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Abgeschieden vom Rest der Welt lebt der alte Zauberer Oreantur mit seinen Gehilfen im Wald und wünscht sich nichts weiter, als in Ruhe gelassen zu werden. Dumm nur, dass man sich nicht nach seinen Wüschen richtet: Die Feen wollen Oreantur für ihre Intrigen benutzen, seine alte Flamme Tzarynathra ist in seine unmittelbare Nachbarschaft gezogen, und der schwarze Magier Belessegor reitet an der Seite eines Königs in den Krieg, dessen Armee direkt auf Oreanturs Wald zu marschiert ...
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Seitenzahl: 350
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Für Seraina
Liebe Nina, danke fürs Korrigieren
Es war einmal...
Ein Flüstern vom Schwarzkliff
Ein unwilliger Dämon
Vom Schwarzkliff nichts Neues
Von Elfen und Feen
Grosse Neuigkeiten
Ein Summen vom Schwarzkliff
Verbotene Magie
Die magische Ente
Feenblutflecken
Der Feind meines Feindes...
Morols Gerüchteküche
Schlachtspuren
Winterbrand in Burkfurt
Vier Magier und eine Dame im Turm
Uralter Hofklatsch
Elfenschlächter
Kein anständiger Kerl
Keine Drachensabberflecken im Teppich
Der begabte Caron
Elfenkind
Äxte im Wald
Leichen im Wald
Rache für einen Stiefel
Es war einmal...
An einem weit entfernten Ort...
Vor langer langer Zeit, in einer Welt, die wie ein harmloser, zauberhafter Abklatsch unseres Mittelalters daher kommt.
Mancherorts wucherte die Magie wortwörtlich aus dem Boden, und die wilden Wälder waren mit Einhörnern, Vampirkröten und den ganzen andern Fantasy-Viechern bevölkert - was die Bewohner dieser Welt natürlich nicht daran hinderte Kriege zu führen, Handel zu treiben und Kopf und Kragen für Liebe und materielle Güter zu riskieren.
In diesem Märchenland, wo die Topographie dem verträumten Naturliebhaber noch Gebirge von eisigweisser Majestät und Schluchten mit Geheimnissen in den dunkelgrünen Tiefen liefert, wo Flüsse quirlig durch moosige Hügel und Heidekraut mäandrieren, findet sich ein fast kreisrundes, weitläufiges Tal. Es war stark bewaldet und auf den ersten Blick unbewohnt.
In der näheren Umgebung dieses Tales befanden sich drei, vier kleine Dörfer und ein paar verstreute Bauernhöfe. Einige Tagesritte südlich des Tales lag die grosse Stadt Morol.
Das Tal selbst war leicht geneigt, so dass es den kleinen Quellen erlaubte, sich im Südosten zu einem Flüsschen zu vereinigen, nur um sich weiter unten einem der breiteren Ströme anzuschliessen. Die höchstgelegenen Punkte in der Hügelkuppe, die das Tal umgaben, waren im Norden. Einer dieser Hügel wies eine sehr ungewöhnliche Felsformation auf. Allerdings war die schwarze Wucherung auf der dem Tal abgeneigten Seite des Hügels und fiel daher den Talbewohnern von blossem Auge kaum auf.
Die dichte Bewaldung lichtete sich hie und da zu freien Flächen oder war notgedrungen einigen riesigen Findlingen gewichen. Auch einige kleine Weiher hatten ihren Raum erobert. Im Zentrum des Waldes waren die Bäume sogar grosszügig genug gewesen, einem Tümpel ein bisschen zusätzlichen Platz zur Verfügung zu stellen, den dieser aber gar nicht beanspruchte, so dass er nun den Ausläufer einer wilden Wiese zierte. An diese Lichtung schmiegte sich ein einzelner Turm, der – die fünf Stockwerke schon arg verwittert und mit Moos und Efeu bewachsen – wie ein grosser Felsbrocken aufragte.
In diesem Turm hauste ein Zauberer. Er hatte bereits ein hohes Alter erreicht, was sich in zahlreichen kleinen Gebrechen bemerkbar machte, weswegen er in der Regel von äusserst missmutiger Laune durch die Windungen seines Turmes schlurfte, den Rücken gekrümmt, die arthritigen Hände auf seinen Stab gestützt, den buschigen weissen Bart vor dem kampflustig vorgereckten Kinn wie einen zornigen Schneesturm vor sich herschiebend. Ausserdem hatte er eine ausgesprochene Vorliebe für Kohl- und Zwiebelgerichte und eine Abneigung gegen das Baden, weswegen er einen doch recht charakteristischen Körpergeruch verströmte.
Natürlich lebte der alte Mann nicht allein in seinem Turm. Die unteren Stockwerke wurden von seinen beiden Gehilfen und Lehrlingen in Beschlag genommen, die unterschiedlicher nicht sein konnten:
Der eine – Nymur - war schmal und drahtig gebaut wie ein Fuchs und ebenso flink an Verstand und Zauberkraft. Allerdings hatte er eine recht hohe Meinung von sich. Das war kaum verwunderlich, da er mit seinen jungen vierzehn Jahren, dem goldblonden Lockenschopf und einer ausgeprägten Vorliebe für duftendes Badeöl viel adretter daher kam, als die beiden andern Männer im Turm. Er war sich sehr sicher, des Meisters Liebling zu sein, und da er damit richtig lag, liess ihm der alte Zauberer auch einiges an Unfug durchgehen.
Der zweite Geselle war von gänzlich anderer Natur. Er war riesengross und ungeheuer stark, mit leicht schräg stehenden Augen, wulstigem Mund und einem Verstand, dessen kognitive Fähigkeiten an die eines kleinen Kindes erinnerten.
Er gehörte zu jener Gruppe Menschen, deren Geburt auch im Märchenland unerwünscht ist, da man der gedrungenen Gestalt und der Form des Gesichtes sofort ansah, dass das Neugeborene nie einen als vollwertig geltenden Status erreichen würde.
Sein Name, der eigentlich Urgatorik lautete, war zu kompliziert für seine schwerfällige Zunge, daher nannte er sich selbst Urg. Ihm war nicht bewusst, dass dieser Spitzname zu gut auf sein höhlenmenschartiges Wirken passte, weswegen die Leute meistens verhalten zu grinsen begannen, wenn er sich vorstellte. Da er – entgegen aller Klischees – weder blöde noch unsensibel war, bemerkte er sehr schnell, wenn er ausgelacht wurde und reagierte entweder schmollend oder (wenn man sich dann die Entschuldigung für den Hohn schenkte) mit einem Wutanfall. Die Geschichte war immer dieselbe: Urgs Zorn setzte sein magisches Potential frei, und das Ergebnis war eine Katastrophe. So war er immer wieder vertrieben worden, bis ihn seine einsame Wanderung schliesslich in das Tal des Zauberers geführt hatte.
