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Wie lange kann man hoffen, bis man daran zerbricht? Und wie stark ist ein Herz, das nicht aufhört zu kämpfen, während keiner merkt, dass es in tausend Stücke zerfällt? Elena wünscht sich nichts sehnlicher, als Mutter zu werden. Ein Wunsch, der leise beginnt und mit der Zeit immer lauter wird. Ein Buch über das Menschsein. Und unsichtbare Liebe.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Er lässt keuchend von mir ab, und ich spüre, wie der heiße Samen meine Schenkel hinunterläuft. Bald würde er eingetrocknet auf meiner Haut kleben. Ich ringe mir ein Lächeln ab. Es wirkt aufgesetzt. Ihn scheint das nicht zu stören. Vielleicht bemerkt er es auch gar nicht. Noch ein paar Minuten nebeneinanderliegen und Händchen halten, dann gehe ich ins Bad und schließe die Tür hinter mir.
Dabei war es nicht immer so. Im vorletzten Sommer sind wir übereinander hergefallen wie zwei Teenager, die aus den Bettlaken gar nicht mehr herauskommen. Er oben, ich unten, ich oben, er unten, von hinten, von vorne, in der Küche, im Bad. In den Umkleidekabinen des örtlichen Schwimmbads, in der Damentoilette des Restaurants Zum goldenen Adler des Nachbarortes, auf dem Schreibtisch im Büro seiner Mutter – vor allem dort, weil sie es hasste, mein Stöhnen vom Zimmer nebenan mitzuhören, während sie gerade damit beschäftigt war, ihren Angestellten Dienstanweisungen zu geben.
Ich seufze und drehe den Wasserhahn der Dusche auf. Dabei fällt mein Blick auf die kleine rote Seife in Herzform, die wir damals auf unserer Hochzeitsreise in Sizilien gekauft haben. Sie duftet herrlich und sollte uns immer an unsere Liebe und an unsere fantastischen Flitterwochen erinnern.
Ich schnuppere an ihr.
Man riecht fast nichts mehr.
Ich denke, dass nicht nur der Duft der Seife verblasst ist.
Reiner und Silke haben uns ein bombastisches Fest bereitet – alles war perfekt: der Blumenschmuck, das lange weiße Brautkleid, mein Mann. Sogar das Wetter mit seinem strahlend blauen Himmel und den zwei herzförmigen Schäfchenwolken am Horizont. Die Band spielte, das Essen war ein Traum, die Gäste lachten und tanzten.
Ich war mir ganz sicher, dass auch meine Eltern im Himmel mitfeierten und sich für uns freuten. Unser propangefüllter Gruß in ihr Reich war schließlich unübersehbar. Jeder Gast durfte einen Wunsch für das Brautpaar auf einen Zettel schreiben und diesen dann mit einem roten Heißluftballon in Herzform in den Himmel steigen lassen. Auch ich schrieb einen Zettel und blickte dem Luftballon nach, wie er höher und höher stieg.
Ich war mir sicher, dass mein größter Lebenstraum nun endlich in Erfüllung gehen würde. Es gab gar keinen Zweifel. Ich war so glücklich.
Ben zog mich an sich und küsste mich innig.
Was er wohl auf seinen Zettel geschrieben hatte?
Nirgends schmecken Orangen besser als in Sizilien. Der Bauer hatte sie uns geschenkt. Wir schälten sie und sogen den Saft mit dem Mund heraus. Über uns flirrte die Sommerhitze, ein paar Silbermöwen zogen am klaren Himmel vorbei.
Von der kleinen Anhöhe, auf der wir unsere Picknickdecke ausgebreitet hatten, konnten wir auf das Meer blicken. Weiße Schaumkrönchen tanzten auf den Wellen, die auf den menschenleeren Strand rollten. Die Farben des Wassers reichten von Türkis über Tiefblau.
Ich nahm eine Orangenhälfte und ließ ein paar Tropfen des Saftes auf Bens nackten Oberkörper träufeln. Dann leckte ich sie ab. Seine Haut schmeckte leicht salzig. Er lachte – ich auch. Dann packte er mich mit seinen Armen und fuhr mit seiner Zunge meinen Hals hinauf bis zu meinen Lippen. Es wurde ein langer Kuss …
Er beugte sich über mich und ich spürte, wie er sich in mir bewegte, während das Rauschen des Meeres und des Windes mein Keuchen mit sich forttrug. Ich zog ihn an seinem Kopf noch näher an mich heran. Auf meinem Gesicht: sein warmer, unregelmäßiger Atem. Wir schauten uns in die Augen.
