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Eine Märchensammlung vor allem aus Irland, Schottland und Wales.Die Vorstellung eines Feenreiches, der Anderswelt, wo das kleine Volk wohnt, hat seit jeher Menschen zugleich fasziniert und geängstigt. Vor allem im keltischen Raum ranken sich um diesen Feenglauben zahlreiche Märchen und Mythen. Ihre folkloristischen und phantastischen Motive vermitteln etwas von der eigentümlichen Spannung, die die Feen und ihr Reich umgibt. Denn Feen sind übernatürliche Wesen, die nicht jeder Sterbliche sehen kann und wer ihnen dennoch begegnet, dem helfen oder den narren sie.Diese Neuauflage erscheint in neuer Ausstattung mit Lesebändchen.
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Seitenzahl: 235
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Über dieses Buch
Die Vorstellung eines Feenreiches, der Anderswelt, wo das kleine Volk wohnt, hat seit jeher Menschen zugleich fasziniert und geängstigt. Vor allem im keltischen Raum ranken sich um diesen Feenglauben zahlreiche Märchen und Mythen. Ihre folkloristischen und phantastischen Motive vermitteln etwas von der eigentümlichen Spannung, die die Feen und ihr Reich umgibt. Denn Feen sind übernatürliche Wesen, die nicht jeder Sterbliche sehen kann. Wer ihnen aber in diesen Märchen begegnet, dem helfen oder den narren sie.
Über den Herausgeber
Frederik Hetmann (Hans-Christian Kirsch), geb. 1934 in Breslau, gest. 2006 in Limburg/Lahn, Autor zahlreicher preisgekrönter Romane, Biographien und Jugendbücher. Ende der 1960er-Jahre begann Hetmann auf Reisen durch Westirland und Schottland Geschichten zu sammeln. Seitdem galt seine Leidenschaft der lebendigen Erzählkunst und dem Sammeln und Übersetzen dieser Märchen und Sagen. Er gilt als profilierter Kenner der keltischen und indianischen Überlieferungen.
Herausgegebenvon Frederik Hetmann
Überarbeitete und neu zusammengestellte Erfolgsausgabe des Titels»Die verbotene Quelle« von Frederik Hetmann, 2003
Bibliographische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
E-Book-Ausgabe2015 Krummwisch bei Kiel
© Frederik Hetmann c/o Montasser Media© 2015 by Königsfurt-Urania Verlag GmbHD-24796 Krummwischwww.koenigsfurt-urania.com
Umschlaggestaltung: Jessica Quistorff, Seedorf unter Verwendungder Motive »« © Petar Paunchev – shutterstock.comund »Stone spiral« © byheaven – Fotolia.comAgentur: Montasser Medienagentur, MünchenRedaktion: Susanne Fleitmann, Kiel/Claudia Lazar, KielSatz und Layout: Satzbüro Noch & Noch, Menden
ISBN 978-3-86826-301-5
Es kam Nachricht von Manannan, Sohn des Lir, an Bran, er solle ihn besuchen kommen auf Emhain, der Insel der Feenfrauen. Und dies war die Art und Weise, in der die Aufforderung an ihn gelangte. Er ging eines Tages nahe seiner Hügelfeste umher, als er süße Musik vernahm, die ihn in den Schlaf lullte. Als er nun wieder erwachte, hielt er einen silbernen Zweig in der Hand, über und über bedeckt mit weißen Apfelblüten. Er trug den Zweig heim in seine Hügelfeste. Und als all seine Leute um ihn versammelt waren, stand plötzlich eine Frau in seltsamen Kleidern vor ihm, die sang ein Lied von Emhain, der Insel der Feenfrauen, wo es keinen Winter gäbe, keinen Kummer, wo kein Wunsch unerfüllt bliebe und wo die goldenen Pferde des Manannan über den Strand preschten. Und wer Spiele spielt dort oder Sport treibt, der wird nicht müde davon. Sie lud Bran ein, diese Insel zu besuchen, und als ihr Lied zu Ende war, ging sie fort, und der Apfelzweig sprang von Brans Hand in ihre Hände. Er konnte es nicht hindern. Am nächsten Morgen brach er auf. Sie fuhren übers Meer, bis sie einem Krieger begegneten, der lenkte seinen Streitwagen durch die Wellen, als fahre er über Land. Er grüßte sie und sagte ihnen, er sei Lirs Sohn Manannan. Auch er sang von der Insel Emhain und lud sie dorthin ein.
