Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Sollte ich, aller Unmöglichkeit zum Trotz, eine Glücksformel formulieren wollen, so lautete diese: Das Glück liegt in der Balance zwischen Tugend und Lust, zwischen Selbsttranszendenz und Vergnügen, zwischen Selbstvergessenheit und Selbstfürsorge. Schon seit der Antike beschäftigen sich die Menschen mit dem Thema Glück. Aristoteles hält das tugendreiche Leben für den Schlüssel zum Glück. Der griechische Philosoph Aristipp hingegen begründet den Hedonismus und betrachtet das lustbetonte Leben als das eigentliche Glück. Diese beiden Weltbilder stehen in starkem Kontrast zueinander. Wir können auch sagen, dass die eine Richtung mehr auf das längerfristige Glück abzielt und die andere Richtung mehr auf das kurzfristige Vergnügen. Beide Elemente spielen für unsere Lebenszufriedenheit eine Rolle. Wir bewegen uns permanent im Spannungsfeld zwischen Tugend und Lust. Wenn es uns gelingt, diese beiden Dimensionen in ausgeglichenem Maß in unser Leben zu integrieren, dann werden wir selbst ein erfülltes Leben führen und andere in ihrem Dasein bereichern und zu deren Lebensglück beitragen. In diesem Buch finden Sie im ersten Teil Hinweise darauf, was ein tugendhaftes Leben ausmacht und wie Sie es erreichen können. Im zweiten Teil werden die Aspekte der Selbstfürsorge und Lust näher beleuchtet, während sich im dritten Teil konkrete Praxistipps zum Glücklichsein finden, die Sie direkt in Ihrem Alltag umsetzen können.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 178
Veröffentlichungsjahr: 2021
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Vorwort
Einleitung
1 Erfüllt leben – und sich selbst dabei vergessen
Selbstdistanz und Selbsttranszendenz
Gott oder das Wahre, Gute und Schöne
Von der Ichhaftigkeit zur Sachlichkeit
Vom Ich zum Du und zum Wir
Vom Selbstwert zur Würde
Tugenderwerb als Schlüssel zum Glück
Die Frage nach dem Sinn
Werte und die goldene Regel
Ordnung im Leben
Dienst am Anderen
2 Erfüllt leben – und liebevoll mit sich umgehen
Selbstfürsorge
Hemmende Glaubenssätze auflösen
Verantwortung übernehmen
Leben gestalten, Grenzen erweitern
Lernen fürs Gehirn
Ziele als Richtung im Leben
Verzeihen und um Verzeihung bitten
Feiern Sie sich und Ihr Leben
Dankbarkeit
3 Erfüllt leben – konkrete Alltagstipps
Singen
Das Tanzbein schwingen
Wie ein Kind spielen
Schreiben
Schöne Erinnerungen schaffen
Soziale Kontakte pflegen
Etwas Neues lernen
Routinen schaffen und durchbrechen
Bewegung an der frischen Luft
Ehrenamtliche Tätigkeit
Schlussworte
Quellenangaben
Das Thema Glück beschäftigt mich nun schon seit ein paar Jahren aus persönlichem, wissenschaftlichem und pädagogischem Interesse. Mein dreißigster Geburtstag dient mir als Anlass, in diesem Buch die dreißig Punkte zusammenzutragen, die ich für besonders relevant für eine glückliche Lebensführung halte. In meiner Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, im Gruppenunterricht und Einzeltraining, stehen neben fachlichen Themen immer auch persönliche Erfahrungen und allgemeine „Lebensthemen“ im Fokus. Alle wollen glücklich sein – mich eingeschlossen.