Dieser hatte den Jungen scheinbar widerwillig als Lehrling angenommen, hatte sich aber schnell damit abgefunden, dass Urg als Zauberer wenig taugte, da es ihm schlicht an der Fähigkeit mangelte seine Kräfte zu fokussieren. Allerdings war er ein ausgezeichneter Jäger, Angler und Koch und verrichtete die häuslichen Arbeiten, die der alte Zauberer geflissentlich übersah und für die sich Nymur natürlich zu schade war.
Aber es soll nun von jemandem berichtet werden, der sich für zu wichtig hält, um hier nicht genannt zu werden:
Sie hielt sich nicht einmal sehr oft im Turm auf, und wenn es sie zurück zu ihrem Heim zog, dann verkehrte sie fast nur in den obersten Räumen des Turmes, wo der alte Zauberer seine privaten Gemächer und seine Bibliothek hatte.
Melinéa hiess sie, und sie war eine Falkendame, die dem alten Zauberer geduldig zuhörte, wenn er in langen Selbstgesprächen vor sich hindozierte, oder stichelnd kleine sarkastische Witzchen krächzte, wenn er bei Winteranbruch in Trübsal zu versinken drohte. Sie jagte die Mäuse und Ratten um den Turm herum (weil Urg den Meister um eine Katze gebeten hatte) und brachte den drei Zauberern im Turm Kunde von weit entfernten Gegenden jenseits der Berge, sofern sie diese denn für wichtig genug hielt. Aus der Sicht eines Falkens sind aber relativ wenige Dinge von wirklichem Belang, folglich kamen sehr wenig Neuigkeiten in der Autarkie des Turmes an.
Der Zauberer seinerseits – obwohl er es niemals zugegeben hätte – genoss es, einen Vogel zu haben. Und ebenso die Doppeldeutigkeit, die zutage trat, wenn man diesen Umstand ausformulierte.
Diese Geschichte beginnt zu einer Zeit, in der der Winter langsam und widerwillig damit beginnt, in den Frühling hinein zu tauen. Allerdings beginnt sie nicht im Turm des Zauberers, sondern in Morol, der grossen Stadt, die gut einen harschen Wochenritt vom abgeschiedenen Tal entfernt lag.
Die Nächte waren noch sehr dunkel und kalt. Sie gaben den Bewohnern Morols einen Grund, lang und tief zu schlafen, bis sie eben eines Nachts durch einen lauten Krach geweckt wurden. Einige rannten mit Winterstiefeln und hastig übergeworfenen Mänteln ins Freie, um nachzusehen, was den tosenden Lärm verursacht hatte. Doch waren sich bald alle einig, dass man dem Ereignis keine allzu grosse Bedeutung beizumessen hatte. Ein alter Turm war zusammengestürzt.
Die Gelehrten der Stadt hatten zu erzählen gewusst, dasserdasletzteÜberbleibsel der Hexenherrin Tzarynathra gewesen war. Diese hatte Jahrhunderte zuvor von diesem Turm aus ihr Imperium begründet. Die abergläubischen Bürger der Stadt hatten stets betont, dass der Geist der mächtigen Hexe immer noch in diesem Turm hause. Die vernünftigen Männer und Frauen Morols – also die grosse Mehrheit - erzählten jedem, der es hören wollte, das sei natürlich alles dummer Unsinn, und man soll seine Zeit nützlich investieren, statt alte Schauermärchen aufzuwärmen. Und dann gab es natürlich noch die, die betonten, dass die Legenden um Tzarynathras Geist durchaus wahr seien, was aber überhaupt kein Grund zur Besorgnis sei, da sie formidablerweise im Besitze höchst wirksamer Schutzamulette und Glücksbringers seien, die sie (ausnahmsweise nur heute mit grossem Rabatt) zu verkaufen bereit wären.
Jedenfalls war der Spuk - wenn es denn überhaupt noch einen gegeben hatte - nun endgültig vorbei. Im Klirren von berstendem Eis und unter Wolken aus Staub und Mörtel waren die Steine in sich zusammengekracht, hatten Möbel und Dokumente und vielleicht noch andere letzte Spuren der Regentin unter sich begraben, und kündeten so unter dem Fluchen der Arbeiter, die nun das Chaos beseitigen mussten, vom symbolischen Tod eines ohnehin vergangenen Zeitalters.
Die abergläubischeren unter den Männern, diedenSchuttwegräumenmussten, kauften beim Scharlatan um die Ecke überteuerte Talismane. Sie fürchteten, tatsächlich die Überreste der fast schon mythologischen Tzarynathra zu finden. Ihre Furcht war ebenso unbegründet wie die verkappte Sensationsgier der Schwarzmaler, die das Auffinden eben jener Tzarynathra in den Trümmern vorausgesagt hatten. Falls die sagenumwobenen Hexenherrin jemals in dem Turm gelebt haben sollte – so der breite Tenor derjenigen Bewohner Morols, die keine gelehrten Bücher lasen - dann musste sie ihn schon vor langer Zeit verwaist zurückgelassen haben.
Allgemein war man sich aber einig, dass man grosses Glück gehabt hatte. Nicht einmal das alte Wirtshaus, das unmittelbar neben dem Turm gestanden hatte, war ernsthaft beschädigt worden, und der Wirt verdiente sich eine goldene Nase, weil er zwei Wochen lang fünf mal so viele Gäste hatte wie sonst. Schliesslich mussten sowohl die braven Männer, die all den ganzen Schutt beseitigten, als auch die ganzen Verrückten, die eben jenen Schutt noch einmal auf der Suche nach alten Mysterien durchsuchten, essen und trinken.
Allerdings hatte der Wirt, in der Nacht, in der der Turm eingestürzt war, sehr merkwürdige Gäste gehabt. Die ersten hatten schon an seine Tür geklopft, noch ehe sich der Staub des zusammengebrochenen Turms ganz gesenkt hatte. Obwohl diese Gäste tröpfchenweise zu später Stunde eingetroffen waren und jeweils einzeln ein Quartier begehrt hatten, war durch ihre Kleidung, aber vor allem durch ihr Verhalten schnell klar geworden, dass sie zusammen gehörten. Schliesslich waren die seltsamen Vögel auch als Gruppe zusammen aufgebrochen, angeführt von einem fetten kleinen Kerl, der sich wohl für furchtbar wichtig hielt.
Der Wirt hatte mit diesen Gästen einige sehr ungewöhnliche Dinge erlebt. Er war sich dabei nicht einmal ganz sicher, wie viele Mitglieder die Gruppe genau gehabt hatte. Und da er all das nicht für sich behalten konnte, gab es in Morol plötzlich viele neue Schauergeschichten zu erzählen.
