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Beschreibung

Die Untersuchungen von René Spitz zum Hospitalismus haben gezeigt, daß ausreichende Ernährung und Versorgung allein nicht ausreichen: Kinder brauchen für eine gesunde psychische Entwicklung auch Bindungspersonen, die ihre emotionalen Bedürfnisse befriedigen. Vor dem Hintergrund der Bindungstheorie von John Bowlby konnte die Bindungsforschung nachweisen, daß eine Vernachlässigung der frühen emotionalen Bedürfnisse eines Säuglings Schädigungen in der Hirnreifung zur Folge hat. Diese sind eine Ursache für die Entwicklung von schweren psychopathologischen Auffälligkeiten, die wir auch als Bindungsstörungen diagnostizieren. Wenn die elterlichen Fähigkeiten zur Förderung der emotionalen Entwicklung ihres Kindes nicht ausreichen oder sich schädigend auswirken, wird oft eine Fremdbetreuung des Kindes in einer Pflege- oder Adoptivfamilie erwogen. Dies kann zu neuen, »heilenden« Bindungserfahrungen des Kindes führen. Die Beiträge erläutern die rechtlichen Zusammenhänge und Fragen wie etwa Besuchskontakte, betreuter Umgang oder Rückführung des Kindes in seine Ursprungsfamilie unter bindungs dyna mischen Gesichtspunkten. Mit Beiträgen von: Theodor Hellbrügge, Stephen J. Suomi, Kim A. Bard, Mechthild Papou ek, Michael Rutter, Zdenek Matejcek, Jaróslav turma, Ludwig Salgo, Dana E. Johnson, Miri Keren, Angie Hart, Karl Heinz Brisch.

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Seitenzahl: 452

Veröffentlichungsjahr: 2015

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KINDER

ohne Bindung

Deprivation, Adoption und Psychotherapie

Herausgegeben vonKarl Heinz Brisch undTheodor Hellbrügge

Impressum

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Klett-Cotta

www.klett-cotta.de

© 2006 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten

Umschlag: Klett-Cotta Design

Datenkonvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

Printausgabe: ISBN 978-3-608-96419-6

E-Book: ISBN 978-3-608-10124-9

PDF-E-Book: ISBN 978-3-608-20324-0

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet überhttp://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhalt

Vorwort

Einleitung

THEODOR HELLBRÜGGEVom Deprivationssyndrom zur Entwicklungs-Rehabilitation

STEPHEN J.SUOMIDie wechselseitige Beeinflussung zwischen genetischen und Umweltfaktoren formt individuelle Differenzen der Verhaltensentwicklung bei Primaten

KIM A.BARDDie Entwicklung von Schimpansen, die von Menschen aufgezogen wurdenFähigkeiten der Mütter, Bindung und Bewältigungsverhalten

MECHTHILD PAPOUŠEKBindungssicherheit und IntersubjektivitätGedanken zur Vielfalt vorsprachlicher Kommunikations- und Beziehungserfahrungen

MICHAEL RUTTERDie psychischen Auswirkungen früher Heimerziehung

DANA E.JOHNSON, Internationales Adoptionsprojekt-Team (IAP)Zusammenhänge zwischen dem Wachstum von psychisch belasteten Kindern und kognitiver sowie emotionaler Entwicklung

JARÓSLAV ŠTURMADeprivationsstudien in der ehemaligen Tschechoslowakei und ihre Folgen für die Familienpolitik

ZDENĚK MATĚJČEKEhemalige Heimkinder in Adoption und FamilienpflegeErfahrungen aus der Tschechischen Republik

MIRI KERENWie soll man ein Kleinkind diagnostizieren, das in einem Waisenhaus gelebt hat?

ANGIE HARTDie alltäglichen kleinen WunderBindungsorientierte Therapie zur Förderung der psychischen Widerstandsfähigkeit (Resilienz) von Pflege- und Adoptivkindern

KARL HEINZ BRISCHAdoption aus der Perspektive der Bindungstheorie und Therapie

LUDWIG SALGODas Wohl des Kindes unter den Aspekten gesetzlicher Einflüsse

Vorwort

Durch die Untersuchungen von René Spitz zum Hospitalismus wurde erstmals bekannt, welche extremen Auswirkungen frühe emotionale Deprivationserfahrungen auf die körperliche, psychische und soziale Entwicklung eines Kindes haben. Kinder brauchen für ihre gesunde Entwicklung sowohl eine ausreichende Ernährung als auch Bindungspersonen, die für ihre emotionalen Bedürfnisse verfügbar sind. Viele Eltern fühlen sich heute aber überfordert und hilflos, die gesunde emotionale Entwicklung ihrer Kinder ausreichend zu unterstützen. Auf dem Hintergrund der Bindungstheorie von John Bowlby konnten die Bindungsforschung sowie Tierstudien nachweisen, daß eine Vernachlässigung der frühen emotionalen Bedürfnisse eines Säuglings großen Streß bedeutet. Dies spiegelt sich auch in einer langfristigen Erhöhung der Ausschüttung von Streßhormonen wider, die eine Schädigung in der Hirnreifung zur Folge haben kann. Auch der körperliche Wachstumsprozeß kann stagnieren, und bereits erworbene motorische, kognitive und psychische Fähigkeiten können wieder verlorengehen. Solche Prozesse sind Ursachen für die Entwicklung von schweren psychopathologischen Auffälligkeiten, die wir auch als Bindungsstörungen diagnostizieren.

Wenn die Fähigkeiten der Eltern zur Förderung der emotionalen Entwicklung ihres Kindes nicht ausreichen oder sich ihr Handeln bzw. Unterlassen schädigend auswirkt, wird oft eine Fremdbetreuung des Kindes in einer Pflege- oder Adoptivfamilie erwogen. Ziel einer solchen Fremdbetreuung ist es, die negativen Folgen der Deprivation durch neue Beziehungserfahrungen mit den Pflege- oder Adoptiveltern zu mildern oder sogar rückgängig zu machen. Auf Pflege- oder Adoptiveltern lastet aber oft ein großer Druck, wenn sie sich einerseits auf die Bindungserwartungen des Pflege- oder Adoptivkindes einlassen müssen, sich andererseits aber auch mit juristischen Fragen, Forderungen nach Besuchskontakten und Umgangsrecht der leiblichen Eltern mit »ihrem« Kind oder mit Planungen für eine Rückführung des Pflegekindes in die Ursprungsfamilie auseinandersetzen müssen.

Bahnbrechende Erkenntnisse zur Frage der psychischen Widerstandsfähigkeit (Resilienz) nach frühen Deprivationserfahrungen und der Möglichkeiten von körperlicher, kognitiver und psychischer Regeneration oder sogar von Heilungsprozessen durch Adoption verdanken wir den jahrelangen Untersuchungen von Prof. Sir Michael Rutter aus London. Während verschiedener Phasen als Kliniker und Forscher hat er einen großen Teil seines enormen Lebenswerkes diesen Fragestellungen gewidmet; in seiner Forschung hat er mittels Längsschnittstudien Ergebnisse gewonnen und publiziert, die für alle Berufsgruppen im Pflege- und Adoptionswesen eine enorme Bereicherung darstellen, weil sie erstmals viele offene Fragen beantworten können. In den vergangenen Jahren haben seine Nachuntersuchungen von Kindern aus rumänischen Waisenhäusern, die von englischen Familien adoptiert worden waren, erneut die wissenschaftliche Diskussion um die Resilienz des kindlichen Gehirns entscheidend angeregt; auf einer soliden Datenbasis aufbauend, wurden so äußerst wichtige Erkenntnisse gewonnen, die Ausgangspunkt für weitere Forschungen auf dem Gebiet der frühen Deprivation von Kindern sind und Fragen zu Möglichkeiten der Entwicklung durch Adoption beantworten. Zu Ehren von Prof. Sir Michael Rutter wurde – von der Internationalen Akademie für Entwicklungs-Rehabilitation und der Theodor-Hellbrügge-Stiftung – am 29. und 30.Oktober 2004 an der Kinderklinik und Poliklinik im Dr. von Haunerschen Kinderspital der Ludwig-Maximilians-Universität München ein internationaler Kongreß mit dem Titel Kinder ohne Bindung: Deprivation, Adoption und Psychotherapie (Children without Attachment: Deprivation, Adoption and Psychotherapy) durchgeführt. Im Rahmen dieses Kongresses wurde Herrn Prof. Sir Michael Rutter als Zeichen der Würdigung für sein außergewöhnliches wissenschaftliches Lebenswerk der »Arnold-Lucius-Gesell«-Preis der Theodor-Hellbrügge-Stiftung verliehen.

Die überaus große Resonanz der Konferenz ermutigte die Veranstalter, die Beiträge mit der Herausgabe dieses Buches einer größeren Leserschaft zugänglich zu machen.

Wir danken allen Autorinnen und Autoren, daß sie ihre Beiträge für die Publikation zur Verfügung gestellt haben. Unser herzlicher Dank gilt Frau Roswitha Schmid, die mit großem Engagement und Zuverlässigkeit die englischsprachigen Beiträge übersetzt hat. Dank der hervorragenden Arbeit von Herrn Thomas Reichert und der Unterstützung von Herrn Prof. Burkhard Schneeweiß konnten die Beiträge rasch editiert werden. Dr. Heinz Beyer vom Verlag Klett-Cotta sei herzlich gedankt, daß er sich mit großem Engagement für die Herausgabe dieses Buches beim Verlag eingesetzt und für eine rasche Herstellung gesorgt hat.

Ein besonderer Dank gilt der Theodor-Hellbrügge-Stiftung München, mit deren großzügiger finanzieller Unterstützung sowohl die Konferenz als auch die Entstehung dieses Buches realisiert werden konnten.