Das Thema Glück ist in allen Unterrichtsformen, egal ob im Gruppenworkshop oder Individualcoaching, direkt oder indirekt, immer präsent. Wir tun oder lernen etwas, weil es uns gefällt oder weil wir uns für die Zukunft etwas erarbeiten wollen und versuchen dadurch, zu unserem momentanen oder künftigen Wohlbefinden beizutragen. Häufig geschieht dies unbewusst – und intuitiv machen wir dabei sehr vieles richtig. Doch manche unbewussten Gedankenmuster und Prozesse schaden uns mehr als sie uns nützen und dann fühlen wir uns irgendwie unrund. Diesem Phänomen bin ich in den letzten Jahren immer wieder aufgrund eigener Lebenskrisen nachgegangen. Ich wollte verstehen, was in mir vorgeht, und lernen, besser mit den Widrigkeiten des Lebens umzugehen. Nach und nach hat sich gezeigt, dass ich damit auch anderen Personen helfen konnte, was mich ganz besonders freut. Ich habe großen Respekt vor dem Leben und vor allen Menschen, vor allem aber auch vor jenen, denen das Schicksal eine große Last zugemutet hat. Sie sind unsere wahren Lehrmeister in Sachen Lebensführung. Ich selbst bin eine Lernende, eine Suchende wie wir alle, und in diesem Buch begebe ich mich zusammen mit Ihnen auf die Reise zum Glück oder zumindest dorthin, wo ich es vermute. Es ist mir eine Ehre, dieses Stück Weg gemeinsam mit Ihnen zu gehen und ich hoffe, es führt Sie irgendwo hin, wo Sie sich wohlfühlen und etwas von dem Lebensglück erahnen, das wir alle als Sehnsucht in unserem Herzen spüren.
Es ist bis heute nicht klar definiert, was Glück überhaupt ist. Jeder Mensch versteht ein bisschen etwas anderes darunter. Unser Glücksempfinden ist nicht nur von bestimmten äußeren Faktoren, unseren Genen, dem Chemiehaushalt im Körper oder der finanziellen Situation abhängig, sondern auch von unserer individuellen Vorstellung vom Glücklichsein. In diesem Buch soll es um die Möglichkeiten gehen, wie wir, unabhängig von äußeren Faktoren, ein glückliches Leben führen können. Wir wollen alle glücklich sein. Viele Umstände liegen nicht in unserer Hand, aber trotzdem können wir selbst viel mehr zu unserem persönlichen Glück beitragen, als uns das oft bewusst ist. Glückliche Menschen sind außerdem gesünder, leben länger, lernen schneller, sind hilfsbereiter, kollegialer, kooperativer, moralischer und aufmerksamer im Umgang mit anderen.
Schon seit der Antike beschäftigen sich die Menschen mit dem Thema Glück. Eine einfache Formel für ein glückliches Leben, nach dem Motto - Iss jeden Tag ein Stück grünen Paprika und du wirst ein Leben lang glücklich sein – gibt es aber nicht. Das Thema ist viel zu komplex, als dass es auf ein Patentrezept reduziert werden könnte. Dennoch gibt es hilfreiche Ansätze, die, in Kombination miteinander, zu einem sinnvollen Wegweiser zusammengefügt werden können. Aristoteles hält das tugendreiche Leben für den Schlüssel zum Glück. Der griechische Philosoph Aristipp hingegen begründet den Hedonismus und betrachtet das lustbetonte Leben als das eigentliche Glück. Diese beiden Weltbilder stehen in starkem Kontrast zueinander. Wir können auch sagen, dass die eine Richtung mehr auf das längerfristige Glück abzielt, und die andere Richtung mehr auf das kurzfristige Vergnügen. Beide Elemente spielen für unsere Lebenszufriedenheit wohl eine Rolle. Wenn wir uns immer nur für das langfristige Glück abmühen, geht uns vielleicht irgendwann auf dem Weg dorthin die Puste aus. Umgekehrt können wir keine großen Entwicklungen vollziehen oder Ziele erreichen, wenn wir ständig nur nach dem Lustprinzip agieren. Wir bewegen uns also permanent im Spannungsfeld zwischen Tugend und Lust. Sollte ich also, aller Unmöglichkeit zum Trotz, doch eine Glücksformel formulieren wollen, so lautete diese: Das Glück liegt in der Balance zwischen Tugend und Lust, zwischen Selbsttranszendenz und Vergnügen, zwischen Selbstvergessenheit und Selbstfürsorge.
