KINDERGEFÄNGNIS und andere verlassene Orte -  - E-Book

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Beschreibung

Die vierunddreißig Autorinnen und Autoren dieser Lost-Places-Anthologie fangen den Schrecken der "verlassenen Orte" in ihren Geschichten ein und würdigen gleichzeitig die Schönheit des Verfalls. Die titelgebende Geschichte "Kindergefängnis" des mehrfach ausgezeichneten Österreichers Peter Paul Wiplinger (www.wiplinger.eu) erzählt in beklemmenden Bildern und in Wiplingers typischer, scheinbar sachlicher Sprache aus einem inzwischen verlassenen Keller heraus von einer gefangenen Kinderseele. Die achtzehn ästhetischen Fotos von Sebastian Schwarz zeigen Gebäude, in denen sich vergangene Lebensweisen wie untergegangene Kulturen spiegeln, die in einigen Jahren so sicher nicht mehr vorzufinden sind. Dieser Band 2 zum Thema "verlassener Orte" setzt den Blick auf die Faszination solcher Orte aus dem ersten Band "Die Zukunft und andere verlassene Orte" (ISBN 978 3 95765 197 6) fort und erinnert an das erste Buch aus dem Jahre 2012.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 369

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Corinna Griesbach (Hrsg.)

KINDERGEFÄNGNIS

und andere verlassene Orte

Ein HALLER-Buch

Außer der Reihe 46

Corinna Griesbach (Hrsg.)

KINDERGEFÄNGNIS

und andere verlassene Orte

Ein HALLER-Buch

Außer der Reihe 46

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© dieser Ausgabe: November 2020

p.machinery Michael Haitel

Titelbild: Sebastian Schwarz

Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda

Lektorat: Corinna Griesbach

Korrektorat: Michael Haitel

Herstellung: global:epropaganda

Verlag: p.machinery Michael Haitel

Norderweg 31, 25887 Winnert

www.pmachinery.de

ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 198 3

ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 890 6

Vorwort | Michael Haitel

Als damals der HALLER 7 zum Thema der »verlassenen Orte« erschien, wusste keiner von uns – weder Corinna noch ich –, was sich daraus entwickeln würde. Der HALLER selbst war eine gut bestückte, aber nicht außergewöhnliche Ausgabe, was den Umfang anging. Ein HALLER eben.

Aber die Geschichten, die sich auf Corinnas Schreibtisch angesammelt hatten, waren nicht nur zahlreich, sondern qualitativ auch zu schade, um sie zu ignorieren, sie nicht zu veröffentlichen. Ein Taschenbuch daraus zu machen, war naheliegend. Es gab keine Diskussionen über die Frage, ob oder ob nicht. Es gab nur Detailfragen.

Klammheimlich entwickelte sich ausgerechnet dieses Buch zu einem großen Erfolg. Ganz nebenbei wurde eine Auflage verkauft, die in meinem Verlag nicht an der Tagesordnung war. Das Buch wurde nicht nur beim Schaltungsdienst Lange produziert, sondern auch über Books on Demand (BoD) in Norderstedt. Und das war das Geheimnis.

Denn die Bücher, die über BoD liefen, tauchten nur – unter anderen Werken – auf den Abrechnungen auf, und niemand achtete da übermäßig drauf. BoD schickte Abrechnungen, überwies Geld, wunderbar. Sehr viel später stellte sich heraus, dass das Buch über BoD – und damit auch über Amazon und andere Plattformen – eine respektable dreistellige Auflage erreicht hatte. Nur die Honorarabrechnung erwies sich als enttäuschend, denn die BoD-Marge war nicht sehr hoch, und die Erlöse, geteilt durch rund fünfzig Autoren …

Ich muss das nicht weiter ausführen.

Die neuen »verlassenen Orte« waren ein gezieltes Projekt, kein Zufall, wie damals der vierte Band der Reihe »Außer der Reihe«. Und diesmal standen die Bilder von Sebastian Schwarz von vornherein im Mittelpunkt – und so war auch die nicht ganz gewöhnliche Formatauswahl der neuen Bücher kein Zufall, sondern volle Absicht. Ebenso wie die Tatsache, dass die neuen »verlassenen Orte« in zwei Bänden erscheinen.

Man gönnt sich doch sonst nichts.

Michael Haitel

Winnert, Herbst 2020

Tiefes Glück | Svea Ninke

Sie war nicht sicher, ob sie es diesmal rechtzeitig schaffen würde. Die morsche Holztür ging immer schwer auf. Und vor zwei Tagen hatte sie sich auch noch bei dem Versuch die Hand verletzt, den großen Fliedertopf über die Terrasse zu schieben. Seitdem trug sie einen dicken Verband.

Darauf konnte sie jetzt aber keine Rücksicht nehmen, sie war ohnehin spät dran.

Helen stieg vorsichtig über die niedrige Gartenmauer und rannte los. Die Garagen entlang, durch das Gebüsch runter zum Fluss, seinem mäandernden Lauf folgend, einhundert Meter, zweihundert Meter, dreihundert Meter, bis die alte Schule plötzlich hinter der nächsten Biegung auftauchte. Ein verfallenes, schlossähnliches Gebäude mit eingestürzten Giebeln und sich gefährlich in den Abgrund neigenden Balkonen. Seit Jahren war dieses verwunschene Prachtstück für die Öffentlichkeit gesperrt.

Verstohlen warf Helen einen Blick über die Schulter, ob jemand hinter ihr denselben Weg am Fluss entlangspazierte.

Niemand zu sehen.

Sie schlug hinter der nächsten Hecke einen Haken und verschwand im dichten Gestrüpp, das sich bis an das verfallene Gemäuer hinzog. Unbeholfen kletterte sie über den kleinen Steinwall, der das Schulgelände an der Rückfront einsäumte. Noch zweiundfünfzig Schritte, dann stand sie vor der Holztür, die sich beherzt gegen das Vergessen stemmte und gleichzeitig alle ungebetenen Besucher ausschloss.

Nun ja, nicht alle.

Sie angelte den angerosteten Schlüssel aus ihrer Rocktasche, drehte ihn im Schloss zweimal herum und drückte dann mit ihrem ganzen Gewicht gegen die abgeblätterte Tür. Mist, der Arm mit der schmerzenden Hand kam ihr dabei immer in die Quere. Also das Ganze noch mal mit links. Sie drückte die Klinke nach unten, stemmte sich gegen den Widerstand – und war drin.

Er würde sicher schon auf sie warten.

Durch die halb blinden, bogenförmigen Fenster fiel kaum Licht. Langsam setzte sie einen Fuß vor den anderen, jeder Schritt wirbelte Staubwölkchen auf, die spiralförmig nach oben tanzten.

Am Ende des langen Flurs stand an einer niedrigen Tür, zu der zwei Stufen nach unten führten, in hübsch gezwirbelter Schrift »Gemeinschaftsdusche«. In längst vergangenen Zeiten hatte die Schule hier unten den Badebereich beherbergt. Nach dem Gymnastikunterricht schrubbten sich die Schüler hier unter den wachsamen Augen der Aufsicht den Schweiß ab, die Tagesheimschüler – Kinder wohlhabender Eltern – durften sogar baden.

Gedankenversunken strich Helen über den brüchigen Rand der alten Marmorwanne, die immer noch in der Ecke thronte. Aus dem Kippfenster darüber hatte man als Kind sogar einen winzigen Ausschnitt des Flusses sehen können, wenn man es wagte, sich auf dem rutschigen Wannenrand auf die Zehenspitzen zu stellen.

In der dämmrigen Nische mit den Fußwaschbecken polterte plötzlich etwas zu Boden.

