Kinder in Balance - Dietlind Zimmermann - E-Book

Kinder in Balance E-Book

Dietlind Zimmermann

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Beschreibung

Sie arbeiten mit Kindern in Schulen, Kindertagesstätten, Wohngruppen, Sport- oder Freizeitinstitutionen und möchten sie körperlich, geistig und emotional mit kindgerechten Übungen fördern? Sie unterrichten Erwachsene in Tai Chi, Qigong, Aikido, Yoga, asiatischen Kampf- und Selbstverteidigungskünsten wie Karate, Gongfu, Aikido oder anderen verwandten Techniken und fragen sich, was Sie machen müssen, um diese Übungswege auch für Kinder anbieten zu können? Sie suchen etwas, das… ...Kinder darin unterstützt, Selbstvertrauen zu entwickeln? ...Kindern hilft, mit Stress umzugehen? ...die körperliche und geistige Fitness von Kindern fördert? ...ihre soziale Kompetenz schult? ...Kindern Frustrationstoleranz und seine Konfliktfähigkeit stärkt? ...Kindern hilft, Unruhe und Konzentrationsschwäche zu überwinden (ADHS etc.)? ...Kindern Mut macht, seine eigenen Potentiale zu entwickeln? „Kinder in Balance“ bietet Antworten auf ihre Fragen, liefert Hintergrundwissen und eine große Menge praxiserprobter, kindgerechter Übungen. Das Buch wurde von einem Autorenteam verfasst, das über langjährige Erfahrung und Expertise verfügt. Norbert Heinrich und Dietlind Zimmermann sind seit Jahrzehnten Lehrer und Ausbilder im Bereich Tai Chi und Qigong, haben darüber hinaus Erfahrungen mit Kungfu, Taekwondo und Aikido. Sie gehören zu den Pionieren in der Arbeit Tai Chi und Qigong mit Kindern. Mit Unterstützung des Grafikers Hans-Dieter Wöhrle, der ebenfalls Aikido und Tai Chi praktiziert, haben sie ein bisher einmaliges Lehr- und Übungsbuch geschaffen. Nachdem das Buch 2016 erstmals erschien, hat es sich im deutschsprachigen Raum zum Standardwerk und Longseller entwickelt und wurde zum dritten Mal aufgelegt. Inhalt Hintergrundwissen: Wissenswertes aus der neurobiologischen Lernforschung und über den Zusammenhang von körper- und bewusstseinsorientierter Übung und gesunder Entwicklung. Die Grundlagen von Qigong und Taijiquan und welche Aspekte in der Arbeit mit Kindern besonders nützlich sind. Unterrichtsgestaltung: Methodisches und Didaktisches: Ethik, Spielregeln, „westliche“ und „östliche“ Pädagogik, Rahmenbedingungen, Ziele… Über 120 Übungen und Spiele: Begrüßungsrituale, Übungen im Stehen, Gehen, Fallen, für Balance und Koordination, Sensomotorik und Achtsamkeitsspiele, Partnerübungen, Meditationen, Qigong-Geschichten uvm.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Ein Buch. Für wen?

Der Weg zu diesem Buch

Wer spricht?

Taijiquan und Qigong… und Kinder

Hintergrundwissen

Heute Kind sein, was bedeutet das?

Neurobiologische Lernforschung

Wie unser Erleben zu einem Teil von uns wird

Bindung – die Bedeutung von Mitgefühl und menschlicher Nähe für eine gesunde Entwicklung

Angst überwinden, Selbstvertrauen finden

Von Aufmerksamkeit und ihrem Fehlen – und ein Wort zu ADS/ADHS

Eine Ebene tiefer: Achtsamkeit und Meditation

Qigong

Qi und Lebenswissenschaft

Die Magie der Tiere

Yin und Yang – zwei Kräfte und ihre Balance

Die fünf Wandlungsphasen – der Lebenskreislauf

Taijiquan

Die Kampfkunst des „Höchsten Einen“

Das weiche Wasser besiegt den harten Stein

Gefahr und Gelassenheit

Schattenboxen. Erkenne dich selbst

Mutig wie ein Kämpfer, gelassen wie ein Weiser

Einladung zur Selbsterforschung: Formentraining

Ich – Du – und der Zwischenraum

Nicht zupacken, sondern „zuhören“

Wetteifern, glücklich scheitern, miteinander gewinnen

Kooperation statt Kampf – die Welle reiten

Unterrichtsgestaltung: Methodisches und Didaktisches

Ethik: wertfrei doch wertschätzend

Spielregeln: Struktur und Freiraum

Didaktische Regeln „westlicher Pädagogik“

„Qigong-Pädagogik“ – meditatives Üben braucht spezielle Anleitung

Rituale: sicherer Raum für erweiterte Erfahrung

Sicherer Rahmen

Hineinbegleiten und Hinausbegleiten

Absichtsloses Verweilen

Yin und Yang und die Fünf Wandlungsphasen als methodisch-didaktischer Fokus

Rahmenbedingungen

Äußerer Raum, innere Wirklichkeiten

Sozialer Raum, Zwänge und Freiheiten

Zahlenspiele

Wie viele Kinder und wie viele Lehrer?

Was für welches Alter?

Hilfsmittel / Material

Hilfe fürs Spürbewusstsein

Kontaktaufnehmen und Abstandhalten

Entschleunigen und Strukturieren

Ziele und Wege. Welche Übungen wofür?

Traditionelles Formtraining

Kreativ mit den Fünf Wandlungen

Modellstunden

Übungseinheit für Kinder im Vorschulalter

Übungseinheit für Kinder ab acht Jahren

Übungen und Spiele

Basics

Begrüßungen

Ni Hao

Im Kreis verbinden, in Stille verneigen

Der Sonne-Mond-Gruß der Kämpfer

Tiere und andere Wesen – Kreativität, Nachahmen, Rollenspiel, Empathie

Die Katze unter dem Scheunentor

Der Kranich

Verschiedene Tiere und Wesen

Verschiedene Arten zu gehen

Der Tiger

Der Feuerdrache

Der Bettler und der König

Die Algen im Wasser

Der Bambus im Wind

Der Kopfstand der Yogis

Übungen im Stehen

Die Mitte mit Himmel und Erde verbinden

Den Himmel stützen

Himmel und Erde verbinden

Stehen wie ein Baum

Schütteln und Schwingen

Die Bauchnabelkamera

Der Elefant schlenkert mit dem Rüssel

Die Riesen schieben und polieren die Marmorberge

Die Lichtdusche

Schlechtes Qi herausschleudern

Die Teeschale kreisen lassen

Der Kranich steht am Fischteich

Der Kranich breitet seine Flügel aus

Übungen im Gehen

Das Indianerschleichen

Der Gleitschritt

Der Ausfallschritt

Der Drehschritt

Auf dem Balken übers Wasser

Die Schlange

Der Tiger packt die Beute

Schleichen wie ein Königstiger (Taiji-Gehen)

