Keltische Nächte 2 - Ria Wolf - E-Book

Keltische Nächte 2 E-Book

Ria Wolf

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Beschreibung

„Alles, dem du begegnest, lehrt dich etwas oder erteilt dir eine Lektion.“ Thori, die Tochter der alten Kräuterfrau Nera, verschwand einst in einem mysteriösen Wasserwirbel, der über dem Fluss Liva schwebte. In der Nacht eines keltischen Feiertages. Anno 1238 Zwölf Jahre später. Nera sieht in Kapitän Wolf den Mann, der ihre Tochter zurückholen kann. Er entstammt einer Blutlinie keltischer Druiden. Adrian Wolf schätzt Herausforderungen. Sei es die Eroberung von Frauen, lukrativer Warenhandel oder Kämpfe. Aber ein keltisches Druidentor betreten, ohne Gewissheit was darin geschieht, übt keinen Reiz aus. Solche Dinge waren Brauchtum seiner verstorbenen Mutter, und Neras Hoffnung, dass Thori noch lebt, ist Illusion. Doch seit er einen Fuß in das Dorf Lyva setzte und später eine haarsträubende Geschichte über eine angebliche Nachfahrin hört, die eine Zeitreise begangen haben sollte, plagt ihn fürchterliche Unruhe. Körperlich wie geistig. Will ihn etwas drängen eine unerwünschte Aufgabe anzunehmen? Tamara ist gewohnt, für Männer uninteressant zu sein. Warum versucht Adrian sie zu verführen? Weil er keine Frau auslassen kann? Herz und Körper verzehren sich nach ihm, doch damit steht sie nicht allein, deshalb kann Nachgeben nur Herzschmerz bedeuten.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Impressum:

Keltische Nächte 2

by Ria Wolf

Copyright © 2025 Marita Böttcher, 33829 Borgholzhausen,

Osnabrücker Str. 28

Alle Rechte vorbehalten

Coverdesign © 2025 Marita Böttcher, Canva Pro Bildmaterial: iStock, Canva, Pixabay, Shutterstock

Lektorat: Korky, 33334 Gütersloh

1. Kapitel

Wissemaria, Dezember 1236

Das Sattelzeug knarrte unter seinem Hinterteil. Mittlerweile ein sehr vertrautes Geräusch. In der Stille des winterlichen Waldes klang das heute ungewohnt laut. Eines der Pferde schnaubte, Zähne mahlten auf eisernen Mundstücken. Nach den Wochen im Sattel sehnte er die Planken seines Schiffes herbei. Seine saubere Koje und die vertraute Ordnung der Kabine.

„Ob das endlich Wissemaria ist, Kapitän? Unsere Ärsche würden das zu schätzen wissen.“

Rauchfahnen stiegen von den Schloten der Häuser in die kalte dunstige Luft. Diesmal kein kleines Dorf, sondern eine große Ansiedlung. Von Landeinwärts hatte er Wissemaria noch nie gesehen, nur vom Wasser und natürlich wusste er, wie es in den Straßen aussah. Aber diese Stadt lag an der Küste. Beziehungsweise in einer Bucht, wie er das nur von Wissemaria kannte.

„Ich denke schon.“

Über Land war der Weg hierher weit beschwerlicher und länger gewesen als das mit seinem Schiff gedauert hätte. Doch weil die ‚Hadrian I‘ leckgeschlagen bei Lyva am Ufer lag und eine Reparatur vor dem nächsten Frühjahr nicht in Frage kam, saßen sie ja auf diesen stämmigen Bauernpferden. Die wenige Abwechslung auf der trostlosen Reise hatte in hungrigen Wölfen und diebischem Gesindel bestanden. Sein goldener Armreif weckte Begierden, aber auch ohne dieses Schmuckstück wären viele Hohlköpfe auf dumme Ideen gekommen. Die stahlen gern, wessen sie habhaft werden konnten, und seien es nur Mäntel und Stiefel. Das Töten der Wölfe hatte sich nicht richtig angefühlt. Von den zweibeinigen Ganoven wären dagegen mehr recht gewesen, um ihm und seinen beiden Männern die Langeweile zu verkürzen.

Die Schenken in den winzigen Dörfern hatten auch nichts zu bieten gehabt, außer Schutz vor dem winterlichen Wetter und übelstes Gesöff. Und wenn tatsächlich eine Frau anwesend war, dann solch eine, dass er vorzog sich zu gedulden, bis er Wissemaria erreicht hatte.

„Finden wir es heraus, Männer.“

Es bedurfte keines Signals an ihre Tiere, außer dem Nachgeben der Zügel. Die Pferde kannten, dass Häuser Futter bedeuteten und strebten darauf zu.

Kaum in den Gassen und Straßen angelangt, wusste er, dass sie angekommen waren. Wissemaria. Im Winter hatte er den Ort noch nie besucht, weil ihm diese Jahreszeit im Süden besser gefiel, aber dennoch unverkennbar. Sie folgten den vertrauten Gassen bis zum Hafen und sein Herz machte vor Freude einen gewaltigen Satz, als er das Schiff am Kai liegen sah. Seine ‚Hadrian II‘. Bis auf den Namen identisch mit der ‚I‘.

Die schwarze Farbe des Rumpfes wirkte durch den Raureif grau, die goldfarbenen Ornamente nicht ganz so strahlend. Aber sie sah tadellos in Ordnung aus. Auf Jörn und Murasa war stets Verlass, wie auf die meisten seiner Mannschaften.

Neben dem Schiff hielten sie. Am Heck, aus der Kapitänskajüte, drang Lichtschimmer durch die kleinen Scheiben, eine Planke führte vom Kai zum Deck. Misstrauisch beäugten zwei Männer sie oben an der Reling. Adrian zog die Fellmütze von seinem Kopf. Ein Aufschrei, fast so schrill wie der einer Frau, drang zu ihnen herunter.

„Der Käpt’n! Der Kapitän ist hier!“

Er stieg von seinem Pferd und reichte die Zügel seinen Reisegefährten.

„Bringt sie gut unter, bis wir sie wieder nach Lyva bringen können. Dass ihnen kein Haar gekrümmt wird. Ich möchte dem Dorfältesten gegenüber nicht wortbrüchig werden.“

Zweifellos lag den beiden Männern ein Murren auf der Zunge, weil auch sie sich nach der Wärme des Schiffes sehnten, das war ihm bewusst, aber sie folgten seinem Befehl wortlos und zuverlässig, wie er sie seit ihrer Anheuer kannte.

Die Planke unter seinen Füßen fühlte sich nach der langen Zeit ungewohnt an. Sie hob und senkte sich leicht mit dem Wogen des Schiffes. Einen Moment blieb er stehen, genoss dieses Gefühl und das Geräusch wie das Wasser den Rumpf umspielte.

„Zu Pferd? Wo ist die ‚I‘?“, kam es vom oberen Ende der Planke.

Jörn stand mit ausgebreiteten Armen dort, neben ihm Murasa und zahlreiche andere Männer. Adrian schritt zu ihnen hinauf umarmte Jörn und Murasa kurz und klopfte ihnen auf Schultern und Rücken.

„Die liegt leck in Lyva. Den Männern geht es gut, das meiste der Ladung haben wir in stabilen Häusern eingelagert.“

Wissbegierige Gesichter sahen ihn an, warteten darauf, dass er berichtete.

„Was ist geschehen? Warum ist die ‚I‘ leckgeschlagen?“

„Brandschatzendes Gesindel.“

„Die Bewohner von Lyva? Dann laufen wir aus und zeigen ihnen, was es bedeutet den schwarzen Wolf anzugreifen!“, stieß Jörn voller Inbrunst aus.

Beschwichtigend hob Adrian die Hände.

„Die Dorfbewohner sind brave Leute. Das waren räuberische Samogiten, welche die Dörfer plagen und auch Schiffe, an die sie mit ihren Ruderbooten herankommen. Aber nun lasst mich erst einmal ins Warme. Ich brauche ein Bad und saubere Kleidung, damit ich mich wieder wie ein Mensch fühle.“

„Heizt Wasser für den Käpt’n auf!“, wies Murasa die Matrosen an. „Und bringt den Zuber in seine Kabine! Rasch!“

Wie gestochen stoben die Männer davon. Jörn und Murasa folgten ihm zur Kapitänskajüte. Noch auf dem Weg streifte Adrian den schweren Mantel aus Wolfsfell ab, reichte ihn Jörn wie auch die pelzigen Fäustlinge und die Mütze. In der Kabine verbreitete eine Pfanne mit glühenden Kohlen angenehme Wärme, obwohl die Fenster zum Lüften geöffnet standen. Pergament und Tintenfeder lagen auf dem Tisch bei einer Laterne. Wenige Worte waren bereits geschrieben. Ein Becher Wein stand daneben. Jörn nahm hier den Rang des Kapitäns ein, wenn er sich selbst auf der ‚Hadrian I‘ befand. Jetzt musste Jörn sich vorerst wieder mit der Steuermannskajüte begnügen und Murasa, sofern er in Jörns Kabine gezogen war, eben mit der des ersten Maates. Das würde nur solange notwendig sein, bis er die ‚Hadrian I‘ wieder flott hatte.

Die Truhe mit seiner eigenen Kleidung stand an dem gewohnten Platz. Adrian hatte auch nichts anderes erwartet. Zeitweilig tauschten sie die Schiffe. Auf der ‚I‘ gab es eine solche Truhe mit Jörns Notwendigkeiten.

Murasa nahm sogleich Jörns Mantel von der Koje und warf ihn dem Steuermann zu. Dann zog er das Leinen vom Bettzeug.

