Rabenherz und Eismund - Nina Blazon - E-Book

Rabenherz und Eismund E-Book

Nina Blazon

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11,99 €

Beschreibung

Romantische Fantasy in traumhaft schöner Welt

Das Land über dem gefrorenen Himmel hat Mailin bisher für ein schönes Märchen gehalten, mehr nicht. Als eines Tages ihre Freundin Silja angeblich ins Reich des Winterkönigs entführt wird, macht die unerschrockene Mailin sich auf einen gefährlichen Weg. Toma aus dem Clan der Elchreiter und Birgida, selbst eine Gefangene des Winterkönigs, helfen ihr, sich in dessen Schloss einzuschleichen – doch was hat es mit dem rätselhaften Eisprinzen auf sich, den sie in einem geheimen Trakt entdecken und den sie alle drei aus ihren Träumen kennen?

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Seitenzahl: 718

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© 2019 cbj Kinder- und Jugendbuchverlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Petra Deistler-Kaufmann

Umschlaggestaltung: Geviert, Grafik & Typografie, Andrea Hollerieth

unter Verwendung zweier Motive von © Shutterstock (Elena Medvedeva)

he · Herstellung: UK

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-22703-6V001

www.cbj-verlag.de

Ein Märchen. Für die drei Damen im Abendrot.

DieraunendenRanken

Seit Kapitän Santalnik den letzten Eiswinter mit sich genommen hatte, wucherte der Wald hinter der Stadt von Jahr zu Jahr wilder. Die Frauen, die Birkenzweige für das Fest schnitten, mussten sich den Weg durch tief hängende Würgeranken bahnen. Der Pfad, der vom Waldrand zum Wasserfall führte, war in diesem Sommer zugewachsen und auch die kleinen Steinfiguren am Fuß der Weide – Schutzheilige der Wälder – waren unter Gestrüpp und Blättern verborgen. Die drei Statuen waren nur noch Relikte einer vergangenen Zeit, die Stadtbewohner glaubten schon längst nicht mehr an sie – nur Mailíns Schwester Rún liebte die Steinfrauen ebenso sehr wie die Märchen, die von diesen Feen erzählten. Auch heute stellte sie ihren Korb ab und zupfte vorsichtig die Spinnweben von den Gesichtern. Zum Vorschein kamen verwitterte Züge, die Regen und Wind im Lauf von Jahrhunderten glatt geschliffen hatten. Und dennoch waren Rúns Hände so behutsam, als wären die Figuren lebendig. Mailín musste lächeln, als sie beobachtete, wie ihre jüngere Schwester auch noch eine Birne aus ihrem Korb holte und die Frucht ins Moos bettete. »Hast du auch eine Gabe für die Feen, Mailín?«

»Nein.« Mailín löste ihre Sichel vom Gürtel. »Ich könnte ihnen auf dem Rückweg höchstens eine Nachtlilie hinlegen.«

Rún runzelte die Stirn. »Du willst wirklich zum Wasserfall? Wieso schneidest du nicht einfach rote Sternblumen? Die sehen in den Haarkränzen viel schöner aus und wachsen auch hier am Bach.«

»Lovis braucht blaue Blumen. Nachtlilien haben die Farbe des Meeres.«

Rún kaute auf ihrer Unterlippe herum, als würde sie angestrengt nachdenken. Offenbar über etwas, das ihr Sorgen machte. Allerdings machte sie sich ohnehin ständig über alles und jedes Sorgen. Doch plötzlich nickte sie, als hätte sie insgeheim einen Entschluss gefasst, der sie viel Mut kostete. »Dann komme ich mit!«

Mailín lachte auf. »Du willst freiwillig ins Unterholz?«

»Was ist daran so lustig?«, erwiderte Rún gekränkt. »Ich will auch eine Lilie für meinen Kranz haben.« Sie sprang auf und strich sich den Rock glatt. Es war der einzige, den sie besaß. Er war schon etliche Male geflickt worden, was auch daran lag, dass er früher Mailín gehört hatte. Doch Lovis hatte die Risse geschickt unter so kunstvollen Stickereien verschwinden lassen, dass das ärmliche Kleidungsstück sogar ein wenig an ein Tanzkleid erinnerte. In der Mittagssonne, die ihre Lichtfinger gerade durch die Baumkronen streckte, leuchteten die gelben Fäden der Stickereien ebenso golden wie Rúns feines, glattes Haar.

»Bleib lieber hier bei den anderen, Rún. Der Weg ist zugewuchert und sicher auch schlammig.«

»Das macht nichts. Ich binde mir den Rock hoch.«

»Da werden sich die Stechmücken freuen! Am Wasserfall leben außerdem Martiskatzen. Willst du nicht lieber zu deinen Freundinnen zurückgehen? Die Lilie bringe ich dir mit, versprochen.«

Bei der Erwähnung der Martiskatzen war Rún blass geworden, aber zu Mailíns Erstaunen schüttelte sie beharrlich den Kopf. »Ich will mitkommen!«

»Und wenn du auf halbem Weg Angst bekommst? Dann muss ich ohne Lilien mit dir zurücklaufen und Lovis zahlt mir keinen Lohn.« Noch während sie sprach, tat Mailín ihr barscher Tonfall bereits leid, denn Rún sah aus, als hätte sie eine Ohrfeige bekommen.

»Du willst mich wohl um jeden Preis loswerden«, sagte sie gekränkt.

Nein, nur alleine sein, dachte Mailín. Sie rang sich ein Lächeln ab. »Natürlich nicht, Floh.« Doch wie immer spürte Rún auch jetzt die kleinste Schwingung eines falschen Untertons. Mailín machte sich schon auf Tränen gefasst, aber heute überraschte ihre empfindsame kleine Schwester sie ein zweites Mal. »Ach so!« Ihre grünen Augen blitzten auf. »Du triffst dich beim Wasserfall heimlich mit Joun, oder?«

Mailín seufzte. Das war das Schlimme am Leben in ihrer Stadt: Jedes Haus und jede Straßenecke hatten Augen und Ohren. Und der Wind, der durch die Gassen Falúns strich, hatte Flüsterstimmen, die alles zu ganz neuen Geschichten verdrehten. »Warum sollte ich mich heimlich mit ihm treffen, wenn ich ihn jeden Tag bei der Arbeit in der Schmiede sehe?«, sagte sie verärgert. »Was habt ihr neuerdings nur alle mit Joun und mir?«

Rún grinste wie eine Fledermaus und hob vielsagend die Augenbrauen. »Sieht doch jeder, dass er in dich verliebt ist. Und du bist ständig mit ihm unterwegs.«

»Wenn es danach geht, mit wem ich ständig unterwegs bin, müssten sich die Leute eher über Pjott und Kerem die Mäuler zerreißen.«

»Aber Leen sagt, sie geht jede Wette ein, dass ihr noch in diesem Dezember heiratet …«

»Ich werde weder in diesem noch im nächsten Winter heiraten!«

»Du willst wirklich bis zum übernächsten Jahr warten? Dann bist du neunzehn und steinalt.« Rún kicherte los, als sie Mailíns entgeistertes Gesicht sah.

»Wenn du unbedingt mitkommen und mir auf die Nerven gehen willst, hör wenigstens auf, Unsinn zu reden«, sagte Mailín verärgert und schlug den Weg bachaufwärts ein.

»Jetzt werde doch nicht gleich wieder wütend!«, rief Rún ihr lachend hinterher. »Warte! Du hast dein Haarband verloren.«

Statt einer Antwort fasste Mailín ihre krausen Locken genervt im Nacken zusammen und stopfte sie unter den Kragen ihrer Lederweste, während sie weitereilte.

Aber ihre Schwester holte sie ein und hielt sie zurück. »Doch nicht so!« Mit geschickten Fingern flocht sie Mailíns Mähne zu einem armdicken, zerzausten Zopf. Als einzige von vier Geschwistern hatte Mailín das schwarze Sturmwolkenhaar ihrer Mutter geerbt und auch die Haut, die in der Sonne so dunkel wurde, dass sie früher »Troll« oder »Rabenhaut« gerufen wurde. Auch die blauen Augen ihrer Mutter hatte nur sie. Rún und ihre zwei kleinen Brüder waren blond und blass wie ihr Vater Elaj und hatten genau wie er feine, zerbrechliche Hände, die zu schwach für die viele Arbeit waren, die nötig war, um eine Familie von Halbwaisen zu ernähren.

Nur ganz selten schaffte es Elaj noch, mit seinem Geigenspiel ein paar Münzen zu verdienen. Von Jahr zu Jahr zitterten seine Hände mehr, wenn er nachts hinter dem Haus saß und die Flasche zum Mund hob, um seinen Kummer in Mondlicht und Branntwein zu ertränken.

»Fertig«, rief Rún. »Und … glaubst du, wir finden in diesem Jahr vielleicht sogar eine raunende Ranke?«

»Die wachsen nur dort, wo auch die Sommer kalt sind. Die letzte habe ich bei uns vor elf Jahren gesehen.« Und es ist nicht so, dass ich nicht jedes Jahr nach den Raunen suche, setzte Mailín in Gedanken hinzu. Das war der wahre Grund, warum sie so oft in den Wald ging, manchmal bis zu den schattigen Mooshöhlen an der Schlucht, wo es besonders kühl war. Aber kalt genug für die magischen Ranken war es nie. »Geh einen Schritt zurück«, befahl sie und holte mit der Sichel aus. Sie brauchte ihre ganze Kraft, um die zähen Flechten, die die Bäume wie lose Spinnennetze verbanden, zu zerschneiden.

