieses miese, kleine Stück! Meinen gesamten Sold habe ich ihr gegeben. Dafür krieg ich sie am Arsch. Und dieser Fettsack gehörte bestimmt dazu! Sie haben mich abgezockt! Sie ...« Er verstummte, als der Griff an seiner Schulter schmerzhaft wurde.

»Wie sahen sie aus?« Die Stimme des Inquisitors war genauso leise wie zuvor. Er schien nicht im Geringsten angestrengt.

»Ihr könnt ihn nicht verfehlen – er ist eine fette, kleine Kröte und trägt so eine alberne, purpurne Kappe. Sie hat schwarzes, lockiges Haar und ...«, er formte die Umrisse einer Sanduhr mit den Händen. »Sie hat mich in den Drei Federn angequatscht, da kennt man sie bestimmt. Kommt, ich zeige Euch den Laden, und dann mischen wir die Schweine auf. Sie ...«

Seine Tirade endete in einem Stöhnen, als die Hand des Hexenjägers ihn in die Knie zwang. »Was ... Was habe ich denn getan?«

Der Inquisitor ließ das Amulett in seinem Mantel verschwinden und zog eine lange, schmale Klinge.

»Nichts, mein Freund. Du darfst nur leider nichts hiervon weitererzählen.« Die Klinge drang unterhalb des Kiefers in den Schädel ein. Der Mann zuckte noch ein paarmal. Es floss überraschend wenig Blut. Der Hexenjäger säuberte die Klinge an der Uniform des Matrosen und ließ sie verschwinden.

Dann machte er sich auf den Weg die Sündergasse hinauf.

Die Sonne schien in das kleine Zimmer über dem Wirtshaus und schimmerte auf einem wilden Schopf dunkler Haare, die zerzaust über einem kastanienbraunen Gesicht lagen. Eine breite Nase blähte sich extrem undamenhaft auf, dann ertönte ein rasselndes Schnarchen, das in ein Schmatzen und Stöhnen überging. Volle Lippen verzogen sich über leicht schief stehenden Zähnen zu einer Grimasse, und eine schlanke, vernarbte Hand versuchte, die Sonnenstrahlen von den leicht mandelförmigen und resolut geschlossenen Augen fernzuhalten.

Begleitet von weiterem Stöhnen richtete Aurelia sich langsam auf. Ihr Haar fiel ins Gesicht, als sie den Kopf hängen ließ und sich langsam die Schläfen rieb. Beinahe unbewusst tastete sie unter dem Kissen nach ihrem Dolch, bevor sie sich aus dem Bett wand und mit ein paar Spritzern aus dem Waschbecken den Schlaf aus den Augen wischte. Sie blickte kurz auf die müde Erscheinung im Spiegel.

Hellbraune, beinahe goldene Augen standen etwas zu weit auseinander – aber dank ihres dunklen Teints sah man wenigstens die Augenringe nicht so stark wie bei blassen Frauen. Versonnen strich sie die Narbe entlang, die sich vom linken Schlüsselbein herunter bis zu ihrer Achselhöhle zog.

Im Bett regte sich etwas. Sie verzog kurz das Gesicht, dann tippte sie sich an die Schläfe und nickte ihrem Spiegelbild zu.

Mit schnellen, geübten Handgriffen durchsuchte sie die Kleidungsstücke, die um ihr Bett herum verteilt lagen. Einige Münzen und ein kunstvoll verzierter Dolch kamen beiseite, dann fand sie die gesuchten Papiere. Zufrieden lächelnd schlüpfte sie in Hose und Hemd, bevor sie das Fenster öffnete. Mit der Beute in der einen Hand und ihren Stiefeln in der anderen stieg sie leise auf den Fenstersims. Sie warf der Gestalt unter der Decke noch einen letzten Luftkuss zu, dann verschwand sie über die Dächer Kammerbads.

Es war keine riesige Metropole wie Galtdorf oder Notuln, aber es war ihre Stadt. Daran konnte die imperiale Besatzung nichts ändern. Hier, auf den Giebeln und Kaminen, gehörte Kammerbad noch den Abenteurern. Leichtfüßig setzte Aurelia auf die Schindeln des Nachbargebäudes über und hockte sich dort auf den First. Mit etwas Mühe zerrte sie ihre weichen Lederstiefel über die engen, schwarzen Leinenhosen, dann schnürte sie ihr Hemd etwas fester. Sie verstaute ihre gewohnten Messer, Haken, Stifte und Drähte sowie den neuen Dolch in verschiedenen Halftern und Schlingen. Dann sprang sie ein paar Mal auf und ab, um deren Sitz zu prüfen.

Schließlich bändigte Aurelia einen Teil ihrer Locken mit einem Lederband und bedeckte sie mit einem roten Tuch, um sie sich aus dem Gesicht zu halten. Dann ließ sie die Beine vom Dach baumeln und inspizierte die Papiere, die sie von ihrem Bettgefährten »geliehen« hatte. Sorgfältig studierte sie Termine und Frachtpapiere, während sie in der linken Hand ein Stilett durch ihre Finger tanzen ließ.

Ein leises »Ha!« entfuhr ihr, als sie das Gesuchte fand. Das Stilett tippte auf den gesuchten Namen.

»Gräfin del Mar, Ihr habt soeben einen Termin mit meinem guten Freund Eberhart gewonnen!«

Die Papiere verschwanden in Aurelias Hemd, dann stieß sie sich vom Dach ab, federte leicht auf einem gegenüberliegenden Fenstersims ab, um in einem Rückwärtssalto auf dem Kopfsteinpflaster der Gasse zu landen.