Nun, jedenfalls war zwei Wochen später der grösste Teil des Schutts weg geräumt. Das Leben in Morol nahm wieder seinen gewohnten Gang. Der Wirt neben dem Turm bedauerte das alles ein bisschen. Er zog ernsthaft in Erwägung, den Namen seiner Taverne, die bis dato „zum alten Turm“ gelautet hatte, zu ändern. Aber „zum grossen Trümmerhaufen“ hört sich nicht sehr einladend an, darum beliess er es dabei.
Jedenfalls hatten die meisten Bewohner Morols, vor allem die, die nicht in unmittelbarer Umgebung des Turmes gewohnt hatten, der ganzen Sache eher wenig Bedeutung zugemessen. Dafür passierte kurz darauf etwas, was die ganze Stadt in Aufruhr versetzte: Eines schönen, klaren, kalten Morgens standen plötzlich zwanzigtausend Mann bewaffnet vor den Toren.
Im Tal des Zauberers wusste man natürlich nichts von all diesen Dingen, da die Falkin Melinéa einem einstürzenden Turm keine Beachtung schenkte und eine marschierende Armee höchstens dann als wichtig empfand, wenn die besagten zwanzigtausend Mann direkt auf sie zu stapfen würden.
Drei Tage nachdem die Armee vor Morol Stellung bezogen hatte, brach ein kristallklarer Tag an. Der alte Zauberer erwachte mit ungewöhnlich guter Laune, weil ihn zum ersten Mal in diesem Jahr warmes, gelbes Sonnenlicht statt eisiges Morgengrauen geweckt hatte, und seine Gelenke hiessen die Wärme willkommen. Doch als er sich aus seinem Lager erhob und die Füsse in die flauschig grünen Pantoffeln steckte, schlug sein Sinn für das Übernatürliche an.
Etwas war…anders als sonst. Er hinkte zum Fenster und blickte nach draussen. Unwillkürlich wurde sein Blick von dem Hügel angezogen, der nordwärts des Turmes stand.
Schwarzkliff nannten ihn die Menschen im Dorf nebenan, weil er eine sehr ungewöhnliche, schwarze Gesteinsformation aufwies. Sie sah wie eine zerklüftete Geschwulst aus, die aus der bewaldeten Hügelseite hervor brach. Der alte Zauberer hatte sie vor Jahrzehnten aufgesucht und sofort amüsiert festgestellt, dass die Felsformation keineswegs natürlichen, sondern magischen Ursprunges war. Offenbar hatte ein längst verstorbener Zauberer die Lava direkt aus dem Erdkern geholt und sich aus dem dickflüssigen Gestein eine Behausung geformt. Jetzt barg sie zwölf Kammern aus Basalt, die ineinander verschachtelt waren. Sie bohrten sich tief ins Erdinnere und boten damit nicht nur viel Platz, sondern auch ein gutes Versteck. Allerdings war diese Festung seit Jahrhunderten verlassen. Nur der magische Schutz hatte Menschen und Tiere gehindert, einzudringen. Die wenigen Einrichtungsgegenstände waren fast alle zu Staub zerfallen. Eine grosse, flache Feuerschale aus Diamant und ein fleckiger Spiegel an einer Wand hatten die Zeit überdauert. Der alte Zauberer hatte mit einem fast romantischen Lächeln auf den Lippen diese Festung wieder verlassen und den Eingang erneut magisch versiegelt, um den ganz eigenen Zauber dieses so uralten Reliktes zu bewahren.
Jetzt aber wirkte der Schwarzkliffhügel irgendwie ungewöhnlich auf den alten Magier, obwohl er die geheimnisumwitterte Felsformation von seinem Turm aus gar nicht sehen konnte. „Melinéa?“ rief er fragend, doch als kein Falkenschrei als Antwort kam, wurde ihm klar, dass sie ausgeflogen war. Ärgerlich presste er die Lippen zusammen, wobei sich sein weisser Bart sträubte. Er hätte sie zu gern gebeten, nach Norden zu fliegen und sich den Schwarzkliff anzusehen, doch vielleicht würde sie sogar von sich aus den erwünschten Nachrichten nach Hause kommen. Sie hatte ein Gespür für das Ungewöhnliche.
Nachdenklich starrte er auf den Turm, streckte seinen Geist aus und versuchte den ihm abgewandten Schwarzkliff zu erfassen.
Etwas…war dort? Verbarg sich dort? Es war sehr subtil, aber es war ein Hauch von etwas, das dem Zauberer die Nackenhaare aufgestellt hätte, wenn er nicht gleichzeitig deutlich gespürt hätte, dass es doch nichts von Wichtigkeit war. Nichts was ihn etwas anging oder ihn irgendwie touchierte.
Leider merkte er nicht, dass die vermeintliche Bedeutungslosigkeit jenes schwachen, magischen Wisperns Teil des Versteckes war, in das sich jener unbekannte Flüsterer hüllte.
So wandte er sich vom Fenster ab und streifte sich seine Robe über. Das Kleidungsstück aus schwarzem Sammet war einst sehr prunkvoll gewesen, nun war es schon länger abgetragen und zerrissen. Darüber warf er den blauen Mantel mit den ausladenden, goldgesäumten Ärmeln, deren Glanz jedoch schon lange abgesplittert war. So wirkte die Robe des einstigen Hofmagiers wie ein fleckiges Nachthemd mit einem alten Morgenrock darüber. Die flauschigen grünen Pantoffeln trugen das ihrige zu dem Effekt bei.
Da er wie üblich keine Lust hatte, die über fünf Stockwerke führende Wendeltreppe in der Mitte des Turmes hinunterzusteigen, deutete er mit seinem Zauberstab auf sein Kissen und liess es auf Hüfthöhe schweben. Er setzte sich darauf, um so in einer gemächlichen Spirale über den Treppenstufen hinunter in die Küche zu schweben. Von dort duftete ihm der Geruch von frischem Brot entgegen und bezeugte, das zumindest Urg sehr früh aufgewacht sein musste.
Während der alte Zauberer ins Erdgeschoss seines Turms hinabschwebte, beschloss er etwas vage, seine beiden Lehrlinge auf den Schwarzkliff und allfällige Besonderheiten anzusprechen. Das Flüstern wollte ihm trotz seiner offensichtlichen Bedeutungslosigkeit keine Ruhe lassen.
Er kam in dem grossen, steinernen Raum an, der die Vordertür seines Turmes, den Fuss der Wendeltreppe und die Küche miteinander verband. Er glitt von seinem Kissen, um zu Fuss und schwer auf seinen Stab gestützt in die Küche zu schlurfen, da ihm dies für einen altehrwürdigen Zauberer angemessener schien als so flapsig zum Frühstück zu fliegen.