Helen zuckte zusammen. »Bist du schon da?«, rief sie halblaut durch den wie ein L verlaufenden Saal. Aber nur das Knarzen der Fensterläden in den Scharnieren antwortete ihr. Offenbar frischte der Wind wieder auf. »Bist du im Silentium?«, rief sie noch mal mit gedämpfter Stimme.

Stille.

Sie ging den langen Flur zurück, vorbei an den schmalen Alkoven, in denen immer noch kleine Amorstatuen als Weggefährten auf ihren Einsatz warteten. »Eigentlich ganz schön deplatziert in einer Schule«, dachte sie befremdet, »noch dazu in dieser strengen Gemeinschaft. Und dann auch noch im Badetrakt …«

Sie gelangte zum Knick am Ende des Saals, bog hinter den Fußwaschbecken nach rechts ab und stand vor dem Rundbogen, der in den Ruheraum überging. Acht Liegen aus Stein waren in gleichmäßigem Abstand in einem Halbkreis angeordnet. Über den Boden ringelten sich weiß blühende Ackerwinden, die allen Zeitstürmen zu trotzen schienen. Zwischen den zerbrochenen Fliesen eroberte sich die Natur immer mehr Terrain zurück, sogar einige Lavendelzweige hielten sich am Sockel der Steinbank ganz rechts am Fenster fest und zeigten sich schon ziemlich üppig.

›Erstaunlich, dass der Moderboden ihnen genug Feuchtigkeit spendet‹, dachte Helen. Ihr Blick verweilte kurz auf dem fast schon verblühten Fliederzweig, der sich durch die zersplitterte Luke des Dachfensters geschoben hatte, dann tat sie einen Schritt zur Seite – und fiel vier Meter tief.

Der Sommer kam, der Herbst, der Winter, dann wieder der Frühling, und das Ganze zehn Mal.

Er war keineswegs sicher, ob es eine gute Idee war, in den kleinen Ort zurückzukehren, der ihm so viel Schmerz zugefügt hatte.

Nach außen hin hatte man ihm die Verzweiflung nicht angemerkt. Er hatte weiterhin seine Arbeit gemacht, war danach nach Hause gegangen, hatte seine Frau für das Mittagessen gelobt, das Geschirr in die Spülmaschine geräumt, mit den Kindern im Garten rumgetobt. Erst spät nachmittags hatte er sich immer eine Weile zurückgezogen – angeblich, um ein Seminar vorzubereiten. Meist schaffte er es dann gerade noch bis hinter die Tür des Arbeitszimmers, bevor der Kummer ihn wie eine Woge überflutete. Er ließ den Tränen freien Lauf, wartete still und reglos ab, bis der Schmerz zu einer dumpfen Leere geworden war, und starrte dann noch eine Weile aus dem Fenster, runter zum Fluss.

Nach acht Monaten hatte Elias es nicht mehr ausgehalten und sich einen Vorwand gesucht, um der Familie einen Umzug in die nächstgelegene Großstadt vorzuschlagen. Zu seiner Überraschung stimmten alle, auch seine Frau, ziemlich bald zu.

Inzwischen hatten sich alle dort gut eingelebt, sogar er selbst. Nun, vielleicht sollte man bei ihm eher sagen, er hatte sich eine Art neues Leben »eingerichtet«, gerade so, wie man sich ein neues Zimmer einrichtet. Im gelungensten Fall ganz passabel anzusehen – aber letztlich ohne jede tiefere Bedeutung.

Weil alle anderen ihr Glück gefunden hatten und nur er seines verloren hatte, ohne dass irgendjemand die leiseste Ahnung davon haben konnte, kamen keine großen Beschwerden von seiner Familie, als Elias ankündigte, am übernächsten Wochenende einen alten Freund im ehemaligen Heimatstädtchen zu besuchen.

Und nun saß er also in der gemütlichen Regionalbahn und hörte den Schaffner den so vertrauten Ort ankündigen. Er hob seine Tasche aus dem Gepäckfach, ging zur Zugtür und stieg schließlich als Fünfter der kleinen Warteschlange aus.

Sofort umfingen ihn die vertrauten Klänge. Der Schulbus vor dem Bahnhofsgebäude hupte mahnend, damit die Nachzügler jetzt mal etwas Tempo zulegten, im Bauhof gegenüber schepperte eine Ladung Steine an ihren Bestimmungsort, auf dem Bauernhof daneben meldete sich ein Hahn zu Wort.

Kurz packte Elias die Panik. Ob er seiner Unternehmung wirklich gewachsen war? Doch wie von selbst lenkten seine Schritte ihn auf den Weg zum Fluss.

Als er vor der alten Schule ankam, begrüßte ihn ein baumhohes Schild. »Hier entsteht das neue Schloss-Sanatorium« war darauf zu lesen, und er befürchtete schon, dass jetzt wohl alle Zugänge endgültig versperrt sein würden. Aber dann entdeckte er einen unauffälligen Papierstreifen, der in der rechten Ecke des Schildes aufgeklebt war und verkündete, dass die Bauarbeiten erst in vier Monaten beginnen würden.

Na dann … Vielleicht hatte er ja Glück.

Wie ein Spaziergänger, den es ganz zufällig hierher verschlagen hatte, schlenderte er um das inzwischen fast restlos verfallene Gebäude herum, bis er an dem niedrigen Steinwall ankam, der die Rückseite begrenzte. Automatisch zuckten seine Finger in der Jackentasche und stießen an den klobigen Schlüssel, den er erst heute Morgen dort verstaut hatte, damit er ihm bloß nicht abhandenkam. Er stützte sich kurz auf, setzte mit einem Sprung über die Mauer und stand eine Minute später vor der Holztür zum ehemaligen Badetrakt.

Ohne lange zu überlegen, zog er den Schlüssel aus der Tasche, sperrte auf und verschwand im Inneren.

Mit einem leisen Ächzen fiel die Tür hinter ihm ins Schloss. Elias ging langsam den langen Flur entlang. Nahezu liebevoll legte er unterwegs dem einen oder anderen kleinen Stein-Amor die Hand auf die Schulter oder strich zart über seine Wange. Vor der niedrigen Tür, die zu den Duschen führte, zögerte er kurz. Noch war Zeit, umzukehren, ehe lange verdrängte Gefühle ihn wieder ganz in ihren Bann schlugen. Wollte er wirklich den Abstand, den er in den letzten Jahren so mühevoll zwischen sich und die Vergangenheit gelegt hatte, Schritt für Schritt zusammenschmelzen lassen?

Sachte gab er der Tür einen kleinen Schubs und zwängte sich durch den Spalt, den sie überraschenden Besuchern nur widerwillig zum Durchschlüpfen anzubieten schien.

Links bei den Fußwaschbecken hatten sich zwei Wasserhähne in ihr Schicksal gefügt und aufgehört, sich an die zersprungene Keramik zu klammern. Halb herausgebrochen hingen sie über dem Abfluss, immer noch dienstbereit, mit hinter all den Kalkkrusten hervorschimmerndem Glanz, als könne nicht mal der Verfall ihnen die Würde ihres Daseins nehmen.

Elias wandte sich nach rechts zum Silentium, ihrem alten Treffpunkt.

Der ganze Raum schien bei jedem Schritt zu erzittern, wobei dieser Eindruck sich nur daraus ergab, dass jede Erschütterung eine Kaskade kleiner Steinbrösel aus dem Sockel der Ruheliegen löste.

Wie oft hatten sie sich hier aneinandergeschmiegt, flüsternd, damit nicht mal die Wände Zeugen ihrer Liebesschwüre wären, dann wieder atemlos vor Glück und unerfüllter Sehnsucht.

Helen war fast immer als Erste an ihrem Treffpunkt – er konnte sich ja nur von zu Hause davonstehlen, wenn alle anderen gerade in ihre jeweilige Beschäftigung vertieft waren.

