Kindheitsgeschichte - Martina Winkler - E-Book

Kindheitsgeschichte E-Book

Martina Winkler

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Beschreibung

In ihrer Einführung in die Kindheitsgeschichte bietet Martina Winkler einen systematischen Überblick zu den faszinierenden Fragen und Perspektiven der historischen Kindheitsforschung. Inspiriert von verschiedenen Disziplinen wie der Literaturwissenschaft, der Soziologie und der Erziehungswissenschaft, analysiert die Kindheitsgeschichte historische Veränderungen dessen, wie Kindheit gedacht, gelebt, geregelt und dargestellt wurde. Sie nimmt damit die historischen Wurzeln aktueller Erziehungsideale und Kindheitsbilder in den Blick, fragt aber auch nach grundlegenden Brüchen und beschreibt oft Vorstellungen, die heutigen Selbstverständlichkeiten fundamental widersprechen. Die häufig zitierte Annahme, Kindheit sei eine Erfindung der Moderne, während Kinder im Mittelalter schlicht »kleine Erwachsene« waren, erweist sich dabei nicht als falsch, aber doch als zu wenig differenziert. Kindheit ist ein soziales und kulturelles Konstrukt, abhängig von sozialen Notwendigkeiten, politischen Ideologien und moralischen Werten. Als ein solches Konstrukt bildet Kindheit ein grundlegendes Element zur Strukturierung von Gesellschaften und einen spannenden, faszinierenden Spiegel für das Verständnis heutiger wie vergangener sozialer Ordnungen. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Kindheit gehört zu den intellektuell – und nicht selten auch emotional – herausforderndsten Bereichen aktueller Forschung. Das Buch bietet Studierenden, Forschern und der interessierten Öffentlichkeit eine Einführung in Thematik, Fragestellungen und Forschungskontroversen und eröffnet so Perspektiven für die selbständige Arbeit am Thema.

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Seitenzahl: 409

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Martina Winkler

Kindheitsgeschichte

Eine Einführung

Vandenhoeck & Ruprecht

Mit 32 Abbildungen und einer Tabelle

Umschlagabbildung: Familienfotos der Autorin.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in derDeutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-647-99812-1

Weitere Ausgaben und Online-Angebote sind erhältlich unter: www.v-r.de

© 2017, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Theaterstraße 13, D-37073 Göttingen /Vandenhoeck & Ruprecht LLC, Bristol, CT, U. S. A.

www.v-r.de

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt.

Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.

Satz: textformart, Göttingen | www.text-form-art.deEPUB-Erstellung: Lumina Datamatics, Griesheim

Inhalt

1.Einleitung: Warum Kindheitsgeschichte?

1.1Kindheit als soziale, kulturelle und historische Kategorie

1.2Aktuelle Bezüge

1.3Definitionsfragen

1.4Ziele dieses Bandes – und seine Grenzen

1.5Literatur

2.Philippe Ariès – umstrittener Begründer einer Forschungstradition

2.1Ariès’ Thesen – eine kurze Zusammenfassung

2.2Die Diskussionen um Ariès

2.3»Weiße« und »dunkle« Legende

2.4Literatur

3.Kindheiten im Mittelalter

3.1»Am Anfang war Ariès«

3.2Kindheit im Mittelalter?

3.3Definitionen und Abgrenzungen

3.4Geburt und Taufe

3.5Ambivalente Kindheitsvorstellungen

3.6Tod und Trauer

3.7Kinderleben im Mittelalter

3.8Wohin nach Ariès?

3.9Literatur

4.Frühe Neuzeit: Das 16. und 17. Jahrhundert

4.1Buchdruck und Bildung

4.2Religion und Reformation

4.3Die Entstehung des modernen Staates

4.4Literatur

5.Frühe Neuzeit: Das 18. Jahrhundert

5.1Der Staat in der Verantwortung

5.2Die neue Rolle der Experten

5.3Findelhäuser: Debatten und Realität

5.4Die Debatte um das Stillen

5.5Die neue, natürliche Kindheit

5.6Das unschuldige Kind

5.7Literatur

6.Dualistische Kindheitskonzepte und ihre Bedeutung bis heute

6.1Dionysisch / apollinisch

6.2Aufklärerisch / romantisch

6.3Literatur

7.Das lange 19. Jahrhundert

7.1Bürgerliche Familie, bürgerliche Kindheit

7.2Das pädagogische Moratorium

7.3Othering und kontrollierte Kindheit

7.4Kinderarbeit im langen 19. Jahrhundert

7.5Die Kindergartenbewegung

7.6Literatur

8.Das 20. Jahrhundert als »Jahrhundert des Kindes«

8.1»Das Jahrhundert des Kindes«

8.2Der Wert eines Kindes

8.3Wem gehören die Kinder?