Unterwegs kamen sie an der Insel der Freude vorbei. Sie versuchten mit den Bewohnern zu sprechen, aber die lachten nur und deuteten mit den Fingern auf sie. Also sandte Bran einen von seinen Gefährten an Land, aber kaum hatte sein Fuß den Strand berührt, da brach er auch schon in Gelächter aus und benahm sich so wie die anderen Menschen dieser Insel.
Also fuhr Bran weiter. Bald erreichte er die Insel der Feenfrauen, und die Große Frau wartete dort auf sie und zog sie an Land. Sie genossen alle Freuden dieser Insel, aber nachdem Zeit vergangen war, von der sie meinten, es sei ein Jahr, bekamen Brans Gefährten Sehnsucht, nach Irland heimzukehren. Jene Frau aber, die Brans Geliebte war, warnte sie. Reisten sie ab, dann werde Kummer sie heimsuchen, doch Bran antwortete, er wolle Irland nur einmal besuchen, dann werde er wiederkommen. Darauf warnte sie ihn abermals, umsehen dürfe er sich, auch mit seinen Freunden sprechen, aber er und alle seine Genossen sollten sich hüten, Erde zu berühren. Also segelten sie fort, und an den Küsten Irlands näherten sie sich einem Ort, Srub Bruin genannt.
Die Menschen am Strand winkten, und als Bran ihnen seinen Namen nannte, antworteten sie, einen solchen Mann gebe es nicht mehr, aber sie hätten in alten Geschichten davon gehört, wie Bran, Sohn des Febal, fortgesegelt sei zu der Insel der Frauen. Als das Nechtan, einer von der Mannschaft, hörte, sprang er aus dem Boot und watete durch die Brandung. Als er aber den Fuß auf den Boden Irlands setzte, fiel die Last aller Jahre, die unterdessen in der Welt der Sterblichen verstrichen waren, auf seine Schultern, und er wurde zu einer Handvoll Staub. Bran aber ließ sich an Land tragen und nahm sich in acht, den Boden nicht zu berühren, weder mit den Händen noch mit den Füßen.
Er berichtete seinen Landsleuten, was er erlebt hatte, und dann wandte er sich wieder mit seiner Flotte fort von der Küste, und nie hat man ihn und seine Gefährten in Irland je wiedergesehen.
Und man erzählt, daß manch einer verlockt wurde von Manannan in die Anderswelt, das Reich der Feen. Und einer, von dem man es ganz genau weiß, war Cormac, der Enkel des Conn, König von Teamhair, und hier wird erzählt, wie es geschah:
Cormac hielt sich einst in Teamhair auf. Da sah er einen bewaffneten Mann auf sich zukommen. Er hatte graues Haar, er trug ein golddurchwirktes Hemd auf der Haut, Schuhe aus weißer Bronze an den Füßen, und über der Schulter trug er einen strahlenden Zweig mit neun Äpfeln, die waren aus rotem Gold. Das Geräusch, das von dem Zweig ausging, war so wunderbar, daß keiner auf Erden unter den Sterblichen einen anderen Wunsch hatte, als diese Töne zu hören. Und wenn einer traurig war und er hörte das Geräusch der Zweige, so wurde er auf der Stelle froh.
Cormac und der Bewaffnete grüßten einander, und Cormac fragte den Fremden, woher er komme.
»Ich komme«, antwortete er, »aus einem Land, wo es nichts gibt als Wahrheit, wo keiner altert, wo nichts dahinwest, wo die Schwermut unbekannt ist, wo niemand zu sagen wüßte, was Traurigkeit ist oder Eifersucht oder Neid oder Stolz.«
»Bei uns ist das nicht so«, sprach Cormac, »und darum würde es mir gefallen, wenn wir Freunde würden.«
»Warum nicht«, sagte der Fremde.