Rückwärtsgehen

Der Kranich streift das Knie

Bodenarbeit – Fallübungen und Wege dahin

Das Rehkitz

Der Schulterwurf

Die Transportrolle – Gruppenübung

Die Bärenschaukel

Die Bärenkugel

Die Rolle rückwärts

Die Friedenspfeife

Der Hirschkäfer

Die Rolle rückwärts aus dem Stand

Das Rollen über den Bock

Der Gorilla

Die Rolle vorwärts

Die Beinarbeit am Boden

Sensomotorik und Achtsamkeitsspiele

Die aufregende Entspannungspackung

Übers Moor und durch den Wald…

Den Ball mit den Augen holen

Triff den Scheitelpunkt

Der blinde Mönch

Die klingende Krone

Mit den Händen sehen (1): Der Qi-Ball

Plumpsack-Pokerface

Im Feenwald

Die Geister auf den Lava-Inseln

Übungen mit Stockeinsatz

Über den Stock springen und darunter hindurchtauchen

Die Hüpf-Uhr

Dem Stock ausweichen

Feuer am Stock

Partnerübungen

Partnerübungen 1 – Gemeinsame Balance, das „Ich-du-wir“-Geheimnis

Die Schlange wird zur Sitzbank

Die Bären schubbern sich den Rücken

Kranichfußball

Das Vierfußtier trägt ein Geheimnis

Schlittenhunderennen

Spiegelpantomime

Die zusammengeklebten Kraniche

Partnerübungen 2 – Führen und Folgen, der gemeinsame Bewegungsfluss

Das Pferdchen und der Lenker

Das millionenschwere Insekt

Schreiten im Zweierteam

Die Marionette führen

Mit den Händen sehen (2)

Wer führt? Wer folgt?

Klebende Hände

Von Bauch zu Bauch

Partnerübungen 3 – Kämpferisch und nachgiebig

Wikinger-Seilziehen

Stier und Matador

Den Sandsack bearbeiten

Die Drehtür

Abtauchen

Rote Handschuhe

Durch die schwingenden Schwerter gehen

Bärengerangel und Hahnenkampf

Der innere Wasserfall – eine Grundlagenübung

Scheibenwischer

Die Schlange kriecht den Ast entlang

Schlangenhandabwehr

Glitschiger Fisch

Wie ein Baum im Wind

Der Kranich kickt

Ein sanfter Fußtritt

Das große Pendel

Schweres Händchen (Schlangenhandvariante)

Meditationen

Sitzmeditationen

Verschiedene Sitzhaltungen für die Meditation

Mudras / Handhaltungen

Empfangensposition

Himmel und Erde

Mudra der Stille

Anfang und Ende aller Sitzmeditationen

Allgemeine Atemmeditation

Die Reise durch den Körper

Das innere Lächeln

Stilles Qigong: Atem- und Qi-Lenkung in der Meditation

Licht-Meditation

Bauch, Hände und Füße mit Licht erfüllen und verbinden

Der Lichtball

Vom Ursprung des Lichts

Schutzübungen

Die goldene Rüstung

Krieger, Drache, Tiger, der Weise und die Göttin der Barmherzigkeit

Qigong und Stimme

Tönen im Stehen

Tönen im Liegen (Partnerübung)

Energiezentren mit Tönen aktivieren

Massagen

Kopf und Gesicht – Massagen für größere Kinder

Pizza backen

Fußmassage

Fingerspiele

Die Fingertreppe

Das Tischklavier

Qigong-Geschichten

Der Bambusbär Pan Dao erwacht

Das Äffchen auf der Mauer

Bodo Bär: Eine Geschichte zur Bewegungs- und Sprachförderung

Ausklang

Dank

Literaturempfehlungen

Vitae und Kontaktadressen

Glossar

Vorwort

Es ist schon sonderbar, wie schnell sich bestimmte Vorstellungen über das, was Kinder alles brauchen, damit sie gesund bleiben und sich gut entwickeln können, in einer Gesellschaft ausbreiten. Viele Eltern sind verunsichert und übernehmen bereitwillig die Empfehlungen von Experten, auch dann, wenn die mit ihren Erkenntnissen und Ratschlägen immer wieder nur einen Aspekt der kindlichen Entwicklung im Auge haben.

 

Einige Beispiele: Weil sich durch hygienische Maßnahmen die Übertragung von Krankheitskeimen verhindern lassen, lassen wir unsere Kinder oft unter möglichst keimfreien Bedingungen aufwachsen – und verhindern so den für die Ausreifung eines wirksamen körpereigenen Abwehrsystems notwendigen Kontakt mit möglichst vielen und möglichst unterschiedlichen Keimen. Erst wenn immer mehr Kinder Allergien entwickeln, beginnt sich die alte Erkenntnis wieder durchzusetzen, dass Kinder eben auch im Dreck spielen müssen, damit sich ihr Immunsystem gut entwickeln kann.

 

Inzwischen stellen auch die Krankenkassen besorgt fest, dass Kinder ungeschickter werden und sich bei allem Möglichen verletzen, dass viele nicht mehr sicher auf Bäume klettern und über Balken balancieren können. Aus Sorge, sie würden nicht genug lernen, um in der Schule zu bestehen, schicken zu viele Eltern die Kleinen zu Frühförderkursen und hindern sie auf diese Weise daran, sich draußen im Wald oder Park oder zur Not auch auf dem Spielplatz all das anzueignen, was sie zur Herausbildung dessen brauchen, was wir Körperbeherrschung nennen.

 

Aus Angst, dass ihnen etwas zustoßen könnte, werden immer mehr Kinder bei allem, was sie tun, so gut begleitet und überwacht, dass sie kaum noch die Erfahrung machen können, wie beglückend und selbststärkend es ist, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.

 

Und weil wir glauben, unsere Kinder zu durchsetzungsfähigen Einzelkämpfern erziehen zu müssen, damit sie in der Schule und später im Leben erfolgreich sind, haben viele von ihnen kaum noch Gelegenheit zu erleben, wie schön und bereichernd es ist, sich mit anderen zusammen auf den Weg zu machen und sich gemeinsam um etwas zu kümmern, etwas zu entdecken oder gemeinsam zu gestalten.

 

Die Folgen all dieser aus Sorge und Angst gespeisten und von ganzen Regalreihen an Ratgeberbüchern unterstützten Bemühungen um das Wohl unserer Kinder bekommen wir nun immer deutlicher zu spüren: Gesundheitsprobleme, Lernschwierigkeiten, Aufmerksamkeitsdefizite, Probleme im Umgang mit den eigenen Gefühlen und Impulsen, Destruktivität und soziale Inkompetenz.      

 

Unsere Kinder haben ihre innere Balance verloren.

 

Gewollt hat das niemand. Die Experten und Erziehungsratgeber nicht, die Erzieherinnen in den Kindergärten und die Lehrerinnen in den Schulen nicht. Und am allerwenigsten die Eltern. Es ist einfach so passiert. Und nun ist guter Rat teuer, und die Sprechstunden der Therapeuten sind überfüllt von Hilfesuchenden. Der Weg zurück in die Natur ist verstellt: Die meisten Kinder wachsen in Städten auf, und selbst auf dem Land findet man kaum noch welche, die draußen im Matsch, bei Regen und Wind, in Wiesen und Wäldern unterwegs sind und spielerisch sich selbst und das Leben erkunden. Wie aber sollen sie dann all das lernen, was sie mehr als all das viele Wissen brauchen, das ihnen in unseren Schulen angeboten wird: umsichtig zu sein, Geduld zu haben, nicht gleich aufzugeben, wenn etwas nicht sofort gelingt, dran zu bleiben und gelegentlich auch etwas Frust auszuhalten. Die Fähigkeit zur Selbstregulation oder Affektkontrolle, wie das die Psychologen nennen, erwerben Kinder nicht von allein, jedenfalls nicht in einer Welt, in der ihnen ständig vorgegaukelt wird, alles sei möglich, kontrollierbar, plan- und beherrschbar. Wo sie von Kindesbeinen die Erfahrung machen, dass es nur darauf ankommt, den richtigen Knopf auf irgendwelchen Geräten zu drücken, damit das passiert, was ihnen Spaß macht. Und wo sie spätestens in unseren Erziehungs- und Bildungseinrichtungen erleben müssen, wie sie immer wieder zu Objekten unserer Belehrungen, Bewertungen und Erwartungen, unserer Erziehungs- und Bildungsmaßnahmen gemacht werden. Wie sollen Kinder in ihre eigene Kraft finden und zu selbstbewussten und selbstverantwortlichen Persönlichkeiten heranreifen, wenn sie kaum noch Gelegenheit haben, sich als eigenständige, selber denkende und aus eigenem Antrieb handelnde Subjekte zu erleben?

