Killer & Liebe - Ulla Buthe - E-Book

Killer & Liebe E-Book

Ulla Buthe

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Beschreibung

«Altersarmut? Kennen wir nicht. Wir genießen das Leben. Komm zu uns in die Oldie-WG.» Das sagt ihre Freundin, als Marlene Job, Wohnung und Auto verliert. Nein, sie will lieber bei der Agentur Glücksbringer arbeiten, zusammen mit dem geheimnisvollen Fremden, in den sie sich verliebt hat. Beide erkennen noch rechtzeitig, wie gefährlich der Boss dort ist. Sie fliehen, der Schurke verfolgt sie. Er muss sie töten, weil sie zu viel wissen. Sind die frisch verliebten Hippies beim Matala Beach Festival auf Kreta vor ihm sicher? Der Ex-Kommissar aus der Oldie-WG hat versprochen, auf sie aufzupassen.

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Seitenzahl: 172

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Ulla Buthe

Killer & Liebe

© 2018 Ulla Buthe

Umschlag, Illustration: Coverfoto: twinlili / pixelio.de

Verlag und Druck: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback:

978-3-7469-4815-7

Hardcover:

978-3-7469-4816-4

e-Book:

978-3-7469-4817-1

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Eins

Samstag, 12. April 2014, Köln und Olpe

«Mistkerl», rief Marlene. 15:55 Uhr. Eine Nachricht vom Chef. «Ankunft erst Sonntag, abholen nicht nötig. Sorry. Du hast Montag frei, ich komme nachmittags vorbei.» Sie stampfte mit dem Fuß auf, steckte das Handy weg.

Sie sollte ihn doch heute um 18:15 Uhr am Flughafen abholen. Erst die Geschäftsreise ohne sie und jetzt das. Okay, wenn sie noch in Olpe gewesen wäre, hätte die Nachricht sie rechtzeitig erreicht. Aber sie wollte ja vorher unbedingt shoppen. Deshalb war sie früher losgefahren. Sie setzte sich auf einen Pollerstein vor der Kreuzblume auf der Domplatte, stellte die Papiereinkaufstüte auf den Boden. Was nun?

Ein Mann schaute in ihre Richtung, kam direkt auf sie zu. «Gudrun?» Er lächelte, reichte ihr die Hand. «Ich bin Ru ... ähm, Fabian. Darf ich Sie zu einem Kaffee ins Ludwig im Museum einladen?»

«Ja, gerne», antwortete Marlene. «Ein Café wäre ideal zum Aufwärmen.» Sie zitterte vor Aufregung. Aber auch, weil es an diesem Samstagnachmittag Anfang April kühl war. Höchstens 15 Grad. Zum Flughafen brauchte sie ja nicht mehr fahren. Warum sollte sie den Irrtum aufklären?

«Der Wind am Dom ist schrecklich», meinte der Fremde. Er zog seinen anthrazitfarbenen Mantel aus, legte ihn über ihre Schultern. «Der passt wunderbar zum Kostüm. Besser so?» Er hob die Einkaufstüte auf.

«Dankeschön, Fabian!» Mehr sagte sie nicht. Normalerweise redete sie viel. Doch die Fürsorge dieses Mannes verschlug ihr die Sprache.

«Kommen Sie!» Er nahm sie an die Hand. «Es sind nur ein paar Schritte.»

Sie gingen los. Marlene freute sich auf einen Kaffee mit dem Fremden, der wie Richard Gere aussah und einen grauen Maßanzug trug. Dann war sie ja nicht umsonst vom Sauerland nach Köln gefahren. Ihr letztes Date hatte vor gefühlten 40 Jahren stattgefunden. Der Gentleman gefiel ihr, seine Hand fühlte sich warm an. Wenn schon ein kleines Abenteuer, dann dieses.

Im Ludwig führte sie die Kellnerin zum letzten freien Tisch an der Fensterfront. «Was darf ich Ihnen bringen?»

Fabian legte den Mantel über die Stuhllehne. «Zwei Kaffee, bitte!»

