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Hey Kids! Seid froh, dass ihr noch eine Schule besucht und eure Freunde treffen dürft. Für die 12jährige Emma ist Schule doof. Jeden Tag sitzt sie sieben Stunden lang beim Unterricht allein vor dem Notebook in ihrem Zimmer. Abends muss sie noch die Hausaufgaben machen. Am Wochenende darf sie nicht raus, um andere Kids zu treffen. Das ist verboten. Eines Tages haut sie ab, zusammen mit Robby Byte, ihrem kleinen Roboter. Es muss doch möglich sein, andere Mädchen und Jungen zu finden. Nur wo? Schafft sie es, oder fangen die Spione sie wieder ein? Eine Geschichte für Jung und Alt. Ab 12 Jahre.
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Seitenzahl: 72
Veröffentlichungsjahr: 2018
Ulla Buthe
MeinFreundRobby Byte
© 2018 Ulla Buthe
Umschlag, Illustration: Kay Weder
Verlag und Druck: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7469-9892-3
Hardcover:
978-3-7469-9893-0
e-Book:
978-3-7469-9894-7
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Eins – Freitag – Schule ist doof
«Emma, in fünf Minuten beginnt der Unterricht.» Die piepsige Stimme von Professor Dr. Herndorf reißt mich aus meinen Träumen. «Schule ist doof. Ich will nicht allein von zu Hause aus lernen», murmle ich und lege mein Handy unters Kopfkissen.
«Ich bin doch da, du faule Socke», knurrt mich Robby an. «Dein virtueller Lehrer wartet nicht gern.» Er zieht mir blitzschnell die Bettdecke weg, rennt zum Schreibtisch, startet das Notebook.
Quietscht er etwa? «Selber faul», sage ich. «Such lieber das Ölkännchen.» Äußerlich sieht er kaum wie ein Roboter aus. Eher wie ein kleiner frecher Junge mit seinen ein Meter zwanzig. Mit der roten Latzhose und dem gelben Shirt über dem grauen Metallkörper wirkt er fast menschlich. Meine Ma hat ihm mehrere Hosen und Shirts bestellt, falls mal seine Kleidung gewaschen werden muss. Alle in der gleichen Größe. Er wächst ja nicht mehr.
Mister Byte, wie er offiziell heißt, reicht mir einen Overall. «Heute ist die Farbe weiß für freitags dran», schnurrt er seinen Text runter. Dabei lächelt er mich an. Nicht weil er ein besonders freundlicher Roboter ist. Nein, er kann nicht anders bei seinem Smiley Gesicht.
Pünktlich um neun erscheint mein Lehrer auf dem Bildschirm des Notebooks. Mit blendend weißen Zähnen, gegelten kurzen dunklen Haaren. Mit dreißig ist der total cool drauf im Anzug, der immer grau ist. Nur seine T-Shirts wechseln die Farbe. Weil heute Freitag ist, ist es weiß.
«Hallo Emma!», begrüßt er mich.
«Hi Doc.» Ich darf ihn so nennen, weil ich seine fleißigste Schülerin bin.
«Du hättest wenigstens deine dunkle Lockenmähne bürsten können. Bestimmt müffelst du.»
«Nein. Ich habe gestern Abend geduscht. Und wenn … virtuell riecht man das nicht.» Ich setze mich in den Sessel am Schreibtisch. Bequem ist der ja.
«Wir fangen heute mit Biologie an», brüllt es aus den vielen Lautsprechern in meinem Zimmer. «Es geht um die Fortpflanzung bei den Menschen.»
Ich stelle den Ton leiser. Nur Musik höre ich gern so laut. Puh, angenehm ist mir dieser Unterrichtsstoff nicht. Dass ich als Zwölfjährige schon mitten in der Pubertät stecke, merke ich selber. Auch ohne reale Jungs. Wenn ich nur wüsste, wo ich sie finde. In den Chat Rooms tummeln sich eh nur die Alten, ganz selten Teenies. Treffpunkte, wo sich Gleichaltrige aufhalten, kenne ich nicht. Alle Kids hängen offensichtlich auch alleine in ihren technisch aufs Feinste ausgerüsteten Zimmern rum. Draußen trifft man sie jedenfalls nicht.