»Es heißt doch, die Raunen sprechen mit den Stimmen der Toten«, hörte sie Rún hinter sich sagen. »Es gab da mal einen kleinen Jungen, der hatte sich im Rankenwald verlaufen. Und bis er gefunden wurde, sprach seine verstorbene Großmutter durch die Raunen zu ihm und sang ihm Lieder vor, die nur er und sie kannten. So machte sie ihm Mut und hielt ihn in der Kälte wach, bis er schließlich gerettet wurde. Hast du als Kind im Wald auch Totenstimmen gehört?«

Mailín rutschte mit der Sichel aus. Eine Flechte schnellte zurück und kratzte über ihre Wange. Mailín schluckte und atmete tief durch, bevor sie sich zu ihrer Schwester umdrehte. »Die Geschichte ist nur ein Kindermärchen.« Sie wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn. »Vater hat es dir früher vor dem Einschlafen erzählt, weißt du das nicht mehr?«

Rún gelang es nur selten, ihre Gefühle zu verbergen. Auch heute erinnerte ihr zartes, klares Gesicht Mailín an Wasser, dessen Spiegel sich durch die kleinste Berührung trübte. »Oh«, murmelte sie ehrlich bestürzt. »Das hatte ich ganz vergessen. Aber … es stimmt doch, dass Raunen sprechen können?«

»Natürlich, aber es ist wie bei einem Wahrsager: In ihrem Geflüster hört jeder nur das, was er ohnehin zu hören hofft.«

Fast tat Mailín diese nüchterne Antwort leid, denn Rún war sichtlich enttäuscht. »Dann können sie gar nicht in die Zukunft sehen? Aber früher hat man die Raunen doch in der Nacht des Lichterfestes unter das Kissen gelegt, damit sie …« Sie verstummte und biss sich auf die Unterlippe.

Und endlich dämmerte Mailín der wahre Grund, warum sich ihre ängstliche Schwester so tief in den Wald wagte. Verliebtheit scheint mutig zu machen.

»Du willst mich also nur begleiten, um heimlich Raunen zu suchen. Und welchen Namen sollen sie dir heute Nacht im Traum zuwispern?« Mailín beugte sich zu Rún und flüsterte ihr ins Ohr: »Miiika?«

Rún sprang erschrocken zurück. »Was? Aber … nein … Er ist doch Avas Bruder!« Empört schüttelte sie den Kopf. Doch sie wurde so rot, dass sogar ihre Ohren wie Sternblumen leuchteten.

Mailín grinste und wandte sich wieder den Flechten zu. »Der Orakelzauber ist jedenfalls kein Märchen. Er zeigt dir im Traum, welcher Mensch dich im Leben am glücklichsten machen wird …« Oder am unglücklichsten. Aber das sprach sie wohlweislich nicht laut aus. Hinter sich hörte sie Rún aufgeregt nach Luft schnappen und musste lächeln. Meine Kleine ist ja wirklich verliebt. Eine jähe Zärtlichkeit für ihre Schwester wallte in ihr auf. Doch wie ein dunkles Echo dieser Liebe spürte sie auch wieder ihre eigene Traurigkeit. Mit jeder Stunde, die das Lichterfest näher rückte, wurde der Schatten auf ihrer Seele größer, und jetzt, als sie kurz die Augen schloss, verdichtete er sich und wurde zum Umriss einer Gestalt, die Mailín Märchen ins Ohr raunte. Dunkle, warnende Märchen von weißen Firnfrauen, die in Neumondnächten zu den Häusern kamen, um Menschenkindern mit ihrem eisigen Kuss die Träume und manchmal auch das Leben zu stehlen. Dabei hatte Mailín sich nie vor ihnen gefürchtet. Geborgen in den Armen ihrer Mutter hatte sie als Kind ganze Nächte lang wach gelegen und darauf gehofft, die Wintergeister tatsächlich ums Haus streichen zu hören. Und noch heute, wenn sie nachts nicht einschlafen konnte und sich Sorgen über Geld, Brot und neue Schuhe für ihre Brüder machte, sehnte sie sich manchmal danach, draußen das Rascheln von fallendem Schnee zu hören und darin die federleichten Schritte der Firnfrauen zu erahnen. Ja, Rún hatte sich nicht geirrt: Mailín wollte allein zum Wasserfall gehen. Und es ging ihr nicht nur darum, Nachtlilien für Lovis zu suchen. Mailín wollte auch etwas wiederfinden, was sie vor viel zu langer Zeit verloren hatte.

An manchen Stellen wucherten die Flechten so dicht, als wollten sie zwischen den Birken ein Fangnetz bilden. Mailíns Arme waren schon bedeckt vom Sporenstaub der Farne; hüfthohes Gestrüpp kratzte über das Leder ihrer Hose, während sie sich den Weg freihackte. Doch erst als sich eine Dornenranke an ihrem Ärmel verfing, merkte sie, wohin sie geraten war.

»Vorsicht, Rún. Dornen!« Aber es war schon zu spät.

Rún stieß einen erschreckten Schrei aus. Als Mailín herumfuhr, sah sie ihre Schwester zurückstolpern und mitten in ein Dornennest stürzen. Ein hässliches Ratschen erklang, dann schrie Rún noch einmal, diesmal gellend laut und in echtem Entsetzen.

Sofort war Mailín bei ihr, befreite sie von den Zweigen und half ihr auf die Beine. Von Rúns Hand tropfte Blut. Dornen hatten ihr die Handfläche böse aufgerissen, aber Rún starrte nur auf den langen Riss in ihrem Rock, der vom Oberschenkel bis zum Knie reichte. »Oh nein!«, schrie sie auf. »Nein, das darf nicht sein!«

»Das ist nicht schlimm, Floh. Lovis wird den Riss nähen.«

»Das macht sie nie bis heute Abend. Und so gehe ich nicht zum Fest!« Rún brach in Tränen aus. Mailín biss sich auf die Zunge, bevor ihr ein ungeduldiger Satz über die Lippen kommen konnte. Sie liebte Rún von Herzen, aber in Momenten wie diesen erschien ihr ihre Schwester mehr denn je wie ein zerbrechlicher Vogel, den der kleinste Windstoß ins Trudeln brachte. Es ist nicht Rúns Schuld, ermahnte sie sich. Ich kenne sie und hätte besser aufpassen müssen. Natürlich war Rún ihr blind durchs Unterholz gefolgt, während sie wahrscheinlich in die Baumkronen schaute und von Mika träumte. Aber Mailín trug Arbeitshosen aus Leder, an denen noch der Ruß aus der Schmiede hing, und hatte die Dornen gar nicht gespürt.

»Komm, wir waschen das Blut am Bach ab. Und für das Fest leiht dir Ava sicher eines von ihren Kleide…«

»Nein!«, brauste Rún ungewöhnlich heftig auf. »Ich will nicht wie jemand anderes aussehen.« Sie schluckte. »Wir sind zwar arm«, brachte sie mit erstickter Stimme hervor. »Aber wir sind kein Lumpenpack, wie alle sagen. Wir haben anständige Kleidung und müssen uns nicht verstecken. Und … es ist mein erster Lichtertanz. Aber bevor ich ihn in zerrissenen Kleidern tanze, bleibe ich lieber zu Hause. Verstehst du das?«

Mailín strich ihrer Schwester zärtlich eine glatte Strähne hinter das Ohr. Ja, sie verstand es nur zu gut. Und so fremd ihr Rún mit ihrer Empfindsamkeit und ihren Launen oft war, in Augenblicken wie diesen fühlte sie sich ihr trotz allem nah. »Es ist gut, seinen Stolz zu haben, Rún. Aber der Einzige, der uns mal Lumpenpack genannt hat, war der Gerbergeselle. Doch dem ist ja auch ein Dachziegel auf den Kopf gefallen, als er noch ein Kind war. Und jetzt komm mit zum Wasser, bevor noch Blut auf den Stoff tropft …«

»Rún?« Zweige knackten unter schnellen Schritten, dann erschienen zwei kleine Mädchen zwischen den Bäumen, beide außer Atem und offenbar auf Schlimmes gefasst. »Sie ist hier, Ava!«, schrie die kleinere über die Schulter. »Und sie blutet ganz schlimm!«

Nun kam auch Rúns beste Freundin Ava herbeigestürzt. »Was ist passiert? Bist du mit der Sichel ausgerutscht?«

Die Kinder rissen erschrocken Augen und Münder auf. »Leen!«, kreischten sie und rannten zurück. »Rún hat sich mit der Sichel geschnitten!« Na wunderbar, dachte Mailín. Kurz darauf eilten schon ein paar Frauen herbei. Leen, die alte Stadtärztin, drängte sich schnaufend zu Rún durch. »Zeig her!«

»Es ist nichts, Leen«, sagte Mailín.

»Kann ja auch nichts sein, wenn sie noch aufrecht steht.« Leen packte Rúns Rechte und drehte die Handfläche nach oben. »Du meine Güte, hast du Mimosen gefrühstückt, Kind? So ein kleiner Kratzer und so ein Riesengeschrei! Deine Großmutter hat sich beim Baumfällen zwei Zehen abgehackt und keinen solchen Aufstand gemacht.« Rún zuckte zusammen und fing wieder an zu schluchzen. Die Frauen tauschten tadelnde Blicke und schüttelten die Köpfe. »Man sollte nicht glauben, dass dieses Weichwasser tatsächlich noch ein Winterkind ist!«, schimpfte Leen weiter. »Zu unserer Zeit hätte sie keinen Tag überlebt.«

»Lass sie in Ruhe, Leen«, schnappte Mailín. »Sie weint doch nicht wegen der Wunde.« Schützend legte sie den Arm um ihre Schwester und führte sie zum Bach. Rún versuchte, tapfer zu wirken, aber sobald sie außer Sichtweite waren, sackte sie auf einen umgestürzten Baumstamm und brach wieder in Tränen aus. »Hör auf zu weinen, Floh«, sagte Mailín sanft. »Leen meint es nicht so, das weißt du doch.«

Aber Rún schluchzte nun so krampfhaft, dass es Mailín ins Herz schnitt.

