Kinder des Atoms - Christian Lentz - E-Book

Kinder des Atoms E-Book

Christian Lentz

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Beschreibung

Michael Zain findet sich im beschaulichen Bergischen Land irgendwo in Nordrhein-Westfalen wieder. Als frischgebackener Agent des britischen MI6 sieht er sich seinem ersten eigenen Auslandsauftrag gegenüber. Michael soll die Anschlagspläne eines britischen Hardliners aus der Ökoaktivistenszene vereiteln, der es auf das größte Atomkraftwerk des Landes abgesehen hat. Die Strukturen seiner Behörde und die Aufgabe an sich geben Michael Halt in seinem Leben. Ein Halt, der ihm durch zwei schwere Schicksalsschläge genommen wurde und dessen Verlust drohte, ihn in ein finsteres Loch zu ziehen und nie wieder loszulassen. Wird es Michael diesmal schaffen, die Tragödie zu verhindern und rechtzeitig das Schlimmste zu verhindern? Bei seinem tollkühnen Auftrag sitzen ihm nicht nur die Schergen seines Gegenspielers und die Zeit im Nacken. Auch seine Vergangenheit droht ihn erneut einzuholen.

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Seitenzahl: 256

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Christian Lentz

Kinder des Atoms

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Epilog

Impressum neobooks

Prolog

Christian Lentz



Kinder des Atoms

Der graue Lieferwagen mit dem blauen Schriftzug bog in die Albany Street ein und hielt vor dem Haus mit der Nummer 44. Ein Mann im grünen Overall stieg aus, ging um das Fahrzeug herum und öffnete die Heckklappe. Er betrat das Ladeabteil des Lieferwagens, trat an eines der Regale heran, die an den Wänden befestigt waren und glich den Namen auf seinem Zettel mit den dort lagernden Körben ab.

»Zain…Zain…da bist du ja«, nuschelte Kirk Newman in seinen Bart und ergriff den passenden Korb. Der 32-jährige Langzeitstudent hielt sich mit verschiedenen Nebenjobs über Wasser, um sich das sündhaft teure Leben in der Londoner City leisten zu können. Dadurch ließ er sein Studium zwar schleifen, aber man lebte schließlich nur einmal. Reichen Snobs das Frühstück zu liefern gehörte aber zu den Tätigkeiten, die auf seiner "Liebste-Jobs"-Liste recht weit unten angesiedelt waren und er überlegte, dass er womöglich demnächst kündigen würde. Nachdem er den Korb, der jeweils eine Flasche Milch und Orangensaft sowie Brötchen und Croissants enthielt, aus dem Fahrzeug gehoben hatte, stieg er die fünf Treppenstufen zu Hausnummer 44 hinauf und fand dort das Klingelschild, das den Hausbesitzer als den Empfänger seiner Bestellung bestätigte.

»Familie Michael Zain. Na dann guten Appetit«, sprach er wieder zu sich selbst, hängte den Korb an die Türklinke und drehte sich zum Gehen um. Dann hielt er kurz inne, schaute auf die Uhr und sah, dass es gerade mal 5:25 Uhr an diesem Samstagmorgen war. Mit einem diebischen Grinsen ging er nochmal zur Türe zurück, betätigte dreimal in Folge die Klingel und lief daraufhin schnell zu seinem Wagen zurück.

»Süßen guten Morgen Arschloch.« Kirk merke nun endgültig, dass dieser Job nichts für ihn war. So unzufrieden war er selten und er beschloss, gleich am Montag zu kündigen und sich nach etwas weniger Lakaienhaftem umzusehen.

Er ging einen langen, finsteren Gang entlang, an dessen Ende er ein Licht sah. Als er es erreichte, stand er plötzlich am Abgang zu einer U-Bahnhaltestelle. Was machte er hier? Dann erinnerte er sich. Seine Eltern kamen zu Besuch. Er war gefangen in dieser Zeitschleife, die ihn in seine Schulzeit zurückführte und diesen einen Tag immer und immer wieder erleben ließ, ohne etwas an dessen Ausgang zu ändern. Seine Großeltern waren diesmal auch mitgekommen. Sie wollten so gerne einmal das Internat ihres Enkels sehen. Es war dieser verdammte Tag im Juli. Der 7. im Jahr 2005, ein Donnerstag. Er hatte sich eigentlich mit seinem Schwarm Heather verabredet und wollte sie unbedingt sehen. Aber wo seine Familie schonmal in der Stadt war, konnte er sie auch nicht einfach vertrösten. Also beschloss er, erst zu Heather zu fahren und sich dann mit seiner Familie in der Stadt zum Essen zu treffen. Anschließend würden er ihnen dann eine Führung über das Internatsgelände geben. Doch es kam nie dazu. »Bye mein Schatz, bis nachher. Wir lieben dich«, hörte er immer noch die Stimme seiner Mutter aus dem Telefonhörer. Das letzte Mal. Als er die Treppe runter zu den Gleisen gehen wollte, spürte er eine Vibration unter seinen Füßen. Stärker als die, die ein einfahrender Zug verursachen könnte. Michael sah in das tiefe Schwarz, das am Treppenabgang auf ihn wartete. Dann hörte er eine markerschütternde Explosion, spürte, wie ihm der Boden unter den Füßen weggezogen wurde und aus dem finsteren Loch des Bahnschachts ein Blitz auf ihn zuraste.