8.3.1Die Kinder und die Nation

8.3.2Kriege und Vertreibung

8.3.3Kindheiten im Nationalsozialismus

8.4Neuanfänge und neue Ängste: Die Nachkriegszeit

8.5Kindheit in der Sowjetunion und anderen sozialistischen Gesellschaften

8.5.1Kindheit und Arbeiterbewegung

8.5.2Kindheit in der revolutionären Gesellschaft Sowjetrusslands

8.5.3Kindheiten unter Stalin

8.5.4Nachkriegszeit und Tauwetter

8.6Literatur

9.Kindheitsbilder

9.1Das Idealbild des Kindes

9.2Kritik und Ambivalenzen

9.3Schnappschuss- und Familienfotografie

9.4Literatur

10.Kinderliteratur

10.1Forschungsbereiche

10.2Definition

10.3Geschichte der Kinderliteratur

10.3.1Ursprünge

10.3.2Kinderliteratur im Wandel

10.3.3Nationale Kinderliteraturen

10.3.4»Meilensteine« der Kinderliteratur

10.3.5»Handlungssystem« und »Symbolsystem«

10.4Schwerpunkte der Forschung

10.4.1Genres und Themen

10.4.2Kinderliteratur als Grenzüberschreitung

10.4.3Die Unmöglichkeit einer Kinderliteratur

10.5Literatur

11.Kindheit und Film

11.1Kinderfilm

11.2Kinder und Film

11.3Kinder im Film

11.4Literatur

12.Globalgeschichte und Kindheit

12.1Den Eurozentrismus überwinden?

12.1.1Lateinamerika

12.1.2Afrika

12.1.3Asien und arabische Welt

12.2Kindheit im globalhistorischen Blick

12.3Empire und Kolonialismus

12.4Sklaverei

12.5Eine globale Erfolgsgeschichte der modernen Kindheit?

12.6Literatur

13.Kinderrechte

13.1Historische Entwicklung

13.2Kontroversen und Debatten

13.2.1Die Symbolik der Kinderrechte

13.2.2Kinderrechte und Menschenrechte

13.2.3Staat, Kind und Eltern

13.2.4Widersprüche und Dynamiken

13.2.5Die Universalität der Kinderrechte

13.3Das Thema der agency

13.4Literatur

14.Wissenschaftliche Hilfsmittel

Abbildungsnachweis und -verzeichnis

Register

1.Einleitung: Warum Kindheitsgeschichte?

Ein Kind fährt Fahrrad. Zunächst sehen wir nur die Räder auf unebenem Terrain, dann, nach einem Schnitt, den Jungen, etwa zehn Jahre alt. Die wackelige Handkamera unterstreicht den Eindruck einer etwas unsicheren Fahrt. Es ist eine ärmliche Gegend, in der das Kind sich bewegt – ein Obdachloser kramt in einem Einkaufswagen, die Häuser am Straßenrand sehen vernachlässigt aus. Weitere Kinder sind hinter Gartenzäunen zu sehen, sie beobachten den Jungen. Schnitt: Aus der Froschperspektive sehen wir einen hünenhaften Mann, der dem Zuschauer bereits als Combo, Drogendealer am unteren Ende der Hackordnung, bekannt ist. Er befindet sich auf einem großen, leeren Parkplatz, wartet ganz offensichtlich auf jemanden, tritt schließlich an ein heranfahrendes Auto, nimmt einen kleinen Gegenstand oder ein Päckchen in Empfang. Ein weiteres Auto nähert sich, Combo bietet seine Ware an. Großaufnahme: Der Revolver in Combos Hosenbund. Es ist offensichtlich, dass hier ein Drogengeschäft geplant ist, und dass es nicht ohne Gewalt abgehen wird. Erneut ein Auto, in einer Nebenstraße haltend, beobachtend und bedrohlich. Im Gegenschnitt immer wieder: der Junge auf seinem Fahrrad. Er kurvt durch die Straßen, gelangt zum Parkplatz und fährt in konzentrischen Kreisen um den zunehmend nervös wirkenden Combo herum. Der Junge bremst, spricht den Dealer an, doch dieser will ihn vertreiben. Großaufnahme Combo. Wir hören eine Autohupe – und das klickende Entsichern einer Waffe. Combo dreht sich überrascht um, ein Schuss trifft ihn. Die nächste Einstellung zeigt uns den Schützen: es war der Junge.

Der Schockeffekt dieser Szene – die aus der an Gewaltszenen nicht gerade armen US-Fernsehserie Breaking Bad stammt1 – resultiert aus einer systematisch aufgebauten Erwartungshaltung des Zuschauers und ihrem plötzlichen, vollständigen Bruch. Es ist schnell klar, dass die Szene unausweichlich gewaltsam enden wird: wir sehen eine Waffe, und die Darstellung der sich steigernden Nervosität des Drogendealers wird montiert mit Großaufnahmen der Reifen des Kinderfahrrades, die sich immer schneller drehen. Suggeriert wird die Erwartung, dass das Kind, welches sich scheinbar ahnungslos immer näher in die Gefahrenzone begibt, zum Opfer werden wird – zufällig und unbeteiligt. Schließlich fällt der erwartete Schuss tatsächlich, aber Opfer- und Täterrollen entsprechen nicht der aufgebauten Erwartung.

In welchem Zusammenhang aber steht eine solche Filmszene mit dem Thema dieses Buches? Sie weist uns auf wichtige kulturelle Muster hin. Denn es sind nicht nur die gekonnt ausgeführten Schnitte und der routinierte Spannungsaufbau, die den Effekt dieser Szene ausmachen. Vielmehr spielt der Regisseur hier mit bestimmten Vorstellungen und Bildern: Gemeinsam mit dem Zuschauer unterstellt er zunächst, dass die Rolle eines radfahrenden Kindes in einer Geschichte aus dem Drogenmilieu nur die eines Opfers sein kann, die eines versehentlich und tragisch in die Schusslinie geratenen Leidtragenden. Mit der plötzlichen Umkehr der erwarteten Situation werden wir emotional angesprochen – vor allem aber werden unsere Kindheitsvorstellungen unmittelbar herausgefordert. Woher aber kommen diese Vorstellungen davon, was und wie Kinder sind, was Kindheit bedeutet? Und weshalb sind sie so stark, dass sie unsere Interpretation des Gesehenen so eindeutig leiten? Welche Traditionen stehen hinter der Strategie, Foto- und Filmaufnahmen von Kindern besonders häufig und intensiv einzusetzen, wenn es um Hilfs- und Solidaritätsaufrufe geht? Weshalb werden bei Katastrophenmeldungen und Berichten aus Kriegsgebieten die Kinder oft als besondere – und besonders zu betrauernde – Opferkategorie genannt, und welche kulturellen Muster werden hier aufgerufen?

