Verlag: cbt Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2009

Faunblut E-Book

Nina Blazon  

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E-Book-Beschreibung Faunblut - Nina Blazon

Sie hat zwei Seelen, eine muss er töten. Eine Metropole am Rande der Zeit. Eine Herrschaft im Zeichen der Gewalt. Und eine Liebe wider jede Vernunft.Als Jade, das Mädche mit den flussgrünen Augen, den schönen und fremdartigen Faun kennenlernt, ist ihre Welt bereits am Zerbrechen. Aufständische erheben sich gegen die Herrscherin der Stadt und die sagenumwobenen Echos kehren zurück, um ihr Recht einzufordern, Jade weiß, auch sie wird für ihre Freiheit kämpfen, doch Faun steht auf der Seite der Gegner …• Nina Blazon erzählt emotional und mit betörender Imaginationskraft• Trendig, aufregend, romantisch – das ist junge Fantasy vom Feinsten• Für alle Leser/innen von Stephenie Meyer, Jenny-Mai Nuyen und Christoph Marzi

Meinungen über das E-Book Faunblut - Nina Blazon

E-Book-Leseprobe Faunblut - Nina Blazon

Inhaltsverzeichnis
 
Widmung
 
Jäger und Gejagte
Das Herz des Hauses
Sonne und Mond
Verborgene Kammern
Ungebetene Gäste
Blutzoll
Schwarzes Feuer
Die Augen des Suchers
Schädel und Dornen
Mitternachtsaugen
Die andere Seite des Flugges
Totentanz
Prinzen und Narren
Asche im Wasser
Die Seele der Flammen
Die Könige der Stadt
Kirche und Kerker
Hinter den Spiegeln
Die Entscheidung
Das Fest
Wasserblut
Der Glanz der Fremde
 
Copyright
 
 
 
JADE BLICKTE in die grünen Augen und betrachtete die Verästelungen, die sich wie Risse in einem alten Gemälde über die Wangen zogen. Kein Körper, flüsterte das Mädchen ihr zu. Wasserblut rann aus der Wunde. Kein Blut.
 
 
 