»Rún!« Ava war ihnen gefolgt und setzte sich zu Rún auf den Baumstamm. Fremde hätten jeden Eid geschworen, dass in Wirklichkeit Ava Mailíns Schwester war. Sie hatte ebenfalls schwarzes Haar und Augen vom selben dunklen Gewitterblau. Und sogar die Art, wie sie Rún nun mit einer resoluten Geste das Haar aus der Stirn strich und den Arm fest um sie legte, erinnerte an Mailín. »Bin ich froh, dass dir nichts Schlimmeres passiert ist«, sagte sie aus vollem Herzen. »Und du bist überhaupt kein Weichwasser, lass dir das von der alten Unke nicht einreden, hörst du?«

Rún wurde tatsächlich ruhiger und wischte sich mit der unverletzten Hand die Tränen vom Gesicht.

»Zeig mal her, tut es sehr weh?«, fuhr Ava fort. »Oh, und dein Rock ist ja zerrissen! Ich leihe dir einen von mir, ja? Den grünen aus Perlseide …«

»Nein«, sagten Mailín und Rún wie aus einem Mund.

Mailín lächelte dem verdutzten Mädchen zu. Und an ihre Schwester gewandt, fügte sie hinzu: »Bleib hier, ich bringe dir deine Lilie mit. Und ich rede mit Lovis. Du wirst heute tanzen!«

Rún hätte vor Erleichterung fast wieder geweint. »Danke«, brachte sie leise heraus.

Ava sprang auf und zog ein Taschentuch hervor. Wie es sich für die Tochter von wohlhabenden Stoffhändlern gehörte, war es schneeweiß und fein wie Spinnweben. Doch Ava tauchte es einfach in den Bach und wrang es aus, als wäre es nur ein grobes Putztuch. Als Mailín sich nach ein paar Schritten umschaute, sah sie beide Mädchen wieder nebeneinander auf dem Baumstamm sitzen. Ava redete tröstend auf Rún ein und tupfte mit dem teuren Taschentuch ihre blutige Handfläche sauber. Sie werden Freundinnen sein, so lange sie leben, dachte Mailín. Sie werden zusammen alt werden, vor dem Haus in der Sonne sitzen und gemeinsame Erinnerungen teilen. Sie wehrte sich dagegen, Rún zu beneiden, aber in diesem Moment verspürte sie dennoch einen Stich im Herzen. Und eine bittere Stimme in ihr flüsterte leise, aber scharf: Nur du wirst alleine sein.

Nun musste sie doch schlucken. Natürlich weinte sie auch heute nicht. Sie weinte nie. Doch in Augenblicken wie diesen spürte sie die Leere im Herzen besonders deutlich. Dort, wo ganz tief in ihrer Brust die Sehnsucht saß nach drei Mädchen, von denen das älteste ganz aus Lachen und Sternen bestand.

Sommerschnee

Hast du wieder einmal Rúns Welt gerettet?« Die leise Stimme ließ Mailín herumfahren. Und obwohl es nur Silja war, setzte Mailín ein Lächeln auf, als könnte sie ausgerechnet vor der Fremdländerin verbergen, was sie wirklich fühlte. »Da hätte ich viel zu tun. Rúns Welt geht jeden Tag fünfmal unter.«

Silja lachte. Obwohl die Sommersonne brannte, trug sie ihren dicksten Lederrock und hatte sich Lederstreifen als Schutz vor Dornen um ihre schmalen, sonnengebräunten Hände gebunden. Ein Sensenmesser, lang wie ein Schwert, war an ihrem Bastkorb befestigt. Silja kleidete sich nicht wie die Bürgersfrauen der Stadt. Niemals flocht sie ihr langes Kastanienhaar, sondern trug es stets offen wie eine Windsbraut. Obwohl sie höchstens dreißig war, war es schon von ersten weißen Strähnen durchzogen. Manche Stimmen behaupteten, das sei ein Zeichen, dass sie Schlimmes erlebt hätte. Man munkelte, sie stamme aus dem Bergland oder sei auf der Flucht vor Mördern. Oder hatte sie gar selbst einen Mord begangen? Nicht umsonst kannte sich jemand so gut mit giftigen Kräutern aus, oder nicht? Andere sagten, sie stamme aus einem Palast im Grauland. Sogar Mailíns Brüder kannten schon die Geschichte, dass Silja auf Befehl ihres Vaters einen grausamen Lord heiraten sollte und in der Hochzeitsnacht geflohen war.

Für alle, die keine Schandmäuler waren, war Silja einfach nur die Reisende, denn so war sie vor einigen Monaten in die Stadt gekommen: Auf einem Karren, der von einem zu Tode erschöpften Pferd gezogen wurde, mit einer Reisetruhe voller Gewürze und einem grauen Koffer. Silja selbst sagte nie etwas zu den Gerüchten. Sie lächelte nur geheimnisvoll. Und dann krempelte sie die Ärmel hoch und machte sich in ihrer Apotheke wieder an die Arbeit.

»Wohin wolltest du dich denn mit dieser kleinen Sichel durchschlagen?« Sie betrachtete Mailíns zerkratzte Hände.

»Zum Wasserfall. Lovis zahlt mir für jede Nachtlilie vier Danare. Und die Jungs brauchen schon wieder neue Schuhe.«

Wie immer verriet Siljas ruhige Miene nicht, was sie dachte, nur in ihren Augen glaubte Mailín einen Funken von Ärger zu sehen. »Dein Vater weiß hoffentlich zu schätzen, dass du für deine Geschwister sorgst. Aber er sollte nicht vergessen, dass er seiner Tochter Lasten aufbürdet, die in Wirklichkeit seine sind.«

»Vater tut, was er kann«, erwiderte Mailín schroffer als nötig. Natürlich musste sie ihn verteidigen. Aber das war das Irritierende an Silja: Als Einzige sprach sie Dinge aus, die man niemals laut sagte. Vermutlich lag es nur daran, dass sie eine Fremde war und es nicht besser wusste, doch Mailín hatte den Verdacht, dass Silja im Grunde sehr genau verstand, was man laut sagen durfte und was nicht. Nur waren ihr solche Regeln gleichgültig. Und zum ersten Mal an diesem Tag spürte Mailín, wie das unsichtbare Gewicht auf ihren Schultern ein wenig leichter wurde.

»Hier, nimm meine Sichel, Mailín. Sie schneidet besser als deine.«

Diese Untertreibung war fast zum Lachen. Siljas Klingen waren scharf genug, um ein Stück Hirschfell zu teilen, als wäre es aus Papier. Mailín nahm die Kupfersichel vorsichtig an sich. »Danke.«

Silja nickte ihr nur flüchtig zu, während sie schon ihr Sensenmesser zog und mit präzisem Schwung zum ersten Schlag ausholte.

Mühelos arbeiteten sie sich nun gemeinsam durch das Gestrüpp. Als Mailín das nächste Mal aufblickte, sah sie schon das silbrige Adernetz von Wasser auf hellem Fels. Der Wasserfall in der Nähe der Marmorsteinbrüche war nicht groß, sein Strom zersplitterte an einer Felskante in Rinnsale, die sich durch zerklüftete Steine hundert eigene Wege suchten. Wie aufgerissene Mäuler versteinerter Trolle säumten Höhlen den Felshang. Und auf der Wiese glühten die Lilien. »Blau wie das Feuer des tiefsten Ozeans.« So hatte Kapitän Santalnik ihre Farbe umschrieben.Ein warmer Wind wehte Mailín entgegen. Sie schloss die Augen und sog den Duft der Blumen tief ein. Das war das Verrückte an ihren Erinnerungen: Für Mailín dufteten die Lilien nach Dezember und Wacholderrauch, nach Trommeln und Tanz – und auch nach den Sternschnuppen lang vergangener Feste.

»Das dürfte für zwanzig Kränze reichen«, stellte Silja trocken fest. Sie schritt einfach mitten in die Pracht und schnitt sich ein paar Lilien ab.

Kindergeschrei erklang hinter Mailín. Im nächsten Augenblick rannten fünf kleine Mädchen auf die Wiese – gefolgt von Rún und Ava. Rún hatte sich den zerrissenen Rock hochgebunden; ihre Hand war mit dem Seidentaschentuch verbunden und ihre Augen strahlten, als hätte sie niemals geweint. »Hier ist ja noch alles voller Blumen!«, rief sie begeistert aus.

»Ihr solltet doch bei den anderen bleiben!«, schalt Mailín sie. »Und was habt ihr euch dabei gedacht, die Kleinen mitzubringen? Wir sind nicht zum Flöhehüten hier. Da hinten ist gleich die Schlucht.«

»Wir passen schon auf«, antwortete Ava leichthin.