Der Weg zu Eberharts Zimmer war nicht weit. Aurelia passierte auf ihrem Weg durch das Marktviertel diverse Marktschreier, einen imperialen Rekrutierungsoffizier und zwei oder drei Weltuntergangspropheten. Zur Abwechslung kaufte sie ein paar Früchte von einem der Stände und ließ den Imperialen mit einem brennenden Stapel Pamphlete zurück, aber für ihre Verhältnisse war das recht zurückhaltend. Nur einer der Untergangsfanatiker musste seine blutende Nase halten, nachdem er ihr zu nah gekommen war. Abwesend jonglierte Aurelia mit dem Obst, während sie um die letzte Ecke vor Eberharts Straße bog.

Sie hatte nie verstanden, wie Ihr Kumpan in der Holzgasse wohnen konnte. Das ständige Hämmern und Sägen zu absolut gottlosen Zeiten würde sie in den Wahnsinn treiben. Die Werkstatt, über der Eberhart eingezogen war, wimmelte nur so von muskulösen Gesellen mit Sägen, Hobeln und vor Schweiß glänzenden bloßen Oberkörpern. Aurelia genoss den Anblick, während sie die verschiedenen Früchte verspeiste, dann stolzierte sie zur Treppe im hinteren Teil des Gebäudes. Sie schlug einem der knackigeren Gesellen auf den Hintern und ignorierte die Beschwerden des Werkstattmeisters, als sie die wenigen Stufen zur Kammer ihres Komplizen erklomm.

Eberharts Tür war nicht verschlossen, also polterte sie hinein und schmetterte ein »Guten Morgen«, mit einem unverschämten Grinsen auf den Lippen.

Eberhart verzog schmerzerfüllt das Gesicht und schlug die Hände über die Augen. »Als wäre es nicht genug, dass du mich mit diesem Gift abfüllst, du musst mich auch noch am Tag danach quälen.« Er senkte die Hände. Sein teigiges Gesicht hatte eine durch und durch ungesunde Farbe angenommen. Tintenkleckse von seinen Fingern zogen sich in einem bläuliches Muster über seine Wangen und die Stirn.

Aurelia trat zu ihm an den Tisch und schlug ihm auf den Rücken. »Ach, mach mir nichts vor, mein Dickerchen. Du bist doch schon seit ein paar Stunden auf, wie ich sehe.« Sie deutete auf den Tisch voller säuberlich markierter Abrechnungen.

»Ach, Buchhaltung hilft mir einfach, den Kopf frei zu bekommen.« Er löschte die letzte Rechnung mit einer Prise Sand ab und legte die Papiere dann zusammen in eine Kladde. Einen Moment blickte er sehnsüchtig auf die Karte der Südmeere über dem Schreibtisch, dann drehte er sich schwerfällig zu Aurelia herum.

»Also, was hast du für uns?«

Die Schurkin hockte sich auf den Schreibtisch und zog ein Bein an, sodass ihr Kinn auf ihrem Knie ruhte. Sie senkte verschwörerisch die Stimme.

»Ein ganz dicker Fisch, Eberhart. Gräfin, aber keine der lokalen Größen. Sie nennt sich del Mar, klingt mir nach den Kolonien. Aber das Beste ist: Sie kauft Kunstgegenstände, alte Schriften und alles Mögliche, das mit dem Laroskult zu tun hat. Spezifisch die Zeit des dunklen Korsaren.« Aurelia konnte kaum ruhig sitzen, während sie die Fakten über das neue Projekt herunterrasselte.

Eberhart strich sich über das Kinn und verteilte mehr Tinte in seinem Gesicht. Dann deutete er mit zwei fetten Fingern auf Aurelia. »Also halten wir fest: Eine ortsfremde Adlige mit tiefen Taschen, die viel Geld für leicht fälschbares Material in die Hand nimmt.« Er ließ seine Faust in die Handfläche der anderen Hand klatschen. »Aurelia, das klingt tatsächlich nach unserem großen Durchbruch!« Er legte die Hände auf die Knie und kam ächzend auf die Beine. Er musste sich kurz am Tisch abstützen und hielt sich den Kopf. »Das Zeug sollte man zum Abbeizen benutzen, nicht zum Trinken.«

Er watschelte zur Rückwand des Raumes und machte sich an dem Wandbehang zu schaffen, der die glorreiche Eroberung der Südmeerinseln durch Admiral von Streithoff zeigte. Eberhart schob den Vorhang zur Seite und legte eine Schiefertafel frei, auf der diverse Ideen, Strategien und unanständige Kritzeleien standen. Er löschte mit einer schon viel benutzten Ecke des Wandteppichs einen Großteil der Notizen aus und nahm ein Stück Kreide aus einer Schublade.

»Wir brauchen: Einen Köder, eine Gelegenheit, ein Problem und ein Finale. Ach, ich liebe den Planungsteil.« Ein Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus, während er sich an die Arbeit machte. Aurelia rutschte vom Schreibtisch und schnappte sich ebenfalls ein Stück Kreide. »Und diesmal wird es ein Meisterwerk!«

Die Ausstellung fand in einem der kleineren Gildenhäuser von Kammerbad statt. Die Gilde der Maler und Bleicher hatte ihre Halle zur Verfügung gestellt, während die Gerber und Kürschner die Finanzierung übernommen hatten. Niemand wollte bei den Gerbern einen Empfang geben und die Halle der Kürschner war gerade einem Brand zum Opfer gefallen. Manche sagten, es seien radikale Druiden gewesen, aber solches Gerede gab es immer.

