Keiner bleibt zurück - Michèle Minelli - E-Book

Keiner bleibt zurück E-Book

Michèle Minelli

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Beschreibung

Samuele, Liv, Finn und alle anderen – dreizehn Jugendliche, ein entscheidendes Schuljahr und jede Menge Druck: Das Thema Berufswahl stürzt sie in Selbstzweifel und Angst. Angst, den Erwartungen der Eltern oder den eigenen Ansprüchen nicht gerecht zu werden, Angst zu scheitern. Ihr Lehrer versucht zu helfen, aber am Ende kommt es auf sie selbst an und auf die Freundschaft, die sie miteinander verbindet. Sie lachen, sie streiten, sie stützen sich, wenn alles um sie herum zu zerbrechen droht. Und gemeinsam stellen sie sich der Frage: Was will ich wirklich?

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EPUB
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Seitenzahl: 267

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Diese Publikation wurde unterstützt vom Kanton Thurgau

ISBN 978-3-7026-6002-4

eISBN 978-3-7026-6003-1

1. Auflage 2025

© 2025 Verlag Jungbrunnen Wien

Verlag Jungbrunnen GmbH, Rauhensteingasse 5, 1010 Wien, Österreich

www.jungbrunnen.co.at, [email protected]

ab 12 Jahren

Umschlaggestaltung: Suse Kopp, www.susekopp.com

Alle Rechte vorbehalten – printed in Europe

Druck und Bindung: Florjančič, Maribor

Wir legen Wert auf nachhaltige Produktion unserer Bücher und arbeiten lokal und umweltverträglich: Unsere Produkte werden nach höchsten Umweltstandards gedruckt und gebunden. Wir verwenden ausschließlich schadstofffreie Druckfarben und zertifizierte Papiere.

Michèle Minelli

Keiner bleibt zurück

Jungbrunnen

Für alle, die auf der Suche sind und für Dich

Michèle Minelli

wurde 1968 in Zürich geboren und arbeitete zuerst als Filmschaffende, später als freie Schriftstellerin. Sie schreibt Romane und Sachbücher und probiert gerne verschiedene Textformen aus. Mit vierzig absolvierte sie das Eidgenössische Diplom als Ausbildungsleiterin und unterrichtet seither regelmäßig „Kreatives Schreiben“ und andere Themen in literarischen Lehrgängen.

Inhalt

BLICK ZURÜCK

Finn Aicher

ACHTES SCHULJAHR

Tekkie Lax

Elodie Faber

Samuele Rossi

NEUNTES SCHULJAHR

Léannah Hugentobler

Nico Meister

Malin Fink

Eelamaran Nadarajah

Matus Pedersen

Blerta Cara

Flora Hauenstein

Dennis Seebacher

Liv Angerer

Valdet Berisha

HEUTE

Finn Aicher

Danke

Anhang

Glossar

Sieh ab Seite 222 nach, wenn dir ein Wort nicht vertraut ist.

Schreib-Insel: Flash Fiction

Immer schwerer wurde sie, immer dunkler, felsenschwarz pochte sie, bis es für ihn nichts mehr anderes gab als diese Faust, die aus seinem Sack rauswollte.

Finn Aicher

Schreib-Insel: Flash Fiction

Die Eltern, die Tanten, die Onkel, die Trainer sprachen Worte zu ihm, Worte über Taten, die er nie tun würde und nannten ihn einen Helden, der er nie sein würde, und während sie Worte und Taten und künftige Heldentaten besprachen, drehte er seine Runden auf dem Eisplaneten, bis dessen Achse kippte und er über den Ereignishorizont

f

i

e

l

.

.

.

Matus Pedersen

BLICK ZURÜCK

Finn Aicher

Damals hatten wir alle Angst. Angst zu versagen, Angst, das Gesicht zu verlieren, Angst, den Ansprüchen unserer Eltern nicht zu genügen, Angst vor schlechten Noten, Angst, unsere Träume zu verraten, Angst, unsere Freunde zu verlieren, Angst, viel zu schnell erwachsen zu werden und es doch nicht zu sein. Angst, ewig Kind zu bleiben. Angst vor der Berufswahl und vor all dem, was sie mit sich bringt. Angst. Angst Angst Angst Angst. Wir waren in der Sekundarstufe und diese Angst war mit uns, überall. Auf dem Pausenplatz, im Klassenraum, zu Hause und ganz besonders auf dem Weg morgens in die Schule. Sie begleitete uns an jedem Tag und schaute nachts vorbei in unseren Träumen.

Es hatte bereits Ende der sechsten Klasse angefangen, bei dieser ersten Teilung von Spreu und Weizen. Zwei meiner Kumpels gingen ab aufs Gymnasium und ich musste mich neu ohne sie zurechtfinden. Ehrlich, ich war komplett verloren. Sie hatten mich abgehängt, und in mir bildete sich eine Faust. Eine Faust, die stetig wuchs, ausholen wollte. Ich war ein Jahr älter als die meisten, weil ich als Kind die dritte Unterstufe hatte wiederholen müssen, aber das bedeutete nichts. Kurz darauf sind wir umgezogen, von einem Kanton in den anderen oder besser: von einem Schulsystem ins andere – und das überlebt keiner unbeschadet.