1.1Kindheit als soziale, kulturelle und historische Kategorie

»Kindheit« und »Erwachsensein« sind zentrale Kategorien moderner Gesellschaften. Beide sind kulturell konstruiert; ihre Konstruktionsprozesse bedingen einander gegenseitig.

Fragen wie diese leiten die zentralen Interessen der aktuellen interdisziplinären Kindheitsforschung – und damit auch der Kindheitsgeschichte. Sie machen neugierig, weil sie eine der wichtigsten und scheinbar selbstverständlichsten Kategorien moderner Gesellschaften in den Blick rücken und zu erklären versuchen: Die Differenzierung von Kindern und Erwachsenen als fundamental unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen, die historische Entwicklung dieser Unterscheidung und ihre kulturelle, aber auch ökonomische, politische und juristische Bedeutung.

Ein solches Verständnis von Kindheit als soziale, kulturelle und historische Kategorie hat weitreichendes, in mancher Hinsicht geradezu revolutionäres Potential. Es widerspricht grundlegend der Selbstverständlichkeit, mit der wir dem Begriff der Kindheit normalerweise begegnen. Es problematisiert die Annahme, die Unterscheidung von Kindheit und Erwachsenensein folge natürlichen Gegebenheiten und sei somit notwendig, universal und historisch konstant. Stattdessen geht die Kindheitsforschung davon aus, dass Kindheit ein soziales Konstrukt ist und damit kulturell und historisch variabel. Dass ein solches Konstrukt auch veränderbar ist, uns damit zu einer bewussten Umkonstruktion von »Kindheit« herausfordert und somit auch politisch relevante Denk- und Handlungsräume eröffnet, ist vor allem bei den neueren childhood studies mitgedacht.

childhood studies/Kindheitsforschung

Interdisziplinärer Forschungszweig, seit den frühen 1990er Jahren in den USA, Großbritannien und den Niederlanden und zunehmend auch in anderen europäischen Ländern etabliert. Zu den beteiligten Wissenschaftsdisziplinen gehören Erziehungswissenschaften, Soziologie, Literaturwissenschaft, Anthropologie und Filmwissenschaft. Die zentrale Motivation der childhood studies entstammt der Beobachtung einer gesellschaftlichen Ausgrenzung von Kindern und der Forderung nach größerer Teilhabe.

Die Prämisse eines sozialen Konstrukts ähnelt in mancher Hinsicht den Grundlagen der Genderforschung. Auch hier geht es darum, »sich über Dinge zu wundern, über die sich üblicherweise niemand mehr wundert«2 und darum, aus dieser Verwunderung ein tieferes Verständnis dafür zu entwickeln, wie Gesellschaften funktionieren. In den gender studies gilt Geschlecht als eine – historisch entwickelte und kulturell veränderliche – Kategorie, die Ordnungen und Funktionsweisen von Gesellschaften entscheidend bestimmen kann. Genderforschung hat nicht nur ihren Platz in zahlreichen Geschichtsinstituten gefunden; vor allem sind die Bedeutung der unterschiedlichen Rollenzuschreibungen und Vorstellungen, die sich mit »Männern« und »Frauen« verbinden, sowie die grundlegende Bedeutung dieses in der Moderne scheinbar unumgänglichen Dualismus, nicht mehr nur Gegenstand einer begrenzten »Frauengeschichte«. Vielmehr werden Kriege, ökonomische Entwicklungen, Bildungssysteme, Stadtgeschichte und zahlreiche andere Forschungsfelder – auch – unter dem Aspekt der Kategorie »Geschlecht« betrachtet. Während sich die Geschlechterforschung also durchgesetzt hat und zu einem aus der Geschichtswissenschaft nicht mehr wegzudenkenden Feld geworden ist, ist dies für die Kindheitsgeschichte, insbesondere in der deutschsprachigen Forschung, noch nicht der Fall.

In der so genannten »allgemeinen Geschichte« spielen Kinder und Kindheit, zumindest in Deutschland, bisher keine oder eine allenfalls marginale Rolle. Dabei hat die sozial- und kulturwissenschaftliche Kindheitsforschung insbesondere im angloamerikanischen Raum überzeugend gezeigt, dass und wie sehr die Unterscheidung von »Kindern« und »Erwachsenen« die moderne Welt bestimmt. Gerade eine von den Prämissen der childhood studies bestimmte Kindheitsgeschichte will und kann keine Geschichte marginaler Gruppen, Räume und Probleme sein. Ob Stadt- und Raumforschung, die kritische Analyse von Menschenrechten oder rechtssoziologische Untersuchungen, Konsumforschung, Geschichte der Arbeit oder Medizingeschichte – diese Bereiche und viele weitere werden ungemein bereichert, wenn die scheinbare Normalität des Erwachsenseins konfrontiert wird mit der konstruierten »Andersartigkeit« des Kindes. Dann geraten die räumliche Segregation, die rechtliche Sonderstellung, die Dynamiken einer Konsumindustrie für Kinder, die Komplexitäten des Phänomens Kinderarbeit oder die Konstruktion und Pathologisierung des Kindes durch die Etablierung der Kinderheilkunde in den Blick.