Als er die Küche betrat, scholl ihm ein schrilles Kreischen entgegen. Er brauchte nicht nach der Quelle des Lärms zu suchen, denn sofort sah er die verletzte Ente, die auf dem Küchentisch lag und ihn wehleidig anplärrte. Nymur, der mit dem Rücken zum Eingang gesessen hatte, schreckte hoch. Offenbar hatte er dem verwundeten Vogel seine Finger zum Ablecken hingehalten, nachdem er sie in die Milchschale vor ihm getaucht hatte.
Der alte Zauberer beachtete ihn gar nicht. „Urg“, schnauzte er, und als der Riese sich nicht meldete, schimpfte er lauter: „Urg, verflucht, warum schleppst du mir immer diese Viecher an?“
Hinter ihm kam der Hüne schnaubend mit Verbandszeug in den Händen an gestapft. Als er den alten Magier mit wütend vorgerecktem Bart sah, liess er beinahe eine Verbandsrolle fallen und schnappte heftig und mehrfach nach Luft, als würde er keine Worte kennen, die er stammeln konnte.
Zornig schnaubend wandte sich der Meister von ihm ab, ging – den jämmerlich quakenden Erpel demonstrativ ignorierend – zum offenen Kamin und lugte in die Kessel, die über dem Feuer hingen. Die Milch blubberte heftig und hätte wohl längst überschäumt, wenn sie der verzauberte Topf nicht daran gehindert hatte, und an der Oberfläche des Haferschleims bildeten sich grosse Blasen, die – nach Speck und Käse duftend – träge aufplatzten.
Der alte Zauberer griff sich eine tiefe Schale. Er beförderte eine Portion Haferschleim mit einem Schlenker seines Zauberstabs durch die Luft in das Behältnis hinein und steckte den langen Nagel seines kleinen Fingers in die dampfend heisse Masse, um sich denselben sogleich goutierend in den Mund zu stecken. Erfreut stellte er fest, das Urg eine anständige Menge an Knoblauch verwendet hatte. So war er schon ein wenig besänftigt, als er sich zu dem Riesen und der mitleiderregend quakenden Ente umwandte.
Urg tupfte behutsam die tiefen Bisswunden am Hinterleib des Vogels ab, die wohl von einem Fuchs stammen mochten.
„Warum bringst du immer verwundete Tiere mit nach Hause?“, sprach er den konzentriert arbeitenden Hünen barsch an.
Urg wandte sich mit grossen Augen an den Alten. „Meine Heilzauber sind nicht so gut wie eure“, sagte er leise, und dann, mutiger und lauter: „Ausserdem ist er fast noch ein Baby.“
Der alte Zauberer blickte erst äusserst missmutig auf den Erpel hinab, dann wütend zu Urg auf.
„Es ist tiefer Winter, Urg! Um diese Jahreszeit gibt es keine jungen Enten, und diese hier“, er fuchtelte mit ausgestrecktem Zeigefinger in Richtung des wehleidig quakenden Erpels, während er sich in Rage redete, „ist nicht einmal ein Jungtier. Er ist viereinhalb Jahre alt und schleppt mir Wasserflöhe und Läuse und Bandwürmer und Tollwut ins Haus.“
Urg duckte sich unter dem Zorn seines Meisters. „Ich mache sauber, ich mache alles sauber sobald-”
„Sobald er in eine Ecke scheisst oder mit dreckigen Flossen über meine Bücher rennt, ja?“, fiel ihm der Alte schimpfend ins Wort. Mit einer herrischen Geste zur Tür hin schnappte er: „Sobald das Vieh wieder laufen kann, setzt du es vor die Tür!“ Urg beobachtete stumm, wie sich die gesträubten weissen Haare auf des Meisters Kinn langsam zu kräuseln begannen und entschied sich wohlweislich dazu, es bei einem betroffenen Nicken zu belassen.
„Und du“, fuhr der Alte nun Nymur an, der bisher stumm in sich hineingelacht hatte, „hättest ihm helfen können, statt dem Vieh einfach nur Milch zum Schlabbern zu geben!“ Nymur spannte sich einen Moment lang unter dem Tadel, dann setzte er eine trotzige und zugleich einschmeichelnde Miene auf. „Wie Urg gesagt hat, sind eure Heilzauber die besten.“
„Du bist dir nur zu schade, dir die Hände schmutzig zu machen!“, polterte der Zauberer, und sah an dem betroffenen Zucken in Nymurs Blick, dass er den Nagel auf den Kopf getroffen hatte. Was der alte Magier ohne grosse Mühe mit einigen Schlenkern seines Stabes erledigen konnte, musste Nymur in mühseliger Fingerarbeit mit magischem Werkzeug erledigen. Und der Junge hasste es, wenn er Dreck oder gar Blut an den Händen hatte.
Mit dem Hauch eines amüsierten Lächelns hinter der empörten Miene beobachtete der Alte, wie sich Nymur angeekelt über die Wunden beugte.
Wie viele junge Magier, die das Zaubern mit einem Stab noch nicht beherrschten, trug er an den Zeige-, Mittel-, und Ringfingern beider Hände schmale Ringe aus Kupfer und Silber. Alle wurden von einem grossen Stein gekrönt.
Leicht würgend tastete er die Verletzung ab, drehte den einen oder anderen Ring mit dem Stein nach unten und presste den jeweiligen Finger auf eine wunde Stelle. Ganz offenbar war er wütend darüber, dass er sein edles Werkzeug mit etwas so profanem wie Entenblut beschmutzen musste. Derwail wippte Urg nervös auf und ab und wedelte mit den Händen. Er beobachtete die Szenerie wie eine Henne, deren Küken mit knapper Müh und Not dem Habicht entgeht.
Plötzlich fiel dem alten Zauberer wieder ein, dass er seine beiden Lehrlinge auf dem Schwarzkliff hatte ansprechen wollen. So fragte er, in einem provokanten Ton, um die eigenen Fragen zu verbergen: „Ist euch heute morgen eigentlich nichts Sonderbares aufgefallen?“
Nymur hob nur kurz irritiert den Blick und schüttelte den Kopf, um sich wieder dem verletzten Tier zu widmen. Urg hingegen blickte den Meister lange und nachdenklich an. Der Alte begriff, dass der Hühne durchaus etwas zu sagen hatte, es aber nicht in Worte fassen zu wagte. So blickte er den einfältigen Riesen freundlich und auffordernd an.
„Es summt und flüstert im Schwarzkliff. Im Felsen drinnen flüstert etwas.“
Nymur sah ihn verblüfft an.