Auch bei ihrer letzten Verabredung hatte er sich erst eine halbe Stunde später als geplant auf den Weg machen können. Doch als er endlich in der verfallenen Schule eintraf, war sie schon fort. Stunden hatte er auf sie gewartet, durch das Fenster über der Badewanne immer wieder zum Fluss gespäht und gelauscht, ob er ihre eiligen Schritte hörte. Aber da war nichts, nur Stille, und ab und zu das Rauschen des Fliederbaumes. Sein schwerer, melancholischer Duft war ihr immer der liebste gewesen.

Irgendwann war er schweren Herzens nach Hause gegangen. Nicht mal eine Nachricht hatte er zu hinterlassen gewagt. Nicht auszudenken schließlich, wenn sie durch einen dummen Zufall doch in die falschen Hände gelangt wäre…

Auch am nächsten Tag blieb Helen verschwunden, genau wie am übernächsten Tag. Und er konnte nicht mal nach ihr fragen. Bei wem sollte er sich denn erkundigen – bei seinen Kollegen? Verdächtiger hätte er sich kaum machen können, wo er sie doch offiziell gar nicht kannte.

Am dritten Tag war dann plötzlich Aufruhr im Ort, denn nun hatte ihre Familie sie offiziell vermisst gemeldet. Heerscharen von Polizisten und freiwilligen Helfern durchkämmten das Waldstück am Fluss und die Wiesen dahinter. Auch Elias machte mit bei der Suche, er durchforstete sogar heimlich das abgesperrte Gebiet rund um die Schlossruine – aber Helen blieb verschwunden.

Und der Kummer in seinem Herzen wuchs, bis er es nicht mehr ertrug, in der Stadt zu bleiben, die ihm so viel Erfüllung geschenkt und ohne jede Erklärung wieder genommen hatte.

Nun wollte er ihn aber noch einmal spüren, den Nachhall des Glücks, das sie zusammen erlebt hatten.

Er setzte sich auf die Steinbank am Fenster, ließ den Blick durch den Raum schweifen. Wie ein verwunschener Garten wirkte er auf dieser Seite. Der Lavendel erstreckte sich stark und kräftig bis hin zur Wand, dazwischen versuchten sich ein paar wilde Kamillenblüten zu behaupten, und rechts grub sich ein mittlerweile schon recht ansehnlicher Ausläufer des Flieders in das Deckenfresko.

Er beugte sich nach vorne, um den geliebten Duft einzufangen, um vielleicht sogar einen kleinen Zweig abzubrechen, der ihm bis zur Heimfahrt noch ein paar Stunden Trost spenden konnte.

Ganz konnte er ihn nicht erreichen. Noch eine kleine Drehung, ein Schritt nach links …

Kurz blieb sein Griff in der Schwebe, die Zeit schien stillzustehen. Dann brach das gesamte Kopfteil der Steinliege mit einem Ruck weg, riss mit donnerndem Getöse einen tiefen Krater in den aufgebrochenen Boden – und alles Vergängliche mit sich.

Monate später grub sich ein Bagger von außen durch die Gemäuer des Badetrakts.

»Vorsicht, hier ist ein riesiges Loch!«, stoppte ein Bauarbeiter die Fahrt seines Kollegen. Beide Männer stiegen über das aufgetürmte Geröll und sahen hinab.

Hinunter zu zwei Skeletten, die friedvoll einander zugewandt dalagen. Die Hände verwoben, die Knie sanft aneinander gestützt, den erloschenen Blick ineinander versenkt. In tiefem Glück.

Kintsugi | Hermann Moser

Blaue Scherben. Goldener Kitt. Eine Teeschale. Der Chef betastete die einstigen Bruchstellen, die wie schmale Täler durch eine Landschaft verliefen. Die goldene Farbe machte den Defekt zur Zierde.

»Das gefällt mir. Die Schale ist wunderschön, weil sie einmal zerbrochen war. Danke, Nyoko! Im Land deiner Mutter gibt es viele interessante Dinge.«

Eigentlich legte der Chef keinen großen Wert darauf, gefeiert zu werden. Aber der Geburtstag brachte auch mit sich, dass seine Mitarbeiterin Nyoko Binder von der Verbrecherjagd abgelenkt war. Er bekam eine Verschnaufpause vom Arbeitseifer seiner hoch talentierten, aber stressigen Mitarbeiterin, die stets sogar ihren Vorgesetzten vor sich hertrieb und ihm dennoch wie eine Tochter ans Herz gewachsen war.

Nyoko küsste ihn auf beide Wangen. »Alles Gute! Diese Kunst aus Japan heißt Kintsugi und ist ein Ausdruck von Wabi-Sabi, der Wahrnehmung der Schönheit.«

»Hat dich der Wandkalender in meinem Büro zu diesem Geschenk inspiriert?«

Sie freute sich, dass er den Gedanken erkannt hatte. »Ja, die Bilder von den verlassenen Gebäuden sind sehr schön. Ich hole ihn …«

Der Chef wollte sie noch aufhalten. Er befürchtete, dass der Kalender Prozesse in Gang setzen würde, die seine Ruhe an diesem Tag gefährdeten, doch sie war zu schnell.

Als Nyoko zurückkam, betrat Klaus Zimmermann, der Leiter der Spurensicherung, das Büro. »Meine herzlichsten Glückwünsche, alter Mann!« Er bemerkte den Kalender in Nyokos Hand. »Wollt ihr den alten Selbstmordfall wieder aufrollen?« Der Chef versuchte noch, ihn mit einem dezenten Fußtritt zu bremsen, doch es war zu spät. Nyokos Augen blitzten auf. Ein ungelöstes Rätsel. Ihr Blick fokussierte sich und zeigte jene Entschlossenheit, die keine Ruhe geben würde, bis der Fall geklärt war.

»Was hat dieser Kalender mit einem Selbstmord zu tun? Wollt ihr mir eine Geschichte erzählen?«

Der Chef stöhnte. »Nyoko, das war vor langer Zeit.«

»Dennoch gibt es anscheinend etwas, das man wieder aufrollen kann. Ich will den Fall lösen.«

Das war es dann wohl mit dem ruhigen Geburtstag. Der Gefeierte schöpfte noch einmal kurz Hoffnung, als sein Mitarbeiter Johann Sturmaier das Büro betrat. Der war nicht nur Kriminalpolizist, sondern auch Leiter der Polizeiblasmusik und trug an diesem Tag die Kapellmeisteruniform. »Alles Gute, lieber Chef! Ich schenke dir heute etwas, das sonst nur hohe Offiziere und der Minister bekommen. Wir spielen ein Ständchen für dich.«

Nicht einmal die Musikkapelle konnte Nyoko bremsen: »Wann soll der Auftritt stattfinden?«

Johann sah auf seine Uhr.