So gesehen, ist Kindheitsgeschichte nicht nur eine »Geschichte von Kindern«, sondern bildet eine neue, innovative und unverzichtbare Perspektive auf Kultur- und Gesellschaftsgeschichte überhaupt. Die Auseinandersetzung mit der Frage, welche Rolle Kinder in den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen spielen und welche Position ihnen zugeschrieben wird, führt eine neue historische Kategorie in die Debatte ein, die unser Gesellschaftsverständnis fundamental verändern kann.

Kindheitsgeschichte interessiert sich für historische Fragen und Bereiche, in denen Kinder und/oder die Vorstellung von Kindern eine zentrale Rolle spielen, und in denen »Kindheit« als historische Kategorie zutage tritt.

1.2Aktuelle Bezüge

Insbesondere moderne Gesellschaften orientieren sich in sehr intensiver und komplexer Weise »am Kind«. Aus postkolonial inspirierter Perspektive kann man dabei »das Kind« als Konstruktion eines »Anderen« identifizieren, als Folie, von der sich die moderne, normale, mündige – und vor allem: erwachsene – Gesellschaft abhebt. Dass dieser Dualismus seit wenigen Jahrzehnten wieder zur Disposition steht, macht die Angelegenheit nur noch vielschichtiger und interessanter. Historisch wurde »das Kind« dabei mit sehr unterschiedlichen Eigenschaften belegt. Die Bandbreite reicht hier von »fundamental böse und mit der Erbsünde beladen« über das »weiße Blatt«, das dem Erziehungsberechtigten unbegrenzte Gestaltungsmöglichkeiten bietet, bis hin zum Ideal von Unschuld und Güte. Die Motivation, diese Komplexitäten zu erforschen, ist häufig unmittelbar aus der aktuellen Situation motiviert. Insbesondere für die USA ist in den letzten Jahren wiederholt eine »obsession with childhood« diagnostiziert worden,3 eine Besessenheit, die insbesondere wegen ihrer Paradoxien und Dynamiken von Interesse ist. In den westlichen Gesellschaften sind Kinder immer weniger sichtbar – was zusammenhängt mit sinkenden Geburtenraten, aber auch mit der sozialen Segregation durch spezielle »Räume« und »Angebote« für Kinder. Kinder laufen nicht einfach »mit«, sondern befinden sich in Schulen, day-care-centres, Kursen, Ferienlagern etc. Die abnehmende Sichtbarkeit von Kindern im »normalen« – zunehmend als »erwachsen« definierten – Alltag geht interessanterweise einher mit einem stetig zunehmenden Interesse an Kindheit und Kindern, die systematisch betreut und gefördert werden sollen.

Auch in Deutschland scheint die Diskussion ums Kind besonders aktiv und aktuell: Welche Auswirkungen hat es, wenn Kinder einen Großteil ihrer Zeit vor dem Computer verbringen? Wie sieht die urbane Kindheit aus, in der das Auto für die Fortbewegung entscheidend ist? Wie viel Schutz brauchen »unsere« (wessen?) Kinder, und wovor schützen wir sie überhaupt? Sind »Helikopter-Eltern« eine bloße Erfindung der Medien, oder gibt es sie tatsächlich – und wenn, was sollen wir davon halten? Sollen Kinderbücher umgeschrieben werden, oder sind Tabuwörter bei Pippi Langstrumpf akzeptabel? Wollen wir eine Bullerbü-Kindheit oder doch lieber den Frühchinesisch-Kurs bereits im Kindergarten?

Kindheitsforschung analysiert solche Eindrücke und Strömungen und entwickelt Methoden und Begriffe, um sie zu untersuchen. Die Kindheitsgeschichte als Unterdisziplin fragt nach Brüchen und Kontinuitäten und ordnet unter anderem Kindheits- und Erziehungsideale historisch ein. Schnell wird dabei eines deutlich: Zumindest seit Beginn der Moderne gab es solche »Besessenheit«, solch ein großes Interesse an Kindern und Kindheit, immer wieder. Bereits die Puritaner des 16. und 17. Jahrhunderts definierten sich stark über ihre Erziehungskonzepte, und Ähnliches gilt für das Bürgertum des 19. Jahrhunderts ebenso wie für das Herrschaftssystem des Stalinismus.

Bei der Betrachtung solcher Zusammenhänge ergeben sich für Kindheitshistoriker somit (mindestens) zwei grundlegende Fragen und Einsichten: einmal erweisen sich Vorstellungen von Kindheit oft als sehr aufschlussreich, um historische Gesellschaften und deren Strukturen und Logiken besser zu verstehen. Und zweitens erhellt eine solche Analyse die heutige Situation, indem sie Wurzeln, oft erstaunliche Kontinuitäten, aber auch Brüche offenlegt. Gemeinsam machen diese Ebenen die historischen, sozialen und kulturellen Abhängigkeiten von Kindheit deutlich.

1.3Definitionsfragen

Zu definieren sind sowohl die Grenzen der Kindheitsgeschichte als auch die Begriffsbestimmung »Kind«. Beides ist nicht einfach; dennoch sei hier mit dem etwas Übersichtlicheren begonnen: Was gehört zum Bereich der Kindheitsgeschichte?