In diesem Buch finden Sie im ersten Teil Hinweise darauf, was ein tugendhaftes Leben ausmacht und wie Sie es erreichen können. Im zweiten Teil werden die Aspekte der Selbstfürsorge und Lust näher beleuchtet, während sich im dritten Teil konkrete Praxistipps zum Glücklichsein finden, die Sie direkt in Ihrem Alltag umsetzen können. Mit diesen 30 Anregungen für ein erfülltes und glückliches Leben wünsche ich Ihnen viel Freude und ein glückliches, gesundes, schönes und gutes Leben.
In diesem Kapitel geht es um die Bedeutung von Selbsttranszendenz und Tugend für ein glückliches Leben. Der Mensch soll nicht nur ständig um sich selbst kreisen, sondern sich an etwas Höherem ausrichten. Glücklich ist, wer sich selbst vergisst. Viele große Persönlichkeiten in der Geschichte haben uns die Relevanz von Selbsttranszendenz und Tugend, von Sinn und dem Wahren, Guten und Schönen aufgezeigt. Aristoteles setzte Tugend mit Glück gleich und richtet den Blick damit weg von sich selbst und hin auf den anderen. Viktor Frankl, KZ-Überlebender und Psychiater, stellte die Frage nach dem Sinn in das Zentrum seiner Forschung und Therapie. Der Philosoph Martin Buber, der zeitgenössische Psychotherapeut und Psychiater Raphael Bonelli und viele andere betonen den Aspekt der Selbsttranszendenz und setzen den Fokus auf das „Du“, das „Wir“ und etwas Größeres, das den Menschen übersteigt. Gerade in unserer von Egozentrik geprägten Zeit bieten die folgenden Ansätze eine wichtige Gegenbewegung, die maßgeblich unser Glücksempfinden beeinflussen können. Längerfristiges und dauerhaftes Glück lässt sich nur über den Umweg der Selbsttranszendenz erreichen. Dabei geht es nicht nur um uns selbst, sondern immer auch um unser Gegenüber und den Anspruch, selbst etwas Positives in der Welt zu bewirken. Denn wir sind nicht nur für unser eigenes Glück verantwortlich, sondern können auch wesentlich zum Glück anderer beitragen.
Katharina ist 26 Jahre alt und studiert Wirtschaftswissenschaften. Vor zwei Wochen hat sie sich von ihrem Freund getrennt, da sie mehr Zeit für sich haben wollte. Das Wichtigste für sie ist ihr Studium, das sie möglichst bald bestmöglich abschließen möchte. Dann will sie in einem großen Unternehmen Karriere machen. Ihre Gedanken kreisen um ihre Noten und die nächsten Prüfungen, alles andere hat da keinen Platz. Wenn ihre beste Freundin sie anruft und sie um Unterstützung bei ihrem Wohnungsumzug bittet, nimmt sie sich dafür keine Zeit. Die meisten Freunde von früher trifft sie kaum noch. Auch ihre Familie sieht sie nur mehr selten. Nicht einmal bei der Beerdigung ihrer Großmutter konnte Katharina dabei sein, da sie ihre Vorlesungen nicht verpassen wollte. Sie findet das nicht schlimm, denn mit Kirche und Traditionen hat sie schon lange gebrochen. Im Moment wohnt sie in einer kleinen Altbauwohnung in der Wiener Innenstadt.
So wie Katharina geht es heutzutage sehr vielen. Klaus, der Börsenmakler, der jeden Tag mehrmals sein Bankkonto checkt. Ivan, der Hypochonder, der argwöhnisch jedes Ziepen in seinem Körper beobachtet. Olga, die Hausfrau, die helikopterartig um ihre Kinder kreist. Gemeinsam haben alle diese Personen eines – es fehlt ihnen ein gesundes Maß an Selbstdistanz und Selbsttranszendenz. Sie sind verstrickt in ihren Gedanken, die ständig um sie selbst kreisen. Katharina denkt nur noch an ihre Noten, Klaus Blick ist gefangen von der Zahl am Kontostand, die er angstvoll beäugt. Eigentlich hat er genug Geld, sogar eine ordentliche Reserve für den Notfall, aber er kommt nicht los davon. Der Hypochonder kreist gedanklich nur um seinen Körper, jedes Bauchgrummeln muss abgecheckt werden. Dabei ist Ivan eigentlich kerngesund. Und Olga? Sie sieht sich selbst in ihren Kindern. Je erfolgreicher ihre beiden Söhne, desto höher schätzt sie ihren Wert als Person und Mutter ein.
