Kiesel, die Elfe - Sommerfest im Veilchental - Nina Blazon - E-Book
Beschreibung

Willkommen im Veilchental! – Fantasy für die Kleinen von Nina Blazon

Im Veilchental, gut geschützt zwischen zerklüfteten Bergen, leben bunt gemischt die verschiedensten Elfenvölker. Nicht immer sind sich Flusselfen und Feuerelfen über alles einig, aber mit Blumen- und Steinelfen feiern sie turbulente Feste und erleben spannende Abenteuer. Dass man sich dabei vor den finsteren Nachtelfen tunlichst in Acht nehmen muss, das war schon immer so … oder? Die neugierige, kleine Kiesel will unbedingt wissen, was es mit den "Finsterlingen" wirklich auf sich hat.

Nanu, wo sind denn alle Glühwürmchen im Veilchental abgeblieben? Es wird langsam dunkel und zum Glück ist die Verursacherin der Dunkelheit schnell ausfindig gemacht: Die kleine Elfe Kiesel hat die Leuchtkäfer völlig in ihren Bann gezogen mit den Geschichten von ihren neuesten Abenteuern. Doch insgeheim ist Kiesel ganz schön aufgeregt, denn sie soll bald ihren ersten Auftrag als Steinelfe erfüllen! Kann sie den Erwartungen der Altelfen gerecht werden? Zum Glück hat Kiesel Freunde wie die Blumenelfe Lilana und das Mini-Monster Mino, die ihr mit Rat und Tat zur Seite stehen!

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Seitenzahl:91


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© 2019 cbj Kinder- und Jugendbuchverlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 MünchenAlle Rechte vorbehaltenUmschlag technische Umsetzung: Geviert, Grafik & TypografieUmschlaggestaltung und Illustrationen: Billy BockMI • Herstellung: UKReproduktion: Reproline mediateam, MünchenISBN 978-3-641-23332-7V002

www.cbj-verlag.de

Inhalt

NachtgelichterWunschtraumgeschichtenHinter dem WasserfallTropfsteinzauberWünsche und WolkenVom Winde verwehtDie LibellenbandeFreunde wie FlügelElfenkodexSommerfest im VeilchentalDas größte Abenteuer

Im Felsviertel am Wasserfall, dort, wo die Steinelfen lebten, waren die Lichter ausgegangen. Beziehungsweise waren sie ausgeflogen. Weit und breit war keines der Glühwürmchen, die die steinernen Hallen an den Abenden erhellten, zu entdecken.

»Wo sind sie nur hin?«, wunderte sich die Feuerelfe Fiamara.

»Vielleicht haben sie sich nebenan ins Versammlungshaus verirrt?«, überlegte der Steinelf Rubin. Wie bei allen betagten Steinelfen hatte seine Haut die Farbe von lichtgrauem Fels angenommen. Auch seine Augen waren grau, doch sein Haar leuchtete rubinrot wie die Abendsonne, die eben über dem Fluss unterging.

»Du gehst zum Versammlungshaus und ich sehe in den Schlafkammern der Jungelfen nach«, schlug Fiamara vor.

Es war schon ziemlich düster in den palastartigen Hallen. Fiamara hatte das seltsame Gefühl, dass sie aus den Schatten heraus beobachtet wurde. Doch sooft sie auch stehen blieb und sich umsah, sie entdeckte niemanden. Auch im schlichten Schlafraum der Jungelfen, der gut verborgen im hintersten Teil des Felsschlosses lag, war alles ruhig. Direkt in die Wände waren kleine Höhlen eingemeißelt, die als heimelige Schlafplätze für die jungen Elfen dienten. Sie hatten sich schon darin eingekuschelt. Wie es bei den Steinelfen üblich war, wickelten sie sich abends in ihre grauen Umhänge ein und zogen sich auch die Kapuzen über ihr Haar. So waren sie von grauen Kugelsteinen nicht mehr zu unterscheiden. Fiamara wollte schon auf Zehenspitzen wieder hinausschleichen, als ihr eine leere Schlafhöhle auffiel, deren Wände mit einigen bunten Vogelfedern geschmückt waren. Ausgerechnet Vögel, dachte Fiamara kopfschüttelnd. Dabei wusste doch jeder, dass Elfen mit diesen dummen Flatterlingen nichts zu tun haben wollten. Im allerletzten Abendlicht funkelten in der Kammer außerdem ein paar Kristallsplitter und silbrig schimmernde Samenkapseln. Denn die kleine Elfe, die hier wohnte, konnte allem, was glänzte und glitzerte, nicht widerstehen. »Diese kleine Elster«, murmelte Fiamara in sich hinein. »Wo sie sich wohl herumtreibt?«