Die Maler ließen ihre dreistöckige Gildenhalle jeden Monat in einer neuen Farbe erstrahlen. Dieses Mal hatten sie sich im Einklang mit der Ausstellung für ein meergrün mit azurblauen Akzenten entschieden. Ein Banner über dem Eingang verkündete den Titel: »Laros Kult im Wandel der Zeit – Religiöse Texte und Artefakte vom Anbeginn des Imperiums bis heute«. Vor dem Gildenhaus hatte sich eine bunte Menge der Reichen und Schönen versammelt, die sich gegenseitig mit ihren teuren Kleidern und Frisuren zu übertrumpfen suchten.

Aurelia und Eberhart schritten durch die Menge, als gehöre ihnen der Platz. Eberhart trug seine gewohnten weiten, purpurnen Stoffe und die formlose Kappe, allerdings frisch gereinigt und hervorgehoben durch südländischen Schmuck, der ausreichend echt aussah. Er trieb in einer Wolke Lavendelduft dahin, für die etwa ein Hektar Blüten ihr Leben gelassen hatten.

Aurelia hatte ihre Lederkluft eingetauscht gegen ein weites Kleid aus trawonischer Seide in sonnengelb, das ihre dunkle Haut zur Geltung brachte. Im Gegensatz zu vielen der blassen Trophäenfrauen trug sie ihr Kleid hochgeschlossen, dazu Handschuhe – es war schwierig genug, ihre Erziehung oder deren Mangel zu verbergen, aber schwielige Hände und Narben wären doch etwas zu schwer zu erklären gewesen. An ihren Fingern und am Kropfband schimmerten strahlend blaue Steine. Ihre Haare waren kunstvoll hochgesteckt und mit golden schimmernden Kämmen und Nadeln fixiert, ließen aber einige Locken kokett an den Ohren vorbei kringeln.

Wenn sie aus Eberharts Dunstwolke trat, konnte man einen dezenten Duft nach Zitronen und anderen Südfrüchten erahnen. Sie tat ihr Bestes, um ebenso gelangweilt auszusehen wie die anderen Frauen.

An der Tür kontrollierte ein livrierter Diener die Einladungen und begrüßte die Gäste. Eberhart drückte ihm zwei leere Papierbögen in die Hand, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Bevor der verblüffte Diener etwas sagen konnte, warf ihm Aurelia einen verschwörerischen Blick über die Schulter zu und schüttelte den Kopf. Sie deutete mit ihrem geschlossenen Fächer auf die »Einladungen«, dann tippte sie sich erst auf die Lippen, dann strich sie sich über die linke Schulter.

Der Diener stutzte, dann zog er sich am rechten Ohrläppchen und strich sich mit dem Zeigefinger am Kinn entlang. Dann steckte er die »Einladungen« ein und wandte sich den nächsten Gästen zu.

Eberhart schnüffelte ein wenig an seinem Handgelenk und murmelte aus dem Mundwinkel: »Welche Geheimgesellschaft war das noch gleich?«

Aurelia verbarg ihre Antwort hinter dem Fächer: »Purpurne Hand. Diese Kultisten treiben sich überall herum. Zum Glück gehörte er nicht zur Roten Krone, diese komischen Zwinkercodes lassen einen aussehen wie eine Wahnsinnige.« Sie ließ ihren Blick über die versammelte Gesellschaft gleiten.

Es war eine interessante Mischung aus niederem Adel, Bürgerlichen und Gildenmitgliedern. Eine ansehnliche Anzahl von Priestern, Mönchen und Nonnen war ebenfalls vertreten, was bei dem gegeben Thema der Ausstellung nicht allzu verwunderlich war.

Eberhart nahm sich einen Moment Zeit, um die komplexen Strömungen und Interaktionen der Gesellschaft auf sich wirken zu lassen. Dort gab es eine Ansammlung von Neureichen, die sich um einen der einflussreicheren Adligen scharten und um seine Aufmerksamkeit buhlten. Hier steckten die Mitglieder offiziell verfeindeter Gilden die Köpfe zusammen, um eine geheime Preisabsprache zu tätigen. Vor einer riskanteren Darstellung der »Sturmgeborenen in den Wellen« ereiferten sich ein paar Nonnen. Wo würde man eine wahrhaft an der Kunst interessierte Person jetzt finden?

Er entdeckte sie schließlich bei den Manuskripten. Er tippte Aurelia leicht an und nickte in Richtung ihres Ziels.

Sie trug ein weites, schulterfreies Kleid aus nachtblauem Satin, reich verziert mit trawonischer Spitze und abgesetzt mit Seide und Brokat. Ihre glatten, schwarzen Haare fielen in Wellen ihren Rücken hinab, gehalten von einem silbernen Diadem und durchsetzt mit Satinbändern und glitzernden Silberfäden. In der schmalen, fast geisterhaft blassen Linken hielt sie mit müheloser Eleganz einen spitzenbedeckten Fächer, währen sie mit dem rechten Zeigefinger an ihr Kinn tippte. Ihre Nägel waren im selben Ton gehalten wie ihr Kleid, und ihr Lidschatten trug eine ähnliche Farbe. Dagegen waren ihre Lippen nachtschwarz nachgezogen. Ein Schönheitsfleck unter dem rechten Auge wirkte wie eine verlorene Träne.

Sie stand vor einer Illustration, die den Triumph der Sturmgeborenen über den Schreckenskapitän in recht blutigen Details darstellte. Eberhart gesellte sich zu ihr und studierte die Abbildung. Die Tochter Laros‘ stand auf einem Wellenberg, der die Knochenbarke des Schreckenskapitäns und seiner untoten Horden unter sich begrub. An ihrer Seite kämpften Meerjungfrauen, Delphine und andere Meeresgeschöpfe, während Skelette, Geister und Gruselgestalten an Deck der Flotte des Schreckenskapitäns standen.