Michael öffnete die Augen und spürte die Steife in seinen Gliedern. Er musste diese Nacht wieder schwer im Traum gekämpft haben und rollte sich schwerfällig bis zur Kante des Betts, wo er sich langsam aufrichtet. Der Alptraum, der ihn auch in dieser Nacht heimgesucht hatte, beschäftigte ihn noch, jedoch wurde der Gedanke an den Anschlag und das dunkle Loch bereits wieder trüber. Mit einem Satz stand er neben dem Bett, reckte sich und dehnte seine Arme sowie den Nackenbereich.

»Wieder ein Alptraum, hm? Du hast dich wieder im Schlaf gewälzt und gesprochen«, hörte er die Stimme seiner Frau, die immer noch im warmen Bett hinter ihm lag und sich gemütlich unter der Decke räkelte. Ohne auf die Frage zu antworten, trat Mike an ihr Schlafzimmerfenster und blickte hinaus. Sie hatten ein schönes Haus im Herzen Londons in direkter Nähe zum Regent`s Park. Sein Arbeitsplatz im Britisch Museum war nur 10 Gehminuten entfernt. Als Kurator saß er an der Schnittstelle von Gesellschaft, Politik und Kulturbereich seiner Stadt und kam so auch mit Leuten in Kontakt, deren Nähe er nicht nur angenehm fand, sondern die er zwingend benötigte, um seinen Job richtig machen zu können.

»Hast du gehört? Ich glaube der Bote hat das Frühstück gebracht. Wir müssen mal ein ernstes Wörtchen mit ihm reden. Es ist nicht mal 6«, grummelte Heather, die sich die Decke wieder über den Kopf gezogen hatte.

Plötzlich schnellte die Türe zum Schlafzimmer auf. »Frühstück!"«, schrie es ihm aus drei Kinderkehlen entgegen und die hohen Stimmen klangen noch etwas in seinen Ohren nach. Tom, Carl und Cathy stürmten in das elterliche Schlafzimmer, sprangen auf das Bett und begannen damit, Heather zu belagern, die sich mit einer Kitzelattacke heftig wehrte.

Michael musste schmunzeln. Das Bild, das sich vor ihm abzeichnete, war perfekt. Die vier ihm liebsten Menschen auf der Welt an einem Ort versammelt und so glücklich, wie er glücklicher nicht sein konnte. Er sah wieder aus dem Fenster und dachte an seine eigene Kindheit. Liebevolle Eltern, ein behütetes Heim, innige Freundschaften…Das alles wurde ihm schlagartig an seinem 17. Geburtstag entrissen. Der 7. Juli 2005 öffnete sein Tor zur Hölle, das seither nie mehr vollständig geschlossen werden konnte. Im Zuge der schwersten Selbstmordattentate in der Geschichte Londons hatten sich mehrere islamistische Terroristen in der U-Bahn sowie in einem Doppeldeckerbus in die Luft gejagt. Unter den unzähligen Opfern befanden sich auch seine Eltern und Großeltern, die an diesem Tage mit der Bahn Richtung Russell Square unterwegs waren, um sich dort mit ihrem Sohn und Enkel zum Brunch zu treffen. Nach den Anschlägen war nichts mehr so wie es war. Michael wurde von einem Tag auf den anderen zum Vollwaisen. Alle um ihn herum versuchten ihn zu trösten, boten ihm Hilfe, offene Ohren und starke Schultern an. Aber Michael wollte keinen Trost, er wollte Rache.

Nachdem er die Schule beendet hatte, ging er zum Militär und schloss dort seine Grundausbildung ab. Sein Ausbilder war von der Entschlossenheit und Willensstärke des jungen Rekruten beeindruckt und forderte und förderte ihn auch über die Grundausbildung hinaus. Schließlich empfahl er dem Jungen, für seine persönliche Entwicklung über den Tellerrand hinauszublicken. Dank eines Empfehlungsschreibens und persönlicher Kontakte verbrachte Michael die folgenden Jahre an der Universität der Bundeswehr in München und studierte dort Technische Informatik und Kommunikationstechnik. Die Einblicke in eine andere Armeestruktur taten ihm sichtlich gut und brachten ihn in seiner Entwicklung ein gutes Stück weiter. Nach mehreren NATO-Manövern, Einsätzen am Hindukusch und in Afghanistan sowie im Irak, spürte Michael, dass er das Loch, das die Selbstmordattentäter in sein Herz gerissen hatten, als normaler Soldat nicht füllen konnte. Er wollte mehr tun. Und er sollte seine Chance kriegen. Jack O`Connell, Michaels alter Ausbilder bei der britischen Armee, hatte ihn für die „Blades“ vorgschlagen. Und so wurde Michael zu einem Mitglied der Spezialeinheit SAS (Special Air Service), die die Interessen Großbritaniens in Auslandseinsätzen und geheimen, nachrichtendienstlichen Operationen sicherte.