Vielleicht hilft Robby mir, sie zu finden. Dann könnte ich endlich meine selbst entwickelte App ausprobieren. Das ist ein ganz privates Netzwerk, es heißt gehwirfreu, also für geheime wirkliche Freunde. Wir sind dann unter uns. Niemand sonst kann sie nutzen oder ausspionieren, wer sich wo mit wem trifft.
«Emma, wo bist du mit deinen Gedanken?», fragt der Doc.
«Na, bei den Geschlechtsorganen.» Meine kleinen Lügen merkt er nicht. Ich tu so, als ob ich weiter zuhöre, nicke ein paarmal, stelle Fragen, die er ausführlich beantwortet. So habe ich Zeit zu überlegen, wie ich Kontakt herstelle zu anderen Kids. Über meine App könnten wir dann gemeinsam planen, wo wir uns in unserer Freizeit treffen. Leider haben wir nur am Samstagnachmittag und den Sonntag frei. Schule ist immer montags bis samstags jeweils von neun bis um eins. Nach der Mittagspause, außer samstags, dann von zwei bis um fünf. Ich hocke also sieben Stunden alleine vor dem Bildschirm des Notebooks am Schreibtisch. Abends erledige ich die Hausaufgaben, die ich aber meistens schon während des Unterrichts schreibe. Schulferien haben wir nur drei Wochen im Sommer.
«Holst du mir ein paar frische Kräuter aus dem Garten?» Oh, eine Nachricht auf dem Handy von meiner Omi um Viertel vor eins. «Okay», schreibe ich zurück.
Irgendwie sind Mathe und Englisch nach Biologie an mir vorbeigerauscht. Gut, dass der Doc heute nicht so viele Aufgaben gestellt hat. Die mache ich später im Kunstunterricht.
Die letzten fünf Minuten vor der Pause muss ich dem Doc noch Fragen stellen. «Wie viele Kids unterrichten Sie?»
«Im Moment sind es 60.»
«Können Sie die alle sehen?»
«Ja, auf zehn Monitoren jeweils sechs.»
«Darf ich die auch mal sehen?»
«Nein, das ist verboten.»
«Warum?»
«Zu viel Ablenkung.»
«Sind auch Jungs dabei?»
«Ja, ungefähr die Hälfte.»
«Ist es möglich, mal einen Ausflug zusammen zu machen? Zum Beispiel Samstagnachmittag?»
«Nein, das ist nicht möglich.»
«Schade!»
«Pünktlich um zwei geht es weiter», sagt er. Der Doc verschwindet vom Bildschirm.
«Willst du mit zur Omi?», frage ich Robby, der meistens während des Unterrichts schläft, weil er sich ausschaltet. Er knurrt, trottet aber hinter mir her. Im Flur nehme ich den Bastkorb und renne nach draußen, setze mich auf die Bank beim Kräutergarten, genieße die warme Maisonne auf dem Gesicht. Die Sommersprossen freuen sich bestimmt auf meine noch blasse Haut. Egal. Auf jeden Fall ist es besser, als immer nur im Zimmer vor dem Laptop zu hocken.
«Robby, was passt am besten zu Zucchini, Bratwurst und Schafskäse?»
«Rosmarin, Oregano und Basilikum. Vielleicht noch etwas Minze», antwortet das kleine Lexikon.
Ich stehe auf, strecke mich, zupfe ein paar Kräuter von den Pflanzen ab und lege sie in den Korb. Jetzt freue ich mich auf das leckere Mittagessen.
Zwei – Freitag – Meine Omi
Robby rennt vor mir die Treppe hinauf zur Wohnung meiner Großmutter. Er mag sie, genau wie ich.