»Gib mir diesen Zweig als Zeichen der Freundschaft«, bat Cormac.
»Ich will ihn dir geben«, antwortete der Fremde, »wenn auch du mir dafür drei Geschenke versprichst. Wie steht es damit?«
»Einverstanden«, erwiderte Cormac.
Da ließ der fremde Mann den Zweig zurück und ging fort. Cormac hätte nicht zu sagen gewußt, wohin er gegangen war. Er selbst lief zurück zu dem königlichen Haus, und alle Menschen, die den Zweig sahen, überkam Staunen. Cormac schüttelte den Zweig, und sie verfielen alle in Schlaf bis zur selben Stunde des anderen Tages.
Am Ende des Jahres kam der fremde Mann wieder und forderte das erste jener drei Geschenke ein, die ihm versprochen worden waren.
»Du sollst es haben«, sagte Cormac.
»Also nehme ich heute deine Tochter Aille«, sagte der Fremde. Er führte das Mädchen mit sich fort, und die Frauen von Irland stießen drei laute Schreie der Wehklage aus.
Aber Cormac schüttelte den Zweig, eine wundersame Melodie erklang, und sofort war ihr Kummer vergessen, und sie verfielen in tiefen Schlaf.
Auf den Tag genau nach einem Jahr kehrte der Fremde zurück, und diesmal nahm er Cormacs Sohn mit sich.
Da war ein Weinen und Klagen ohne Ende in Teamhair über den Verlust des Jungen, und in dieser Nacht aß keiner, und niemand schlief, und alle waren bedrückt.
Aber Cormac schüttelte den Zweig, und ihre Sorgen waren verflogen.
Schließlich kam der Fremde ein drittes Mal. Cormac fragte ihn, was er wolle.
»Als wenn du es nicht schon wüßtest«, antwortete der Fremde, »diesmal hole ich deine Frau Ethne.« Und er nahm die Königin mit sich fort.
Aber das konnte Cormac nicht ertragen, und er ging dem Fremden nach und sein ganzes Volk mit ihm. Aber mitten auf der Ebene von Wall kam plötzlich ein dichter Nebel, und als sich der Nebel verzogen hatte, befand sich Cormac ganz allein auf der großen Ebene. Er sah eine große Hügelfeste von bronzenen Mauern umgeben, die ein Haus aus Silber eingrenzte, und zur Hälfte war das Dach gedeckt mit den weißen Schwingen von Vögeln.
Viele Reiter der Feen waren um das Haus, und alle trugen sie weiße Vogelschwingen auf den Armen, um das Dach damit ganz und gar zu decken. Aber kaum waren sie mit dieser Arbeit zu Ende, da kam ein Windstoß, und alles ward wieder zerstört. Dann sah Cormac, wie ein Mann ein Feuer entzündete und einen dicken Eichenstamm hineinlegte. Und als er mit einem zweiten Baum herankam, war der erste schon verbrannt.
»Dir mag ich nicht länger zuschauen«, sagte Cormac, »denn hier ist keiner, der mir deine Geschichte erzählen würde.«
Dann ging er weiter an einen Ort, da stand eine andere Hügelfeste, groß und königlich und wiederum mit einer bronzenen Mauer, die vier Gebäude umgab. Er ging hinein und sah das Haus eines Großkönigs mit Balken aus Bronze und Mauern aus Silber, und das Dach war gedeckt mit den weißen Schwingen der Vögel.
Dann entdeckte er auf dem Rasen eine Quelle, aus der fünf Flüsse entsprangen. Die Heere tranken dort, und dort wuchsen auch die neun immerwährenden purpurnen Haselsträucher von Buan. Ihre Nüsse fielen ins Wasser, und fünf Lachse fingen sie, knackten sie, fraßen die Kerne und ließen ihre Schalen die Flüsse hinabtreiben. Das Geräusch des fließenden Wassers war süßer als die Musik, die Menschen erfinden oder zu singen vermögen.