Wir hoffen, daß dieses Buch allen, die in der Betreuung von Pflege- und Adoptivkindern Sorge tragen – wie etwa Pädagogen, Psychologen, Sozialarbeiter, Heilpädagogen, Sprachtherapeuten, Krankengymnasten, Kinderärzte, Juristen, Kinder- und Jugendpsychiater und Psychotherapeuten sowie Eltern –, zahlreiche Anregungen gibt, die für die tägliche Arbeit fruchtbar aufgegriffen werden können.

Karl Heinz Brisch und Theodor Hellbrügge

Einleitung

Das vorliegende Buch faßt verschiedene Beiträge zusammen, die das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven bearbeiten; es werden sowohl Ergebnisse aus der Tierforschung und der Grundlagenforschung dargestellt sowie anhand von Fallbeispielen die psychotherapeutische Arbeit mit Pflege- oder Adoptivkindern und ihren Eltern veranschaulicht. Abschließend werden juristische Fragestellungen diskutiert.

Der Beitrag von Theodor Hellbrügge gibt einen historischen Überblick über die Anfänge der Deprivationsforschung und eine Einführung in die vielfältigen Symptome des Hospitalismus. Dabei würdigt er sowohl die Pionierarbeiten von René Spitz als auch die des Pädiaters Meinhard von Pfaundler. Er berichtet über Ergebnisse von eigenen Untersuchungen zum Deprivationssyndrom sowie von Längsschnittstudien zur kindlichen Entwicklung und zeichnet den Entstehungsweg der Entwicklungs-Rehabilitation nach, wie sie heute in der Sozialpädiatrie verankert ist.

In den Aufsätzen von Stephen Suomi und Kim Bard wird über neue Befunde aus der Tierforschung mit Primaten berichtet. Suomi zeigt anhand seiner Studien, wie sich bei Rhesusaffen das Verhaltensrepertoire aus einem Wechselspiel zwischen Umwelt und Genetik entwickelt. Bard hat ein Interventionsprogramm verwirklicht, das Schimpansenmüttern, die von Menschen aufgezogen werden, hilft, intuitive Fähigkeiten zur Pflege ihres Nachwuchses und zum Aufbau von Bindungsverhalten wieder zu erlernen. Auf der Grundlage der Berichte zur Primatenforschung stellt Mechthild Papoušek umfassend dar, wie sich aus den elterlichen intuitiven Verhaltensbereitschaften die Fähigkeit des Säuglings zur Intersubjektivität entwickelt und welche Konsequenzen sich hieraus für den Aufbau von psychischen Strukturen des Säuglings ergeben.

In einem zentralen Beitrag stellt Sir Michael Rutter die Ergebnisse aus seiner Längsschnittstudie dar, in der Kinder aus den rumänischen Waisenhäusern nach ihrer Adoption in englische Familien immer wieder nachuntersucht wurden. Die hieraus gewonnenen Daten über die körperliche, kognitive und psychische Entwicklung dieser Kinder ermöglichen es ihm, den Zusammenhang zwischen Zeitpunkt und Dauer der Deprivation und ihren schädlichen Einflüssen auf die kindliche Entwicklung zu diskutieren. Auf dieser Basis erörtert er einige Fragen über die möglichen Wirkungen von frühen Deprivationserfahrungen und leitet Hypothesen über mögliche kausale Zusammenhänge zwischen Deprivation, Hirnreifung und psychopathologischen Auffälligkeiten der Kinder ab. Dieser Beitrag wird ergänzt durch die Forschungsergebnisse von Dana Johnson über die schädigenden Auswirkungen von Deprivationserfahrungen auf das Körperwachstum und die möglichen positiven Veränderungen in der körperlichen Entwicklung von Adoptivkindern durch neue, emotional tragende Erfahrungen mit Adoptiveltern.

In der ehemaligen Tschechoslowakei wurde eine große Zahl von Säuglingen zur Pflege in Kinderheimen abgegeben, wo sie unter deprivatorischen Bedingungen aufwuchsen. Durch die Längsschnittstudien von Zdeněk Matějček und Jaróslav Šturma konnten wichtige Hinweise auf solche Faktoren gewonnen werden, die es den Kindern trotz der schwierigen und traumatischen Startbedingungen ermöglichten, eine psychische Widerstandsfähigkeit (Resilienz) aufzubauen, und die manche von ihnen vor einer psychisch auffälligen Entwicklung schützen.

Welche differentialdiagnostischen Schwierigkeiten entstehen, wenn man ein Kind mit den Symptomen einer schwerwiegenden Deprivationserfahrung diagnostizieren soll, verdeutlicht der Beitrag von Miri Keren. Anhand eines kasuistischen Beispiels schildert sie sehr anschaulich die nur langsam positiven psychischen Veränderungen eines deprivierten Heimkindes in der Zeit nach seiner Adoption. Die Therapie beruhte auf einem multidimensionalen Behandlungsansatz. Die verschiedenen Diagnosen, die sich unter der Therapie ändern, werden von Keren immer wieder zur Diskussion gestellt.

Therapeutische Hilfestellungen für Pflege- und Adoptivkinder sowie ihre Eltern werden von vielen Seiten immer wieder für notwendig gehalten. Es besteht aber eine große Unsicherheit, wie diese Hilfen genau auszusehen haben und welche Ansätze erfolgversprechend sein könnten. Mit diesen Fragen und den Möglichkeiten sowie Grenzen der psychosozialen und psychotherapeutischen Hilfe beschäftigt sich der Beitrag von Angie Hart. Hier kommt besonders zur Geltung, daß Angie Hart selbst sowohl Adoptivmutter als auch Therapeutin ist. Sie schildert anhand von mehreren eindrucksvollen Fallbeispielen kreative Zugänge zu psychisch sehr belasteten Adoptivkindern. Verschiedenste therapeutische Zugänge zu den traumatisierten Jugendlichen und die Möglichkeit der Einbeziehung von Adoptiveltern sowie von leiblichen Eltern in die Therapie werden von ihr kritisch diskutiert.

Nach einer kurzen Einführung zur Entstehung von Bindungssicherheit und der Bedeutung von traumatischen Erfahrungen für die Entwicklung von Bindungsstörungen diskutiert Karl Heinz Brisch in seinem Beitrag, wie eine bindungsdynamische Sichtweise im Pflege- und Adoptionswesen auf Fragen wie Besuchskontakt, begleiteter Umgang, Rückführung und Psychotherapie angewandt werden kann. Dabei ist es ihm ein Anliegen, sowohl die Risiken als auch die Chancen der Betreuung eines bindungsgestörten Kindes durch Pflege- oder Adoptiveltern zu diskutieren und dies anhand eines Fallbeispiels zu erläutern.

Da richterliche Entscheidungen und sich verändernde Rechtsauffassungen das Kindeswohl erheblich bestimmen können, befaßt sich der abschließende Beitrag des Juristen Ludwig Salgo mit den gesetzlichen Einflüssen auf die Entwicklung von Pflege- und Adoptivkindern sowie von Kindern, die in den Rechtsstreit der Eltern involviert sind. An einzelnen Gerichtsurteilen diskutiert er exemplarisch, wie Entscheidungen gegen das Kindeswohl getroffen wurden und welche Auswirkungen diese für die psychische Situation des einzelnen Kindes haben können. Dabei nimmt er eine sehr bindungsorientierte Position ein, die dem Wohl des Kindes eine übergeordnete Rolle im Rechtsstreit zuschreibt.

Alle Beiträge zeigen somit auf unterschiedlichste Weise, wie sich unser Wissen aus der Tierforschung, der Grundlagenforschung sowie aus den verschiedenen Längsschnittstudien zur Beantwortung der Frage nach den Ursachen des Deprivationssyndroms und seinen Folgen anwenden läßt. Die klinischen Beiträge zur Problematik der Diagnosestellung und Therapie machen Mut, daß positive Entwicklungen auch bei Kindern mit schwerwiegenden Deprivationserfahrungen und Bindungsstörungen möglich sind, wenn diese Kinder neue »sichere« Bindungserfahrungen etwa mit Pflege- oder Adoptiveltern machen können.

THEODOR HELLBRÜGGEVom Deprivationssyndrom zur Entwicklungs-Rehabilitation

Das Deprivationssyndrom – Beispiele

Vor mehr als einem halben Jahrhundert – im Frühjahr 1947 – wurden mir in der Mütterberatung in München-Thalkirchen mehrere Kinder vorgestellt, die schon vom Anblick her auffällig waren. Sie waren ihrem Alter entsprechend groß, hatten blonde Haare, blaue Augen und waren bei der ärztlichen Untersuchung völlig gesund. Sie hatten ein normales Gewicht, einen normalen Kopfumfang, normalen Blutdruck und Puls und keine Anämie. Trotzdem stellten sie sich in einem erbärmlichen Entwicklungszustand dar, wie ich ihn bis dahin noch nicht erlebt hatte. Sie konnten mit zwei Jahren noch nicht sprechen, hatten keinen Blickkontakt und schrien vor Angst, wenn man sich ihnen näherte. Vor allem fiel ihr leerer Gesichtsausdruck auf, der einen eher traurigen, völlig teilnahmslosen Eindruck machte. Sie nahmen untereinander keinen Kontakt auf, so daß jedes Kind isoliert war. Wenn sie dennoch Kontakt aufnahmen, geschah dies in Form von Aggressionen.

Diese Kinder waren, wie man damals glaubte, optimal »erbbiologisch gezüchtet« und in der SS-Organisation ›Lebensborn‹ in staatlich besonders geförderten Heimen großgezogen worden. Sie sollten später einmal, frei von familiärer Bindung, die NS-Führerelite für Europa darstellen.

Dieses Krankheitsbild wurde mir erneut vor Augen geführt, als René Spitz nach dem Kriege nach München kam und am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München seine Filme über Kinder aus südamerikanischen Waisenhäusern vorführte. Das Krankheitsbild des Deprivationssyndroms wurde weiterhin in Bowlbys Publikation über Verlust, Trauer und Depression (Bowlby, 1983) beschrieben, ebenso in den Untersuchungen von Dorothee Burlingham und Anna Freud (1949) bei Kriegskindern, die sich gegen die Evakuierung aufgebäumt hatten und lieber bei ihren Müttern bleiben wollten, obwohl sie während der Bombardierungen etwa von London unter äußerst ungünstigen Bedingungen in Luftschutzbunkern leben mußten.