Was Michael zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste war, dass Alex Older ein Auge auf ihn geworfen hatte. Older war ein alter militärischer Wegbegleiter O`Connells, der vor einigen Jahren zum Leiter des Secret Intelligence Service, besser bekannt als MI6, ernannt worden war und seitdem etwas für junge, aufstrebende Männer und Frauen übrig hatte, die ihrem Land dienen wollten und die über besondere Fähigkeiten und Charaktereigenschaften verfügten. Olders Interesser war geweckt. O`Connells Näschen für Talente, die das Zeug zum Agenten hatten, war besonders fein. Und so wurde Michael Weg, ohne dass er davon Kenntnis nahm, von ganz oben mit großem Interesse verfolgt.

Heather hatte bereits in der Schule ein Auge auf Michael geworfen. Nach einer kurzen Liebelei kam der Anschlag dazwischen und Michaels Welt war zu zerstört, als dass dort noch Platz für so etwas wie Liebe gewesen wäre. Jahre später, er war bereits ein Jahr bei der Spezialeinheit tätig, trafen sie sich zufällig in einem Londoner Pub wieder und die Funken begannen wieder zu fliegen. Die Liebe, die Michael vor Jahren noch für unmöglich hielt, traf ihn nun umso heftiger und Heather und er wurden ein Paar. Gekrönt wurde ihre Liebe nur ein Jahr später durch die Geburt von Drillingen.

»Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass man sich nach so vielen Jahren wiederfindet und dann obendrauf noch Drillinge bekommt? Sie sind wahrlich gesegnet«, hatte der Priester damals gesagt, vor dem sie sich damals in der Union Chapel das Ja-Wort gegeben hatten.

Michael hatte jedoch ein Dilemma. Zum Schutz seiner Familie durfte er niemandem etwas von seiner tatsächlichen Tätigkeit erzählen. Also beschloss er schweren Herzens, diesen Teil seines Lebens vor Heather geheim zu halten. Je weniger sie wusste, umso mehr wären sie und die Kinder geschützt. Er hatte ihr erzählt, er habe Archäologie studiert, sei viel in der Welt rumgekommen und würde nun in einem ruhigen Job für die Regierung an einem projekt im British Museum arbeiten. »Ein schönes gemeinsames Leben mit einer Lüge ist allemal besser, als die Einsamkeit mit der Wahrheit«, sagte sich Michael immer dann, wenn er zu zweifeln begann.

»Nun ist es aber genug«, rief Heather in gespielt-gebieterischem Tonfall und warf die Decke mit einer fließenden Bewegung von sich. Michael lachte, griff sich zwei der Kinder und gemeinsam gingen sie die Treppe herunter in die Küche des Hauses. Wenig später saßen alle fünf am Frühstückstisch. Während die Kinder ihre Croissants aßen und ihren Saft tranken, saß Michael vor der aufgeblätterten Times und nippte gelegentlich an dem dampfenden Becher mit dem schwarzen Kaffee. Kurz sah er von der Zeitung auf und blickte in das wunderschöne Gesicht seiner Frau, die gerade dabei war, Cathy einen Saftbart von der Oberlippe zu wischen. Er lächelte und vertiefte sich dann wieder in die Zeitung. Wenige Augenblicke später klingelte das Telefon. Heather ging ran, kam einige Sekunden später zurück in die Küche und gab Michael den Hörer. »Es ist Pete von der Arbeit. Michael, es ist Samstag«, sagte sie, verdrehte die Augen, nur um zwei Schritte auf ihn zuzuspringen und ihm einen Kuss auf die Wange zu drücken.

Lachend hielt Michael den Hörer ans Ohr. »Pete mein Freund. Können die Mumien nicht bis Montag warten?«

»Mike, wir sind aufgeflogen. Alle! Die Nachrichten bringen es auf allen Kanälen. Mach den Fernseher an verdammt.« Michael spürte, wie ihm heiß und kalt wurde und sich ein unangenehmes Gefühl in seiner Magengegend breit machte. Er beendete das Gespräch, sah Heather kurz an und ging dann ins Wohnzimmer, um den Fernseher anzuschalten.