„Wie war es hier?“, fragte Adrian. „Irgendwelche besonderen Vorkommnisse?“

„Außer einigen Prügeleien in Schenken nichts. In Wissemaria ist es grausam langweilig“, antwortete Jörn. „Wir begannen uns allerdings zu sorgen, weil du noch nicht wieder eingelaufen kamst. Wir wollten doch längst auf dem Weg nach Maghreb sein und hofften, dich hielten nur gute Geschäfte auf.“

„Bereitet alles vor, dass wir in wenigen Tagen nach Lübeck auslaufen können.“

„Lübeck? Nicht nach Lyva zur ‚I‘?“

„Nein. Die Nordwinde sind zu zerstörerisch und eisig. Die ‚I‘ muss warten, bis das Wetter angenehmer wird. In Lübeck muss ich nur eine Botschaft überbringen, dann segeln wir nach Maghreb.“

2. Kapitel

Adrian fühlte sich wie neugeboren. Das heiße Bad, Rasur, saubere Kleidung und der tiefe Schlaf in seiner Koje hatten Wunder bewirkt. Er drapierte den schwarzen Mantel aus Wolle und Nerzfütterung um seine Schultern, rückte das Schwertgehänge zurecht und schlenderte kurz darauf durch die Straßen von Wissemaria. Diese Stadt bot mehr Abwechslung als das winzige Lyva, doch nicht genug, um länger hier verweilen zu wollen. In die ein oder andere Schenke schaute er nur kurz hinein, sah nichts, was seine Unruhe besänftigen könnte, und ging dann weiter. Eine, die es bei seinem letzten Aufenthalt noch nicht gab, weckte seine Neugier.

Die Einrichtung glich denen unzähliger anderer Schenken. Der Wirt hinter dem Tresen wirkte jung und kraftstrotzend, die braunen Haare zu einem Knoten auf dem Kopf zusammengefasst, die restliche Länge fiel auf seine Schultern. Gelassen sah der ihm entgegen, ließ einen einschätzenden Blick über ihn schweifen. Wegen solcher Blicke trug er den Armreif vom Ärmel des Hemdes verborgen. Er wollte nicht fördern, dass Preise wegen des schimmernden Goldes unangemessen in die Höhe getrieben wurden. Seine kostspielige Kleidung bewirkte das schon genug.

Nur zwei Gäste saßen am Tresen. Fischer oder Hafenarbeiter. In der Nähe des Tresens, an einem kleinen Tisch, strickte eine schmächtige Frau. Wie der obere Rand des dünnen Unterkleides von den Schultern hing und der tiefe Einblick, den der unverschnürte Ausschnitt gewährte, verrieten die Funktion dieser noch sehr jungen Dame. Eine weitere wischte langsam über einen der anderen Tische. Immer wieder beschrieb ihre Hand mit dem Lappen Kreise darauf, obwohl längst kein Fleck mehr sichtbar war. War die Frau gänzlich übernächtigt? Dann sollte sie jetzt eher schlafen als die Schenke zu reinigen. Bei deren Früchten wurden auch nur gerade die Knospen vom dünnen Leinen bedeckt, aber diese Üppigkeit sprach ihn wesentlich mehr an als magere Hügelchen.

„Für welche entscheidet Ihr Euch, Herr?“, fragte der Wirt mit einem Grinsen. „Oder wollt Ihr gar beide? Ich verspreche, die Kammer nebenan ist sauber.“

Sah man ihm so deutlich an, nach was er auf der Suche war? Und wenn schon.

„Helga, Brida, kommt her und zeigt dem feinen Herrn, was ihr zu bieten habt.“

Die Dünne stand auf und stellte sich vor ihn. Sie zog den Stoff des Ausschnittes auseinander, damit er ihre ganzen Brüste anschauen konnte. Ihr Blick nahm einen gehetzten Ausdruck an. Unsicher, ängstlich. Die Drallere stellte sich daneben. Ihre fast leer wirkenden Augen richteten sich auf den Wirt.

„Eirik?“, fragte sie leise.

„Mach Eirik glücklich und sei nett zu dem feinen Herrn, Brida.“

Der leere Ausdruck richtete sich auf seine Brust. Sie nahm seine Linke und drückte sie gegen ihr volles bloßes Fleisch. Er spürte die Knospe in seiner Handfläche. Eigentlich ein reizvolles Gefühl. Etwas, das er lange missen musste. Er zog seine Hand zurück und wandte sich dem Wirt zu.

„Danke, aber keine der beiden entspricht meinem Geschmack.“

Ihm stand weder der Sinn nach einer deren Geist in anderen Regionen schwebte noch nach einem verängstigten halben Kind.

„Sie werden Euch große Freude bereiten, Herr. Das Verspreche ich.“

„Die Dralle ist richtig gut, Mann“, nuschelte einer der Arbeiter. „Kann sie mir nur nicht so oft leisten, wie ich gern hätte.“

„Danke, aber nein.“

Adrian verließ die Schenke rasch. Die bloßen Brüste hatten seine Unruhe geschürt. Jetzt würde er den Tuchhändler erstmal aufsuchen. An einem Geschäft für Gemischtwaren stockten seine Schritte. In Körben lagen große Kohlköpfe, leuchteten grün und unverwelkt. Er nahm einen nach dem anderen auf. Keine faule Stelle sollte ihm entgehen, wenn er diese Ware für sein Schiff erstehen wollte. Eine schmackhafte Kohlsuppe für sie alle schwebte ihm vor.

„Kapitän Adrian. Wie erfreulich Euch zu sehen.“

Die Schwester des Ladeninhabers stand in der Tür und sah ihn mit vor Freude geröteten Wangen an. Ein lieblicher Anblick. Ihre Azurblauen Augen strahlten, eine gelb-goldene Locke war unter dem Kopftuch hervorgerutscht und endete wie ein Wegweiser auf ihrem sittlich verdeckten Busen. Ihre Zunge befeuchtete die rosigen Lippen.

„Fräulein Brigitte. Die Freude ist auch ganz die meine. Wie ist es Euch ergangen?“, er hob ihre Hand an die Lippen und hauchte einen Kuss darauf. Der starke Puls an ihrem Handgelenk war verräterisch.

Sie trat zu ihm heraus, tat, als begutachte sie mit ihm den Kohl.

„Wann besucht Ihr mich wieder einmal, Adrian?“, wisperte sie leise, aber voller Ungeduld.

„Ist Euer Bruder daheim?“

„Ja.“

„Dann muss das leider warten, bis er uns nicht stören kann.“

„Was tuschelt Ihr mit meiner Schwester, Wolf?“

Wie herbeigerufen. Dieser Kerl spielte sich als Hüter über die Tugend seiner Schwester auf, dabei war er an der Aufgabe längst gescheitert. Wusste das nur nicht. Brigitte war ein wahrer Genuss, doch ihm stand nicht der Sinn danach, bei dem Vergnügen ständig auf der Hut sein zu müssen. Letztes Mal entgingen sie nur sehr knapp der Entdeckung.

„Wir sprachen über den Preis des Kohls, werter Herr Flasen. Ich gedenke die gesamte Menge für mein Schiff zu erstehen. Sofern der Preis akzeptabel ist.“

„Weiber haben über Preise nicht zu verhandeln! Das wisst Ihr doch, Wolf. Kommt mit hinein, ich will nicht in der Kälte stehen. Und du, Frauenzimmer! Bedecke dein Haar anständig! Du siehst aus wie eine Dirne!“

Nach einer Weile wurde Adrian mit dem Flasen handelseinig inklusive Lieferung zum Schiff. Ein rundweg unangenehmer Mensch, aber man musste nicht jeden Händler mögen. Hauptsache, man bekam, was man wollte. Brigitte war nicht mehr zu sehen, aber warum auch. Es gab nichts weiter zu besprechen.

Er hielt auf sein ursprüngliches Ziel zu. Den Laden des Tuchhändlers. Schneeflocken begannen zu rieseln. Diese Jahreszeit war einfach nicht die seine. Im trockenen Inneren des Tuchladens schüttelte er die Flocken von Kappe und Mantel. Ein eilfertiger Bediensteter kam lächelnd zu ihm und rieb schon geschäftstüchtig die Hände. In der rechten Ecke des Ladens beschäftigte sich die Hausherrin mit Staubwedeln. Sie sah nicht mal zu ihm herüber.

„Kapitän Wolf. Welche Freude Euch zu sehen. Wollt Ihr kaufen oder verkaufen?“

„Hein, seid gegrüßt. Ist der Herr des Hauses da? Ich gedenke zu kaufen.“

Der Bursche machte ein betretenes Gesicht.

„Leider nicht, Kapitän. Herr Brandner weilt geschäftlich in Travemünde und kommt erst in einigen Tagen wieder. Aber kann ich Euch nicht auch weiterhelfen?“

„Womöglich schon. Ich wollte in Erfahrung bringen, ob Herr Brandner noch diesen Stoff sein Eigen nennt, aus dem dieser Mantel gefertigt wurde. Von diesen Mänteln hätte ich gern zwei weitere.“

Das war ein äußerst teurer Stoff und Adrian wusste, dass Brandners keinen davon mehr haben konnten. Sein Mantel war aus der letzten Bahn entstanden und der neue Ballen lag in Lyva im Lagerhaus.

„Da muss ich oben im Lager nachsehen. Wenn Ihr Euch so lange gedulden wollt, Kapitän Wolf?“

„Natürlich, Hein. Ich bin nicht in Eile.“

Der Bursche rannte regelrecht davon. Die Schritte polterten auf der Stiege in die nächste Etage, wo, wie Adrian wusste, die ganze Tuchware gelagert wurde.

Der Staubwedel traf ihn hart am Arm.

„Dass du es wagst, dich hier sehen zu lassen!“

„Warum dieser Zorn, liebste Elisa? Ich ging davon aus, dass du dich eher freust mich zu sehen.“

„Weshalb sollte ich?“

„Weil ich dich stets mit einem glücklichen Lächeln um deinen süßen Mund verließ?“

Sie zog ihn zur anderen Ladenseite, wo sie durch das Fenster nicht gesehen werden konnten.