Die schwere Pathologie des Deprivationssyndroms (Hellbrügge, 1966b) läßt sich besonders an Beispielen erklären, die auch mit Hilfe von Filmen dokumentiert worden waren. Hier sei der Film Monique von Jeannette Aubry vom Centre International de l’Enfance in Paris erwähnt, aber auch Marie Meierhofers Film Frustration im frühen Kindesalter (Meierhofer-Insitut Zürich, 1974). Letzterer Film zeigt die sehr guten Lebensbedingungen des gehobenen Schweizer Milieus, während der Film aus dem Centre International de l’Enfance mehr ärmlichere Lebensverhältnisse dokumentiert. Trotz der unterschiedlichen sozialen Bedingungen sind die Deprivationssymptome und die Entwicklungsfolgen für die Kinder vergleichbar schwerwiegend.

Literatur zu diesem Krankheitsbild gab es eigentlich wenig. Lediglich Meinhard von Pfaundler (1915), der Begründer der Münchener Pädiatrischen Schule, hat in seinem Kapitel über »Die Physiologie des Neugeborenen« in Döderleins Handbuch der Geburtshilfe aus dem Jahre 1915 (Bd.1) das Krankheitsbild des Hospitalismus in seinem Verlauf beschrieben:

»1. Phase: Unruhe. Säuglinge, die in das Spital eingeliefert werden, verhalten sich hier am Anfang so, wie es die Physiologie ihrer Entwicklungsperiode oder die Pathologie des betreffenden Leidens annehmen läßt. Geht dieses mit Beschwerden einher, so sind die Kinder unruhig, erfordert es Karenz oder Einschränkung der Nahrung, so sieht man sie gleich Hungernden sich benehmen.

Treten fremde Menschen an ihr Lager und manipulieren sie an ihnen, wie es die ärztlichen Untersuchungen erfordern, so werden sie ängstlich oder unwillig etc. In einer großen Zahl von Fällen gelingt es, der Störung Herr zu werden, und man erwartet nun, daß eine Rekonvaleszenz eintrete und die Kinder nach überstandener Krankheit wieder aufblühen.«

»2. Phase: Resignation. Doch darauf wartet man oft vergebens. Die Säuglinge werden zwar ruhiger, doch nicht aus besserem Behagen, sondern weil sie die Fruchtlosigkeit ihrer Äußerungen erkannt und angefangen haben, auf äußere Einflüsse aller Art weniger zu reagieren. Man findet diese Kinder öfters wach als schlafend.

Tritt man an das Bett heran, so wenden sich die Augen wohl noch dem Beschauer zu, doch weder mit dem latenten Lächeln des gesunden noch mit der ängstlichen oder schmerzhaft gespannten Miene des kranken Kindes, sondern mit einem indifferenten, resignierten, wie in Ernst und Trauer erstarrten Blick. Rumpf und Glieder liegen ziemlich regungslos auf der Unterlage. Auch wenn man das Kind aufdeckt oder entkleidet, gewahrt man keine lebhaften und kraftvollen Bewegungen der Glieder, sondern träge und unsichere.«

»3. Phase: Verfall. Man steht einem körperlichen Verfall gegenüber, der sich in außergewöhnlicher und stabiler Blässe, Schlaffheit und Welkheit der Haut und des Unterhautfettes, in Elastizitätsverlust bei scheinbar oft vermehrtem Muskeltonus ausdrückt. Dieser Verfall ist nicht etwa als Zeichen eines chronischen dyspeptischen Zustandes, eines Milch- oder Mehlnährschadens oder einer Organaffektion bestimmter Art anzusehen. Man erkennt ihn oft, bevor die Gewichtskurve ihn anzeigt.

Von diesem Stadium an macht sich die schwerste Form des Hospitalismus bemerkbar, nämlich die völlige Widerstandslosigkeit gegen infektiöse Schäden. Das Kind erkrankt dann an irgendwelchen enteralen oder parenteralen Infekten und deren Mischformen wie Enteritiden, Kolitiden, Cystopyelitiden, grippösen Bronchopneumonien, Pyodermien. Unter solchen Diagnosen verbirgt sich der wahre Hergang der Sache in Publikationen, statistischen Jahresberichten und dergleichen.

In dem Zustand des Hospitalismus steht der Körper außerhalb aller in alter und neuer Zeit aufgestellten Gesetze für das Verhalten seiner Funktionen; ein Gesetz allein behält seine Gültigkeit in der tiefgreifenden Deroute, das Gesetz des unaufhaltsamen Verfalls.«

Diagnose des Deprivationssyndroms – Sozialentwicklung, Entwicklung zur Selbständigkeit, Kontaktfähigkeit und Sprache

Um dieses Krankheitsbild zu diagnostizieren, war es notwendig, neben den klassischen Bereichen der Medizin, nämlich Anatomie und Physiologie, eine neue Diagnostik einzuführen, welche das Verhalten des Säuglings analysiert. Dabei war es mir wichtig, die klassischen Bereiche der Entwicklungspsychologie zu verlassen, weil deren Ergebnisse letztlich auf Mittelwerte und Streubereiche hinausgingen, d.h. ein Kind eher schlechter oder besser einstuften. Mir kam es darauf an, das Verhalten im Säuglingsalter so festzuhalten, daß möglichst viele Kinder rechtzeitig einer spezifischen Therapie oder einer weiteren notwendigen Diagnostik zugeführt wurden.

In der Münchener Pädiatrischen Längsschnittstudie, die vor allem von meinen Mitarbeitern H.Schirm, K.Sadowsky und T.Faus-Keßler (1986) unter Mitarbeit von W.Hawel, M.Zörner, H.-J.Lange und K.Ulm durchgeführt wurde, haben wir über 1600 Neugeborene aus zwei Münchener Frauenkliniken mehrere Jahre lang immer wieder in Abständen untersucht und insgesamt 400 bis 800 Beobachtungen durchgeführt bzw. Meßwerte pro Untersuchung und Kind erhoben. Daraus entstand ein System der Früherkennung von Verhaltensweisen als Basis für die Entwicklungs-Rehabilitation.

Entwicklungs-Rehabilitation ist – das sei hier ausdrücklich vermerkt – ein Kunstbegriff, mit dem ich versuchte, die eigentliche Besonderheit des Kindesalters, nämlich seine Entwicklung – also Wachstum und Differenzierung –, mit den 100 Jahre alten Prinzipien der Rehabilitation in Verbindung zu bringen. Aus dieser Studie entstand die Münchener Funktionelle Entwicklungsdiagnostik (Hellbrügge et al., 1978) als Basisdiagnostik, zunächst nur für das 1. Lebensjahr und etwas später auch für das 2. und 3. Lebensjahr. Mit Hilfe des Bayerischen Fernsehens entstanden 17 Längsschnittfilme, bei denen fünf Kinder über zwei Jahre lang in ihren wichtigen Verhaltensweisen, nämlich Krabbeln, Sitzen, Laufen, Greifen, Perzeption, Sprechen, Sprachverständnis und Sozialentwicklung sowie Selbständigkeitsentwicklung, beobachtet wurden.

Systematische Untersuchungen mit Hilfe dieser Diagnostik, wie sie gemeinsam mit Pechstein und einer Reihe von Doktoranden in Säuglingsheimen in und um München durchgeführt wurden, zeigten schließlich, daß vor allem die Sprach- und Sozialentwicklung durch den Mangel an einer konstanten Hauptbezugsperson zurückblieb. Pechstein hat dies in seiner Publikation Umweltabhängigkeit der frühkindlichen zentralnervösen Entwicklung 1974 näher beschrieben.

Das wesentliche Ergebnis dieser und weiterer Untersuchungen zeigt sich am Beispiel der Diagramme in der Münchener Funktionellen Entwicklungsdiagnostik (Hellbrügge et al., 1999). Am meisten waren die Sozialentwicklung und die Entwicklung zur Selbständigkeit und Kontaktfähigkeit betroffen. Daneben blieb die Sprache deutlich zurück. Dies veranlaßte uns, als neue Basis der Therapie die Eltern zur Früherkennung von Entwicklungsrückständen systematisch einzusetzen. Parallel zur Sendereihe Die ersten 365 Tage im Leben eines Kindes – Die Entwicklung des Säuglings wurde unter dem gleichen Titel ein Buch für Eltern herausgegeben (Hellbrügge et al., 1973), das international eine Anerkennung erfuhr, wie wir uns das kaum vorstellen konnten. Bis heute sind über 30 fremdsprachige Ausgaben erschienen, z.B. in Sprachen wie Assamese, Tamil oder Malaialam, von denen ich vorher nie etwas gehört hatte.

Die verschiedensprachigen Ausgaben dieses Elternhandbuchs führten dazu, daß auf der ganzen Welt nach dem von mir in München begründeten Vorbild Kinderzentren eingerichtet und die Fortbildung im Rahmen der Kinderheilkunde und Kinderpsychologie verbessert wurde. Die Eltern gingen mit ihren Kindern zu den Kinderärzten und verlangten Aufklärung über den Entwicklungsrückstand ihrer Kinder. Die Ärzte konnten jedoch wenig zu den Entwicklungsverzögerungen sagen, denn – um es überspitzt zu formulieren – Sprachverzögerungen lassen sich im Röntgenbild nicht nachweisen. Mit den klassischen Methoden der Medizin, die Anatomie und Physiologie zur Grundlage haben, ließen sich Entwicklung und Sprache, die zurückgeblieben waren oder Abnormitäten aufwiesen, nicht erkennen. Auf der anderen Seite wurde dieser Grundgedanke zur Basis eines neuen Weges der Kinderheilkunde, bei dem etwa Kinderärzte, Kinderpsychologen, Heil- und Sonderpädagogen, Krankengymnasten, Physiotherapeuten auf das engste zusammenarbeiten, um den betreffenden Säuglingen entsprechend den Ergebnissen der vorausgegangenen Basisdiagnostik zu helfen und mit Beteiligung der Eltern einen individuellen Förder- und Therapieplan für jedes einzelne Kind zu entwickeln. Auf der Basis unseres Konzepts entstanden in Deutschland über 120 Kinderzentren, die allerdings meistens eher neurologisch ausgerichtet sind und weniger die Sozial- und Sprachentwicklung berücksichtigen.