Darauf ging er in den Palast, und er fand dort einen Mann und eine Frau, die auf ihn warteten. Sie waren sehr groß von Wuchs und trugen Kleider in vielen Farben. Der Mann war schön, und sein Gesicht war angenehm zu betrachten, und die Frau, die bei ihm saß, war die schönste unter allen Frauen der Welt. Sie hatte gelbes Haar und trug einen goldenen Helm. Es gab ein Bad dort mit geheizten Steinen, und Cormac badete.
»Erhebe dich, Herr des Hauses«, sprach die Frau, »denn wir haben einen Gast, und wenn du etwas zu essen hast, so befiehl, daß es herbeigeschafft wird.«
Der Mann stand auf und sagte: »Ich besitze sieben Schweine, aber ich könnte die ganze Welt davon satt machen, denn wenn ich heute ein Schwein schlachten lasse und es gegessen wird, ist es doch morgen wieder lebendig.«
Ein anderer Mann kam ins Haus, und er hielt in der rechten Hand eine Axt und einen Kloben Holz in der linken, und auf dem Rücken trug er ein Schwein.
»Es wird Zeit«, sprach der Hausherr, »denn wir haben heute einen hohen Gast.«
Da tötete der Mann das Schwein, spaltete den Kloben, entfachte ein Feuer und warf das Schwein in einen Kessel.
»Es ist an der Zeit, daß du es wendest«, sagte der Hausherr nach einer Weile.
»Das würde nichts nützen«, antwortete der Mann, »denn niemals würde das Fleisch des Schweines gar werden, bis nicht über jedem Viertel die Wahrheit gesagt ist.«
»Dann erzähle die deine«, sagte der Herr des Hauses.
»Eines Tages«, begann der Mann, »sah ich die Rinder eines anderen auf meinem Land und trieb sie in meinen Rinderpferch. Der Besitzer des Viehs kam zu mir und versprach mir eine Belohnung, wenn ich sie ihm zurückgäbe. Also gab ich sie ihm zurück; und er gab mir eine Axt, und wenn das Schwein geschlachtet wird, dann wird es mit dieser Axt getötet, und das Holz wird damit gespalten, und es gibt immer genug Holz, um das Schweinefleisch gar werden zu lassen. Aber das ist nicht alles, denn am anderen Morgen ist alles Holz wieder vorhanden, das man verbrannt hat. Und von der Gegenwart bis in alle Zukunft wird es immer so sein.«
»Das ist die Wahrheit«, sagte der Hausherr.
Sie wendeten also das Schwein im Kessel, und siehe, ein Viertel war gar.
»Laßt uns eine andere wahre Geschichte erzählen«, sprachen sie darauf.
»Jetzt erzähle ich«, sagte der Hausherr. »Die Zeit, um zu pflügen, war gekommen, und als ich mich aufmachte, war das Feld schon gepflügt, und der Weizen war ausgesät. Als wir dann meinten, jetzt sei es Zeit, den Weizen zu ernten, war er schon in der Scheuer. Wir haben davon genommen, aber er wird nicht mehr und nicht weniger.«
Dann wendeten sie das Schwein, und ein weiteres Viertel war gar geworden.
»Nun bin ich an der Reihe«, sagte die Frau.
»Ich habe sieben Kühe«, sprach sie, »und sieben Schafe. Und die Milch von den sieben Kühen wäre genug für alle Männer der Welt, und die Wolle der sieben Schafe reichte, um Kleider für alle Menschen im Land der Hoffnung zu weben.«
Und nach dieser Rede war das dritte Viertel des Schweines gar.
»Wenn diese Geschichten wahr sind«, sagte Cormac zu dem Hausherrn, »dann bist du Manannan, und du bist Manannans Frau, denn keiner besitzt auf der ganzen Welt solche Schätze wie ihr. Und es ist das Land der Hoffnung, in das ich zog, um nach meiner Frau zu suchen.«
Sie forderten Cormac auf, auch etwas zu erzählen. Und also erzählte er, wie er seine Frau, seinen Sohn und seine Tochter verloren hatte, wie er ihnen gefolgt war, bis er an diesen Ort gekommen war.
Jetzt war das Schwein vollends gar, und sie zerteilten es, und man setzte Cormac seine Portion vor.