Dort lief gerade eine Sondersendung, in der der Nachrichtensprecher die aktuellen Entwicklungen kurz zusammenfasste. Offensichtlich waren in der Nacht von Freitag auf Samstag unter anderem Dokumente geleaked worden, die brisante Informationen über den SAS, den MI6 und die für den Service tätigen Agenten beinhalteten. Wenige Augenblicke später erkannte er das gesamte Ausmaß der Katastrophe. Die für jedermann frei zugänglichen Informationen waren offenbar im Darknet aufgetaucht, von wo sie nicht rechtzeitig gesperrt und aus dem Verkehr gezogen werden konnten. Dank unzähliger Kopien, die es mittlerweile davon geben musste, war es nun unmöglich, die Verbreitung dieser Informationen noch aufzuhalten. Auf der Jagd nach Clickbaits würde man in den nächsten Stunden nun überall im Netz Artikel und Hinweise zu diesen Dokumenten finden. Und so hatten sich auch die traditionellen Medien entschieden, darüber zu berichten, auch wenn sie natürlich nicht die Namen und Adressen im Fernsehen zeigen würden. Jedoch wusste jeder, der es wollte, wo er diese Informationen herbekommen konnte.

Michael loggte sich an seinem Laptop ein und drei Klicks später befand er sich bereits auf einer Seite, auf der unzensiert die Identitäten, Aliasnamen, Photos und Wohnadressen von Agenten und Mitarbeitern sowohl des Inlandsgeheimdienstes MI5 als auch des Auslandsgeheimdienstes MI6 gezeigt wurden. Nachdem er gerade das Gesicht und die danebenstehenden Informationen seines Kollegen Pete Cunningham gelesen hatte, traf ihn die nächste Seite wie ein heftiger Schlag in die Magengrube.

»Michael Zain, 33 Jahre, 1,87m groß, 88 Kg schwer, dunkelblondes Haar, Soldat des SAS seit 2015, verdeckte Einsätze im Irak, Afghanistan, Südafrika, Deutschland…, verhinderte Anschläge: 2017 Düsseldorfer Altstadt…", las er ungläubig vor und überflog die weiteren Informationen bis zum Ende der Seite. Dort stand schließlich das, wovon er so sehr gehofft hatte, dass es womöglich doch geheim geblieben wäre.

»Verheiratet mit Heather Zain, Vater von Drillingen, wohnt in der Albany Street, Hausnummer 44.« Nachdem er den Zeitstempel am unteren Ende der Seite geprüft hatte und sah, dass dieser Beitrag bereits seit der Nacht in Dauerschleife lief, wusste er, dass es höchste Zeit zum Handeln war.

»Schatz, kommst du mal bitte«, rief er aus dem Wohnzimmer. Heather sah ihn fragend an, erkannte dann aber die Panik in seinen Augen und trat noch einen Schritt auf ihn zu. Es sollte ihr letzter gewesen sein. Ohne dass Michael etwas dagegen tun konnte, wurde ihm von einer Sekunde auf die andere alles geraubt, was ihm im Leben noch lieb und teuer war. Er hörte ein leises Pfeifen, dann splitterndes Glas. Heather sah ihn noch einmal an, dann zuckte ihr Körper ruckartig nach vorne und fiel Michael schlapp und leblos in die Arme.

»Nein, nein, nein. Das darf nicht sein«, schrie Michael und strich Heather über die Haare und das Gesicht. Der Wohnzimmerteppich um sie herum färbte sich langsam rot. »Die Kinder! Oh nein«, merkte er im nächsten Moment, legte Heathers toten Körper so behutsam es eben ging auf den blutgetränkten Teppich und rannte in die Küche zurück. Wenn sein dank Heather und den Kindern zerrissenes Herz über die Jahre zumindest ein Stück weit wieder zusammengeflickt worden war, wurde es in diesem Moment vollends auseinandergerissen. Ihm bot sich der schlimmste, endgültigste Anblick, den sich ein Vater vorstellen konnte. Sie sahen so friedlich aus, als ob sie eingeschlafen wären. Ihre Köpfchen lagen auf dem Küchentisch. Das Bild wurde jedoch dadurch gestört, dass Blut vom Rand des Tischs auf den Boden tropfte.