FÜR TIM, der mich auch bei diesem Buch mit viel Geduld, Humor und Unterstützung auf die dunkle Seite begleitet hat. Und für Susanne Evans, mit einem innigen Dankeschön!
Jäger und Gejagte
Auf den ersten Blick sahen sie erschreckend menschlich aus. Soweit Jade von ihrem Platz im Schatten der Mauer erkennen konnte, waren es nur zwei Gestalten. Sie standen mitten auf dem alten Rathausplatz und starrten nach oben, zu den gezackten Ruinenrändern der Häuser, die in den wirbelnden Wolkenhimmel ragten. Beide waren von Kopf bis Fuß verhüllt, aus dem Saum troff schmutziges Wasser. Sogar die Köpfe hatten sie bedeckt – der eine mit einem lumpigen Fetzen, der andere mit etwas, das ein Stück von einem feinmaschigen Fischernetz sein mochte. Im fahlen Licht des Frühsommermorgens lagen ihre Gesichter im Schatten, sodass es aussah, als stünden auf dem verlassenen Rathausplatz körperlose Wesen – Gespenster der ehemaligen Bewohner, die vor ihren zerstörten Behausungen warteten, wo Fensterhöhlen, so leer wie ihre unsichtbaren Gesichter, erbarmungslos gleichgültig zurückstarrten.
Jade drückte den Rucksack an ihre Brust und wich zur Mauer zurück. Obwohl der Morgen so kühl war, dass sie ihren Atem sehen konnte, fühlte sie sich plötzlich, als würde sie vor Fieber glühen. Sie atmete tief durch, um die Furcht nicht übermächtig werden zu lassen. Sie wusste, sie sollte, so schnell es ging, von diesem Ort verschwinden, dennoch blieb sie stehen, unfähig, den Blick abzuwenden. Gegen ihren Willen fasziniert, verfolgte sie die geschmeidigen Bewegungen, die den beiden Gestalten die Anmutung von Tänzern verliehen. Sie verrieten sich allein schon durch die Art, wie sie sich umsahen und einige Schritte weiterglitten, wie sie das Ausmaß der sie umgebenden Zerstörung in ihre Gesten und Haltung aufnahmen und spiegelten. Etwas Fließendes lag darin, zu flink und flüchtig, um menschlich zu sein. Vor dem ehemaligen Rathaus, von dem nur noch die von Einschusslöchern durchsiebte Front stand, blieben sie abermals stehen und sahen nach oben.
»Komm, weg hier!« Lilinns kräftige Hand legte sich auf ihre Schulter.
»Das... das sind Echos!«, wisperte Jade atemlos.
»Ich weiß. Sie dürfen uns nicht entdecken.«
Jade schluckte. Natürlich nicht. Nur zu gut erinnerte sie sich an den übel zugerichteten Leichnam eines Mannes, den Martyn und die anderen Flussleute vor einigen Wochen aus dem Hafenbecken geborgen hatten. Und auf dem Schwarzmarkt erzählte man sich, dass vor wenigen Tagen zwei Wächter der Lady aufgefunden worden waren – vor den Gittern des Goldenen Tores, mit Wunden im Genick und einem Ausdruck des Entsetzens auf den erstarrten Gesichtern.
Langsam zog sich Jade zurück, einen tastenden Schritt nach dem anderen, geduckt und so vorsichtig, dass nicht einmal der zerbröckelte Marmor unter ihren Schuhen knirschte. Noch vier Schritte, noch drei bis zum Ende der Mauer. Immer noch hielt sie ihren leeren Rucksack wie einen Schutzschild vor ihrer Brust. Ihre Nackenhärchen stellten sich auf bei dem Gedanken, dass tote Augen sie vielleicht längst im Schatten erspäht hatten und jede ihrer Bewegungen verfolgten. Jedenfalls hieß es, sie hätten tote Augen. Die Geschichten, die man den Kindern zuflüsterte, wenn sie nicht folgsam waren, erzählten von Bestienfratzen, Fangzähnen und einer Zunge, die so lang und scharf war wie ein Dolch und den Tod brachte. Andere beharrten darauf, dass die Echos Mumiengesichter hatten, nur die Augen, klar und grün wie die Wasser der Wila, würden leben und jeden lähmen, der zu tief hineinblickte.
Obwohl Jade vor Angst und Anspannung kaum Luft bekam, konnte sie einfach nicht anders: Kurz bevor sie hinter Lilinn um die Ecke huschte, warf sie einen raschen Blick zurück.
Die Echos waren verschwunden. Nur das Wasser, das aus den nassen, lumpenähnlichen Umhängen geflossen war, glänzte noch auf dem Steinboden.
»Lilinn! Sie sind fort!« Ihr Flüstern war kaum wahrnehmbar gewesen, doch die Köchin fuhr herum und runzelte besorgt die Stirn. Sie hatte nicht oft harte Augen, aber hier, im Schatten, glichen sie mehr denn je hellblauen Habichtaugen, ein Eindruck, der durch die Umrandung mit schwarzer Schminke noch betont wurde.
»Verdammt«, stieß sie zwischen zusammengepressten Zähnen hervor. Jade wusste, dass sie in diesem Moment dasselbe dachten. Sie wechselten einen stummen Blick, dann drückten sie sich an die nächste schützende Mauer und hielten den Atem an. Doch es war zu spät, um sich zu verstecken: Marmortrümmer knirschten unter schnellen Schritten. Und die Schritte kamen genau auf sie zu.
Dort entlang!, bedeutete Lilinn mit der Hand. Zur alten Schule!
Jade war schon oft geflohen – vor den Leuten der Lady, die den Schwarzmarkt aufgespürt hatten, vor Dieben und Betrunkenen. Und nicht zuletzt vor den Jägern, die sie selbst für eine Diebin hielten. Doch diesmal musste sie schneller sein – und leiser. Es wäre leicht gewesen, Lilinn zu überholen, die einen Rock trug und längst nicht so schnell war wie Jade, aber heute legte es Jade nicht darauf an, an ihr vorbeizuziehen. Lilinns langes Haar, das sie in einem kunstvoll gedrehten Zopf trug, tanzte bei jedem Schritt wie eine goldene Schlange. Lautlos schlüpften sie unter einem mit Efeu bewachsenen Türstock hindurch und huschten den breiten Flur entlang, über den einst Schüler gelaufen waren. Schon vor Jahren hatten Kletterpflanzen damit begonnen, die Mauern zu überwuchern, und selbst die eisigen Winter hatten sie nicht aufhalten können. Das Gebäude hatte kein Dach mehr, und wenn man nach oben blickte, konnte man die blassen, schlierigen Wolken sehen, die über den weißen Morgenhimmel zogen.
Jade kannte jeden Winkel der verbotenen Stadt, von der Halle, in der die Schüler an langen Tischen gesessen und gegessen hatten, bis hin zu der prächtigen, mit schwarzem Marmor gepflasterten Hauptstraße. Und auch den kleinen Marktplatz, die verwinkelten Gässchen und die Ruinen der Tuchhallen und Kontore, in denen die Händler früher Seidenstoffe und Pelze gehortet hatten. Geschwungene Steinbrücken führten über die Kanäle, die vom Stadtfluss Wila abzweigten. Schlingpflanzen hatten sich unter den Brücken verfangen und streckten ihre blassgrünen Finger nach den bemoosten Treppen aus.
Jade und Lilinn hasteten durch einen Hinterhof und von dort aus über die hoch gewölbte, schmale Brücke, die die Flussleute den »Katzenbuckel« nannten. Sie umrundeten eine halb zerfallene Kirche und liefen auf einen prächtigen Stadtpalast zu, dessen zwei Marmorfiguren in Form von bärtigen Riesen nicht mehr das Dach, sondern nur noch den Himmel trugen.
An der Hausecke des Palasts verharrte Jade, hastig atmend, bemüht, kein Geräusch zu machen, obwohl sie das Gefühl hatte, ihr Herzschlag müsse in den Gassen widerhallen. Echos, so sagte man, hatten ein gutes Gehör, besser als Katzen.
Angespannt lauschte sie. Kein Scharren, kein Geräusch, aber dennoch – da war etwas, ein Blick, den sie als Gänsehaut spüren konnte. Sie zuckte zusammen, als Lilinn sie warnend mit dem Ellbogen anstieß, aber längst hatte sie es auch wahrgenommen: Hundegebell, dumpf und weit entfernt, doch schnell lauter werdend. Die Leute der Lady. Das hatte gerade noch gefehlt! Hatten sie die Echos bereits entdeckt? Oder war es die Spur der Menschen, die die Jagdhunde aufgenommen hatten?