„Ich bin maßlos erbost über dich, Adrian! Ich …“

Schritte polterten wieder die Treppe hinunter.

„Wann kann ich dich heute Abend aufsuchen?“

„Gar nicht!“, stieß sie trotzig aus, obwohl ihre Blicke ihn bereits entkleideten.

Er raubte ihr einen schnellen Kuss. „Gut. Ich komme gegen sechs. Wie sonst auch.“

Bevor Hein ihrer ansichtig wurde, stand Adrian wieder an der Stelle, wo der Bursche ihn verlassen hatte. Und Elisa wedelte unverfänglich Staub in ihrer Ecke.

„Es tut mir so leid, Kapitän. Dieses wundervolle Tuch scheint ausverkauft. Aber ich zeige Euch gern ähnliches Gewebe. Vielleicht in dunklem grün?“

„Nein. Danke Hein. Zu Kompromissen bin ich nie bereit. Bestellt Herrn Brandner meine Grüße. Ich komme ein anderes Mal wieder.“

Adrian schlich durch die dunklen Gassen bis zur Rückseite des Tuchgeschäfts. Die vertraute Hintertür drückte er geräuschlos auf und schlüpfte hindurch. Tiefste Dunkelheit im Inneren des Hauses umfing ihn. Draußen hatte es noch das Licht der Sterne und des Mondes gegeben. Er brauchte kein Licht. Jede Ecke, jede Stufe war ihm vertraut. Vor der Schlafkammer der Hausherrin blieb er stehen, klopfte verhalten daran. Es rührte sich nichts. Adrian drückte die Klinke, die Tür gab wie gewohnt nach.

Vor dem Feuer des Kamins schritt Elisa sichtlich aufgebracht auf und ab. Sie trug noch das Tageskleid aus dem Laden. Nur die Kopfbedeckung hatte sie abgezogen und auf das Bett geworfen. Sonst empfing sie ihn stets in einem hauchdünnen Leinenhemd. Ihr langes dunkelbraunes Haar wehte bei jeder Wendung. Ihre braunen Augen funkelten ihn zornig an. Aber auch die vertraute Lust auf ihn glomm darin. Die Launen dieser Frau standen oft im Widerspruch.

„Du wagst es, mich aufzusuchen?“

Er drückte die Tür hinter sich zu und verriegelte sie.

„Du hast weder die Hintertür noch diese abgesperrt. Ich betrachte das als Einladung.“

„Du arroganter Mistkerl! Ich setzte Anstand auf meine Absage voraus!“

Adrian schnallte den Gurt mit dem Schwert ab und ließ ihn zu Boden sinken. Dann ging er zu Elisa, hielt die Handgelenke fest, weil sie nach ihm schlagen wollte und schob sie zum Bett. Rücklings fiel sie mit ihm darauf. Ihre Handgelenke hielt er über ihrem Kopf gefesselt, seine Rechte glitt unter ihre Röcke, fand rasch das warme nasse Paradies.

„Und weil du auf meinen Anstand hofftest, bist du triefend nass geworden.“

Er schob einen Finger tief in sie, reizte mit dem Daumen ihre Perle. Elisa keuchte, wimmerte erregt und öffnete die Schenkel, soweit sie vermochte. Noch verzichtete er lieber auf Küsse. In widersprüchlicher Stimmung neigte sie zum Beißen. Einige Male versenkte er seine Finger in ihrer hitzigen Pforte, dann öffnete er die Schnürung seiner Beinkleider und ließ sein Geschlecht ins Freie. Nach wochenlanger Abstinenz dürstete es ihn nach Befriedigung. Elisa war mehr als bereit, obwohl sie sich zänkisch zeigte.

So hart wie sie es gern mochte, stieß er in sie hinein. Lustvoll schrie sie auf. Das Gefühl von ihrem Paradies umschlossen zu werden war wie ein Segen nach der langen Zeit. Einen Moment verharrte er, um das zu genießen. Unruhig begann sie sich unter ihm zu winden, weil ihr nicht genügte, dass er nur in ihr steckte. Die Wünsche dieser schönen Sirene waren ihm seit fünf Jahren vertraut. Er ließ sie noch hungern, bis sie wimmernd um mehr bettelte, dann trieb er sie mit kräftigen Stößen zum Höhepunkt. Als sein eigener anrollte, verließ er das Paradies und ergoss sich in Elisas Unterkleid. Eine göttliche lange vermisste Wohltat.

Er stand auf, entledigte sich der Stiefel und Kleidung und ging zu der Schüssel mit Wasser auf dem Waschtisch, nahm den Lappen und reinigte sein Geschlecht.

„Du verdammter Schuft!“, keifte Elisa vom Bett aus.

„Du würdest mich verachten wie deinen Gemahl, wenn ich kein Schuft wäre“, erwiderte er gelassen.

„Dich verachte ich anders! Dich hasse ich!“

„Oh. Interessant. Soll ich jetzt verschwinden?“

Stille trat ein. Er brauchte sich nicht nach ihr umzudrehen, um zu wissen, dass sie auf ihrer Unterlippe nagte. Und es wäre erstaunlich, wenn sie ihn tatsächlich hinauskomplimentierte. Stoff raschelte. Ein Blick über die Schulter verriet ihm, dass sie das Tageskleid auszog. Er warf ihr den nassen Lappen zu, damit sie ihr Paradies abwischen konnte.

„Was erzürnt die schönste Frau von Wissemaria denn so außerordentlich, dass sie die Gefahr in Kauf nimmt, von meinem Schwanz nicht mehr beglückt zu werden?“

„Du arroganter, selbstgerechter …“

„Du wiederholst dich. Eine Antwort wäre wünschenswerter.“

Etwas flog an seinem Kopf vorbei und zersplitterte an der Wand. Eine Vase. Hätte an seinem Kopf eine derbe Beule verursacht. Als nächstes flog ihm der nasse Lappen in den Nacken.

„Ich sollte dich wirklich aus meinem Bett verbannen, Adrian! Es gibt genug andere Männer in dieser Stadt.“

„Aber keinen wie mich, Liebling, sonst würdest du nicht schon bei meinem Anblick nass. Was hat dich also erzürnt?“

„Letztes Mal, wo du in der Stadt warst, bist du auf Brigitte gestiegen, statt zu mir zu kommen. Ausgerechnet dieses verdammte Luder! Als hättest du gewusst, wie sehr du mich damit verletzt!“

„Woher weißt du davon?“

Sie waren nicht erwischt worden. Hatte Brigitte voller Dummheit geplaudert?

„Meine Magd hat euch im Keller des Ladens bemerkt!“

Erstaunlich, dass die das nicht dem Bruder gesteckt hatte.

„Und was willst du nun von mir hören?“

Er legte sich in das Bett, die Schultern an das Kopfteil in die Kissen gelehnt.

„Eine Erklärung! Eine Entschuldigung, Adrian!“

Eine Erklärung war er ausgerechnet ihr wahrlich nicht schuldig. Auch keine Entschuldigung.

„Dein Gemahl war daheim.“

„Und da gehst du einfach zu einer anderen?“

„Ja.“

Wie auch immer sie daran gekommen war, sie hielt den Schürhaken vom Kamin in der Hand und holte zum Schlag aus. Er hielt ihren Arm fest, entwand ihr den Haken und warf ihn an die andere Seite des Raums. In diesem Haus schliefen keine Angestellten. Niemand würde den Lärm hören. Elisa hatte schließlich gute Gründe, warum sie nachts keine Bediensteten im Haus duldete.

„Wie austauschbar ich für dich bin, du Mistkerl!“

„Wie austauschbar dein Gemahl für dich ist, liebste Elisa. Es steht dir nicht zu anderen etwas vorzuwerfen.“

Sie zog sein rechtes Handgelenk näher zu sich und betrachtete das goldene Drachenarmband.

„Ein sehr schönes kostspieliges Schmuckstück. Gold, echte Juwelen, wie ich dich kenne.“

Sie versuchte ihm den gewundenen Reif vom Arm zu streifen. Bevor ihr das gelang, entriss er ihr den Arm und öffnete seine linke Hand. Ein teures kleines Ohrgehänge funkelte Elisa im Licht des Feuers golden an. Jedes Mal beschenkte er sie mit Kleinodien, für die schönen Stunden.

„Ich will das Armband!“

„Nein.“

„Nicht mal das bin ich dir wert? Ich kenne Männer, die würden sich für meine Gunst großzügiger zeigen!“

Vielleicht sollte er gerade bei ihr den Spieß einmal umdrehen und für seinen Besuch etwas fordern. Es stand außer Frage, dass sie ihn lieber entlohnen, statt auf ihn verzichten würde. Aber das war gegen seine Natur.

„Würden? Ich denke, Elisa, da ich immer lange fort bin hast du längst herausgefunden, wie großzügig diese anderen Männer sind.“

„Ich habe Bedürfnisse. Du bist selten hier und mein Gemahl ist ein Langweiler. Gib mir das Armband!“

„Deine Schatztruhe quillt bereits über allein von meinen Geschenken. Nimm diese Ohrgehänge oder lass es.“

Sie nahm das Geschmeide und warf es an die Wand, wo schon die Vase Bruch erlitten hatte. Er stand auf und schlüpfte ruhig in seine Kleidung.

„Willst du etwa gehen?“, fragte sie fassungslos. „Die Nacht hat nicht mal begonnen.“

„Ja. Hätte ich ein zeterndes habgieriges Weib im Bett haben wollen, wäre ich längst vermählt.“

Ursprünglich hatte er sich auf die Nacht gefreut. Bis eben noch gehofft, dass sie nach dem ersten Höhepunkt ihren Zorn begrub und sie den Rest der Nacht mit Liebesspielen füllen würden. Er war nicht mal dazu gekommen ihre Brüste zu kosten. Aber jetzt war es genug. Sämtliche Lust und Interesse vergangen.