Michael brauchte Gewissheit. Er rannte zum Tisch, nahm Cathy und danach ihre beiden Brüder in den Arm, küsste sie und spürte, wie bereits alles Leben aus ihnen entwichen war. In der Stirn jedes der drei Kinder befand sich ein kleines Einschussloch. Michaels Instinkte wurden durch die Wut, die die Trauer in diesem Moment aus seinem Körper verbannte, aktiviert und er prüfte den Winkel der Einschusslöcher. Als er das Küchenfenster inspizierte, durch die die drei erschossen worden waren, sah er, wie auf der anderen Straßenseite ein Fenster im dritten Stock geschlossen wurde. Michael rannte zur Treppe, um seine Pistole aus dem Schlafzimmer zu holen. Jedoch erreichte er die Treppe nicht mehr. Auf halbem Wege sprengte die Haustüre auf und zwei mit Sturmhauben maskierte Männer betraten sein Haus. Geistesgegenwärtig griff Michael eine Schale, die auf dem Sideboard im Flur stand und warf sie einem der Männer entgegen. Er musste nah genug an sie herankommen, dann würde er es womöglich mit ihnen aufnehmen können. Aber dieser naive Gedanke war bereits vorbei, bevor er ihn zu Ende denken konnte. Während der eine Angreifer die Schale mit dem Schaft seines Gewehrs von sich schlug, hob der andere seine Pistole und schoss. Michael wurde mehrfach in Bauch und Brust getroffen und sank zu Boden. Durch den Schock spürte er nur wenig Schmerz, jedoch konnte er sich kaum noch bewegen. Mit letzter Kraft drehte er seinen Kopf Richtung Wohnzimmer, wo er seine tote Frau liegen sah. »Gleich bin ich bei euch«, tröstete er sich, während er spürte, wie ihm das Atmen immer schwerer fiel. Offenbar füllte sich seine Lunge langsam mit Blut.

Einer der Männer trat aufreizend langsam an ihn heran und drehte ihn mit seinem Stiefel auf den Rücken. Michael erkannte schwarze Augen hinter der Sturmmaske, die ihn mit unverhohlenem Hass wie die Läufe zweier Pistolen anfunkelten.

»Du hast uns einmal dazwischengefunkt. Das wird dir nicht nochmal gelingen, du elender Hund«, hörte Michael den Mann auf Englisch sagen. Konnte er da einen leichten Akzent erkennen? Was war das? Französisch? Nein. Er kannte diese Art der Betonung. Damals, aus seiner Zeit im Irak. Die Maslawi aus der Gegend um Mossul sprachen auf diese Art, auch wenn sie sich immer Mühe gaben, möglichst sauberes Englisch mit ihm zu sprechen. Noch ein letztes Mal keimte Wut in ihm auf. Wut, über den Verlust seiner Familie. Wut darüber, diese Männer nicht mehr zur Strecke bringen zu können. Weiter kam Michael nicht mehr. Ohne ein weiteres Wort zu verschwenden, feuerte der Mann mit der Pistole zwei Schüsse auf ihn ab. Der erste ging in seine Brust, der zweite in den Kopf. Michaels Augen verdrehten sich und um ihn herum wurde alles friedlich weiß und still. Zufrieden verließen die Männer das Haus in der Albany Street und hinterließen nicht nur das Haus in Trümmern.

Kapitel 1

Megan McPherson hatte einen harten Tag hinter sich. Mit Fleiß, Ehrgeiz und dem unbedingten Willen, die beste auf ihrem Gebiet zu sein, hatte sie es zu einer der angesehensten Chirurgen in ganz England geschafft. Als an diesem Abend der Anruf von Josh Stones aus dem Hauptquartier des MI6 einging, war sie daher alles andere als begeistert, denn sie brauchte endlich Schlaf. Nach zwei mehrstündigen Operationen war sie körperlich und nervlich am Ende. Aber den persönlichen Sekretär des Geheimdienstchefs würgte man nicht einfach ab. »Was kann ich diesmal für den Alten erledigen?«, sagte Megan mit sichtlich gereiztem Unterton in der Stimme.

»Nun meine Liebe, wir haben hier einen Notfall und brauchen sie und ihre wunderbringenden Hände«, hörte sie die ihr wohlbekannte Stimme von Alex Older persönlich. Die Schamesröte trieb ihr ins Gesicht und einige Augenblicke war sie nicht in der Lage, auch nur ein Wort rauszubringen. »Verzeihen sie. Ich wusste nicht…«, weiter kam sie nicht, denn der alte Mann am anderen Ende der Leitung hatte bereits wieder das Wort ergriffen.

»Denke Sie nicht weiter drüber nach. Ich weiß selbst, dass ich nicht mehr taufrisch bin. Es geht nun aber im wahrsten Sinne des Wortes um Leben und Tod. Ein Wagen wartet bereits vor dem Krankenhaus auf sie und wird sie auf schnellstem Wege zu uns bringen. Ich bitte sie, beeilen sie sich«, sagte Alex Older eindringlich.

»Ich bin unterwegs, Sir«.

Meghan griff ihre Tasche, meldete sich kurz bei ihrer Station ab und lief dann schnurstracks zum Haupteingang, von wo aus sie eine schwarze Limousine auf direktem Wege in das MI6-Hauptquartier brachte. Als sie über die Brücke fuhren, erhaschte sie einen kurzen Blick auf die Themse und sie sah, welche Schönheit London bereithielt, wenn man nur die Zeit hatte, genau hinzusehen. Als sie aus dem Wagen stieg, hörte sie hinter sich die Sirenen eines Rettungswagens. Aber anstatt an ihr vorbei- und Richtung Krankenhaus zu fahren, hielt er nur wenige Meter von ihr entfernt. Die Rettungssanitäter schoben einen offensichtlich schwer verletzten Mann durch einen Nebeneingang in das Hauptquartier.