»Ich bin es nicht gewohnt zu essen«, sprach er, »mit nur zwei Leuten zur Gesellschaft.«
Da begann der Hausherr zu singen, und er sang Cormac in den Schlaf. Und als dieser wieder aufwachte, siehe, da waren fünfzig bewaffnete Männer, sein Sohn, seine Frau und seine Tochter zur Stelle. Sie schienen alle vergnügt und guten Mutes, und Wein und Bier wurden ihnen vorgesetzt. Der Herr des Hauses aber hielt einen goldenen Becher in der Hand, und Cormac wunderte sich, wie kunstvoll der Becher geschmiedet war.
»Es hat eine seltsame Bewandtnis damit«, sagte der Mann, »spricht man drei unwahre Worte, dann zerbricht der Becher in drei Teile, werden aber drei wahre Worte gesprochen, so fügen sich die Teile wieder zusammen.«
Also sprach er drei Lügen, und der Becher zerbrach in drei Teile.
»Jetzt wollen wir ihn wieder mit der Wahrheit zusammenfügen«, sagte er weiter. »Ich gebe dir mein Wort. Cormac, seit der Stunde, da man sie aus Teamhair herbrachte, haben weder deine Frau noch deine Tochter einen Mann zu Gesicht bekommen, noch hat dein Sohn ein Auge auf eine Frau werfen können.«
Und kaum hatte er das gesagt, da fügten sich die drei Teile des Bechers wieder zusammen.
»Bring deine Frau und deine Kinder jetzt heim«, sagte der Herr des Hauses, »und nimm diesen Becher mit, als Zeichen, um zwischen Wahrheit und Lüge zu unterscheiden. Ich lasse dir den Zweig, der die Musik macht und Wunder bewirkt. Erst am Tag deines Todes wird er dir wieder genommen werden. Denn wahrlich, ich bin Manannan, Sohn des Lir, König im Land des Versprechens, und mit Zauberei habe ich dich hierhergebracht, damit wir einen Abend lang freundschaftlich miteinander plaudern können. Und die Reiter, die du das Haus decken sahst«, fuhr er fort, »sind die Künstler und Poeten, die durch Irland wandern, um ihr Glück zu machen. Wenn sie fortziehen, zerrinnt alles, was sie zu Hause zurücklassen, und so müssen sie immer wieder ausziehen.
Und der Mann, den du Holz spalten sahst«, sagte er weiter, »ist ein junger Mann, der mehr ausgibt, als er besitzt. Und die Quelle, die du gesehen hast, ist die Quelle der Weisheit, und die Flüsse sind die fünf Flüsse, aus denen alle Weisheit stammt. Und keiner wird weise, wenn er nicht aus dieser Quelle trinkt. Menschen, die sich in vielen Künsten auskennen, haben daraus getrunken.« Am anderen Morgen stand Cormac auf, und er fand sich auf einer Wiese in Teamhair. Seine Frau, seine Tochter und sein Sohn waren bei ihm. Er hielt den Zweig und den Becher in den Händen. Man nannte ihn Cormacs Becher, und er diente dazu, Wahrheit von Lüge zu unterscheiden. Nach der Nacht von Cormacs Tod verschwand der Becher aus Irland, so wie Manannan es vorhergesagt hatte.
Maurice Connor war der König – und das ist kein geringes Wort in jedem Wörterbuch – unter den Pfeifern von Munster. Er konnte Jigs und Reels spielen, den Ollistrum-Marsch und ganz seltene Melodien aller Art. Aber er kannte eine mehr als die anderen Pfeifer, und diese eine Melodie vermochte alles, ob nun tot oder lebendig, tanzen zu machen. Wie er diese Melodie lernte, entzieht sich meiner Kenntnis, denn er war sehr vorsichtig, etwas darüber verlauten zu lassen. Aber schon bei dem ersten Ton begann es jedem Wanderarbeiter in den Beinen zu zucken. Und dann machten sich ihre Füße selbständig und trugen einen jeden von ihnen fort, tanzend wie wild, hierhin und dorthin huschend und überallhin, wie ein Strohhalm im Sturm, und es gab kein Halten, solange die Musik spielte.