Unser Glück war vollkommen.
Dann der Wochenmarkt mit den vielen Früchten, Gewürzen, Farben, Gerüchen – und der roten Seife. Ein kleines duftendes Herz. Bald würde so ein Herzchen auch unter meiner Brust schlagen, davon war ich überzeugt. In unseren Flitterwochen wollten wir es erstmals ausprobieren. Es darauf ankommen lassen. Dem Leben eine Chance geben. Unser Kind einladen. Warum auch nicht? Alles war perfekt. Alles vorbereitet. Ordnungsgemäß verheiratet. Das Nest gebaut. Direkt nach unserem Urlaub würden wir in unser neues großes Haus einziehen. Silke und Reiner hatten weder Kosten noch Mühe gescheut. Das junge Paar sollte ein schönes Heim erhalten. Ich war ihnen so dankbar gewesen. Unser Haus. Der neuen Familie sollte es an nichts mangeln.
Dabei mangelt es an allem. Aber das weiß ich erst jetzt.
Ich lasse das heiße Wasser über meinen Körper laufen – als ob ich damit auch all die Erinnerungen und Enttäuschungen abwaschen könnte. Ich reibe mich mit Seife ein und versuche auch den Frust von mir loszulösen. Besonders penibel achte ich darauf, meine Schenkel und meine Vulva zu reinigen. Hier müssen ganz viel Wasser und Schaum ran.
»Nur mit lauwarmem Wasser abwaschen«, hatte Dr. Sprenger zu mir gesagt, als ich zum wiederholten Mal wegen einer Infektion vor ihm auf dem Behandlungsstuhl saß.
Ich habe nur an ihm vorbeigesehen – aus dem Fenster – und genickt. Draußen spielten die Kinder nach dem Unterricht auf dem Schulhof. Man konnte sie schemenhaft durch den hellorangen Vorhang hindurch erkennen. Ihr Gelächter drang bis zu uns in den dritten Stock hoch.
»Das reicht vollkommen«, hatte er gesagt und gelächelt.
Er konnte ja nicht wissen, dass das keineswegs stimmt. Die verschiedensten Seifen und Cremes habe ich schon ausprobiert, um diesen leicht moschusartigen Geruch zu verdecken – meinen Geruch. Ein wenig herb, aber zugleich auch fein-süßlich. Es war nichts zu machen. Er ließ sich nicht überdecken. So sehr ich mich auch darum bemühte. Er war einfach immer da.
Der Geruch war da. Meine Vulva war da. Meine Organe. Meine Hoffnung. Meine Enttäuschungen. Mein Frust. Meine Trauer. Sie waren alle da.
Aber gerade Letztere konnte man nicht sehen. Und nicht riechen.
Nur wegwaschen wollte ich alles – reinmachen. Das konnte mir der Arzt nicht verbieten. Jede neue Duschcreme ein neues Versprechen. Vielleicht war ja dieses Produkt das richtige. Nur die kleine rote Seife lag unberührt da. Vielleicht hätte ich mich damit einseifen sollen? Ganz gründlich, außen am ganzen Körper und auch innen – wie eine Behandlung. Vielleicht hätten sich die Liebe und die Zuversicht, die wir damals hatten, wie durch Magie auf meinen Körper übertragen. Vielleicht hätte ich so endlich die Erfüllung meiner tiefsten Sehnsucht erwarten dürfen.
Nachdenklich nehme ich die Seife in die Hand und drehe sie hin und her. Sollte ich die Verpackung aufreißen und mich wirklich damit einreiben?
Nein. Noch nicht.
Irgendwie habe ich das Gefühl, dass mit dem Verbrauch der Seife auch unsere Liebe verbraucht würde. Als ob sich – wenn dieser kleine rubinfarbene Tensidling nach und nach schrumpft – auch unsere Ehe auflösen würde. Bis nichts mehr übrig bliebe. Keine Seife, an der man sich festklammern konnte. Keine Erinnerung. Kein Hoffnungsschimmer. Noch trägt sie ganz leicht den Duft einer glücklichen Zukunftsvision, die ich kaum mehr habe. Ich kann sie nicht aufbrauchen. Fast wage ich nicht, an ihr zu schnuppern. Auch der Geruch verbraucht sich, fürchte ich.