»Das will ich sehen! Ihr zwei gegen eine Horde Frettchen!«

Die Kleinen umringten bereits Silja, die sie lachend begrüßte. Das war etwas, was die Fremdländerin nie hinter ihrer kühlen Art verbergen konnte: wie sehr sie die Kinder liebte. Das Sensenmesser hatte sie über die Schulter gelegt, wo keine Kinderfinger hinreichten. »Wer sammelt Blumen für mich und zeigt mir, wie man einen Kranz daraus macht?«, rief sie in die Runde.

»Ich, ich!«, kreischte die Meute sofort los. Ava und Rún folgten den Kleinen, die schon eifrig Gänseblümchen und Augenkraut pflückten.

»Lasst wenigstens ein paar Lilien stehen!«, mahnte Mailín. »Sonst wachsen im nächsten Jahr keine mehr.«

Silja lachte. »Sei nicht so streng mit ihnen. Du warst doch früher bestimmt genauso übermütig.«

»Ja, und deshalb weiß ich, dass man Kinder von Schluchten fernhält. Warum schickst du sie nicht weg?«

»Weil Mädchen in den wilden Wald gehören.« Das war eine dieser typischen Antworten von Silja, aus denen niemand schlau wurde. »Keine Sorge, Mailín. Ich behalte die Schlucht im Auge. Mach deine Arbeit und überlasse die Sorge um die Kinder mir.«

Damit ging sie mit großen Schritten in Richtung der Höhlen davon.

»Da drin leben übrigens Martiskatzen!«, rief Mailín ihr nach. Aber die Fremdländerin hob nur lässig das Messer, ohne sich umzusehen.

Stöcke mit verblassten Stoffbändern warnten Wanderer vor dem Abgrund, der sich hinter einem harmlos scheinenden Saum aus Farnen ins Nichts öffnete. Auch hier war alles voller Lilien, aber Mailín ging weiter an der Klamm entlang. Als der Wind drehte, stieg aus der Tiefe der Geruch von modrigem Schlamm auf. Mailín fröstelte, so kalt wehte der Wind von unten herauf. Aber wohl nicht kalt genug für Raunen.Gerade wollte sie enttäuscht umkehren, als sie Kindergeplapper hörte. »Rún«, rief sie verärgert. »Ich sagte doch, die Kleinen haben hier nichts verloren …« Doch die Kinder stimmten ein fröhliches, schnelles Tanzlied an, das Mailín nur zu gut kannte.

»Katzen im Schnee und Wanzen, die tanzen,

auf Samt und auf Seide und auf glattem Bein,

werden nie wissen und werden nie sagen,

wie sehr, wie sehr ich dich liebe allein …«

Mailín erstarrte mitten im Schritt und wagte nicht einmal mehr zu atmen. Wer hat ihnen dieses Lied beigebracht? Sie wollte den Kinderstimmen gerade folgen, als ihr auffiel, dass der Gesang aus einer völlig verkehrten Richtung kam. Und als würde ihr der kalte Schluchtwind auch noch den letzten Schleier vor den Augen fortreißen, wusste sie, was hier nicht stimmte: Die Kleinen konnten das Lied überhaupt nicht kennen.Die Einzige, die es ihnen hätte beibringen können, war Mailín selbst.

Aber immer noch klangen die Stimmen im Wind wie Echos aus einer anderen Zeit. Es sind drei Stimmen, dachte Mailín. Zwei kleinere Mädchen und ein älteres. Und dann erkannte sie die Art, wie das älteste Mädchen bestimmte Worte mit einer ganz eigenen, verspielten Betonung sang. Die Sichel glitt ihr aus der Hand und fiel ins Gras.»Stella?«, hauchte sie.

Als Antwort erklang ein Lachen, so vertraut, dass es ihr die Kehle zusammenschnürte. Das Gelächter kam von links, dort, wo inmitten von Farnen eine Gruppe schlanker Bäume aufragte. Mailín hob die Sichel wieder auf und rannte los. »Tamar? Anna!« Doch zu ihrer maßlosen Enttäuschung war das Lied verklungen. Alles, was blieb, war ein Chor von Vogelstimmen, und irgendwo zirpte eine Grille. So weit ist es mit mir gekommen, dachte Mailín niedergeschlagen. Jetzt bilde ich mir meine Gespenster schon am helllichten Tag ein. Doch wie andere geisterhafte Echos erhoben sich nun Flüsterstimmen in der Nähe: »Die Toten weinen Tränen aus Eis. Schnee weht über ihre Gräber.« Als Mailín zu den Bäumen herumfuhr, blickte sie in wiegendes, knisterndes Grün. Im Schatten fast unsichtbar wanden sich einige Raunen wie Smaragdschlangen träge um den Stamm und die Äste einer Erle. Als würden sie Mailíns rasenden Herzschlag spüren, begannen die Silberhärchen auf den herzförmigen Blättern wie Fühler zu flirren. »Ganz alleine tanzt du den Tanz der Jahre«, raunten die Stimmen. »Für immer allein und allein und allein, verloren in deiner Zeit …«

Mailín stolperte zurück, bis die Sätze zu unverständlichem Gemurmel verschmolzen. Doch immer noch spürte sie die Worte wie feine Nadeln. »Allein und allein und allein …«

Du wusstest es doch, schalt sie sich. Genau deshalb suchst du die Raunen doch. Mit zitternden Händen hängte sie die Sichel an einen Ast, presste beide Fäuste gegen ihr Herz und zwang sich dazu, noch einmal so nahe heranzugehen, dass ihr Atem die Härchen an den Blättern wie Gänsehaut sträubte. »Tamar?«, hauchte sie. Und als sie die Augen schloss, strömten Worte und Stimmen mitten durch sie hindurch.

»Ich hab dich!«

»Los, beeil dich, Mailín!«

»Geh in Deckung!«

Mit einem Mal roch sie Schnee, spürte knirschendes Weiß unter ihren Stiefeln und die Kälte von fedrigen Flocken an Wangen und Stirn. Sie brach bis zur Hüfte in den Schnee ein und fühlte eine Hand in ihrer, und eine zweite, stärkere, die sie am Mantel packte und aus der Schneewehe zog. Sie lächelte, als sie das Kreischen aus drei Kehlen hörte – »Vorsicht!« –, und glaubte das eisige Ziepen an ihren Zähnen zu spüren, dort, wo der Schneeball sie am Mund getroffen hatte. »Spinnst du, Joun?«, flüsterte sie. »Im Schnee sind Steine!«

Dann versank das Trugbild der Vergangenheit und Mailín horchte und suchte mit geschlossenen Augen weiter. »Hörst du mich?«, flüsterte sie. »Ich bin’s, dein Schneefuchs!« Doch diesmal spielten die magischen Ranken ihr Streiche. Nur das Geschrei ihrer neugeborenen Brüder gellte schmerzhaft laut in ihren Ohren. »Scht!«, zischte Mailín. Das Kindergeschrei ebbte tatsächlich ab. Und in die Stille hinein, die so dicht wie eine atmende Gegenwart war, fragte sie mit zitterndem Herzen: »Bist du hier? Sprichst … du mich frei?«

»Mailín!« Der scharfe Ruf ließ sie zurückzucken. Doch es war nicht die Stimme, nach der sie suchte. Es war Silja. »Geh weg vom Baum, Mailín!« Ehe sie reagieren konnte, hatte Silja sie grob am Arm gepackt und von den Raunen weggerissen. Mailín wäre fast gestürzt. Im letzten Moment konnte sie nach einem tief hängenden Ast greifen. Silja zückte eine Phiole und verteilte den Inhalt über die Ranken. Die Raunen zuckten und zischten. Und dann konnte Mailín nur noch fassungslos zusehen, wie alle Blätter innerhalb weniger Augenblicke verdorrten und schneeweiß wurden. Dort, wo die Flüssigkeit am Baum herunterrann, färbte sich die Rinde hell wie Knochen.

»Warum hast du das gemacht?«, rief Mailín. »Das ist ein Raunenbaum!«

»Das war er«, erwiderte Silja trocken.

»Weißt du, was du getan hast? Raunen sind inzwischen so selten wie Meereseinhörner!«

In der Totenstille schien Mailíns Stimme zu klirren. Kein Farn raschelte mehr, kein Vogel sang und sogar die Grille war verstummt, als hätte alles Lebendige den Atem angehalten. Wie abgestreifte Schlangenhäute hingen die Raunen tot und vertrocknet an den Zweigen. Nein, bitte nicht!, flehte Mailín. Sie versuchte ein paar Pflanzen zu retten. Doch sie zerfielen in ihren Händen und rieselten wie Sommerschnee auf die Erde. Sogar vom Baum löste sich die Borke in knochenweißen Fetzen ab.

Silja kniff die Augen zusammen. »Deshalb also wolltest du die Kinder fortschicken? Um ungestört nach Raunen zu suchen?«

»Und wenn schon!«, schleuderte ihr Mailín entgegen. »Die Raunen gehörten früher zu jedem Lichterfest! Rún hat sich so sehr eine gewünscht und du hast jetzt alles zerstört …«

»Mit Raunenmagie ist nicht zu spaßen«, sagte Silja scharf. »Träumt heute Nacht lieber eure eigenen Träume, Mailín. Sie sind kostbarer, als du glaubst.«

»Erzähl du mir nichts von Träumen!«, fauchte Mailín. »Diese Magie hier ist nicht mehr als ein harmloser Orakelzauber und gehört schon seit Jahrhunderten zu unseren Traditionen …«

»Harmlos?«, brauste Silja auf. Ihre Augen waren vor Zorn dunkel geworden und der Zug um ihren Mund so hart, dass sie plötzlich älter wirkte, als sie war. Viel älter, dachte Mailín. »Das glaubst du wirklich, ja?«, fuhr die Fremdländerin fort. »Hat dir nie jemand beigebracht, dass jeder Zauber zwei Seiten hat?«

Mailín ballte die Hände zu Fäusten. »Die Raunen sind nur Echos von Wunschdenken oder Befürchtungen, sonst nichts.« Wunschdenken. Das Wort schmeckte bitter. »Aber was weißt du schon von uns und unseren Bräuchen?«, setzte sie mit harter Stimme hinzu. »Du bist ja nur eine Fremde und gehörst nicht zu uns!«

Silja hielt sie nicht zurück, als sie sich wütend abwandte. Doch gerade als Mailín davonstürzen wollte, hörte sie die Fremdländerin hinter sich sagen: »Du hast also gehofft, sie noch einmal zu hören?«

Mailín drehte sich um. »Wen?«, fragte sie barsch.