„Wenn du jetzt gehst, brauchst du nie wieder herzukommen!“

„Das wird mir weder Mangel noch Kummer bereiten.“

Er schlang den Mantel um seine Schultern, setzte die Kappe auf und entriegelte die Tür.

„Bitte bleib, Adrian“, flehte sie.

Dafür hatte sie zumindest heute das Spiel zu weit getrieben. Wenn er irgendwann wieder nach Wissemaria kam, sah er nach, ob sie ihn ersetzt hatte oder brauchte. Verspürte er einen Verlustschmerz? Nein. Seit dem Tod seiner geliebten Mahi-Jing fühlte er sich jeder tiefgehenden Emotion unfähig. Lust, ja, aber sonst nichts. Umso mehr hatte ihn das Gefühl für diese grünäugige Frau in Lyva überrascht. Ellen. Keine Lust, ein Gefühl des verbunden seins, Zusammengehörigkeit, obwohl er sie nur wenige Male sah, weil ihr Gemahl, dieser blonde kriegerische unkultivierte Bauerntölpel ihn kaum in ihre Nähe ließ. Wäre dieser Mann nicht gewesen, hätte er den Winter vielleicht sogar gern in dem trostlosen Dorf verbracht.

Er schüttelte über sich selbst den Kopf und kam dadurch auf den verschneiten Pflastersteinen ins Straucheln. Seit Lyva fühlte er eine merkwürdige Unruhe in sich, die auch das intime Zwischenspiel mit Elisa nicht wie erhofft getilgt hatte. Vielleicht hätte er Lyva niemals betreten, den Armreif von einem anderen Goldschmied fertigen lassen sollen.

3. Kapitel

Lübeck war wesentlich lebhafter als Wissemaria. Auch in der Winterzeit. Dennoch entschieden zu kalt für seinen Geschmack und den seiner sonnenverwöhnten Männer. Wollten sie nicht herausfordern, dass die ‚Hadrian II‘ im Hafen von Eis umschlossen wurde oder absehbare Winterstürme Ost- und Nordsee unpassierbar machten, sollten sie so schnell wie möglich weiter nach Maghreb segeln. Bisher war ihnen das Glück hold und verschonte sie von Frösten und stürmischen Winden. Glück war endlich. Die häufig rieselnden Schneeflocken eine Erinnerung daran.

Die Ruine des Burgklosters verströmte immer noch einen beißenden Geruch nach Brand, der es im vergangenen Jahr zerstört hatte, obwohl Schnee die Wunden des Gebäudes zu verdecken suchte. Man munkelte, die Verbrennung einer Teufelsanbeterin wäre von ihrem Herrn und Meister gegen die Henker gerichtet worden. Wirres Zeug, genährt von christlichen Fanatikern. Deshalb hätte er das Drachenarmband auch niemals hier in Lübeck oder einer anderen christlich verseuchten Stadt fertigen lassen.

Eine Gruppe Dominikaner Mönche kam ihm entgegen, als hätten seine Gedanken sie herbeigerufen. Er konnte spüren, wie sie ihn aus den Schatten der Kapuzen misstrauisch beäugten. Alle Edelleute kleideten sich farbig, um irgendwie aufzufallen, ihren Reichtum zur Schau zu stellen. Die Bauern und Arbeiter hingegen fluteten die Straßen mit gedeckten braunen und grauen Tönen. Seine Kleidung war die eines Edelmannes aber eben von den Stiefeln bis zum Hut schwarz. Selbst die Feder an seiner Kappe. Überlegten die Dominikaner, ob ihnen gerade Satan selbst begegnete?

Innerlich lachte er über deren verschrobenes Gedankengut, von dem man kaum irgendwo verschont blieb. Höflich zog er zum Gruß die Kappe und setzte sie schmunzelnd wieder auf, als die Kerle vor Schreck fast übereinander stolperten. Er lenkte seine Schritte zu dem Rand der Stadtmauer, wo die Schmieden standen, rief sich die Beschreibung Ellens und ihres Bauerntölpels in Erinnerung und stand schließlich vor einem massiven geschlossenen Tor, welches der Beschreibung glich. Hammerschläge drangen zu ihm, der Geruch von Feuer und heißem Metall. Einen Türklopfer gab es nicht, also bediente er sich eines losen Pflastersteins und schlug den gegen das Tor, um die Hammerschläge zu übertönen.

Das Hämmern verstummte tatsächlich. Kurz darauf wurde das Tor gerade so weit geöffnet, dass ein kräftiger grauhaariger Mann Schädel und Brust durch den Spalt schieben konnte, um nachzusehen, wer Einlass begehrte.

„Mein Herr?“

Die Augen des Mannes begutachteten ihn ebenso wie zuvor die Dominikaner, aber weniger eingeschüchtert.

„Seid Ihr Veit der Schmied?“

„Wer fragt danach?“

Hmm, der Mann ließ sich von teurer Kleidung nicht umgehend zu kriecherischer Beflissenheit hinreißen. Eine angenehme Abwechslung.

„Kapitän Adrian Wolf. Handelsfahrer. Ich hörte, Ihr fertigt die besten Schwerter und Dolche in dieser Region.“

Er wollte sein tatsächliches Anliegen nicht hier auf der Straße vorbringen, wo womöglich unerwünschte Ohren lauschten. Ein Gefühl sagte ihm, dass seine, wenn auch kurze Nachricht, besser hinter verschlossener Tür und nur vor den Bestimmten ausgesprochen wurde.

Das Tor öffnete sich weiter. Der schwere Lederschurz wurde in ganzer Länge sichtbar, wie auch Brandflecken von Funkenflug am Wams des Schmiedes.

„Tretet ein Kapitän Wolf. Es würde mir schmeicheln, wenn Ihr an meinen Werken Gefallen findet.“

Hinter ihm drückte der Schmied das Tor wieder zu und legte einen schweren Riegel um, dann wies der Mann einladend auf den Eingang seiner Schmiede. In dem Innenhof sahen ihn zwei Buben mit großen Augen an. Verharrten in ihrem Spiel mit einem seltsamen Knäuel. Die Herrin des Hauses hängte Wäsche an eine Leine unter einem Überstand in dem ein sichtlich altes Pferd Heu genoss. Auch die Frau verharrte in ihrer Tätigkeit und beobachtete ihn mir gerunzelter Stirn. Nur das Pferd zeigte sich völlig unbeirrt und fraß einfach weiter.

Höflich schwenkte er den Hut zum Gruß, dann folgte er der Einladung die Schmiede zu betreten. Nach der Kälte im Freien war die Temperatur darin höllisch. Die Esse glühte, dünner Qualm stieg auf und zog in den Schlot. Schwerer Hammer und ein länglicher Rohling lagen auf dem Amboss, fertige Stücke hingen feinsäuberlich nach Größen sortiert an den Wänden.

Wie konnte der Schmied hier drin noch atmen? Geschweige denn arbeiten? Ihm brach der Schweiß jetzt schon aus, ohne etwas zu tun.

„Darf ich Hut und Mantel ablegen? Es ist etwas warm hier drin.“

„Natürlich, mein Herr.“

Der Schmiedemeister nahm ihm die Kleidung ab und hängte sie an einen dicken Haken bei der Tür. Ursprünglich wollte Adrian nur seine Nachricht überbringen und gleich wieder gehen. Aber bei dem Anblick der herrlichen Klingen mit ebenso schönen Griffen verfiel er fast in Ehrfurcht. Er konnte nicht anders als die Stücke nacheinander zu bewundern, in die Hand zu nehmen, Gewicht und Ausgewogenheit zu spüren. Einen Dolch legte er auf den Amboss. Der war schon so gut wie sein Eigentum und auch eines der Schwerter schien in allem wie für ihn gemacht. Er legte einen Geldbeutel zu den Stücken, um dem Schmied zu bedeuten, dass er zahlungsfähig war.

Plötzlich spürte er etwas spitzes im Nacken und der Schmied richtete die von ihm erwählte Schwertklinge seitlich auf seinen Hals. War er an räuberisches Gesindel geraten? Wollten sie die pralle Börse ohne Gegenleistung?

„Wie kommt Ihr zu diesem Armreif an Eurem Handgelenk?“, fragte eine greise männliche Stimme hinter ihm.

Der Armreif? Wieso war dem wichtig, wie er darangekommen war?

„Ich ließ ihn mir fertigen.“

Das Stechen im Nacken ruckte schmerzhaft und auch die Klinge des Schmiedes ritzte seine Haut. Er könnte sich aus dieser Lage recht simpel und ohne weitere Kratzer befreien, aber seine Neugier war geweckt.

„Blödsinn!“, krächzte die greise Stimme.

Blödsinn? Wo hatte er dieses Wort schon mal gehört?

„Das ist Ellens Armreif!“, behauptete eine Frauenstimme hinter ihm. „Wir erkennen das Stück, wenn wir es sehen. Davon kann es kein zweites geben.“

„Habt Ihr das gestohlen?“, fragte der Schmied grantig. „Ellen hätte sich nie freiwillig davon getrennt. Habt Ihr sie getötet?“

Langsam wurde ihm das Gezeter um seinen Armreif sehr suspekt. Schon der Gemahl der Grünäugigen hatte ihn des Diebstahls bezichtigt. Wohingegen diese Ellen behauptete, ihr Gemahl würde sich irren und hätte ihre Rosenranke aus Bronze nur mit dem goldenen Drachen verwechselt. Diese Leute meinten wiederum, dass der Armreif unverkennbar wäre. Davon gab es keinen Zweiten! Nicht einmal ein ähnliches Stück. Zumindest nicht auf so einem kleinen Flecken Erde. An so viel Zufall glaubte er nicht. Er hatte damit gerechnet, dass man ihm irgendwann vorwerfen würde unchristlichen Schmuck zu tragen, aber bestimmt nicht, dass man ihn schon seit der Fertigstellung des Diebstahls bezichtigen würde.