Keine Messe, keine Hochzeit, kein Fest im Umkreis der sieben Kirchspiele war der Rede wert ohne den blinden Maurice Connor mit seinem Dudelsack. Seine Mutter, die arme alte Frau, pflegte ihn von einem Ort zum anderen zu begleiten, und glücklich war er zu preisen, daß er bei seinem Leiden eine Frau wie sie an seiner Seite hatte.
Durch Iveragh, wo man stolz darauf ist, weil Daniel O’Conell, der Befreier, aus dieser Gegend stammt, kam Maurice Connor mit seiner Mutter. Vor allen anderen Orten zeichnet sich Iveragh durch seine stürmischen Küsten und steilen Gebirge aus. Es ist so recht der Fleck in Irland, um sich zu ertränken oder auf trockenem Land den Hals zu brechen. Aber davon abgesehen ist Ballingskellig-Bay ein hübsches Fleckchen Erde, wie geschaffen zur Zerstreuung, und hinunter zum Wasser hin erstreckt sich ein sauberes, weiches Stück Strand.
Hierhin hatte Maurice’ Musik eine große Versammlung junger Männer und hübscher Frauen gelockt, denn es geschah nicht alle Tage, daß man am Strand von Trasfraska die Klänge eines Dudelsackes vernahm.
Der Tanz sollte beginnen, und jemand rief aus: »Tapfer voran, Musik! Möge an deinen zehn Fingern nie eine Blase sein!«
Da hielt Maurice plötzlich inne.
»Mehr Mumm in deinen Ellbogen, Maurice, und einen guten Wind in deine Lungen«, rief Paddy Dorman, der Tanzmeister, der da war und auf Ordnung hielt, »wäre eine Schande, wenn die Pfeife trocken würde nach einer solchen Musik. Die aus Iveragh werden es sich schon einen anständigen Tropfen kosten lassen. Was willst du haben, Dudelsackpfeifer?«
»Ein Glas Whiskey, Mister Dorman, und Ihr sollt leben, wenn der Totengräber schon ins Grab gesunken ist«, sagte Maurice zu ihm.
»Ich habe kein Glas«, sagte Paddy, »nur die nackte Flasche.«
»Daran soll es nicht scheitern«, antwortete Maurice, »mein Mund faßt schon einen Tropfen. Ich habe es oft genug probiert.«
Also gab Paddy Dorman ihm die Flasche und stellte voller Mißmut fest, daß Maurice recht ordentlich trank.
»Das ist ein guter Whiskey, Mister Dorman«, sagte Maurice, »der würde noch helfen, wenn einem jemand alle Zähne aus dem Kopf schlüge. Das Bild des Mannes, der ihn gebrannt hat, sollte aufs Etikett.«
»Beim heiligen Frost«, sagte Paddy, »jetzt ist aber wirklich nur noch kalter Trost in der Flasche, und was die Qualität dieses Tropfens angeht, so müssen wir auf dein Wort vertrauen, denn selbst haben wir es ja nicht probieren können. Du hast uns nichts übriggelassen.«
Von den vielen Schnäpsen, die ihm bei den Tanzfesten gegeben wurden, hatte Maurice Connor einen guten Schluck am Leib, und er konnte schon einiges vertragen. Aber Paddys ganze Flasche war ihm doch zuviel, und plötzlich spielte er die Zaubermelodie. Von dem Tanzen, das sich da erhob, kann man mit Worten keinen Begriff geben. Maurice selbst konnte sich nicht gerade halten. Er schwankte mal auf das eine Bein, mal auf das andere. Er rollte wie ein Schiff auf hoher See und versuchte dennoch, nicht aus dem Takt zu kommen.
Da war auch seine Mutter, und ihre alten Knochen regten sich so leicht wie bei dem jüngsten Mädchen in der Runde. Aber das war noch alles gar nichts gegen das, was unten am Strand vor sich ging. Jedes Fleckchen war von hopsenden und zuckenden Fischen bedeckt, und jeden Augenblick sprangen neue aus dem Wasser, angelockt von der wundersamen Melodie.