»Die Stimmen deiner Toten«, antwortete Silja ernst. »Das ist nur eine der dunklen Seiten des Raunenzaubers. Für die Ranken sind unsere Sehnsüchte Schwingungen, die sie auffangen und in Wisperworte übersetzen. Aber wenn man ihnen zu lange lauscht, verschwimmen Wirklichkeit und Wünsche. Manch einer ist dabei verrückt geworden. Und niemals, niemals sprechen unsere Verstorbenen auf diese Weise wirklich zu uns.«

»Das weiß ich! Hältst du mich für dumm oder leichtgläubig?« Es war einfacher, wütend auf Silja zu sein, als wieder den Schatten zu spüren.

Silja trat zu ihr. Sie war etwas kleiner als Mailín und musste das Kinn heben, um ihr direkt in die Augen zu sehen. Die Sonne schien auf ihr Gesicht und ließ ihre braunen Augen bernsteingolden wirken wie die einer Martiskatze. Und wie die Augen der Raubkatzen gaben auch Siljas Augen keine Regung preis.

»Du weinst«, stellte sie fest.

Mailín biss sich auf die Zähne und schüttelte den Kopf. »Nein.«

»Nicht mit deinen Augen«, fügte Silja leise hinzu. »Aber … mit deinem Herzen.«

Mailín senkte hastig den Blick auf den Rankenschnee, der inzwischen den ganzen Boden bedeckte. »Weinen nützt niemandem«, brachte sie mit belegter Stimme heraus.

»Du bist so streng mit dir selbst, wie du sanft und großherzig zu allen anderen bist«, fuhr Silja fort. »Und du hast zu viele Menschen verloren, die du liebtest.«

Mailín schwieg. Doch als die Fremdländerin die Hand hob und ihr sanft eine Locke hinter das Ohr strich, wehrte sie sich nicht gegen die Berührung. Siljas Hand war kühl, und eine Sekunde lang wünschte Mailín sich nichts mehr, als ihre Wange in diese Hand zu schmiegen und die Augen zu schließen. Und für einen schwachen Moment lang war sie tatsächlich versucht, Silja zu erzählen, dass sie alles, einfach alles dafür geben würde, die Stimme ihrer Mutter noch ein einziges Mal zu hören – und sei es nur als Echo einer Raune, das in Wirklichkeit nur aus ihrem eigenen verwaisten Herzen kam.

»Es heißt, ihr Kinder der Eiswinter seid wie das Eis selbst«, sagte Silja. »Hart und klar. Ihr haltet stand oder brecht, dazwischen gibt es nichts. Ihr weint nie und bedenkt alle Gefahren im Voraus, ihr prüft jeden Schritt, denn wie bei einem Gang über gefrorenes Wasser könnte es euer letzter sein.« Sie lächelte. »Ich beobachte dich schon, seit ich nach Falún kam. Ich sehe dich zwar oft mit den jungen Männern arbeiten, zum Fischen gehen oder Holz für das Feuer in der Schmiede hacken, aber niemals habe ich dich wirklich fröhlich erlebt. Du hast keine Freundinnen, sitzt nicht mit den anderen Mädchen in der Sonne, und auf keinem einzigen Fest habe ich dich tanzen sehen. Du bist so ernsthaft, als hättest du vor langer Zeit vergessen, wie es ist, zu träumen und einfach nur unbeschwert zu sein.«

Mailín rieb sich unbehaglich die Oberarme und wich Siljas Blick aus. Die Grille hatte wieder zu zirpen begonnen und ganz in der Ferne erahnte Mailín die Stimmen der Kinder. »Das Leben ist zerbrechlich«, sagte sie. »Je eher man das begreift, desto besser.«

Silja musterte sie nachdenklich. »Vielleicht hast du recht, und ja, ich bin nur eine Fremde. Aber in einem Punkt muss ich dir widersprechen: Ich habe eure Bräuche sehr genau studiert. Ich weiß zum Beispiel, dass eine Mutter ihrer Tochter den Kranz aufsetzt, wenn sie mit dreizehn Jahren zum ersten Mal auf dem Lichterfest tanzen darf. Weil eure Mutter nicht mehr lebt, wirst du heute Abend diese Aufgabe bei Rún übernehmen. Und wenn eine Tochter siebzehn wird, spricht ihre Mutter sie mit einem Ring frei. Von da an ist sie erwachsen und kann ein eigenes Leben wählen. Sie kann alleine bleiben oder eine Familie gründen, sie kann gehen, wohin sie will und mit wem sie will. Welche von den Frauen wird dir noch in diesem Jahr den Ring deiner Mutter geben? Lovis, nicht wahr?«

»Niemand wird mich freisprechen. Und es gibt keinen Ring. Meine Mutter trug ihn an der Hand, als sie … ging.«

»Du meinst, sie wurde mit ihrem Schmuck begraben?«

»Sie hat kein Grab.«

Siljas Augen hatten längst alle Härte verloren. Jetzt wurden sie dunkel, als würde sich ein Schatten über sie legen. »Oh«, sagte sie voller Bedauern. »Das Schneefieber? Dann war sie also eine von denen, die im Wahn in die Kälte hinausgelaufen sind und nicht mehr gefunden wurden?«

Mailín musste sich räuspern, aber der Knoten, der ihr seit Tagen in der Kehle saß, löste sich auch jetzt nicht. »In jenem Winter hat niemand ein Grab bekommen. Die Schneestürme waren so stark, dass es ein Todesurteil gewesen wäre, nach den Kranken zu suchen.« Leiser fügte sie hinzu: »Von allen Mädchen der sieben schlimmsten Eiswinterjahre bin nur ich vom Fieber verschont geblieben.«

Es war seltsam, Silja all diese Dinge zu erzählen, und Mailín wusste selbst nicht, warum sie es tat. Aber auf eine unbehagliche Weise fühlte es sich sogar richtig an. Und die Art, wie mitfühlend Silja sie nun ansah, tat ihr gut. »Ihr armen Kinder. Aber das Schneefieber ist verschwunden und diese grausamen Zeiten sind für immer Vergangenheit.«

Dafür fällt der Winter jetzt über die südlichen Städte her, dachte Mailín. Überall wird es mit jedem Jahr kälter, nur bei uns wird es immer heißer. Sie wusste, sie sollte dafür dankbar sein, nun im richtigen Teil der Welt zu leben. Aber die Wahrheit wagte sie nicht einmal vor sich selbst auszusprechen: dass sie wohl die einzige in ganz Falún war, die sich trotz allem nach früher sehnte. Die Alteingesessenen dachten nur mit Schaudern an die Sturmnächte, in denen sogar Tränen zu Glasperlen gefroren. Für Mailín aber war es auch die Zeit der funkelnden Nächte voller Wunder gewesen. Die Zeit der Herdfeuer und Geheimnisse, als ihre Mutter Geschichten erzählte und ihr Vater noch lächeln konnte. Die einzige Zeit, in der sie glücklich gewesen war.

»Wagst du deshalb nicht mehr zu träumen?«, fragte Silja. »Weil du deine Toten verraten würdest, wenn du … einfach nur lebst und glücklich bist?«

Das war das Irritierende an Silja: In Momenten wie diesen war es, als würde Mailín in einen Spiegel schauen. Nur dass dieses Spiegelbild ihren Blick erwiderte und bis auf den Grund ihrer Seele sehen konnte. Sie holte tief Luft. »Ich habe keine Zeit für Träume. Jemand muss das Geld für uns verdienen …«

»Den Geistern Gesellschaft zu leisten, nützt niemandem«, unterbrach Silja sie sanft, aber sehr bestimmt. »Jeder von uns erleidet Verluste, so ist das Leben. Aber für manche ist die Trauer wie Eis, das alles erstarren lässt, sogar die Zeit. Doch die Tänze, die ein Toter im Leben nicht getanzt hat, kann ihm kein Lebender mehr stehlen. Glaubst du, deine Toten wollen, dass du dein eigenes Feuer erstickst, um die Asche ihrer verbrannten Existenzen anzubeten?« Sie schüttelte den Kopf. »Es gibt nur das Jetzt und das Morgen. Die Vergangenheit ist nur noch verwehter Rauch, also lass sie endgültig zurück.«

»So wie du? Du hast ja sogar vergessen, woher du kommst.«

»Ich habe euch gesagt, woher ich komme.«

»Ja, angeblich aus Tibris. Aber Silja ist kein Name aus dieser Gegend. Und auch sonst hast du nicht viel gemeinsam mit den Leuten von der Küste. Deine Haut ist sogar braun gebrannt noch viel zu hell, und du kennst erstaunlich wenige der Lieder, die man dort singt. Im Grunde könntest du also auch aus Maymara oder von sonst woher stammen. Vielleicht stimmt ja sogar das Gerücht, dass du eine Grauland-Prinzessin auf der Flucht bist?«

Silja lachte amüsiert auf. »Eine interessante Theorie. Aber in meinem Land gibt es keine Lords und Ladys, nur Jäger, die ihre Beute mit Netzen aus Nixenhaar fangen. Es ist ein Land, in dem Spinnen auf Harfen Lieder spielen und das Meer Zähne aus Knochen hat. Raben krächzen Zauberworte, und die Magie dort ist so alt, dass ein Kinderlied, gespielt auf einem Fischbein, sogar das Eis des Himmels zerbrechen könnte.«

Mailín konnte kaum verbergen, wie enttäuscht sie war. »Du solltest eigentlich wissen, dass ich nicht an Märchen glaube.«

»Wie schade.« Silja lächelte wie eine Diebin. »Denn wer weiß schon, wo die Wirklichkeit endet und die Märchen beginnen?« Sie zwinkerte Mailín zu. »Gehen wir?« Beiläufig rückte sie ihren Korb zurecht. Doch mit ihrem Haar, in dem Laub und Dornen hingen, und der Waffe in den Rechten wirkte sie dennoch wie eine Kriegerin. Eine, die immer auf meiner Seite steht, dachte Mailín.