„Ihr redet von Ellen und Mikael? Wegen der beiden bin ich hier. Ich soll Veit und einem Gelehrten namens Isaak eine Nachricht ausrichten.“

„Was für eine Nachricht?“

„Dass es ihnen gut geht und ihr euch nicht sorgen müsst. Würdet ihr nun bitte die Waffen von mir nehmen. Ich schätze gar nicht, hinterrücks bedroht zu werden.“

Der Stachel in seinem Nacken verschwand. Der Schmied behielt seine Bedrohung jedoch bei. Ein kleiner greiser Mann trat um ihn herum, eine Mistgabel in der Hand. Der Kleidung und den merkwürdigen Resten Bart in seinem Gesicht nach, ein Mann jüdischen Glaubens.

„Ich bin Isaak. Wo seid Ihr den beiden begegnet?“

„In dem Dorf Lyva, höher im Norden. Dort ließ ich mir von dem Goldschmiedemeister Edo auch das Armband fertigen.“

„Das ist nicht möglich“, brachte der Schmied knurrig hervor.

Der Greis hob die Hand. Was der Schmied sonst noch sagen wollte, blieb unausgesprochen.

„Ellen sah das Armband an Euch?“

„Ja. Natürlich,“

„Was sagte sie dazu?“, der Greis strich nachdenklich über seinen versenkten Bart.

„Sie wirkte zunächst verwirrt. Sagte dann jedoch, ihr Verlorener wäre eine Rosenranke aus Bronze gewesen.“

„Was für eine irrwitzige Geschichte habt Ihr Euch da ausgedacht!“, giftete Veit.

Der alte Mann drückte die scharfe Klinge jedoch vorsichtig von ihm fort.

„Wenn Ellen sagt, ihrer war eine Rosenranke, dann war dem auch so, Veit.“

„Was?“

Ja, Was. Was stimmte nicht mehr, seit er in Lyva war! Und ein inneres Gefühl sagte ihm, dass dieser alte Mann das Rätsel aufklären könnte. An die Rosenranke glaubte er mittlerweile nicht mehr anhand dieser vielen verwirrenden Reaktionen.

„Ihr solltet diesen Armreif hier in Lübeck besser niemanden sehen lassen, Kapitän Wolf. Das könnte unerwünschte Erinnerungen wecken und Euch in Ketten im Kerker enden lassen.“

Das wurde immer bizarrer.

„Ist es zu viel verlangt, wenn ich dafür eine Erklärung erwarte?“

„Die Erklärung würde Euch nur verwirren und Veit auch.“

Mit dem Zeigefinger tippte er auf die knochige Brust.

„Ich will die Erklärung hören! Um meinen Geisteszustand braucht Ihr Euch nicht zu sorgen!“

Der Isaak genannte gackerte leise und grinste verschmitzt.

„Nun, ich muss Euch das aber nicht erklären. Ich denke, alles ist so wie es sein soll. Bis darauf, dass Ellen und Mikael noch in Lyva sind.“

Der Schmied sah den Alten ebenso verwirrt an wie er sich fühlte. Doch dann nahm der Mann seinen Geldbeutel, schüttete den Inhalt auf eine Tischplatte und zählte von dem Gold und Silber einiges ab. Den Rest strich er wieder in den Beutel und reichte ihm den samt der ausgewählten Klingen in den dazugehörigen Scheiden.

„Habt Dank, für den Kauf, Kapitän. Doch nun zieht bitte Eurer Wege.“

Er sollte gehen? Ohne jede Erklärung? Der Greis reichte ihm Mantel und Kappe. Nein. Er wollte so nicht gehen! Etwas piekte ihn in den Rücken.

„Mein Gemahl wünscht, dass Ihr geht!“

Verdammt noch mal! Natürlich könnte er sie alle zu Boden strecken, doch eine diplomatischere Unterhaltung schien ihm angemessener. Heute würde die aber kaum stattfinden. Er warf den Mantel über seine Schultern und setzte den Hut auf.

„Mag Euer Auftreten auch nicht von Geschäftssinn zeugen, ich werde Eure Schmiedekunst dennoch weiterempfehlen.“

Letzten Endes wusste er nicht, wie ihn die Füße zu seinem Schiff getragen hatten. Seine Faust schlug auf die Reling, sein Blick schweifte unruhig über die Häuser von Lübeck.

„Wir können ablegen, Adrian. Das Wetter ist gut und der Wasserstand ideal.“

Er hatte das Gefühl hierbleiben zu müssen! Erklärungen einzuholen, damit das Gewebe von rätselhaften Äußerungen und diese innere Unruhe Auflösung fanden. Aber er versprach seiner Mannschaft den Winter in Maghreb zu verbringen. Ein Wolf stand zu seinem Wort. Hätte er beide Schiffe hier, würde er mit der ‚I‘ und Notbesetzung bleiben. Da er aber nicht wusste, ob er das andere Schiff je wieder nutzen konnte, mochte er sich von diesem nicht so lange trennen.

„Ablegen!“

„Aye, aye, Kapitän.“

Jörn ging und bellte den Männern Befehle zu. Die Planke wurde eingeholt, Leinen vom Kai gelöst. Das erste Segel entfaltete sich und die ‚Hadrian II‘ vergrößerte langsam den Abstand zum Anleger. Taue und Schiffskörper knarrten vertraut, das Wasser begann am Bug zu rauschen. Liebliche Geräusche. Das war seine Welt. Aber heute, heute fühlte es sich nicht richtig an. Im Frühjahr, sobald das Wetter es zuließ, würde er wiederkommen!

4. Kapitel

Lübeck, April 1238

Länger als ein Jahr war vergangen, dass er hier stand und auf eben diese Häuser schaute. Jetzt allerdings in trüben Dunst gehüllt. Eine viel zu lange Zeit, ungewollt. Alles schien seinerzeit gegen ihn gewesen zu sein. Auf der Nordsee waren sie von einem Wintersturm in den nächsten geraten, als wolle der Wind ihn zurück in den Norden blasen. Immer wieder mussten sie Häfen anlaufen, um das Schiff zu reparieren, bis sie irgendwann endlich Maghreb erreichten. In der Zeit dort fanden seine Gedanken keine Ruhe, seine Sinne keinen Genuss, wie er es sonst von Arbat gewohnt war. Und im Frühjahr zwölfhundertsiebenunddreißig dann, kurz vor seiner Abreise … stahlen ihm verdammte Piraten die für die Fahrt nach Lübeck gerüstete ‚Hadrian II‘ aus dem Hafen.

Es hatte Monate in Anspruch genommen ein Schiff für die Verfolgung zu organisieren und die Küstenstriche nach der ‚II‘ abzusuchen. Die Rückeroberung war mit seiner Mannschaft dagegen ein Kinderspiel gewesen. Doch für eine Rückkehr nach Lübeck war es da längst zu spät. November! Das hätte wieder nordische Winterstürme bedeutet. Und deswegen vermutlich keine zeitnahe Rückkehr nach Maghreb, um den Winter dort zu verbringen. Jetzt hatte er zwar wieder zwei Schiffe, das Ersatzschiff, mit dem sie seine ‚II‘ jagten, tauften sie kurzerhand auf ‚Hadrian III‘, aber eingeschlossen ihm war niemand Willens in das stürmische Nordmeer zu fahren und den nasskalten Winter in Kauf zu nehmen.

Jetzt war er wieder hier! Und sein erster Weg würde zu dem Schmied führen. Hoffentlich lebte der jüdische Greis noch, um ihm Rede und Antwort zu stehen. Danach gedachte er nach Lyva zu segeln, um nachzusehen, was von der ‚Hadrian I‘ und den eingelagerten Waren übrig war.

„Käpt’n?“

„Was?“

Das dunkle Gesicht von Murasa war von Kummer gezeichnet.

„Ich hoffe, du findest hier wieder zu dir selbst, Adrian. Keinem ist entgangen, wie rastlos du seit der Rückkehr aus Lyva geworden bist. Warum wir in Lübeck halten, leuchtet uns nicht recht ein, aber ja, deine Verwirrung scheint hier noch zugenommen zu haben.“

„Um diese Verwirrung aufzuklären bin ich hier, lieber Freund. Lass die Planke auslegen. Ich möchte keine Zeit verlieren.“

Sein Puls beschleunigte immens, als er der Schmiede näherkam, das schwere Tor vor Augen hatte. Weshalb? Das war kein verstohlener Besuch bei einer Geliebten. Und doch war ihm, als würde genau so etwas dort auf ihn warten. Irrsinnig. War das immer noch der Pflasterstein des letzten Mals? Er nahm ihn auf, wollte gegen das Tor schlagen, doch wie von Geisterhand öffnete es sich.

Die Geisterhand klärte sich schnell. Der Schmied hatte es aufgesperrt und winkte ihn mit mürrischem Gesicht herein. Er musste ihn kommen gesehen haben, doch die Bereitwilligkeit, mit der er ihn einließ, war erstaunlich nach der letzten Begegnung. Hoffte er auf ein lukratives Geschäft? Waren ihm die Mittel ausgegangen?

Im Innenhof spielten wieder die Kinder. Der Pferdestall war diesmal leer. Ein Mädchen saß mit Handarbeit auf der Bank neben der Tür des Hauses. Veit winkte ihm in die Schmiede zu folgen.

Sofort schlug ihm wieder die Hitze entgegen.

„Mantel, Kappe!“, der Schmied winkte ungeduldig mit den Fingern.

Was für eine merkwürdige Begrüßung. Er reichte dem Mann beides. Als seine Sachen am Haken hingen, ging Veit zu einer Ecke des Raums, wo Tuch wie ein Vorhang hing. Der Schmied zog es zur Seite. Auf Hockern saßen zu ihm gewandt der jüdische Greis, die Gemahlin des Schmieds und die alte Frau aus dem Dorf Lyva. Nera, wenn er recht erinnerte. Zwei weitere Schemel waren unbesetzt. Das sah aus, wie ein Tribunal! Was erwartete ihn hier?