Kindheitsgeschichte überschneidet sich nicht selten mit Fragen der historischen Demografie und Familienforschung (aus der sie sich ursprünglich auch entwickelt hat), der Geschichte von Wohlfahrtsinstitutionen sowie mit Genderforschung. Diskussionen über Frauen und die ihnen zugeschriebenen Aufgaben einerseits und über Kindheiten und Kinder andererseits überschneiden sich in der Geschichte sehr häufig. Die Bildungsgeschichte ist ein weiteres eng benachbartes Fach. Wichtig sind aber auch Bereiche, die auf den ersten Blick nicht ganz so nahe zu liegen scheinen: Militärgeschichte, Entwicklung des modernen Staates, Raumforschung, Ideologie- und Propagandageschichte und vieles mehr.

Besonders eng ist die Nähe von Kindheitsgeschichte und historischer Jugendforschung. Eine klare Abgrenzung ist wegen der historischen und kulturellen Variabilität des Begriffes »Kind« problematisch und kann und sollte nicht absolut festgelegt werden. Eine vollkommene Loslösung vom Quellenbegriff wäre willkürlich und unhistorisch. Doch Kindheits- und Jugendforschung unterscheiden sich nicht nur bezüglich des Alters ihrer Protagonisten: vielmehr fällt auf, wie sehr die Jugendforschung sich – den historischen Diskursen, aber auch eigenen Wertungen folgend – vor allem mit Fragen des Protestes, der Popkultur und der Delinquenz auseinandersetzt, während die Kindheitsgeschichte ihre Akteure nicht selten als Objekt oder gar als Opfer betrachtet. Die Bezeichnung »Kind« ist in solchen Fällen weder in den Quellen noch »objektiv« im Alter der Akteure begründet, sondern vielmehr in einer politischen und emotionalen Motivation. Die Definition und Abgrenzung der Kindheitsgeschichte birgt also verschiedene Schwierigkeiten und Herausforderungen. Da diese Einführung zu großen Teilen aus einer reflektierten und systematischen Darstellung der vorliegenden Forschungsliteratur besteht, wird sie auch diese Schwierigkeiten spiegeln und die Exkurse in Familien- und Frauengeschichte nachvollziehen, die sich in der Forschung finden. Einen allgemeingültigen Lösungsvorschlag legt sie nicht vor.

Die Historizität von Kindheit legt also bereits nahe, dass die Frage »Was ist ein Kind?« nicht ganz einfach zu beantworten ist. Wer oder was ist ein Kind, und wer zählt nicht zu dieser Gruppe? Aus rechtlicher Perspektive erscheint die Antwort heute zunächst eindeutig: Die UNO-Kinderrechtskonvention von 1989 definiert Menschen, die das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet haben, als »Kinder«. Doch bereits das deutsche Recht macht einen Unterschied zwischen Kindern (bis zum vollendeten 14. Lebensjahr) und Jugendlichen (zwischen 14 und 18 Jahren). Die radikale Zäsur, welche mit dem 18. Geburtstag und damit der Volljährigkeit einsetzt, hat entscheidende juristische und starke kulturelle Implikationen, wird aber auch diskutiert und aufgeweicht. Die Frage, ab wann der Genuss von Alkohol und Zigaretten erlaubt ist, bestimmte Formen des Wahlrechts ausgeübt werden können, Entscheidungen über den eigenen Körper den Jugendlichen überlassen werden (in Bezug auf medizinische Behandlungen, sexuelle Beziehungen, die Einnahme von Verhütungsmitteln, Tattoos und Piercings etc.) oder auch Verträge abgeschlossen werden dürfen, wird in unterschiedlichen Rechtssystemen auf divergierende Weise beantwortet.

Praktisch zeigen sich Probleme mit der Definition eines Menschen als »Kind« vor allem in Ausnahmesituationen, die ein Ausscheren aus der Normalität des Kind- und Erwachsenseins ermöglichen bzw. erzwingen: Lagerhaft, Flucht, Hungersnöte. So war es für die Organisatoren von Kinderhilfsprojekten in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg außerordentlich schwierig, den Status »Kind« – und damit die entsprechenden Rechte auf besondere Zuteilungen – zuverlässig zuzuordnen.

Daraus folgt auch, dass Kindheit nicht nur davon abhängig ist, welche historische Zeit wir betrachten oder auch, welche politischen und wirtschaftlichen Systeme wir in den Blick nehmen. Auch innerhalb einer Gesellschaft sind Kindheitsvorstellungen oft komplex, zuweilen widersprüchlich und stehen in einem Spannungsverhältnis zu anderen sozialen Kategorien. Zwar erhebt die moderne Kategorie »Kind« einen sehr umfassenden Gültigkeitsanspruch und wirkt häufig in ihren Interpretationen ausgesprochen homogenisierend. Mit Sätzen wie »es sind doch nur Kinder« oder »einfach mal Kind sein lassen« werden genaue und allgemeingültige Vorstellungen von »dem Kind« unterstellt. Doch bei näherem Hinsehen zeigt sich schnell, wie inkonsequent die vermeintliche Einheit »Kind« doch ist. Vorstellungen davon, wie »ein Kind« ist, sein sollte und auch welche Rechte ihm zustehen, folgen unterschiedlichen Logiken und spezifizieren das Bild »des Kindes« nach Alter, entsprechend dem Geschlecht, nach Behinderungen und Begabungen sowie nach ethnischen und sozialen Zuordnungen. Konzeptionell und theoretisch antworten die Sozial- und Kulturwissenschaften auf diese verschiedenen Überschneidungen und Spannungsverhältnisse mit dem Forschungsprogramm der »Intersektionalitäten«.