Der Kapitän selber hatte einen Totenschädel statt eines Gesichts und schwang ein Schwert, das eher einer Klaue ähnelte. Die Sturmgeborene führte Laros‘ Heiligen Dreizack in der Rechten, in der Linken trug sie einen violetten Kristall, mit der sie die Geschöpfe des Herrn der Meere rufen konnte.

»Faszinierend, nicht wahr?« Eberhart sah die Gräfin nicht an, aber achtete aus dem Augenwinkel auf ihre Reaktionen. »Der Triumph des Göttlichen über das Dämonische. Wahrhaft inspirierend.«

Die Stimme der Gräfin war rauchig und ein leichter, schwer zu identifizierender Akzent klang mit, der ihre »R’s« rollen und die scharfen Konsonanten weicher klingen ließ.

»Inspirierend – eine interessante Wortwahl. Wusstet Ihr, dass die Sturmgeborene nach dieser letzten Schlacht verschwunden ist?« Sie wischte mit dem Fächer an ihrem Gesicht vorbei. »Als wäre sie selbst vom Meer verschlungen worden, ebenso wie der Schreckenskapitän.«

Eberhart strich sich über das Kinn. »Ich dachte immer, sie wäre aufgestiegen an Laros‘ Seite, oder etwas Ähnliches?« Er winkte einem der Diener, neue Getränke zu bringen.

»Tatsächlich ist das einer der Punkte, in der die Kirchengeschichte seltsam unpräzise wird. Es gibt unzählige detaillierte Beschreibungen der Gräueltaten des Schreckenskapitäns, ebenso wie den glorreichen Aufstieg der Sturmgeborenen aus den kalten Tiefen von Laros‘ See zu seiner Streiterin. Aber ihr Schicksal nach der letzten Schlacht bei der Mahlstrominsel – da wird es plötzlich sehr vage.« Sie fuhr mit dem Fächer die drohenden, schwarzen Felsen entlang, die sich im Hintergrund der Schlacht abzeichneten.

»Ja, das ist das Problem mit Künstlern und Priestern – sie sind oft mehr daran interessiert, etwas gefällig zu machen, statt präzise wiederzugeben.« Er nahm zwei Gläser vom Tablett des herbeigeeilten Dieners und reichte eines der Gräfin. »Dabei hat Klarheit und Genauigkeit doch ihre eigene Schönheit.«

Mit einer erhobenen Augenbraue nahm die Gräfin das Glas entgegen. »Solche Direktheit ist in meinem Kreisen eher selten. Sie wird als ... krude und bürgerlich betrachtet. Es gilt als schick, seine Anliegen in Lagen von Komplimenten, Anspielungen und sonstigem Geplapper zu verbergen, sodass man erst Schicht um Schicht durchdringen muss, bevor man zum Kern der Angelegenheit kommt.« Sie erhob das Glas zum Gruß. »Wem verdanke ich also diese plumpe Missachtung der imperialen Gepflogenheiten?«

Eberhart stieß sein Glas klingend gegen das ihre. »Eberhart Brettschneider, meines Zeichens Freihändler und Abenteurer.« Er schlug sich lachend auf den Bauch. »Wobei meine zweite Leidenschaft etwas in den Hintergrund getreten ist, seit ich die entsprechenden Geldmittel habe.«

Sie neigte graziös den Kopf und schenkte ihm ein bezauberndes Lächeln. »Estella Veronica Asuncion del Mar, Gräfin von Maracasar.« Sie senkte kurz die Augen. »Im Exil.«

Eberhart schaute einen Moment betroffen und tat, als suche er nach Worten. Dann versuchte er es mit einem Scherz. »Die Freuden der Kolonialherrschaft. Ich hoffe, es wendet sich bald alles zum Guten, Gräfin.« Er machte eine unbestimmte Geste mit der freien Hand. »Immerhin ließen Sie Euch den Titel ... «

Die Gräfin hob abwehrend die Hand. »Lasst uns das Thema wechseln, Herr Brettschneider. Ich bin hier, um mich von meinen Problemen abzulenken, und ich wollte Euch gewiss nicht damit belasten.« Unmittelbar wandte sie sich wieder der Illustration zu. »Also, was haltet Ihr sonst noch von dem Stück?«

»Nun, wie ich schon sagte, bin ich eher ein Mann der Fakten als ein Mann der Kunst. Ich könnte Euch sagen, auf welchem Material die Zeichnung illuminiert wurde und welche Tinte wahrscheinlich benutzt wurde, aber den künstlerischen Wert zu bestimmen ... Das übersteigt meinen Horizont. Wenn Euch das Thema interessiert, ich bin im Zuge meiner Reisen auf das eine oder andere Schriftstück aus dieser Zeit gestoßen. Nichts so Feingeistiges wie dieses Material hier, Berichte der damaligen Hafenmeister und Gildenoberhäupter, Listen mit Dingen, die der Schreckenskapitän geplündert hat. Welche Schiffe aufgrund seiner verlustig gegangen sind, welche Investitionen man getätigt hat, um seiner Herr zu werden.« Er lachte kurz auf und schüttelte den Kopf. »Ach entschuldigt, das muss furchtbar langweilig klingen.« Er hob die Schultern. »Aber für jemanden wie mich erzählen Zahlen und Rechnungen eine lebendigere Geschichte dessen, was damals passiert ist, als irgendwelche Predigten oder Psalme.«

Die Gräfin legte den Kopf ein wenig zur Seite und schaute ihn nachdenklich an. »Ihr meint, Ihr habt authentische Aufzeichnungen der Raubzüge des Schreckenskapitäns? Die Orte, an denen er gewesen ist?« Sie wirkte aufrichtig interessiert.