Na ja. Die ganze Wahrheit ist, dass ich ein Schisser war. Selbst vor dem Schulweg war mir bang, wir waren ja von der Stadt aufs Land gezogen, in dieses Kaff im Grünen. Ich kam mir so ausgesetzt vor, diese zwei Kilometer auf dem Rad von meinem neuen Zuhause bis zum Schulareal. Neben mir nichts als Wiesen und Felder. Kein anderes Schulkind, das an der Häuserecke auf mich wartete. Überhaupt: keine Häuser und Gassen und Straßen. Nur ich und der Wind sirrend in den Speichen meines Fahrrads.

Ich verstand die Codes nicht. Die Art, wie die Kinder hier miteinander sprachen. Alles war so anders als in der Stadt, wo ich mein Revier kannte. Wusste, wer meine Freunde waren und wer nicht.

Seither sind wir noch einmal umgezogen, aber im selben Ort, von der Wohnung ins Haus, unser Garten angrenzend an Nicos Hof, sozialer Aufstieg. Als meine kleine Schwester zur Welt kam und wir mehr Platz brauchten. Als Papa endlich befördert wurde. Da war ich aber schon eingewöhnt. Hatte meine neuen Freunde. Fand mich zurecht, ganz gut sogar. Ich genoss hier Freiheiten, die ich in der Stadt nie gehabt hätte. Da war man ja dauernd unter Beobachtung von irgendeinem Nachbarn. Hier nicht. Ich hatte meine Kumpels, die ich mochte, kannte die Regeln, alles passte, alles war gut.

Nie hätte ich gedacht, dass ich doch noch einmal in eine solche Schissersituation kommen würde, ausgerechnet in der Oberstufe, wo man zu den Großen gehört.

Nie hätte ich an das gedacht, was danach kam.

Aber das erzähle ich an anderer Stelle.

Dafür brauche ich Zeit.

Klar, wir alle hatten unsere Probleme. Die Pickel im Gesicht. Zu wenig oder zu starkes Haarwachstum. Haare an der falschen Körperstelle. Die Frage nach Nass- oder Trockenrasur. Die Frage nach der korrekten Frisur.

Unsere kleinen und großen Nöte, unsere ureigenen Katastrophen. Und dann: unsere Sackgassen in der Oberstufe. Der Erste, dem der Boden unter den Füßen knackte, war noch nicht einmal ich. Der Erste, der einbrach und versank, war Tekkie. Wir schauten ihm zu und hofften, dass die Hand des Schicksals bei ihm Halt machen, dass sie uns nicht erreichen würde, nie.

Ha. Wir alle sollten noch von ihr gepackt werden. Und wie. Dabei war der Start verheißungsvoll.

Zu Beginn der siebten Klasse, ohne meine ehemaligen Kumpels, hatte ich mir vorgenommen, es Schritt für Schritt anzugehen. Ich konnte ja nicht wissen, wie nötig diese Einstellung einst sein würde. Vielleicht sogar lebensrettend. Aber dazu, wie gesagt, später.

Ein paar meiner neuen Klassenkameraden kannte ich schon, ein paar waren noch fremd für mich. Die kannte ich höchstens vom Sehen. Liv kannte ich, aber wer kannte die nicht mit ihrem imaginierten Freund. Flora, Elodie und Blerta kamen aus meiner vormaligen Parallelklasse, die hatte ich also zumindest schon auf dem Pausenhof erlebt, früher. Mit Matus und Samuele hatte ich in der Mittelstufe Eishockey gespielt. Eelamaran war neu für mich. Und Robert – die arme Sau. Welche Eltern tauften ihren Sohn schon Robert? Robert der Dritte noch dazu. Nachdem sein Großvater und sein Vater so hießen, musste er natürlich auch. Seine Freunde nannten ihn Tekkie, das tat ich dann auch, und ich glaube, er hat mich dankend angelächelt, obwohl wir noch kaum ein Wort miteinander gesprochen hatten, privat.

Ich kam neben Nico zu sitzen, dem Sohn unseres Nachbarn. Lässig platzierten wir unsere Sachen an einem Sechsertisch. Unser Klassenlehrer der Oberstufe, Herr Berisha, hatte unser Zimmer so eingerichtet, dass sich die Klasse auf vier Sechsertische aufteilte. Zudem gab’s eine Bücherbar, ein halbhohes Regal, das den Raum in zwei Teile gliederte. Neben der Bücherbar lockte eine Ecke mit bunten Sitzsäcken, einem Wasserspender und einer stets vollen Früchteschale.

Mit Früchten hatte der Berisha einen Tick. Der war so ein Gesundheitsapostel. An apple a day keeps the doctor away. Bei ihm hatten wir Deutsch, Englisch, Geschichte, Geografie, Werken und Sport. Damit konnte er uns mit jedem Fach beweisen, wie wichtig ein gesundes Leben war. Matus hing an seinen Lippen, für den war damals klar, dass er Profisportler werden wollte und Berishas Ausführungen über einen gesunden Lebensstil gelangten allesamt in Matus’ persönliche Bibel. Wir waren ein Haufen zusammengewürfelter Jungs und Mädchen, Malin zweifelsfrei die Reifste von allen und Léannah, die ebenfalls an unserem Sechsertisch saß, die Stillste. Ich versuchte mich möglichst unauffällig einzufügen. Ich wollte nicht jetzt schon als der Schisser auffallen, und gleichzeitig hatte ich die Hoffnung, in diesen drei Jahren Oberstufe zu dem Menschen zu werden, den ich in mir spürte.