«Für mich ein Stück Käsekuchen», sagte Marlene. Sie hatte morgens nur eine Banane gegessen. Der Magen knurrte bedrohlich. «Für Sie auch?»

«Nein, danke. Ich verwahr mir meinen Hunger für gleich.» Er saß ihr gegenüber, sah sie mit seinen dunklen Augen an. «Der Chauffeur fährt uns um fünf insTzukis.Das noble Fischrestaurant ist ein Geheimtipp der Gourmets. Man hat Glück, wenn man dort speisen darf. Da Ihr Sohn kurzfristig verhindert ist, begleite ich Sie gern dorthin. Die Firma beansprucht bestimmt viel Zeit.»

«Ja, viel zu viel.» Marlene log nicht, sie kannte das. Sie war zwar keine Unternehmerin, sondern nur Sekretärin, aber immerhin Chefsekretärin.

Die Bedienung stellte die Kaffeetassen und den Kuchen auf den Tisch. «Bitteschön!»

Die Unterbrechung kam ihr sehr gelegen. Sie musste aufpassen, was sie sagte. Sonst flog der Schwindel auf. In Ordnung, der Typ war nett, Fisch aß sie gern. Ebenso den Käsekuchen, der köstlich schmeckte. Auch der Kaffee war ein Genuss. Ihr Magen gab Ruhe.

«Ihr Sohn meinte, dass Sie Karten haben für die Oper heute Abend. Was wird gespielt? Gudrun, möchten Sie, dass ich nach dem Essen mitkomme?»

Oh je, Marlene hatte weder Kinder, erst recht keine Opernkarten. Was sollte sie antworten? Sie stopfte das letzte Stückchen Kuchen in den Mund, kaute, nickte. «Ich hasse Opern.» Das wäre geschafft. Das Thema Musik war unverfänglicher als Firma oder Familie. «Viel lieber mag ich Musikkneipen. Welche können Sie empfehlen?»

«Ich kenne einen Irish Pub. Dort bekommen wir bestimmt Tipps. Ich wohne noch nicht lange in Köln.» Fabian winkte der Bedienung, zeigte auf die Kaffeetassen. «Nochmal zwei, nach draußen bitte!»

Er stand auf, nahm den Mantel. «Ist es Ihnen recht?», fragte er.

«Gute Idee, jetzt wo die Sonne rauskommt.» Sie folgte ihm auf die Terrasse.

Ein Kellner brachte den Kaffee und einen Aschenbecher an den Tisch. Sollte sie es wagen, die Zigarettenschachtel aus der Tasche zu nehmen? Auch auf die Gefahr hin, dass er Nichtraucher ist? So wie ihr Chef, der es nicht duldete, in seiner Gegenwart zu rauchen.

Marlene strahlte, als ihr Fabian eine Zigarette anbot, so als wäre es das Natürlichste der Welt. «Draußen darf man das. Noch.» Er lachte, gab ihr Feuer. «Welche Musik hörst du gerne?» Bevor sie antwortete, entschuldigte er sich für das Du. «Ist mir so rausgerutscht. Vor lauter Freude, weil Sie auch rauchen.»

«Duzen ist okay. Musikmäßig mag ich zum Beispiel die Beatles, die Rolling Stones, Pink Floyd, Deep Purple, Blues.»

«Echt? Klasse!» «Hast du Karten für das Konzert der Stones am 19. Juni in Düsseldorf? Die habe ich nie live erlebt.» Fabian trank einen Schluck Kaffee.

«Nein, es gibt nur noch völlig überteuerte Tickets auf dem Schwarzmarkt.»

«Soll ich versuchen, welche zu bekommen? Würdest du mitkommen?»

«Ja, das wäre toll!»

Marlene vergaß vor lauter Aufregung den Kaffee, sogar die Zigarette. Endlich mal ein Mann, mit dem sie über Musik reden konnte. Mit ihm würde sie gerne den Rhythmus fühlen, die Magie durchtanzter Nächte erleben. Sie räusperte sich. «Oh je, das geht nicht. Als meine Freundin und ich im März merkten, dass alle Karten innerhalb weniger Minuten weg waren, haben wir spontan Kreta gebucht. Diesen Urlaub gönne ich mir, dann muss mein Sohn mal ohne mich mit der Firma klarkommen.»