Eberhart legte eine Hand ans Kinn. »Ja, so könnte man es sagen. Ich habe es noch nie auf diese Weise zusammengetragen, aber man könnte gewiss seine Wege auf Grundlage dieser Aufzeichnungen ermitteln.« Er schaute versonnen auf den Teppich. »Man könnte damit zumindest einschränken, in welchem Gebiet seine Flotte operiert hat.«

Die Gräfin ließ ihren Fächer zusammenschnappen und tippte Eberhart auf die Brust.

»Wir müssen das definitiv weiter ausführen, aber nicht hier. Ihr müsst mich besuchen. Was haltet Ihr von einem Abendessen, sagen wir in zwei Tagen? Ein Nein lasse ich nicht gelten, das ist zu faszinierend.«

Der Händler verbeugte sich mit ein wenig Mühe, die linke Hand auf der Brust, die rechte mit dem Weinglas ausgestreckt.

»Es wäre mir eine Ehre, Euch aufzuwarten. Es ist erfrischend, jemanden zu treffen, der meine Begeisterung für die Vergangenheit teilt.« Er erhob sich mit einem leisen Keuchen. »In zwei Tagen, Gräfin. Genießt die Ausstellung.« Sie entließ ihn mit einem leichten Nicken, dann verschwand Ihr Gesicht hinter dem Fächer und sie wandte sich einem anderen Exponat zu.

Eberhart zog sich zurück und wanderte noch ein wenig Interesse heuchelnd durch die Ausstellung, bis er Aurelia entdeckte. Sie unterhielt eine Gruppe von Gildenvertretern mittleren Alters mit einer anzüglichen Geschichte.

Er wartete etwas abseits, bis sie ihn entdeckte und sich von Ihren Verehrern verabschiedete. Sie kam lächelnd an seine Seite und ließ sich unter den neidischen Blicken der Anwesenden aus der Halle führen.

»Hattest du Erfolg?«, flüsterte sie, als Sie auf die Straße getreten waren.

»Der Köder ist geschluckt. Unsere Gelegenheit werden wir in zwei Tagen vorstellen. Und bei dir?«

Sie lächelte strahlend. »Unser Problem ist das Thema des Abends. Wenn Sie davon nichts hört, können wir es nur noch an die Wand der Kathedrale schreiben.«

Eberhart atmete tief ein und ein zufriedenes Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. »Meine Liebe, unser Plan läuft beinahe zu gut. Aber nur beinahe.«

Das Haus der Gräfin lag in Hochburg, dem Teil von Kammerbad, der auf den Rest der Stadt herabblickte wie der hochmütige Sohn eines Grafen auf die Schweinehirten in seinen Ställen. Die Villen waren durchgehend aus Stein und hatten zwischen drei und vier Stockwerken. Schwarze, rote und grüne Ziegel bedeckten die Spitzdächer, Adelswappen oder Gildenzeichen zierten die Giebel, um die Besitzer weithin anzupreisen.

Das Haus der Gräfin war eines der wenigen unmarkierten Gebäude, nur verziert mit den Symbolen von Heim und Herd. Entweder hatte die Gräfin noch keine feste Unterkunft erworben oder sie befand sich nur auf der Durchreise. Auf jeden Fall profitierte sie zur Zeit von der Gastfreundschaft Churuns, der Herrin des Friedens.

Eberhart und Aurelia trugen wieder Ihre feinen Kleider, allerdings hatte Aurelia einige Ihrer Accessoires ausgetauscht, um den Anschein zu erwecken, sie trage ein neues Kleid. Es war grade genug, dass es der Gräfin auffallen und Ihre Geschichte von den finanziellen Problemen unterstreichen würde. Keine Wachen standen an der Pforte des Hauses, allerdings war das in einem Viertel wie Hochburg auch kaum nötig. Genug Gardisten von anderen Adelshäusern patrouillierten so regelmäßig, dass die Häuser der Churun sicherer waren als die Banken in den unteren Vierteln.

Vor der Pforte atmeten die beiden Komplizen noch einmal tief durch und sahen sich an.

Eberhart grinste.

»Bist du bereit für unseren großen Auftritt, mein Schneckchen?«

Aurelias Hand traf ihn am Hinterkopf. »Aber natürlich, mein Geliebter.« Sie grinste ebenso unverschämt zurück. »Was soll schon passieren?«

Dann verwandelte sich Ihr Ausdruck in den einer gelangweilten, leicht angeekelten Trophäenfrau. Eberhart setzte den leidgeprüften Blick eines Mannes mit sowohl finanziellen als auch privaten Sorgen auf, ergriff den Ring und ließ ihn beherzt auf den bronzenen Türklopfer schlagen.

Als die Tür sich öffnete, stockte beiden der Atem. Ihnen gegenüber stand eine der furchterregendsten Erscheinungen, die das Imperium der Menschheit hervorgebracht hatte. Von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet, zwei Steinschlosspistolen in der Schärpe und mit dem silbernen Hammer auf der Brust, offenbarte sich die Gestalt als Hexenjäger der heiligen Inquisition des Loknar. Keine Frau, kein Mann und kein Kind waren sicher vor der Verfolgung der Templer, deren heilige Pflicht über jedem weltlichen Gesetz stand. Keine Furcht war so tief verankert wie die, als Hexe oder Häretiker beschuldigt zu werden, denn so etwas wie einen Freispruch kannte die Inquisition nicht. Es war immer nur eine Frage, wie lange es dauerte, bis die Beschuldigten gestanden, und wie weit innerhalb der Familie und Freunde die Hexenjäger die Verderbnis verbreitet sahen. Jede Hexenjagd resultierte in einer Welle von Anschuldigungen und Gegenanschuldigungen, und die einzigen Gewinner in diesen schlimmen Zeiten waren die Totengräber und Scharfrichter.