Möglichkeiten der Interaktionsdiagnostik

Das Konzept der Entwicklungs-Rehabilitation erfuhr eine unglaubliche Bereicherung, als das Ehepaar Professores Hanus und Mechthild Papoušek im Kinderzentrum München ihre videogestützte Interaktionsdiagnostik einführten. Hier wurde zum ersten Mal das Sozialverhalten zwischen jungem Säugling und Eltern objektiviert und die Untersuchung durch eine Mikroanalyse so verfeinert, daß auch geringe Abweichungen von der Norm ermittelt werden konnten. Mir scheint hierbei das Phänomen besonders erwähnenswert, das im Rahmen der Mannheimer Risikokinderstudie (vgl. Laucht, 2003) entdeckt wurde, die Indikatoren und Risikomodelle für die Entstehung und den Verlauf psychischer Störungen in einer Längsschnittuntersuchung analysierte. Neben organischen Risiken – wie leichten und schweren prä- und perinatalen Komplikationen – wurden auch Kinder mit psychosozialen Belastungen – wie ungünstigen familiären Lebensverhältnissen in leichter und schwerer Ausprägung – näher untersucht. Mir erscheint es als Alarmsignal, wenn rein zahlenmäßig bei Kindern von postpartal depressiven Müttern Interaktionsstörungen in einer Häufigkeit festzustellen waren, die erschreckend ist. Laucht (2003, S.61 u. 63) schreibt:

»Eine zahlenmäßig beachtliche Risikogruppe stellen Kinder postpartal depressiver Mütter dar (10 bis 15% aller Frauen nach der Geburt eines Kindes). In Übereinstimmung mit der Literatur demonstrieren die Ergebnisse der Mannheimer Risikokinderstudie, daß eine depressive Verstimmung der Mutter in der frühen Entwicklungsperiode ihres Kindes mit mehreren negativen Folgen für die kindliche Entwicklung verbunden ist (Murray & Cooper, 1997). So erreichten [nach Murray und Cooper, T.H.] die 22 Kinder, deren Mutter postpartal als depressiv eingeschätzt wurde, ein kognitives Leistungsniveau, das im Grundschulalter 10 IQ-Punkte unterhalb dem einer Kontrollgruppe von Kindern psychisch unauffälliger und psychosozial unbelasteter Mütter lag. Besonders ausgeprägt zeigten sich die Folgen der mütterlichen Depression in Beeinträchtigungen der sozial-emotionalen Entwicklung. Kinder depressiver Mütter wiesen zu allen Erhebungszeitpunkten eine deutlich höhere Rate psychischer Auffälligkeiten auf, die im Alter von 8 Jahren um mehr als das Dreifache gegenüber der Vergleichsgruppe erhöht war [...]. Vor allem externale (d.h. hyperaktive, oppositionelle und aggressive) Auffälligkeiten kamen dabei vermehrt vor.«

Die Ergebnisse dieser Studie sind insofern bahnbrechend, als sie darauf hinweisen, daß hier zwei unterschiedliche medizinische Disziplinen zusammenarbeiten müßten, die normalerweise nur im morphologischen Bereich zusammenarbeiten: Den Geburtshelfer interessiert nach der Geburt eines Kindes eher das in postpartaler Rückbildung befindliche genitale System der Frau. Der Kinderarzt wiederum interessiert sich für somatische, weniger für psychosoziale Phänomene. So bleiben die betroffenen Kinder meistens unbeachtet.

Ein Hauptsymptom dieser kindlichen Pathologie scheint indessen Schreien zu sein. Als Frau Professor Papoušek im Kinderzentrum München ihre Schreibaby-Sprechstunde einrichtete, hatte keiner geahnt, daß diese von so vielen Menschen besucht werden würde. Ich persönlich halte die Interaktionsdiagnostik als Basis für das Erkennen von Interaktionsstörungen für so bedeutsam, daß ich sicher bin, daß in Zukunft jede Kinderklinik, die dem neuesten Stand der Erkenntnisse entsprechend ausgerüstet ist, nicht nur eine Röntgenabteilung, sondern auch eine Abteilung für Interaktionsdiagnostik haben wird. Die Diagnostik ist nicht nur für die Schreibaby-Sprechstunde bedeutsam, sondern für alle Regulationsstörungen, nicht zuletzt auch für die frühe Sprachanbahnung, die ja in erster Linie eine Leistung ist, die aufgrund einer entsprechenden Förderung des Kindes durch die Mutter gelingt.

Die videogestützte Interaktionsdiagnostik gab auch Hinweise auf das Entstehen unserer Sprache und damit auch von Sprachrückständen bei Säuglingen mit Deprivationssyndrom. So konnte mit der Münchener Funktionellen Entwicklungsdiagnostik aufgedeckt werden, daß die präverbale Sprachentwicklung bei hörgeschädigten Kindern im Alter von sechs bis acht Monaten stagniert und somit bereits sehr früh das Verstummen des Säuglings einsetzt. Demzufolge muß man davon ausgehen, daß jede Diagnostik und Therapie einer Hörstörung nach dieser Zeit zu spät kommt. Welche Folgen ein solches Versäumnis für die Sprachentwicklung hat, wurde anhand neurophysiologischer Untersuchungen aus dem Forschungsteam von A.Rainer Klinke am Physiologischen Institut in Frankfurt am Main offenbar. Die Ergebnisse zeigen, daß die für die Sprachentwicklung notwendigen neurologischen Zellen absterben, wenn sie nicht in der frühen Säuglingszeit kontinuierlich aktiviert werden.

Mit der durch die Interaktionsdiagnostik gegebenen Chance der Erkennung von Sprachrückständen hat sich die Situation hörgestörter und gehörloser Kinder verbessert. Während weltweit in der Regel noch zwei Jahre vergehen, ehe die Hörstörung endgültig diagnostiziert ist und Maßnahmen der sogenannten Frühförderung durch die Sonderpädagogen einsetzen können, ermöglicht die Frühdiagnostik bereits eine Sprachanbahnung in den ersten Lebenswochen und -monaten. Der junge Säugling lernt über Sehen, Fühlen, Hören, Schmecken, sogar Greifen, mit seiner Mutter zu kommunizieren. Die Interaktionsdiagnostik zeigt, wie auch Nuancen mimischer Veränderungen im Gesicht der Mutter von ihm nachgeahmt werden, so daß er »Muttersprache« mit allen Sinnen lernt.

Einbeziehung der Eltern in die Entwicklungs-Rehabilitation

Welche Bedeutung diese frühe Sprachanbahnung in den ersten Lebenswochen hat, zeigt überzeugend die normale Sprachentwicklung von gehörlosen Jugendlichen, die in der frühen Kindheit von ihrer Mutter so gefördert wurden, daß sie ihre Muttersprache normal erlernen konnten. Sie studieren inzwischen erfolgreich Medizin oder Pädagogik. Für alle Berufe, einschließlich der Hörgeschädigtenpädagogik, entsteht dadurch die Forderung, sich stärker mit Säuglingen zu beschäftigen und die Sprachentwicklung über Mütter bzw. Eltern bereits in den ersten Lebenswochen zu aktivieren.

Es gibt Skeptiker, die meinen, daß Mütter bzw. Eltern zu sehr betroffen sind, wenn sie erfahren, daß ihr Kind nicht richtig hört. Ich denke, daß Mutterliebe keine »Nebenwirkungen« kennt und daß die Sprachentwicklung des Kindes – die letztlich für die geistige Leistungsfähigkeit und damit die Basis jeglicher Kultur sorgt – als eines der kompliziertesten und differenziertesten Phänomene stärkster Beachtung bedarf. Die angeborene Faszination für das menschliche Gesicht und die Fähigkeit des Babys, auch die geringste mimische Veränderung im Gesicht der Mutter zu imitieren, läßt es als notwendig erscheinen, bei den betroffenen Kindern das Interaktionsverhalten zwischen Mutter und Säugling über videogestützte Mikroanalysen verstärkt zu untersuchen und zu fördern. Dabei kommt dem Stillen – über sämtliche Vorzüge hinaus – eine Schlüsselfunktion für die Entwicklung des Interaktionsverhaltens und der Sprache zu. Der Säugling erlebt seine Mutter mit allen Sinnen und kann während des Stillens überhaupt nirgends anders hinschauen als in deren Gesicht.

Dies ist das Besondere an der Entwicklungs-Rehabilitation: die Plastizität des Gehirns, also die große Anpassungsfähigkeit des jungen Säuglings zu nutzen, damit Kinder mit angeborenen oder früh erworbenen Störungen oder Schäden durch eine gezielte Frühbehandlung vor dem Schicksal des lebenslangen Behindertseins bewahrt werden. Die Erkenntnisse aus der frühen Sprachanbahnung hörgeschädigter Kinder zwingen auch zum Nachdenken über die kulturelle Leistung der Mütter. Durch die Vermittlung von »Mutter-Sprache« geben sie in einzigartiger Weise unsere Kultur weiter, eine kulturelle Leistung, die aus kinderärztlicher Sicht zumindest die gleiche Bedeutung hat wie spätere kulturelle Leistungen von Schule oder Universität.