»Schatz?«
»Ich bin gleich fertig.«
Rasch trockne ich mich ab, schlüpfe in meinen Schlafanzug und putze mir die Zähne. Sogar die Haare kämme ich, obwohl das eigentlich unnötig ist. Es ist mir lieber, mich so aufgeräumt vor Ben zu zeigen und ordentlich ins Bett zu gehen.
Überhaupt ist alles ordentlich hier. Das neue Haus: ein Vorzeigeobjekt. »Beste Bauqualität«, hat Reiner gesagt. Neue Möbel, maßgeschneidert, helles Holz. Die Einrichtung sehr stilvoll. Modern und gleichzeitig von zeitloser Eleganz. Silke hat einen exzellenten Geschmack und mir war es recht, dass sie die Inneneinrichtung übernehmen wollte.
Reiner und Ben kümmerten sich um den Bau. Mein Part war jener der wartenden, glücklichen Verlobten. Einige meiner Freundinnen konnten das nicht verstehen. »Das ist doch euer Haus«, sagten sie.
»Dein Haus! Du solltest auch mitbestimmen, wie es aussehen soll.« Sie konnten nicht verstehen, dass es mir recht war, mich nicht darum kümmern zu müssen. Ich wollte doch gar keine Möbel aussuchen, stundenlang in Geschäften stehen oder im Internet nach Dingen suchen, von denen ich keine Ahnung habe. Ob wir sie je brauchen würden? Wie sollten sie aussehen? Ich wusste es nicht.
Es war ja nicht so, dass mich meine Schwiegereltern ausschließen wollten. Ich hatte mich selbst außen vor gelassen. Das war allen recht. Der Schwiegermutter, weil sie alles alleine aussuchen und einrichten durfte, dem Schwiegervater und Ben, weil sie das Haus nach ihren Vorstellungen erbauen lassen konnten. Natürlich gab es auch Rücksprachen. Ob ich damit einverstanden sei, weiße Marmorplatten für die Küchentheke zu verwenden. Was wusste ich schon davon? Ich nickte nur und lächelte. Ob es mir recht sei, das erste Kinderzimmer gleich um die Ecke links zu planen. Wieder ein Nicken. Sehr gerne. Der Schwiegervater und mein Mann hatten ja schon zig Mal alle möglichen Varianten durchdacht und den Bauplan auf Herz und Nieren geprüft – was hätte ich also dagegen haben können? Ob die Position des zweiten Kinderzimmers neben dem Elternschlafzimmer auch für mich so in Ordnung gehe. Natürlich. Die Position war mir egal.
Ich sah uns schon zu fünft im großen Wohnzimmer umhertoben. Genau genommen im Wohn- und Esszimmer – die Räume sind nicht getrennt. Anschließend an die geräumige Küche wartet ein weiterer großer Wohnraum mit einer überdimensionalen dunkelgrauen Couch darauf, mit Leben gefüllt zu werden.
»Du kannst dich doch nicht damit abfinden, dass hier alles fremdbestimmt wird in eurem Haus«, meinten einige meiner Freundinnen. Dabei war ich doch froh, mich nicht mit dem ganzen Stress belasten zu müssen. Was wusste ich schon von einem Hausbau? Von der passenden Inneneinrichtung eines modernen Familienhauses? Da hatte ich doch keine Erfahrung. Und außerdem konnte ich mich so auf das Wesentliche konzentrieren – auf uns. Auf unsere Zukunft. Auf meine
Rolle als baldige Ehefrau und Mutter.
Viele meiner Freundinnen konnten das nicht verstehen. Ich solle mich doch einbringen und mich nicht so unterjochen lassen, sagten sie. Dabei empfand ich die Tätigkeiten meiner Schwiegereltern als unglaublich befreiend. Ich war erleichtert, mich nicht um die Arbeiter oder die Wahl der Möbel kümmern zu müssen. Noch viel befremdlicher erschien ihnen aber meine ungemeine Freude darauf, endlich Ehefrau und Mutter zu werden.
»Althergebracht, so etwas«, sagte Janine, als ich bei einem unserer Treffen verkündete, dass ich es kaum erwarten konnte, endlich zu heiraten – mit allem Drum und Dran.