Der unbarmherzige Blick des Inquisitors bohrte sich in Eberharts Augen. Sein vernarbtes Gesicht trug die Spuren eines entbehrungsreichen Lebens. Die tiefen, dunklen Ränder unter den schwarzen Augen und die blasse Haut, die an Kopf und Kinn von grauen Stoppeln bedeckt war, ließen das Gesicht des Mannes wie einen Totenschädel wirken.

Stille breitete sich aus wie ein Leichentuch. Eberhart hörte nur das Rauschen seines Blutes in den Ohren. Seine Gedanken rasten. Wie war man Ihnen auf die Spur gekommen? Hatten Sie im Suff geredet? Oder hatte doch jemand Aurelia erkannt, trotz der neuen Haarfarbe? Oder ging es gar nicht um sie? War die Gräfin eine Häretikerin? Eine Hexe? Oder hatte sie Feinde, die sie so sehr hassten, dass sie Ihr die Hexenjäger auf den Hals hetzten? Selbst wenn es nicht um Aurelia ging, war jede Sekunde, die sie zögerten, eine zuviel. Kalter Schweiß brach ihm aus und verzweifelt ging er die Möglichkeiten durch, wie er die Aktion jetzt und hier abbrechen konnte.

»Ihr wollt zur Gräfin?« Die Stimme des Mannes war leise und kratzig, als habe er Probleme zu atmen. Trotzdem lag eine derartige Drohung darin, dass Eberhart unfähig war, zu antworten.

Stattdessen fasste Aurelia sich ein Herz.

»Wenn es ungelegen ist, können wir später wiederkommen. Unsere Geschäfte sind nicht dringlich und wir würden niemals der Inquisition im Wege stehen wollen.« Ihre Stimme zitterte, und sie musste jede ihrer Muskeln anspannen, um nicht sofort die Flucht zu ergreifen.

»Keineswegs. Die Gräfin erwartet Euch.« Der Hexenjäger trat einen Schritt zurück und winkte sie herein. Aurelia und Eberhart wechselten einen Blick. Eberhart kniff kurz die Augen zusammen, dann nickte er einmal heftig und schritt über die Schwelle. Aurelia folgte ihm mit einem Schritt Abstand. Beide spürten die Präsenz des Templers als kalten Schauer, der Ihnen den Nacken herablief. Die Tür schloss sich mit einem endgültigen Schlag, und die beiden fragten sich, ob sie das Haus jemals wieder verlassen würden.

Der Flur war bedeckt mit dicken Teppichen, die jedes Geräusch ihrer Schritte verschluckten. Von den Wänden starrten ungnädige Heilige auf die beiden herab. Es war wie der Gang zum Galgen. Eberhart öffnete die Doppeltür am Ende des Flurs und sie betraten ein lichtdurchflutetes Empfangszimmer. Große verglaste Türen führten in einen üppigen Garten, weitere Fenster ließen das Tageslicht ungehindert in das Zimmer fluten. Die Strahlen spielten über Lüster, strategisch verteilte Spiegel und kristallene Karaffen und Weingläser, die auf einem großen Tisch drapiert waren.

Inmitten all des Lichtes wirkte die Gräfin selbst beinahe unwirklich. Eine Aurora von Sonnenstrahlen umschmeichelte ihre schlanke Gestalt und ließ die wertvollen Steine an Hals und Finger glitzern wie Tautropfen auf einer exotischen Orchidee. Ihr Kleid war aus hellgrauem Satin, dazu passende Handschuhe reichten bis zum Ellbogen. Sie stand an einem langen Tisch, auf dem diverse Dokumente ausgebreitet lagen, und wandte sich um. Es schien, als sei sie in das Studium vertieft gewesen und habe ihre Besucher vergessen, aber es dauerte nur einen Augenblick, bis ein verschmitztes Lächeln auf ihrem Gesicht erschien.

»Mein lieber Eberhart, teuerste Aurelia, Sie wirken , als hätten Sie einen Geist gesehen! Ist meine Erscheinung denn so schrecklich?«

Wieder rang Eberhart nach Worten, aber diesmal fing er sich rechtzeitig. »Keineswegs, holde Gräfin. Es ist nur so, dass der Aufstieg nach Hochburg für einen Mann meiner Statur doch anstrengender ist als erwartet. Was Aurelia angeht, so ist sie zum ersten Mal in einem Gasthaus der Churun und gewiss nur beeindruckt von der Erhabenheit der Umgebung.« Er deutete mit einer weiten Geste über den Raum. »Ein solches Patio wäre selbst in den Gildenhallen der Südmeergesellschaft undenkbar.«

Die Gräfin ließ ein perlendes Lachen ertönen. »Und Ihr seid nicht im Geringsten davon beeindruckt, das Euch ein Mitglied der heiligen Inquisition an meiner Tür erwartet? Eberhart, Ihr seid ein wahrhaft schmeichelhafter Lügner. Adrian, komm herein und begrüße unsere Gäste, aber ohne die finstere Miene.« Der Templer schritt an Ihnen vorbei an die Seite der Gräfin. Seine Miene verzog sich zu etwas, das man mit Wohlwollen als Lächeln bezeichnen konnte. Es schien ihm beinahe körperliche Schmerzen zu bereiten.