Lilinn und Jade wechselten einen gehetzten Blick und sahen sich um. Es war die ungünstigste Stelle für eine Flucht. Von einem kleinen Sternplatz neben dem Haus zweigten Gassen und Wege ab. Welche Richtung sie auch wählten – sobald sie sich vom Haus entfernten, würden sie möglicherweise gesehen werden. Vielleicht lauerten die Echos bereits hinter der Ecke und warteten nur darauf, dass die beiden Menschen ihnen in die Fänge liefen?
Jade schielte nach oben. Ein Marmorriese starrte grimmig auf sie herunter. Im Schatten der gewaltigen Steinmuskeln hatte eine Taube ihr Nest in seiner Armbeuge gebaut. Ein sicherer Platz in der Stadt voller streunender Katzen und Köter. Und ganz bestimmt ein guter Aussichtspunkt.
Lilinn runzelte fragend die Stirn, als Jade ihren Rucksack auf den Boden legte und sich ihrer Schuhe entledigte. Doch als sie erkannte, was Jade vorhatte, schnappte sie entsetzt nach Luft. Sie sprang vor und wollte sie am Ärmel packen, doch Jade war schneller. Längst hatte sie mit den Fingern einen Mauerspalt ertastet. Rasch hangelte sie sich an der Wand des Stadtpalastes nach oben. Hier zu klettern, war nicht besonders schwierig, in der Mauer fehlten Steine, und selbst das Bein des Riesen war voller Scharten, die ihren Zehen als Kletterschwellen dienen konnten. Jetzt war sie froh, dass sie an diesem Tag die weiten Leinenhosen angezogen hatte, die ihr genug Bewegungsspielraum ließen. Als sie einen kurzen Blick über die Schulter zurückwarf, sah sie Lilinn. Sie war eine auffallend ruhige, kühle Schönheit, jetzt aber glühten ihre Wangen rot und die Augen funkelten vor mühsam verhaltener Wut. Runter!, befahl ihre herrische Geste, aber Jade schüttelte den Kopf und kletterte weiter. Hand über Hand zog sie sich hoch, wobei sie darauf achtete, im Sichtschutz des Marmorriesen zu bleiben. Rauer Stein kratzte über ihre Handflächen. Ihre Muskeln pochten bereits nach wenigen Metern, und an ihren bloßen Zehen spürte sie, wie scharfkantig der Stein an manchen Stellen war. Mit einer gewaltigen Kraftanstrengung zog sie sich über den marmornen Rand einer Gewandfalte des Riesen, wobei sie sich den Fußknöchel aufschürfte. In letzter Sekunde verkniff sie sich einen gezischten Fluch und ertrug den brennenden Schmerz, ohne einen Laut von sich zu geben.
In der Falte des Riesengewandes konnte sie sitzen wie in einer steinernen Hängematte. Für den Bruchteil eines Augenblicks genoss sie den Triumph, das Pochen und Ziehen in ihren Armen und das berauschende Gefühl der Höhe.
Die Taube beobachtete sie mit schräg gelegtem Kopf, bereit, bei der kleinsten Bewegung davonzuflattern.
Jade beugte sich vorsichtig nach vorne und spähte zu den Straßen hinunter. Von hier oben wirkte die tote Stadt wie ein Labyrinth mit blinden Gängen, Toren und Nischen. Wie blasse Adern zogen sich die Kanäle durch die Ruinen. In der Ferne leuchtete das breite kristallgrüne Band der Wila. Jenseits des Flusses stieg die neue Stadt aus den Morgennebeln: Der Regierungssitz der Lady erhob sich wie ein glatter hellgrauer Monolith am Nordufer. Früher war das Gebäude ein Palast gewesen – ein verwinkeltes, prächtiges Gebäude mit Bogenfenstern -, und obwohl es mit den neu erbauten Außenmauern eher an eine Festung gemahnte, nannten die Stadtbewohner es immer noch den »Winterpalast«. Unweit davon standen die Glaskirche und die Häuser der reichen Lords. Viele davon hatten helle, neue Fassaden, doch es gab auch eine lange Reihe alter Gebäude mit neuen Herren direkt am Fluss. Und ein ganzes Stück stromaufwärts, an der Grenze von Gestern und Heute, lag Jades Heim.
Ein Windstoß fuhr Jade in den Kragen und wehte ihr das dichte Lockengestrüpp ihrer Haare vor die Augen. Schwarzes Feuer – so nannte ihr Vater Jakub ihre Mähne gerne. Mit Silberfunken. Ungeduldig drehte sie die Locken zu einem Strähnenknäuel zusammen, das sie sich in den Kragen stopfte. Die Echos waren nirgendwo zu sehen. Das Hundegebell war nun ganz nah, es kam von Norden. Natürlich – die Leute der Lady mussten über die große Drachenbrücke gekommen sein, vielleicht wussten sie nichts von den Echos, vielleicht waren sie nur auf einer Patrouille oder suchten den Schwarzmarkt, zu dem Jade und Lilinn unterwegs gewesen waren. Mit klopfendem Herzen spähte sie in die Gassen, suchte nach den Echos, einer Bewegung, irgendeinem Hinweis. Als sie einen kurzen Blick nach unten warf, bemerkte sie, dass Lilinn nicht mehr neben der Mauer stand, vermutlich hatte sie sich versteckt. Jade wusste, dass die Köchin vor Wut schäumte. Sie konnte sich auf Vorwürfe gefasst machen, aber das spielte nun keine Rolle. Wo waren die Echos? Jade kniff die Augen zusammen. Dort, in der alten Färbergasse am Kanal: Pfützen auf dem Boden, eine Spur von Tropfen! Und – sie duckte sich unwillkürlich – eine gleitende Bewegung, der Faltenwurf eines Lumpens. Schon war das Phantom hinter einer Häuserecke verschwunden. Die Echos waren also stadtauswärts nach Süden unterwegs. Offenbar wichen sie vor dem Hundegebell zurück und hatten Jade und Lilinn aus den Augen verloren. Erleichtert atmete sie auf. Jetzt galt es nur noch, den Jägern der Lady zu entkommen. Soweit sie von ihrem Aussichtspunkt erkennen konnte, kamen sie im Bogen auf den Stadtpalast zu. Es waren etwa ein Dutzend, jeder von ihnen führte einen Hund. Die Galgos – braunweiß gestromte, schlanke Jagdhunde – warteten nur darauf, von den Leinen gelassen zu werden. Jade ließ sich über den steinernen Bogen gleiten, hangelte sich nach unten und warf einen prüfenden Blick zur Straßenecke. Lilinn hatte auch ihren Rucksack und ihre Schuhe in Sicherheit gebracht. Gut!
Mit einem geschmeidigen Satz landete sie auf dem Boden, federte den Schwung des Aufpralls mit den Händen ab – und fühlte Nässe an ihren Fingern. Erschrocken schoss sie hoch und starrte ihre Hände an. Die Echos waren nicht nur in der Nähe gewesen, sondern direkt am Haus! Bestimmt hatte Lilinn sich deshalb so schnell in Sicherheit gebracht.
»Komm raus!«, flüsterte Jade in den Schatten. »Die Echos sind weg, aber die Jäger kommen genau auf uns zu!«
Keine Antwort. Jade versuchte, das Sirren in ihrem Magen zu ignorieren. Getrappel ertönte in der Nähe, heiseres Bellen, Steinschlag und Geprassel, als würden Mauerreste in sich zusammenstürzen. Dann ein verwaschener Ruf – und ein Schuss.
Jade prallte so heftig zurück, dass sie sich den Kopf an der Mauer stieß. Ein weiterer Schuss verhallte in den Gassen, dann hörte sie Geschrei und eine herrische Stimme aus der Richtung, in die die Echos gelaufen waren: »Dahinten!«
Bevor Jade sich hinter die Mauer flüchten konnte, tauchte an einer Straßenecke schon der erste Jäger auf – es war eine junge Frau. Ihr Mantel bestand aus dunklen und hellen Lederfetzen, die in ihrer regelmäßigen Anordnung an ein Schachbrett erinnerten. Die Augen der Jägerin verengten sich, als sie das Gewehr hochriss und auf etwas zielte, das sich einige Meter rechts von Jade befand. Im Bruchteil einer Sekunde nahm Jade jede Einzelheit wahr: das straff zurückgekämmte braune Haar der Frau, die seidengrauen Augen und den schwarzen Glanz der Waffe. Der Schuss zerriss ihr fast die Ohren. Mauerwerk zerplatzte über ihrer Schulter, und noch während die Steinsplitter auf sie herunterregneten, begriff sie, dass ein Querschläger sie knapp verfehlt hatte. Instinktiv rettete sie sich in den Torbogen. Zitternd kauerte sie sich an die Reste einer zerbrochenen Tür und machte sich so klein wie möglich. Sie waren nicht hinter ihr her, die Jägerin hatte sie noch nicht einmal entdeckt, trotzdem saß der Schreck.