Eigentlich meinte Marlene ja ihren Chef, der gegen den Urlaub gewesen war. Allein bekam der terminlich nie was auf die Reihe. Außerdem liebte er keine Musik. Sie tanzte nur, wenn er nicht da war.

Zeitgleich mit Fabian drückte sie die Zigarette im Aschenbecher aus. Ihre Hände berührten sich. Marlene dachte sofort an knisternde Funken von Wunderkerzen. «Vom 20. bis 22. Juni findet in Matala das Beach Festival statt. Das könnte dir gefallen.» Insgeheim hoffte sie, dass er mitkommen würde. Es überraschte sie, dass sie sich das so spontan wünschte. Okay, er war eine Zufallsbekanntschaft, aber eine, die sie völlig durcheinanderbrachte. Positiv gesehen.

«Matala?», fragte Fabian. «In der kleinen Bucht mit den Höhlen?» Er zündete zwei Zigaretten an, eine reichte er ihr über den Tisch.

«Ja, ich möchte das Hippiefeeling der 60er, 70er Jahre endlich mal erleben. Damals hatte ich keine Zeit.» Sie trank den letzten Schluck Kaffee, der mittlerweile kalt war. Es störte sie nicht, weil sich ein wohlig warmes Gefühl in ihrem Bauch ausbreitete.

«Tische trennen.» Fabian stand auf, nahm seinen Stuhl, setzte sich neben sie. «Ich war 1970 einen Monat dort mit Motorrad und meiner Gitarre.» Fast hätte er erwähnt, dass es im Sommerurlaub während seiner Gesellenzeit als Tischler war. Was sollte eine Unternehmerin mit einem Handwerker anfangen? Na ja, inzwischen aber Meister, der leider in die Pleite gerutscht war.

«Hast du mit den Hippies in den Höhlen gelebt?» Marlene strahlte ihn an, legte ihre Hand auf seinen Arm. Sie genoss die Nähe des Mannes, der ihr immer sympathischer wurde.

«Zuerst hatte ich ein winziges Zimmer in einer Pension, dann blieb ich in den Höhlen bei den Menschen, die aus aller Welt kamen. Wir quatschten, spielten Sessions, tanzten, vergaßen Zeit und Raum.»

«Waren deine Haare damals auch lang?»

«Ja, eine dunkle Lockenpracht ... heute sind sie halt so.» Er strich mit der Hand über die kurzen, grauen Stoppeln auf seinem Kopf.

Ein Handy klingelte, ziemlich schrill. Es war Fabians, ein kleines normales Telefon, kein Smartphone. Eine wütende Stimme brüllte ihn an.

«Ja, Boss! Entschuldigung. Geht klar, sofort.» Er stand auf, kramte einen fünfzig Euro Schein aus der Hosentasche, legte ihn auf den Tisch. Nervös wirkte er, sehr sogar.

Marlene erhob sich ebenfalls. «Müssen wir los?»

«Ja ... nein!», stotterte er. Spontan umarmte er sie, hauchte einen Kuss auf ihren Mund. «Ich habe meinen ersten Auftrag vergeigt. Sorry, die richtige Gudrun wartet bei der Limousine.» Er nahm den Mantel, rannte los, kam zurück. «Wie heißt du?»

«Marlene.» Sie setzte sich wieder hin. Ich ...»

«Sag mir deine Handynummer», unterbrach er sie.

Sie holte eine Visitenkarte aus der Tasche.

Fabian sah kurz hin. «Oh, du wohnst im Sauerland. Danke, ich melde mich.»