»Merkwürdig. Wieso nicht ins Krankenhaus?«, fragte sie sich, dachte dann aber nicht mehr weiter darüber nach und betrat durch eine altmodische Drehtüre das Gebäude. »Ah, da sind sie ja endlich. Kommen sie, kommen sie«, begrüßte Josh Stones Meghan so forsch, wie sie es von ihm gewohnt war und schob sie Richtung Aufzüge. Der persönliche Sekretär von Alex Older war das zweite Herz dieser Einrichtung, der über alle Abläufe Bescheid wusste, deren Koordination übernahm und stets das große Ganze im Blick haben musste. Der für sie immer etwas kränklich wirkende Mann, den sie in seinen späten 30ern schätzte, hatte das Amt vor einem knappen halben Jahr übernommen, nachdem sein Vorgänger bei einem mysteriösen Flugzeugabsturz in den Alpen ums Leben gekommen war.

»Haben sie den Rettungswagen gesehen?«, fragte Stones, nachdem die Aufzugtüren zugeglitten waren. Ohne auf die Antwort zu warten, fuhr er fort: »Older ist sehr viel daran gelegen, dass dieser Mann überlebt. Meine rudimentären medizinischen Kenntnisse sagen mir, dass das eine echte Herausforderung für sie wird. Ihre Beethovens Neunte, wenn Sie so wollen.«

Als sie im dritten Stock des Gebäudes angekommen waren, führte man sie direkt auf die Krankenstation. »Der OP ist bereits vorbereitet. Wir warten auf sie«, sagte eine kurz angebundene Schwester und führte Meghan in den Bereich, in dem sie sich waschen und in die entsprechende OP-Kleidung schlüpfen musste.

»Danke für die Vorbereitung«, raunte sie die Schwester mit zynischem Unterton an und sagte, dass sie sofort mehr über den Patienten wissen will. Meghan staunte nicht schlecht, als sie den OP betrat. Eine so moderne Ausstattung mit den allerneuesten Geräten und Instrumenten hatte sie nicht erwartet. Mit Blick auf den Patienten war all dies aber nicht mehr als sehr teures Spielzeug. Wollten sie ihn wirklich retten, würden sie das beschriebene Wunder tatsächlich benötigen. Aus medizinischer Sicht hätte dieser Mann längst tot sein müssen. Dass er es nicht war, kitzelte in Meghan jedoch den Ehrgeiz hervor. Wenn er so zäh war, bis jetzt irgendwie am Leben geblieben zu sein, würde sie alles dafür geben, dass dies auch so bliebe. Sollte sie dies nicht schaffen, würde es für sie der schlimmsten Niederlage gleichkommen. Und sie hatte in ihrem Leben gelernt, dass sie solche Niederlagen niemals akzeptieren wird.

Das medizinische Personal des MI6 war gut geschult und als sie den OP in voller Montur betrat, versorgte das anwesende Personal sie mit den wichtigsten Informationen. Der Mann hatte insgesamt sechs Schussverletzungen, von denen die an seinem Kopf die schlimmste war. Die anderen Wunden verteilten sich auf seinen Unterbauch, den Brustbereich sowie Schultern und Oberarme. Er hatte innere Blutungen, Organe waren verletzt, und dass er überhaupt noch am Leben war, ließ nur einen Schluss zu. »Was ist mit der Kopfverletzung? Wieso ist er nicht tot?«, fragte Meghan und bekam umgehend eine Antwort. Ein junger Arzt, der die Versorgung des Patienten bis zu ihrem Eintreffen übernommen hatte, sagte: »Ich denke, die Kugel ist von seinem Schädelknochen abgeprallt. Ist zwar sehr unwahrscheinlich, aber offenbar hatte der Kerl hier unverschämtes Glück.« Im nächsten Moment verfluchte er sich jedoch schon wieder, so eine leichtfertige Aussage getroffen zu haben. Der Herzfrequenzmonitor begann warnend zu piepen. »Kammerflimmern. Schnell den Defibrilator!«, rief Meghan und riss die Kontrolle im OP an sich.

Gute sechs Stunden später trat sie sichtlich angeschlagen und erschöpft aus dem OP. Sie hatte sich die OP-Kleidung in der Schleuse nach draußen abgestreift, sich gewaschen und wollte nur noch ins Bett. Als sie aus der Schleuse trat, wartete Josh Stones bereits auf sie. »Und?«, fragte er nur, ohne dass sie irgendeine emotionale Reaktion in seiner Stimme erkennen konnte. »Und was?«, fragte sie unfreundlich zurück. »Na lebt er noch? Konnten sie ihn stabilisieren?«

»Ich nehme an, dass sie das bereits wissen. Sie haben doch sicherlich zugesehen, als wir ihm die Kugeln aus dem Körper geschält, seine atrophierte Lunge wieder aufgebaut, seine Schädelwunde versorgt und ihn dreimal reanimiert haben. Stones, dieser Mann war dreimal quasi tot! Was ist das hier für eine Scheiße, in die Sie mich reingeholt haben?«, schrie sie nun, lauter als sie es eigentlich beabsichtigt hatte.