 

Es ist kein Wunder, dass Kinder unter solchen Bedingungen ihre innere Balance verlieren, dass viele sich in ihrem eigenen Körper nicht mehr richtig wohl fühlen, sich selbst nicht mehr spüren, dass ihnen ihre angeborene Lust am eigenen Entdecken und Gestalten abhanden kommt.

 

Es wird nicht ausreichen, mit ihnen darüber zu reden oder sich gar darüber zu beschweren. Um ihre Balance wiederzufinden, müssten sie erleben können, wie schön es ist, mit sich selbst und in sich selbst in Balance zu sein.

 

Wie das gehen kann, erfahren Sie in diesem Buch. Und was die drei Autoren, Dietlind Zimmermann, Norbert Heinrich und Hans Dieter Wöhrle, hier zusammengestellt und mit praktischen Übungsanleitungen ergänzt haben, ist bezeichnenderweise nicht aus den jüngsten Untersuchungen irgendwelcher Fachexperten abgeleitet.

 

Es ist uraltes, über viele Generationen hinweg erworbenes und erprobtes Erfahrungswissen. Entwickelt wurde diese chinesische Bewegungskunst – Qigong und Taijiquan – unter anderem als sehr wirksames Trainingsprogramm zur Stärkung der inneren Balance oder, wie wir es heute nennen, zur Verbesserung der Selbstregulationsfähigkeit und der Affektkontrolle.

 

Der dabei stattfindende Lernprozess ist kein kognitiver Vorgang, er vereinigt kognitives und emotionales und körperliches Erleben. Das macht ihn so wirkungsvoll und nachhaltig.

 

Aber es nützt nichts, lange darüber zu reden. Sie oder Ihre Kinder müssten es ausprobieren. Ich hoffe sehr, dass Sie beim Lesen dieses Buches Lust darauf bekommen, es mit den ihnen anvertrauten Kindern zu versuchen.

 

Prof. Dr. Gerald Hüther

Göttingen, im Februar 2016

Ein Buch. Für wen?

Wir möchten eine Art Hand- und Arbeitsbuch für alle zur Verfügung stellen, die mit Kindern arbeiten, sei es im Vorschul- oder Schulbereich, in Sportvereinen, asiatischen Bewegungskursen aller Art oder im therapeutischen Umfeld.

 

Allen Lesern, die nicht Taijiquan oder Qigong praktizieren, aber ihr eigenes Handwerkszeug in der Körperarbeit mit Kindern haben, hoffen wir, einen Eindruck geben zu können, was das Spezifische dieser alten chinesischen Geist- und Körperübungen ist und wie man Aspekte davon durch einfache Übungen vermitteln kann. Wir sind sicher, dass die Fülle der Beispiele für viele unterschiedliche Anwendungsfelder Anregungen geben kann und vertrauen darauf, dass unsere Leserinnen die Kompetenz haben, Aspekte, die für sie nützlich sind, in die eigenen Angebote für Kinder sinnvoll zu integrieren.

 

Insbesondere soll es eine Fundgrube und Ermutigung für alle Taijiquan- und Qigong-Kursleiter und -Lehrerinnen sein, die mit Kindern arbeiten oder arbeiten wollen.

 

Wir wünschen allen dabei viel Freude.       

Dietlind Zimmermann, Norbert Heinrich und Hans Dieter Wöhrle

 

 

 

Wir würden uns freuen, wenn dieses Buch einen fachlichen Austausch anregen würde. Welche Erfahrungen haben und machen Sie mit Kindern im Bereich Körperarbeit und Meditation? Welche Erfahrungen haben Sie mit unseren Übungen gemacht? Gibt es Erfahrungen, die Sie mit anderen Kollegen und Kolleginnen teilen wollen? Kontaktieren Sie uns gern über den TQJ-Verlag oder nutzen Sie unsere Website, auf der Sie auch Fortbildungsangebote rund um das Thema des Buchs finden.

www.kinderinbalance-dasbuch.de

 

 

Der Weg zu diesem Buch

 

Wer spricht?

 

 

Dietlind Zimmermann:

 

Ich hatte ein unkonventionelles Elternhaus: Mein Vater war 60 Jahre alt, als ich als zweites Kind nach meinem fünf Jahre älteren Bruder geboren wurde, und saß im Rollstuhl. Mit neun Jahren war er an Polio (Kinderlähmung) erkrankt, seitdem musste der Rollstuhl ihm die Füße ersetzen. Aber er hatte trotzdem ein sehr bewegtes Leben hinter sich, hatte unter anderem als Musiker gearbeitet, Cello und Saxophon gespielt. Und nun tat er etwas, das für einen Mann seiner Generation, und dazu einen „behinderten“, nicht minder unüblich war: Er wurde Hausmann, während meine Mutter als Ärztin arbeitete.

 

In meinen ersten neun Lebensjahren mussten meine Eltern viel umziehen. Diese immer wieder wechselnden Lebensumstände sowie die Tatsache, dass meine Familie irgendwie anders war als die der meisten Kinder um mich herum, trugen dazu bei, dass sich mein Blick früh schärfte. Ich schaute genau hin: Warum ist es so, wie es ist? Warum verhalten sich Menschen so, wie sie sich verhalten? Warum halten sie für richtig, was sie für richtig halten? Dazu kam, dass mein Vater einen genauso wachen Blick auf die Welt hatte. Und er teilte ihn mit seinen Kindern. Zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen gehören die gemeinsamen Gespräche, wenn wir in der Küche zusammensaßen oder bei seinen geliebten Büchern und miteinander über Gott und die Welt philosophierten. Er lebte mir eine der wichtigsten Regeln im Umgang mit Kindern vor: sie als Gegenüber auf Augenhöhe wahrzunehmen.

 

Wie man sich vorstellen kann, war ich damit in der Schule nicht bei allen Lehrern beliebt. Ich war gewohnt, Fragen zu stellen und eigene Schlüsse zu ziehen. Als wir endlich sesshaft wurden, wollte ich zum Ballett gehen. Heute denke ich: Es war der Wunsch, mich selbst in der Welt über die Bewegung zu erfahren. Weil ich meine Bitte nachdrücklich vortrug, erlaubten meine Eltern es. Aber es dauerte nicht lange, und ich hatte auch dort meinen eigenen Kopf: Schon mit 10 Jahren erkannte ich, dass die Spitzenschuhe meine Füße deformieren würden. Also teilte ich meiner verblüfften Ballettlehrerin mit, dass ich das Spitzentraining nur eingeschränkt mitmachen werde. Als eine spätere Ballettlehrerin ihre 12- bis 18-jährigen Schülerinnen leicht bekleidet bei Betriebsfeiern als tanzende Unterhaltungseinlage auftreten ließ und einen Teil der Trainingszeit zum Einstudieren der Tänze benutzte, entschied ich: Ich trainiere mit, aber ich werde bei solchen Veranstaltungen nicht auftreten. Tja – ich war kein Vergnügen für manche meiner Lehrer, das ist sicher.