»Wir Frauen sind doch heute nicht mehr dazu gezwungen, einem solch traditionellen Rollenbild zu entsprechen«, meldete sich auch Alexandra zu Wort und schlürfte an ihrem Aperol Spritz. Währenddessen rückte sie sich demonstrativ die Sonnenbrille auf ihrer Nase zurecht.
»Nun lasst sie doch«, versuchte Lisa mir beizustehen, »heute kann eben jeder so leben, wie er oder sie will.« Sie zwinkerte mir aufmunternd zu und tätschelte mich kurz am Arm, so wie man einem gekränkten Hund kurz über den Kopf streicht, um ihn zu trösten.
Ich kam mir plötzlich verkehrt vor in meiner vertrauten Runde. Wieso war es nicht in Ordnung, die Schwiegereltern einfach das für uns machen zu lassen, was sie ohnehin viel besser können als ich und außerdem sowieso am liebsten selbst tun? Wieso reichte es nicht, dass ich einfach dabei zuschaute, nickte und mich auf unser gemeinsames Heim freute? Warum fanden es meine Freundinnen alle schrecklich wichtig, dem Haus einen individuellen Touch zu verleihen, indem ich unbedingt selbst irgendwelche extravaganten Vasen oder exotischen Gegenstände im Raum platzierte? Wieso reden überhaupt immer alle davon, sich selbst entfalten und ihre Individualität ausleben zu wollen?
Ich will das nicht.
Ich wollte einfach nur heiraten. Und eine Familie gründen.
Warum ist dieser Wunsch nicht genug? Darf ich als moderne Frau mir heute nicht mehr wünschen, nur mehr Ehefrau und Mutter zu sein?
»Du musst doch mehr wollen«, war Janines Ansicht.
Aber was meint sie mit diesem Mehr? Ich wollte einfach nur einen Mann. Ein Haus. Eine Familie. Punkt. Das war schon immer mein größter Wunsch, seit ich denken kann. Der Sinn meines Lebens. Warum sollte das nicht reichen?
»Guten Morgen, mein Schatz.«
Ben küsst mich auf die Nasenspitze und grinst mich an. In seinen Händen hält er einen selbst gepflückten Blumenstrauß – Frühlingsboten aus unserem Garten.
Unser Jahrestag! Fast hätte ich ihn vergessen. Wie konnte mir das nur passieren? Erst vor ein paar Wochen habe ich mit Lisa darüber gesprochen und Gott sei Dank gleich ein Geschenk eingepackt. Ein neues Hemd – nicht sehr originell, aber Ben soll gut aussehen in seinem Job und freut sich am meisten über nützliche Geschenke.
Ich lächle meinen Mann an.
Gut sieht er aus mit seinem braunen, leicht gelockten Haar und dem kantigen, aber doch freundlichen Gesicht. Die fröhlichen, grüngrauen Augen blitzen. Wann ist Ben eigentlich nicht gut gelaunt? In dieses Lächeln habe ich mich damals – vor acht Jahren – verliebt.
Ich richte mich vom Bett auf und umarme ihn spontan.
»Alles Gute zum Jahrestag«, flüstere ich in sein Ohr.
Er erwidert meine Umarmung und zieht mich nun etwas fester an sich.
Meine Wange liegt auf seiner Schulter. Ben ist sehr groß und athletisch. Unter seinem T-Shirt spüre ich die Wärme seiner Haut und die straffen Muskeln. Seine Hand wandert langsam von meinem Nacken den Rücken hinunter bis zu meiner Taille. Stück für Stück tasten sich seine Finger nach vorn … Das kitzelt auf meinem Bauch! Mit der anderen Hand zieht er mir mein Pyjamaoberteil aus und legt sich neben mich aufs Bett ...
Wir schälen uns langsam wieder aus den Laken. Ich bin gut gelaunt. Es ist unser Jahrestag und ich fühle mich auf angenehme Weise zurückversetzt in die Zeit, als alles noch leicht war. Heute gibt es keinen Stress, keine Arbeit, keine Sorgen.
Wie am Anfang unserer Beziehung.