»Mrs. McPherson…Meghan. Sie haben ihrem Land und dem MI6 einen unermesslichen Dienst erwiesen. Wieder mal. Seien sie gewiss, dass wir das nicht vergessen werden«, fing Stones an. Weiter kam er nicht. Denn Meghan war, übermüdet und schlecht gelaunt wie sie nun war, gerade dabei, wieder Fahrt aufzunehmen. »Sparen sie sich das Gesülze. Habe ich gerne gemacht. So, reicht ihnen das? Dann würde ich mich jetzt gerne verabschieden und ins Bett gehen«, sagte sie nur, während sie sich an Stones vorbei in Richtung Ausgang bewegte. Kurz zögerte sie und rief ihm über die Schulter zu: »Ich will hoffen, dass er es wert ist.«

Mit einem sollte Megan Recht behalten. Alex Older saß tatsächlich die gesamte Operation über an seinem Schreibtisch und blickte gespannt auf den Monitor, der ihn alle Handgriffe Meghans und des OP-Teams beobachten ließ. Am Ende saß er nassgeschwitzt vor Anspannung in seinem Sessel und war heilfroh, dass sie es wieder mal geschafft hatte. Er mochte ihn und er sah etwas in diesem Jungen. Außerdem passte er perfekt in das Profil eines Agenten, das er im Auge für einen Einsatz in Deutschland hatte. Meghans Abschlussdossier sagte ihm, dass Michael Zain selbst bei idealem Heilungsverlauf mindesten acht bis zehn Wochen brauchen würde, um wieder einigermaßen auf dem Damm zu sein. Etwaige Hirnschäden durch den Kopftreffer noch nicht berücksichtigt. Aber Older hatte Zeit. Und er wich nur ungern von einem Plan ab, wenn er sich erst einmal entschieden hatte.

Kapitel 2

Drei Wochen später…

Als Michael die Augen öffnete, war alles um ihn herum in ein glänzendes, gelles Weiß gehüllt. Es war so hell, dass es ihm wie Messerstiche durch die Augenhöhle direkt in sein Hirn stach. Er schloss die Augen sofort wieder und fiel in einen leichten Schlaf. Darin hatte er Bilder von seinen Eltern, Schulfreunden, seiner ersten Liebschaft. Dann wechselte das Szenario und er lief wie fremdgesteuert auf einen Abgrund zu. Im letzten Augenblick stoppte er. Als ob ihn der Traum selbst verhöhnen wollte, zwang ihn eine unsichtbare Macht, für einen unendlich langen Augenblick in den Abgrund zu blicken, nur um dann doch den entscheidenden Schritt zu gehen und zu fallen.

Nassgeschwitzt wachte er auf. Es war nun nicht mehr ganz so hell und er konnte erkennen, dass er sich in einem steril wirkenden Raum befand. Er lag in einem einfachen Bett, über ihm baumelte ein Bügel, an dem er sich hochziehen konnte. Links von ihm befand sich ein Fenster, rechts von ihm die Tür, die aus dem Raum führte. An seinem Bett saß ein älterer Mann, den er auf Mitte 60 schätzte. Er war in einen altmodischen Dreireiher gekleidet, hatte graues, mittelanges Haar, einen zurechtgestutzten, grauen Bart und vor seinen freundlich-schalkigen braunen Augen ruhte eine runde Brille auf seiner Knollennase.

»Sehr gut, sie sind wach. Erinnern sie sich daran, wer sie sind? Und vielleicht an mich?«, sprach er mit ruhiger, freundlicher Stimme die, wie Michael fand, gut zu ihm passte. »Ich bin Michael Zain, Soldat der britischen Armee und…«, Michael dachte nach, ob er die weiteren Informationen einfach so ausplaudern sollte. Er sah sich den Mann nochmal genau an, kannte ihn aber nicht. » Nein Sir, leider nicht. Kennen wir uns? Sagen sie, warum liege ich im Krankenhaus?«, fragte Michael. Er konnte sich beim besten Willen nicht erinnern. »Sie wurden angegriffen. Man hat sie angeschossen. Konzentrieren sie sich.«

Aber Michael konnte sich an nichts dergleichen erinnern. Er schüttelte den Kopf. »Mein Name ist Alex Older, ich bin der Leiter des britischen Auslandsgeheimdienstes MI6. Mit Jack O`Connell haben wir einen gemeinsamen Freund.« Michael nickte. Dieser Name sagte ihm etwas.