Da war so eine fiebrige Aufbruchstimmung, ich glaube, nicht nur in mir.

Mein Auftreten in dieser neuen Umgebung blieb, wie gesagt, still, möglichst höflich und, so gut es ging, unauffällig. Bis zu dem Tag, an dem mich Berisha zusammen mit Malin zur Klassenleitung ernannte. Aber nicht etwa im Klassenzimmer.

Nein.

Im Sumpf.

*

Und das ging so:

Es war noch im ersten Monat, vielleicht in der dritten oder in der vierten Woche der siebten Klasse, als uns Berisha auftrug, für die Eltern einen Brief mitzunehmen. Wir hätten uns alle am Donnerstag um acht Uhr abends am Eingang des Auenwalds einzufinden. Gutes Schuhwerk und Kleidung, die schmutzig werden darf, stand fett gedruckt auf dem Zettel, den ich meinen Eltern unter die Nase hielt.

„Was hat der denn vor?“, fragte mich mein Vater.

„Keine Ahnung“, sagte ich. „Aber am Freitag müssen wir erst um neun zur Schule. Vermute, es wird dann etwas später am Donnerstag.“

„Ach so. Freiluftsport? Wenn er den Freitagmorgensport ausfallen lässt?“, mutmaßte meine Mutter. Mein Vater verdrehte die Augen, für Experimente hatte er noch nie etwas übriggehabt. Meine Mutter war kurz davor, ihn anzupfeifen, aber sie wurde abgelenkt durch meine kleine Schwester Emilia, die grad voll in der analen Phase steckte. Emilia streckte uns ihre Finger entgegen. Die ließen leider keinen Zweifel.

„Nicht schon wieder!“, rief meine Mutter und packte meine Schwester am Handgelenk. Ich sah zu, wie sie sie ins Badezimmer zerrte. Ich wollte gar nicht wissen, was Emilia diesmal mit ihrem Töpfchen angestellt hatte, und ging auf mein Zimmer.

Dass meine Mutter elf Jahre nach mir noch einmal ein Kind zur Welt gebracht hatte, war nicht mein Problem. Das wenigstens versuchte ich meinen Eltern immer wieder klarzumachen, wenn ihre Blicke bettelnd auf mich fielen, weil sie wieder mal zu spät dran waren, den Babysitter zu organisieren, und sie dringend irgendwohin wollten, in die Paartherapie oder ins Yoga oder in den Schützenverein.

Was ich ihnen nicht sagte, war, dass Emilia für mich auch so etwas wie Heimat bedeutete in diesen ersten Wochen der siebten Klasse. Wenn ich über Mittag nach Hause kam und sie im Vorgarten sah, wie sie kopfüber an der untersten Sprosse des Klettergerüsts hing und mir die Zunge herausstreckte, wurde mir warm ums Herz und ich wusste, dass alles gut werden würde. Irgendwie gab mir dieses Bild Sicherheit in dieser Zeit der Gewöhnung an die neue Klasse, an Berisha, seine Regeln. Emilia zeigte mir, dass man die Dinge so oder so betrachten konnte.

Was für mich die Faust im Sack war, war für Emilia ihre Zunge.

Wir waren also die siebte Klasse, die Jüngsten im Oberstufenschulhaus; das Sagen hatten die in der achten. Die in der neunten waren vollauf mit sich selbst beschäftigt und verschwendeten keine Blicke an uns Jüngere.

Nichtsahnend gingen wir an diesem Donnerstagabend im Spätsommer zum Auenwald, ich sah Matus und Samuele schon von Weitem, wie sie mit langen Ästen ihre Eishockeyerfolge nachspielten. Im Näherkommen hörte ich, wie Samuele sagte: „… und dann haben wir die sieben zu eins in den Orkus geschickt!“

„Orkus?“, fragte Matus, dieser Zwerg.

„In die Hölle! Die haben sich so was von geschämt.“

Neben uns bremste ein Rad und kam Staub stiebend zu stehen. „Hallo.“

„Hei.“

„Hei.“

„Wie geht’s, wie steht’s?“, fragte Eelamaran, der mit einer pantomimischen Geste andeutete, einen Hut zu lüpfen. Ich weiß noch, ich dachte, ich sei voll in die Deppenklasse gelangt, denn die anderen zogen unisono Grimassen und schoben Eelamaran lachend weg und er quiekte und kam einfach zu uns zurück.

Dennis sah kurz herüber, sein Blick suchte etwas oder jemanden, und dann starrte er zu Elodie, die vor einer Gruppe Mädchen posierte und irgendetwas mit ihren langen Haaren machte. Elodie hätte den ersten Preis für die längsten und rötesten Haare gewonnen, schweizweit. Europaweit. Weltweit. Ihre Haare waren universal.