Der auffällige Rückstand der Sozialentwicklung bei allen Säuglingen mit Bindungsstörungen hatte – als neue therapeutische Grundlage – zur Konsequenz, verstärkt die Eltern einzubeziehen. In der Regel kennt niemand ein Kind besser bzw. kann es besser einschätzen als seine Eltern. Das gilt sowohl für das Erkennen von Entwicklungsrückständen als auch für die Therapie. Eine Sprachtherapie einmal wöchentlich bei einer Logopädin ist wenig sinnvoll, wenn nicht die kontinuierliche Sprachanbahnung über die Mutter als Grundlage erfolgt. Diese Tatsache und die Aufregung, die manche Eltern verspüren, wenn sie mit ihrem Kind in eine Institution, auch eine Kinderklinik, kommen, veranlaßte uns, einen längeren Zeitraum für die Diagnostik und vor allem für die Therapie vorzusehen: Bei einem stationären Aufenthalt üben die Eltern selbst die von den Fachleuten vorgegebenen therapeutischen Details so lange, bis sie sicher sind, daß sie die Therapie zu Hause gut durchführen können. Im Krankenhaus kann die Durchführung über längere Zeit angeleitet werden, bis sich die Eltern kompetent fühlen.

So ist das Herzstück des Kinderzentrums München, obwohl dies in den amtlichen Verlautbarungen kaum vorgesehen ist, die Eltern-Kind-Station, bei der die Eltern in Ruhe über zwei Tage, zwei Wochen oder gar über zwei Monate mit ihrem Kind neue Verhaltensweisen, Krankengymnastik oder Beschäftigungstherapie entsprechend der aus der Montessori-Pädagogik herausgefilterten multisensorischen Heilpädagogik so lange üben, bis sie sicher sind, die notwendigen Fördermaßnahmen bei ihrem Kind zu Hause intensiv und ganz individuell auf ihr Kind abgestimmt durchführen zu können. Dabei spielt das Imitatitonslernen eine außerordentlich große Rolle.

Vor allem der Fall eines Kindes, das aus ärztlicher und medizinischer Sicht völlig normal war, brachte mich auf die Idee, eine umfassende frühe Hilfe über die Eltern zu versuchen. Das Kind hatte seine ersten Lebenswochen und -monate in verschiedenen Tagesstätten und Heimen verbracht, und zwar immer in Gruppen Gleichaltriger, so wie es auch bis heute in der Schule noch üblich ist, daß in einer Klasse jeweils gleichaltrige, gleichbegabte oder gleichgestörte Kinder unterrichtet werden. Dieses Kind war bei der Geburt in ein Heim gegeben worden und hatte inzwischen fünfmal das Heim gewechselt. Als es 15 Monaten alt war, hatte es folgenden Entwicklungsstand: Es hatte ein Laufalter von 13 Monaten, ein Greifalter von elf Monaten, ein Perzeptionsalter von acht Monaten, aber ein Sprechalter von nur sechs Monaten und ein Sozialalter von nur vier Monaten. Bei diesem Kind wurde deutlich, daß völlig gesunde Kinder durch Kollektivpflege vor allem in ihrer Sprach- und Sozialentwicklung geschädigt werden.

Daraus zog ich die Schlußfolgerung: Wenn schon ein gesundes Kind allein durch die Kollektivpflege so stark in seiner Sprach- und seiner Sozialentwicklung (Entwicklung zur Selbständigkeit und zur Kontaktfähigkeit) zurückbleibt, was muß dann aus geschädigten Kindern werden, die aufgrund ihrer Behinderung in eigens hierfür geschaffenen Institutionen aufwachsen? Umgekehrt: Welche Chancen mußten sich bieten, wenn wir diese Tatsache entsprechend interpretierten und die Frühtherapie von geschädigten Säuglingen systematisch in die Hände der Eltern legten (vgl. Hellbrügge, 1999)?

Diese Gedanken führten zur Praxis der Entwicklungs-Rehabilitation. Es ist diagnostisch möglich, bei Kindern frühzeitig grobmotorische, feinmotorische Störungen und Wahrnehmungsstörungen, vor allem auch Rückstände der Sprache und der Sozialentwicklung zu erkennen und die Kinder dann über Entwicklungs-Rehabilitation zu fördern. Das Konzept bildete die Basis zur Eingliederung eines wie auch immer gestörten oder behinderten Kindes in die Familie, und zwar unter Einbeziehung der Eltern als Therapeuten. Es gab auch neue Anstöße zur Gründung eines Kindergartens, in dem mehrfach und verschiedenartig behinderte Kinder mit nichtbehinderten Kindern gemeinsam erzogen wurden. Die Initiative hierzu wurde durch einen Montessori-Kindergarten angeregt, den ich als Mitglied des Ausschusses Vorschulische Erziehung des vormaligen Deutschen Bildungsrates vor Jahrzehnten erlebte.

Die Montessori-Pädagogik beschäftigt sich weltweit nur mit nichtbehinderten Kindern. Ich erkannte aber auf Anhieb, daß in diesem System bis dahin nicht erkannte und deshalb nicht genutzte Chancen einer Hilfe für mehrfach und verschiedenartig behinderte Kinder liegen. Diese Pädagogik ist zudem kindzentriert, d.h. jedes Kind lernt individuell, das eine schnell, das andere langsam. Eine solche kindzentrierte Lernform ermöglicht es, verschiedenartig behinderte, auch geistig behinderte und hochintelligente Kinder gemeinsam zu unterrichten. Das bevorzugte Ziel unseres »Schulversuchs« in München war die Förderung der Sozialentwicklung, der Entwicklung zur Selbständigkeit und zur Kontaktfähigkeit.

Die »Münchener Funktionelle Entwicklungsdiagnostik« als Basis für eine frühzeitige Rehabilitation

Die Münchener Funktionelle Entwicklungsdiagnostik war von vornherein nicht als psychologischer Test oder zur Einordnung des Kindes in ein Entwicklungsschema geplant. Es wurde vermieden, einen Entwicklungsquotienten oder Intelligenzquotienten zu ermitteln, weil dadurch das Kind ja in ein Schema gepreßt wird, in dem es entweder besser oder schlechter abschneidet als der Mittelwert. Statt dessen sollte unsere Diagnostik die Basis für eine frühzeitige Rehabilitation bilden:

Bei Rückständen in der Grobmotorik,

also im Krabbeln, Sitzen oder Laufen, führt sie zu einer erweiterten Diagnostik und in der Regel zu einer entsprechenden Krankengymnastik. Die

Münchener Funktionelle Entwicklungsdiagnostik

deckt nur Entwicklungsrückstände, keine Entwicklungsstörungen auf. Zur Diagnostik von pathologischer Motorik hat sich z.B. die kinesiologische Diagnostik nach Vojta (Überprüfung durch Lagereaktionen) sehr bewährt. Sie stellt die Basis für eine entsprechende Frühtherapie durch die Eltern dar. Die Bobath-Therapie beruht auf einer weniger exakten Frühdiagnostik. Beide Behandlungen haben ihre Indikation, auf die hier aber nicht eingegangen werden soll.

Bei Rückständen in der Perzeption und der Feinmotorik

veranlaßt sie Programme der Ergotherapie oder – wozu wir weiterhin die Basis legten – zu einer Entwicklungstherapie, die ihre Grundlage in dem Konzept der »Physiologischen Erziehung der Idioten« von Éduard Séguin hat (aus der die Montessori-Pädagogik hervorgegangen ist). Eine solche Entwicklungstherapie wird – ebenso wie die heilpädagogischen Programme – bei gemeinsamer Erziehung mehrfach und verschiedenartig behinderter Kinder in Kindergarten und Schule in speziellen heilpädagogischen Lehrgängen durch die Internationale Akademie für Entwicklungs-Rehabilitation in München vermittelt. Gleiche Lehrgänge finden auch an der Pädagogischen Akademie Liepaja und der Universität Riga (beides Lettland), an der Universität Vilnius (Litauen), an der Akademie für Ärztliche Fortbildung in St.Petersburg (Rußland), der Karls-Universität Prag, an der Pädagogischen Akademie Krakau (Polen), außerdem an der Universität Brest (Weißrußland) und der Universität Kasan (Tatarstan) sowie an der Universität Oldenburg und natürlich auch an der Universität München statt. (Nähere Auskunft erteilt die

Internationale Akademie für Entwicklungs-Rehabilitation

im Kinderzentrum München, Heiglhofstraße 63/II.)

Rückstände im Sprechen oder im Sprachverständnis

bedürfen einer weiteren Diagnostik und einer Sprachanbahnung über die Mutter, vor allem in der frühen Kindheit. In solchen Fällen hat sich die videogestützte Mikroanalyse des Interaktionsverhaltens zwischen Mutter und Kind einen hervorragenden Platz gesichert. Mechthild Papoušek hat in ihrem Buch

Vom ersten Schrei zum ersten Wort. Über Anfänge der Sprachentwicklung in der vorsprachlichen Kommunikation

(1994) Näheres dazu erläutert. Ihre Forschungen deckten auf, daß bereits der Säugling eine bis dahin nicht bekannte Kompetenz aufweist, die Umwelt mit allen Sinnen wahrzunehmen, selbstwirksam zu begreifen und auf diese einzuwirken, so daß seine Erfahrungen im interaktiven Austausch mit der sozialen Umwelt integriert werden.