„Setzt Euch, Kapitän. Dann erfahren meine Gemahlin und ich hoffentlich, warum unser Heim zu einem unruhigen Taubenschlag geworden ist.“

Adrian nickte den Versammelten kurz zu und setzte sich ihnen gegenüber.

„Ich habe … gesehen, dass Ihr kommt, Adrian. Deshalb bat ich Veit das Tor zu öffnen.“

Das Nera gesehen nicht wie ‚gesehen‘ meinte, brauchte er nicht zu hinterfragen. In Lyva sagt man ihr nach, sie habe das dritte Auge.

Nera sah einmal in alle Gesichter, dann stieß sie aus: „Sie sind fort! Ellen und Mikael.“

Alle Aufmerksamkeit richtete sich auf sie. Außer ihm schien auch sonst keiner etwas mit dieser Feststellung anfangen zu können. Hatten die beiden Lyva verlassen? Waren sie weitergezogen? Doch, der Greis wirkte, als sage ihm das etwas.

„Warum erzählst du das erst jetzt, Nera?“, fragte der alte Isaak. „Du bist seit gut vier Wochen hier, ohne uns den Grund für deinen Besuch zu nennen.“

„Und nimmt Obdach und Kost bei uns in Anspruch, ohne danach zu fragen, ob sie willkommen ist“, sagte Veit garstig.

„Ich wollte warten, bis Kapitän Wolf hier ist. Und Ihr habt mich ja auch nicht auf die Straße geworfen.“

„Wo sind Mikael und Ellen hin?“, wollte Veit wissen.

„Heim gegangen. Alles ist wieder an seinem Platz. Nur meine Tochter Thori nicht. Ich hoffte, dass Ellen sie mir zurückbringen kann, aber ihre Aufgabe war wohl eine andere.“

Adrian hob die Hände und spürte, wie er vor Verwirrung den Kopf schüttelte. Nur Isaak zeigte ein wehmütiges, aber erleichtertes Schmunzeln.

„Wartet, wartet. Ich kann dem Ganzen nicht folgen“, stöhnte Adrian. „Was hat das alles mit mir zu schaffen? Weshalb bin ich von Unruhe gebeutelt, seit ich in Lyva war? Warum bezichtigt mich jeder des Diebstahls des Armreifes, obwohl ich ihn selbst entwarf?“

„Weil der Ellen gehörte … und auch dir. Und das Schmuckstück kann in einer Zeit nicht zweimal existieren.“

„Ich bin immer noch sehr, sehr verwirrt, gute Frau. Mir scheint, es fehlt noch ein wichtiges Detail in der Erklärung.“

Der Isaak genannte begann die Hände umeinander zu ringen. Sein Blick glitt nervös zur Frau des Schmieds, zu Veit und zu ihm.

„Ellen …“, begann er zaghaft. „… war nicht aus unserer Zeit. Sie wird erst in über siebenhundert Jahren geboren und Mikael wahrscheinlich auch.“

Ähm … was vernahmen seine Ohren? War er in einem bizarren Traum gefangen? Veit sprang von seinem Schemel und stampfte im Kreis in der Schmiede herum.

„Ich beherberge Geistesschwache! Ellen war mir schon nicht geheuer, was hier in Lübeck seit ihrer Ankunft geschah, war nicht geheuer, Nera ist sehr dubios und Ihr, Adrian, seit mir auch nicht geheuer mit dem Armreif!“

„Setz dich, Veit und ich erzähle euch Ellens Geschichte“, sagte Isaak ruhig. „Adrian, nehmt Ihr mich auf Eurem Schiff mit, wenn Veit mich anschließend hinauswirft?“

Wollte er einen kleinen verrückten Mann auf seinem Schiff haben? Er zuckte die Schultern. Warum nicht. Irgendwie schien ohnehin alles aus den Fugen zu geraten. Isaak stand auf, kramte in einer dunklen Ecke und kam mit einem Pergament zurück.

Wenn der Schmied sich auch nicht wieder setzte, so lauschte er doch angespannt wie sie alle der Erklärung des greisen Isaak. Was sie hörten, war … schwer verdauliche Kost. Und nicht wirklich zu glauben. Ebenso Neras Schilderung, wie Ellens Aufenthalt endete. Dabei zweifelte er nicht an, dass es keltische Druidentore gab, was er aber keinen hier wissen lassen würde, weil seine Mutter selbst aus einem Kessel mit Wasser solche Tore hervorrufen konnte. Bis zu ihrem Tod hatte er häufig dabei zugesehen. Aber nichts, was er in all den Jahren erblickte glich einem saugenden aufsteigenden Wasserwirbel. Da war auch nie tosendes Gebrüll. Leises Rauschen des Wasserrandes, ja und darin nur waberndes Lichterspiel. Hätte man in dieses Spiegelähnliche Gebilde hineingehen können? Wäre man in irgendeiner anderen Zeit herausgetreten? Seine Mutter hatte nichts dergleichen getan. Sie hatte das Gebilde nur leise angesprochen und ihm war oft, als wispere es zurück, wie eine Unterhaltung wo der Gesprächspartner verborgen blieb.

„Wie soll das nun mit mir in Zusammenhang stehen?“, fragte er, nachdem nachdenkliche Stille eingekehrte. „Außer, dass ich wohl den Armreif entwarf, den Ellen trug.“

„Es ist naheliegend, dass sie deine Nachfahrin ist“, erwiderte Nera. „Ihr tragt beide keltisches Druidenblut in euch. Das erzähltest du selbst auf deinem Geburtstag. Ellens mag durch die Jahrhunderte stark verwässert sein, aber sie war dennoch von den Mächten mit einer Aufgabe betraut. Dass es dich nach Lyva trieb, wird auch seinen Grund gehabt haben. Das keltische Endlosmuster in deinem Armreif … alles ist miteinander verwoben, nichts geschieht ohne Grund. Warum gab es diesen speziellen Goldschmied ausgerechnet in Lyva? Weil dort meine Tochter durch ein Druidentor verloren ging. Deine Aufgabe besteht darin, sie zurückzubringen.“

Jetzt hielt es ihn auch nicht mehr auf dem Schemel. Wie zuvor Veit, schritt er nun eine Runde nach der anderen in der Schmiede ab. Susann, die Frau des Schmieds stand ebenfalls auf und strich ihre Röcke glatt.

„Lasst von diesem unsinnigen unchristlichen Zeug nur nichts die Kinder hören! Und ich wäre sehr dankbar, wenn ihr, Nera und Isaak, euch eine andere Bleibe sucht!“

Damit schritt sie hinaus. Eine verständliche Reaktion. Wäre er nicht mit keltischen Riten aufgewachsen, hätte er vermutlich ebenso reagiert.

„Nera und Isaak können auf meinem Schiff Quartier beziehen. Sobald es geht, will ich nach Lyva aufbrechen.“

Vor Freude strahlend sprang Nera auf. Er blieb stehen und sah sie scharf an.

„Nicht wegen deiner Aufgaben-Faselei! Ich will nach meinem Schiff sehen, die Mannschaft abholen und meine Waren.“

„Es hatte gewiss einen mystischen Grund, warum dein Schiff unbeweglich in Lyva blieb“, erwiderte Nera mit einem Gackern wie ein Huhn.

„Der Grund waren plündernde Samogiten, wie Ihr wisst! Daran ist nichts Mystisches.“

„Da wäre noch etwas“, merkte Isaak verhalten an.

Der Himmel schien kein Erbarmen mit ihm zu haben! Was folgte nun noch?

„Und das wäre?“

„Nera erzählte, in Lyva wäre viel Platz für Heimatlose. Sofern du deine Waren aus den Gebäuden holst. Hier im Wald leben einige Geächtete unter bedauerlichen Bedingungen, die sich feste Dächer über den Köpfen wünschen. Können wir sie mitnehmen?“

Er strich sich über die angespannten Gesichtsmuskeln. Würde er jemals wieder auf richtige Handelsfahrt gehen, wo alles nach gewohntem Rhythmus ablief?

„Bei den keltischen Ahnen“, brummte er in seine Hände. Dann sah er Isaak an. „So der Himmel will! Sie sollen zu meinen Schiffen kommen.“

„Das geht nicht. Sie können die Stadt nicht betreten, ohne in Ketten zu enden. Aber wenn Ihr auf der Trave beim Wald halten könntet und sie mit Ruderbooten aufnehmt …“

Seine Nerven waren mittlerweile etwas überstrapaziert. Unwirsch wedelte er durch die Luft.

„Dann eben so!“

Isaak trat einen Schritt auf ihn zu. „Dann ist da noch etwas.“

Oh, Himmel! Warum überraschte ihn das nicht?

„Sprecht Euch aus, Isaak. Und bitte … diesmal gleich alles, was drückt.“

„Die Leute im Wald wissen noch nichts von dieser Möglichkeit. Und wir, Nera und ich, möchten nur denen die neue Heimat bieten, die das auch verdienen und zudem in Lyvas Gemeinschaft passen. Ich war schon lange nicht mehr im Wald. Würdet Ihr das Waldlager mit mir und Nera aufsuchen?“

Das klang nicht danach, als könnten sie schon morgen früh ablegen. Aber gut, was sollte es. Irgendwie war das eine Verkettung von …, ach bei Poseidons Schwanz, wenn anschließend die Unruhe in ihm endete, war es die ganzen Umwege und Umständlichkeiten wert gewesen.

„Isaak? Es spräche von Höflichkeit, wenn Ihr mich nach einem Preis für die Passagen und den Aufwand fragtet. Ich bin Geschäftsmann.“

Das Gesicht des Alten rötete sich. Verlegen rang er die Hände.