Als unser Lehrer, Herr Berisha, eintraf, standen wir alle in Grüppchen zusammen, fast so, wie wir bei ihm im Zimmer an unseren Tischen saßen. Nur die scheue Léannah hatte sich in Kleinstschritten den Top Five angenähert, der Mädchengang, die von Blerta angeführt wurde. Es war niederschmetternd zu beobachten, wie sie das versuchte. Blerta erübrigte nicht einen Blick für Léannah. Flora lächelte ihr wenigstens hin und wieder zu. Was dort drüben bei den Mädchen ablief, war für uns Jungs faszinierend. Die hatten so viele Codes mehr drauf als wir!

Immerhin das hatten wir begriffen: Wir Jungs standen den Mädchen in der Entwicklung um einiges nach. Während wir oft noch blödelten, saßen die Top-Five-Mädchen mit gerecktem Hals und interessiertem Blick da und in ihren Köpfen spielte sich irgendein Prozess von Aufnehmen und Verwerten ab, von dem wir meilenweit entfernt waren, den wir aber äußerst sehenswert fanden.

Auch was in Livs Kopf vorging, wussten wir nicht, das wusste niemand. Die lebte wohl seit jeher in ihrer eigenen Welt.

Und so war’s auch jetzt. Mit einem sanften Antippen ihrer Schulter holte unser Lehrer Liv zurück. Zu uns und in diesen lauen Sommerabend auf der Auenwiese. Berisha bat darum, uns in einem großen Kreis aufzustellen und er gab so lange keine Ruhe, bis auch wirklich jede und jeder einen guten Platz gefunden hatte und ihm zuhören konnte. In meinen Locken verfing sich irgendein Insekt. Ich wischte es mit einem Fluch aus meinem Haar. Samuele simulierte, es sei nun in seinen Haaren und Matus stieß Samuele mit seinem Ast am Bein an. Berisha tat das, was er immer tat in solchen Situationen. In Situationen, in denen er unsere ganze Aufmerksamkeit wollte: Er pfiff. Sein Pfiff, scharf durch die Zähne, hatte uns vor wenigen Wochen noch eine Heidenangst eingejagt. Aber er war halt auch Sporttrainer, und es ist ein Gesetz im Sport, dass ein Pfiff genügen muss.

Dennis maulte provokativ, er sei kein Hund. Eelamaran versuchte es ins Komische zu ziehen, indem er winselte. Ich sah, wie ein paar der Mädchen Dennis beobachteten, sich etwas zuflüsterten und kicherten. Verstohlen ließ Dennis seine Hand über das hohe Rispengras fahren. Eines der Mädchen nannte ihn einen „Hübschen“ und Dennis sagte: „Klappe!“ Berishas Blick streifte ihn nur. Ich war schon damals größer als die anderen und grinste von oben herab. Insgeheim aber schaute ich mir Berishas Methoden ab, ich wollte von ihm lernen, wie man so sicher werden konnte. Wie man so fest verankert stehen konnte in der Welt. Wie man auch ohne hämisches Grinsen bestand. Berisha selbst war ja nicht besonders groß oder eindrücklich. Seine Statur war eher gedrungen. Aber er war präsent. Und das verlieh ihm die Ausstrahlung eines Falken. Ihm entging nichts, und was ihm wichtig war, das setzte er auch durch. Manchmal, schien mir, allein kraft seines Willens.

Ich beobachtete ihn scharf.

Er erläuterte gerade: „… Und so ist dieser Teil des Auenwaldes wiederhergestellt worden. Man nennt das Renaturierung. Auch die Biber sind wieder zurück, wie diese Spuren dort beweisen.“

Sein ausgetreckter Arm wies in eine Richtung, in der ein Baumstamm lag. Und jetzt sah ich es: Angenagt von allen Seiten, hatte dort ein Baum seinen Halt verloren und war gefallen. Das Bild sprang mich an. Ich wusste gar nicht, dass Biber auch Bäume fällen, die nicht direkt am Wasser sind. Ich wusste nicht, dass etwas so Großes und Verankertes wie ein Baum so leicht zu Fall gebracht werden konnte. Rasch schaute ich weg.

Aus dem Auenwald drangen Geräusche zu uns herüber. Ein Knacken, hin und wieder das aufdringlich helle Summen von Mücken, abendlicher Vogelgesang. Die Luft roch nach sattem Sommer und, wenn nicht der sanfte Abendwind sich noch einmal erhob, auch nach etwas Altem, Brackigem. Eine Libelle glitzerte im Licht.

„Erzähl keinen Scheiß!“, hörte ich Flora zischen, als Berisha seinen Finger in die Luft reckte.

„Was ist? Was war?“, flüsterte mir Nico zu und Elodie flüsterte zurück: „Samuele labert was von Geistern.“ Ich schaute, sah aber sonst nichts über Gebühr Beunruhigendes. Berishas Falkenblick blieb auf Samuele liegen, als er sagte: „Und da gehen wir jetzt rein. Alle.“

„Sollen wir uns etwa die Hände geben, wie im Kindergarten?“, kommentierte Dennis und grinste dabei. Eines der Mädchen sagte, Dennis würde sie ja gern die Hand versprechen, ich sah aber nicht, wer es war. Auf Dennis schienen sie zu fliegen. Sein Aussehen war ein Magnet für die.

„Später vielleicht“, sagte Berisha, und damit schritt unser Lehrer voran.