»Hier! Wasserspuren, die zur alten Kirche führen!«, rief eine Männerstimme. Hundegebell erklang, die Frau und die anderen Jäger stürmten weiter nach Süden. Also hatte Jade richtig vermutet: Sie waren den Echos auf den Fersen. Dennoch wagte sie erst nach einer ganzen Weile, wieder den Kopf zu heben. Sie musste zu Lilinn zurück. Sicher war ihre Freundin schon auf dem Weg zur Greifenbrücke. Das war der Treffpunkt, an dem sie aufeinander warteten, wenn sie sich in der Stadt aus den Augen verloren hatten.
Jade ließ die Arme, die sie immer noch schützend über dem Kopf hielt, ganz sinken. Vor Erleichterung stiegen ihr die Tränen in die Augen. »Wo warst du?«, flüsterte sie der Gestalt zu, die im Gegenlicht auf sie heruntersah. Jade sprang auf – und der Schatten wich sofort zurück. Ein blasser Sonnenstrahl fing sich in den Maschen eines Fischernetzes. Jade erstarrte mitten in der Bewegung. Das da war nicht Lilinn. Nur wenige Schritte entfernt stand ein Echo und starrte sie direkt an. Hinter dem schmutzigen Netz glaubte sie das Funkeln seiner Augen zu erkennen, doch viel schrecklicher war der dunkle Fleck, dort, wo das Maul sein mochte. Das Wesen gab ein Zischen von sich, ein erstickter Laut, der Jade durch und durch ging. An jedem anderen Tag hätte sie geschworen, sie würde lieber barfuß auf glühenden Kohlen tanzen, als die Leute der Lady zu Hilfe zu rufen, aber jetzt holte sie krampfhaft Luft, nahm ihre ganze Kraft zusammen und schrie: »Echo! Hier!«
Das Echo duckte sich, spannte die Gliedmaßen an wie ein Raubtier, das mit gesträubtem Fell zum Sprung ansetzt – und schnellte los.
Jades eigener Schrei gellte ihr noch in den Ohren, dann verschwamm die Zeit vor ihren Augen, sie wusste nicht mehr, wie sie vom Stadtpalast weggekommen war, aber nun lief sie, ganz von selbst trugen ihre Beine sie davon. Ihr keuchender Atem hallte in ihrem Kopf. Das Echo holte auf, sie konnte es hören. Ein zischender Ruf erreichte sie und jagte ihr einen eisigen Schauer über den Rücken. »Sinahe!« Ein fremdes Wort. Sie glaubte bereits, Atem im Genick zu fühlen, die lange Dolchzunge zu spüren, die sich zwischen ihre Schulterblätter bohrte, war sicher, dass Fänge bereits nach ihr schlugen und sie gleich zu Fall bringen würden. Mit einem Schrei sprang sie zur Seite, schlug einen Haken und tauchte durch einen Steinbogen. Scharf bog sie um eine Ecke und rutschte beinahe auf Geröll aus. Der Schmerz an ihrer bloßen Sohle ließ sie zusammenzucken. Taumelnd fing sie sich wieder, dann fegte sie auf einen Brunnenplatz in der Nähe einer Brücke. Ein Schwarm Tauben flatterte hoch und floh, zwei Schüsse fielen – so laut und nah, dass Jade den Knall als schmerzhaftes Knacken in ihrem Ohr spürte. Sie sah aufgerissene Galgomäuler, blitzende Hundefänge und die Mündungen von Gewehren. Finger lagen gespannt an den Abzügen. Zweifel huschten über die Mienen der Jäger, für einen Moment zwischen Leben und Tod schwebend, erkannte Jade, dass sie nicht sicher waren, ob sie abdrücken sollten.
»Weg da!«, schrie einer. Gleich darauf feuerten sie. Jade warf sich auf den Boden, rollte zur Seite und kroch auf allen vieren aus der Schusslinie. Der Geruch der verbrannten Treibladungen der Patronen – trocken, herb und fast ein wenig an Rauchfleisch erinnernd – verursachte ihr schlagartig Übelkeit. Es gelang ihr, in den Sichtschutz einer Überdachung zu kommen. Dort rappelte sie sich auf und floh an einem schmalen Kanal entlang. Zerbrochene Ruderboote hingen wie Treibgut an vermoderten Seilen mit langen grünen Algenbärten. Es stank nach öligem Stein und Brackwasser.
Schüsse verhallten hinter ihr. Und dann nahm sie voller Entsetzen wahr, dass das Echo überlebt hatte. Schlimmer noch: Es war ihr immer noch auf den Fersen und holte auf, sie konnte es fühlen und hören, und ehe sie darauf reagieren konnte – schnellte es an ihr vorbei!
Ein Tropfenregen traf ihre Wange, ein Stück nassen Mantels klatschte gegen ihren wunden Knöchel, dann hatte es sie schon überholt und hetzte auf die nächste Brücke zu, die noch etwa dreißig Schritte entfernt war. Jade war viel zu verblüfft, um zu schreien. Das Echo schien genau zu wissen, wohin es wollte. Auf der anderen Seite des Kanals befanden sich die alten Kontore, ein gutes Versteck, labyrinthartig und mit vielen Kellern, die Verbindungen zu den Kanälen hatten. Mit langen Sätzen hetzte das Echo die steile Brücke hoch. Gerade als es den Scheitelpunkt des Bogens erreicht hatte, zögerte es plötzlich und sah sich nach Jade um.
Jade, die ohnehin langsamer geworden war, blieb ruckartig stehen. Würde es zurückkommen, um sie anzufallen? Durch die Maschen des Fischernetzes zeichnete sich ein Wangenbogen ab. Das Wesen betrachtete sie so angespannt, als würde es auf sie warten. Dann peitschte wieder ein scharfer Knall die Luft. Das Echo prallte zurück und taumelte rückwärts von der Brücke, während der Schuss noch in den Gassen widerhallte. Kurz hinter dem Brückenpfosten, nur noch wenige Schritte von Jade entfernt, verlor es das Gleichgewicht und brach zusammen.
Jade hätte erleichtert sein müssen, doch alles, was sie fühlte, waren Angst und eine seltsame Beklemmung. Atemlos beobachtete sie, wie das tödlich getroffene Wesen zusammensank wie ein leerer Mantel. Da lag der Feind, an dessen Fangzähnen das Blut von Menschen klebte! Jades Knie gaben nach, sie sackte dort, wo sie stand, zu Boden und krallte ihre Hand in den Kies. Er war feucht und kühl, von Wasser durchtränkt.
Wie betäubt sah sie zu, wie das Wesen sich krümmte und litt und schließlich reglos dalag. Sie verstand sich selbst nicht, doch die Hilflosigkeit in der Haltung des Ungeheuers berührte und verstörte sie.
Schritte näherten sich von der anderen Seite der Brücke.
Erst dachte Jade, eine blitzartige Erinnerung würde ihr das eben Gesehene noch einmal vor Augen führen, doch dann erkannte sie das zweite Echo. Es kam über die Brücke gerannt, die nassen Lumpen flatterten. Als es Jade entdeckte, strauchelte es beinahe, fing sich jedoch gleich wieder und kam am Fuß der Brücke schlitternd zum Stehen. Sein Blick fiel auf den Körper seines Gefährten. Einen ewigen Augenblick lang verharrten sie – zwei Gestalten, eine im Kies kauernd, die andere stehend, und zwischen ihnen der Tote.
Als kleines Mädchen wäre Jade beinahe von einer Wasserviper gebissen worden. Das Reptil war durch eines der Rohre, die vom Fluss direkt in das Haus führten, in die Küche gelangt. Jade hatte weglaufen wollen, stattdessen stand sie dort wie eingefroren, unfähig, etwas anderes zu tun, als in die gleichgültigen Augen der Giftschlange zu starren, bis diese nach vorne schnellte und Jade gerade noch außer Reichweite springen konnte. Und auch jetzt saß sie da wie damals: starr vor Angst, das Echo beobachtend, das sich nun in einer gleitenden Bewegung wie ein Schlafwandler einmal um seine Achse drehte, als wolle es einen Fluchtweg finden. Dann wirbelte es herum, spannte sich und rannte los. Jades Körper musste ganz von selbst reagiert haben, jedenfalls spürte sie, wie sie sich zu Boden warf und wie ihre Schulter über Stein rieb. Sie zog die Beine ans Kinn und umfasste den Kopf schützend mit den Armen. Das Echo sprang über den Leichnam seines Gefährten hinweg, lief aber nicht weiter auf Jade zu, sondern bog ab und floh nach Norden. Im Sprung hatte sein Mantel das Gesicht des Toten gestreift und das Fischernetz zur Seite geschoben. Mit einem Mal blickte Jade dem toten Wesen mitten ins Gesicht.