„Im Schwarzkliff?“, echote der Junge schliesslich leicht abfällig. „Meinst du nicht eher, beim oder auf dem Schwarzkliff? Niemand kriecht in ein Felsstück hinein, um dir magisch zuzuflüstern.“
Der Alte nickte leicht. „Ich habe dasselbe gehört. Und was ihr beide nicht wissen könnt: Der Schwarzkliff ist keine normale Gesteinsformation. Er ist hohl, und er hat vor Äonen einem Magier eine Behausung geboten.“
Urg nickte bedächtig in Nymurs Richtung, als müsse er es diesem noch einmal erklären. „Im Schwarzkliff.“ Er betonte das erste Wort übermässig. „Die Worte kommen aus dem Innern des Hügels, aber nicht so tief aus der Erde wie das Atmen.“
„Das Atmen?“ rief der Zauberer, plötzlich hochgradig alarmiert, „was für ein ‚Atmen’?“
Urg blickte den Alten völlig verdattert an. „Das Atmen, das schon immer da war. Seit dem Tag, als ihr mich in eurem Turm aufnahmt.“
„Und du sagst, dass du aus dieser Richtung schon seit jeher Atemzüge gehört hast?“
Urg nickte, offenbar verwirrt und stolz zugleich, dass er von etwas wusste, das selbst des Meisters Aufmerksamkeit entgangen war.
„Was für ein Atmen?“ wollte Nymur jetzt neugierig wissen. „Bist du sicher, dass du nicht nur den Wind gehört hast, der um die zerklüfteten Felsen pfeift?“
Urg schüttelte sehr bestimmt seinen massigen Kopf. „Da atmet etwas,“ sagte er mit einem leicht sturen Klang in der Stimme, „ein sehr grosses Tier. Aber es atmet sehr langsam. Ich glaube, es ist sehr alt.“
Nymur und der Zauberer tauschten einen bezeichnenden Blick. Gerade weil Urgs kognitive Fähigkeiten eher beschränkt war, nahm er teilweise viel, viel mehr wahr als Menschen oder Zauberer, da seine Empfindungen nicht vom ständigen Geplapper des Verstandes irritiert wurden.
„Und du hast nichts bemerkt?“, fragte der Alte Nymur, doch dieser schüttelte den Kopf. „Weder ein Flüstern noch das Atmen eines unterirdischen Riesen.
Nur eine schreiende Ente, die heute Morgen blutend auf dem Küchentisch lag.“ Und mit diesen Worten wandte er sich wieder seinem Patienten zu, der nun schon viel ruhiger vor ihm lag. Offenbar hatte der Vogel begriffen, das ihm geholfen wurde.
Der Zauberer wandte sich wieder an Urg. „Warum hast du nie darüber gesprochen? Über diese Atem-Geräusche, meine ich.“
Urg zuckte die Schultern. „Ihr habt nie gefragt. Ausserdem dachte ich, ihr würdet es wissen.“ Mit grossen, unschuldigen Kinderaugen blickte er seinen Meister an. „Ihr wisst doch sonst immer alles.“
Der Alte wandte sich schnaubend ab. Er hatte nie irgend eine Form von Atemgeräuschen vernommen. Vor allem schien es ihm sehr unwahrscheinlich, dass irgend ein riesiges Wesen tief in den Eingeweiden der Erde lag und unbemerkt vor sich hin lebte, seine Existenz nur einem Einfältigen wie Urg durch tiefe Atemzüge offenbarend.
Urg, der offenbar im Gedankenstrom des Meisters mit gedümpelt war, sagte plötzlich: „vielleicht ist es ein Drache.“
Nymur gab ein spöttisches Schnauben von sich.
Der Zauberer jedoch antwortete mit dem Tonfall eines geduldigen, aber mittlerweile etwas genervten Lehrers: „Urg, Drachen, die tief unter der Erde in einer Höhle ihre Schätze horten gibt es nur in alten Legenden. Drachen leben hoch oben im Gebirge, wo sie wie Adler ihre Horste bauen. Sie kriechen nicht in die Erde, und ganz bestimmt bleiben sie nicht jahrelang irgendwo liegen und atmen still und leise vor sich hin.
Der Hüne zuckte wieder die Schultern. Er war es gewohnt, mit seinen Äusserungen auf Unverständnis zu stossen. „Irgend etwas atmet da.“ Sagte er in einem Tonfall, als wäre das Thema somit für ihn erledigt.
Der Zauberer wandte sich ab. Er würde sich heute noch den Schwarzkliff genau ansehen, soviel stand für ihn fest. Plötzlich fiel ihm etwas ein, und er wirbelte zu dem Tisch herum.
„Ihr zwei geht doch morgen Abend nach Burkfurt, oder? Da ist doch dieses Fest?“
Urg blickte verwirrt, doch Nymur strahlte ihn an. „Wir dürfen?“ fragte er hoch erfreut und wie zur Bestätigung, denn er hatte den Meister vor Tagen gefragt und noch keine Antwort erhalten.
„Ja, ja“, knurrte der Alte unwillig, der sich angesichts Nymurs Reaktion eben daran erinnert hatte, dass er den Jungen hatte auf die Antwort warten lassen wollen (um ihn Geduld und auch etwas Demut zu lehren, denn er hatte die Erlaubnis, zu dem Fest zu gehen, doch recht frech eingefordert), dann aber vergessen, den beiden die ersehnte Zustimmung zu geben.
„Nun, wenn ihr in Burkfurt seid, dann besäuft euch nicht, sondern hört euch ein wenig um. Ob jemand etwas über den Schwarzkliff weiss, etwas gesehen oder gehört habt.“
Nun blickte er Nymur direkt an, da Urg allein damit sowieso überfordert gewesen wäre.
„Wenn ihr auf dem Fest seid, setzt euch zu einer Gruppe freudiger, redseliger Betrunkener. Erzähl wie ihr auf dem Weg hierhin an dieser auffälligen schwarzen Felsformation vorbeigekommen seid. Sprich begeistert davon, als ob du noch nie so ein Naturwunder gesehen hättest. Es wird sich bestimmt irgend ein Säufer finden, der dir freudig alles, was es über den Schwarzkliff zu tratschen gibt, erzählt. Die Leute lieben es, wenn man Dinge aus ihrer Heimat bewundert.