New Orleans, 1960. Ruby Bridges war das erste afroamerikanische Kind, das in Louisiana in eine »weiße« Schule eingeschult wurde. Das Bild zeigt sie auf dem Schulweg, begleitet von US-Marshalls, die sie vor den dauernden Angriffen und Beschimpfungen durch Eltern, Schüler und Nachbarn schützen sollten. Für die Verteidiger segregierter Schulen war die Kategorie der »Rasse« offensichtlich bedeutungsvoller als die Kategorie »Kind«. Ruby galt ihnen in erster Linie als »schwarz«.

Intersektionalität

Forschungsansatz mit dem Anspruch, soziale Kategorien (gender, Klasse, Rasse etc.) nicht voneinander isoliert zu betrachten, sondern sie als verflochten und einander überkreuzend zu untersuchen.

Kindheitsgeschichte untersucht nicht nur die Geschichte von Kindern, sondern auch die historische Entwicklung des Konzeptes »Kindheit«. Ihr Gegenstand wird somit ständig hinterfragt und – entsprechend den Quellen – neu definiert.

Letztlich stellt sich noch die Frage nach dem Verhältnis von Kindern und Kindheit. Im Rahmen des großen kultur- und diskurshistorischen Interesses der letzten Jahrzehnte ist zunehmend die »Kindheit« als Konzept in den Blick geraten: Vorstellungen, Inszenierungen und Konstruktionen von Kindheit als Lebensabschnitt. Historiker weisen häufig und zurecht darauf hin, dass eine analytische Trennung von (vorgestellter) Kindheit und (»realen«) Kindern methodisch von großer Bedeutung ist, dass aber zugleich diese beiden Bereiche in einer ständigen und komplexen Wechselwirkung miteinander stehen. Die Konstruktionen von Kindheit bleiben für die Lebenswirklichkeiten »echter« Kinder nicht folgenlos, und soziale Realitäten wie Geburtenrate und Kinderalltag prägen umgekehrt die Kindheitsbilder. Dennoch bleibt offen, wie sich dieses Verhältnis und diese Bezüge genau gestalten und wie sie theoretisch gefasst werden können. Die Debatten sind noch offen, zeigen sich aber besonders stark bestimmt von der Vorstellung, Kindheit bilde eine Art Rahmen, ein »festes soziales Segment«, innerhalb dessen junge Menschen für eine gewisse Weile agieren und das ihren Status und ihr Handeln bestimmt. Kinder gelten dann als Repräsentanten des Segments Kindheit. Dieser Rahmen bleibt auch dann bestehen, wenn eine Generation ihn wieder verlässt und neue Kinder ihn betreten. Die konkrete Ausgestaltung des Rahmens »Kindheit« und die realen Gegebenheiten individueller Kinderleben hängen somit zusammen, müssen aber dennoch aus unterschiedlichen Perspektiven und mit unterschiedlichen Methoden betrachtet werden. Die konzeptionelle und methodologische Bedeutung dieser Debatte fasst Michael-Sebastian Honig prägnant zusammen, wenn er schreibt: »Eine Kindheitsforschung, die unvermittelt Kinder adressiert, würde einen Begriff von ihnen voraussetzen, ehe sie überhaupt weiß, wovon sie spricht. Empirisch jedoch sind ›Kinder ohne Kindheit‹ nicht zu haben.«4

»Childhood is, in other words, both constantly changing and a permanent structural form within which all children spend their personal childhood period. Childhood is there as a social space to receive any child born and to include the child – for better or for worse – throughout his or her childhood period. When the child grows up and becomes an adult, his or her childhood comes to an end, but childhood as a form does not go away and will stay there to receive new generations of children.«5

1.4Ziele dieses Bandes – und seine Grenzen

Dieser Band wurde mit dem Ziel verfasst, Studierenden – insbesondere Studienanfängern – aber auch Wissenschaftlern, die sich für Kindheitsgeschichte interessieren, eine Einführung in ein sehr komplexes Thema zu geben. Dabei wurde eine Kombination von empirischer Beschreibung und Darstellung des Forschungstandes gewählt – je nach dem aktuellen Wissensstand und der Intensität der Forschungskontroversen gestaltet sich das Verhältnis dieser beiden Ausrichtungen in den einzelnen Kapiteln allerdings durchaus unterschiedlich. Diese Komplexität und die Schwierigkeiten, die sich gerade für Studierende bei der Einarbeitung in das Thema ergeben, entstehen aus der großen Menge empirischer Einzelstudien einerseits und oft großen Forschungslücken andererseits, dem nicht immer unproblematischen Verhältnis zu angrenzenden Wissenschaften (z. B. Pädagogik, Psychologie, Sozialwissenschaften) sowie aus zahlreichen kontroversen Debatten. Dazu kommt, vielleicht paradoxerweise, ein großes populärwissenschaftliches Interesse an diesem Thema, das von außergewöhnlich großer politischer und emotionaler Relevanz ist. Zahlreiche Berichte in den Medien sowie kindheitshistorische Kurzdarstellungen beispielsweise von pädagogisch engagierten Vereinen wiederholen längst widerlegte Thesen als vermeintlich gesicherte Forschungsergebnisse und stellen die moralische Wertung deutlich über einen analytischen Ansatz. Es gehört nicht zuletzt zu den Zielen des Buches, auf solche Missverständnisse und Vereinfachungen hinzuweisen und die reiche Forschungsgeschichte seit den 1960er Jahren systematisch und übersichtlich abzubilden.