Erst als die Fremdländerin schon fast hinter den Farnen verschwunden war, nahm sie ihren Mut zusammen und rief: »Wann wirst du weiterziehen?«

Silja fuhr herum. »Wie kommst du darauf, dass ich das vorhabe?«

»Vor ein paar Wochen haben im Wirtshaus ein paar Räte darüber geredet, dass der Mietvertrag für das Apothekenhaus ausläuft und du nicht bleiben wirst.«

»Und ausgerechnet du glaubst, was andere sagen?«

»Weich nicht immer aus! Wenn du ein Geheimnis um deine Vergangenheit machst, von mir aus. Ich werde dich nicht mehr fragen und es ist mir völlig gleichgültig, ob du eine Braut oder eine Mörderin auf der Flucht bist. Aber ich muss wissen, ob du in Falún bleibst.«

»Machst du dir etwa Sorgen um deine Arbeit bei mir in der Apotheke? Ich versichere dir …«

»Du weißt genau, dass es mir nicht um das Geld geht! Ich habe drei Arbeiten, und wenn deine wegfällt, finde ich eine andere. Aber …« Mailín schluckte und fuhr leiser fort, »… du hast recht: Ich habe wirklich schon genug Menschen verloren. Die meisten hat der Schnee geholt; manche sind weggegangen, so wie Kapitän Santalnik. Und wenn du vorhast, ebenfalls wieder aus meinem Leben zu verschwinden, dann sag es mir jetzt. Ich muss es wissen, bevor ich dich vielleicht noch … ins Herz schließe.«

Silja war ernst geworden. »Ich hoffe, du glaubst mir wenigstens, dass ich niemanden ermordet habe«, sagte sie nach einer ganzen Weile. »Und wer kauft wohl ein Haus, wenn er weiterziehen will?«

»Du hast die Apotheke gekauft?« Mailín war selbst erstaunt, wie erleichtert sie war. Mag ich sie tatsächlich schon so sehr? Natürlich war die Fremdländerin keine Mörderin, aber eine Diebin, die sich in ihr Herz geschlichen hatte, war sie offenbar.

Silja lächelte ihr verschwörerisch zu und ging mit großen Schritten davon. Mailín wollte ihr folgen, als etwas ihren Blick fing. Das verdorrte Laub bedeckte die Erde wie Sommerschnee. Doch zwischen den blutleeren Blätterfetzen leuchtete das Smaragdgrün einer unversehrten Raune. Vielleicht war sie bei dem Handgemenge mit Silja abgerissen. Mailín überlegte nur kurz, dann steckte sie die Raune ein und holte zu Silja auf.

Lovis’Spiegel

Lovis saß vor ihrem kleinen Granithaus und stickte. Obwohl sie seit Jahren als Näherin arbeitete, wurde sie immer noch »Die Kapitänin« genannt und das Haus, das direkt am Marktplatz lag, sah noch genauso aus wie an dem Tag, als Kapitän Santalnik zu seiner Expedition aufgebrochen war. Über dem Eingang hingen die gekreuzten Walknochen und das Haifischgebiss, in dessen Unterkieferbogen Vögel ihre Nester bauten. Neben der Tür diente eine Seemannstruhe als Bank. Nur die Birnbäume im Vorgarten ragten inzwischen weit über das Dach und verströmten das Aroma von Süße und Sommer. Wie jeden Tag trug Lovis auch heute ein schlichtes Leinenkleid, ganz die Frau eines Seemanns, die lediglich die Zeit bis zu seiner Rückkehr mit Näharbeiten überbrückte. Mit flinken Fingern bestickte sie Seidenstoff mit Motiven, in denen Mailín lesen konnte wie in einem Buch: Fischdrachen des Südmeers, Tiefseekrabben und Muränen, die es nur bei den Perleninseln gab. Seetang trieb auf der Seide und strömte zu den verschlungenen Initialen irgendeiner wohlhabenden Familie zusammen. Inzwischen bestellten sogar schon Händler aus den Küstenstädten die eigenartigen Kreationen der Kapitänin. Und auch jeder, der neu in Falún war, stattete sich als Erstes mit Vorhängen und Tischdecken von Lovis aus.

»Du hast Lilien gefunden?« Lovis legte das Nähzeug beiseite und stand auf. Natürlich lächelte sie nicht. Manche Frauen sagten, Lovis’ versteinerte Miene sei der Grund, warum sie trotz ihrer vierzig Jahre immer noch jung wirke, schließlich könne sich an glatten Zügen keine Falte festkrallen. Aber Mailín erschien es eher so, als würde Lovis einfach stillhalten, um nicht zu spüren, wie viel Zeit schon vergangen war, seit ihre große Liebe aufs südliche Meer hinausgesegelt war.

»Ich habe dir zwölf Lilien mitgebracht«, rief sie Lovis zu. »Falls du mehr brauchst, kann ich noch einmal in den Wald gehen.«

»Zwölf genügen«, erwiderte die Kapitänin. »Komm ins Haus, ich gebe dir das Geld.«

Der vordere Teil des Wohnzimmers, ein wuchtiger Erkerbau mit hohen Fenstern, war im Laufe der Jahre zu einer Schneiderwerkstatt geworden. Stoffballen türmten sich auf den Schränken und Kommoden und der große Tisch war ganz an die Fenster herangerückt worden, wo Lovis ihre Tage und bei Lampenschein auch die Abende verbrachte. Scheren lagen auf dem Tisch und eine mechanische Nähmaschine hatte heute hellgrünen Stoff für ein vornehmes Kleid zwischen den Zähnen.

Aber der hintere Teil des Wohnzimmers, dort, wo sich im Halbdunkel über dem Kamin Dämonenmasken von den Perleninseln reihten, war immer noch Symion Santalniks Reich. Sein Sessel wirkte, als hätte er ihn eben erst verlassen, und auf dem langen Kartentisch reihten sich seine Seemannskarten und Zeichnungen genauso, wie er sie zurückgelassen hatte. Auf den vollgestopften Bücherregalen lag keine Spur von Staub, die Goldinschriften glänzten, als wollten sie Mailín auf sich aufmerksam machen.

»Zwölf Blumen, achtundvierzig Danare«, murmelte Lovis und kramte in ihrer Geldschatulle. »Hier, ich gebe dir fünfzig.«

»Danke! Aber … ich würde dir fünf der Lilien kostenlos überlassen, wenn du dafür etwas nähen könntest.« Mailín holte Rúns Rock aus dem Korb. »Rún ist beim Blumensammeln in die Dornen gefallen.«

»Ach du Schande!« Lovis betrachtete missbilligend den Riss. »Deine Schwester ist eine Träumerin. Und in ihrem einzigen Rock in den Wald zu gehen, statt sich Hosen anzuziehen …«

»Ich weiß, du hast heute keine Zeit mehr für solche Arbeiten. Aber Rún ist völlig verzweifelt. Es ist schließlich ihr erster Lichtertanz.«

»Auf die Schnelle kann ich den Riss natürlich nur zusammenflicken. Aber für das Fest wird es auch ohne Zierstickerei gehen.«