Und wenn es keinen Anlass zur Begeisterung für den Schwarzkliff gibt, dann wird man dich einen Naivling schimpfen und dich eines besseren belehren wollen. Gib keine Wiederworte, hör zu, und lass die Leute reden.“ Er blickte Nymur streng an. „Brich keinen Streit vom Zaun, nur weil du das Gerede des Anderen für Unsinn hälst. Je mehr sich das, was sie sagen, nach Unsinn anhört, desto mehr deutet es auf etwas hin, was mit Zauberei zu tun haben könnte. Diese Leute wissen sehr wenig Wahres von Magie, und was sie davon zu Gesicht bekommen, interpretieren sie auf ihre Art. Hör einfach nur zu und berichte mir, was sie gesagt haben. Und du“, er wandte sich an Urg, „erzählst nichts von irgendwelchen Geräuschen aus dem Schwarzkliff, sei es ein Flüstern oder ein Atmen. Und du redest auch nicht von Drachen.“ Mit steifem Rücken nickend nahm der Hüne den Befehl entgegen. Nymur jedoch blickte den Zauberer nachdenklich an, während dieser mit dem Zauberstab in Richtung des Topfs über dem Feuer wedelte, worauf ein Brocken Grütze heraus geschwebt kam und zielsicher im Schüsselchen des Zauberers landete.
So sassen sie eine Weile stumm am Frühstückstisch. Das einzige Geräusch waren die zaghaften Laute des Erpels.
Als der Zauberer dann wieder zu sprechen anhob, tat er so, als wäre das Gespräch niemals abgeebt:
„Ausserdem hat mir immer noch keiner gesagt, wer von euch beiden zu den Elfen geht.“
Urg und Nymur hoben ihre Köpfe. Sie waren völlig ahnungslos, wovon der Meister redete, doch der Alte schien alles gesagt zu haben. „Elfen?“ wiederholte Urg fast schüchtern.
„Vergisst du denn alles?“, brauste der Alte auf. „ Ich sagte dir doch, dass ich ständig neuen Staub brauche. Hört mir denn keiner zu?“ Schmollend schnaubend widmete er sich seiner Grütze, doch er spürte, wie seine Lehrlinge ihn nach wie vor anstarrte. „Ich gehe nicht zu diesen wild gewordenen Furien in den Wald. Die respektieren nichts und niemanden, und sie sind eine Zumutung für jedes Vieh, dass in diesem Wald lebt. Ich hätte sie schon vor Jahren ausräuchern sollen, als ich noch gekonnt hätte. Jetzt haben sie sich häuslich in meinem Wald niedergelassen und nur die Götter wissen, was sie ständig aushecken.“ Erbost patschte er in seiner Schüssel herum, als wolle er sein Morgenessen für die Untaten der Elfen bestrafen.
Nymur und Urg tauschten einen schnellen Blick. Sie fragten sich seit Jahren, warum der alte Zauberer immer so schlecht auf die Elfen zu sprechen war. Dieser leitete bereits den Themenwechsel ein, indem er fortfuhr. „Nehmt genügend Honig mit, ich brauche auf jeden Fall drei Gläser mit Elfenstaub. Sie geben ihn kaum heraus, aber ich weiss, dass sie auf dem Zeug hocken. Wer ausser mir sollte denn überhaupt ihren Kram haben wollen?
Urg nickte nur. Nymur jedoch hatte aufgehorcht, da der Meister seine Anweisungen im Plural erteilt hatte „Heisst das, ich darf endlich mal mit?“
„Ja, ja”, brummte der Alte kurz angebunden, weil er das Thema beenden wollte. Nymur aber strahlte. Es war ihm noch nie gestattet gewesen Urg zu begleiten, wenn dieser zu den Elfen ging. Diese Geschöpfe waren scheu und nur zu gern bereit, angriffslustig zu reagieren, wenn Menschen in ihr verborgenes Dörfchen platzten. Nun hatte ihm der Zauberer den Besuch sozusagen unabsichtlich erlaubt. Er hatte gedankenlos in seinem Ärger daher geredet und konnte jetzt nicht mehr zurück krebsen, da er sonst sein Gesicht vollends verloren hätte.
Mit stummer Freude beobachtete Nymur, wie sich sein Meister höchst würdevoll wieder seinem Morgenessen widmete.
Der alte Zauberer verlor nicht viel Zeit. Kaum dass er mit dem Frühstück fertig war, schwebte er auf seinem Kissen hinauf in die Spitze seines Turmes, wo er sich sein Observatorium eingerichtet hatte. Allerdings interessierten ihn Gestirne und Teleskope im Moment herzlich wenig. Das ominöse Zupfen an seinen Gedanken, das irgendwie mit dem Schwarzkliff zusammen hing, liess ihm keine Ruhe. So schien es ihm das Naheliegendste, sich bei der verlassenen Festung umzusehen. Also verwandelte er sich in einen grossen Geier, da diese Kreaturen in der Regel von andern Vögeln in Ruhe gelassen wurden (und da er es nicht nur Angesichts seines Alters für weit unter seiner Würde hielt, sich mit den aufschneiderischen Vertretern der ortsansässigen Rabengemeinde zu zanken oder den furchtbar schnell brüskierten Habichten zu erklären, dass er weder an den Feldmäusen noch an ihren Weibchen interessiert war, hatte sich die Gestalt eines so grossen Vogels schon oft bewährt. Zumal der Geier – wie er selbst – ein bisschen streng roch und sich kaum ein Vogel die Mühe machte, hinter die Maske der aufgesetzten Schrulligkeit zu schauen).
So flog der grosse Geier gen Norden. Er wäre durchaus ein erhabener Anblick gewesen mit der gut mannslangen Flügelspannbreite und dem stark gebogenen Schnabel, hätte nicht jeder in ihm einen Aasfresser erkannt. Wäre er statt nach Norden nach Süden geflogen, so hätte ihn wohl buchstäblich der Schlag getroffen (was hoch oben in der Luft noch ungesünder ist als unter normalen Umständen). Dann hätte er nämlich nicht nur das Heer gesehen, das weiterhin vor Morol lagerte, sondern auch die kleine Splittergruppe an Soldaten, die sich nordwärts bewegten und mit etwas begonnen hatten, was allen Protagonisten und Antagonisten dieser Geschichte kurze Zeit später einiges an Ärger einbrocken würde.
Der Stein des Anstosses lag darin, dass diese Soldaten den Auftrag bekommen hatten, mit dem Bau einer Strasse zu beginnen. Das hügelige Land zwischen Morol und dem Tal des Zauberers war eine einsame, zurückgebliebenen Gegend. Die wenigen Warentransporte, die in dieser Gegend überhaupt vonstatten gingen, wurden alle auf den Wasserwegen getätigt. Nun hatte der Anführer der knapp zwanzigtausend Mann - die seine Position mit den Verhandlungen des Morol'schen Stadtrats erheblich stärkten - aber beschlossen, dass er seine Soldaten lieber in gerader Linie marschieren liess als sie über mäandrierende Flüsse zu schiffen. Und was der Anführer beschloss, das hatte umgesetzt zu werden.