Dann wurde er mit einem Schlag sehr müde und schaute Older mit großen Augen an. »Das macht nichts mein Junge. Ruhen sie sich aus. Wir haben später noch alle Zeit der Welt, um zu reden«, sagte Older mit gutväterlicher Stimme, drückte die Hand seines Agenten und verließ den Raum.

Hinter der Wand, die in Wirklichkeit ein blinder Spiegel war, standen Josh Stones und Meghan McPherson und warteten, dass sich Older zu ihnen gesellte. »Das ist nicht gut. Offenbar hat er durch den Kopfschuss ein Trauma erlitten, das sich in einer partiellen Amnesie auswirkt. Wir müssen ihn intensiv beobachten und das, was er sagt und tut genau dokumentieren. Haben sie verstanden?«, rede Meghan eindringlich auf den Leiter des MI6 ein. »Er kann sich jederzeit wieder erinnern. Entweder bruchstückhaft oder, im schlimmsten Falle, auf einen Schlag. Was sie auch tun, schicken sie ihn auf keinen Fall zu früh in einen Einsatz. Was sie definitiv nicht gebrauchen können ist ein psychisch instabiler Agent, der mitten in seinem ersten Einsatz die Erkenntnis erlangt, dass seine Frau und Kinder von Terroristen ermordet wurden und man ihm in den Kopf geschossen hat«, schob sie nach. Alex Older nickte und versprach, Michael die Zeit zu geben, die er brauchen würde, um zu genesen. »Alles weitere werden wir Stück für Stück angehen. Wenn er soweit ist, werde ich ihm alles erzählen, was er wissen muss«, versprach er der Ärztin.

Meghan war nicht überzeugt, wollte aber für den Moment auch nichts mehr dazu sagen. »Na schön. Ich werde sie jetzt wieder verlassen, wenn sie keine Fragen mehr haben. In meinem Dossier steht alles, was ich Ihnen an medizinischer Relevanz über den Patienten sagen kann. Ach und Sie denken doch an unser Arrangement, oder?«, fragte sie mit spitzbübischem Grinsen im Gesicht. Josh Stones sah sie mit leerem Blick an und nickte leicht. »Miss McPherson, allein diese Frage beleidigt uns. Wir werden Ihnen einige attraktive Immobilien zusammenstellen und Sie können sich für ein Anwesen ihrer Wahl entscheiden.«

»Gentleman, ich danke ihnen. Einen wunderbaren Tag wünsche ich«, sagte Meghan knapp und verließ den Raum.

Als sie weg war, wendeten sich Stones an seinen Vorgesetzen. Auch wenn er die Antwort des alten Mannes bereits kannte, musste er seine Sorge doch aussprechen. »Sollten wir das wirklich tun? Ihr ein Haus auf dem Land schenken, auf Kosten des Steuerzahlers?«

»Eine Hand wäscht nunmal die andere. Und sie ist die Beste, die es gibt. Das haben sie selbst gesagt«, erwiderte Older. Ohne wirklich überzeugt zu sein, erkannte Josh Stones aber auch, dass Michael ohne ihre Taten im OP wahrscheinlich nicht mehr am Leben sein würde. Irgendetwas mochte der Alte an dem jungen Agenten. Für Stones, der Zwischenmenschlichkeit nie verstanden hatte, war diese Sympathie fremd. Jedoch hatte dies nichts mit Michael als Person zu tun, sondern bezog sich auf jede zwischenmenschliche Interaktion. Was dies anging war Stones mehr ein Roboter als ein Mensch, was ihn in letzter Instanz wahrscheinlich auf den Posten gebracht hatte, auf dem er nun saß. Ein perfekter Analytiker, der jede Situation rational einordnen konnte. Genau jemanden wie ihn hatte Older gesucht und, nach dem Verschwinden seines alten persönlichen Sekretärs, letztendlich auch gefunden. »Gut. Wie geht es nun weiter?«, fragte Stones.

Older stand von dem Stuhl, auf dem er nun eine geraume Zeit gesessen hatte, auf, ging zur Türe und sagte im Gehen: »Bereiten sie die Mission "Atom" vor, leiten sie alles Notwendige in die Wege und tragen sie alle relevanten Informationen zusammen. Ich werde ein paar Gespräche mit Michael führen, und wenn ich denke, dass er soweit ist, wird er mit seinem Training beginnen. Mein Plan sieht vor, ihn in einem Monat nach Deutschland zu schicken.«

Stones wollte mit Verweis auf Meghans Einschätzung intervenieren, wusste aber, dass dies ein sinnloses Unterfangen gewesen wäre. Hatte sich Alex Older etwas in den Kopf gesetzt, brauchte es deutlich mehr als die Sorge seines Sekretärs, um ihn von seinem Vorhaben abzubringen. »Sehr wohl, Sir. Ich werde alles in die Wege leiten. Aber Sir…«, Stones rang mich sich und brachte sein Anliegen dann aber doch hervor: »…nehmen sie ihn nicht zu hart ran.«