Der Säugling als

The Scientist in the Crib

(dt.:

Forschergeist in Windeln

), so der Titel eines Buchs der amerikanischen Frühentwicklungsforscher Gopnik, Meltzoff und Kuhl, teilt sich in seinem gesamten Verhalten der sozialen Umwelt mit und holt sich von ihr eine spezifische Unterstützung, auf die er bei der Bewältigung aller bevorstehenden Entwicklungsaufgaben angewiesen ist (H.Papoušek, 1999; M.Papoušek, 2001). Der Kompetenz des Säuglings steht die universelle, intuitive Kompetenz der Eltern gegenüber. Nach Papoušek können wir davon ausgehen, daß sich jede Mutter auf ihre eigene Kompetenz verlassen kann. Das befreit von Unsicherheit ebenso wie von der verwirrenden Vielfalt der Elternratgeber: Die klinische Erfahrung mit über 1500 Säuglingen und Kleinkindern und ihren Eltern hat nach M.Papoušek (2001) bisher gezeigt, daß jede Mutter mit mütterlichen Kompetenzen ausgestattet ist, auch wenn es auf den ersten Blick nicht den Anschein hat, und daß jede Mutter ein biologisch verwurzeltes Bedürfnis hat, eine gute, kompetente Mutter zu sein. Die Kompetenzen können durch Verunsicherung, Ängste oder Depression gehemmt, durch intensive Affekte oder vordergründige Egoismen überlagert, durch mangelnde Bemutterung oder unbewältigte Traumatisierungen in der eigenen Kindheit der Mutter zeitweilig unzugänglich sein, und dennoch kann man auf die genuine Motivation und die Fähigkeit der Mutter aufbauen. Die positiven Interaktionen zwischen Mutter und Kind sind vor allem bei der frühen Sprachanbahnung von einzigartiger Bedeutung.

Rückstände in der Sozialentwicklung

machen psychologische oder psychotherapeutische Interventionen erforderlich, vor allem in der Familie, später auch im Kindergarten und in der Schule. Da sich die Sozialentwicklung bei Kollektiverziehung als besonders anfällig erwiesen hatte, ergab sich daraus die konkrete Schlußfolgerung, jegliche therapeutische Hilfe letztlich in das Elternhaus zu verlegen, d.h. in die Hand der Eltern zu legen. Das hatte für Kindergarten und Schule aber auch die Konsequenz, das Kollektiv der altersgleichen und gleich starken oder gleich schwachen (Sonderschule) Klassen aufzulösen und den Schulunterricht in familienähnlichen Gruppen mit verschiedenartigen Kindern stattfinden zu lassen. Letztlich waren die Sozialentwicklung und deren Rückstände bei der Kollektiverziehung der Grund dafür, der mich veranlaßte, einen Kindergarten und eine Schule mit gemeinsamer Erziehung behinderter und nichtbehinderter Kinder zu gründen (Hellbrügge, 1977).

An dieser Stelle ist vielleicht ein Hinweis auf Erhebungen sinnvoll, die wir gemeinsam mit Rosemarie Brendel bei 69 Jugendlichen im Alter von 17 bis 23 Jahren – bei ehemaligen »Lebensborn«-Kindern – durchgeführt haben (vgl. Hellbrügge, 1966a, S.391); es wurden katamnestische Erhebungen und eingehende psychologische und tiefenpsychologische Untersuchungen angewandt. Aus den Krankengeschichten und den Fürsorgeberichten ging ebenso wie aus den biographischen Anamnesen hervor, daß ein großer Teil in den ersten Lebenswochen und -monaten ausgezeichnet gediehen war, solange die Säuglinge von ihren Müttern betreut wurden. Nach wenigen Wochen und Monaten hatten die Mütter die Kinder abgegeben, und es kam bei den Säuglingen trotz ihrer ausgesuchten Herkunft und trotz aller pflegerischen Bemühungen zu einem mehr oder minder ausgeprägten Deprivationssyndrom. Diese Kinder wurden später in Heimen, bei Pflegeeltern und Adoptiveltern aufgezogen.

Im Adoleszentenalter zeigte sich bei den Betroffenen gegenüber einer gleichaltrigen Vergleichsgruppe eine Häufung von neurotischer Verwahrlosung wie etwa Streunen, Wegbleiben von Schule und Arbeit, von Eigentumsdelikten, sexueller Verwahrlosung, krimineller Gefährdung. Die Heimkinder lagen im Adoleszentenalter in ihrem Intelligenzniveau niedriger und hatten Störungen im Leistungsbereich.

Umfassende Entwicklungs-Rehabilitation und Heilpädagogik statt Sonderpädagogik

Das Konzept der Entwicklungs-Rehabilitation bedingt eine umfassende Hilfe durch Kinderärzte, Kinderpsychologen, Heil- und Sonderpädagogen sowie Therapeuten. Für jedes Kind wird unterschiedlich, je nach seinen Fähigkeiten, ein umfassendes Programm zusammengestellt, das von den Eltern zu Hause durchgeführt wird. Da einige Eltern Schwierigkeiten haben, die Übungen ambulant in wenigen Stunden zu erlernen, entstand die erwähnte neue klinische Abteilung, in der weniger das betroffene Kind von Spezialisten behandelt wird, als vielmehr Eltern in Ruhe unter Anleitung die Behandlung für ihr Kind erlernen, um diese dann zu Hause alleine durchführen zu können.

Entwicklungs-Rehabilitation bedeutet aber auch, daß das nichtbehinderte Kind im Kindergarten und später in der Schule lernt, dem behinderten Kind zu helfen. So gründete ich den ersten Montessori-Kindergarten der Welt, in dem mehrfach und verschiedenartig behinderte Kinder mit nichtbehinderten Kindern gemeinsam erzogen werden (vgl. Hellbrügge, 1977, 1978). Diese Gründung wurde zum Vorbild für ein Umdenken in der Sonderpädagogik, im Sinne einer integrierten Schule.

Im Deutschen Bildungsrat erlebte ich vor Jahrzehnten als Kinderarzt, daß jede Auffälligkeit beim Kind zu einer neuen sonderpädagogischen Schulform führte und – noch schlimmer – zu einer spezifischen Unterteilung der Sonderpädagogik in Körperbehinderten-, Geistigbehinderten-, Hörgeschädigten-, Gehörlosen-, Verhaltensauffälligen- etc. Pädagogik. Diese Differenzierung hat in der Pädagogik nicht selten zur Folge, daß das Kind nicht mehr als Ganzes gesehen wird, sondern mehr seine Behinderung im Vordergrund steht. Eine ähnliche Situation finden wir übrigens auch in der Medizin vor, mit meistens leidvollen Erfahrungen für den Patienten. Auch meine eigene Disziplin, die Kinderheilkunde, hat leider solche Untergliederungen in Neuropädiatrie, Kardiopädiatrie, in eine hämatologische, nephrologische und in andere Sparten getroffen. Eine Mutter, die eine Kinderklinik betritt, erschrickt vor den vielen Fachabteilungen und kommt sich mit ihrem Kind weitgehend verloren vor.

Die beschriebene Prägung der Wahrnehmung des Kindes durch die Begriffe ist auch der Grund, warum ich für die Sonderpädagogik wieder den Begriff »Heilpädagogik« eingeführt wissen möchte. Sonderpädagogik steht für ein Absondern, Heilpädagogik steht dafür, daß das Kind auch mit seinen Schwächen Anerkennung findet und als solches angenommen wird.

Gemeinsame Erziehung nichtbehinderter und unterschiedlich behinderter Kinder

Den Begriff »Integration«, wie er in der Pädagogik üblich geworden ist, möchte ich abweisen. Integration bedeutet, daß das schwache Kind an den Maßstäben des starken Kindes gemessen wird und sich diesem Niveau anpassen muß. Die gemeinsame Erziehung behinderter und nichtbehinderter Kinder hingegen bringt Vorteile für das behinderte und das nichtbehinderte Kind. Hierbei werden alte pädagogische Grundsätze wieder lebendig: »Docendi discimus« war eine der bedeutendsten pädagogischen Erkenntnisse der Römer: Wer etwas erklärt, lernt besser. Indem das starke Kind dem schwachen beim gemeinsamen Unterricht etwas erklärt, wird es selbst in seinem Lernprozeß gestärkt.

Daß Kinder von Kindern lieber lernen als von Erwachsenen, hat uns Pestalozzi gelehrt. So wird verständlich, daß die gemeinsame Erziehung behinderter und nichtbehinderter Kinder, wie gesagt, nicht nur für das behinderte Kind, sondern auch für das nichtbehinderte von Vorteil ist. Unsere Kinder in der Grundschule waren – wie die wissenschaftliche Begleitforschung zu unserem Schulversuch ergab – in allen wesentlichen Bereichen den »Parallelkindern« in den Normalschulen überlegen. Sie hatten auch niemals Schwierigkeiten, nach vier Jahren auf das Gymnasium und somit in ein völlig anderes Schulsystem mit Noten und Klassenunterricht zu wechseln, weil sie gelernt hatten, selbständig zu arbeiten und mit Schülern und Lehrern höflich umzugehen.

Für eine Klassengruppe hat sich an unserer Grundschule eine Zahl von 25 Kindern bewährt, von denen etwa sechs unterschiedlich behindert sein sollen. Nur so ist es möglich, daß das geistig behinderte Kind z.B. den Rollstuhl des körperbehinderten Kindes schiebt. Und nur so ist es möglich, daß das körperbehinderte Kind dem geistig behinderten Kind Fähigkeiten in der Mathematik beibringt. Von jeder Behinderungsart sollte aber nur ein Kind die gleiche Klasse besuchen.

Diese Erfahrungen und die zugrundeliegenden Forschungsergebnisse aus der Entwicklungs-Rehabilitation können auch heute noch die Diagnostik von Kindern mit den Symptomen eines schweren Deprivationssyndroms leiten und für die Behandlung dieser Kinder fruchtbare Anregungen geben.

Literatur

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Bowlby, J. (1983): Verlust, Trauer und Depression. Frankfurt a.M. (Fischer Taschenbuch Verlag).

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Burlingham, D. und A.Freud (1949): Kriegskinder. London (Imago).

Gopnik, A., A.N. Meltzoff und P.K. Kuhl (2000): Forschergeist in Windeln. Wie Ihr Kind die Welt begreift. Kreuzlingen (Hugendubel) (Tb.: München, Piper 2003).

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Hellbrügge, T. (Hrsg.) (1978): Die Montessori-Pädagogik und das behinderte Kind. München (Kindler).