 

Nun könnte man meinen, ich sei ein sehr mutiges Kind gewesen. Keineswegs. Ich war schüchtern und scheute die Konflikte mit Gleichaltrigen. Mehr als einmal habe ich das erlebt, was man heute mit dem Begriff Mobbing bezeichnet. Ich war ja immer „die Neue“ und dann auch noch eine mit so „komischen Eltern“. Die oft handgreifliche Art, wie Kinder ihr Territorium abstecken, war mir fremd. Und ich dachte in einem Alter über Dinge nach, die die Gleichaltrigen nur langweilig und doof fanden – also war ich langweilig und doof für sie. Im Rückblick denke ich: Für mich wäre Taiji ideal gewesen. Ich bin sicher, ich hätte es geliebt und es hätte mir sehr geholfen, auf gute Weise Selbstbehauptung und Konfliktbewältigung zu lernen. Aber damals war Taijiquan noch unbekannt.

 

Tanzunterricht habe ich bis Anfang zwanzig genommen. Dann gab es kaum mehr angemessene Trainingsmöglichkeiten für mich als Nicht-Profi. Ich schaute mich nach Neuem um. In Anbetracht meiner Scheu vor (körperlichen) Auseinandersetzungen nahm ich mir vor, mich diesen Ängsten zu stellen. Ich wandte mich der Meditation und der Kampfkunst zu und lernte in Kiel Tae Kwon Do bei Hans-Ferdinand Hunkel, einem direkten Schüler von Kwon Jae-hwa aus Korea.

 

Zunächst hatte ich Kunst studieren wollen, dann aber schrieb ich mich in Kiel für Deutsch und Philosophie für das gymnasiale Lehramt ein. Meine Liebe zu Büchern, zur Philosophie – und dazu die Pädagogik, das war ein guter Start. In einem weiteren Studium in Hamburg kam später die Psychologie dazu. Während der Studienzeit in Kiel arbeitete ich als Schwesternhelferin im Krankenhaus und als Lehrerin für „Deutsch als Fremdsprache“. Ich begleitete Kinder polnischer Spätaussiedler dabei, im Heimatland ihrer Großeltern sprachlich Fuß zu fassen. Und spielte nebenher in verschiedenen Gruppen Theater, fing an zu inszenieren, assistierte am Schauspielhaus… Und so landete ich schließlich statt im Schuldienst am Theater.

 

Ich arbeitete einige Jahre als Dramaturgin und Regisseurin. Ich liebte die kreative Arbeit, aber die Kunstszene hat eine Tendenz, die Menschen „aufzufressen“. Es herrscht ein hoher Leistungs- und Konkurrenzdruck, und tage-, wochen- und monatelanges Durcharbeiten ist normal. Jedes Leben neben dem künstlerischen Projekt wird bedeutungslos, Gesundheit, soziale Beziehungen jenseits der Szene – alles zweitrangig. Bei aller Begeisterung spürte ich, dass ein solches Leben für mich nicht stimmig ist und suchte nach Ausgleich, nach Balance, nach etwas, was mich zentriert und erdet. So fand ich neben meiner Tätigkeit an der Landesbühne Wilhelmshaven zum Taijiquan und zum Qigong, wurde von meinem ersten Lehrer Andrew Dabioch drei Jahre lang intensiv gefördert und zum Unterrichten geführt.

 

Ich war inzwischen Ende zwanzig und spürte beim Taiji sofort, dass vieles zusammen kam, was ich zuvor mühselig an verschiedenen Stellen zusammenzusammeln versucht hatte: Körper und Geist, Philosophie und Bewegung. Und daraus erwuchsen zunehmend Klarheit, Ruhe, Präsenz. Schließlich waren es die positiven Rückmeldungen, die ich als Unterrichtsassistentin aus den Gruppen erhielt, die mich davon überzeugten: Taiji ist ein Geschenk, das ich empfangen habe, um es weiterzugeben. Das ist bis heute so.

 

Weiterhin bin ich Lernende und werde es bleiben. Vier der wichtigsten Lehrerpersönlichkeiten auf meinem Taiji- und Qigong-Weg möchte ich hier nennen: Andrew Dabioch, der mich entdecken ließ, dass dies „mein Weg“ ist. Einsicht in die Tiefe des Qigong verdanke ich Wei Ling Yi aus China und ein wirklich breites Verständnis des Taijiquan Patrick Kelly aus Neuseeland. Ich bin dankbar dafür, dass ihr Unterricht mich gute fünfzehn bis zwanzig Jahre aktiv begleitet hat. Sie haben mir Zugang zu Quellen eröffnet, aus denen ich bis heute schöpfe. Ermutigung und Anregung für die Arbeit mit anderen Menschen als dem „durchschnittlichen Erwachsenen“ verdanke ich darüber hinaus der inzwischen leider verstorbenen Linda Chase Broda aus England.

 

Die Quellen und Hintergründe interessieren mich bis heute, das Philosophische, das Kulturelle (asiatisch, europäisch) - und sein Einfluss auf unser Leben. Dazu gehört die Frage nach der Umsetzung ins Leben, ins praktische Handeln. In diesen Kontext gehört natürlich auch die Frage, wie ein guter Unterricht aussieht. Mit meiner Kollegin Isolde Schwarz aus Berlin verfolge ich seit 2010 diesen forschenden Ansatz unter der Überschrift „Bewegte Philosophie“ weiter. Hier entwickelte sich außerdem ein Schwerpunkt in Richtung Meditation und meditatives Naturerleben. Mit Torsten Lubenow als Partner gründete ich 2020 den „Lern-Weg“. Auf diesem Weg biete ich seither eigene Ausbildungen und Fachfortbildungen an und arbeite als Dozentinnen für diverse Institutionen im Fortbildungsbereich.

 

 

 

Norbert Heinrich:

 

Ich habe meine Kindheit in der Nähe von Kronstadt in Siebenbürgen/Rumänien verbracht. 1974 zog ich mit meinen Eltern nach Düsseldorf. Auf dem Gymnasium beschäftigte ich mich mit Philosophie. Ich fand aber keine befriedigenden Antworten auf meine Fragen über das Leben, wer wir Menschen sind und was unsere Aufgabe in dieser Welt ist. Als ich siebzehn Jahre alt war, stieß ich auf Haiku, Go und Zen-Geschichten, die mein Interesse an asiatischer Philosophie weckten. Bald stellte ich fest, dass die asiatische Philosophie nicht nur den Geist anspricht, sondern am besten verstanden wird, wenn man die Prinzipien am eigenen Leib erfährt. Meine Begeisterung für die asiatischen Bewegungskünste war geweckt. Ich schnupperte in viele Kampfkunstschulen in Düsseldorf, um mir ein Bild über die Lehrer und Methoden zu machen.