Dort, wo das Geschoss in die Schläfe eingedrungen war, hatte es eine Wunde. Blut hätte daraus hervorquellen müssen, doch stattdessen ergoss sich nur ein Rinnsal klaren Wassers auf den Boden und bildete eine kristallhelle, spiegelnde Lache unter dem Kopf. Die Haut war weiß, fast durchsichtig, und blutleer. Das war kein Mumiengesicht und auch keine Bestienfratze. Es war ein menschliches Gesicht – nun, beinahe menschlich -, anmutig und fein geschnitten, mit blassen Lippen. Über die hohen Wangenbögen zogen sich spinnenfeine Verästelungen wie Risse in einem alten Gemälde. Im gelblichen Glanz der aufgehenden Sonne sah es so aus, als würde sich Blattgold von der Haut lösen, ganz so als hätte jemand vor vielen Jahrhunderten ein Porträt gemalt und das Bild der Witterung preisgegeben. Es war ein zartes, verwundbares Gesicht, dessen Anblick in Jade den irritierenden Wunsch weckte, mit den Fingern darüber zu streichen. Nur die Augen, leer und offen wie der Himmel, waren so tot, wie manche Geschichten erzählten. Dennoch irrlichterte darin immer noch der Abglanz von Erstaunen und... Furcht!
Bellen und Rufe erklangen nun von überall, auch von der anderen Seite des Kanals. Sie haben uns eingekreist, fuhr es Jade durch den Kopf. Im selben Augenblick dachte sie irritiert: »uns«?
Dann spürte sie bereits heißen, nach rohem Fleisch riechenden Hundeatem im Genick.
»Aufstehen!«, befahl eine strenge Frauenstimme. Jade kam zitternd auf die Beine. »Du hast das zweite gesehen?«, fuhr die Jägerin sie an. Es war die junge Frau mit dem Schachbrettmantel und sie war völlig außer Atem. Vergeblich versuchte Jade, einen zweiten Blick auf das tote Echo zu werfen, doch plötzlich war der ganze Platz vor der Brücke voller Hunde und Jäger, die ihr die Sicht versperrten.
Die Jägerin packte sie grob am Arm. »Das zweite! Hast du es gesehen?«, brüllte sie.
Jade nickte benommen.
»Wohin ist es gelaufen?«
Jade wollte etwas sagen, doch dann fielen ihr die Hunde auf. Ratlos liefen sie hin und her, die Nasen am Boden, auf der Suche nach Spuren. Ob sie die Echos überhaupt aufspüren konnten? Wenn die Echos Wasser statt Blut in den Adern hatten …
»He! Ich rede mit dir!« Die Jägerin schüttelte sie grob. »Wohin?«
Jade hob den Arm und deutete – nicht nach Norden, sondern in die andere Richtung. Was tust du da?, schrie eine panische Stimme in ihrem Kopf. Bist du wahnsinnig geworden? Du schützt ein Echo. Doch dann sah sie wieder die leeren Augen vor sich und sie brachte kein Wort über die Lippen. Die Jägerin deutete ihren verwirrten Gesichtsausdruck offenbar falsch, denn sie nickte und ließ sie los. »Zum alten Seidenmarkt!«, befahl sie. Ein Dutzend anderer Jäger pfiffen ihre Hunde herbei und rannten in die angegebene Richtung. Nur die Jägerin selbst und zwei weitere Männer, die das tote Echo mit seinen Lumpen verhüllt hatten, blieben zurück. Aus zusammengekniffenen Augen musterten sie Jade. Sie wusste, wie sie auf die Jäger wirkte: eine junge Frau mit einem gestreiften Stirnband, dazu die weiten Leinenhosen, die bloßen, aufgeschürften Füße und das wilde Haar. Und zu allem Überfluss war sie noch ganz allein in der verbotenen Stadt unterwegs. Zum Glück hatte sie ihren Rucksack nicht mehr bei sich, sonst wären sie gleich auf die Idee gekommen, dass sie auf dem Weg zum Schwarzmarkt war.
»Du bist eine vom Boot?«, fragte die Jägerin barsch. Der Galgo, der neben ihr stand, entblößte die Fänge und knurrte.
Jade schüttelte den Kopf. »Zum Hotel Larimar gehöre ich«, sagte sie mit betont fester Stimme. »Mein Vater ist Jakub Livonius. Die Lady kennt ihn.«
Nun, das war ein wenig übertrieben, die Lady erinnerte sich nur selten an gewöhnliche Bürger, die bei ihr um Audienz baten. Aber immerhin prangte im großen Empfangszimmer eine von ihr unterschriebene Genehmigung, die besagte, dass Jakub das alte Haus am Fluss als Hotel betreiben und selbst dort wohnen durfte.
Die Jägerin runzelte die Stirn. Ihre Augen hatten etwas Katzenhaftes. Misstrauen blitzte darin auf. Erstmals fiel Jade auf, dass die Frau kaum älter war als sie selbst, vielleicht zwanzig.
»Livonius, aha«, meinte sie trocken. »Vorname?«
»Jade.«
»Städterin, hm? Dann zeig mir dein Zeichen. Na los!«
Jade rollte gehorsam ihren linken Ärmel hoch. Auf ihrem Unterarm prangte das Zeichen von Lady Mar, eine winzige Lilie, in die Haut gestochen mit der weißen Asche verbrannter Blüten. Jeder Stadtbewohner trug dieses Zeichen. Es war ein Geschenk der Lady und manchmal auch so etwas wie eine Lebensversicherung. Je nach Lichteinfall schimmerte es unter der Haut in dieser besonderen grünen oder blauen Farbe. Niemand konnte diesen Farbton nachmachen, und die Leichen der Nadelkünstler, die es versucht hatten, um Fremden mit einer gefälschten Lilie das Stadtrecht zu verkaufen, verrotteten an den Galgen vor dem östlichen Stadttor, gleich neben der Schädelstätte.
»Was suchst du in der toten Stadt?«, fragte die Jägerin weiter. Jade konnte nur hoffen, dass sie verschreckt genug wirkte.
»Ich wollte gar nicht hierher. Ich war am Fluss – in der Nähe der Greifenbrücke. Und dann... bin ich einfach geflohen. Vor den Echos.« Nun, zumindest der letzte Teil war nicht gelogen. Aber die Jägerin schien ihr trotzdem nicht zu glauben. Und auch die beiden Männer, die mit verschränkten Armen vor dem Lumpenbündel standen, grinsten verächtlich.
Die Jägerin machte einen Schritt nach vorne. Jade sah, wie sie das Gewehr fester packte, und biss sich auf die Unterlippe. Für einen Moment war sie sicher, dass die Frau sie erschießen würde. Ihr Herz hämmerte plötzlich gegen ihre Rippen und sie spürte ein heißes Pochen in ihren Schläfen. Das war es also, schoss es ihr durch den Kopf. Das ist das Ende! Doch die Jägerin hob nicht die Waffe, sondern griff nach dem Halsband ihres Galgos. Der Hund war so hoch, dass sie sich dafür nicht hinunterbeugen musste.
»Du denkst wohl, du kannst mich für dumm verkaufen«, sagte sie. »Ich weiß sehr wohl, was du in der toten Stadt suchst – und du hast Glück gehabt, dass die Echos dich nicht erwischt haben. Das ist dir hoffentlich klar, Jade Livonius. Wenn wir nicht auf ihrer Spur gewesen wären...« Vielsagend zog sie die Augenbrauen hoch.
»Moira?«, rief einer der Männer.
Die Jägerin blickte sich nach ihm um und winkte mit einer ungeduldigen Geste ab. Dann wandte sie sich wieder Jade zu und löste mit einer fast nachlässigen Geste die Leine vom eisernen Kettenring des Hundehalsbands.
»Verschwinde«, sagte sie leise und so scharf, dass sich das Wort wie ein Dolchstich anfühlte. »In einer Minute hetze ich den Hund hinter dir her. Also sei schnell.«
Diese Sprache kannte Jade nur zu gut. Die Jägerin hatte ihren Blick bereits abgewandt, als wäre Jade aus ihren Gedanken verschwunden, und Jade drehte sich um und rannte, so schnell sie konnte, in Richtung des Flusses und der neuen Stadt.