Ben hat sich dieses Wochenende freigenommen, wir wollen einfach nur unter uns sein. Ein bisschen Zweisamkeit würde uns guttun – meinten auch seine Eltern vor einer Weile und haben uns zu meinem Geburtstag einen Gutschein für ein Wellnesshotel am Gardasee geschenkt. All inclusive. Reiner war nicht begeistert, Ben den ganzen Samstag entbehren zu müssen. In letzter Zeit klopft er immer öfter auch am Wochenende an und beauftragt Ben mit irgendwelchen Bilanzen aus der Buchhaltung oder anderen Dingen. Anfangs hat er sich noch gegen die ständige nicht-werktägliche Invasion gewehrt, doch mittlerweile bin ich mir nicht mehr sicher, ob es ihn überhaupt noch stört.
»Ich habe schon Frühstück gemacht.«
Er reicht mir lächelnd seine Hand und zieht mich vom Bett hoch. Der Tisch auf unserer Terrasse ist festlich gedeckt. Weiße Servietten mit roten Herzen liegen neben den Tellern, auf denen frisch gebackene Brötchen duften. Verschiedene selbst gemachte Marmeladen und Honig vom Imker aus dem Nachbarort stehen daneben.
Nachdenklich rücke ich meinen Stuhl zurecht und setze mich, während Ben mit der Kaffeemaschine in der Küche hantiert. Ich lasse meinen Blick über unseren Garten, die umliegenden Felder und die nahen Berge schweifen.
Es ist so idyllisch.
Ich war sofort begeistert von unserem Haus, weil es mitten im Dorf und doch abgeschirmt im Grünen liegt. Den großzügigen Garten habe ich gedanklich schon zum privaten Kinderspielplatz umgebaut. Eine Sandkiste auf der großen Wiese, daneben eine Schaukel und eine Rutschbahn. Zwischen den Obstbäumen laufen die Kinder herum und spielen Fangen. Auf der anderen Seite des Hauses laden Büsche und Sträucher zum Versteckspiel ein. Auf dem großen Baum können die Kinder Klettern üben und ein Baumhaus zimmern. Von oben hätten sie einen fantastischen Ausblick über die gesamte Landschaft. Begeistert habe ich Ben beim Einzug von meinen Plänen erzählt.
»So machen wir es«, hat er gesagt und gelacht.
»Woran denkst du?«
Der Kaffee duftet. Ich fühle mich ertappt.
»Wir sollten Strandsachen einpacken. Vielleicht können wir schon im See schwimmen.«
Ben nickt aufmunternd. Zu dieser Jahreszeit ist der See noch kalt, aber im Hotel gibt es ohnehin einen Pool. Ich freue mich auf das Wochenende zu zweit. Weg von hier. Es ist schon länger her, dass wir im Urlaub waren.
Es ist nicht so, dass wir es uns nicht leisten könnten. Bens Eltern haben das Haus finanziert. Reiner verdient ordentlich in seinem Betrieb, in dem auch Silke im Büro mitarbeitet, und sie wollen, dass ihr Sohn samt Familie genug Geld hat. Nein, wir können uns nicht beklagen, es geht uns gut. Wir leben an einem wunderschönen Ort im Südtiroler Unterland – inmitten von Weinbergen und Seen, in einem eigenen, großen Haus mit Garten und Obstbäumen.
Ich habe meinen Traummann geheiratet, arbeite in meinem Traumberuf und lebe in einem Traumhaus.
Nur mein Innenleben gleicht eher einem Albtraum.
Denn das Größte und Wichtigste für mich, die Erfüllung meines Lebens, ist bisher ausgeblieben – die Gründung meiner eigenen Familie.
Es ist zum Verrücktwerden.
Ich habe alles – ich weiß das – und doch habe ich nichts. Denn dieses Alles ist nichts ohne das Eine.
Ohne das, was mich ganz macht.
Ob Ben das nachvollziehen kann? Ich weiß es nicht. Er ist meist gut gelaunt, geht in seiner Arbeit auf, hat seinen Sport und seine Freunde. Natürlich wünscht er sich Kinder, aber er wirkt nicht so, als ob ihm etwas fehlt. Ich habe sogar eher das Gefühl, dass ihn meine Enttäuschung mehr belastet als der bisher unerfüllte Kinderwunsch an sich.
Das kränkt mich, aber ich möchte es ihm nicht sagen müssen. Er sollte es selbst verstehen.