 

Meinen ersten Kontakt mit Taijiquan hatte ich auf einem Wochenendworkshop in einem Kulturzentrum in Düsseldorf, der WERKSTATT, wo ich damals jobbte. Yürgen Oster, der gerade aus den USA von seinem Meister zurückkam, bot ihn an. Mir gefiel das Taiji gut, aber ich war jung, wollte „Action“, und ich wollte kämpfen lernen.

 

Nach dem Abitur zog es mich in die weite Welt. Ich reiste ein halbes Jahr durch Nordamerika. Es folgte mein Zivildienst im betreuten Wohnen mit Jugendlichen und Kindern auf einem anthroposophisch geprägten Hof in Ottersberg bei Bremen. Diese Zeit gab meinem Leben eine zusätzliche Richtung. Mein Interesse für die (Sozial-)Arbeit mit Kindern und für Landwirtschaft und Gartenbau entstand.

 

Weiter dem Ruf der Welt folgend, flog ich nach dem Zivildienst nach Mexiko und verbrachte ein Jahr in Lateinamerika. Als ich zurückkam, begann ich in Göttingen Agrarwissenschaften zu studieren, parallel ging ich drei Jahre lang mehrmals wöchentlich zum Ju Jutsu-Training. Danach folgte Nord-Shaolin-Training in Konstanz und München bei Meisterin Wu Mei Ling.

 

1987 nahm ich an einer Trainingsreise nach China teil, die mich zur Familie und zu den Schülern und Schülerinnen von Wu Mei Ling in Hongkong und in Kanton (Guangzhou) führte.

 

Nach zehn Jahren äußerer Kampfkünste (Ju Jutsu und verschiedene Shaolinstile) begann ich parallel Taijiquan und Qigong in Göttingen bei Christian Auerbach zu lernen. Als ich Ye Ankang – ein Mitglied der Familie Fei – und sein geschmeidiges und kraftvolles Taijiquan kennenlernte, wusste ich, wo mein Herz schlägt. Ich löste mich von den sogenannten äußeren Kampfkünsten und wechselte ganz zu den inneren Künsten Taijiquan und Qigong, Meditation.

 

Als mein Studium beendet war, nahm ich eine Stelle als Sozialpädagoge und Projektleiter bei der Werk-statt-Schule e.V. an. Ich arbeitete 20 Jahre im Projekt „Natur- und Umweltschutz-Station“ in dem Erwachsene beschäftigt, qualifiziert und in Stellen vermittelt wurden. Wir waren im praktischen Naturschutz tätig und gestalteten Spielplätze und Außengelände von Kindergärten und Schulhöfen. In der Zeit habe ich mich viel mit den Bedürfnissen der Kinder und Feng Shui (asiatische Geomantie) beschäftigt.

 

Ermutigt durch Christian Auerbach fing ich 1993 an, meine ersten Kurse in Qigong und Taijiquan an der Volkshochschule und beim „Impuls e.V.“ Göttingen zu geben. Nach 1998 reduzierte ich meine Stelle als Sozialpädagoge und konnte so mehr Zeit für Taijiquan und Qigong aufwenden. Gemeinsam mit Christian Auerbach gründete ich die DAO-Schule in Göttingen. Seit 1998 folge ich Patrick A. Kelly, der mir die Tiefe und Klarheit des Weges gezeigt hat.

 

 

 

Hans Dieter Wöhrle:

 

Geboren und aufgewachsen bin ich in Heilbronn am Neckar. Der Handwerksbetrieb meiner Eltern, über dem wir auch wohnten, lag zwar in der Stadt, aber mit dem Fahrrad waren meine Freunde und ich in 20 Minuten im Wald oder in fünf Minuten wenigstens im „Alten Friedhof“, einem großen Park, in dem wir viel auf Bäume und Denkmäler kletterten oder über Mauern und Gedenksteine balancierten. Die Wochenenden verbrachte ich oft bei meinem Großvater, der im Weinsberger Tal zwischen eigenen Weinbergen und Apfelwiesen wohnte.

 

Ich habe schon als Kind immer gerne und viel gezeichnet. In der Oberstufe illustrierte ich ein von meinen Eltern verfasstes Fachbuch (was mir eine komplette Kameraausrüstung und einige schöne Urlaube einbrachte). Nach dem Abitur lernte ich das Fotografenhandwerk als solide handwerkliche Grundlage. Auf einer Reise durch Polen zusammen mit einem Forststudenten war ich von dessen weitgefächertem Wissen schwer beeindruckt: Egal ob Flora und Fauna, Geologie, Klima, sozialwissenschaftliche oder juristische Fragen, er wusste über alles Bescheid. Von der Vielfalt der Disziplinen begeistert, studierte ich in Freiburg Forstwissenschaft. Nach meiner Diplomarbeit über Qualitätsmanagement (QM) im Forst arbeitete ich in einem Projekt, dessen Ziel die Einführung eines auf Bildern basierenden QM-Systems nach ISO 9001 für einen Automobilzulieferer war – eine gute Möglichkeit, meine unterschiedlichen Qualifikationen in einem völlig neuen Bereich praktisch einzusetzen.

 

Im Anschluss an dieses Projekt zog mich die Liebe nach Göttingen. Hier machte ich mich als Grafiker selbstständig. Im Lauf der Zeit spezialisierte ich mich auf das, was ich wirklich gut und gerne mache: aus komplexen Informationen ein einfaches Bild entwickeln. Von 2007 bis 2018 arbeite ich außerdem im Grafikteam des kidsgo Verlags, zuletzt als Ausbilder. Vier Jahre war ich Lehrbeauftragter an der HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst. Uns nach einem Jahr als Klassenlehrer einer Förderschule für emotionale und soziale Entwicklung bin ich jetzt als Fachanleiter in einer Jugendwerkstatt glücklich. Hier darf ich Jugendlichen Erfolgserlebnisse bereiten, sie mit und für Fotografie, Natur, Grafik, Meditation, Qigong, Taijiquan und Bogenschießen anregen und begeistern.

Taijiquan und Qigong… und Kinder

Hans Dieter Wöhrle:

 

In der dritten Klasse begann ich mit Judo. Unser Trainer legte großen Wert auf einen respektvollen und fairen Umgang miteinander. Das Training stärkte mein Selbstbewusstsein. Während des Studiums lernte ich Aikido kennen, und es gefiel mir auf Anhieb. Ich war fasziniert von den sanften, eleganten und zugleich wirkungsvollen Techniken. Schon allein das Fallen, das vorwärts wie rückwärts funktionierte, war für mich eine kleine Offenbarung.

 

Ich nahm schon früh an Kinder- und Jugendgruppen, Ferien- und Freizeitlagern teil, seit meiner Jugend auch immer wieder als Betreuer. Auch jetzt noch bin ich aktives Mitglied im Arbeitskreis Waldpädagogik und habe nach wie vor viel Freude daran, mit Kindern die Natur und insbesondere das Leben im Wald zu erkunden und zu genießen. Zusammen mit befreundeten Familien veranstalten wir – meine Frau Anke, unsere Zwillinge Mathis und Niklas und Familienhund Buddl – regelmäßig Waldzeltlager mit Kochen über dem offenen Feuer, Schnitzen, Bogenschießen, Klettern, Seilbahnen und Hängematten in fünf Metern Höhe.