Jetzt spürte sie ihre schmerzenden Füße, doch viel schlimmer noch brannten die Wut auf die Jäger und die Demütigung. Und da war noch die verstörende Erinnerung an ein helles Gesicht, an zarte, zerbrechliche Gesichtszüge und leere Augen.
Sie rannte so schnell, dass ihre Lunge bereits brannte, immer in der Erwartung, dass der Galgo sie einholen würde. Doch der Hund folgte ihr nicht und sie hörte auch keine Schüsse mehr.
Erst als die Greifenbrücke in Sicht kam, wagte sie es, langsamer zu werden. Benommen blieb sie schließlich stehen. Ihr eigener, keuchender Atem klang fremd in ihren Ohren und der Schock ließ sie frösteln. Nicht einmal der Anblick der beiden vertrauten Steinfiguren, die die schmale Brücke bewachten – Löwen mit gewaltigen Adlerschwingen -, flößte ihr heute Sicherheit ein.
Lilinn war nirgends zu sehen, und für eine bange Minute stellte Jade sich vor, dass die Jäger sie verhaftet hatten oder dass sie von den flüchtenden Echos verwundet oder getötet worden war. Vor ihrem inneren Auge erschien das Bild der Bestien, das sie seit Jahren aus den Geschichten kannte.
Inzwischen stand die Sonne bereits über den Hausdächern und malte einen zitternden Brückenschatten auf das Wasser. Transportkähne und Ruderboote trieben in den Wellen, und am Ufer schüttelten die schwarzen Schwäne, die auch das Stadtwappen zierten, Kaskaden von glitzernden Tropfen aus ihrem Gefieder.
Wie immer tauchte Lilinn ganz unvermittelt aus dem Nichts auf. Vor Erleichterung stiegen Jade die Tränen in die Augen, aber gleichzeitig war sie so wütend auf Lilinn, dass sie sie am liebsten geschüttelt hätte. »Verdammt, wo warst du?«, zischte sie.
Lilinn antwortete nicht, sie sah Jade nur ganz seltsam an, ließ den Rucksack fallen und nahm sie fest in die Arme. »Dem Styx sei Dank!«, sagte sie mit erstickter Stimme. »Ich habe die Schüsse gehört und hatte schon befürchtet...«
Sie brach ab. Jade spürte, wie ihre Freundin schluckte.
»Mir ist nichts passiert«, murmelte sie. »Die Jägerin hat mich einfach laufen lassen. Und was ist mit dir passiert?«
»Sieht man das nicht? Ich bin am Kanal ausgerutscht. Ich habe versucht, auf ein Boot zu springen, und musste dann durch den Schlick waten.«
Lilinn rang sich ein schwaches Lächeln ab und begann, ihren nassen Rock auszuwringen. Die Geste wirkte so ruhig, dass niemand außer Jade bemerkt hätte, wie sehr Lilinns Hände dabei zitterten.
»Warum hast du mir kein Zeichen gegeben?«, fragte Jade.
»Versucht habe ich es, aber du hast nicht zu mir heruntergeschaut! Was sollte ich machen? Nach dir pfeifen? Ich hatte mich hinter die Mauer gestellt, hättest du fünf Sekunden länger gewartet, statt wegzulaufen, dann hättest du mich gesehen.«
»Ich musste fliehen. Da war ein Echo. Und die Jäger... haben es erschossen.«
Es kostete sie einige Beherrschung, die Worte ganz sachlich auszusprechen, ohne die Trauer, das Entsetzen und die Verwirrung preiszugeben. Lilinn richtete sich auf. Ihre Augen wurden groß. Lichtreflexe des Flusses spiegelten sich darin.
»Du hast gesehen, wie sie es getötet haben?«
Jade konnte nur stumm nicken.
»In deiner Nähe?«
Jade räusperte sich. »Sie haben es direkt vor meinen Augen erschossen und...«
... und ich habe dem anderen Echo zur Flucht verholfen.
Doch das wäre ungeheuerlich gewesen, unaussprechlich. Also biss sie sich auf die Zunge und verstummte.
Lilinn war so blass geworden, dass Jade sich einbildete, wieder das Echo vor sich sehen – die Furcht in den Augen ließ sie noch mehr wie einen Zwilling des Ungeheuers wirken. Jade musste wegschauen.
»Den Tod zu sehen ist nie schön«, murmelte Lilinn nach einer Weile. »Danke der Flussfee auf Knien, dass du entkommen bist!«
Jade nickte und warf einen letzten Blick zur toten Stadt, bevor sie Lilinn zuwinkte, ihr über die Brücke zu folgen. »Am besten, wir gehen zurück«, sagte sie mit ihrer vernünftigen Stimme, die zum Glück nicht ganz verschwunden war. »Und bitte sag Jakub nichts von den Echos. Du weißt, wie er auf sie reagiert.« Als Antwort seufzte Lilinn nur und nickte.
»Warte!«, rief sie, als Jade schon die Brücke betreten wollte. Sie sprang zu ihr und begann damit, ihr die Steinsplitter aus dem Haar zu zupfen. »Und wenn du klug bist«, meinte sie mit Nachdruck, »verschweigst du Jakub auch, dass wir in der Schusslinie der Jäger waren.«
Das Herz des Hauses
Das Hotel Larimar war älter als die Herrschaft der Lady und hatte schon vor der Erbauung der Greifenbrücke existiert. Manche sagten, es sei sogar älter als die tote Stadt. In der Tat erinnerte sich sogar der hundertjährige, zahnlose Ben, der auf dem Hafenmarkt bettelte, in seinen hellen Augenblicken daran, schon als Kind die zwei Steinaale bewundert zu haben, die sich wie ein grotesker Zierrat um ein rundes Fenster in der Hotelfassade wanden. Der Haupteingang des ehemaligen Herrenhauses zeigte zum Fluss, nicht zur Straße, eine Treppe führte von der Türschwelle in die grünen Fluten, was es den Gästen erleichterte, direkt von der Fähre ins Hotel zu gelangen. Auf der Rückseite des Gebäudes, das der Straße zugewandt war, befand sich lediglich eine schmale Tür, kaum mehr als ein Dienstboteneingang. Ein gewisser Jostan Larimar hatte das Haus errichten lassen, zumindest sagte das eine Inschrift über der Tür. Die Jahreszahl daneben war schon vor langer Zeit abgebröckelt und vom Fluss davongetragen worden. Vierzehn der insgesamt achtunddreißig Zimmer hatten große Bäder mit Wannen aus Messing, das mit den Jahren dunkel geworden war. Das falsche Blattgold an den Wänden hatte sich rötlich verfärbt, was den Räumen ein Flair von rostiger, leicht verstaubter Pracht verlieh. Niemand wusste, was Larimar dazu veranlasst hatte, sein Haus verkehrt herum und so dicht am Fluss zu bauen. Manche mutmaßten, die Wila sei zu jener Zeit noch nicht so breit gewesen, deshalb hätte damals noch ein Weg zwischen Haus und Flussufer entlanggeführt. Andere waren davon überzeugt, dass ein dunkles Geheimnis dahintersteckte, ein Fluch, ein Pakt oder Schlimmeres. Eine der zahlreichen Stadtlegenden erzählte, das Haus besäße ein pulsierendes Herz aus Flusskorallen, tief unten im feuchten, vom Fluss unterspülten Keller. Reisende, die eine Nacht in den verwitterten Räumen verbracht hatten, schworen sogar, in der Dunkelheit den Herzschlag des Hauses gehört zu haben. Und die Flussleute, die nichts so sehr liebten wie Geschichten von Leidenschaft und Lust, schürten diese Gerüchte und erzählten jedem Neuankömmling, das Hotel erwache Nacht für Nacht zum Leben, um sich der Umarmung des Flusses hinzugeben – der schäumenden grünen Wila, der Fee, die bei Hochwasser ihre nassen Finger nach dem Gemäuer ausstreckte und Wasservipern und Aale als Kundschafter durch die Rohre bis in die Küche schickte.
Doch Jade wusste es besser. Sie kannte jeden Winkel ihres Heims, sogar die überschwemmten Kellerräume, von denen sich die Wila Jahr für Jahr ein paar weitere Zentimeter eroberte. Längst hatten sich die Flusskrebse dort in zerbrochenen Weinflaschen und mit Algen bewachsenen Regalen eingerichtet. Und einen guten Teil ihrer Mahlzeiten sammelte Jakub hier einfach in den Reusen ein, die er zu diesem Zweck ausgelegt hatte.