Das Unterholz knackte unter meinen Füßen. Hier und da versuchte ich einer Pflanze auszuweichen, deren wollige Blütenstände ich nicht an meinen Hosen haften haben wollte. Überhaupt: Ich mag keine Insekten und keine klebrigen Pflanzen und damit auch keine Orte, an denen sie leben. Eine meiner größten Ängste ist, dass sich das Klima der Erde so weit erhitzt, dass allerlei Mücken und Käfer und Spinnen in unsere Breitengrade wandern und es sich bei uns gemütlich machen … Das sagt was über mich aus, nicht?

In so einer Welt würde ich nicht leben wollen.

Nicht einen Tag.

Also hob ich vorsichtig meine Füße und setzte sie noch vorsichtiger ab.

Der Untergrund veränderte sich und wurde, noch als Malin Berisha fragte, ob wir hier überhaupt reindurften, zu einer federnden, moorartigen, mit Moos bewachsenen Fläche. Berisha erklärte uns, wir beträten Feuchtgebiet. Ein Bach, der über die Ufer ging, der frei durch die Auen mäanderte, hier staute, dort eine Insel bildete: Wir gingen weiter. Kaum jemand sprach. Bei einer Art Lichtung mussten wir uns erneut in einem Kreis um Berisha aufstellen, diesmal etwas enger, weil das Buschwerk an uns drang und der Platz sonst nicht reichte, und Berisha zeigte auf einer Karte aus Papier, wo wir uns befanden. Das Naturschutzgebiet war in unmittelbarer Nähe, hier aber, wo wir uns vorarbeiteten, war Menschen der Aufenthalt erlaubt.

„Außer in der Brutzeit der Ufervögel, aber die ist jetzt vorbei. Wer weiß, welche seltenen Vögel hier nisten?“

„Amseln?“, bot Flora an. Blerta lachte sie aus, Flora boxte Blerta in die Schulter, aber Berishas Pfiff zeigte sofort Wirkung. Ich sagte lieber nichts und hörte einfach zu, wie er vom Eisvogel berichtete, vom Pirol und einem Vogel, der sich Flussregenpfeifer nennt, wenn ich es richtig verstanden habe. Dann ging er über zum Hermelin, einem Kleinsäuger, der gern Jagd auf ebendiese Vögel und ihre Nestlinge machte.

Mir wäre lieber gewesen, das Hermelin hätte Mücken gejagt. Mit einem lauten Klatsch schlug ich mir gegen den Hals.

„Tschuldigung“, sagte ich, an niemand Speziellen gerichtet, und streifte das Blut an meiner Hose ab. Manchmal ist es schwierig, der Größte zu sein. Man darf seine Ängste nicht allzu offensichtlich ausleben. Aber ich war nicht der Einzige, der sich fragte, was wir hier sollten. Das spürte ich.

Als es weiterging und wir alle hinter Berisha hertrotteten, immer tiefer hinein in die Gerüche von Wald und stehendem Gewässer, Baumleichen, quer liegendem Totholz und blubbernden Froschgründen, gesellte sich zu meiner Unruhe irgendwann eine seltsame Gelassenheit. Was war schon dabei? Ich brauchte nur einen Fuß vor den anderen zu setzen und mit einem Ohr hinzuhören, was Berisha über das Gelände, seine Entstehung, seinen Wert zu sagen hatte.

„Aber deswegen sind wir nicht hier.“ Er sah uns auf eine Weise an, die uns zu verstehen gab, dass er etwas im Sinn hatte mit uns.

Mittlerweile waren wir nicht mehr allzu bereit, unseren Unwillen zu verbergen. Misslaunig starrte ich auf meine Schuhe im Schmutz. Ich hatte keine Lust, wie die Mädchen interessiert auf seine Karte zu schauen und tat nur so, als Berisha sich im Kreisinnern um die eigene Achse drehte. Die Sonne stand schon recht tief hinter den Bäumen, und das Licht hatte sich verändert. Den Bach hörten wir nur noch aus der Ferne. Da packte Berisha tatsächlich kleine metallene Taschenlampen aus, Stablampen und Stirnlampen. Er reichte jedem von uns eine. „Haltet die in euren Taschen griffbereit.“ Dann zählte er uns noch einmal durch, alle vierundzwanzig. Wir waren da, jede und jeder von uns, und endlich rückte er damit heraus, der Berisha. Er sagte: „Was wir jetzt machen, ist eine Übung, die nennt sich: Keiner bleibt zurück.“

Unheilvoll sahen wir einander an. Wechselten das Standbein, murmelten in unsere Kragen hinein. Ein paar kicherten, aber Blerta sagte laut: „Psst!“, und die Mädchen, die um sie herumstanden, verstummten folgsam. Zu sich sagte Blerta: „Das packen wir, haltet euch nur an Frau Cara“, es klang wie ein Scherz, denn sie heißt Blerta Cara.

Ich weiß noch, dass ich irgendeinen Ärger über Matus mit mir herumtrug, ich weiß nicht mehr, weshalb, aber als er ausrutschte, den Halt verlor und sich an meiner Hüfte abstützte, blaffte ich ihn an. Überhaupt nicht so, wie wir unseren Lehrer bislang kennengelernt hatten, blieb er dieses Mal ruhig. Er nahm uns einfach alle, mich zuerst, der Reihe nach in Augenschein und wartete, bis wir uns gefasst hatten und zum Bersten gespannt dastanden.