 

Norbert und ich lernten uns gleich zu Beginn meiner Göttinger Zeit auf sehr unterhaltsame und nachhaltige Weise kennen. Ich war als Partner meiner Freundin Anke mit zur Hochzeit ihrer – mir unbekannten – Freunde eingeladen. Während der Trauzeremonie nutzten wir die Gelegenheit, die Wohnung des Brautpaares „zu schmücken“: Auf Anweisung meiner Liebsten malte ich mit Fingerfarben ein lebensgroßes Bild eines Taiji übenden Brautpaars auf ein Fenster. Währned des Fests versuchte das amüsierte Brautpaar herauszubekommen, wer der Maler war – das Geheimnis wurde erst später gelüftet und war der Beginn einer sehr bereichernden Freundschaft.

 

Durch Norbert lernte ich Taiji, Push-Hands, Qigong und Meditation kennen. Als er mich fragte, ob ich Lust hätte, mit ihm Kurse in „Kindertaiji“ zu geben, war ich sofort von der Idee begeistert. In der Arbeit mit den Kindern entwickelten wir Übungen und Spiele. Unterstützend führten wir den Bären Pandao als Maskottchen und als Identifikationsfigur für die Kinder ein. So konnte ich meine Erfahrungen aus der Kampfkunst und meine Freude an der Arbeit mit Kindern verbinden sowie schließlich mit meinen Illustrationen zu diesem Buch beitragen. Ich bin meinem Freund Norbert sehr dankbar, dass er mich auf diesen Weg mitgenommen hat.

 

 

 

Norbert Heinrich:

 

Im Jahre 2000 heiratete ich Anna Jöster. Im selben Jahr wurde unsere Tochter Lillian geboren, 2003 folgte unser Sohn Ruben. Lillian machte ihre ersten Erfahrungen mit Taiji, als sie drei Monate alt war. Sie war mit auf einer Intensivwoche bei Wilhelm Mertens. Manchmal führte ich sie anstelle des Stocks durch die Taiji-Form, und sie fand es ganz lustig.

 

Beim Spielen mit meinen Kindern flossen immer häufiger Elemente aus dem Taiji und Qigong ein, und als mich befreundete Eltern fragten, ob ich denn nicht einen Kinderkurs anbieten wolle, habe ich begeistert angefangen. 10 Jahre lang haben mich meine Kinder bei diesen Kursen durch Mitmachen und Mitgestalten unterstützt. Sie und all die anderen Kinder waren mir eine große Quelle der Inspiration.

 

Am Anfang dieser Zeit lernte ich Hans Dieter Wöhrle kennen. Es entstand eine enge Freundschaft, und bald machten wir die Kinderkurse zusammen. Es wurde eine sehr intensive und kreative Zeit. Wir betrachteten die Möglichkeiten und Bedürfnisse der Kinder, und wir konnten aus dem vollen Fundus unserer erlernten Systeme schöpfen. Unser Ziel wurde es, eine gute Basis für die Kinder zu schaffen, von der aus sie ihren eigenen Weg gehen können. Wir fanden, dass neben der Bewegung auch Rhythmus und Stimme sehr wichtig sind. Bald hatten wir eine breite Palette an Übungen, und Rituale, die den Kindern Spaß machten und die sie forderten. In dieser Zeit entstand die Idee, ein Buch zu schreiben, in dem das Beste aus Qigong, Taiji, Gong Fu, Ju Jutsu, Aikido, Judo und Meditation, ergänzt durch rhythmische Übungen und Lieder, für Kinder und Jugendliche gesammelt sein sollte. Als Titel entstand „Kinder in Balance“.

 

Dietlind kannte ich seit vielen Jahren von Lehrgängen, an denen wir beide teilnahmen, und von Netzwerk-Treffen, auf denen wir beide Workshops anboten. Ich wusste, dass sie in Hamburg Kinderkurse anbietet, und wir hatten uns schon oft ausgetauscht. So war es leicht, sie für die Idee zu gewinnen, das Buch gemeinsam zu schreiben und die Übungen und Erfahrungen auf eine noch breitere Basis zu stellen. Ganz rund wurde es, als Hans Dieter zusagte, seine zeichnerischen und gestalterischen Fähigkeiten mit einzubringen.

 

Seit 2011 bin ich Lehrkraft an der „Schule am Wieter“ in Northeim, einer Schule für Kinder mit emotionalem und sozialem Förderbedarf. Hier kommen meine Erfahrungen ebenfalls den Kindern zugute, und ich lerne weiter von ihnen. In den letzten Jahren habe ich mehrere Projektwochen an unterschiedlichen Schulen in der Region durchgeführt. Ich nenne diese Workshops „Wege zum Taiji“. Oft ging es um Jungenarbeit: Jungen lassen sich über die Kampfkünste gut abholen. Und es gab reine Mädchenkurse zu Selbstbehauptung, Selbstverteidigung und Spaß.

 

Seit 2010 biete ich Fortbildungen über die Agentur für Erwachsenen- und Weiterbildung (aewb) Niedersachsen an und gebe meine Erfahrungen an Erwachsene weiter, die mit Kindern arbeiten. Hier können Lehrkräfte aus allen Bereichen Übungen kennenlernen, Anregungen erhalten und Erfahrungen sammeln und teilen.

 

 

 

Dietlind Zimmermann:

 

Warum fing ich 1997 an, Taijiquan und Qigong für Kinder anzubieten, obwohl das kaum jemand tat? Ich hatte schon nach einigen Jahren Unterrichtserfahrung begonnen, mit einer anderen Zielgruppe zu arbeiteten, für die die klassischen Unterrichtsangebote nicht unbedingt passen wollten. Ich unterrichte bis heute Menschen mit Handicaps in Taijiquan wie in Qigong. Taijiquan für Behinderte, Bewegungseingeschränkte, sogar Menschen im Rollstuhl – auch das scheint für viele schwer vorstellbar.

 

Wenn wir davon ausgehen, dass Taiji-Training das „ist“, was wir von außen sehen, wenn wir einer klassischen Unterrichtsstunde zuschauen, dann muss man ein beweglicher, erwachsener Mensch sein, um an so einem Unterricht teilnehmen zu können. Um diese langsamen, komplexen Bewegungsabläufe sicher und ruhig ausführen zu können. Um dieser Art von Unterricht folgen zu können. Aber ist das Wesen von Taijiquan, geschmeidige, ästhetische Formen laufen zu können? Ist das Wesen von Qigong, exakt bestimmte Übungsformen zu wiederholen oder geistige Anforderungen zu meistern, die so für erwachsene Übende entwickelt wurden? Wohl kaum.

 

Ich war überzeugt, das Wesentliche dieser Übungswege ist etwas, das unsere Kinder genauso wie die Erwachsenen brauchen. Also machte ich mich auf die Suche, forschte, probierte aus: Was aus der Fülle unserer Übungsmethoden ist wann das Richtige für Kinder und wie sollte man es ihnen anbieten? Im Grunde habe ich alle Kenntnisse darüber, wie man Taiji und Qigong sinnvoll mit Kindern üben kann, den vielen Kindern zu verdanken, mit denen ich arbeiten durfte. 16 Jahre lang habe ich in einem Sportverein eine wöchentliche Übungsgruppe für Kinder ab acht Jahren geleitet. Erst mit der Einführung der Ganztagsschule 2013 in Hamburg habe ich dies Angebot aufgegeben. Daneben konnte ich verschiedene Schulprojekte realisieren: von Tageskursen im Rahmen von Stressbewältigungs- und Präventionsangeboten über Projektwochen in Berufsschulen bis zu zehn- oder zwölfwöchigen Klassenkursen in Grund- und Förderschulen – in fruchtbarer Zusammenarbeit mit den Klassenlehrern.