Hellbrügge, T. (Hrsg.) (1981): Klinische Sozialpädiatrie. Ein Lehrbuch der Entwicklungs-Rehabilitation im Kindesalter. Berlin u.a. (Springer).

Hellbrügge, T., F.Lajosi, D.Menara, R.Schamberger und T.Rautenstrauch (1978): Münchner funktionelle Entwicklungsdiagnostik. München, Wien, Baltimore (Urban & Schwarzenberg).

Hellbrügge, T. et al. (1999): Münchener Funktionelle Entwicklungsdiagnostik, 1. Lebensjahr. (Fortschritte der Sozialpädiatrie,. Bd.4) (6., unveränderte Aufl.) Lübeck (Hansisches Verlagskontor).

Hellbrügge, T., J.Ehrengut-Lange, J.Rutenfranz und K.Stehr (2003): Circadian periodicity of physiological functions in different stages of infancy and childhood. Neuro-Endocrinology Letters, Bd.24, Suppl. 1, S.66–73.

Laucht, M. (2003): Vulnerabilität und Resilienz in der Entwicklung von Kindern. Ergebnisse der Mannheimer Längsschnittstudie. In: Brisch & Hellbrügge (2003), S.53–71.

Das Leben in und mit der normal hörenden Umwelt – Utopie oder eine echte Möglichkeit? Kongressbericht (2003): 5. Auditory-Verbal Kongress, Planegg (LKHD e.V., Lautsprachlich Kommunizierende Hörgeschädigte Deutschland).

Meierhofer, M. (1974): Frustration im frühen Kindesalter. Dokumentarfilm über die Entwicklung von Säuglingen und Kleinkindern in Heimen. VHS-PAL, ca. 40 Min., stumm, mit Untertiteln, deutsch und englisch. Meierhofer-Institut, Zürich.

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Papoušek, M.M. Schieche und H.Wurmser (Hrsg.) (2004) Regulationsstörungen der frühen Kindheit. Frühe Risiken und Hilfen im Entwicklungskontext der Eltern-Kind-Beziehungen. Bern (Huber).

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Pfaundler, M. von (1915): Die Physiologie des Neugeborenen. In: Döderlein, A.: Handbuch der Geburtshilfe. Bd.1. Wiesbaden (Bergmann), S.725–743.

Schirm, H., K.Sadowsky und T.Faus-Keßler (1986): Münchener Pädiatrische Längsschnittstudie – Früherkennung neuromotorischer Entwicklungsstörungen im Vorschulalter. Stuttgart/New York (Gustav Fischer).

STEPHEN J. SUOMIDie wechselseitige Beeinflussung zwischen genetischen und Umweltfaktoren formt individuelle Differenzen der Verhaltensentwicklung bei Primaten

Einleitung

Dieser Aufsatz beschreibt ein Forschungsprogramm zur Untersuchung der individuellen Differenzen in der Verhaltensentwicklung von Rhesusaffen, und zwar solcher, die in natürlicher Umgebung, wie auch solcher, die in Gefangenschaft aufwachsen. Der Beitrag konzentriert sich auf eine Untergruppe von Affen, die spontan exzessive und sozial unangemessene Aggressionen und andere Muster impulsiven Verhaltens zeigen, darüber hinaus in der gesamten Ontogenese chronische Defizite im Serotoninstoffwechsel haben. Die Forschung zeigt, daß sowohl die genetischen als auch die Umweltfaktoren die Entwicklung dieser das Verhalten betreffenden und biologischen Neigungen deutlich beeinflussen können. Was vielleicht noch wichtiger ist: Die genetischen und die Umweltfaktoren können bei der Prägung dieser Entwicklung tatsächlich interagieren.

Verhaltensforscher behaupten seit langem, daß die soziale Aggression wichtigen Anpassungsfunktionen dient, die weitgehend im Verlauf der Evolutionsgeschichte der Säugetiere entwickelt wurden (Lorenz, 1963). Für das Überleben des einzelnen und den Erhalt einer sozialen Gruppe in aufeinanderfolgenden Generationen scheint es entscheidend zu sein, aggressiv angreifen und verteidigen zu können, um sich selbst, die Familie und Freunde vor Raubtieren und Konkurrenten zu schützen. Eine übermäßige und/oder unangemessene Aggression durch irgendein Lebewesen kann jedoch gerade das soziale Geflecht zerstören, das die Gruppe zusammenhält. Daher muß der Ausdruck der Aggression reguliert werden, d.h. die einzelnen Gruppenmitglieder müssen lernen, welche sozialen Reize eine aggressive Reaktion verdienen und welche nicht. Bei denjenigen sozialen Reizen, die eine aggressive Antwort erfordern, müssen die Gruppenmitglieder lernen, in welchem Ausmaß und für wie lange aggressives Verhalten hilfreich ist, wenn die Gruppe ihren Zusammenhalt auf Dauer erhalten soll. Zu erlernen, wie und wann man ein aggressives Aufeinandertreffen vermeidet und wann und wie es zu beenden ist, falls es dazu kam, kann von größter Bedeutung sein (Suomi, 2000).

Die Entwicklung der Regulationsfähigkeit von Aggression scheint bei Rhesusaffen und anderen hochentwickelten Primaten, die hinsichtlich der Verwandtschaftsbeziehungen und sozialen Hierarchien in gut definierten Gemeinschaften leben, besonders wichtig zu sein. Rhesusaffen leben in ihrer natürlichen Umgebung typischerweise in großen, markanten sozialen Gruppen (»Horden« genannt), die aus mehreren von Weibchen angeführten Sippen bestehen, wovon jede drei oder mehr Generationen umfaßt, sowie aus zahlreichen zugewanderten erwachsenen Männchen. Dieses Muster der sozialen Organisation ergibt sich aus der Tatsache, daß weibliche Rhesusaffen ihr ganzes Leben lang in ihrer Ursprungshorde bleiben, wogegen praktisch alle männlichen Rhesusaffen etwa zur Zeit der Pubertät ihre Ursprungshorde verlassen – gewöhnlich im vierten oder fünften Lebensjahr – und sich dann anderen Horden anschließen (Lindburg, 1971). Die Horden sind auch durch vielfältige soziale Machtbeziehungen gekennzeichnet, einschließlich deutlicher Hierarchien sowohl zwischen als auch innerhalb von Sippen, ebenso durch eine Hierarchie unter den zugewanderten erwachsenen Männchen. Bei diesen Männchen scheint der relative Status weitgehend von der Fähigkeit abhängig zu sein, sich Koalitionen anzuschließen und sie aufrechtzuerhalten, besonders mit hochrangigen Weibchen (Berard, 1989). In der Tat hängt der Machtstatus des einzelnen Rhesusaffen innerhalb seiner Horde nicht so sehr davon ab, wie groß und stark er ist, sondern eher davon, wer seine Familie und seine Freunde sind. Letzteres steht in engem Zusammenhang mit der Entwicklung komplexer sozialer Fähigkeiten während der Ontogenese.

Die Babys von Rhesusaffen verbringen praktisch ihren gesamten ersten Lebensmonat in körperlichem Kontakt zu ihrer leiblichen Mutter. Während dieser Zeit bilden sie eine starke und andauernde spezifische Bindung zu ihr aus. In ihrem zweiten Lebensmonat beginnen sie ihre unmittelbare körperliche und soziale Umgebung zu erforschen und benutzen dabei ihre Mutter als »sichere Basis«, welche diese Exploration unterstützt (Suomi, 1995). Sie beginnen, auch mit anderen Mitgliedern der Horde zu interagieren, vor allem mit Gleichaltrigen. In den folgenden Monaten nehmen die Spielinteraktionen mit Gleichaltrigen sowohl an Häufigkeit als auch an Kompexität stark zu und bleiben bis in die Pubertät auf hohem Niveau bestehen.

Aggressive Verhaltensweisen tauchen im Repertoire des jungen Affen ungefähr zum ersten Mal im Alter von 6 Monaten auf, typischerweise in Zusammenhang mit Spielen und Raufen (Symonds, 1978). Scheinbares Beißen, An-den-Haaren-Ziehen, Ringen und andere Formen von Körperkontakt sind Hauptbestandteile des Raufens unter Gleichaltrigen; sie werden bei den Männchen in der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahrs immer häufiger und werden tatsächlich zur wichtigsten Form des Spielverhaltens in den Jugendjahren. Obwohl bei diesen Raufereien alle grundlegenden Formen des körperlichen aggressiven »Austauschs«, wie er auch unter Erwachsenen vorkommt, zu beobachten sind, ist die Intensität solcher Interaktionen normalerweise ganz kontrolliert und eskaliert selten bis zu dem Punkt, daß jemand körperlich verletzt wird. Falls es dazu kommt, wird die Spielattacke fast immer sofort beendet, durch Eingreifen von Erwachsenen oder durch das Zurückweichen eines oder mehrerer Beteiligter selbst. Die Bedeutung dieser Spielattacken unter Gleichaltrigen für die Aggressionsregulation wird klar, wenn man bedenkt, daß Rhesusaffenbabys, die in künstlicher Umgebung aufwuchsen, wo ihnen ein regelmäßiger Kontakt mit Gleichaltrigen in ihren ersten Lebensmonaten verwehrt wurde, in ihrem späteren Leben unausweichlich exzessive und sozial unangemessene Aggressionen zeigen (Suomi & Harlow, 1978).