»Im Versammlungssaal sind die Nachtlichter auch nicht«, sagte Rubin, als Fiamara zurückkam.

»Kiesel ist ebenfalls verschwunden«, gab die Feuer­elfe zurück.

»Schon wieder?« Rubin schmunzelte. »Dieser ruhelose kleine Rollstein! Wahrscheinlich übernachtet sie bei ihrer Freundin Lilana und den anderen Blumen­elfen auf der Wiese.«

Fiamara trat auf den Balkon. Von hier aus konnte man das ganze Veilchental überblicken. Gut geschützt lag es zwischen zerklüfteten Bergen. Rechts unten am Fluss drängten sich die Uferbehausungen der Flusselfen direkt am Wasser. Auf der anderen Seite des Tales lagen die Wiesen der Blumen- und Graselfen. Und mittendrin erhoben sich die großen Bäume, die weiteren Elfenarten als Behausung dienten. Fiamara kniff die Augen zusammen und sah, dass in den Fenstern im Stamm des Kastanienbaums noch Licht brannte. »Ich gehe mal runter in die Bibliothek«, sagte sie zu Rubin. »Vielleicht treibt sich das Nachtgelichter ja bei unserem Freund Arbus herum.« Und möglicherweise, setzte sie in Gedanken hinzu, ist unsere kleine Elfe Kiesel ja auch dort.

Wie alle Altelfen gebrauchte Fiamara ihre Flügel nicht mehr so gerne, sondern ging lieber zu Fuß über die lange Hängebrücke, die vom Felsviertel zu den Bäumen führte. Hier unten im Tal war es noch dunkler als oben beim Wasserfall, aber Fiamara hätte den altvertrauten Weg zur Kastanie auch in absoluter Finsternis gefunden. Vor mehr als zweihundert Jahren hatte der Blitz in den Baum eingeschlagen und den obersten Teil des Stammes in zwei Hälften gespalten.

Der Baum hatte sich erholt, Verwachsungen heilten die Wunden. Doch der Stamm war immer noch hohl. Und in diesem Hohlraum hatte im Lauf der Jahre die große Elfenbibliothek ihren Platz gefunden. Hunderte von kunstvoll geschnitzten Regalen und Tausende von Büchern standen hier. Und in dem größten Bibliotheksraum lebte und arbeitete der Baumelf Arbus. Er und Fiamara waren die »Altos«, was bedeutete, dass sie die Allerältesten des Elfentales waren. Und wie immer saß Arbus auch jetzt an seinem mit feinen Holzschnitzereien verzierten Schreibtisch über die Chroniken des Elfentals gebeugt. Mit grüner Baumsafttinte schrieb er bedächtig Buchstabe für Buchstabe in ein Buch. Wie alle Bücher in dieser Bibliothek bestand es aus zwei Holzdeckeln, zwischen denen gepresste Blütenblätter eingebunden waren.