„Und sicherlich einer, der Frauenherzen schon im Vorbeigehen bricht, bei Eurer Statur und den ebenso göttlichen Zügen. Ähm …“

„Schmeicheleien füllen keine Lohnbörsen. Also?“

„Nun, ich … was schwebt Euch vor, Kapitän? Wobei ich gestehen muss, mehr als Gebete an die Götter Eurer Wahl kann ich nicht entrichten.“

Das überraschte nicht. Diese verschlissene Erscheinung hortete garantiert keine finanziellen Mittel. Und geächtete Waldbewohner sicher auch nicht. Das war ihm schon vor seiner Frage bewusst gewesen, aber er wollte unterbinden, dass seine Unterstützung als selbstverständlich erachtet wurde, nur weil sie gemeinsam Bekannte in Ellen und Mikael hatten.

5. Kapitel

„Wir benötigen drei Pferde für den Waldbesuch“, sagte Isaak, während er den Beutel mit seinen Utensilien auspackte und alles feinsäuberlich auf dem kleinen klappbaren Tisch des ersten Maates aufreihte. Viele Pergamente waren dabei und Tintenfässchen mit Schreibfedern.

„Leiht uns der Schmied sein Pferd? Und andere Eurer Bekannten?“

„Das war Mikaels Pferd ‚Alter Gauner‘. Im vergangenen Jahr ist er friedlich eingeschlafen. Seine Zeit war gekommen. Schon Mikaels Vater bestritt mit ihm Gefechte.“

Offensichtlich weitete sich seine Unterstützung auch auf unvorhergesehene Ausgaben aus.

„Die Auslagen kann ich Euch mit Schreibarbeiten vergüten, Kapitän?“

„Nein. Ich schreibe meine Dokumentationen selbst. Ich beschaffe Pferde. Morgen früh reiten wir in den Wald. Womöglich können wir dann abends noch ablegen. Dann wäre der Wasserstand passend.“

„Danke, ich stelle derweil meine Pergamente fertig. Das eilt nun.“

„Wie ich sehe, wollt Ihr Nera Eure Koje überlassen, Isaak?“

„Ich schlafe auf dem Boden. Kann nicht schlimmer sein als der Boden der Schmiede.“

Mit den klapprigen Knochen auf blanken Holzplanken? Der Mann war genügsam.

„Ich besorge Euch etwas, damit Ihr nicht auf dem harten Boden liegen müsst.“

Im Gang warteten Murasa und Jörn auf ihn. Mit verschränkten Armen lehnten sie an der Wand und sahen ihn fragend an.

„Also verschieben wir die Abfahrt um ein bis zwei Tage, meine Freunde. Ich weiß noch nicht, wie viele Passagiere wir aufnehmen werden.“

„Läuft nach Lyva alles wieder in gewohnter Weise, Käpt‘n?“

„So der Himmel will, ja, Jörn.“

Der Ritt zog sich länger hin, als Adrian vermutet hatte. Der Wald war groß, die beiden Pferde der alten Leute träge in ihren Bewegungen. Deswegen hatte er sie ausgewählt, aber nicht damit gerechnet, dass der Weg so weit sein würde. Auf einer Lichtung hielt Isaak schließlich an. Wenn hier ein Lager gestanden hatte, war davon nichts mehr zu sehen. Nicht mal Abdrücke im Boden.

„Vielleicht sind sie wieder im Moor“, überlegte der Greis laut.

Großartig. Sie mussten also den Wald nach diesen Menschen absuchen. In dieser Schleichgeschwindigkeit. Jetzt hatte er sich darauf eingelassen, nun würde er auch bis zum Ende mitgehen. Aber das nächste Mal fragte er intensiver nach, bevor er seine Hilfe zusagte.

Die Nachmittagssonne rückte merklich tiefer, als er Warnrufe vernahm. Er war Isaak und Nera einige Längen voraus, weil sein Pferd nicht so langsam wie die Ackergäule gehen konnte. Aus dichtem Gesträuch sprangen ihn drei Männer an und versuchten ihn aus dem Sattel zu reißen. Er trat und boxte und die Klingen lagen so schnell in seinen Händen, dass die Männer erschrocken einige Schritte zurückwichen.

„Halt! Halt!“, rief Isaak und kam in Zockeltrab angeritten. „Thomas, Rudi, Martin! Hört auf, der Mann gehört zu mir!“

„Isaak? Bist du das wirklich?“, fragte der braunhaarige Mitvierziger und raffte sich vom Boden auf.

„Natürlich du alter Holzhacker.“

„Was ist das hier für ein Kerl? Ist die Teufelsschlampe zu einem Mann geworden? Schwarze Kleidung wie sie, der Armreif, und so kämpfen tut er auch.“

„Thomas, halt dein dreckiges Mundwerk!“, wies Isaak den blondgrauen Kerl zurecht. „Das ist Kapitän Adrian Wolf und wir haben mit Martin und seiner Frau etwas zu bereden.“

Adrian wies mit dem Schwert auf seine Kappe, die am Boden lag. Der Jüngste verstand den Wink und reichte sie ihm. Den Thomas genannten mochte er jetzt schon nicht. Der andere, braunhaarige trat vor.

„Dann kommt mit zum Lager. Martha wird euch einen Tee brauen.“

Das Lager war wirklich ein bejammernswerter Behelf. Über Äste und zwischen Bäume gespanntes Segeltuch, diente als Unterkünfte. Im Winter sicherlich kein Vergnügen. Dazwischen hingen mürbe Kleidungsstücke so tief, dass sie über die Rücken von Ziegen streiften, die darunter grasten. Jeder den er sah, trug nichts besseres als Lumpen am Leib.

Er war auch primitiv aufgewachsen, in einer geräumigen Höhle. Darin war selbst im Winter die Temperatur recht angenehm geblieben. Und seiner Mutter war es immer irgendwie gelungen ihn und sich ordentlich zu kleiden. Später hatte er dafür gesorgt und sein Handelsgeschick genutzt, um ihre Lebensumstände wesentlich zu verbessern.

„Zu Mikaels Zeiten sah alles ordentlicher aus“, raunte Isaak. „Wo ist Eirik?“, rief er darauf dem Mann namens Martin zu.

„Schon kurz nach Mikaels letztem Besuch mit Helga und Brida fortgegangen. Sollen ihn und die beiden verlogenen … Damen der Teufel holen.“

Eirik, Brida und eine Helga? Er verfügte über ein gutes Gedächtnis und ein unbestimmtes Gefühl sagte ihm, dass es besser war, nicht zu erwähnen, wo er dieser Namenskombination begegnet war.

Viele Augen blickten ihn misstrauisch an. Manche gar feindselig. Sie hielten vor einem der Zelte. Isaak stieg ab und half Nera von ihrem Pferd.

„Ist das Ellens Mann?“, hörte er die Frau neben Martin in dessen Ohr flüstern. „Dann kommt er etwas spät.“

„Ist er nicht“, antwortete Isaak laut an Martins statt. Dann beugte er sich zu dem Mann und seiner Frau und flüstere ihnen recht ausführlich etwas zu. Als er endete, nickten die beiden leicht.

Martins Frau setzte einen Kessel mit Wasser auf, streute trockene Blätter hinein und ging entspannt zu zwei jungen rothaarigen Frauen, die mit Kindern spielten. Isaak deutete auf einen umgestürzten Baumstamm.

„Setzt Euch Nera, Kapitän Wolf. Die Leute, die Martha und Martin gleich zu uns schicken, möchte ich gerne mitnehmen, sofern die einen Ortswechsel wünschen. Ich will das nicht vor allen kundtun, denn viele sind garstig, haben Mikael und Ellen fast bis zum Tod verraten und würden den anderen nicht gönnen ein besseres Leben zu führen als das hier. Zu was für weitere Bosheit sie fähig sind, möchte ich nicht herausfinden, deshalb müssen die Flüchtlinge das Lager dann irgendwie verlassen, ohne dass die anderen etwas bemerken.“

Das schien schon wieder komplizierter zu werden als er gedacht hatte. Konnte denn nicht irgendwas mal ganz einfach gehen?

Martha kam mit den beiden Rothaarigen zu ihnen und den zwei Kindern. Die jungen Frauen gossen den Tee auf, zogen Becher hervor und schenkten ihnen ein. Es sah einfach so aus, als hätte Martha sie dazu eingeteilt die Gäste zu bewirten.

„Diese beiden sind eigentlich … nun ja …“

„Dirnen“, vervollständigten Adrian und Nera gleichzeitig sein Gestammel.

„Ja. Aber sie sind herzensgut, nur vom Leben gebeutelt.“

„Ich mag sie“, sagte Nera. „In Lyva muss niemand wissen, womit sie bisher ihr Brot verdienten. Sie sind jung und kräftig. Das allein zählt.“

Isaak nickte den Frauen und Martha zu. Lächelnd nahmen die Rothaarigen ihre Kinder auf den Arm und gingen zu dem Platz, wo sie zuvor spielten.

Als nächstes kam der Junge dunkelhaarige Bursche, der ihn mit aus dem Sattel reißen wollte. An seinen Seiten liefen zwei wesentlich kleinere Ausgaben. Eines davon ein Mädchen. Jeder von den dreien trug eine kleine Portion Heu in den Armen. Der große Bub legte es vor Adrians Pferd, die Kleinen kümmerten sich jeweils um die beiden Ackergäule. Der Große stand ihnen somit am nächsten, während er mit einer Bürste begann über das Gesicht des Pferdes zu striegeln.

„Rudi und seine Geschwister“, sagte Isaak. „Der Beste und Fleißigste neben Martin und seiner Frau. Was ist mit deinem Vater, Rudi? Den will ich nicht. Wäret ihr bereit, euch von ihm zu trennen?“

Der Junge lief zornesrot an.

„Das Schwein soll zur Hölle fahren!“, erschrocken sah er Adrian an. „Verzeiht, edler Herr, ich wollte nicht …“

Adrian winkte ab.