 

Ob auf Kongressen oder bei Fortbildungen: Immer wieder wurde ich von Taijiquan und Qigong-Unterrichtenden angesprochen, die großes Interesse daran haben, mit Kindern zu arbeiten, aber keine Erfahrung damit. Auch im Bereich der Kindertagesstätten und Schulen ist Interesse da, gezielt Resilienz zu fördern – und unsere Methoden eignen sich bestens dafür. Bisher gibt es leider nur wenige Fortbildungsangebote dazu, und echte, umfassende Weiterbildungslehrgänge sind nicht leicht auf die Beine zu stellen. So schlummerte die Idee zu einem entsprechenden Buch schon länger bei mir in der Schublade. Ende 2013 sprach mich Norbert, den ich als Kollegen viele Jahre kenne, am Rand eines Workshops an. Er hatte mit Hans Dieter Wöhrle schon mal überlegt, eine Art Fibel mit den Übungen herauszubringen, die die beiden entwickelt und erprobt hatten. Ob wir uns da nicht zusammentun wollten? Dieser Impuls kam gerade zur rechten Zeit.

 

Da wir zum Teil unterschiedliche Schwerpunkte im Training hatten, stellte sich bald heraus, dass wir einen großen Fundus an Übungen anbieten können – die wir gut je hälftig geschrieben haben. Weil mir daran liegt, mit dem Buch möglichst umfassend zugänglich zu machen, was alles zu dieser Art der Arbeit mit Kindern gehört, habe ich im Schwerpunkt den Theorieteil des Buchs geschrieben. Norbert hat auch dazu einzelnes beigesteuert, und die Endfassung des Textes entstand immer nach fachlichem Austausch über das Geschriebene. Hans Dieter erwies sich als Dritter im Bunde nicht nur als genialer Illustrator sondern auch als kluger Nachfragender zu den Inhalten. Obwohl es über zwei Jahre gedauert hat, dies Buch neben dem Unterrichten und meiner Tätigkeit als Redakteurin des „Taijiquan & Qigong Journal“ fertigzustellen, war die Arbeit daran eine Freude. Ich kann nur hoffen, dass diese Freude auch auf Seiten der Leser und Leserinnen sein wird.

 

 

Hintergrundwissen

 

Heute Kind sein, was bedeutet das?

Kinder lieben das Lernen: Leben und Lernen sind für sie das Gleiche, so wie Spielen und Lernen für sie das Gleiche sind: Sie lernen, indem sie das Leben entdecken. Sie erkunden die Welt mit allen Sinnen, und sie sind dabei meistens in Bewegung. Alles, was sie dabei erfahren, wird zu einem Teil von ihnen – es schlägt sich in ihnen als Faktenwissen nieder, aber vor allem als Gefühl, als Bewegungserfahrung und als Teil ihres Selbstgefühls, es formt sie geistig, seelisch und körperlich. Wir werden darauf noch näher eingehen.

 

Wie sieht die Welt aus, die wir den Kindern mit ihrer natürlichen Fähigkeit zu lernen, zu wachsen und zu reifen als Lern- und Lebensraum anbieten?

 

Je stärker das Umfeld städtisch geprägt ist, umso kleiner werden die Spielräume unserer Kinder – im wörtlichen wie übertragenen Sinn. Während vor 40 oder 50 Jahren selbst in der Stadt nach der Schule und dem gemeinsamen Mittagsessen galt: „Geh raus zum Spielen“, ist heute die Straße kein Spiel- und Begegnungsraum mehr für Kinder. Wir haben in den letzten Jahrzehnten die Städte zunehmend den Autos angepasst und dafür erhöhte Unfallgefahren, Lärm und Gestank in Kauf genommen. Fürsorgliche Eltern wollen ihre Kinder diesen Gefahren nicht aussetzen. Die Folge ist, dass, besonders in Großstädten, das freie Spielen der Kinder immer mehr verschwindet. Es gibt für alles Verabredungen, Termine, und diese finden an dafür eingerichteten Orten statt: Spielplätzen, Hort, Sportverein, Musikschule, bei den Freunden zu Hause… Nicht selten sind Eltern permanenter Fahrdienst und bringen ihr Kind von einem Termin zum nächsten.

 

Und selbst dort, wo eine Spielstraße oder ein Garten zur Verfügung stehen, wo das Abenteuer wie zu allen Zeiten mit Hinterhöfen, Brachgeländen und Orten lockt, die die Eltern ihren Kindern nicht unbedingt vorschlagen würden, sind Kinder nicht selten schon so früh an elektronische Unterhaltungsmedien gewöhnt, dass sie – mit der Wahl allein gelassen – bevorzugen, „Erlebnis zu konsumieren“, statt sich dem Leben vor der Tür zu stellen. Denn das ist ja nicht immer leicht, und nicht alle Begegnungen mit Nachbarskindern verlaufen reibungsfrei. Ob es die Sorge ängstlicher Eltern ist oder die Verführung durch die neuen Medien: Das veränderte Spielverhalten unserer Kinder verändert auch zwei wichtige Aspekte des Lernens. Es führt zu weniger sozialem Lernen und weniger Bewegungslernen.

 

Sei es durch das humangeographische Umfeld oder durch die Lebenssituation der Eltern und ihre Fähigkeit, Engagement für ihre Kinder zu zeigen: Lernen hat in sehr vielen Fällen schon im Vorschulalter nur noch wenig mit spielerischer Weltentdeckung zu tun. Nicht selten leiden schon die Eltern unter einem Zeitmangel, den sie als Druck, Lieblosigkeit oder Ungeduld an ihre Kinder weitergeben. Das zusammen mit der Fülle der (oft nur noch virtuellen) Angebote verwandelt die Welt der Kinder schon früh in ein straff durchgetaktetes Lernlabor oder in einen Raum der Reizüberfülle mit gleichzeitiger Erlebnisarmut: Die Kinder verlernen, frei zu agieren.

 

Damit wir uns nicht missverstehen: Dies wird keine Elternschelte, keine Lehrernörgelei. Wir haben in der langjährigen Begleitung von Kindern und Erwachsenen das Problem deutlich sehen können. Was den Kindern das Leben schwer macht, macht es den Erwachsenen ebenfalls schwer. Auch bei den Erwachsenen, die in Kurse für Meditation, Taijiquan oder Qigong kommen, sorgen oft die gesellschaftlichen Bedingungen dafür, dass sie sich gestresst fühlen und psychosomatische oder körperliche Beschwerden entwickeln. Als Erwachsene haben wir allerdings größere Gestaltungsmöglichkeiten, wir können wählen und entscheiden und Einfluss auf unsere Lebensführung nehmen. Kinder sind, je jünger umso mehr, darauf angewiesen, dass die Welt der Erwachsenen ihnen den angemessenen Entwicklungs-Spiel-Raum zu Verfügung stellt. Heute – PISA etc. lassen grüßen – sieht es so aus, als suchten wir unser Heil darin, die Kinder immer mehr und immer früher einer Welt anzupassen, die uns selbst an den Rand der Überforderung bringt: schnell, ergebnis- und erfolgsorientiert, effizient, durchgeplant… atemlos.