»Adrian von Berg, Templer des Ordo Primus und Cousin zweiten Grades der Gräfin del Mar. Als ältester männlicher Verwandter unterliegt sie meiner Protektion, bis sie einen angemessenen Ehemann gefunden hat.« Er schaute gequält zu Ihr herüber. »Was wahrscheinlich bedeutet, dass die Hexen des Imperiums noch einige Zeit auf meinen Zorn verzichten müssen.«

Die Gräfin schlug ihm spielerisch mit dem Fächer auf die Schulter.

»Wenn du mal mit zu einem Ball kommen würdest, hättest du keinen Mangel an Hexen zu beklagen, Adrian.« Sie wandte sich ihren Gästen zu. »Entschuldigt den plumpen Scherz, aber ich mag es so, die Reaktion meiner Gäste auf Adrian zu sehen. Es sagt viel über jemanden aus, wie er sich dem Blick der Inquisition stellt.« Sie deutete mit dem Fächer an den Tisch. »Aber tretet näher, wir sind hier, um uns die Aufzeichnungen anzusehen, die Ihr freundlicherweise habt liefern lassen. Und ich denke, Ihr könnt auch eine Erfrischung gebrauchen, nicht wahr?«

Eberhart und Aurelia traten an den Tisch, und Adrian schenkte Ihnen einen leicht perlenden Wein ein, bevor er sich entschuldigte und zurückzog. Aurelia tauschte noch einige Komplimente mit der Gräfin aus, bevor Sie das Haus verließ, um im Garten zu lustwandeln.

Nun konnten sich Eberhart und die Gräfin in Ruhe den Papieren widmen. Sie bewies einen wachen Verstand und stellte präzise Fragen zu den Erklärungen, die Eberhart über die verschiedenen Aufzeichnungen abgab, vor allem, welche Rückschlüsse man über die Bewegungen des Korsarenfürsten treffen konnte. Schon nach kurzer Zeit holte die Gräfin diverse religiöse Texte aus Ihrer eigenen Sammlung hinzu, um Referenzen zu prüfen und Verbindungen herzustellen. Die Zeit verging wie im Fluge und beide waren überrascht, als Aurelia sich mit einem Räuspern zu Wort meldete.

»Entschuldigt, dass ich Eure Studien unterbreche – aber die Sonne wird bald untergehen.« Sowohl Ihre Stimme als auch Ihre Haltung zeugten von vollkommener Langeweile.

Eberhart warf einen Blick auf seine Taschenuhr. »Bei Laros‘ stürmischen Gezeiten, du hast recht.« Hektisch begann er, seine Papiere einzusammeln. »Ihr müsst entschuldigen, Gräfin, aber Ihr wisst ja, dass Bürgerliche Hochburg zur Sperrstunde verlassen müssen.« Er verbeugte sich überschwänglich. »Es war eine wundervolle Erfahrung, und ich würde unsere Studien gerne vertiefen. Aber ...« Er stockte. »Ich werde wohl in näherer Zukunft nicht zur Verfügung stehen. Geschäftliche Verpflichtungen zwingen mich, die Stadt auf unbestimmte Zeit zu verlassen.« Er verbeugte sich ein weiteres Mal. »Vielleicht sehen wir uns eines Tages wieder. Bis dahin wünsche ich Euch viel Glück mit Euren wissenschaftlichen Forschungen. Aurelia, kommst du?« Aurelia verbeugte sich ebenfalls, und die beiden drehten sich um.

»Warten Sie, Eberhart. Ich habe von Ihren ... geschäftlichen Verpflichtungen gehört. Nach Eurem Abschied von der Ausstellung wart Ihr schnell das Gespräch des Abends. Und es wäre mir ein Gräuel, wenn ein Mann von Eurem Intellekt und Eurer Begeisterungsfähigkeit im Schuldturm darben müsste.« Die Gräfin warf Aurelia einen bedeutungsschweren Blick zu.

Eberhart blickte zu Boden und zerknitterte seine Kappe zwischen den Händen.

»Gräfin, Ihr solltet nicht auf solche Gerüchte hören. Das ist unter Eurer Würde. Und meine geliebte Frau sollte ihre Zunge hüten, wenn Sie in der Öffentlichkeit ist.« Aurelia zuckte nur gelangweilt mit den Schultern.

»Seid ehrlich zu mir, Eberhart. Wie viel schuldet Ihr den Schiffsbauern?« Sie verschränkte ihre Hände ineinander und schaute ihn unverwandt an. Eberhart schaute zu Aurelia, die ihm zunickte. Er fasste sich ein Herz und blickte sie an. »Eintausend Goldkronen. Es ist ja noch nicht mal so, dass ich das Geld nicht habe, aber meine Ladung hängt irgendwo im Süden fest. Und keine der Banken hier ist bereit, einem gildenlosen Händler einen Kredit einzuräumen. Wir haben schon alles versetzt und beliehen, was man beleihen kann, aber«, er hob die Hände, »es reicht nicht. Ich bin mir sicher, die Schiffer sind von der Handelsgilde aufgehetzt. Sie wollen keine Freihändler in Kammerbad. Ich hätte niemals herkommen dürfen. Das Imperium ist kein Ort für Freigeister.«

Die Gräfin hob Ihren Fächer, um ein Lächeln zu verbergen. »Aber, aber, mein lieber Eberhart. Solch verräterisches Gerede kann Euch noch viel länger ins Gefängnis bringen als ein paar Goldkronen Schulden.« Sie schritt langsam zu den beiden herüber.