„Dem Käpt’n ist solcher Wortgebrauch vertraut, Rudi. Hat Jorge sich noch weiteres zu Schulden kommen lassen als mir bekannt ist?“

Der junge fast Erwachsene nickte zu dem kleinen Mädchen, welches sich herzig um das mächtige Pferd von Nera kümmerte.

„Anna schläft jetzt nur noch eng bei mir. Der Alte wollte sich an ihr …du weißt schon, Isaak.“

Adrian sträubten sich die Nackenhaare. Was für Schicksale beherbergte dieses Lager?

„Die sind auch willkommen“, sagte Nera.

„Da gehören noch zwei kleine zu. Wo sind sie, Rudi?“

„Im Wald, Holz sammeln.“

Nera lachte leise. „Diese Kinder werden unser Leben sicherlich bereichern.“

„Was ist mit dem jungen Heinrich und Thomas‘ Sohn?“

„Heinrich lief schon vor einiger Zeit davon und der andere ist mittlerweile wie sein Vater.“

Isaak nickte ihm zu. „Martin und Martha werden euch sagen, was ihr wann zu tun habt.“

„Danke, Isaak. Oh, vielen, vielen Dank.“

„Schon gut, Rudi. Jetzt nimm die Kleinen und macht vorerst, was ihr immer tun würdet. Und achte darauf, dass sie nichts ausplappern.“

Als Rudi mit den beiden Kleinen davonrannte kam Martin langsam angeschlendert, stülpte einen Eimer vor ihnen um und setzte sich darauf. Martha reichte auch ihm einen Becher Tee und setzte sich zu ihnen.

„Wollt ihr beiden denn auch mitkommen oder lässt euer Verantwortungsgefühl nicht zu, diesen Sauhaufen zu verlassen?“

Martin sah seine Frau an. Die nickte.

„Wir kommen mit. Aber es wird mühsam unser ganzes Zeug … bis wohin zu schleppen?“

„Bis zur Trave. Du hast diese große Buche sicherlich schon gesehen, deren Äste wie ein Dach bis auf den Boden hängen?“

„Ja. Davon gibt es zwischen Lübeck und dem Privall nur eine.“

Adrian betrachtete das einzige vernünftig aussehende Zelt aus Segeltuch, vor dem sie saßen.

„Das Segeltuch braucht ihr nicht. Auch keine Decken. Davon habe ich genug an Bord. Töpfe und Pfannen sind ersetzbar. Sagt der kleinen Truppe, sie sollen nur mit dem, was sie am Leibe tragen, gehen. Einzeln, als wolltet ihr im Wald Aufgaben verrichten. Dann macht weit vom Lager einen Sammelpunkt aus und seid bei dieser Buche, wenn das Tageslicht zur Abenddämmerung wird. Morgen schon. Es wird für eure Truppe gesorgt werden, das verspreche ich.“

„Kleidung haben wir ja ohnehin keine außer dieser, aber das Bettzeug, das wenige Geschirr, das wir noch unser Eigen nennen?“, fragte Martha etwas eingeschüchtert.

„Nichts davon, was den anderen auffallen könnte oder euch aufhält. Es wird euch an nichts mangeln, mein Ehrenwort.“

„Thomas und Sigurd kommen“, brummte Isaak.

„Was gibt es hier zu tratschen? Lasst uns daran teilhaben. Gäste sind selten. Und warum ging das junge Volk so fröhlich von euch fort? Werden hier Scherze zum Besten gegeben? Oder habt Ihr den beiden Rothaarigen für einen Dreierfick eine Summe versprochen, die uns alle ein Jahr lang ernährt, Kapitän? Ihr seht aus, als könntet Ihr Euch das leisten.“

Er hielt Adrian die ausgestreckte Hand hin.

„Ich nehme die Bezahlung entgegen.“

Adrian war danach, diesem Mistbock seine Klinge über Hand und Kehle zu ziehen.

„Scher dich fort, Thomas. Dein Anblick bereitet mir heute noch Übelkeit.“

„So nachtragend, Isaak? Was wir taten, sollte nur zu Mikaels Heilung beitragen.“

„Heilung, pah.“

„Ich möchte nicht unhöflich sein, aber wir sollten wieder aufbrechen“, warf Adrian dazwischen. „Der Weg ist weit und ich habe noch Geschäfte abzuschließen.“

„Uuuh, dem feinen Herrn gefällt es hier wohl nicht. Nicht mal die Titten unserer Huren?“

„Thomas halt dein Maul und verschwinde!“, fuhr Martin den Mann an.

Isaak half Nera auf.

„Wir müssen wirklich gehen. Nera hat es schwer im Rücken und muss beizeiten wieder liegen.“

Entrüstet sah die Alte Isaak an. Der stieß ihr den Ellenbogen in die Rippen.

„Äh, oh ja. Mein Rücken. Freut mich die alten Freunde von Isaak kennengelernt zu haben.“

Adrian hob Nera auf ihr Pferd und wuchtete dann ebenso Isaak in den Sattel. Als er auf seinem saß, nickte er Martin zu.

„Auch mir war es eine Freude.“

In der Nacht gegen zwei klopfte es an Adrians Kabinentür. Was war nun schon wieder? Gab es seit Lyva denn nur Unruhe? Er stand auf, um nachzusehen. Jörn und Murasa würden nicht anklopfen. Isaak stand mit einer dicken Ledermappe voller Pergamente unter dem Arm vor ihm.

„Isaak?“

„Ich muss das hier für Ellen und Mikael deponieren.“

„Bei mir?“

„Nein, im Dom. Damit sie es in Ellens Zeit finden.“

„In siebenhundertvierundsiebzig Jahren? Bis dahin steht der Dom vielleicht gar nicht mehr, lieber Isaak. Das ist, wie nanntet Ihr das? Blödsinn?“

„Der Teil des Doms wird noch stehen, glaubt mir. Ellen selbst hat mir das Depot gezeigt.“

„Also gut. Noch ein kleines verschrobenes Detail in der Geschichte. Dann tut es, um Himmels Willen. Warum weckt Ihr mich dafür?“

„Könnt Ihr ein Schloss knacken, Kapitän? Eines an der Nebentür des Doms?“

Bei allen Heiligen! Er schlüpfte ruppig in seine Stiefel und warf sich Mantel und Kappe über.

„Lasst uns gehen, Isaak. Auf das dieser Wahnsinn Punkt für Punkt abgearbeitet wird. Nein, wartet. Ich nehme an, bei den Schreiben ist ein persönlicher Brief?“

„Ja.“

Adrian ergriff die Schreibfeder von seinem Tisch und hielt sie Isaak hin.

„Dann setzt einen Gruß von mir darunter, nur für alle Fälle.“

Isaak nahm schmunzelnd die Feder und schlug die Mappe auf.

„Veit bat mich vorhin noch um Gleiches. Dafür möchte ich, dass Ihr in das Kästchen von Eurem Armreif etwas in den Deckel innen ritzt. Nera erzählte mir davon. Nur, falls diese Pergamente ihr Ziel nicht erreichen. Und das hier legt Ihr bitte mit hinein.“

Isaak gab ihm einen Bernstein, der an einem Lederband hing.

„Ellen wird das Kästchen samt Armreif erben. Das ist gewiss.“

„Was soll ich einritzen?“

„Pass gut auf mein Mädelchen auf.“

„Die Nachricht ist für Mikael.“

„Ja.“

„Die er vielleicht nie erhalten wird.“

„Vielleicht.“

„Euer Kredit bei mir nimmt einen immer größeren Rahmen an, Isaak.“

Der Alte wurde etwas blass und erstarrte.

„Und wie soll ich das abarbeiten? Doch mit Gebeten?“

„Sagt mir jeden Tag wie gut ich aussehe, damit ich das in diesem Irrsinn nicht vergesse“, scherzte er.

Während Isaak die zusätzlichen Grüße schrieb, holte Adrian das Schmuckkästchen aus der Truhe, legte den Bernstein hinein und ritzte die Nachricht. Wie verrückt ihm das alles erschien. Nachrichten, die erst in über siebenhundert Jahren gelesen werden sollten. Jede Brieftaube, die so lange für das Überbringen bräuchte, würde er in eine Suppe hauen. Was für dumme Gedanken. Ein Hauch von Normalität, nur ein paar Stunden, könnten seinen verwirrten Geist vielleicht wieder richten.

In den dunklen Gassen trieben sich reichlich Halunken herum. Isaak konnte nicht so lange Schritte machen wie er. Der Alte drückte die Mappe wie einen Schatz an seine Brust und trippelte stoisch Richtung Dom. Ein um das andere Mal begegneten sie Gaunern, die darauf spekulierten sie auszurauben. Manchmal genügte, wenn er die Schwertklinge im Mondlicht aufblitzen ließ. Eine Sechsergruppe brauchte mehr Nachdruck, um klein beizugeben. Zweien durchtrennte er kurzerhand die Kehlen.

„Das Dämonending ist zurück“, nuschelte ein Überlebender am Boden und kroch auf den Knien außer Reichweite seiner Tritte und Klingen.

„Ich vermute Ellen hat hier einen intensiven Eindruck hinterlassen?“

„Ja. Aber sie war zurückhaltender, was das Töten anging. Ihr macht nicht viel Federlesen. Ich denke, ich werde mich ab jetzt um mehr Höflichkeit Euch gegenüber bemühen.“

Diese Nachfahrin wurde ihm immer sympathischer. Nein, eigentlich empfand er sogar Stolz auf sie. Und warum das Burgkloster nur noch eine verkohlte Ruine war, wusste er nun auch. Vielleicht sollte er in Zukunft einen Bogen um Lübeck machen. Die Prügeleien gefielen ihm gut, aber vom Klerus und Soldaten zum Teufelsanbeter oder Dämonen erklärt zu werden, könnte etwas heiß enden.

---ENDE DER LESEPROBE---