„Keine und keiner bleibt zurück“, wiederholte er und behielt uns im Auge, „oder mit anderen Worten: Du, du, du, du …“, dabei legte er ein weiteres Mal seinen Blick auf jeden einzeln, „… du, du, du, du …“, bis er auch diese Runde fast durchhatte und bei mir zum Schluss kam: „… und du, ihr alle kommt mit – und zwar trockenen Fußes – auf die andere Seite.“

Dann schob Berisha die über uns hängenden Äste einer Trauerweide wie einen Vorhang auf – ich dachte noch: niemals! – und ging voraus. Nach wenigen Schritten sahen wir, was er meinte: Wir standen vor einem Natursee, einem Tümpel, einem fächerförmigen Teich, über den einzelne Baumstrünke liefen. War das sein Ernst? Die Baumstrünke ragten in unterschiedlichen Abständen aus dem morastigen Untergrund, das war alles andere als ein sicherer Übergang.

Das war vielleicht unser aller Untergang?

„Wir werden heute Abend gemeinsam“, sagte Berisha mit einer weit ausgreifenden Geste zur opaken Fläche, die dumpf unter einem erwachenden Sternenhimmel ruhte, „diesen Wandersee überqueren. Niemand bleibt zurück, das ist oberstes Gebot.“

„Wandersee?“, fragte jemand.

„Das Wasser hier verläuft Jahr für Jahr anders. Es sucht sich seinen Weg laufend neu.“

„Ich gehe zuerst, dann hab ich’s hinter mir und kann nach Hause futtern gehen!“, rief Eelamaran halb im Scherz.

„Ihr geht alle gemeinsam“, sagte Berisha ruhig.

„Was?“

„Wie soll das funktionieren?“

„Aber warum dürfen wir nicht –“

„Hä?“

Er ließ das Durcheinander gar nicht erst aufkommen, er sagte: „Indem ihr euch gegenseitig haltet.“

War der verrückt? Knall in der Birne? Apfelmus?

„Dreizehn“, konstatierte Blerta, „es sind dreizehn Baumstrünke für vierundzwanzig Menschen, das sind achtundvierzig Beine, Füße, die irgendwo Halt –“

„Es sind sogar fünfzig Füße. Ich komme nämlich auch mit“, sagte Berisha.

Wie breit so ein Strunk sei, wollte jemand wissen, wie tief der See, wie weit die Strecke. Aber die eigentliche Frage, ob unser Lehrer noch alle Tassen im Schrank hatte, stellte niemand. Da tat Berisha etwas, mit dem keiner von uns gerechnet hatte: Er setzte sich hin. In aller Seelenruhe packte er seinen Rucksack aus, verteilte Energieriegel, ließ Wasserflaschen herumgehen und wies uns an, unsere Schnürsenkel festzuziehen. Wer jetzt noch musste, sollte sich in die Büsche schlagen und aufs Freiluftklo.

So ein bisschen kam in der klammen Stimmung nun doch auch die Abenteuerlust auf. Einzelne verdrückten ihren Energieriegel mit verschwörerischem Gehabe, andere nahmen einen Schluck Wasser, als sei es Zaubertrank. Zwei von uns verschwanden im Unterholz.

Ich weiß noch, ich saß da auf meinem Hintern, Hosenbeine runtergekrempelt, Socken über den Hosensaum wegen der Stechmückenattacken, und dachte mir: Was, wenn wir es schaffen?

Hatte das vor uns schon einmal eine Klasse geschafft? Mit allen fünfzig Füßen?

Wenn wir das schafften, wären wir King auf dem Hafenring.

„Niemand wird nass.“ Das sagte Berisha so einfach dahin. Ich merkte, wie ich einmal tief Luft holen musste; und damit war ich nicht allein.

Von der Wiese weiter östlich hörten wir die letzten Feldgrillen zirpen. Unterlegt mit den Geräuschen, die wir selbst machten beim Kontrollieren unserer Schuhe, beim Festdrücken von Klettbändern, beim Hochziehen von Rucksackreißverschlüssen, beim Ein- und Ausschalten von Taschenlampen, klang das ganz schön heldenhaft. Die perfekte akustische Kulisse für ein Nacht-und-Nebel-Abenteuer.

Zwei der Mädchen machten ein Theater wegen ihrer Frisuren, als sie ihre Stirnlampen überzogen, aber am lautesten jammerte Eelamaran – in unserer Klasse hatte von den Jungs nur er einen größeren Haartick als ich, er hatte sich so viel Gel reingeschmiert, dass er seine Stirnlampe gegen eine Stablampe tauschen wollte. Nico sagte zu ihm: „Was nützt uns deine Frisur – im Moor?“

Entschlossen, es richtig zu machen, und doch voller Drang, nur rasch wieder nach Hause zu gelangen, zwischen diesen beiden Gefühlsextremen hin- und hergerissen, standen wir da. Den Anblick vergesse ich nie: Wie wir die Arme hängen ließen, den Kopf auch, wie wir einander nicht anzuschauen wagten, weil jede und jeder sich vor dem fürchtete, was sie oder er in den Augen des Gegenübers hätte lesen können: Furcht, Misstrauen, Genervtheit, Widerstand, Unglaube, Duldung; Gefühle, die einen einsam machen und die ganz bestimmt nicht dazu da sind, gemeinsam eine höchst gefährliche Unternehmung zu starten. Wie wir uns schließlich doch anschauten. Ich musste Atem schöpfen. Wo war ich hier bloß hineingeraten? In der Stadt wäre so etwas bestimmt verboten. Nur die stolze Blerta stand aufrecht wie eine Kerze und in ihrem Blick flackerte überlegene Freude.