Eberharts Schultern sackten herunter. »Verzeiht meinen Ausbruch, aber es kann frustrierend sein, immer und überall auf seine Worte zu achten. Heute hatte ich zum ersten Mal seit Monaten das Gefühl, ein vernünftiges Gespräch zu führen, ohne überall imperiale Spione vermuten zu müssen. Und außerdem finden sie bestimmt einen Grund, mich einsperren zu lassen. Meine Einstellung ist weithin bekannt, und jetzt, wo ich in finanziellen Nöten bin, holt mich mein Hochmut ein. Es ist, wie mein Vater immer sagte: ›Der Arm des Gesetzes hängt an einem rostigen Scharnier, das mit Gold geschmiert werden muss‹.« Er strich sich mit der Kappe über die verschwitzte Stirn.

Aurelia schaute verächtlich auf ihn herab.

»Wartet einen Moment.« Die Gräfin schritt zur Tür und rief Ihren Cousin zu sich. Dann reichte sie dem Hexenjäger einen kleinen, silbernen Schlüssel aus einem Beutel an Ihrem Gürtel.

»Bring mir bitte die Schatulle aus dem Geschäftszimmer.« Adrian schaute sie einen Moment mit seiner steinernen Miene an. Sie nickte scharf, dann nahm er den Schlüssel und verschwand. Wenige Augenblicke später kam er zurück, unter dem Arm eine eiserne Kiste und stellte sie vorsichtig ab. Die Gräfin umrundete den Tisch, öffnete sie und begann, einen kleinen Beutel nach dem anderen herauszuheben. Als zehn Stück vor ihr lagen, verschloss die Gräfin die Schatulle wieder und reichte sie an den Hexenjäger.

Adrian warf Aurelia und Eberhart einen unmissverständlich missbilligenden Blick zu, dann trug er die Kiste hinaus.

Die Gräfin deutete auf die Beutel.

»Tausend Goldmünzen, in imperialen Greifen. Betrachtet es als eine Investition in Euer Geschäft. Genaugenommen«, sie blickte Eberhart tief in die Augen, »in Euch. Ich brauche jemanden mit Eurem Verstand für meine weiteren Forschungen. Enttäuscht mich nicht!«

Eberhart hob abwehrend die Hände. »Das kann ich unmöglich annehmen, meine ...« Aurelias Ellbogen traf ihn in die Seite. Ihr Blick sprach Bände. Dann wandte sie sich selbst an die Gräfin.

»Eure Großzügigkeit wird nicht vergessen werden, Eure Hoheit. Mein Mann ist vielleicht zu stolz, um dieses Geschenk anzunehmen. Aber als Frau in dieser Gesellschaft habe ich Eines gelernt: Niemals sollte dummer Stolz dem Wohlergehen der Familie im Wege stehen.« Sie nahm die Beutel an sich, verstaute sie in Eberharts Gürteltaschen, verbeugte sich und trat zurück.

Eberhart schaute zu Boden. »Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Noch nie war jemand so ... selbstlos zu uns.« Er schaute auf, und in seinem Gesicht zeigte sich feste Entschlossenheit. »Was immer Ihr braucht, Eure Hoheit, wie auch immer ich Euch helfen kann – es soll euch gehören.« Er griff sich ans Herz. »Das schwöre ich auf das Grab meiner Mutter.«

Die Gräfin lächelte. »Ich danke Euch für Eure freundlichen Worte. Doch nun sputet Euch, Ihr sollt meinetwegen nicht noch mehr Schwierigkeiten bekommen.«

Unter den aufmerksamen Blicken Adrians verließen die beiden das Haus. Sie hielten die Fassade noch aufrecht, bis sie die Tore nach Hochburg passiert hatten. Dann konnten sie nicht mehr und fielen sich in die Arme. Eberhart prustete.

»Vor unseren Augen! Sie hat die Schatulle vor unseren Augen geöffnet!« Er konnte sich kaum halten. »Sag mir, dass du was mit dem Schlüssel anfangen kannst!«

»Mit einem Zwölfer Markus und Brüder? Ganz ehrlich, sie hätte die Kiste auch gleich auflassen können. Und er war viel zu kurz weg, um im Obergeschoss gewesen zu sein, also bleiben ganze zwei Räume, in denen sie sein kann. Beide Fenster sind schon präpariert. Du hast ja alle Register gezogen bei deiner Vorstellung. Was du dir da aus dem Ärmel geschüttelt hast, mein Dickerchen – Respekt.« Sie knuffte ihn an die Schulter.

Eberhart wurde etwas nachdenklich.

»Tatsächlich musste ich gar nicht so viel dazu erfinden. Es ist schon ein bisschen unheimlich, aber diese ganzen Südmeergeschichten – das sind alles Sachen, die ich wirklich recherchiert habe. Du weißt doch, für meine Handelsroute.« Er winkte ab. »Egal, auf jeden Fall hat es gewirkt. Ich wäre ja fast interessiert, was sie mit der ganzen Geschichte anfangen will.«

Aurelia schaute gen Himmel. »Viel interessanter ist, dass die Außenmauer des Gartens keine Herausforderung darstellt. Der einzige Unsicherheitsfaktor ist unser neuer Freund – Inquisitor Adrian vom Berg. Was hältst du von ihm? Und dieser merkwürdigen Familiengeschichte.« Während sie sprach, rollte sie die Handschuhe ab und stopfte sie in eine Tasche.

Eberhart fuhr sich durch die fettigen Haare. »Gute Frage. Die ganze Geschichte stinkt irgendwie. Ein Templer des Loknar, der die Familie vor die Kirche stellt? Und trotzdem im vollen Habit herum läuft? An der Geschichte ist mehr dran. Die einzige Frage ist, hat er dich erkannt? Wie beeinflusst er unseren Plan?«