»In zwei Stunden.«

»Dann haben wir noch etwas Zeit für den Selbstmord. Was war damals los?«

Klaus schaute zum Chef und bekam einen resignierten Blick als Antwort. »Den Selbstmord hat vor etwa acht Jahren ein Mann namens Franz Röhrling begangen. Er hatte einige Jahre davor den Bauernhof seiner Eltern in Pfaffingen im nördlichen Waldviertel geerbt. Den Betrieb hat er aufgegeben, um in einer Fabrik in Wien zu arbeiten. Die ist später auch geschlossen worden. Er ist danach zum Hof gefahren und hat sich im Stall erhängt. Das Landeskriminalamt Niederösterreich hat uns um Assistenz gebeten, da der Tote zuletzt hier in Wien gelebt hatte. Wir haben seine Wohnung durchsucht und Menschen in seinem Umfeld befragt. Dabei haben sich keine Beweise ergeben, die gegen einen Suizid gesprochen hätten. Der Fall ist daher von den Niederösterreichern als solcher abgeschlossen worden.«

»Beweise habt ihr keine gefunden, aber ich höre zwischen den Zeilen, dass doch einige Indizien dagegen gesprochen haben. Ihr glaubt nicht der offiziellen Version?«

»Na ja, es war eine klassische Situation. Röhrling hat sich auf einen Stuhl gestellt, den Hals in die Schlinge gelegt und dann den Stuhl weggestoßen. Ich habe mir die Tatortfotos angeschaut, und so wie der Stuhl dort zu sehen war, ist es physikalisch schwer vorstellbar. Den könnte aber auch jemand am Tatort verrückt haben, was natürlich niemand zugeben würde.«

»Warum haben die Niederösterreicher eure Assistenz angefordert? Wenn es für sie ein eindeutiger Suizid war, hätten sie das vermerkt und den Fall abgeschlossen, ohne groß in der Wohnung und bei Bekannten zu ermitteln.«

»So klar war es nicht. Die Kollegen haben sich wegen der fehlenden Schlüssel in zwei Fraktionen gespalten und sehr emotionale Diskussionen geführt. Inoffiziell sind wir sozusagen als Schiedsrichter zugezogen worden, aber es gab einfach keine Beweise für einen vorgetäuschten Selbstmord.«

»Klaus, ich kenne dein Gespür, mit dem du aus winzigen Spurendetails die Abläufe am Tatort rekonstruierst. Wenn für dich etwas unschlüssig ist, glaube ich es ohne wissenschaftlichen Beweis. Was war mit den Schlüsseln?«

»Er hatte keine bei sich, obwohl er mit seinem Touareg hingefahren ist.«

»Das ist aber ein teures Auto für einen arbeitslosen Fabrikarbeiter. Sind seine Vermögensverhältnisse geprüft worden?«

»Es hat keine Auffälligkeiten gegeben, ist aber nicht sehr intensiv angeschaut worden. Die Anhänger der Selbstmordthese haben sich dann doch durchgesetzt.«

Nyoko blickte zu ihrem Chef. »Das tut mir leid! Ich habe mir fest vorgenommen, dir an deinem Geburtstag keinen Stress zu machen, aber die Geschichte stinkt zum Himmel. Ich habe keine ruhige Minute, bis das geklärt ist. Du kannst dich zurücklehnen, ich kümmere mich darum.« Sie nahm den Kalender in die Hand. »Was hat eigentlich dieses schöne Stück mit dem Fall zu tun?«

»Der Fotokünstler Dominik Frandl veröffentlicht Kalender mit Bildern von verlassenen Gebäuden. Er hat damals wohl aus den Medien von dem Selbstmord im Stall des Bauernhofes erfahren und dabei gesehen, dass es sich um ein lohnendes Motiv handeln könnte. Seither kaufe ich jedes Jahr ein Exemplar.«

»Hast du noch den von damals mit dem Stall?«

Während Johann sich verabschiedete, um zur Musikkapelle zu gehen, holte der Chef den alten Kalender. Nyoko nahm ihn und betrachtete das Bild des Stalles. Durch die trüben Fenster fiel nur mattes Licht. Der Fotograf hatte ohne große Scheinwerfer die schön schaurige Stimmung eingefangen. Der Kalk bröckelte von den Wänden. Die aus dunklen Brettern gezimmerte Tür hing etwas schief in den rostigen Angeln. Nyoko glaubte beinahe, das Quietschen der Gelenke zu hören. Auf dem Boden lag noch lose verteiltes Stroh. Die Decke bestand aus langen Latten, die auf schweren Querbalken lagen. Etwas Licht drang durch die Ritzen zwischen den unregelmäßig geschnittenen Brettern. So ein Spalt musste auch Platz geboten haben, um einen Strick um den Balken zu binden.

Nyoko ging zu ihrem Computer und suchte die elektronische Akte. Sie betrachtete Fotos desselben Raumes. Keine Poesie des Verfalls, sondern ein wissenschaftlich aufbereiteter Suizid. Hell erleuchtet. Einige Stellen waren mit Nummernschildern versehen. Am Deckenbalken hing Franz Röhrling. Das chemisch-giftgrüne Seil war offenbar eine neu gekaufte Kunstfaser. Auf jedem Bild befand sich rechts oben eine Aktennummer.

Nyoko zoomte in das Foto. Röhrling war sportlich gekleidet. Auf dem Poloshirt sah sie das Logo einer Designermarke. Er trug eine teure Uhr. Nyoko erinnerte sich, dass Klaus seinen SUV erwähnt hatte. Sie klickte durch die Akten. Auch die Wohnung in Wien war sehr groß und schön. Er hatte dennoch keine Schulden gehabt. Wie war er zu dem Geld gekommen?

Sie schaute zu ihrem Chef und Klaus auf. »Irgendetwas stimmt hier nicht. Warum hat er seinen Hof nicht verkauft? Einen besonders sentimentalen Zug zur Landwirtschaft kann man ihm nicht nachsagen. Den Betrieb hat er aufgegeben und ist in eine Fabrik arbeiten gegangen. Er hat das Anwesen auch nicht gepflegt, um es zum Beispiel als Wochenendhaus zu nutzen. Dabei hatte er offenbar gar nicht so wenig Geld. Trotzdem ist er zu dem Ort, der ihm nicht sehr viel bedeutet hat, zurückgekehrt, um sich umzubringen. Warum? Ich sehe in den Unterlagen viele Scherben: ein verlassener Hof, Arbeitslosigkeit, Selbstmord. Wir müssen sie wieder zusammenkleben. Kintsugi ist nicht nur die Schönheit des Vergänglichen, es ist das Leben mit all seinen Sprüngen, eine ganze Schale und dennoch viele Scherben. Wenn wir alle Aspekte des Lebens von Franz Röhrling zusammenfügen, wissen wir vielleicht, was damals passiert ist. Chef, ich will dort hinfahren und mir den Bauernhof anschauen.«

Der Chef nahm einen tiefen Zug aus seiner kalten Pfeife. »Wir sind unterbesetzt, seit Christian bei der internationalen Polizeimission in Georgien ist. Die Akten stapeln sich auf den Schreibtischen und du willst einen acht Jahre alten Selbstmord wieder aufrollen, der nicht einmal in unsere Zuständigkeit fällt.«

»Christian kommt in zwei Wochen zurück und ich zähle die Tage, weil ich meinen Ex-Freund so vermisse. Wir können die Stapel auf seinen Schreibtisch stellen. Ich würde sagen, dass es neue Hinweise auf Straftaten von Franz Röhrling gibt. Die inoffiziellen Einkommen sind ungeklärt. Wir prüfen, ob er damals mit Komplizen gearbeitet hat, die heute noch aktiv sind.«

»Nyoko, sei mir nicht böse, aber du verrennst dich. Es gibt keinen Anhaltspunkt für ein konkretes Verbrechen, daher auch nicht für Mittäter. Das war ein niederösterreichischer Fall, dort gibt es auch ein Landeskriminalamt. Wir wollen die Kollegen nicht vor den Kopf stoßen.«

»Dann will ich mir zumindest Bilder anschauen. Der Fotokünstler hat sicher viele Aufnahmen gemacht. Ich werde ihn anrufen.«

Während der Chef Luft holte und gedanklich einen Einwand formulierte, hatte Nyoko bereits den Telefonhörer in der Hand. Sie erreichte den Fotografen sofort unter der Nummer, die hinten auf dem Kalender vermerkt war.

Nach kurzer Diskussion gewährte der Künstler Nyoko Zugriff auf die Bilder seines digitalen Archivs.