Und es ist ja auch schwierig, in einer immer individualistischeren Zeit, in der jeder augenscheinlich nur mehr an sich und seinen Vorteil zu denken scheint. In einer Zeit, in dem die klassischen Werte und Traditionen zunehmend wegfallen. Kirche und Religion sind für die meisten Personen schon lange keine relevanten Anhaltspunkte mehr. Die Außenwelt scheint zunehmend unberechenbarer und instabiler zu werden. Kein Wunder, dass viele von uns keinen anderen Ausweg sehen, als auf sich selbst zurückzufallen. Ehen zerbrechen, Familien werden aufgelöst, klassische Wohn- und Arbeitsstrukturen werden seltener und persönliche Kontakte werden immer häufiger vom Bildschirm ersetzt. Das löst Unsicherheit, Angst und Stress aus. Vor allem bei den Kindern. Das einzig Sichere, das ihnen noch bleibt, ist ihr eigenes Dasein. Also konzentrieren sie sich darauf. Sie sind vielleicht sehr angepasst, um in der Gesellschaft einen guten Platz einzunehmen. Oder sie bestechen durch ihre Leistungen, um möglichst viel Anerkennung und Wertschätzung zu erfahren. Andere, besonders Mädchen, wollen möglicherweise besonders schön sein und lassen sich mit 14 Jahren die Brüste operieren oder werden magersüchtig. Das Gedankenmuster setzt sich fest und wirkt im Erwachsenen weiter. Bewusst ist es den wenigsten, doch der innere Druck macht sich bemerkbar. Körperliche Symptome wie Bluthochdruck, Verspannungen, Migräne o. a. können damit zusammenhängen. Und die wenigsten Menschen, die in ihrem Gedankenkarussell gefangen sind, sind glücklich. Sie leiden, wissen aber nicht, woran. Diese Personen sind gefangen in ihrem Ich. Sie fallen permanent auf sich selbst zurück. Das kann sich auf verschiedene Weise ausdrücken. Natürlich steckt kein böser Wille hinter diesem Verhalten. Oft sind es sogar die Personen, die besonders engagiert sind, die gern in diese Denkfalle tappen. Sie haben ein hohes Ideal, und das ist gut so. Doch unbewusst wird daraus ein inneres Dogma und wenn das Soll zum Muss wird, beginnt eine selbstzerstörerische Spirale. Denn schließlich sind wir alle fehlerhafte, durchschnittliche Menschen und es ist uns unmöglich, vollkommen zu sein oder Perfektion zu erlangen. Hinter dem, sich selbst gegenüber sehr harten Denken der Perfektionisten, steckt im Grunde einfach nur der Wunsch, geliebt und anerkannt zu werden. Befinden wir uns in diesem perfektionistischen Teufelskreis, ist die dahinterliegende, großteils unbewusste Motivation der Handlungen von Angst geprägt.
Häufig ist es die Angst, nicht zu genügen.
Viele Menschen haben Angst, nicht gut genug zu sein, und wollen sich ständig optimieren. Sie dürfen lernen, sich selbst so anzunehmen, wie sie sind. Jede Person ist unendlich wertvoll und liebenswürdig, genau so, wie sie ist. Nicht die Leistung macht einen Menschen liebenswert, sondern seine ureigene, von allen äußeren Faktoren unabhängige Einzigartigkeit und Würde.
Oft kommt auch die Angst vor, von der Gemeinschaft ausgegrenzt zu werden.
Das Gefühl, zu einer Gruppe dazuzugehören, ist ein menschliches Grundbedürfnis. Im Laufe der Evolution war es überlebenswichtig für den Menschen, sich zusammenzuschließen. Der Ausschluss aus der Gemeinschaft bedeutete oft seinen Tod. Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass Ausgrenzung auch heute noch als extrem bedrohlich erlebt wird. Viele Menschen fühlen sich einem großen sozialen oder gesellschaftlichen Druck ausgesetzt. Sie wollen stets die Erwartungen der anderen erfüllen, aus Angst vor den Konsequenzen. Diese Personen dürfen lernen, auch ihren eigenen Ideen zu folgen und ihr eigenes Leben zu führen.