Als Fiamara in die Bibliothek stürmte, hob er nicht einmal den Kopf. »Sieh an, meine flinke, flammäugige Freundin«, sagte er nur in seiner freundlichen, behäbigen Art. »Was führt dich her?«

»Hallo, Arbus«, gab Fiamara hastig zurück. »Hast du den Funken einer Idee, wo die Leuchtkäfer sein könnten?«

Arbus schüttelte so langsam den Kopf, als würde eine Baumkrone sich sanft im Wind wiegen. »Die kommen schon wieder. Lass dir die Sorgen nicht über den Kopf wachsen.«

»Du hast leicht reden, Wurzling!«, gab Fiamara hitzig zurück. »Im Felsviertel ist es bald stockfinster. Ach ja, und Kiesel ist auch mal wieder verschwunden.«

Arbus lachte so knarrend, wie nur ein uralter Baum­elf lachen konnte. »Neeeeulinge!«, sagte er langsam und gedehnt. »Schwerer einzusammeln als Ahorn­samen im Sturm …«

Die feurige Fiamara flitzte schon flink treppauf zu der Aussichtsplattform, auf der das große Fernrohr stand. »Vielleicht sind die Glühwürmchen ja wieder bei den Nebelelfen und plaudern dort mit den Irrlichtern?«, überlegte sie.

Sie schwenkte das Fernrohr in Richtung der Flussauen. Dort bereiteten sich auch die Nebelelfen schon auf das große Sommerfest vor, das übermorgen stattfinden würde. Ihre federleichten Häuschen, die rund wie Wassertropfen an den äußersten Spitzen von Zweigen hingen, waren bereits mit Gehängen aus langen Schilfblättern geschmückt. Und im Schilffeld, das unter den Häuschen wogte, waren silbrige Girlanden aus Spinnenseide aufgespannt, an denen beim Fest funkelnde Tautropfen als Schmuck hängen würden. Doch von den Glühwürmchen keine Spur. Fiamara spähte auf die andere Seite des Tals zur Wiese. Dort waren die Blumenelfen noch schwer beschäftigt und bereiteten im Schein von Mottenlaternen die Tanzkreise vor. Dafür hatten sie das Gras flach gezogen und würden darauf noch Blütenblätter in hübschen Mustern ausbreiten. Fiamara entdeckte eine braunhaarige Blumenelfe in fliederfarbenem Kleid. Das war Kiesels beste Freundin Lilana. Aber Kiesel war nicht bei ihr. »Wo flackert dieses kleine Strohfeuer nur herum?«, murmelte die Feuerelfe. Jetzt war sie doch neugierig geworden. Suchend schwenkte sie das Fernrohr zum Berg – und stutzte. Weit über dem Felsviertel, ganz oben am Hang, entdeckte sie einen kleinen, krummen Baum, der sich mit seinen Wurzeln am Felsgestein festklammerte. Und in diesem Baum blinkte ein ganzer Schwarm von Glühwürmchen!

»Dieses treulose Nachtgelichter!«, schimpfte Fiamara los. »Na wartet, ihr Würmchen!«

»Wohin, Hitzkopf?«, murmelte Arbus, als Fiamara schnaubend aus der Bibliothek stürmte.

»Die Leuchtkäfer holen«, rief Fiamara über die Schulter zurück. »Damit wir im Felsviertel nicht im Dunkeln sitzen.«

Doch das war einfacher gesagt als getan. Fiamara ächzte und keuchte schon bald. So hoch bergauf flogen nämlich selbst jüngere Elfen normalerweise nie. Inzwischen waren ihre Flügel so müde, dass sie in der Bergwand landen und klettern musste. Als sie endlich den Baum erreichte, war es im Tal schon endgültig Nacht geworden. Aber über ihr erhellte goldener Glühwürmchenschein die Baumkrone – und beleuchtete auch Seile und Kletterschlingen am Baumstamm. »Wer hat das denn hier angebracht?«, wunderte sich Fiamara. Mühsam hangelte sie sich mit den Kletterhilfen an dem Baum hoch. Es war schon etwas gruselig, denn wieder fühlte sie sich irgendwie beobachtet. Hatten im Schatten nicht eben zwei Augen, so hell wie Vollmonde, aufgeglüht? Doch als sie sich umschaute, war da nichts. Also kletterte sie weiter. In der Gabel eines waagrechten Astes entdeckte sie ein Vogelnest. Doch ein gewöhnliches Nest schien es nicht zu sein, denn jemand hatte sich dort gemütlich wie in einem Bett eingekuschelt. Über den Nestrand hing ein grauseidener Zipfel eines Steinelfen-Umhangs. Fiamara musste sich ein Lächeln ­verkneifen. »Kiesel hat also ein Geheimversteck«, sagte sie leise zu sich. Als sie näher kam, hörte sie auch schon die Stimme der kleinen Steinelfe.