Sie schaute sich die Fotos an, wechselte immer wieder zwischen den Aufnahmen, zoomte hinein und wieder hinaus, machte Notizen und Skizzen. Sie legte den Kopf nachdenklich zurück. »Er hätte mit den Fotos dieses Hofes alleine einen ganzen Kalender gestalten können. Du hast recht, Chef. Diese Verwitterung von alten Gebäuden ist wirklich schön. Das Gras rund um das Gebäude ist beinahe meterhoch und der Künstler hat das Licht beeindruckend eingefangen. Er ist auf die Bäume geklettert, um trotz des hohen Grases auch Außenaufnahmen machen zu können. Hier sieht man sogar einen Ast in das Bild ragen, wie bei einer japanischen Tuschmalerei. Hm. Trotz der Verwahrlosung ist die Zufahrt anscheinend regelmäßig benutzt worden.«

»Das Befahren einer Straße im nördlichen Waldviertel ist keine Straftat in Wien.«

»Irgendetwas fehlt. Ich spüre diese Unruhe, wenn etwas nicht vollständig ist. Was ist es nur?« Sie klickte durch die Fotos, blätterte in den Unterlagen. »Moment! Das ist doch ein …« Noch schnelleres Klicken. »Natürlich! Klaus, warst du damals bei der Spurensicherung im alten Wohnhaus dabei?«

»Nein. Auch in Niederösterreich gibt es Forensiker. Die haben keine Veranlassung gesehen, wegen eines Selbstmordes ein verlassenes Haus zu durchsuchen.«

»Es ist benutzt worden. In allen Räumen bedeckt eine dicke Staubschicht die Böden. Nur der Gang hinter der Haustür ist gewischt worden.«

Klaus ging zu Nyokos Schreibtisch und schaute auf den Monitor. »Das haben sie wahrscheinlich für den Fotografen gemacht.«

»Dann hätte der vorher Fotos des unberührten Zustandes geschossen.« Sie wechselte zu einer Außenaufnahme. »Noch spannender ist das hier.«

»Das ist ein Kellerfenster. Was ist daran so aufregend?«

»Die Scheibe ist im Gegensatz zu allen anderen nicht zerbrochen. Außerdem ist die Reflexion des Sonnenlichtes anders als bei den übrigen Fenstern. Wahrscheinlich wurde es als Einziges instand gehalten und besteht daher aus modernerem Glas, auch wenn sie sich bemüht haben, den Rahmen ursprünglich aussehen zu lassen. Wenn ich es vergrößere, ist die Scheibe seltsam schwarz. Könnte es innen von einer dunklen Folie verklebt worden sein?«

»Mit deiner Sturheit findest du immer wieder interessante Dinge. Wie schaut der Raum auf den Innenaufnahmen aus?«

»Jetzt sind wir an dem Punkt angelangt, wo ich etwas vermisst habe. Es gibt keine Fotos vom Keller. Dort hätte es sicher spektakuläre Motive gegeben. Altes Gerümpel kann sehr stimmungsvoll sein, vor allem wenn es von einem talentierten Menschen in Szene gesetzt wird. Ich rufe noch einmal den Künstler an.«

Sie drückte auf die Wahlwiederholungstaste und schaltete den Lautsprecher des Telefons ein.

»Dominik Frandl.«

»Hallo! Hier ist noch einmal Nyoko Binder vom LKA Wien. Ich habe noch eine Frage: Gibt es auch Aufnahmen vom Keller des Bauernhofes?«

»Ich wurde wegen Einsturzgefahr der Räume im Untergrund leider nicht hinuntergelassen.«

»Die Decke des Kellers ist der Fußboden darüber. Dort hatte er keine Angst um Ihre Sicherheit?«

»Das ist allerdings eigenartig. Sherlock Holmes ist anscheinend als Polizistin mit japanischem Vornamen in Wien wiedergeboren worden.«

»Wissen Sie noch, wer der Besitzer des Hofes nach dem Selbstmord von Franz Röhrling war?«

»Das war sein Bruder Jakob. Er hat mich bei den Aufnahmen begleitet.«

»Vielen Dank! Sie haben mir sehr geholfen.«

Nyoko wandte sich nach dem Telefonat an ihren Chef. »Jetzt kannst du mich nicht mehr zurückhalten. Ich muss nach Pfaffingen und mir diesen Keller anschauen. Dort finden wir den Kitt, der die Scherben zusammenhält.«

»Du hast es wieder einmal geschafft, mich neugierig zu machen. Aber erspare mir bitte wenigstens heute einen Konflikt mit dem Nachbar-LKA. Ich rufe die Kollegen an, damit sie die Situation vor Ort besichtigen.«

Nyoko tippte auf ihrer Tastatur. »Ich habe gerade Jakob Röhrling im System geprüft. Er ist voriges Jahr bei einem Verkehrsunfall gestorben. Das Auto war ein Porsche 911 Turbo. Schon wieder ein Mensch, der mehr Geld besessen hat, als er sollte. Aha! Im Wrack ist eine nicht registrierte Pistole gefunden worden. Die Durchsuchung seines Wohnhauses hat aber keinen Hinweis auf kriminelle Aktivitäten ergeben. Den Bauernhof haben sie nicht angeschaut. Sie haben Röhrling als harmlosen Waffennarren eingestuft. Die Kollegen sind mir etwas zu schnell beim Abschließen ihrer Fälle. Ich schaue noch, wem der Hof jetzt gehört … ein Immobilieninvestor … es gibt bereits Genehmigungen für den Abriss des Hauses und den Bau einer Reihenhausanlage. Jetzt haben wir keine Zeit für Kompetenzstreitigkeiten. Klaus, komm! Wir fahren sofort hin! Chef, bitte informiere das LKA Niederösterreich über den Einsatz wegen Gefahr im Verzug. Aber bitte genieß deinen Geburtstag und mache es so langsam, dass wir vor ihnen dort sind. Die haben auch einen weiten Weg von St. Pölten nach Pfaffingen.«

Kurz darauf stiegen Klaus und Nyoko in ihr Auto, einen Mazda 323 GTR, der früher bei Rallyerennen im Einsatz gewesen war. Die farbenfrohe Gestaltung zeugte noch von den Aufklebern der einstigen Sponsoren.

Klaus versuchte, es sich im Rennsitz bequem zu machen. »Diese Sportwagengurte sind sehr unpraktisch. Bitte fahr so, dass dein Auto kein Symbol für Vergänglichkeit wird.«

Mit quietschenden Reifen verließen sie das Polizeigebäude und stießen beinahe mit der Musikkapelle zusammen. Der Kapellmeister schüttelte den Kopf.

Der Immobilieninvestor Markus Kammerlander stand vor dem Bauernhof, der einst den Röhrlings gehört hatte, beim großen Schild, das die hier geplante Reihenhausanlage anpries. Sogar die Bäume auf dem Bild der Werbetafel waren nach einem regelmäßigen Muster angeordnet. Wohnen im Grünen.

Kammerlander sah eine Staubwolke in rasendem Tempo näherkommen. Gekonnt glich die Fahrerin den Drift bei der Vollbremsung aus. Ein Rallyeauto. War das wirklich die Polizei?

Er hatte mit einer Frau namens Nyoko Binder telefoniert. Erst als die asiatisch aussehende Frau ausstieg, war er sicher, dass es sich um den angekündigten Besuch handelte.

Nyoko ging zu ihm und stellte sich vor. »Vielen Dank, dass Sie sich so rasch Zeit nehmen konnten.«

»Ihre Androhung eines vorübergehenden Baustopps bis zur langwierigen Genehmigung der Durchsuchung war sehr motivierend.«

»Entschuldigung! Wir haben Hinweise auf diesen Keller bekommen, denen wir dringend nachgehen müssen. Sie haben das Haus sicher auch schon angeschaut.«

»Nur sehr oberflächlich, da der Abriss von vornherein geplant war. Im Keller befindet sich nur altes Gerümpel, keine Räuberhöhle.«

»Wenn es so ist, sind wir schnell fertig. Gehen wir hinein.«

Hinter einer Tür im Hausflur befand sich der Abgang zum Keller. Nyoko und Klaus schalteten ihre Taschenlampen ein. Sie erreichten eine vollgeräumte Kammer. Kisten, Blumentöpfe, Geschirr, rostige Geräte.