Ein Abenteuer nannte es Berisha wie als Antwort auf meine stumme Frage, bevor er noch etwas über Solidarität und wichtige menschliche Werte faselte; ich hörte schon nicht mehr zu. Obwohl die meisten Insekten es sich an ihrem ureigenen Schlafplatz gemütlich machten und mich nur noch selten welche belästigten, rechnete ich mir aus, was bei diesem Abenteuer alles Schlimmes passieren könnte. Welche Viecher in diesem Tümpel lauern könnten und auf wie viele Arten ich hier verloren gehen könnte. Livs glänzende Augen spiegelten meine eigene Furcht wider.

Dann hielt uns Berisha an, die Lampen gut auszurichten, vor allem die sechs von uns, die sich als Erste auf das – morsche? verrottete? instabile? – Holz über dem Wandersee wagten.

Erst jetzt, wie als Zusatzerschwernis, und um unseren Traum einer einfachen Lösung zu zerschlagen, sagte Berisha, es müsse einen Zeitpunkt geben, an dem alle vierundzwanzig Schülerinnen und Schüler und er selbst gleichzeitig auf den Pflöcken stünden. Nur dann sei die Aufgabe korrekt ausgeführt, nur so seien Solidarität und Zusammenhalt bewiesen. War unser Lehrer ein Sadist?

Aber noch bevor ich diesen Gedanken weiterverfolgen konnte, schoben mich Berishas Hände an den Schultern zur ersten Gruppe – der Klassenleitung, wie er sie nannte, die da bestand aus den drei Mädchen Malin, Blerta, Liv und aus uns drei Jungs: Eelamaran, Tekkie und mir.

„Viel Glück. Ihr schafft das“, sagte unser Lehrer, und dann sah ich, wie Malin sich die Lippen leckte und beherzt einen ersten Schritt in die Nähe des Ufers tat.

Die Nacht war noch ein Baby und es machte mir Mut, das zu denken. Eine Nacht wie ein Baby. Was kann mir da schon Schlimmes geschehen, haben wir nicht Welpenschutz?

Malin rief mich zu sich. „Was meinst du, wenn wir uns alle erstmal ganz vorsichtig vorarbeiten, immer einer von uns pro Strunk, und dann dem anderen sagen, wie’s ist und wie man vorzugehen hat?“

„Ja, aber irgendwann wird das nicht mehr reichen, dann werden wir zu viele sein“, sagte Tekkie.

„Wart mal, wie viel ist dreizehn durch fünfundzwanzig?“

„Das musst du umgekehrt rechnen, Eelamaran“, sagte Blerta.

„Nämlich fünfundzwanzig durch dreizehn.“

Eelamaran lachte über seinen eigenen Scherz.

„Sechsundzwanzig“, flüsterte Liv. Ich wandte mich um und sah in ihre Richtung. Bei Liv war alles plus eins. Man konnte nur hoffen, dass das die anderen nicht gehört hatten. Berisha. Mussten ja nicht gleich alle mitbekommen, dass in unserer Klasse eine einen Knall hatte, auch er nicht. Blerta schaute zu ihm hinüber.

Seelenruhig kaute der auf seinem Kaugummi herum.

„Also ich finde Malins Vorschlag gut“, begann Tekkie, da rief einer aus dem Rest der Klasse: „Wird’s bald mit euch, oder sollen wir bis morgen hier herumsumpfen? Meine Stiefel matschen schon.“ Ich glaube, das war Nico. Ich drehte mich aber nicht um, denn irgendetwas hatte in mir die Führung übernommen, vielleicht, weil ich während dieser ersten Wochen Berisha so intensiv beobachtet hatte. Entschlossenheit mimend, trat ich einen Schritt näher an Malin heran und reichte ihr meine Hand.

Vorsichtig stieg sie auf den vordersten Baumstrunk.

Sie musste für diesen ersten Schritt die Beine ziemlich weit spreizen, aber es klappte auf Anhieb.

„Kommt“, sagte sie einfach, „wir machen das jetzt, wie ich gesagt habe.“ Und zu den anderen, den Zurückbleibenden, rief sie laut: „Der erste Strunk hält.“

Wir arbeiteten uns vor. Langsam. Behutsam. Aufmerksam beobachtend, und ich mit Muffensausen, wer weiß, was für Viecher in diesem dunklen Untergrund nach mir geschnappt hätten, wäre ich reingeplumpst, ganz abgesehen vom Spott, den ich auf mich gezogen hätte, nein danke. Meine Locken klebten mir im Gesicht, meine feuchten Hände rieb ich mir an der Hose trocken.