Das alles wäre noch nichts gewesen, was den Hauptmann, dem diese kleine Splittergruppe an strassenbauend en Soldaten unterstanden,Ungemachbereitet hätte. Befehle dieser Art hatte er schon mehrfach erhalten und, da er seinen Kopf auf den Schultern behalten wollte, auch immer gehorsam ausgeführt. Was ihm hingegen Ungemach bereitete, war die Hilfe, die ihm bei dem Strassenbau zukam. Auch wenn er zugeben musste, dass sich Strassen um einiges schneller bauten, wenn ihm einige Zauberer zur Hand gingen.
Trotzdem, die ganze Sache behagte ihm nicht. Dies lag zum einen an dem Umstand, dass die Zauberer nicht direkt seinem Befehl unterstanden, sondern ihren eigenen Anführer hatten, und zum andern konnte der Hauptmann diesen Magier nicht ausstehen. Abgesehen von dieser Störung der militärischen Hierarchie stiess dem Hauptmann noch etwas anderes an dem Anführer der Zauberer sauer auf: Sein Reittier. Es war eindeutig keine Kreatur, auf die sich ein geistig gesunder Mensch freiwillig gesetzt hätte. Und das nicht nur, weil es offensichtlich ein gefährlicher Fleischfresser war. Das Vieh (in den Augen des Hauptmanns hatte das Wesen den Begriff „Tier“ nicht verdient, ganz zu schweigen von „Pferd“) hatte vier Beine, schwarzes, flauschiges Fell und einen pferdeartigen Kopf. Damit hörte die Ähnlichkeit zu allem, worauf vernünftige Menschen zu reiten pflegten, auch schon auf. Die zu kurz geratenen Hufe bildeten eine Art Abdeckung für die Krallen, die aus seinen Fussballen sprossen. Die nach hinten einknickenden Vorderbeine taten zusammen mit dem langen Echsenschwanz ihr Übriges, um dem Ding einen schlängelnden Gang zu verleihen. Auf der Stirn, genau dort, wo bei einem Einhorn das Horn sass, wucherte ein knöcherner Buckel, der den Beginn einer langen Kette von Hörnern bildete, die der Kreatur auf dem Rückgrat wuchsen, wobei sie dem Nacken entlang immer flacher und kürzer wurden (als ob sie jemand dafür konzipiert hätte, Platz für einen Sattel zum machen). Auf dem Hinterteil des Tiers gewannen sie indes wieder an Länge und Spitze, um schliesslich dem schwarzbepelzten Schlangenschwanz eine hornige Gefährlichkeit zu verleihen. Zu allem Überfluss hatte das Wesen die langen, spitzen Zähne eines Karnivoren, grellgrün leuchtende Augen, und manchmal schien Rauch aus seinen Nüstern zu quellen. Manche der Soldaten behaupteten, das Tier könne Feuer spucken und fliegen, doch das wollte der Hauptmann einfach nicht glauben. Die Erinnerung daran, wie das Vieh einmal einen Troll erlegt und dann gefressen hatte, waren schlimm genug.
Im Moment war dieses Wesen, das gut anderthalb mal so gross war wie ein grosser Hengst, ziemlich ruhig. Es trabte – nein, verbesserte sich der Hauptmann – schlängelte hinter den Zauberern her, die alle den Anstand hatten, auf normalen Pferden zu reiten. An seinem Sattel war ein starkes Seil befestigt, das steil in die Höhe führte und an einem schwarzen fliegenden Teppich angeknüpft war. Auf diesem war seinerseits eine Art schwarzer Baldachin aufgebaut worden. Auf dem Teppich lag der Anführer der Zauberer und schlief. Das war eine weitere Widernatürlichkeit, die dem Hauptmann sauer aufstiess: militärische Anführer hatten nicht am hellheiteren Tag zu schlafen! Und schon gar nicht auf einem fliegenden Teppich!
Grimmig wandte er den Blick von seiner schlafenden Konkurrenz ab und starrte missmutig auf ein junges Mädchen. Es wehrt sich gerade kichernd gegen die Versuche eines Jungen in ihrem Alter, ihr einen Weinschlauch aus den Händen zu reissen.
Das war eine weiteres Ärgernis, dass die Laune des grimmen Hauptmanns trübte. Diese Gruppe aus Zauberern bestand knapp zur Hälfte aus Frauen, und einige davon hatten sogar noch ihre Kinder dabei. Im Weltbild des Hauptmanns gab es in einer Armee für Frauen genau nur einen Platz, und zwar in den rotbespannten Wagen, die zusammen mit den Vorräten hinter den Soldaten herwackelten und seinen Männern am Abend Zerstreuung und Amüsement boten.
Missmutig beobachtete er, wie das junge Mädchen zu einer kreischenden Flucht ansetzte, den Weinschlauch von sich gestreckt, die rotblonden Zapfenzieherlocken hinter sich hertanzend, während sie nur halbherzig versuchte, dem Jungen zu entkommen. Schliesslich liess sie sich einfangen und immer noch giggelnd und quietschend in eine Umarmung zerren. Der Hauptmann wandte den Blick ab, als die jungen Liebenden ihre Aufmerksamkeit vom Weinschlauch auf einander verlagerten und sich inbrünstig zu küssen begannen.
Das Ganze, so schloss er, war einfach wider die Natur. Wenn Soldaten eine Strasse bauten, dann wurde geflucht, geschwitzt, gegraben und planiert. Man wedelte nicht einfach mit einem Zauberstab, um eine breite Furche in den Boden zu sprengen. Und dann stand man nicht süffisant daneben und sah zu, wie sich eine schwer arbeitende Truppe damit abplagte, den Graben mit Kies zu füllen und Pflastersteine zu verlegen.
Wenn schon - so sinnierte der Hauptmann - dann hätte man seine braven Männer mit ein, zwei Zauberern (wohlgemerkt männlichen) unterstützen können, statt sie von einer Truppe aus fünfzig Hexen und Magiern begleiten zu lassen, von denen höchstens drei anständig arbeiteten, während der Rest herumstand, schwatzte, soff oder dummen, unnatürlichen Blödsinn veranstaltete.
So dachterder Hauptmann grantig noch über die Missstände magischer Kriegsführung nach und regte sich auf, weil keiner seiner Vorgesetzten die Courage hatte, den verdammten Magiern zu erklären, dass das hier kein spassiges kleines Abenteuer war. Plötzlich machte sein Pferd einen erschreckten Satz und stiess ein schrilles Wiehern aus. Der Hauptmann, der sich gerade noch auf dem Rücken seines Tiers halten konnte, schnellte herum und sah einen Pfeil in der Hinterbacke seines Pferdes stecken. Im selben Moment schossen weitere Pfeile auf ihn zu.