Traurig sah sie ihm nach. Der Traummann lief über den Platz zu einem silberfarbenen Bentley. Dort stand die Auftragsfrau, die ähnlich wie sie aussah. Schlanke Figur, Pagenkopf Frisur. Sie trug ebenfalls ein dunkelblaues Business Kostüm. Ein Mann in Chauffeuruniform öffnete die Türen zum Fond, ließ die beiden einsteigen. Wieso hatten die hinteren Fenster und die Heckscheibe blickdichte Vorhänge? Damit niemand sah, wer im Wagen saß? War Fabian etwa ein sogenannter professioneller Begleiter? Warum lagen dann die 50 Euro hier? Wenn sie ihn engagiert hätte, müsste sie doch alles zahlen. Oder?

Sie winkte der Bedienung, zahlte mit dem Schein, gab großzügiges Trinkgeld. Den Rest des Geldes steckte sie ein, rauchte eine von ihren Zigaretten. Wie gern säße sie neben ihm in dem Luxuswagen. Aber das wäre zu teuer für sie. Außerdem wollte sie keinen bezahlten Mann. So einer würde doch niemals ein Freund sein. Obwohl ... vielleicht ruft er ja an. Was sollte sie jetzt noch in Köln? Alleine in ein Restaurant oder eine Kneipe gehen? Nein, das war sie nicht gewohnt. Sie stand auf, eilte in Richtung Parkhaus Dom.

Ein junger Typ in Bikerkleidung folgte ihr, sprach in ein Handy-Headset. «Die Dame geht zum Dom ... sie sucht ihr Auto in der Tiefgarage. Oh, den Wagen kenne ich.»

Er versteckte sich hinter einem Pfeiler, als Marlene einstieg. «Schwarzer Mercedes aus Olpe. Den habe ich vor drei Monaten zurück ins Sauerland gebracht. Die Frau vom Firmenboss konnte ja nicht mehr fahren. Soll ich der Fremden folgen?» Er rannte los. «Und wer kellnert gleich? Aha! Meinst du wirklich, dass die hier geschnüffelt hat? Ja, Ma-Pa!» Am Museum Ludwig öffnete er die Traveller Box an einer Harley. «Was passt dir nicht an Ma-Pa? Du bist nun mal Mama und Papa für mich ... klar, du bist der Boss ... ja, ich bleib dran ... okay, Ma-Pa-Boss.» Hastig legte er den Nierengurt um, setzte den Helm auf, zog die Handschuhe an. Mit quietschenden Reifen fuhr er los.

Zwei

Samstagabend, 12. April, Köln und Olpe

Fabian hörte Gudrun im Bentley nur halbherzig zu. Sie erzählte von den Erfolgen der Firma, meckerte über ihren Sohn mit den eigenen Vorstellungen von Geschäften. In Gedanken war er bei Marlene. Diese Frau hatte genau so eine hungrige Seele wie er. Sein Gefühl täuschte ihn selten. Fuhr sie jetzt zurück nach Olpe? Er würde sie gern wiedersehen. Ob das bei dem Job im BegleitserviceGlücksbringerüberhaupt möglich war? Er fühlte sich unwohl dabei. Aber es war besser als ein Leben auf der Straße. Der Boss war ihm unheimlich. Wieso spielte er den Chauffeur? Um ihn zu beobachten beim ersten Einsatz? Wegen der Vorhänge sah er nicht, wohin sie fuhren.

*

Marlene war mittlerweile auf der A4. Dank Navi hatte sie die Auffahrt Richtung Olpe gefunden. Der Firmenwagen war ihr fremd, ungewohnt, zu schnell für sie. Die übermäßig vielen technischen Details fand sie überflüssig. Vorher hatte ihn die Frau des Chefs gefahren. Nachdem sie vor einem Vierteljahr plötzlich gestorben war, durfte Marlene das Auto privat nutzen. Ihr uralter Golf hatte den Geist aufgegeben. «Halt mehr Abstand, du Blödmann!», fluchte sie. Der Scheinwerfer des Motorrads hinter ihr blendete. Sie kippte den Rückspiegel, drückte aufs Gaspedal.