Jade wusste, dass das Herzklopfen des Hauses nichts weiter war als das Klacken des alten Fahrstuhls, abgenutzte Zahnräder, die nur noch schlecht ineinandergriffen und, vom Hall in den leeren Fluren verstärkt, dumpf und pochend durch die Wände klangen. Und das Wimmern von Gespenstern, das manch ein verstörter Gast zu hören glaubte, war nur das quietschende, schleifende Geräusch des altersschwachen Elektromotors oder der mechanischen Notwinde, mit deren Hilfe der Fahrstuhl auch von Hand bewegt werden konnte, wenn es keinen Strom gab. Und es gab so gut wie nie welchen.
Die richtigen Geister, die es im Hotel gab – denn natürlich gab es sie! -, machten auf ganz andere Weise auf sich aufmerksam.
Vier Stockwerke und ein steiles Dachgeschoss hatte das Larimar, und Jade und Jakub hatten in jahrelanger Arbeit eines nach dem anderen erobert wie Forscher, die sich durch ein versunkenes Königreich arbeiteten. Sie hatten die Scherben beseitigt, die die Leute der Lady vor fast zwanzig Jahren bei ihrem Sturm auf die Stadt hinterlassen hatten, und die meisten Einschusslöcher verschlossen. Zimmer für Zimmer hatten sie von Trümmern und Staub befreit und wieder wohnlich gemacht. Nicht alle Fensterscheiben hatten sie ersetzen können. Und die Treppe, die das zweite Stockwerk mit dem dritten hätte verbinden sollen, war nach wie vor zerstört. Nur wenn der Fahrstuhl Strom hatte, konnten die Gäste auch in den oberen Zimmern untergebracht werden. Meist aber standen die besonders großen und prächtigen Räume im vierten Stockwerk leer.
In manchen Zimmern dienten alte Segel und Fischernetze als Gardinen und viele der Möbel sahen aus wie Veteranen mit Holzbeinen. Steine stützten Betten, die nur noch drei Beine hatten, und manch ein Tisch hatte sich in den feuchten Sommernächten verzogen. In fast jedem Bad gab es gesplitterte Kacheln, aber dennoch strahlte jedes der Zimmer eine Schönheit aus, von der die Besucher noch lange schwärmten. Jade kam es so vor, als sei das Haus in den siebzehn Jahren, die sie hier mit ihrem Vater wohnte, Zimmer um Zimmer mit ihr gewachsen, bis es sie in den Nächten umschloss wie eine Festung aus Stein, Stuck und Holz.
Auch heute, als sie Lilinn durch den schmalen Dienstboteneingang in das Haus folgte, fühlte sie sich erst ganz und gar sicher, als sie den rosagrauen Marmorboden des großen Empfangssaals betrat. Der glatt getretene Stein fühlte sich unter ihren aufgeschürften Sohlen wohltuend kühl an. Vormittagslicht ließ Staubkörnchen durch den Raum tanzen und brach sich in den vier Zierspiegeln aus polierten Bronzescheiben, die Jakubs ganzer Stolz waren. Teppiche lagen aufgerollt an den Wänden und Werkzeug war auf dem Boden vor dem Fahrstuhlschacht verstreut.
»Wir sind zurück!«, rief Lilinn und warf Jades Rucksack auf einen Stuhl neben der Eingangstür.
»So früh?« Jakubs Stimme klang dumpf und entfernt wie aus dem tiefsten Keller. Jade hatte vorgehabt, gleich die Treppe hinaufzugehen und Lilinn das Gespräch zu überlassen, aber Jakub war wie immer schneller. Schon hörte sie das Klacken und Schleifen der Mechanik, dann erschien das Gesicht ihres Vaters im Fahrstuhlschacht. Über die Stirn zog sich ein Streifen Maschinenfett und verwandelte die Sorgenfalten in schwarze, scharf gezeichnete Furchen. Jakubs Hände mit den kurzen, kräftigen Fingern waren ebenfalls verschmiert und dunkel. Nur sein Haar und der Bart – dichte Locken, die mehr rötlich als hellbraun schimmerten – hoben sich von dem öligen Schmutz ab.
»Und? Konntet ihr ein Steuerrelais auftreiben?«, brummte er und kletterte aus dem Schacht. Wie immer sah es aus, als würde ein Erdwesen aus dem Untergrund steigen. Auch heute trug Jakub seine braune Arbeitshose und ein speckiges Lederhemd, das sich über seine breite Brust und die kräftigen Schultern spannte. Er lächelte Jade zu, schloss mit einem energischen Schubs seines Ellenbogens das Fahrstuhlgitter und wischte sich die Hände an einem Lappen ab. Doch dann fiel sein Blick auf Jades bloße Füße und ihren aufgeschürften Knöchel und sein Lächeln verlosch. Jade durchlief ein siedend heißer Schreckschauer. Verdammt! Warum hatte sie nicht daran gedacht, ihre Schuhe wieder anzuziehen?
Von einer Sekunde auf die andere war ihr Vater blass geworden. Der Lappen fiel zu Boden.
»Was zum Teufel ist passiert?«, donnerte Jakub und stürzte auf sie zu. »Warum zum Henker blutest du und wo sind deine Schuhe?«
Jeder Fremde wäre bei einem solchen Ausbruch erschrocken, und früher, als kleines Mädchen, hatte sich auch Jade oft vor seinem Zorn und seiner lauten Stimme gefürchtet. Doch hinter dem Jähzorn verbargen sich Angst und Sorge, die ihren Vater nur selten ruhig schlafen ließen. Je lauter er fluchte, desto schlimmer war ihm der Schreck in die Knochen gefahren. »Gar nichts ist passiert!«, gab sie zurück. »Ich bin an einer Wand hochgeklettert und abgerutscht – und dann war keine Zeit mehr, die Schuhe anzuziehen. Wir mussten sehen, dass wir wegkommen, bevor...«
»Bevor was?« Jakubs Finger gruben sich in ihre Schultern, seine Augen, bernsteinbraun und warm, wirkten plötzlich hart.
»Wir mussten verschwinden«, kam Lilinn Jade zu Hilfe. »Einige Jäger waren in der toten Stadt auf Patrouille.«
Im nächsten Moment fand sich Jade schon zum zweiten Mal an diesem Tag in einer Umarmung wieder.
»Um Himmels willen!«, murmelte Jakub in ihr Haar. »Wie viele waren es? Haben sie euch entdeckt? Zitterst du, Jade? Du zitterst ja!«
Jade schluckte und schloss die Augen, um das Bild des Echogesichts abzuschütteln, dann machte sie sich behutsam los. »Mir ist kalt, nichts weiter«, sagte sie so ruhig wie möglich und schaffte es sogar, ihrem Vater zuzulächeln. »Wir haben sie gesehen, ja. Aber sie waren nicht hinter uns her. Mach dir keine Sorgen.«
Es kostete sie viel, ihre Stimme so sicher und beruhigend klingen zu lassen. Sie wich Jakubs prüfendem Blick aus und griff stattdessen nach ihrem Rucksack. Obwohl sich nur ihre Schuhe darin befanden, erschien er ihr so schwer, als wäre er aus Blei. Die Lüge lastete auf ihr, und sie war sicher, dass ihr Vater das Gewicht ihrer Worte spürte, doch sie liebte Jakub viel zu sehr, um zuzulassen, dass die Albträume ihn wieder einholten. Und er – das wusste sie genau – liebte sie viel zu sehr, als dass er auch nur ansatzweise in Erwägung gezogen hätte, sie könnte ihn belügen.
In Situationen wie diesen kam es Jade so vor, als hätten ihr Vater und sie im Lauf der Jahre ihre Rollen getauscht: Ihre Wege führten nach draußen, in die Stadt, zu den Märkten und zum Hafen, während Jakub sich mehr und mehr in den Untergrund des Hauses zurückzog, Rohre erneuerte und reparierte, sich um die Krebsreusen kümmerte und Fahrstuhl und Bäder instand hielt. Es war, als müsste sie ihren Vater beschützen vor dem, was sich in der Stadt abspielte, vor den Echos, deren Namen sie innerhalb des Hotels nicht einmal nennen durfte.
»Jedenfalls haben wir kein Relais bekommen«, erklärte sie. »Und heute ist bestimmt nichts mehr zu holen. Sicher haben Manu und die anderen den Markt geräumt, als sie die Galgos hörten.«
Jakub schluckte noch einmal schwer, doch er entspannte sich endlich. Seine Fäuste öffneten sich und schließlich nickte er.
»Keine Ersatzteile also. Macht nichts. Im Augenblick haben wir genug freie Zimmer im ersten und im zweiten Stock.« Das war schamlos untertrieben, aber Jakub sprach von seinem Hotel stets so, als wäre es gut besucht. »Außerdem haben wir gerade ohnehin keinen Strom mehr. Da müssen die Leute ihren Krempel sowieso die Treppe raufschleppen. Aber wenn ich das Ding schon halb auseinandergenommen habe, werden wir die Zeit nutzen und die Leitschienen überprüfen. Irgendwas schabt zwischen dem zweiten und dritten Stock. Jade, du hilfst mir, du steigst auf die Kabine und siehst dir den Schacht darüber an. Im Schaltraum gibt es auch noch einiges zu tun. Und was das Licht angeht... am besten, du gehst morgen zum Hafen und borgst uns einen Kanister Lampenöl.«