«Da bist du ja endlich, Emma!» Sie sitzt bereits am Tisch in der Wohnküche. «Schneide bitte den Schafskäse in kleine Stücke und streue sie zusammen mit den Kräutern übers Gemüse. Ich bleibe lieber sitzen.»
«Gerne Omi!» Ich umarme sie, gehe rüber zum Herd.
Robby klettert auf den Stuhl neben ihr. «Verrätst du mir das Rezept?», fragt er sie. Er will ja unbedingt kochen lernen.
Als ich die Pfanne mit den zwei Bratwürsten und der mit Schafskäse-Kräuter-Mischung bedeckten Zucchini auf den Tisch stelle, erklärt sie ihm gerade, wie man eine Wurst so richtig knusprig brät.
«Oh, das riecht lecker.» Robby tut so, als ob er schnuppert.
«Du riechst doch nichts», sage ich.
«Das stelle ich mir aber vor. Schade, dass ich nicht essen kann.» Er seufzt. Ich verteile die köstliche Mahlzeit auf Omis und meinen Teller.
«Wo kriegst du die frischen Lebensmittel her?», will Robby von ihr wissen. «Es gibt doch kaum noch Bauernhöfe.»
«Doch, den von Bauer Olgo.» Omi schneidet ein Stück Wurst ab. «Er hat Hilfe vom Sohn und dessen Freundin. Die haben was Tolles ausgetüftelt. Alle frischen Sachen, wie Gemüse, Fleisch, Käse oder Eier schicken sie mir direkt auf den Balkon. Mit einer Drohne!»
«Das ist super!», meint Robby.
«Genau», sage ich mit vollem Mund. «Die Fertiggerichte aus der Mikrowelle schmecken doch nur nach Pappe.»
«Und sind nicht gesund», sagt Omi. «Schade, dass die jungen Leute nicht mehr selbst kochen.»
Nach dem Essen bringt Robby Geschirr und Besteck in die Spülmaschine.
Meine Omi ist vor kurzem neunzig geworden. Die graue pfiffige Kurzhaarfrisur lässt sie jünger aussehen. Ich habe ihr meinen alten Laptop geschenkt, weil sie nur übers Internet frische Lebensmittel kaufen kann. Außerdem chattet sie gerne im Oldie Café. Geistig fit ist sie, und sie schreibt ab und zu Drehbücher. Nur das Laufen fällt ihr schwer.
«Was ist mit dir los, Emma?», fragt sie. «Gute Laune sieht anders aus.»
«Wie war das bei dir damals in der Schule?»
«Ich musste früh aufstehen und gemeinsam mit den vielen Nachbarskindern zur Grundschule laufen. Bei jedem Wetter. Manchmal trödelten wir, kamen zu spät. Zum Gymnasium fuhr dann ein Bus.»
«Wie viele Kinder waren in einer Klasse?»
«Manchmal dreißig.»
«Konntest du dich nach dem Unterricht mit ihnen treffen?»
«Ja, das war toll. Wir besuchten uns nachmittags gegenseitig, trafen uns am Spielplatz, in der Stadt oder im Kino. Am lustigsten war die Tanzschule.»
«Und ich sitze Tag für Tag alleine vor dem Notebook. Das ist doof.»
«Aha. Der Roboter, den dir deine Eltern geschenkt haben, reicht dir nicht.»
«Doch, er ist lieb und hilft mir. Aber ich werde bald dreizehn. Ich möchte Menschen kennenlernen. Mädchen und Jungen in meinem Alter.»
«Du überlegst also, wo du andere Teenager findest.» Omi lächelt. «Das verstehe ich. Hol mir mal den Stadtplan aus der Schublade vom Küchenschrank.»
Ich springe auf, hole den zerknitterten Plan. «Oh, die Pause ist vorbei. Hast du heute Abend Zeit?»
*
Endlich ist es fünf Uhr. Der Doc hat besonders gute Laune gehabt beim Unterricht heute Nachmittag. Und ich auch. Meine Hausaufgaben habe ich so nebenbei erledigen können. Ich schalte das Notebook aus.