 

Eine alte chinesische Weisheit lautet: „Das Gras wächst nicht schneller, wenn du daran ziehst.“ Ein Lern- und Bildungssystem, das sich den Mechanismen der Effizienzgesellschaft verschreibt, erzeugt Gärtner, die nicht nur im Übermaß jäten (aussortieren), sondern auch solche, die im Übermaß düngen. Manches, was heute unter (Früh-)Förderung läuft, erscheint bei näherer Betrachtung doch mehr wie ungeduldiges Ziehen am Grashalm. Mancher zarte Sprössling reißt dabei ab, mancher wird zerquetscht. Aber auch Gleichgültigkeit, mangelnder Kontakt, mangelnde Pflege werden dem Gras nicht bekommen – es kann nicht ohne Luft und Licht und Wasser wachsen und ohne ausreichend Platz. Und so stellt sich die Frage: Was ist für unsere Kinder ausreichend Platz, was ist ihr Licht, ihre Luft, ihre Nahrung?

 

Leider fehlt es manchmal schon an der Befriedigung von Basisbedürfnissen wie Sicherheit, Schutz und Ernährung – vor allem und in den letzten Jahren leider wieder zunehmend bei Kindern in armen Verhältnissen. Aber es fehlt den Kindern nicht selten auch, und das quer durch alle Schichten, die Ermutigung und Wertschätzung ihrer eigenen Kompetenzen, ganz altmodisch gesprochen: der „liebevolle Blick“ und der Freiraum für eigene Erfahrungen.

 

Lebewesen sind natürlicherweise eingebunden in vielfältige Rhythmen und Zyklen. Der eigene Organismus funktioniert in Rhythmen und Zyklen, und diese sind über Jahrhunderttausende in Anpassung mit denen der Natur entstanden: Tag und Nacht, Wachen und Schlafen etc. Auch das Heranwachsen, die Entwicklungs- und Reifungsprozesse der Kinder vom Baby bis zum Jugendlichen folgen solchen inneren Strukturen – einer vor langer Zeit angelegten und sehr fein justierten „inneren Uhr“. Kinder, vor allem die, die in den Industriestaaten heranwachsen, müssen dagegen mit einer Lebenswelt klarkommen, in der natürliche Rhythmen immer mehr ignoriert werden, in der die Menschen sich immer mehr an die Dynamik des Informationszeitalters anpassen (und auch anpassen müssen). Und weil das Leben letztlich gar keinen Rhythmus mehr hat, sich nur immer schneller dreht, bringt es uns und unsere Kinder zusehends aus der Balance.

 

Vieles weist darauf hin, dass unsere Art zu leben ihre gesunde Entwicklung mehr erschwert als uns lieb sein kann. Die Folge sind Lernstörungen, Auffälligkeiten im sozialen Verhalten, Entwicklungsstörungen und die „Modekrankheit“ ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung). Was sagt es über unsere Gesellschaft und über unseren Blick auf Kinder aus, dass wir zunehmend bereit sind, sie als krank diagnostizieren zu lassen, wenn sie nicht funktionieren wie erwartet? Tun wir unseren Kindern einen Gefallen, wenn wir sie von einem „Problemfall“ in ein unauffälliges, ein funktionierendes Kind verwandeln wollen – auch wenn dies in der guten Absicht geschieht, ihnen das Leid des Nichtzurechtkommens zu ersparen? Oder können wir mehr tun?

 

Die chinesischen Bewegungskünste Qigong und Taijiquan (und Kungfu), mit denen wir uns schon vor der Arbeit mit Kindern intensiv auseinandergesetzt haben, basieren auf einer Philosophie, die eher einen prozessorientierten als einen zielgerichteten Blick auf das Leben und den Menschen hat. Der Daoismus, dessen Erkenntnisse in diese Künste einflossen, beschreibt die Rhythmen und Zyklen der Natur sehr anschaulich und wie die „äußere“ Natur und die „innere“ Natur im Menschen zusammenwirken.

Hier haben wir unsere Ansätze gefunden, wie und was man anders machen könnte. Dabei leiteten uns folgende Fragen: Was brauchen Kinder und was in welchem Alter? Welchen „Spielraum“ können wir ihnen bieten, da wir nun mal in unserer Welt leben? Wie können wir sie ermutigen, ihr Potential zu entwickeln? Wie können wir ihnen in der Flut täglicher Eindrücke und Anforderungen ein wenig mehr „Boden unter den Füßen“ verschaffen? Wie ermuntern wir Kinder, ihre natürliche Neugier auf das Leben und ihre selbstverständliche Freude am Lernen zu behalten, ihre Bewegungslust, ihre Fantasie, ihren Erfindungsgeist, ihr soziales Empfinden und ihre grundlegende Fähigkeit, sich hochkonzentriert in ihre Lernerlebnisse zu versenken? Wie unterstützen wir sie darin, in der Fülle der äußeren Reize ein gutes Gespür für sich selbst zu entwickeln und zu behalten?

 

Die Weisheit der asiatischen Philosophien und Übungswege hat sich bei dieser Suche als sehr hilfreich erwiesen.

 

 

Halte das Kleine für groß

und das Wenige für viel.

Stell dich dem Schwierigen ,

solange es noch leicht ist;

Vollbringe das große Werk

durch eine Reihe kleiner Schritte .

Lao Tse, Tao Te King, Vers 63

 

Neurobiologische Lernforschung

Wie unser Erleben zu einem Teil von uns wird

Eltern haben es derzeit nicht leicht. Überall wird die Angst geschürt, dass man die eigenen Kinder zu spät fördert: Der Kindergarten möge bilingual sein, am besten ist als zweite Sprache Chinesisch, aus China kommt doch die zukünftige führende Wirtschaftsmacht, und Violine sollten sie auch schon mal lernen - sonst, ja sonst ist es ruckzuck zu spät, und sie werden den Anschluss verpassen.

 

Man könnte meinen, dass immer noch der alte Spruch gilt: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr!“ Dabei drückt dies Sprichwort eine glücklicherweise gründlich überholte Sicht auf die Lernfähigkeit des Menschen aus: Inzwischen wurde nachgewiesen, dass der Mensch bis ins hohe Alter lernen kann. Nicht nur Psychologen und Pädagogen, sondern auch zunehmend Neurobiologen erforschen das Gehirn und die Lernfähigkeit des Menschen, wobei den Neurobiologen die neuen bildgebenden Techniken sehr helfen. So haben wir heute den Nachweis für die biologischen Gründe unserer Fähigkeit, lebenslang zu lernen: Der Mensch hat ein „plastisches Gehirn“. Was ist damit gemeint und was bedeutet es besonders für das Lernen und die Entwicklung unserer Kinder?

 

Schon von anderen Organen des Körpers wissen wir, dass sie eine gewisse Reife entwickeln müssen, bevor sie ihre Aufgaben ganz erfüllen können. Je nach der Verkürzung der Schwangerschaftszeit, die auch eine Organreifungszeit ist, stellen Frühgeburten deshalb ein Risiko für die Überlebensfähigkeit der kleinen Neuankömmlinge dar. Ist zum Beispiel die Lunge schon so weit gereift, dass sie ihre Aufgabe, die Atmung, wird übernehmen können?

 

Das Gehirn, das komplexeste Organ, das wir haben, durchläuft viele Reifungsstufen. Jede für sich zeigt ein voll funktionsfähiges Organ. So übersah man wohl, dass die Reifungsschritte, die ein heranwachsender Mensch durchmacht, mit weiteren Reifungsschritten des Gehirns einhergehen.

---ENDE DER LESEPROBE---