»Danke, Lovis! Das wird Rún dir nie vergessen.«

Lovis winkte nur unwillig ab, suchte einen Faden heraus und setzte sich an den Tisch. Im nächsten Moment war sie schon in ihre Arbeit versunken. Mailín stellte den Korb ab und ging auf leisen Sohlen zum Kamin. Mit den Fingerspitzen strich sie im Gehen über die Papiere auf dem Kartentisch, die nautischen Zeichnungen von Schiffen und Strömungslinien, von Meerengen und Felsen, die mitten aus dem Wasser ragten. Graumeer, Tibris, Wilastadt, las sie die vertrauten Worte. Jofnurs Modell, Südmeerpassage. Kreuzungspunkt 1 am vierten Spiegelmeridian, Kreuzungspunkt 2 unter dem großen Wolfskopf. Jedes Mal, wenn sie diese Schätze betrachtete, war es wie Nachhausekommen. Sie wandte sich vom Tisch ab undsog den vertrauten Duft von gewachstem Holz und Buchleim tief ein. Auf einem Marmortisch an der Wand standen eine Silberschale und ein Wasserkrug. Und darüber hing das Bild, auf dem Kapitän Santalnik und Lovis an ihrem Hochzeitstag zu sehen waren, beide noch jung und glücklich, Symion in der Kapitänskleidung der Perleninseln, die Lovis im Scherz immer als »Piratentracht« bezeichnet hatte. Damals war die körnige schwarz-weiße Fotografie etwas Besonderes gewesen, ein Kuriosum, das von allen in der Stadt ungläubig bestaunt wurde. Der Fotoapparat aus Holz, Leder und schwarzem Stoff war nur eines der Wunderwerke aus fernen Ländern, die Kapitän Santalnik im Gepäck gehabt hatte, als er lange vor Mailíns Geburt nach Falún gekommen war. Und mit ihm war auch der Apparat Jahre später wieder spurlos verschwunden. Nur die alte Fotografie zeugte noch von der Existenz des Wundergeräts. Auf dem Bild war Lovis grellweiß wie Schnee, Symion dagegen wirkte mit seiner dunkelbraunen Haut und seinem langen Rabenhaar wie eine Schattengestalt. Niemand hätte es sich träumen lassen, dass dieser Pirat und die Stadtprinzessin Lovis sich ineinander verlieben würden – so leidenschaftlich und entschlossen, dass sie beide für diese Liebe alles zurücklassen würden: Symion seine Heimat und sein Leben auf salzgebleichten Schiffsplanken auf den Meeren der Welt. Und Lovis ihre Zukunft mit dem reichsten Erben der Stadt und das Wohlwollen ihrer Familie. Kapitän Santalniks Augen schienen Mailín aus dem Bild heraus amüsiert zu betrachten. Und sie erwiderte das Lächeln, das darin lag.

»Willst du dir wieder mal ein Buch ausleihen?« Lovis’ Stimme riss Mailín aus ihren Gedanken. Mailín zog ohne zu zögern das Buch aus dem Regal, das sie als Kind wegen der vielen Zeichnungen am meisten fasziniert hatte. Dichtung und Wahrheit – Mythologie der frühen Nautik prangte in silbernen Lettern auf dem Umschlag. Darunter war ein Einhorn mit einem Nixenschwanz und Flossen statt Vorderbeinen abgebildet.

»Wenn Symion wieder da ist, wird er sich freuen, dass du dich durch seine ganze wissenschaftliche Bibliothek gelesen hast.« Lovis biss den Faden ab und legte den Rock in Mailíns Korb. »Du hast uns früher immer so gerne besucht. Weißt du noch? Es gab wohl kein Kind in ganz Falún, das meinen Symion so mochte wie du.«

Mailín hätte widersprechen müssen. Sie hatte Kapitän Santalnik nicht nur »gemocht«. Sie hatte ihn geliebt, wie nur Siebenjährige lieben können: bedingungslos, mit ganzem glücksheißem Herzen und dem Ungestüm eines jungen Hundes, der sich nicht abschütteln lässt, egal, wie oft man ihn verscheucht. Aber Symion Santalnik dachte gar nicht daran, sie wegzujagen, wenn sie atemlos, mit Schnee im Haar und ihren Schulbüchern unter dem Arm, vor seinem Haus stand. Er lachte und öffnete die Tür für sie genauso weit wie sein Herz.

»Lovis!«, rief er über die Schulter. »Mein Matrose ist wieder da.«

»Ach Kind, du hast doch ein Zuhause«, seufzte Lovis dann nur. »Dein Vater muss ja schon denken, dass wir dich stehlen wollen.« Aber da war Mailín schon über die Schwelle gesprungen und rannte in diese andere Welt, die nach fremden Ländern, Tabakrauch und Buchleim duftete, vorbei an den Dämonenmasken mit den geschlossenen Augen. Mailín war sich sicher, dass sie sich nur schlafend stellten, und huschte auf Zehenspitzen geduckt an der Wand entlang. Am Kamin kletterte sie zu Kapitän Santalnik auf den Sessel. Dabei versuchte sie nicht zu einer lebensgroßen mumifizierten Nixe zu schauen, die damals von der Zimmerdecke hing. »Keine Angst«, hatte Lovis gesagt, als Mailín das Ungeheuer zum ersten Mal sah. »Das scheußliche Ding ist keine echte Wasserfrau, nur eine künstliche Chimäre – Flickwerk aus Rochenhaut und Haifischzähnen.«

Doch Mailín wusste es besser. Denn manchmal, wenn Kapitän Santalnik von den schönen und gefährlichen Nixen der tiefen Meere erzählte, konnte sie den Zorn der Wasserfrau spüren wie einen kalten Hauch. Und im Flackern des Kaminfeuers erahnte sie, wie der Schatten an der Wand die verkrümmten Finger streckte, bis die vertrockneten Schwimmhäute knisterten.

Mailín lächelte und strich mit den Fingerspitzen über das Buch, bevor sie es in ihren Korb legte und die Münzen abzählte, die sie Lovis zurückgeben wollte. Aber die Kapitänin winkte ab. »Das ist mein Geschenk an Rún. Und hier ist eines für dich.« Sie hielt ihr eine der Lilien hin.

Mailín schüttelte den Kopf. »Ich muss heute arbeiten.«

»Na und?«, rief Lovis ehrlich entrüstet aus. »Junge Leute haben immer Zeit für einen Tanz!«

»Nicht heute Abend.«

»Aber wie willst du denn sonst herausfinden, wer der Richtige für dich ist? Mit wem man gut tanzen kann, den kann man auch lieben, denn im Leben und in der Liebe kommt es auf den Gleichklang an. Deshalb darf man kein einziges Fest auslassen, wenn man so jung ist wie du. Ich wusste damals schon bei unserer ersten Begegnung, dass Symion der Richtige für mich ist, schau her.« Lovis trat zu der Schale und goss etwas Wasser hinein. Sobald es zur Ruhe gekommen war, tippte sie die Oberfläche mit dem Zeigefinger an. Mit den Ringen breiteten sich auf dem Spiegel Schatten, Glanzlichter und Farben aus und flossen zum Abbild eines Männergesichts zusammen. Kapitän Santalniks rabenschwarzes Haar wehte im Schwung einer schnellen Drehung. Seine grünen Augen blitzten im Spiegel des Wassers auf. Der lachende Tänzer ließ den Blick nicht von dem Mädchen, das er herumwirbelte. An jedem anderen Tag hätte Mailín sich nicht von dem magischen Abbild losreißen können, heute aber musterte sie verstohlen Lovis von der Seite. Für manche ist die Trauer wie Eis, das alles erstarren lässt, sogar die Zeit, erinnerte sie sich an Siljas Worte. Vielleicht stimmte es. Denn während die Kapitänin ganz in ihrer Spiegelmagie versank und den Blick ihrer Erinnerung erwiderte, erhellte ein seltenes Lächeln ihr Gesicht und ließ es wieder so jung wirken wie auf der Fotografie.

Blatt imWind

Natürlich war der Winter nicht ganz verschwunden. Die Zeit der dunklen Tage war immer noch genauso lang wie früher. Es gab frostüberhauchte Morgen, an denen auf den Viehweiden gefrorenes Gras unter den Sohlen knirschte. Es gab die dünne Eisschicht in den Regenwassertonnen hinter den Häusern. Und im Dezember fiel manchmal sogar fedriger Schnee, der ein paar kühle Wochen lang liegen blieb. Doch die Pelzmacher und Jäger waren schon vor Jahren in die Städte am Meer weitergezogen, die unter verschneiten Sommern litten, als wäre die Eiszeit vom Landesinneren einfach in die Küstenregionen ausgewandert. Dafür lockte die Wärme in Falún immer mehr Reisende an. Erst waren es Abenteurer, die sich für die vom Eis befreiten Zugänge zu den alten Silberminen interessierten, dann bezogen Arbeiter und Handwerker die verwaisten Viertel der Hinterstadt. Kaufleute, die vor der Kältewelle aus den Südstädten flohen, eröffneten Läden am Marktplatz, trugen die grauen Granitfassaden ab und verwandelten die alten Gebäude in elegante Häuser mit großen Fenstern. Zwischen den neuen bunten Läden am Marktplatz wirkten die letzten verwitterten Granithäuser wie Relikte einer alten Zeit. Doch ansonsten ging das Leben weiter wie in den Winterjahren. Nach altem Brauch schmückte auch an diesem Festabend Birkenreisig die Tische und mitten auf der Tanzfläche war in einem Steinrund Feuerholz aufgeschichtet.

Zusammen mit Kerem wuchtete Mailín gerade noch die letzten kleinen Fässer vom Brauereiwagen und rollte sie zur Schanktheke. Dort beobachtete der Bürgermeister mit Mitgliedern des Stadtrates, wie am Rathaus ein Stofftransparent aufgehängt wurde. Avas Familie hatte es der Stadt gespendet. Ein paar junge Männer kletterten auf dem Rathausdach herum und befestigten den Stoff an den alten steinernen Schneefängern. Im Gegenlicht der Abendsonne waren die Arbeiter nur Silhouetten, aber Mailín erkannte ihre Freunde sofort: den hochgewachsenen Joun, dessen Bewegungen immer etwas Fließendes hatten. Und den kräftigen, gedrungenen Pjott, der jetzt wieselflink zum Dachrand kletterte. Applaus brandete auf, als er das Transparent geschickt über die Kante entrollte. Übergroß prangte darauf das Falúner Wappen: eine weiße Schlange als Symbol für die Silberadern im Berg auf grün-roter Marmormaserung. »Dieses Monster verdeckt ja das ganze Rathaus«, rief Bürgermeister Kantal. »Man könnte meinen, ihr wollt mein Amtsgebäude hinter dem Stoff verschwinden lassen.«

Avas Vater lachte. »Kann ja nicht schaden, den alten Granitkasten zu verschönern.«

»Verschönern?« Kantal schüttelte fassungslos den Kopf. »Das soll ein traditionelles Lichterfest werden und kein Karneval für Narren!«

Mailín verkniff sich ein Lächeln und band sich die Schürze um. Ein Pfiff ließ sie aufblicken. Joun hatte sie entdeckt und winkte ihr vom Rathausdach zu. Er trug noch seine Ledersachen, also war er wohl direkt von der Arbeit in der Schmiede zum Festplatz gekommen. Mailín winkte zurück und gab ihm ein Zeichen, später zu ihr und Kerem zu kommen.