»Ich kann Martyn fragen«, sagte Jade. »Er schuldet mir ohnehin noch was.« Bei der Erwähnung von Martyns Namen konnte sich Lilinn ein Grinsen nicht verkneifen. Der Alltag holte Jade wieder ein, sie war in Sicherheit und dennoch fröstelte sie. »Ich komme gleich wieder und helfe dir«, fuhr sie fort. »Ich... bringe nur meinen Rucksack weg.«
Jakub nickte. »Zieh dir Schuhe an«, brummte er und wandte sich wieder dem Fahrstuhl zu. Lilinn warf ihr einen letzten ernsten Blick zu und ging hinüber zum Küchentrakt, um sich um das Essen der Gäste zu kümmern. Sie würde nicht viel Arbeit haben. Nur zwei Händler aus dem Südland hatten im zweiten Stock Quartier bezogen. Sie gaben sich mit gekochten Flusskrebsen zufrieden und beschwerten sich nicht darüber, dass sie ihre Handelswaren eigenhändig ins Zimmer bringen mussten. Nun, das Larimar war keine Unterkunft für verwöhnte Herren, eher für Durchreisende und Bittsteller, die auf eine Audienz bei der Lady oder ihren Verwaltern warteten.
Jade hängte sich den Rucksack über die Schulter und nahm zwei Stufen auf einmal, als sie die breite Treppe hinaufstürmte.
Dort, wo sich die Treppe zum dritten Stock befinden sollte, gähnte ein Trümmerloch. Alles, was den oberen Teil des Larimar mit dem unteren verband, war eine Holzleiter, die natürlich keinem Gast zugemutet werden konnte. Jade erklomm sie ohne Mühe und zog sich durch ein Loch in der Decke direkt in den Flur im dritten Stock.
Früher war der Teppich rot gewesen, nun aber zeigte er ein verblichenes Rosa. Die Zimmertüren waren noch blutrot gestrichen, doch der Lack war beschädigt und erinnerte an alte Karten von Kontinenten und Inseln. Jade kannte jedes Zimmer so gut, dass sie es auch mit verbundenen Augen hätte betreten können, ohne an ein Möbelstück zu stoßen. Es gab Zeiten, da schlief sie jede Nacht in einem anderen Zimmer – meistens dort, wo es etwas zu reparieren gab. Doch wenn sie ganz allein sein wollte, so wie jetzt, dann gab es einen ganz besonderen Raum, der nur ihr gehörte. Kein Gast hatte ihn jemals betreten, und selbst Jakub erinnerte sich nur selten daran, dass er existierte. Die Kammer lag im dritten Stock, an der Frontseite, die zum Fluss zeigte, und hatte als einziges Zimmer keine Tür, sondern nur ein kreisrundes Fenster, ein Bullauge, wie es auf Schiffen üblich war. Allerdings fehlte das Fensterglas, was das Zimmer im Winter unbewohnbar machte. Für Jades Zwecke war das fehlende Glas genau richtig, denn das Fenster war der einzige Zugang.
Sie betrat den Raum, der neben dem verborgenen Zimmer lag – ein Schlafzimmer mit einem Bett aus rostigen Metallstreben und Wasserschlieren an den Wänden, die verschlungene Muster bildeten. Einige der Wasserspuren waren erstaunlich gerade, und wenn Jade die Augen zusammenkniff, konnte sie erahnen, wo sich die Tür zur geheimen Kammer befunden hatte, bevor jemand sie zugemauert und die Wand neu gestrichen hatte. Sie zog sich die Riemen des Rucksacks über die linke Schulter und trat zum Fenster. Das Sims war breit und einladend, und als sie den Fuß darauf setzte und hinauskletterte, umfing sie ein warmer Windstoß, der vom Fluss hinaufwehte und nach Algen und Wasser roch. Weit unter ihr umspülte die Wila die Wassertreppe. Würde Jade ausrutschen und stürzen, käme sie auf den Steinstufen auf.
Mit routiniertem Griff ertastete sie rechts vom Fenster einen der beiden Steinaale, die das Bullauge säumten, hielt sich daran fest und trat auf das steinerne Sims, das der Fassade Struktur gab. Es fiel ihr nicht schwer, an der Außenmauer entlang zum Fenster zu balancieren. Tief unten im Wasser sah sie ihr Spiegelbild, gleich neben der Treppe, wo sich das Wasser staute. Sie verharrte einige Augenblicke und betrachtete es, während sie sich mit beiden Händen am Steinaal festhielt. Und richtig – auch heute veränderte sich das Bild im Wasser. Die Jade in den Wellen hob eine Hand und winkte ihr zu. Das war auch etwas, was sie Jakub verschwieg: Spiegelbilder winkten nicht, aber Jades Bild bewegte sich von Zeit zu Zeit, schnitt Grimassen oder lachte, wenn Jade traurig war. Niemand außer ihr konnte es wahrnehmen, und Lilinn meinte, es sei ein Spiel, das die Wila mit ihr treibe, sie solle sich nur niemals in die Fluten locken lassen.
Jade lächelte ihrem Flussbild zu, genoss einen Atemzug lang das Gefühl der Höhe und den Wind. Sie ließ den Rucksack am Arm herunterrutschen, warf ihn mit Schwung durch das runde Fenster und kletterte dann selbst hinterher.
Dunkelblau gestrichene Wände ließen die quadratische Kammer noch kleiner wirken. Auf dem Boden lagen all die Dinge, die Jade nach und nach durch das Fenster hineingeschafft hatte: Decken, die ein Schlaflager bildeten, und Kleidung, die in unordentlichen Stapeln an der Wand aufgereiht war. Von einem Lampenhaken an der Decke hing ein langes Kleid aus taubenblauer Seide, das Jade als Kind in einer zerbrochenen Truhe entdeckt hatte. Der Staub von Jahrzehnten ließ den Stoff blass aussehen. Das Kleid war nicht das einzige Fundstück. Neben dem Bett lag ein Tagebuch, das Jade in den Trümmern eines Hauses in der toten Stadt gefunden hatte. Der lederne Umschlag war zum Teil versengt und die trockenen Seiten knisterten und rochen nach Rauch. Aus der Scheu heraus, die Geheimnisse eines Toten zu entweihen, hatte Jade das Tagebuch niemals gelesen, nur die ersten beiden Sätze kannte sie, und sie klangen so traurig, dass sie auch gar kein Bedürfnis verspürte, die Seite umzublättern und mehr zu erfahren.
Aufatmend ließ sie sich auf dem Deckenlager nieder und lehnte sich an die blaue Wand. Es war beruhigend, das Buch in die Hand zu nehmen und mit den Fingern über die Seitenränder zu streichen. Sobald sie die Augen schloss, sah sie das Echo und die Jäger, die ihre Gewehre direkt auf ihr Herz gerichtet hatten. Unwillkürlich drückte sie das Tagebuch gegen ihre Brust. Erst nach einer ganzen Weile klappte sie es auf und fand die Kostbarkeit, die zwischen den Seiten sorgsam verwahrt war. Das Buch selbst war ein Geheimnis, aber es barg noch einen weiteren Schatz, das Geheimnis im Geheimnis.
Es war eine alte Fotografie, ausgebleicht und so unscharf, als hätte jemand das Bild im Laufen aufgenommen. Viel konnte Jade darauf nicht erkennen: fliegendes schwarzes Haar am Rand des Bildes, glatt wie eine Mähne, die Ahnung eines hellen Gesichts und ein verschwommenes Lachen. Wie immer wenn Jade ihre Mutter betrachtete, an die sie sich nur vage als Stimme erinnerte, wurde ihr warm und traurig zumute.
»Ich wäre heute beinahe erschossen worden«, flüsterte sie dem verschwommenen Lachen zu. »Aber gestorben ist ein Echo. Und ich weiß, es klingt verrückt und falsch, aber an der Brücke, da... habe ich mir gewünscht, es... hätte fliehen können.«
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1. Auflage 2008
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eISBN : 978-3-641-02517-5
 
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