Klaus sondierte den Kram. »Die Sachen wurden alle schon lange nicht mehr angerührt. Vielleicht bist du ausnahmsweise falsch gelegen.«

»Wenn ich an die Fenster denke, ist dieser Raum viel zu klein. Es muss noch einen geben. Hier lässt das Gerümpel einen kleinen Gang frei, der als Einziges staubfrei ist. Du sagst doch immer, dass Spuren verwischen neue Spuren erzeugt. Schauen wir, wo das hinführt.«

Sie kamen zu einem Kasten und öffneten ihn. Er war leer. Nyoko klopfte gegen die Rückwand. Hohl.

Klaus inspizierte das Möbel. »Sieht so aus, als ob du dem Chef als Ausgleich für den Stress an seinem Geburtstag einen Erfolg schenken könntest. Vielleicht ist das eine Geheimtür. Ich suche den Öffnungsmechanismus.«

»Den brauchen wir nicht.« Die Trägerin eines schwarzen Karategürtels beseitigte das letzte Hindernis auf dem Weg zum Geheimnis mit einem Fußtritt – Mikazuki Geri. Die Rückwand des Kastens leistete keinen Widerstand.

Im Schein der Taschenlampen stand eine alte Apparatur. Klaus untersuchte sie. »Das ist eine Destillationsanlage. Haben wir einen Schwarzbrenner überführt?«

»Hier befindet sich noch etwas. Ist es das, was ich befürchte?«

»Du liebe Güte!«

Vor ihnen standen Glaskolben, Laborkühler, verbunden mit Schläuchen, Bunsenbrenner, eine Waage. Auf einem weiteren Tisch stand eine Tablettenpresse.

Klaus begutachtete die Chemikalienflaschen. »Das sind die Ingredienzien zur Herstellung von Amphetamin. Nyoko, du hast eine Speedküche aufgespürt.«

Sie gingen wieder nach oben, wo gerade niederösterreichische Polizisten eintrafen, die über die Einmischung der Wiener Kollegen sehr erbost waren. Das legte sich aber, als Nyoko von ihrem Fund berichtete. Sie ging zu Kammerlander. »Es tut mir leid, aber ich befürchte, das wird doch ein längerer Baustopp. Klaus! Wir feiern jetzt den Geburtstag meines Chefs. Immerhin sind wir hier nicht zuständig.«

Als Nyoko am nächsten Tag in ihr Büro kam, wurde sie von einem Chef empfangen, der viel entspannter als an seinem Festtag war.

»Guten Morgen, Nyoko! Heute habe ich schon ein paar nette Telefonate geführt. Ich darf dir den Dank der niederösterreichischen Kollegen und des Drogendezernats sowie ein besonderes Lob des Polizeipräsidenten ausrichten.«

»Der Präsident? War die Drogenküche so eine große Sache?«

»Du hast ja keine Ahnung, was du da aufgestöbert hast. Eine Tablettenpresse hinterlässt eindeutige Individualspuren, vor allem wenn sie älter ist. Die Kollegen haben inzwischen interessante Zusammenhänge rekonstruiert. Du hast sicher noch die Daten des Röhrling-Falles im Kopf. Was war 2004?«

»Franz Röhrling hat den elterlichen Landwirtschaftsbetrieb aufgelassen und ist nach Wien gezogen.«

»In diesem Jahr hat das Speedangebot in Wien deutlich zugenommen, vor allem Tabletten. Wir wissen jetzt, dass sie in der Drogenküche der Röhrlings produziert worden sind.«

»Der Fabrikjob war also nur Tarnung. In Wirklichkeit ist er als Dealer nach Wien gekommen.«

»Das sehen die Suchtgiftkollegen auch so. Kommen wir nach 2008.«

»Der Selbstmord von Franz Röhrling.«

»Kurz davor sind fünf junge Menschen an verunreinigtem Speed qualvoll gestorben, vermutlich ein Produktionsfehler. Das ist als ›Speed Kills‹-Fall in die Geschichte eingegangen und bis gestern nicht geklärt worden.«

»Wahrscheinlich hatte Franz Röhrling doch noch ein paar menschliche Regungen und Gewissensbisse. Hat er sich selbst umgebracht oder wollte er sich stellen und ist von seinem Bruder gestoppt worden?«

»Nach einigen Monaten hat sich in der Szene anscheinend niemand mehr daran erinnert. Der Verkauf ist nach einer kurzen Unterbrechung wie früher gelaufen. Was war voriges Jahr, also 2015?«

»Der Unfall von Jakob Röhrling, bei dem auch eine Schusswaffe gefunden worden ist.«

»Genau! Auf einem Foto der Hausdurchsuchung danach sieht man genau den Typ Seil, mit dem sich Franz Röhrling erhängt hat. Also hat wahrscheinlich Jakob seinen Bruder ermordet. Kurz nach dem Unfall sind die Speedtabletten endgültig aus dem Wiener Markt verschwunden. Was war gestern?«

»Wir haben die Drogenküche gefunden und damit die Röhrlings als Urheber identifiziert.«

»Noch in derselben Nacht hat die Suchtgiftabteilung mit den nun bekannten Namen die Ermittlungen wieder aufgenommen. Jakob Röhrling hat nach dem Tod seines Bruders ein Netzwerk von Dealern aufgebaut. Die Kollegen konnten schon drei Händler verhaften, die noch immer hochaktiv mit Substanzen anderer Hersteller waren.«

Nyoko rief den Fotografen an und berichtete ihm die Neuigkeiten. Er erzählte ihr von seinem neuesten Projekt. »Ihr Anruf hat mich inspiriert, die Fabrik zu suchen, in der Franz Röhrling gearbeitet hatte. Jetzt stehe ich hier und es ist ein Einkaufszentrum. Es schaut genauso aus wie alle anderen Konsumtempel. Nur ein Stück einer Backsteinmauer der alten Fabrik hat der Architekt als künstlerisches Element stehen gelassen. Sogar ein paar Rohre hängen dran. Die sind aber nicht original, sondern bei der Errichtung des Einkaufszentrums angebracht worden. Man hat die Teile sogar künstlich gealtert. Fotomotiv finde ich hier keines, wenn ich nicht in die Werbebranche einsteigen will.«

»Das ist schade. Ich habe einmal Kintsugi-Schalen aus maschineller Fertigung gesehen. Die Scherben sind bei allen exakt gleich und das Gold ist nicht echt. Dafür sind sie billig.«