In beiden Fällen – Angst, nicht gut genug zu sein und Angst, ausgegrenzt zu werden – muss die Angst um sich selbst überwunden werden. Dies kann zunächst durch einen Bewusstwerdungsprozess erfolgen, in dem die Gründe für das eigene Gedankenkreisen auf die Oberfläche gebracht und kritisch hinterfragt werden. Dann ist es notwendig, von sich selbst wieder ein Stück weit loszukommen und ein gesundes Maß an Selbstdistanz zu entwickeln, d. h. nicht mehr ständig nur sich selbst in den Fokus der Aufmerksamkeit zu stellen und um das eigene Sonnensystem zu kreisen. Wir müssen unsere Imperfektionstoleranz üben und uns und unser Leben ein Stück weit selbst relativieren.
Es gibt noch einen anderen Grund, weshalb wir in uns selbst verstrickt sein können. Dies ist eine übertriebene, ungesunde Selbstliebe, der Narzissmus. Er kann etwa aus einem falschen Erziehungsstil und Überlobung entstehen. Während Perfektionisten unter ihrer Selbstverstrickung leiden, tun dies Narzissten kaum. Daher wird hier nicht näher darauf eingegangen. Jeder von uns hat perfektionistische und narzisstische Züge. Wir müssen sie uns bewusst machen und erkennen, dass es etwas Größeres und Wichtigeres gibt als uns selbst. Nennen Sie es Gott, nennen Sie es das Wahre, Gute und Schöne oder finden Sie einen eigenen Begriff dafür. Wenn wir uns auf dieses Höhere hin ausrichten, entwickeln wir Selbsttranszendenz. Dann erheben wir uns aus dem Sumpf des eigenen Ichs, dann brechen wir aus dem Gefängnis unseres Egos aus und sind wirklich frei.
Sehr viele Personen sind innerlich unfrei und kreisen gedanklich permanent um ihr eigenes Ich. Es fehlt ihnen ein gesundes Maß an Selbstdistanz und Selbsttranszendenz. Es gibt zwei verschiedene Arten der ungesunden Selbstverstrickung – den Narzissmus, also die Selbstverliebtheit, oder den Perfektionismus. Unsichere Beziehungen und unberechenbare Faktoren in der Außenwelt lösen Angst und Stress aus. Wenn Sicherheiten im Außen wegfallen, fällt der Mensch oft auf sich selbst zurück. Er gerät in eine selbstzerstörerische perfektionistische Spirale, in der Leistungsdenken oder übertriebene Angepasstheit im Zentrum stehen. Dahinter stecken meist der Wunsch nach Liebe und Anerkennung und die Angst, nicht zu genügen oder von der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden. Der innere Druck kann sich auch in diversen körperlichen Beschwerden zeigen. Diese Prozesse sind den Betroffenen meist nicht bewusst.
Machen Sie sich Ihr Gedankenkreisen und Ihre Selbstverstrickung bewusst.
Bringen Sie Ihr inneres Dogma an die Oberfläche (z.B. ich muss die schönste Frau im ganzen Land sein).
Gestehen Sie sich ein, dass Sie ein gewöhnlicher, fehlerhafter und durchschnittlicher Mensch sind und trotzdem unendlich liebenswert und würdevoll sind.
Erkennen Sie, dass es etwas Größeres als Sie selbst gibt.