Die große Vielfalt der verschiedenen Kindheitskonzepte kann hier nicht vollständig widergegeben werden. In den folgenden Kapiteln werden eindeutig Entwicklungen in Europa und Nordamerika seit dem Mittelalter im Zentrum stehen – diese Schwerpunktlegung entspricht dem aktuellen Stand der Forschung. Insofern ist die Darstellung stark eurozentrisch und geht nur vereinzelt auf Entwicklungen auf anderen Kontinenten ein. Als zugegeben schwaches Korrektiv für diese West-Zentrierung wurden ein Kapitel zu Kindheiten in sozialistischen Gesellschaften und eines zur Globalgeschichte der Kindheiten hinzugefügt.

Die Kapitel sind mehrheitlich chronologisch und in Teilen thematisch geordnet. Sie können der Reihe nach durchgearbeitet, aber auch einzeln gelesen werden – auf Bezüge wird fortlaufend hingewiesen. Jedem Kapitel folgt eine kurze Literaturliste. Dabei handelt es sich nicht um vollständige Bibliografien, sondern um den Versuch, die wichtigsten einschlägigen Werke zusammenzustellen. Im Anhang befindet sich zusätzlich eine Liste mit allgemeinen Hilfsmitteln für die weiterführende Arbeit: Handbücher, online-Portale, Bibliografien und einschlägige wissenschaftliche Zeitschriften.

Für wertvolle Unterstützung und Inspiration danke ich den Studierenden meiner Vorlesung zur Kindheitsgeschichte, für konzeptionelle Hinweise und den Kampf mit Fußnoten und Literaturlisten Klaas Anders, Nikol Bruncliková, Philipp Mangels und Lisa Städtler. Für das Lesen einzelner Kapitel und wichtige Expertenhinweise danke ich Maike Lehmann, Jan Ulrich Büttner und Fernando Ramos Arenas.

1.5Literatur

Honig, Michael-Sebastian: »Das Kind der Kindheitsforschung. Gegenstandskonstitution in den childhood studies«, in: ders. (Hg.), Ordnungen der Kindheit. Problemstellungen und Perspektiven der Kindheitsforschung, München 2009, S. 25–51.

James, Allison/Jenks, Chris/Prout, Alan: Theorizing childhood, Cambridge 1998.

Landwehr, Achim: »Diskurs und Diskursgeschichte«, in: Docupedia-Zeitgeschichte. Begriffe, Methoden und Debatten der zeithistorischen Forschung, https://docupedia.de/zg/Diskurs_und_Diskursgeschichte?oldid=75508, letzter Abruf am 11.02.2017.

Qvortrup, Jens: »Childhood as a structural form«, in: ders. (Hg.), The Palgrave handbook of childhood studies, Basingstoke, Hampshire 2009, S. 21–33.

1Breaking Bad: season 2, episode 11 (Mandala)

2Landwehr: Diskurs und Diskursgeschichte.

3James: Theorizing childhood, S. 5–6.

4Honig: Das Kind der Kindheitsforschung, S. 41. Siehe auch Qvortrup: Childhood as a Structural Form.

5Qvortrup: Childhood as a structural form, S. 26.

2.Philippe Ariès – umstrittener Begründer einer Forschungstradition

2.1Ariès’ Thesen – eine kurze Zusammenfassung

Ähnlich wie viele andere Forschungsrichtungen hat auch die Kindheitsgeschichte einen Gründungsvater: verdient um eine zentrale Grundidee, richtungsweisend in Fragen der Begrifflichkeit und der wichtigsten Thesen, aber auch umstritten und kontrovers.1 Philippe Ariès legte 1960 mit seinem Buch zur Geschichte der Familie das Fundament für die historische Erforschung der Kindheit.

Philippe Ariès (1914–1984)

Historiker mit einem Schwerpunkt in der »Mentalitätengeschichte«. Begründer der Kindheitsgeschichte als Forschungsbereich.

Zentrale, hochumstrittene These: Kindheit als modernes Konzept, das erst seit dem 17. Jh. entstanden sei. Im Mittelalter dagegen gab es Ariès zufolge »kein Verhältnis zur Kindheit«.

Die Grundthese Ariès’ lautet, kurz zusammengefasst: Kindheit ist ein historisches Phänomen und keine natürliche Gegebenheit. Die Tatsache, dass es immer und überall Kinder gibt, bedeutet nicht automatisch, dass jede Gesellschaft eine Vorstellung von Kindheit hat oder gar dass solche Vorstellungen zeit- und kulturübergreifend homogen wären. Damit ist die Kindheit nicht nur ein Thema für Pädagogen und Psychologen, sondern ebenso eines für Historiker. Diese Erkenntnis, dass Kindheit historisiert werden muss, hat großen Anklang gefunden und gilt als Gründungsgedanke der Kindheitsgeschichte.2

Ariès’ empirische Umsetzung des Gedankens dagegen ist hochumstritten. Ariès argumentierte, Kindheit sei ein modernes Konzept, das erst seit dem 17. Jahrhundert sukzessive erfunden bzw. »entdeckt« wurde. Im Mittelalter dagegen habe es »kein Verhältnis zur Kindheit« gegeben. Anhand von Bildquellen, einem wachsenden Interesse an Objekten wie Kleidung und Spielzeug sowie der Entwicklung von Schulen argumentiert Ariès, dass im Mittelalter Kinder nur bis etwa zum siebten Lebensjahr als besonders hilfsbedürftig betrachtet wurden, danach aber als kleine Erwachsene galten. Während die Moderne »Kindheit« auf bestimmte Weise kennzeichnet (beispielsweise durch speziell hergestellte Kleidung), räumlich begrenzt (z. B. durch Kinderzimmer) und fördert (z. B. durch Schulen), galt »Kindheit« in der mittelalterlichen Welt Ariès zufolge nicht als spezifischer Lebensabschnitt, der gesonderte Behandlung und Schutz verdiene.