kindergefängnis | Peter Paul Wiplinger

im halbdunkel des kellers stehen mit dem gesicht zur kalkweißen wand nur durch ein hoch oben knapp über dem gehsteig angebrachtes kleines fenster einem sogenannten gugerl fällt etwas licht herein und zerteilt das dunkel in hellere und dunklere bereiche des zweiräumigen kellers in dem es modrig riecht nach eingelagerten erdäpfeln und sauerkraut nach möhren und sellerie im sand und nach katzenurin und katzenkot in diesem gemüsebeetkatzenklo unbeweglich stehen dass du dich ja nicht rührst und schon gar nicht anlehnst oder woanders hinstellst hatte die erzieherin dieses ehemalige bdm-weib eindringlich und in scharfem ton zu mir gesagt bevor sie die vergitterte tür hinter sich schloss den reiber umdrehte sodass sich die tür von innen nicht mehr öffnen ließ selbst nicht mit gewalt jedenfalls nicht mit der kraft die ich als kleiner bub mit etwa acht bis zehn jahren hatte und dann schloss sie auch noch die zweite türe die flügeltüre am ausgang des zweiten kellerraumes und drehte das licht ab sodass es zuerst ganz dunkel war und wie mir schien sich der erste raum in dem ich stand erst ganz langsam durch das licht das durch das kleine schmale gleichfalls mit einem feinmaschigen drahtnetz vergitterte kellerfenster hoch oben an der kante zum gewölbten plafond hereindrang erhellte auch wenn du schreist wird dich niemand hören hatte die erzieherin noch triumphierend gesagt auch wenn du noch so sehr schreist wird dich draußen niemand hören der keller lag ja tief unten und die steinernen mauern waren vielleicht mehr als einen meter dick nein da wird dich niemand hören sagte ich zu mir selber in diesem gefängnis in diesem verlies wie der gefangene ritter löwenherz kam ich mir vor versetzte mich in diese seine lage als gefangener im verlies irgendeiner burg in dürnstein sagte mir später einmal eine lehrerin und diese fantasievorstellung ein gefangener ritter und nicht ein geschlagener im keller meines elternhauses eingesperrter bub zu sein erleichterte mir mein los durch diese heroisierung ich war kein niemand mehr wie man mir gesagt hatte sondern doch ein jemand ein eingesperrter ritter in einem dunklen verlies einer burg und schon begann meine fantasie zu arbeiten an der weiß gekalkten wand verfolgte ich die linien der verschiedenen risse im kalk und verputz und plötzlich wurden aus den rissen grenzen wurden flüsse und gebirge und aus den durch diese risse gebildeten flächen wurden länder und meere und schon war ich nicht mehr in diesem mir verhassten keller in dem wir auch kurz zuvor noch bei fliegerangriffen im letzten kriegsjahr gesessen waren sondern ich befand mich plötzlich und wieder einmal denn ich hatte dieses spiel schon des öfteren gespielt wenn ich hier eingesperrt war also ich befand mich plötzlich in einer weiten unbekannten welt in einer welt von der ich aus büchern die ich gerne las wusste dass es sie gab in der ich aber noch nie gewesen war außer in meinen vorstellungen oder im traum aber da vernahm ich wieder ohne dass sie im raum gewesen wäre die schneidende stimme der erzieherin die sagte nein fast schrie eine halbe stunde hast du hier unbeweglich zu stehen und mach ja nicht in die hose sonst stehst du noch eine verlängerungshalbestunde zur strafe also verkneif dir dein lulu ansonsten setzt es noch was zu dieser strafe dazu erziehungsmaßnahmen nannte sie das ich glaube die eltern wussten nichts davon denn diese erzieherin die selbst nur eine unausgegorene göre wie die deutschen so was nannten war sagte immer wieder beim strafvollzug und zu deinen eltern brauchst du gar nichts zu sagen die wissen das sowieso und ich bin die erzieherin ich soll dich erziehen und einen folgsamen anständigen buben aus dir machen du missratenes stück kind du ja so ähnlich sprach sie für mich damals unbegreiflich und heute das gesamte szenario unverständlich das geschehen diese art von strafe und erziehung unmenschlich eine einzige kindesmisshandlung und sonst nichts aber es sollte ja auch ein anständiger bub aus mir werden ich war ja wie man sagte völlig aus der art geschlagen ich war aufsässig nein nicht von natur aus sondern durch diese erzieherin geworden und nur bei ihr war ich so und manchmal auch bei meinen eltern sozusagen aus kindlicher rache dafür dass sie mich einer solchen erzieherin aussetzten wenn sie doch wussten wie dieses weib dieses dem bdm-mädchentum entwachsene weib wirklich war nämlich bösartig sadistisch grausam gefühllos und hart im keller war es ganz still autos fuhren damals noch nicht über den marktplatz nur die schritte der vorbeigehenden konnte man hören man hörte das klappern von sandalen im sommer und das auftreten mit festeren schuhen zu einer kälteren jahreszeit da das eingesperrtsein in diesem keller noch schwerer zu ertragen war als im sommer wenn ich den kopf zur seite drehte sah ich auch die füße und ein stück von den beinen der am trottoir über mir am kellerfenster vorbeigehenden und ich stellte mir vor wer diese leute waren manchmal schrie ich auch aber ich wusste dass mich niemand hören konnte und so war auch mein schreien mein trotziges wehgeschrei mehr ausdruck meines zorns und meiner wut als ein hilferuf eine ewigkeit wie mir schien stand ich dann jedes mal so da ich unartiger ich der ich aus der art geschlagen war wie sie sagten eine halbe ewigkeit stand ich so da längst schon musste ich dringend aufs klo aber bloß nicht daran denken sonst wird es noch ärger das war meine erfahrung sich ablenken mit allem was nur möglich ist das war die devise das war das rezept um diese tortur halbwegs gut und heute würde ich sagen würdevoll zu überstehen und irgendwann ging dann wieder die tür auf und die erzieherin kam mit stolz geschwellter brust herein packte mich an den haaren und zog mich hinaus in den zweiten kellerraum und dann hinauf bis zur stiege ins sogenannte vorhaus in den eingangsbereich zwischen haustor und geschäftstür und ausgang zum hof und dann zischte sie noch wie eine schlange nur dass du es dir merkst du elender fratz nur damit du es dir auf ewig merkst du verdammter bengel du hast mir zu gehorchen und keine schwierigkeiten zu machen und brichst du dein versprechen brav zu sein so wanderst du gleich wieder einmal in den keller dann stehst du aber eine ganze stunde und das überstehst du nicht so leicht wie das soeben jetzt also gib endlich deinen trotz auf und mach das was ich dir sage und was ich will und zwar ohne widerrede sondern in blindem gehorsam denn ich bin deine erzieherin und du bist in wirklichkeit nichts also merk dir das und vergiss das nie und ich habe das alles auch nicht vergessen und heute mit fünfundsiebzig jahren da ich mich wie so oft daran erinnere an diese erziehungsmaßnahmen an diese grausamkeit an diese kindesmisshandlungen an diese quälerei spüre ich immer noch wie meine wut hochkommt mein zorn in mir brennt genauso wie damals als ich ein kind war

Schnee | Leveret Pale

Der Tod und das Eis knirschten unter den Sohlen, als Robespierre seinen Weg durch die Grabesstille bahnte, vorbei an gähnenden Fenstern und klaffenden Gassen, aus denen anklagend das Schweigen der Toten hallte.

Trotz der Handschuhe schmerzten seine Hände. Die kalte Luft stach in seinen Lungen. Schwerfällig stieg er unter der Last mehrerer Pullover und einem Rucksack voll mit seinem restlichen Hab und Gut über den Schutt.

Das gelbe Natriumdampflicht der Straßenlaternen schimmerte in den gefrorenen Pfützen, an den Bergen aus Schnee und den mit Frost überzogenen Mauern. Es schien ihm, als würde Eiter aus den Eingeweiden der Stadt quellen. Der schwarze Nachthimmel erstickte alles einem Sargdeckel gleich und begrub es im Schnee. Schneeflocken schnitten mit ihrer Kälte in Robespierres Gesicht. Er blinzelte, als er über die Leichen stieg, und trotz aller Mühe schaffte er es nicht, ihnen auszuweichen. Er zuckte jedes Mal zusammen, wenn die gefrorenen Knochen krachend unter ihm brachen. Überall lagen sie – in ihren steifen Kleidern und mit blauen Gesichtern, die Eiszapfen aus Nasen und Lidern ragend – und verschwanden langsam unter dem Schnee.