»So willst du heute arbeiten, Mailín?« Jussu, der Wirt, der selbst an ein Fass erinnerte, stieg gerade schnaufend vom Brauwagen und musterte voller Missfallen Mailíns grünes Kleid. »Warum hast du dich so aufgetakelt? Wenn du dir einbildest, du wirst Zeit zum Tanzen haben …«

»Meine Arbeitssachen liegen bei Silja in der Apotheke. Ich ziehe mich dort um, sobald Rúns Lichtertanz vorbei ist.«

»Dann würde ich an deiner Stelle sehr schnell sein«, murrte Jussu. »Denn ich ziehe dir jede verdammte Minute von deiner Arbeitszeit ab!«

Kerem verdrehte nur die Augen und auch Mailín sparte sich eine Antwort. Jussu war wie ein Hund, der jeden Floh anbellte, aber niemals zubiss.

»Keine Sorge. Natürlich wirst du tanzen«, sagte Kerem. »Und zwar mit mir.«

»Damit dein Hyänenrudel über mich herfällt? Nein, danke!« Mailín deutete mit einem Kinnrucken zu einem Tisch, wo einige Mädchen saßen und zu Kerem herüberstarrten, als wäre er das letzte Glas Wasser in der Wüste. Und sogar Mailín musste zugeben, dass Kerem heute besonders gut aussah. Vor zwei Jahren war seine Familie aus einer Küstenstadt nach Falún eingewandert, aber an diesem Abend trug Kerem zum ersten Mal die goldgelbe Festtracht seiner Heimat. Borten mit aufgestickten Perlen und roten Korallen schmückten die Ärmel. Das Zusammenspiel der Farben brachte seine kupferbraune Haut und sein rotes Haar zum Leuchten. Kein Wunder, dass jede Händlerstochter von Prinz Kerem träumt.

»Denk daran, dass du versprochen hast, meine kleine Schwester aufzufordern«, sagte Mailín. »Und wenn du mir wirklich einen Gefallen tun willst, dann knöpf dir Mika vor und sorge dafür, dass er heute besonders nett zu Rún ist.«

»Stets zu Diensten, Königin der Marionetten.« Kerem verbeugte sich übertrieben tief vor ihr, was den Stadtmädchen sichtlich Klauen und Zähne wachsen ließ. Und nur um die Hyänen zu ärgern, trat Mailín zu ihrem Freund, schlang die Arme um seinen Hals und küsste ihn so nah am Mundwinkel auf die Wange, dass es für die Mädchen nach etwas ganz anderem aussehen musste. »Danke, mein Ritter«, hauchte sie und lächelte ihm strahlend zu. Kerem kniff misstrauisch die Augen zusammen, dann schüttelte er amüsiert den Kopf und machte sich wieder an die Arbeit.

Inzwischen nahmen die Musiker ihre Plätze auf der Bühne ein. Mailín atmete auf, als sie ihren Vater entdeckte. Elajs Blick war völlig klar und seine Hände zitterten nicht, als er die Saiten seiner Geige stimmte. Alles wird gut, dachte Mailín. Aber dennoch schickte sie ein Stoßgebet zum Himmel. Bitte lass ihn bis zum Lichtertanz durchhalten.

»Hey, Tanzmädchen! Träum hier nicht vom Froschkönig!«, keifte Jussu. »Wein auf die Tische, na los!«

Wie an jedem Lichterfest, trug Lovis den ozeanblauen Lilienkranz auf dem Haar und saß an ihrem Stammplatz in der Nähe der Bühne. Und wie immer sammelte Bürgermeister Kantal zehn Tänze lang seinen ganzen Mut, bevor er zu Lovis hinüberging, sie mit einer förmlichen Verbeugung aufforderte und sich seinen alljährlichen Korb abholte. Mailín, die neue Weingläser am Tisch von Leens Familie verteilte, konnte Lovis’ Worte nicht hören, aber jeder wusste ohnehin, was sie sagte: »Ich fühle mich sehr geehrt, Kantal, aber diesen Tanz habe ich Symion versprochen.«

»Traumtänzerin!« Leen schnaubte und wandte sich wieder ihrem Wein zu. »Witwenschwarz sollte sie tragen, kein Festkleid!«

Silja, die ihr gegenübersaß, runzelte fragend die Stirn. Heute trug sie ein lichtgraues Seidenkleid, das sie tatsächlich ein wenig wie eine Grauland-Prinzessin aussehen ließ. Einige Leute verrenkten sich schon die ganze Zeit die Hälse und tuschelten. »Ich dachte, Symion ist nur auf Reisen?«, sagte sie nun.

»Reisen?« Leen schüttelte den Kopf. »Nach all den Jahren sollte man sich damit abfinden, die Frau eines Toten zu sein. Inzwischen hat Lovis schon ihr ganzes Vermögen verprasst, um eine Suchmannschaft auszuzahlen, die nichts gefunden hat. Und neuerdings sammelt sie Spenden für eine neue Suchexpedition. Wenn sie sich in etwas verbeißt, lässt sie nie wieder los, selbst wenn sie dran erstickt.«

»So war sie doch schon immer«, bemerkte Leens Mann Colja in seiner ruhigen Art. »Sonst hätte sie sich gar nicht erst in den Kopf gesetzt, einen windigen Niemand von Nirgendwoher zu heiraten.«

»Kaptän Santalnik ist kein Niemand, Colja«, mischte sich Mailín ein.

Der Alte winkte ab. »Ein Seemann war er. Ein Reisender! Nichts für ungut, Silja, aber bei euch muss man doch immer damit rechnen, dass der Wind euch wieder davonweht.«

»Nicht jeder Reisende ist ein Windhund«, erwiderte Silja und lächelte Mailín zu. Und Mailín konnte nicht anders, als das Lächeln aus vollem Herzen zu erwidern.

»Außerdem wisst ihr genau, dass der Kapitän nicht davongeweht wurde«, fügte Mailín hinzu. »Er hat eine Expedition zur Erkundung einer neuen Handelsroute auf dem Südmeer zusammengestellt.«

»Expedition«, spottete Leen. »Langweilig ist es ihm geworden ohne das Meer, eingepfercht mit seiner blassen Lovis in der ewigen Kälte, also hat er sich zu sonnigeren Ufern aufgemacht.«

Jeder kannte Leens Tiraden. Aber heute konnte Mailín nicht einfach darüber hinweggehen. Vielleicht, weil Silja mit am Tisch saß. »Wenn er Lovis hätte verlassen wollen, wäre er allein losgezogen. Aber es sind drei Leute aus Falún mit ihm zusammen aufgebrochen.«

»Ja, und fast wären es dreieinhalb gewesen«, bemerkte Colja. »Dich haben wir ja zum Glück noch rechtzeitig aus der Reisetruhe gezogen.«

Silja hätte sich fast an ihrem Wein verschluckt. »Du wolltest heimlich mitgehen, Mailín?«

Coljas Lachen ging in ein heiseres Husten über. »Mitten in der Nacht ist der kleine Wirrkopf von zu Hause weggelaufen. Als ich sie morgens entdeckte, weil beim Beladen des Wagens Ladung verrutschte, war sie halb erfroren. Aber was für eine Heulerei und ein Aufstand, als der Kapitän sie zurück nach Hause schickte!«

Jetzt lachten auch Leens Söhne schallend los.

Mailíns Wangen glühten. »Hört auf!«

»Jedenfalls ist keiner der Männer von dieser Expedition zurückgekommen«, ergriff Leen erneut das Wort. »Und wenn jemand fort ist, lässt man ihn los, wie ein Baum im Herbst seine Blätter fallen lässt. Weg ist weg! Man schaut nach vorn und lebt weiter.«

Die Gläser klirrten gegeneinander, so hart stellte Mailín das Tablett auf den Tisch. »Würdest du wollen, dass deine Familie dich aufgibt?«

»Ja!«, schnappte Leen. »Ich will nämlich weder, dass meine Männer lange trauern, noch, dass sie ewig hoffen. Zu welch kranken Hirngespinsten das führt, sieht man ja bei unseren Unglückskrähen.«

Sie hätte gar nicht zu Lovis’ Tisch deuten müssen. Alle, die zugehört hatten, schauten bereits zu den sieben verhärmten Frauen, die bei der Kapitänin saßen. Die weißen Bänder an ihren Handgelenken – jedes davon ein Trauerzeichen für ein Kind, das sie nicht vergessen konnten – waren schon ganz vergilbt.

»Das ist etwas völlig anderes«, widersprach Mailín hitzig. »Niemand konnte das Fieber überleben. Aber Kapitän Santalnik kann immer noch zurückkommen.«