Weil er es aber nicht tut, habe ich mich in letzter Zeit mehr und mehr zurückgezogen. Ich möchte ihn nicht mit meiner Wut, mit meiner Angst, mit meiner Traurigkeit konfrontieren, wenn er sie nicht nachvollziehen kann und selbst nicht so intensiv fühlt wie ich. Ich möchte ihn nicht mit meinen Gefühlen belasten und belaste mich dadurch noch mehr. Ich wünschte, er könnte mich besser verstehen und mich durch diese Zeit tragen.
Aber ich falle. Falle immer tiefer.
Er merkt es, glaube ich, nicht.
Manchmal kann ich mich irgendwo festhalten. An einem guten Gespräch, an der Freude an meiner Arbeit, einem schönen Wochenende am Gardasee. Bis zum nächsten freien Fall. Jedes Mal ein Stück tiefer. Ich weiß nicht, wie ich da rauskomme.
»Fahren wir?«
Mein Kopf lehnt an der Autoscheibe. Ich schaue den Landschaften zu, wie sie an uns vorbeiziehen. Ihr Bild ändert sich. Ich kenne die Strecke. Wir sind sie oft gefahren. Vor ein paar Jahren noch jeden Sommer, für unsere Urlaube. Am Wochenende oft für irgendwelche Abstecher zu zweit. Es war so schön. Wenn ich wieder diese Leere in mir spüre, denke ich fest daran und versuche, sie mit all den schönen Erinnerungen auszufüllen. Dann denke ich an unsere Abenteuer, unsere Ausflüge und Reisen – all die glücklichen Momente.
Manchmal klappt es. Manchmal nicht.
Dann kann ich das Glücksgefühl nicht mehr spüren, ich erinnere mich noch nicht einmal an all das Gute. Es ist überschattet von dieser großen Sehnsucht, die bedrohlich über mich kommt und Besitz von mir ergreift. Wie ein schwerer, nasser Umhang liegt sie auf meinen Schultern. Ich versuche aufrecht zu bleiben, mich zu straffen, nicht nachzugeben – aber sie zieht mich unaufhaltsam nach unten. Die Sehnsucht ist kein leiser Wunsch mehr, sondern eine Kraft, die mich umhüllt, durchdringt und mit ihrem Gewicht lähmt. Sie sickert in meine Gedanken, macht sie eng und nimmt mir damit die Luft. Ich kämpfe gegen sie an, aber sie ist wie ein Sturm unter der Haut und ich wirble haltlos umher wie ein Blatt im Wind.
Ich will aber nicht wirbeln. Ich will nicht fallen.
Ich will mich freuen – an meinem Mann, an meinem Haus, an meiner Arbeit, an meinen Freundinnen, an meinen Hobbies, an meinem Leben. Manchmal will ich auch traurig sein. Oder wütend. Wenn meine Hoffnung am Ende des Monats wieder wie eine Seifenblase zerplatzt. Aber ich will mich nicht verlieren. Deswegen höre ich dann wieder auf zu weinen. Schnäuze mich, wasche mein Gesicht mit kaltem Wasser, trage Wimperntusche auf, ziehe mich ordentlich an und gehe raus. Zur Arbeit. Zu meinen Freundinnen. Zu Ben und seiner Familie. Ich lache, funktioniere und lasse mir nicht allzu viel anmerken. Oft geht es mir dann besser. Manchmal auch nicht. Aber ich weiß, dass ich wieder aufstehen muss und die Hoffnung nicht aufgeben darf. Es
wird irgendwann klappen. Das Leben ist schön.
Draußen scheint die Sonne und ich freue mich auf den Kurzurlaub.
Das Wasser glitzert. Die Berge umrahmen es wie in einem Gemälde. Oben im Zenit die Sonne, unten im Zentrum des Bildes ein beigefarbener Sonnenschirm neben einem beigefarbenen Liegestuhl. Darauf ich – im roten Bikini. Meine dunkelblonden Locken fließen über die schlanken Schultern bis über die Brüste. Neben mir ein Aperol Spritz mit einer Scheibe Orange und der richtigen Menge an Eiswürfeln für den kühlen Genuss.
Ich nippe daran. Es schmeckt nach Vorfreude und Lust.
Ben schwimmt die letzten paar Meter zum Beckenrand und stemmt sich dann nach oben, um rauszugehen. Dabei treten die Muskeln seiner Oberarme hervor, Wasserperlen rinnen über die leicht gebräunte Haut. Er blickt zu mir, seine Augen funkeln.