Brigitta ist 44 Jahre alt, lebt in Konstanz, ist verheiratet und hat eine Tochter namens Marie. Noch vor fünf Jahren war sie extrem unglücklich. Die große akademische Karriere hatte sie nicht geschafft, das Ziel der Professur ist in weite Ferne gerückt. Ihre Tochter leidet nämlich an einer seltenen Form des Autismus und erfordert alle Aufmerksamkeit. Natürlich möchte die Mutter sie so gut als möglich fördern. Die eigenen beruflichen Ziele, für die sie so lange gearbeitet hatte, haben da keinen Platz mehr. Ihr Mann ist eine große Hilfe, arbeitet aber Vollzeit, um die Hypothek der gemeinsamen Wohnung abzubezahlen. Das Geld brauchen sie auch für die Therapien der Tochter. Nun arbeitet Brigitta Teilzeit an einer Fachhochschule als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Auch wenn sie auf der Karriereleiter nicht weiter aufsteigen wird, ist sie sehr glücklich in ihrem Job, da sie es liebt, zu forschen und der Wahrheit ein Stück näher auf den Grund zu gehen. Außerhalb der Arbeit kümmert sich Brigitta um Marie. Sie ist dankbar für die Hilfe in ihrem Umfeld und das große Unterstützungsangebot in ihrer Stadt. Seit Kurzem ist die Mutter auch in einer kirchlichen Gemeinde aktiv, in die sie ihre Organisationsfähigkeiten für die Veranstaltung von religiösen Festen einbringen kann.
Brigitta hat ihre Sinnkrise überwunden. Sie hat lange damit gehadert, ihre persönlichen Ziele nicht mehr erreichen zu können. Aber es ist ihr gelungen, sich neu auszurichten. Sie weiß, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hat.
Viele von uns kennen das – wir nehmen uns etwas vor, doch das Leben hat andere Pläne mit uns und schnell kann es passieren, dass wir uns in unangenehmen Situationen befinden. Es ist nicht einfach, nicht frustriert zu sein, wenn ein lange angestrebtes Ziel plötzlich in weite Ferne rückt. Aber auch wenn alles am Schnürchen läuft und das Leben vor uns liegt wie ein ausgebreiteter Rosenteppich, müssen wir immer wieder innehalten und uns fragen, in welche Richtung wir uns bewegen wollen. Gerade in einer säkularen Zeit, in der uns im Außen die Orientierung fehlt, ist es wichtig, sich an etwas Bleibendem, Höherem auszurichten. Wer religiös ist, hat einen Vorteil – es fällt ihm leichter, innerhalb seiner Glaubensgemeinschaft Gott als zentralen Orientierungspunkt für das eigene Leben zu sehen.
Markus, ein erfolgreicher Architekt, kann mit Religion nichts anfangen. Aber auch er verspürt das Bedürfnis nach etwas Größerem. Markus hat das Gute, Wahre und Schöne für sich erkannt und entschieden, seinen Beitrag dafür zu leisten. Er plant Häuser und Büros, die aufgrund ihrer ästhetischen Wirkung die Menschen berühren. Außerdem weiß er, dass das Schöne immer auch gut und wahr ist. Die Transzendentalien sind untereinander austauschbar. In totalitären Regimes ist die Architektonik immer extrem hässlich. Beobachten Sie einmal, wie zu Zeiten des Kommunismus oder Faschismus gebaut wurde. Es macht psychologisch etwas mit uns Menschen, wenn wir in einer schönen Umgebung wohnen. Umgekehrt beeinflusst uns ein hässliches Gebäude oder slumähnliches Ambiente im negativen Sinne. Markus bemüht sich daher gerade bei Schulen, Kindergärten und Heimen um ein möglichst offenes, helles und freundliches Design, das dann auch entsprechend gepflegt und geschmückt wird. Er widmet sich also besonders dem Schönen. Brigitta, die Wissenschaftlerin, bemüht sich in ihrer Arbeit hingegen v. a. um das Wahre. Angelika, eine engagierte Kinderkrankenschwester, hat sich in der Pflege ihrer kleinen Patienten dem Guten verschrieben. In Wirklichkeit wissen Sie aber, dass die drei Transzendentalien immer zusammengehören und eins auch das andere umfasst. Es macht glücklich, für sich das Gute, Wahre und Schöne zu definieren und sich danach auszurichten.