*

Der Bentley hielt am Ende einer Auffahrt an. Der Boss stieg aus, öffnete die Fondtüren. «Den Mantel können Sie im Wagen lassen, Fabian!», sagte er. Er führte ihn und Gudrun zum Eingang einer Villa, die in einem Park lag. Das walmdachgedeckte Haus sah mit der Veranda, den Giebelfenstern und dem kleinen Anbau gepflegt aus. Hier sollte das berühmte Fischrestaurant sein? Kein Schild wies darauf hin. Waren sie die einzigen Gäste? Galant führte der Chef sie durch die Rundbogen Eingangstür aus dunklem Holz in eine Diele. Dann direkt in einen Raum, der wie ein privates Esszimmer aussah. «Herzlich willkommen imTzukis!»

*

Hinter Overath fuhr Marlene auf den Parkplatz der Raststätte Aggertal, rannte sofort zur Toilette. Das war dringend nötig nach den zwei Tassen Kaffee im Ludwig. Außerdem wollte sie eine Zigarette rauchen, im Auto war es strikt verboten. Sie kramte das Handy aus der Tasche. «Bist du heute Abend im Mythos, Mary? Gegen neun?» Wann war sie das letzte Mal dort gewesen? Vor Ewigkeiten. «Ja, ich tausche die Businesskleidung gegen Jeans und Pulli.» Der Wink mit dem Zaunpfahl saß. Ihre Freundin hatte Recht. Keiner der Freunde erschien overstyled dort. Sie stieg in den Wagen, fuhr mit quietschenden Reifen los. Der Motorradfahrer, der hinter einem parkenden LKW gewartet hatte, folgte ihr.

*

Gudrun gefiel das Ambiente imTzukis. Dezente Musik, Kerzenlicht, Orchideen, der stilvoll gedeckte Tisch. Wenigstens in diesen Dingen zeigte ihr Sohn Geschmack. Sie wunderte sich, dass er vorgehabt hatte, Fisch zu essen. Er mochte kein Fleisch aus dem Wasser, wie er immer sagte. Na ja, vielleicht war das der Grund für seinen anderen Termin heute. Sie hatte sich anfangs gewehrt, mit einer fremden Begleitung den Abend zu verbringen. Aber Fabian war ein sympathischer Mensch, höflich, unaufdringlich. Auf privater Ebene war sie unsicher in der Gegenwart von Männern. Geschäftlich hatte sie damit weniger Probleme. Ihr Gatte hatte sie vor zehn Jahren verlassen, weil er keine Firma als Ehefrau brauchte.

Der Boss betrat das Esszimmer. Diesmal als Ober im Smoking. Er legte vier Spielkarten auf den Tisch. «Heute empfehle ich Ihnen diese Fischgerichte. Alle fangfrisch und exzellent zubereitet. Lassen Sie sich überraschen. Bitte wählen Sie.»

Gudrun reichte ihm die Herz Dame, Fabian den Kreuz Buben.

«Ausgezeichnet! Madame, Ihr Wunsch ist eine Spezialität des Hauses. Im Ofen gebackene Filetstücke mit Gemüseschuppen an Champagnersauce. Mein Herr, für Sie gibt es Lachs im Baconmantel an Kräutersauce mit Meeresfrüchtesalat.» Er nahm die Spielkarten vom Tisch. «Dazu passt unser Hauswein, ein Chardonnay.»

«Für mich bitte noch ein stilles Wasser.»

«Gerne.» Der Ober verließ den Raum.

«So eine Speisekarte mit Überraschungen habe ich noch nie erlebt.» Die Unternehmerin lachte. «Wussten Sie das?»

«Nein, aber es hat was.» Fabian war ebenfalls zum ersten Mal hier. Warum schlüpfte sein Boss auch in die Rolle des Kellners? Wohnte er hier? «Sind Sie zufrieden mit der Wahl Ihrer Spielkarte?», fragte er.

«Ja», meinte Gudrun. «Langsam verstehe ich, dass dieses Restaurant ein Geheimtipp ist. Alles ist anders.»

Der Ober kam mit einem Tablett herein. «Das hors d’ouvre des Hauses.» Er reichte den beiden die Vorspeise. «Carpaccio an Wasabi Avocado Dipp und einen Prosecco mit Zitronensorbet als Aperitif.»