»Gehen wir?«
Das Hotelzimmer entbehrt keinen Komfort. Alles ist luxuriös hier.
»Ich komme«, raune ich noch.
»Es war unglaublich schön am Gardasee«, sage ich – und meine es auch. »Eigentlich ist alles perfekt«. Ein leichtes Seufzen entwischt meinem Mund.
Vorsichtig stelle ich die Vase mit den selbst gepflückten Wiesenblumen auf die Marmorplatte. Meine Mutter schweigt mich wohlwollend an.
Lange schon. Zu lange.
Sie verharrt in diesem mütterlichen Schweigen unter der harten Friedhofssonne. Was würde ich dafür geben, ihre wunderschöne Stimme zu hören! Wie gerne würde ich sie umarmen, mich an sie schmiegen wie das Kind, das ich war, als sie viel zu früh gehen musste. Leise versiegt eine Träne in der grasgrünen Erde vor mir.
Ich male mir aus, welchen Rat sie mir wohl mit auf den Weg geben würde. Sicherlich wäre sie sehr erstaunt und glücklich über das Leben in Wohlstand, in das ich dank Ben hineingekommen bin. Sie würde meinen Mann sehr mögen – das weiß ich. Er ist gebildet, fleißig und romantisch und liebt mich sehr. Manchmal schäme ich mich dafür, weil ich ihm nicht eine bessere Frau sein kann. Ich konnte ihm bis jetzt keine Kinder schenken, weiß, dass ich ihn mit meinen Launen und Ängsten diesbezüglich belaste und auch auf Unverständnis bei ihm stoße. Wahrscheinlich völlig zu Recht.
Ich solle mir nicht so viele Sorgen machen und einfach unsere Zweisamkeit genießen, sagen meine Freundinnen. Wir seien das absolute Traumpaar. Und dabei übersehen sie all die Abende, an denen wir uns einfach nur anschweigen, all die Wochenenden, in denen Ben nicht ganz unfreiwillig den Forderungen seines Vaters folgend den ganzen Tag im Büro verbringt. Dabei mangelt es ihm nicht an Liebe zu mir – im Gegenteil: Er hält nur meine Unzufriedenheit nicht aus. Meine verzweifelten Momente. Die nagende Angst, dass es vielleicht nie klappen könnte, dieses Eine, das ich mir seit Kindesbeinen an wünsche.
Ich will einfach nur Mutter sein.
Ich habe nie darum gebeten, ein so großes Haus zu bekommen. Moderne, neue Möbel wie aus dem Katalog der Luxusabteilung. Eine Schwiegerfamilie, die uns jeden Wunsch finanziell ermöglicht. Für all das bin ich dankbar.
Aber es erfüllt mich nicht. Es reicht mir nicht.
Ich bin ein einfaches Mädchen vom Hof, mit viel Arbeit in unserer kleinen Landwirtschaft groß geworden. Das habe ich gerne gemacht, es hat mich nicht angestrengt.
Angestrengt hat mich das Wegwischen des Erbrochenen meiner Mutter, wenn sie es nicht mehr rechtzeitig zur Kloschüssel geschafft hat – und das Schweigen dabei. So zu tun, als wäre all das völlig normal. Als wäre es nur eine Grippe, die vorübergeht.
Angestrengt hat es mich, meine Mutter dabei zu ertappen, wie sie abends vor dem Spiegel im Bad stand und ihre Brust abtastete. Wieder ein neuer Knoten. Die Brüste waren schon völlig entstellt. Rasch habe ich mich abgewandt. Ich sollte meine Mutter so nicht sehen. Sie hat sich immer darum bemüht, ihre Krankheit vor uns zu verstecken. Meine Mutter wollte uns nicht damit belasten und trug ihr Schicksal mit Würde. So lange es ihr Zustand erlaubte, arbeitete sie hart für unseren Lebensunterhalt. Doch der kleine Hof machte viel Arbeit. Also packten meine Schwester und ich mit an.
Jeden Sonntag gingen wir zur Messe. Am Samstagabend bereitete uns Mutter ein Bad vor, denn wir sollten sauber sein und nicht nach Stall riechen in der Kirche. Sie war bedacht darauf, dass wir ordentlich aussahen und legte großen Wert auf ein höfliches Benehmen.