Gott oder die Transzendentalien sind das Bleibende, während wir Menschen irgendwann sterben. Aber wir können uns in den Dienst des Höheren stellen und damit zugleich einen Beitrag dafür leisten, dass die Welt für alle lebenswerter wird. Wer sich an Gott oder dem Guten, Wahren und Schönen orientiert, kann sich auch in Krisenzeiten daran aufrichten und Großes leisten. Immer wieder ist es beispielsweise Menschen in Kriegssituationen gelungen, das Richtige zu tun – sie haben mit Einsatz des eigenen Lebens jüdische Familien auf dem Dachboden versteckt oder freiwillig Kinder bis ins Gas begleitet, um sie nicht alleine sterben zu lassen. Es gibt viele Beispiele herausragender Menschlichkeit. Diese Personen haben es geschafft, sich über alle vorherrschenden Regeln, Konventionen und die eigenen Ängste hinwegzusetzen und sich nach den transzendentalen Werten zu richten. Sie sind eine große Inspiration und Unterstützung für uns, um über uns selbst hinauszuwachsen, Gott oder das Gute, Wahre und Schöne zu erkennen und zum Fixstern für unser Leben zu machen.
Die Ausrichtung auf Gott oder auf die transzendentalen Werte des Guten, Wahren und Schönen macht glücklich und trägt auch zum Glück der anderen bei. Gott bzw. die Transzendentalien übersteigen den Menschen, sie sind das Bleibende, unterstützen uns in unserem persönlichen Wachstum und geben uns Orientierung im Leben. Das Gute, Wahre und Schöne gehört immer zusammen.
Entscheiden Sie sich dazu, Gott oder das Gute, Wahre und Schöne zu Ihrem Fixstern zu machen.
Definieren Sie für sich das Gute, Wahre und Schöne – wo und wie können Sie in Ihrem Leben dazu beitragen?
Wenn Ihr Leben aus den Fugen geraten ist, aber auch wenn alles am Schnürchen läuft, fragen Sie sich stets, in welche Richtung Sie sich gerade bewegen bzw. in welche Richtung Sie sich bewegen wollen.
Günther, 52 Jahre alt, ist ein begnadeter Musiker. Seine Lieder werden überall auf der Welt gesungen, von Chören aufgeführt und von verschiedenen Bands und Instrumentalisten gecovert. Vor ein paar Jahrzehnten noch, als er anfing, sich professionell dem Klavierspielen und Songschreiben zu widmen, musste er nebenher kellnern, um über die Runden zu kommen. Irgendwie hat er dann die Kurve gekratzt – ein paar gewonnene Wettbewerbe, einige mediale Auftritte, die richtigen Leute kennengelernt. Und natürlich ein großes Talent und viel Arbeit. Aber jetzt ist Günther an einem Wendepunkt seiner Karriere. Er hat irgendwie seine Kreativität verloren. Früher sind die Ideen nur so aus ihm herausgeflossen, nun schafft er es nicht mehr, etwas originelles Neues zu schreiben. Günthers Stärke war immer seine Authentizität. Jetzt denkt er nur noch daran, seinen Erfolg absichern und etwas produzieren zu müssen, das seinem Publikum gefällt. Ständig fragt er sich: „Was werden die Leute von diesem Lied halten? Wie kann ich den Geschmack meiner Fans treffen? Wird sich dieses Lied gut verkaufen?“
Günthers Gedanken kreisen angstvoll um sich selbst bzw. um den Erfolg seines Werkes. Indem er sich permanent über die Reaktion des Publikums Sorgen macht, beraubt er sich jeglicher Kreativität. Stellen Sie sich vor, Michelangelo hätte beim Ausmalen der Sixtinischen Kapelle die ganze Zeit nur daran gedacht, ein dem Papst möglichst gefälliges Bild zu entwerfen! Seine Fresken wären schon bald im Strudel der Bedeutungslosigkeit untergegangen. Die Welt wäre um seine meisterhaften Kunstwerke, z. B. die David-Skulptur, ärmer. Was für ein Schaden! Oder denken Sie an den niederländischen Maler Vincent van Gogh. Er konnte zu Lebzeiten nur wenige Bilder verkaufen. Hätte er seine Kunst also an der Kauflust und dem Interesse seiner Zeitgenossen gemessen, hätte er seine Künstlerkarriere wohl sehr bald beendet. Ihm und vielen anderen ist es aber gelungen, sich darüber hinwegzusetzen und sich ganz der Sache zu widmen. Heute ist ein Bild von van Gogh Millionen wert.