Er ging zur Tür. «Den Wein bringe ich Ihnen zusammen mit dem Fisch. Je vous souhaite bon appétit.»

*

Marlene bog in Olpe Süd von der A4 ab. Es war mittlerweile Viertel nach sechs. Wie gern würde sie jetzt mit dem Unbekannten im noblen Fischrestaurant sitzen. Mit ihm später durch die Musikkneipen in Köln ziehen, ihn näher kennenlernen. Sie glaubte nicht an die Liebe auf den ersten Blick. Obwohl ... so ein leises Kribbeln im Bauch war da. Meldete sich der Hunger? Auf eine Currywurst, einen Döner oder eine Pizza? Vor ihrer Lieblingspizzeria hielt sie an.

*

ImTzukisnippte Gudrun am Prosecco. «Ich habe Karten für die Premiere vom Freischütz. Es soll eine ziemlich gewagte Inszenierung sein. Begleiten Sie mich nach dem Dinner in die Oper am Dom?»

Fabian nickte. «Wann beginnt die Aufführung?» Er bestrich die hauchdünnen Fischscheiben mit dem Dipp.

«Um 19:30 Uhr.» Sie sah auf ihre Armbanduhr. «In einer Stunde.»

«Das wird knapp», bemerkte er, in der Hoffnung, dass sie hier im Restaurant blieben.

«Dann kommen wir halt in der Pause an und erleben den Rest der Premiere.» Gudrun probierte die Vorspeise. «Köstlich!»

Der Ober brachte den Wein, der in eine Karaffe umgefüllt war, ebenso eine Flasche stilles Wasser. «Bitte füllen Sie die Gläser!», sagte er zu Fabian. «Ich serviere in Kürze den Fisch.» In aller Ruhe verließ er das Esszimmer. Warum hatte er keinen Smoking für ihn als Kleidung angeordnet, sondern den Anzug? Die Unternehmerin trug nur ein Kostüm. Hatte sie ein Abendkleid zum Umziehen mit? Verhinderte der Boss den Besuch der Oper? Erst eine halbe Stunde später kam er mit dem Hauptgang zurück. Er war bestimmt auch der Koch.

*

Im Apartment zog Marlene die Pumps und die Kostümjacke aus. Sie packte die Pizza Hawaii auf einen Teller. Aus einem Pappkarton aß sie nicht. Sie öffnete den Vogelkäfig, machte das Radio an, stellte das Abendessen auf den Beistelltisch neben dem Relaxsessel im Wohnzimmer.

Ein blauer Wellensittich flog auf ihre Schulter. «Hey, Bobby!», sagte sie. «Wie geht es dir?»

Sie setzte sich in den Sessel, biss in ein Stück Pizza.

Der Vogel sang eine Antwort, die wahrscheinlich nur sie verstand.

«Gut, das ist okay. Du wirst es nicht glauben ...» Sie kaute weiter. «Heute habe ich meinem Traummann getroffen. Einen, mit dem man bestimmt tanzen kann. Leider ist der wieder weg. Drück mir die Zehen, dass er anruft.»

Bobby knabberte an ihrem Ohr, flog dann auf die Hand, pickte die Krümel auf.

*

Fabian aß das letzte Stück Lachs, tupfte mit der Stoffserviette seinen Mund ab, trank einen Schluck Chardonnay.

Die Lady, die ihm gegenüber am Tisch saß, nahm ihr Glas. «Zum Wohl!», sagte sie. «Mein Sohn hat ein Gespür fürs Besondere. Das Essen hier ist ausgezeichnet. War Ihr Kreuz Bube auch so gut?»

«Ja, vor allem die Kräutersauce.» Hoffentlich war der Abend bald vorbei. Er würde so gern noch Marlene anrufen. Es war inzwischen acht Uhr. Den Anfang der Oper hatten sie verpasst. Gudrun schien es nicht zu stören.