Die beginnende Pubertät ist mit größeren Umstellungen im Leben von Männchen und Weibchen verbunden und umfaßt nicht nur größere hormonelle Veränderungen, deutliche Wachstumsschübe und andere körperliche Veränderungen, sondern auch größere soziale Veränderungen für beide Geschlechter. Männchen erfahren die dramatischsten sozialen Brüche. Wenn sie ihr Heim verlassen, brechen sie alle ihre sozialen Kontakte ab, nicht nur mit ihrer Mutter und anderen Verwandten, sondern auch mit allen anderen Mitgliedern ihrer von Geburt an bestehenden sozialen Gruppe. Praktisch alle dieser heranwachsenden Männchen schließen sich rein männlichen »Gangs« an, und nach einer Zeit von einigen Monaten bis zu einem Jahr versuchen die meisten, sich einer anderen Horde anzuschließen, die gewöhnlich nur aus Individuen besteht, die den Männchen, die zuwandern, unbekannt sind (Berard, 1989). Der Vorgang des Auswanderns aus der ursprünglichen Horde ist für die heranwachsenden Männchen außerordentlich gefährlich. Die Sterblichkeitsrate kann von dem Zeitpunkt an, zu dem sie die Ursprungshorde verlassen, und bis zur erfolgreichen Integration in eine andere Horde bis zu 50% betragen, je nach den örtlichen Gegebenheiten (siehe Dittus, 1979). Feldstudien aus jüngerer Zeit haben eine auffallende Veränderung sowohl im Zeitpunkt der Emigration als auch in den Basisstrategien, denen diese Männchen in dem Versuch folgen, sich anderen schon bestehenden sozialen Gruppen anzuschließen, festgestellt und beschrieben.

Heranwachsende Weibchen verlassen dagegen niemals die Sippe ihrer Mutter oder ihre ursprünglichen Horde. Ihre Pubertät ist statt dessen mit zunehmenden sozialen Tätigkeiten in bezug auf die Verwandtschaft mütterlicherseits verbunden, besonders wenn diese jungen Weibchen selbst Junge haben. Die Geburt eines Babys (besonders durch eine Erstgebärende) bringt die Mitglieder der Sippe körperlich und sozial oft näher zusammen und bietet wie zufällig einen Puffer gegen Bedrohungen von außen und gegen Streß sowohl für die Mutter als auch für das Neugeborene. Diese Bande der Weibchen zu Familie und Horde werden während des ganzen Erwachsenenlebens durch eine angemessene Aggressionsregulation unterstützt. Umgekehrt können die Bande gefährdet werden, sofern diese Form der Emotionsregulation schiefläuft (Suomi, 1998).

Individuelle Differenzen in der Aggressionsregulation

Obwohl die oben skizzierte grundlegende Entwicklungsabfolge für die meisten Rhesusaffen, die in Wildnis und Gefangenschaft aufwachsen, charakteristisch ist, gibt es doch bedeutende Unterschiede bei den einzelnen Tieren hinsichtlich Zeitpunkt und relativer Leichtigkeit, mit der sie größere Entwicklungsübergänge schaffen, und auch darin, wie sie die täglichen Herausforderungen und Belastungen bewältigen, die eine unvermeidliche Folge des komplexen sozialen Gruppenlebens sind. Im besonderen haben meine Kollegen und ich eine Untergruppe von Tieren gefunden – die ca. 5–10% der Population ausmacht –, die anscheinend Probleme mit der Regulation ihres aggressiven Verhaltens hat.

Diese Affen scheinen ungewöhnlich impulsiv, unsensibel und übermäßig aggressiv in ihren Interaktionen mit anderen Hordenmitgliedern zu sein. Impulsive junge Affen, besonders Männchen, sind oft unfähig, ihre Reaktion auf Aufforderungen Gleichaltriger zu Raufen und Spiel zu mäßigen. Häufig wachsen sich anfänglich gutmütige spielerische Attacken zu richtigen Kämpfen aus, bei denen die Haut verletzt wird (Higley et al., 1992). Es überrascht nicht, daß die meisten dieser Männchen von Gleichaltrigen beim Spielen und Raufen gemieden werden. Als Folge davon werden sie innerhalb ihrer eigenen sozialen Gruppe zunehmend isoliert. Außerdem scheinen sie nicht willens (oder unfähig) zu sein, den bei Rhesusaffen im sozialen Machtgefüge geltenden Regeln zu folgen. So kann es etwa vorkommen, daß sie ein dominantes erwachsenes Männchen direkt herausfordern, ein törichtes Unterfangen, das zu ernsthaften Verletzungen führen kann, besonders wenn das jugendliche Männchen nicht zurückweicht oder kein unterwürfiges Verhalten zeigt, sobald die Niederlage offensichtlich wird. Impulsive jugendliche Männchen zeigen auch eine Neigung zu gefährlichen Sprüngen von Baumwipfel zu Baumwipfel, manchmal mit schmerzhaften Folgen (Mehlman et al., 1994).

Wir haben herausgefunden, daß übermäßig impulsive, aggressive Affen – Männchen wie Weibchen – durchweg Defizite beim zentralen Serotoninstoffwechsel aufweisen, was sich in chronisch niedrigen Konzentrationen an 5-Hydroxyindolessigsäure (5-HIES), einem Abbauprodukt von Serotonin, im zerebrospinalen Liquor widerspiegelt.1 Laborversuche haben ergeben, daß diese Defizite in den ersten Lebenswochen auftreten und bei diesen Tieren während der ganzen Entwicklung fortbestehen, obwohl die 5-HIES-Konzentrationen im Liquor zerebrospinalis allgemein mit fortschreitendem Alter bei allen Affen zurückgehen. Des weiteren zeigen Tiere mit chronischen Defiziten beim Serotoninstoffwechsel wahrscheinlich auch eine relativ geringe Fähigkeit zur Zustandsregulierung und geringe visuelle Orientierungsfähigkeiten in der frühen Kindheit (Champoux et al., 1994), mangelhafte Leistungen bei Aufgaben mit verzögerter Belohnung in der Kindheit (Bennett et al., 1999) und Schlafstörungen (Zajicek et al., 1997) als Erwachsene. Übermäßig impulsive und aggressive Heranwachsende und junge Erwachsene tendieren auch dazu, exzessive Mengen an Alkohol zu sich zu nehmen, wenn sie über einen Zeitraum von mehreren Wochen täglich im Experiment eine »happy hour« haben können (Higley et al., 1991). Schließlich haben wir gezeigt, daß individuelle Differenzen in der 5-HIES-Konzentration bei Affen ähnlichen Alters und mit vergleichbarer Aufzuchtsgeschichte in hohem Maße vererbt werden (Higley et al., 1993).

Aus prospektiven Längsschnitt-Feldstudien wissen wir jetzt, daß die Langzeitprognose für aggressive junge Rhesusaffen mit niedrigen 5-HIES-Konzentrationen im zerebrospinalen Liquor, die in der Wildnis aufwachsen, nicht sehr vielversprechend ist. Geächtet von ihren Gleichaltrigen und häufig von Erwachsenen beider Geschlechter attackiert, werden die meisten dieser jungen Männchen vor dem Alter von 3 Jahren aus ihrer Ursprungshorde vertrieben, lange vor dem Beginn der Pubertät (Mehlman et al., 1995). Im allgemeinen fehlen ihnen die sozialen Fähigkeiten, um sich einer anderen Horde anzuschließen. Sie scheinen nicht einmal in der Lage zu sein, bei rein männlichen Gangs Anschluß zu finden. Folglich werden die meisten Männchen zu Einzelgängern, und fast alle sterben oder werden innerhalb eines Jahres getötet, lange bevor sie die Geschlechtsreife erlangen (Higley et al., 1996).

Nachdem entdeckt war, daß die individuellen Differenzen bei den 5-HIES-Konzentrationen im zerebrospinalen Liquor stark erblich zu sein scheinen und darüber hinaus die meisten männlichen Rhesusaffen mit ungewöhnlich niedrigen 5-HIES-Konzentrationen im zerebrospinalen Liquor vor der Pubertät eingehen, stellte sich die Frage, wie es möglich war, daß 5–10% der in der Wildnis lebenden Rhesusaffen offenbar chronisch niedrige 5-HIES-Konzentrationen im Liquor zerebrospinalis behielten. Drei mögliche Erklärungen sind schnell gefunden. Eine könnte sein, daß die wenigen Männchen mit niedrigen 5-HIES-Konzentrationen im zerebrospinalen Liquor, die bis zum Erwachsensein überleben, unverhältnismäßig viele Nachkommen zeugen. Neuere Feldstudien legen nahe, daß diese Hypothese höchst unwahrscheinlich ist. Tatsächlich werden die überlebenden Männchen mit niedrigen 5-HIES-Konzentrationen im zerebrospinalen Liquor von den meisten Weibchen aktiv gemieden. Bei den seltenen Gelegenheiten, in denen Paarungsverhalten mit einem Weibchen wirklich vorkommt, neigen diese Männchen dazu, die Weibchen in der Kopulationsfolge weniger oft zu besteigen (Rhesusaffen besteigen in Serie). Sie ejakulieren im Vergleich zu anderen Männchen der Population weniger vor Ende der Kopulationsfolge (Mehlman et al., 1997), und die Wahrscheinlichkeit der Befruchtung der Weibchen ist, wenn die Männchen denn ejakulieren, geringer.

Eine zweite, vielleicht plausiblere Erklärung ist, daß die Tendenz zur Entwicklung eines chronisch niedrigen zentralen Serotoninstoffwechsels sowie die übermäßige impulsive Aggressivität hauptsächlich durch das weibliche und nicht durch das männliche Genom an die nächste Generation der Rhesusaffen weitergegeben werden. Junge Rhesusaffenweibchen mit niedrigen 5-HIES-Konzentrationen sind in der Tat impulsiv, aggressiv und allgemein sozial inkompetent (Westergaard et al., 2003). Anders als die Männchen werden sie aber nicht aus der ursprünglichen Horde ausgestoßen, sondern bleiben für den Rest ihres Lebens in ihren Sippen. Des weiteren zeigen sie ein relativ normales Fortpflanzungsverhalten, bekommen Nachwuchs und ziehen ihn auch auf. Dieser Nachwuchs hat daher sicher ein genetisches Risiko für niedrige 5-HIES-Konzentrationen im zerebrospinalen Liquor und könnte selbst wieder geringe Impulskontrolle und übermäßige Aggressivität entwickeln.