Hummer von monströser Größe drehten sich auf einer Schere um die eigene Achse mit der Eleganz eines Tanzmeisters, und die andere Schere spreizten sie ab, als sei es eine Gliedmaße, die nie zu ihnen gehört hätte.
Es war schon ein erstaunliches Bild. Niemals zuvor hatte man ein solches Trara auf dieser Welt gesehen. Es war, als ob Himmel und Erde sich vereinigt hätten, und das alles nur wegen Maurice Connors wundersamer Melodie.
Auf dem Höhepunkt der turbulenten Ereignisse sah man unter einem besonderen Schwarm von Fischen eine wunderschöne junge Dame tanzen. So schön war sie, wie die Morgenröte. Sie trug den Hut mit einem verwegenen Kniff, und unter der Krempe fiel ihr langes grünes Haar herab, das genau die Farbe des Meeres hatte. Ihre Zähne waren eine Reihe Perlen. Ihre Lippen sahen aus wie rote Korallen, und sie trug ein Kleid so weiß wie der Schaum der Wellen und mit Tupfen von purpurnem und rotem Seegras darauf. Nie hat man je über und unter Wasser eine Dame zu Gesicht bekommen, die so gut gekleidet war.
Sie tanzte schließlich zu Maurice hin, der seine Beine nur so in die Luft warf, und mit einer Stimme süßer als Honig sagte sie:
Ich bin eine Dame von Ehre
und wohne unter der See.
Komm mit mir Maurice Connor
und heirate eine Fee.
Auf silbernen und goldenen Tellern
wird dir dort unten serviert.
Hast du erst mich zum Weib genommen,
wirst du als König hofiert.
Der Whiskey tat immer noch seine Wirkung in Maurice’ Schädel, und voller Inbrunst sang er seine Antwort. Nicht jede Dame macht einem blinden Pfeifer ein solches Angebot, und deswegen mußte er ihr schon Gleiches mit Gleichem vergelten:
Gern äß’ ich von goldenen Tellern,
wär’ gern König unter dem Meer,
in Glanz und Glorie zu leben,
fiele mir gar nicht schwer.
Auch mit Eures Vaters Tochter
käme ich wohl zurecht.
Doch salziges Wasser zu trinken,
das erachte ich für schlecht.
Die Dame schaute erstaunt drein und schüttelte ihren Kopf, wie ein großer Gelehrter.
»Nun, Maurice«, sagte sie, »wenn du kein Dichter bist, weiß ich auch nicht, wo man noch wahre Poesie findet!« So plauderten sie weiter miteinander und tauschten Komplimente aus, und ihre Füße gingen von der Musik so rasch, wie ihre Zungen. Und alle Fische tanzten auch. Maurice hörte das Getrappel und wagte es einfach nicht aufzuhören, weil er genau wußte, daß es den Fischen mißfallen werde. Und was würden so viele von ihnen sich nicht einfallen lassen, wenn man sie erzürnte.
Nun, die Dame mit den grünen Haaren verlockte Maurice weiter mit süßen Redensarten, bis er schließlich einwilligte, sie zu heiraten und König über die Fische zu werden, über die großen und über die kleinen. Dazu war Maurice wie geschaffen, denn sie hatten sich schon immer einen König gewünscht, der ihnen zum Tanz aufspielen konnte. Und gewiß würde er auch mit jedem Fisch, der ihn dazu aufforderte, einen ordentlichen Schluck trinken, vorausgesetzt, es wurde da nicht nur Salzwasser ausgeschenkt.
Als seine Mutter sah, wie er mit der grünhaarigen Dame zum Wasser hinwalzte, rief sie ihm zu, er solle auf der Stelle zurückkommen.
»Was soll das«, meinte sie, »bin ich nicht schon Witwe genug? Muß er mir das antun und dieses schuppige Wesen heiraten? Und wenn er mich nun zur Großmutter macht! Was weiß ich denn, ob es nicht mein eigener Enkel ist, wenn ich mir ein Stück Butt oder Kabeljau koche und braune Butter darüber gieße? O Maurice, Maurice, wenn in dir auch nur noch ein Funken Liebe ist, so kehre um und komme zurück zu deiner Mutter, und benimm dich wie ein ordentlicher Christenmensch.« Die arme Frau begann zu weinen und schluchzte so herzzerreißend, daß es jedem gut getan hätte, es zu hören.