Der Ober trat ein. Fabian wunderte sich, wieso der Boss wusste, dass sie mit dem Essen fertig waren. Bestimmt konnte er ihre Gespräche übers Handy hören. Sein Chef hatte ja gesagt, dass es immer der direkte Kontakt zu ihm wäre. Er stellte die leeren Teller auf ein Tablett, legte das Besteck dazu. «Möchten Sie ein Dessert?», fragte er die beiden. «Ich empfehle unsere Limettenmousse an Honigkaramell.»

*

Marlene stand vor dem Kleiderschrank, prall gefüllt mit Kostümen, Hosenanzügen, Kleidern, Blusen, Tops. Sie kramte eine Reisetasche hervor.

Bobby saß zwitschernd auf ihrer Schulter. «Was meinst du? Soll ich die schwarze oder die helle Jeans anziehen?» Da keine Antwort kam, entschied sie sich für die dunkle, die besser zu den Sneakers passte. Dazu ein rotes Shirt und die Lederjacke. Diese Freizeitkleidung trug sie fast nie. Sie brachte den Wellensittich zurück in den Käfig.

*

Zum Abschluss des Menüs servierte der Boss Espresso.

Gudrun bat um die Rechnung.

«Madame, Sie sind herzlich eingeladen.»

Hatte ihr Sohn etwa im Voraus bezahlt? Sie stand auf. «Wo, bitteschön, ist die Toilette?»

«In der Diele rechts.»

Nach zwei Schritten stolperte sie, konnte sich aber noch an der Tischkante festhalten.

Der Ober geleitete sie zur Tür des Esszimmers. «Alles in Ordnung?», fragte er.

«Ja, ja! Ich bin nur umgeknickt.» Sie ging vorsichtig hinaus.

«Zu viel Wein, oder?», meinte der Boss.

Fabian schüttelte den Kopf. «Nein, bestimmt nicht.» Er deutete auf das Weinglas. «Ihr erstes ... es ist noch halb voll.»

Gudrun kam mit schleppenden Schritten zurück in den Raum. «Entschuldigung, ich bin Alkohol nicht gewohnt. Würden Sie mich bitte nach Hause fahren?» Mit Mühe und Not versuchte sie, die Contenance zu wahren.

*

Marlene nahm den Aufzug. Auf dem Parkplatz vor dem Apartmenthaus ging sie zum Auto, prüfte, ob es verschlossen war. Sie steckte eine Zigarette an, machte sich auf den Weg ins Mythos. Die zehn Minuten schaffte sie zu Fuß. Dann konnte sie auch ein paar Bier trinken nach dem aufregenden Tag in Köln. Unbemerkt folgte ihr der Motorradfahrer, der in der Nähe gewartet hatte.

*

Der Boss, jetzt wieder als Chauffeur gekleidet, brachte die Unternehmerin im Bentley zurück in die Stadt zu ihrer Villa. «Hey, den Mantel nicht vergessen!», rief er, als Fabian ebenfalls ausstieg.

Auf der Treppe zum Eingang musste er Gudrun stützen. Er trug die Tasche, in der das Abendkleid war.

«Dankeschön, es geht mir schon besser!», sagte sie leise. Sie schloss die Haustür auf. Fabian folgte ihr ins Haus.

Der Wagen fuhr sofort wieder los. Der Fahrer startete die Musikanlage, hörte Songs von Elvis Presley. Beim LiedDevil in Disguisegrinste er. Das Handy klingelte. «Moment, Ben!», sagte er über die Freisprechanlage. Er stoppte die CD. «Was ist mit der Frau aus Olpe?»

«Die ist nicht zu diesem Wohnhaus der Firma gefahren, sondern zu einer Apartmentanlage. Dort hat sie auch den Wagen geparkt.»

Es rauschte in der Verbindung. «Telefonierst du etwa, während du Motorrad fährst?», fragte der Boss. Seine Stimme klang besorgt.

«Geht schon, bin ja noch nicht auf der Autobahn. Also, die Fremde ging später in so ein winziges Fachwerkhaus. Ich bin kurz rein, auf die Toilette. Das ist ne Musikkneipe. Der Wirt hat jede Menge CDs und Platten. Er legt richtig gute Mucke auf.»

«Nun sag schon, Kleiner! Mit wem hat sich die Frau getroffen?»