„Deckung“, brüllte er und riss sich den Schild vom Rücken. Doch auch die anderen – Menschen wie Magier – waren der Attacke gewahr geworden. Schilde wurden in die Höhe gerissen und Barrieren aus flirrender Energie manifestierten sich. Einige Schreie erklangen, doch die meisten Pfeile blieben im Holz stecken oder verdampften, als sie die Schutzschilde der Zauberer tangierten. Nach einem Moment kollektiver Verwirrung zeigte sich, dass man die Magier doch zu etwas gebrauchen konnte: Ein breiter Ring, der sämtliche Soldaten miteinschloss, wucherte in die Höhe und gewann dabei an einer Art Pseudo-Konsistenz, bis die ganze Truppe von etwas umschlossen war, dass ein bisschen fester als purpurnes Licht zu sein schien.
Fluchend senkte der Hauptmann seinen Schild und sah sich um. Die meisten seiner Soldaten spähten vorsichtig hinter ihrer Deckung hervor, während die Zauberer offenbar glaubten, Herren der Lage zu sein. Einige schienen zwar nach wie vor damit beschäftigt, die purpurne Wand aus Energie in die Höhe wachsen zu lassen oder sie zu verdicken, doch hie und da machte sich schon das erste, nervöse Lachen breit, als das magische Pack realisierte, dass keiner von ihrer Sippe getroffen worden waren. Das schwarze Monstrum, das den fliegenden Teppich zog, hatte nervös zu tänzeln begonnen und bleckte die langen Zähne. Sein Schwanz peitschte wie der einer wütenden Katze hin und her, und streifte einen der Soldaten, der die Pfeilattacke unverletzt überstanden hatte, mit seinen Hörnern. Der Mann brach schreiend zusammen und offenbarte blutige Risse in der Rückenplatte seines Harnischs. Eine der Hexen trat vorsichtig zu dem Tier heran und begann, leise auf die Kreatur einzureden, worauf sie sich etwas zu beruhigen schien. Der Hauptmann schluckte seine Wut herunter und stieg von seinem Pferd, um sich die Pfeilwunde anzusehen. „Braucht ihr Hilfe?“ Der Hauptmann drehte sich nach der Stimme um und bemerkte eine sehr alte Hexe, die neben ihn getreten war und sich den Pfeil, der immer noch im Hintern seines Pferdes stak, ansah.
„Nein“, raunzte der Hauptmann, „Das ist nicht das erste Mal, dass mein Streitross von einem Pfeil-“
„Papperlapapp“, wischte die Alte seine Worte beiseite, legte dem verstörten Pferd eine Hand auf die Flanke und berührte mit der anderen den Pfeil, der sich in Qualm verwandelte und nur eine kleine Wunde zurück liess. Während der Hauptmann einiges an wütenden Zurechtweisungen hinunter schluckte, wühlte die Greisin in der tiefen Tasche ihrer karierten Schürze, zog ein Töpfchen mit Salbe heraus und drückte es dem Hauptmann in die Hände.
„Streicht das auf die Wunde, und heute Abend gleich nochmal.“ Sie wandte sich ab um fort zu wackeln, drehte sich dann aber nochmal um und meinte Augenzwinkernd: „Ihr könnt die Salbe behalten. Sie heilt nicht nur vorzüglich Wunden, sondern ist auch ein hervorragender Köder für tortunklige Pfrimurpf-Schmetterlinge.“
Der Hauptmann klappte wütend den Mund auf, um zu erklären, dass er weitaus besseres zu tun habe, als Schmetterlinge zu jagen, doch die Alte hatte ihm schon wieder den Rücken zugekehrt und legte nun die Frechheit an den Tag, zu ihresgleichen zurück zu dackeln.
Wütend blickte sich der Hauptmann um. Noch immer segelten einzelne Pfeile auf die Barriere zu, die die Zauberer errichtet hatten, und verdampften, sobald sie in die purpurne Energie schnitten. Neben ihm landete ein Falke auf dem Boden. Noch ehe der Hauptmann begriff, was er da sah, verwandelte sich der Vogel in eine Frau mit langem, kastanienbraunen Haar.
„Ich hab mir die Angreifer angesehen“, begann sie ohne Umschweife, „sie sind uns an Zahl massiv überlegen.“
Der Hauptmann klappte den Kiefer hoch, der ihm heruntergefallen war, als sich der Falke verwandelt hatte. Dann endlich begann sein Verstand wieder zu arbeiten.
„Was wisst ihr sonst noch? Warum greifen die uns an? Wer sind die überhaupt?“
Die Frau zuckte die Achseln.
„Allem Anschein nach gehören sie zu den Hinterwäldlern, die hier überall leben.“
Und als der Hauptmann sie nur weiter anstierte, fügte sie hinzu: „Sie tragen ähnliche Kleider wie die beiden, die uns gestern den ganzen Nachmittag lang beobachtet haben. Ihr wisst schon, grob gewebte Hosen, Pelze über den Schultern und so...“
„Man hat uns beobachtet?“
Jetzt war es die Zauberin, die den Hauptmann verdutzt anstarrte.
„Habt ihr Sterblichen das denn nicht bemerkt? Die Leute, die hier in dieser Gegend leben, sind nicht so stumpfsinnig, dass sie nicht bemerken, wenn jemand eine Strasse durch ihre Täler baut. Und offenbar“, ihre Stimme wurde etwas flapsig, “mögen sie keine Strassen.“
Nun hatte das aus den Fugen geratene Weltbild des Hauptmanns endlich wieder etwas vertrautes, wonach es sich orientieren konnte. Einheimische, die ihm und seinen Männern das Leben schwer machten, während er doch nichts weiter tat, als seinen Befehlen nachzukommen. Das war etwas, was er schon oft genug erlebt hatte.
Also begann er, Befehle zu brüllen, um ein gut geschütztes Lager aufbauen zu lassen. Die Zauberin mit dem kastanienbraunen Haar beobachtete ihn einen Moment lang nachdenklich, dann fragte sie, was der Zweck seiner Befehle sei.
„Wir werden uns hier verschanzen und die Stellung halten, bis der Rest der Armee hier eingetroffen ist!“, erklärte er ruppig. Dann kam ihm ein schlauer Gedanke: „Könnt ihr euch nicht in einen Vogel verwandeln und zurück nach Morol fliegen, um Bericht zu erstatten? Vermutlich schickt man uns schneller Verstärkung, wenn man von unseren Schwierigkeiten hört. Und da die Strasse bis hierhin ja schon gebaut ist, werden die Truppen morgen oder übermorgen hier sein.“