Maurice aber tanzte immer noch am Wasser herum. Er blies und tanzte, als sei nichts gewesen. Und eine große donnernde Welle kam heran und drohte ihn zu verschlingen. Aber da er sie nicht sah, konnte er sie auch nicht fürchten.
Doch seine Mutter sah sie deutlich genug durch die großen Tränen hindurch, die ihr über die Wangen kullerten, und wenn das Herz ihr auch fast barst, so fuhr sie doch fort zu tanzen, als ging es um ihr Leben.
»Höre, Mutter«, rief er, »ich werde gewiß König über die Fische, und als Zeichen für mein Glück und Wohlergehen werde ich dir alle zwölf Monate auf diesen Tag ein Stück verkohltes Holz nach Trasfraska schicken.« Maurice brachte kein Wort mehr heraus, denn nun kam die Welle und fiel über ihn, wie ein Mantel, an dem eine große Kapuze ist, die jemandem übergeworfen wird. Und die Woge brach sich zweimal, über ihm und der grünen Dame, und fuhr dann donnernd auf den Sand mit einem Getöse, das man bis Cap Clear hörte.
Auf den Tag nach zwölf Monaten trieb ein Stück verkohltes Holz an Land bei Trasfraska. Es war seltsam, wenn man sich vorstellte, daß es Maurice vom Meeresboden heraufgeschickt hatte. Aber seine Mutter lebte nicht mehr. Aus Kummer über den Verlust ihres Sohnes und aus Furcht bei der Vorstellung, sie könne ihren eigenen Enkel verspeisen, war sie drei Wochen nach dem Tanz gestorben und von ihrer Familie zu Grabe getragen worden.
Aber jedes Jahr zur gleichen Zeit trieb ein verkohltes Stückchen Holz an die Küste. Plötzlich fand man einmal keines mehr, aber keiner wußte den Grund dafür zu sagen.
Die Fischer vor der Küste von Ballingskellig aber hören in stillen Nächten eine Musik, die aus dem Wasser dringt. Und manche, die besonders gute Ohren haben, können ganz deutlich die Stimme von Maurice vernehmen. Er bläst auf seinem Dudelsack und singt dazu:
Schöne Küste mit deinem Strand,
kristallklares Wasser,
glitzernder Sand.
Ach, hätt’ ich doch niemals vergessen,
was ich an diesem Gestade besessen.
Manche Leute fragen, wie er denn singen und gleichzeitig den Dudelsack spielen kann?
Ihnen antworten die Fischer: »Mein lieber Mann, unter dem Wasser, wenn man erst einmal ertrunken ist, da sind noch ganz andere Dinge möglich, von denen sich unsereiner nichts träumen läßt.«
Donal O’Donnell war Bauer. Er baute Getreide an, hatte ein paar Schafe und besuchte von Zeit zu Zeit die Märkte der Umgebung. Er und seine Frau Sorcha lebten weit von dem nächsten Nachbarn entfernt, in einer einsamen Gegend im Norden Irlands.
Das war Donal gerade recht. Kein Ort war ihm entlegen genug. Er hatte einen Groll auf die Welt und mißtraute den Menschen, und die Gesellschaft anderer konnte ihm gestohlen bleiben.
An einem Wintertag stand Donal vor Tagesanbruch auf, trieb einige Schafe zusammen und wollte über die Berge zum Markt, um die Tiere dort zu verkaufen. Ehe er aufbrach, schärfte er seiner Frau Sorcha noch einmal ein, sie möge hinter ihm die Tür sofort verriegeln und solle sich unterstehen, Wanderarbeitern, Vagabunden oder Hausierern, die anklopften, Obdach zu gewähren. Auf diese Leute nämlich war Donal besonders schlecht zu sprechen. Sorcha versprach ihrem Mann, sie werde diesmal niemanden hereinlassen. Dann zog er mit den Schafen davon.