»Und dann bin ich so schnell über den Fluss hinweggeschwirrt, dass mich keine Flusselfe einholen konnte. Nicht einmal Schneck!«

»Ui, oh«, staunten die Glühwürmchen schwer beeindruckt.

Fiamara schmunzelte. Der junge Flusself Schneck war der schnellste Flieger im ganzen Tal. Und die Letzte, die ihn abhängen konnte, war Kiesel mit ihren viel zu kurzen Flügeln. Aber die leichtgläubigen Glühwürmchen fanden Kiesels Wunschtraumgeschichten natürlich sehr spannend. Nun ja, dachte Fiamara bei sich. Sie erleuchten zwar jeden Raum, aber sonst sind sie eben nicht gerade die Hellsten.

»Die Flusselfen haben sich ihre schnellsten Libellen geschnappt, um mich einzuholen«, spann Kiesel ihre Fantasiegeschichte weiter. »Aber ich habe in der Luft einen Haken geschlagen. In der scharfen Kurve sind sie dann alle von ihren Rennlibellen gerutscht und – plapatsch! – in den Fluss gefallen!«

»Gnihihi«, freuten sich die Glühwürmchen. »Plapatsch!«

»Was ist denn hier los?«, fuhr Fiamara nun streng dazwischen. Die Glühwürmchen fielen vor Schreck fast in Ohnmacht.

»Ihr lasst euch einfach so von Kiesel zu einer Märchenstunde aus dem Felsviertel entführen?«, schimpfte Fiamara weiter. »Husch, zurück auf eure Posten!«

Hals über Kopf sausten die Glühwürmchen los.

»Halt, du nicht!«, rief Fiamara den kleinsten Leuchtkäfer zurück.

»’tschuldigung«, piepste das Glühwürmchen und ließ sich verstört blinkend wieder auf dem Ast nieder. Der Rest der Bande schwirrte schnell wie Funkenflug ins Tal zurück. Kiesel hatte sich im Nest aufgesetzt und lächelte der alten Feuerelfe zu. »Hallo, Fiamara.«

»Guten Abend, Kiesel. Ich dachte ja, du hilfst deiner Freundin Lilana bei den Vorbereitungen fürs Sommerfest.«

»Keine Lust«, murmelte Kiesel und seufzte tief. »Ich schlafe heute lieber hier.«

»In einem Vogelnest?«, sagte Fiamara kopfschüttelnd. »Du weißt aber schon, dass Elfen und Vögel sich gar nicht mögen? Vögel sind nämlich diebisch und dumm.«

»Ist mir egal.« Kiesel ließ sich ins Nest zurückfallen und schaute missmutig in den Himmel.

»Hm«, machte Fiamara wissend. »Kann es sein, dass drei gewisse Flusselfen heute eine kleine Steinelfe geärgert haben?«

Kiesel presste die Lippen zusammen und ballte die Hände zu Fäusten. Fiamara sah ihr an, wie sehr sie versuchte, sich zu beherrschen, aber dann platzte plötzlich alles aus Kiesel heraus. »Diese blöden Blauköpfe! Sie haben mich wegen meiner zu kurzen Flügel geärgert. Sie haben gesagt, ich sei vielleicht gar keine Steinelfe, sondern eine Stummelhummel!«

Fiamara ließ sich auf dem Nestrand nieder. »Nicht sehr nett von ihnen«, sagte sie. »Jede Elfenart hat ihre eigene Natur. Junge Flusselfen sind noch wie Wildwasser: übersprudelnd und schäumend. Und Neulinge wie dich ziehen sie besonders gerne auf.«