Ein Quieken ertönte und Robespierre erstarrte. Was war das gewesen? War es das Pfeifen seiner Lungen? Nein, er hörte es noch mal, ein Keuchen, menschliche Laute, die vor ihm aus dem Schnee drangen. Sein Magen zog sich zusammen. Er zitterte. Zwei blaue Augen starrten ihn aus halb offenen Schlitzen hinter den Gläsern einer Gasmaske an, die langsam, aber rhythmisch immer mehr beschlug. Ein Arm tauchte aus dem Schnee auf und streckte sich, um dann wieder kraftlos zu fallen. Robespierre kniete sich hin, nahm die schlaffe Hand des Überlebenden.

Dumpfe Silben drangen durch den Filter der Maske. »Ziee … Zaa … Ma …«

»Sie leben. Oh, mein Gott«, sagte Robespierre und beugte sich vor.

»Ziek … diii … Mak … die Maske.«

Robespierre zog sie dem Fremden vom Gesicht.

Kleine Dampfwolken stiegen auf und verschwanden in der Finsternis. Der Mann unter der Maske war nicht viel älter als Robespierre. Ein dichter, schwarzer Bart, auf dem sich die weißen Flocken niederließen, umrahmte das junge Gesicht, das fast genauso blass war, wie der Schnee drum herum. Die Augenlider und die Wangen hingen gelähmt herunter, nur die brüchigen Lippen bewegten sich kaum merklich.

»Danke«, wisperte der Überlebende.

»Sie werden dadurch nur schneller sterben, befürchte ich. Ich meine …« Robespierre hielt inne. Wie kalte Maden durchkroch ihn das Gefühl der Scham und Angst. »Es tut mir leid.«

»Bischt du … a … ein Geischt?«, fragte der Mann.

»Nein. Ich glaube nicht.«

»Hascht du … ein Gegen…mittel?« Die blauen Augen bewegten sich hinter den zufallenden Schlitzen langsam umher, als würden sie versuchen, Robespierre in der Ferne ausfindig zu machen.

»Nein.«

»Warum bischt … du dann hier?«

»Ich bin immun, nehme ich an.«

Der Sterbende schloss die Augen. Ein letzter Dampfschwaden entwich seinem Mund und löste sich vor Robespierre in Nichts auf.

»Bleib wach«, rief der junge Mann, aber seine Stimme erstickte im fallenden Schnee. Er packte die Leiche an der Jacke und schüttelte sie, dass die Spucke und das Blut ihm über den Mantel spritzten. »Lass mich nicht allein!« Er ließ die Jacke los und brach in Tränen aus. »Nicht allein. Ich kann das nicht.«

Die kalte Luft drang tief in seine Lungen ein wie ein Schwert.

Er schniefte den kalten Rotz in seine taube Nase und zwang seine Knie, ihn dem Himmel entgegenzustemmen.

Er ging weiter. Er hatte keine andere Wahl, denn zurücksehen konnte er nicht.

Das rhythmische Knacken des Eises unter ihm war sein einziger Begleiter in der Stille.

Er kam an den dunklen Schaufenstern der großen Tech-Riesen vorbei. Erschöpft lehnte er sich an einer der gelblich leuchtenden Straßenlaternen an.

Sein Blick wanderte über die Straße und die lange Reihe an Lichtkreisen, die in der weißen Schneewand verblasste. Wenn die Stromversorgung für die öffentliche Beleuchtung wieder funktionierte, dann waren vielleicht auch die Telefonnetze wieder online. Er bräuchte nur Strom, dann könnte er sein Smartphone aufladen und übers Netz herausfinden, ob es andere Überlebende gab. Nur, wo würde er Strom finden? Er sah an der Straßenlaterne hinab, aber die Stahlabdeckung, die die Anschlüsse verbarg, war mit dicken Schrauben fixiert. Ohne Werkzeug würde er sie nicht öffnen können. Er ließ seinen Blick über den Platz schweifen.

Vor wenigen Tagen noch hatte die Sonne geschienen, die Menschen waren durch die Straßen geschwärmt. Kleine Kinder hatten lachend gespielt, während ihre Eltern Kaffee tranken. Die Republik hatte erst vor einem Monat den hundertsten Jahrestag ihrer Ausrufung und das dreißigjährige Bestehen des Friedens gefeiert. Die Wirtschaft florierte, die Stimmung war golden, fröhlich, friedlich. Tausende Arbeitslose strömten aus der Allianz, um in der Republik Arbeit zu finden, während in ihrer Heimat die alten Patriarchen zähneknirschend auf ihren Thronen saßen und in Predigten und in den Medien gegen die verkommenen Separatisten gehetzt und vom totalen Krieg geschwärmt hatten. Hohles Politikergerede war es in Robespierres Ohren gewesen, die gleiche alte Propaganda, wie sie seit Jahren in einem fernen, anderen Ort lief. Bis die Bedrohung dann eines Tages schlagartig über den realen Alltag hereingebrochen war.

Und nun war alles unter meterdicken Schnee vergraben und die Geschäfte wirkten wie hohle Gerippe, jeder Bedeutung und Pracht beraubt. Leichen pflasterten die Straßen und Plätze. Er erinnerte sich noch an den Tag, als es plötzlich mitten im Sommer anfing zu schneien. Es war keine Woche her, und doch schien es ihm wie ein Traum. Er hatte in seinem Zimmer gesessen und Codes für seine Kunden entworfen, als er merkte, wie sich draußen Menschenmengen versammelt hatten und zum Himmel starrten, während vereinzelte Schneeflocken herabrieselten und die Dächer und Autos mit einer dünnen Schicht von Weiß bedeckten. Er war zu ihnen getreten. Die Kinder waren aufgeregt, die Erwachsenen schwiegen verunsichert, die Priester tuschelten. Plötzlich erbrachen sich die Menschen, die Ersten fielen einfach so um.

Und dann waren die Sirenen losgegangen.

Viele waren schlagartig gestorben, die anderen flohen in die Bunker. Als sie jedoch erkannt hatten, dass der Tod bereits mit dem Schnee gekommen war und durch die Filter der Belüftungsanlagen drang, waren sie wie Maden aus den maroden Bunkern an die Oberfläche gequollen, um für Heilung zu beten. Gott blieb schweigsam, und so fiel einer nach dem anderen gelähmt in den kalten Morast.

Nur Robespierre war geblieben. Einsam auf der Suche nach Überlebenden, wartend auf die Truppen des Feindes, die irgendwann einmarschieren würden. Zumindest dachte das Robespierre, denn es wirkte in seinen Augen sinnlos, ein Gebiet zu entvölkern, wenn man nicht plante, es danach einzunehmen. Aber die Panzer und die schwarzen Banner mit dem Roten Kreuz waren nirgendwo zu sehen, nicht einmal Flugzeuge konnte er hören. Alles wirkte dadurch noch leerer. Absoluter Stillstand, absolute Sinnlosigkeit.

So allein wie Robespierre war, wirkte es, als ob es egal wäre, ob er existierte oder nicht. Niemand nahm ihn wahr und er konnte niemanden wahrnehmen. Er befand sich in einem sozialen Vakuum. Es war fast so, als würde er nicht existieren, in der Schwebe hängen. Er war es als Alleinstehender gewohnt, tagelang allein zu sein, aber das hier war etwas anderes, dieser absolute Mangel an jeglichem Leben um ihn herum. Das Gefühl war fast noch schlimmer als die Kälte; ein flaues, unerträgliches Ziehen durch seinen gesamten Körper und Verstand, als würde er gar nicht wirklich da sein.

Er gab sich einen Ruck und zwang sich dazu weiterzugehen, den Platz zu überqueren und an den Schaufenstern entlangzulaufen. Er durfte jetzt nicht den Verstand verlieren. Er musste so ruhig bleiben, wie er es bereits in den letzten Tagen gewesen war. Durchhalten, weitermachen, später am Abend etwas weinen, aber nun musste er weitermachen. Es gab in den Gebäuden sicher keinen Strom, aber vielleicht konnte er in einem der Tech-Geschäfte eine Art von Ladestation für sein Smartphone finden.