Ach, Mama …
Ich streiche mit den Fingern ein paar Erdkrümel von der Grabplatte. Was die Leute von uns denken, das war ihr wichtig. Es war nicht oberflächlich, wie man meinen könnte, sondern hatte einen tieferen Grund. Damals im kleinen Dorf halfen sich die einfachen Leute untereinander, man war aufeinander angewiesen. Es war existenziell wichtig, gut in die Gemeinschaft integriert zu sein. Für meine Mutter spielten auch noch andere Faktoren eine Rolle. Sie war zu Lebzeiten immer sehr religiös gewesen. Als gläubige Katholikin war es ihr ein Anliegen, ein guter Mensch zu sein und sich positiv in das Dorfleben einzubringen. Als sie noch gesund war, brachte sie den Alten oft Milch und Eier von unserem Hof vorbei. Trotz der vielen Arbeit, die sie als Witwe ganz allein zu stemmen hatte, fand sie immer Zeit für ein
persönliches Gespräch mit den Leuten. Man mochte sie.
Die Leute waren lieb zu uns Kindern, manchmal schenkten uns die reicheren Bauern ein paar Bonbons und Schokolade. Von den Nachbarn bekamen wir Kleidung, die deren Töchtern zu klein geworden war. Es machte uns nichts aus, dass die Sachen schon gebraucht waren und ab und zu auch ein paar Löcher hatten. Mutter setzte sich abends einfach an die Nähmaschine und flickte die Stoffe.
Am Sonntag trugen wir ein Dirndl. Meine Schwester Marie ein rotes mit weißen Punkten und blauer Schürze, ich ein hellgrünes mit violetter Schürze, die wir vorne säuberlich zu einer Schleife banden. Ich sah meiner Mutter genau zu, wie sie die Schleifen machte, damit ich sie meiner kleinen Schwester genauso schön binden würde.
»So viel hast du mir beigebracht«, sage ich zum Grab meiner Mutter gewandt.
Meine Stimme zittert.
Aberduhastmirnichtbeigebracht, wie mantrauert, ohnezuzerbrechen, denke ich und zünde das ewige Licht neu an, das neben den Vergissmeinnicht und Stiefmütterchen in einem rötlichen Gefäß zu flackern beginnt. Die Vase mit den Wiesenblumen stelle ich neben den Weihwasserkessel. Bei jedem meiner regelmäßigen Besuche versprenge ich etwas davon auf der Platte und bekreuzige mich damit. So, wie es mich meine Mutter gelehrt hat.
Um das Grab kümmere ich mich alleine, seit Marie nach Spanien gezogen ist. Aber das macht mir nichts aus. Ich bin nur traurig, dass sie so weit weg ist.
Meine kleine Schwester, meine Verbündete, mein Mädchen.
Ich sei ihr eine gute zweite Mutter gewesen, hat sie mir kurz vor ihrem Umzug gesagt und ist mir dabei um den Hals gefallen.
Meine Marie. Ich roch an ihrem Haar, wie ich es immer getan habe seit dem Tod meiner Mutter, wenn wir uns umarmten.
Und wir umarmten uns oft. Ich wollte meine Schwester trösten und tröstete mich ein klein wenig selber dabei. Ihr Haar roch nach Veilchen und nach Wärme und Licht. Früher hatte Mutter es jeden Morgen zu hellblonden Zöpfchen geflochten, so wie bei mir.
Jetzt musste ich flechten.
Wir gingen weiterhin jeden Sonntag zur Messe. Meine Mutter hätte das so gewollt.
Ich ließ meiner Schwester und mir am Vorabend warmes Wasser in die Wanne ein und schrubbte unsere Haut mit Kernseife, damit wir fein sauber wurden. Dann wusch ich unsere Haare damit. Zuerst meiner Schwester. Sie saß mit dem Rücken zum Wannenrand und ließ sich einseifen. Ich massierte sie, so wie meine Mutter mich immer massiert hatte. Dann drehte sich Marie im Sitzen um, damit das Wasser nicht auf die Fliesen im Bad spritzen würde, und ich spülte ihren Kopf ab. Sie blieb ganz still. Auch wenn ihr die Seife in die Augen rann, weil ich die Duschbrause nicht hoch genug halten konnte.
Dann legte ich meinen Kopf in den Nacken, seifte meine eigenen Haare ein und spülte ebenfalls alles ab – oft auch meine Tränen, die sich lautlos mit dem Badewasser vermengten.