„Zweiter Strunk: wackelt ein bisschen nach rechts“, klang es von Malin eher unsicher.

Ich weiß noch, ich dachte: Ein unterspülter Baumstrunk – würde dereinst eine Polizeieinheit vierundzwanzig Moorleichen bergen, ledrige Tote zwischen abgestorbenen Bäumen, durch das Wasser blank poliert? Dennoch sprang ich ihr nach. Der dritte und der vierte Baumstrunk waren unauffällig und breit genug, sodass gut drei von uns darauf Platz hatten. Probehalber kam Blerta zu mir auf den dritten, und auch für Tekkie hätte es noch gereicht, aber ich zog es vor, einen Schritt nach vorn zu machen, wo Malin soeben die Nummer vier freigegeben hatte.

Vom Ufer her spornten uns die anderen an. Lachend, in die Hände klatschend, anfeuernd. Aber das war nur Schiss, die Art Lachen kannte ich. Ich vermied es möglichst, zu den Zurückbleibenden zu schauen. Die hatten alle noch festen Boden unter den Füßen, kein waberndes Braun neben sich. „Iiih! Eine Hand!“, schrie Eelamaran, und ich fiel fast ins Nichts. Blerta lachte trocken.

„Mensch, lass den Scheiß“, schimpfte Tekkie mit Eelamaran. Dann plötzlich: nichts mehr. Täuschte ich mich, oder lag jetzt über dem gesamten Wandersee eine lauernde Stille?

Kein Vogellaut mehr, kein Knacken. Nichts. Ich konzentrierte mich. Vor mir setzte Malin zu einem Sprung an. „Willst du meine Hand halten?“, bot ich ihr an. Aber vielleicht mehr, weil ich nicht allein gelassen werden wollte. Sie überlegte und maß die Distanz noch einmal mit ihren Blicken. „Ich habe Angst, dass du mich zurückhältst“, sagte sie.

Das tat mir weh, aber ich sagte: „Wart noch.“ Und zu den anderen: „Könnt ihr bitte mal alle nach vorne leuchten? Damit Malin etwas sehen kann?“ Unruhiges Gemurmel kam nur von Liv und Eelamaran, die als Letzte unserer Gruppe noch am Ufer standen. Sie hatten den ersten Schritt noch vor sich und fragten sich vielleicht, wer ihnen leuchten würde.

Der Strahl einer jeden Lampe fuhr unsicher und wackelig über das dunkle Nass neben und vor uns und klammerte sich an Strunk Nummer fünf fest. Mir schien ein Sprung ziemlich wagemutig.

Malin sprang. Ich hielt den Atem an.

Sie gelangte bei Strunk Nummer fünf an und ihre Arme fuhren wie Rotoren aus auf der Suche nach Balance. Malin – eine torkelnde Libelle.

Dann kam ihre Stimme, zusammen mit ihrem Blick über die Schulter zurück: „Nummer fünf wackelt im Kreis.“

„Stehst du gut?“, fragte ich zu ihr hinüber.

„Alles gut. Ist sogar breit genug für zwei oder drei. Komm!“

Und schon streckte sie die Hand nach mir aus. „Ich werde dich halten.“ Die anderen leuchteten vom Ufer aus.

Ich sprang in den gelben Strahl.

Und: Oh Wunder! Ich fand Halt. Ich spürte, wie sich etwas in mir veränderte. Ich begann mich mutig zu fühlen, aber auch etwas benommen, so als sei mein Mut ein alkoholisches Getränk, von dem ich nicht zu viel zu mir nehmen durfte.

Plötzlich stach mir der Geruch in die Nase. Die Krautschicht, von der Berisha geredet hatte, oder dann eben doch das Moor, die Leichen …, glitzerte da nicht eine bleiche Hand im Wasser? Meine Schultern sackten hinunter. Schisser bleibt Schisser.

Als ich da so unentschieden auf Strunk fünf neben Malin stand, rückten nach mir Blerta und Tekkie auf und Liv und Eelamaran standen endlich auch beide auf ihren Sockeln.

„Jaaaa!“, jubelte Eelamaran und winkte zum Ufer hin. Das, nun ja, nur mal einen knappen Meter von ihm weg war. Berisha reckte seinen Daumen in die Luft. Der endgültige Beweis seines Wahnsinns. Bloß nicht zu lange zurückschauen, dachte ich. Immer nach vorne, am Ziel orientiert. Einen Fußbreit neben mir plumpste irgendwas ins Wasser. Keine Hand, keine Hand, keine Hand, redete ich mir ein. Ein Frosch mit Schlafstörungen vielleicht. Oder – schlagartig kamen mir nun doch alle Filmszenen in den Sinn, in denen eine Moorleiche eine Rolle gespielt hatte, als ich plötzlich in zwei sehr helle, sehr glitzernde Augen sah.

„Geht’s?“, fragte Malin mich.

„Geht“, antwortete ich ihr.

„Leuchten, bitte!“, rief sie über die Schulter zurück, und alle leuchteten, so gut es ging, Baumstrunk Nummer sechs an. Unmöglich, dachte ich, aber da sprang sie schon. Landete mit beiden Füßen auf dem Kiesbett, das aus dem Wasser lugte: „Kies trägt!“