Erklärt und kontextualisiert wird diese Diagnose bei Ariès vor allem durch zwei Aspekte:

Die mittelalterliche Gesellschaftsstruktur: Für die Vormoderne geht Ariès von einer Gesellschaftsstruktur aus, die von der Großfamilie, dem »Haus« bestimmt war. Das Zusammenleben von Frauen und Männern, Herren und Dienern und nicht zuletzt Erwachsenen und Kindern war nach diesem Modell vor allem von ökonomischen Notwendigkeiten bestimmt – und nicht, wie die moderne Kernfamilie, von emotionalen Bindungen.

Demografische Faktoren: Die allgemein sehr hohe Mortalitätsrate in vormodernen Gesellschaften und insbesondere die hohe Kindersterblichkeit hatten nach Ariès zweierlei Konsequenzen: erstens eine hohe Geburtenrate, mit der die Menschen versuchten, das Fortbestehen ihrer Familien zu sichern. Zweitens habe die hohe Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind bereits in sehr frühem Alter verstarb, dazu geführt, dass die Menschen eine enge emotionale Bindung insbesondere an das sehr junge Kind vermieden. »Diese Gleichgültigkeit war eine direkte und unausweichliche Konsequenz der Demographie der Epoche«.

Diese Diagnose eines Fehlens von Kindheitskonzepten im Mittelalter ist für Ariès allerdings im Grunde nur eine Folie, auf der er sein eigentliches Thema entfaltet: den Prozess der »Entdeckung der Kindheit«. Von großer Bedeutung sind hier Abbildungen. Ariès zufolge gab es erst seit dem 13. Jahrhundert vereinzelt Bilder, welche Kinder als Kinder darstellten. Insbesondere Kinderporträts werden von Ariès als Indiz für eine wachsende emotionale Bindung von Eltern an Kinder interpretiert sowie als Zeichen dafür, dass man Kindheit als besondere Lebensphase darstellen und im Bild bewahren wollte. Zusätzlich erkennt Ariès auf Bildern der Frühen Neuzeit neue Formen von »kindgerechter« Kleidung sowie besondere Objekte, die eigens für Kinder hergestellt wurden (Möbel, Spielzeug). Seit dem 17. Jahrhundert, so Ariès, habe es dann die Vorstellung gegeben, Kinder seien fundamental »anders« als Erwachsene. Mit diesem »Anderssein« geht sehr häufig eine besondere emotionale Bindung und eine Begeisterung für das »Entzückende«, das »Niedliche« einher. Dabei argumentiert Ariès hier durchaus sehr differenziert: Er behauptet keinesfalls, Menschen im Mittelalter hätten ihre Kinder nicht geliebt. Vielmehr geht er sogar davon aus, insbesondere Frauen hätten Kinder immer und überall »gehätschelt«. Im 17. Jahrhundert aber sei diese Begeisterung zu einem Thema in Briefen und Erinnerungen geworden, gehörte von nun an »zum guten Ton« und damit zum kulturellen Diskurs.

2.2Die Diskussionen um Ariès

Diese Darstellung einer erst für das 17. Jahrhundert zu erkennenden Entdeckung oder auch Erfindung der Kindheit hat zunächst große Zustimmung, bald aber auch deutlichen Widerspruch erfahren. Die Kritik richtet sich dabei auf verschiedene Aspekte:

An erster Stelle steht die Auseinandersetzung mit den empirischen Aussagen. Die Grundthese, es habe im europäischen Mittelalter kein Kindheitskonzept gegeben, wird von vielen Spezialisten scharf angegriffen. Hugh Cunningham spricht gar von einer »mediävistischen Mini-Industrie« der Ariès-Kritik. Besonderheit und Wandel sowie deutliche Unterschiede zu modernen Gesellschaften werden dabei weitgehend konzediert; die Diagnose eines »Fehlens« von Kindheit aber ist auf große Ablehnung gestoßen. Vielmehr zeigten zahlreiche Quellen, dass es im Mittelalter Kindheitsvorstellungen gab.3

An zweiter Stelle, wenn auch direkt mit der empirischen Kritik verbunden, steht die methodologische Kritik am Vorgehen Ariès’: Seine Quellenauswahl sei oft selektiv, bisweilen wird ihm die Fehlinterpretation von Bildern und Texten vorgeworfen. Ebenso habe er sich zu exklusiv auf die mittleren und höheren gesellschaftlichen Schichten konzentriert und von diesen verallgemeinernde Schlussfolgerungen gezogen.4 Einen ganz pragmatisch-logischen Widerspruch hat bereits Ingrid Peikert hervorgehoben, als sie darauf hinwies, der unterstellte Zusammenhang zwischen Mortalitätsrate und Kindheitskonzept könne nicht gelten. Schließlich sind – auch von Ariès selbst – spätestens mit dem 17. Jahrhundert moderne Vorstellungen von Kindheit festgestellt worden, während die Sterblichkeit erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts signifikant zurückging.5

Letztlich ist die konzeptionelle Kritik zu nennen. Zahlreiche Autoren bezeichnen Ariès’ Herangehensweise als »modernistisch« und »präsentistisch«.6 Er habe eine allzu starke Zäsur zwischen Mittelalter und Moderne konstruiert und die Vormoderne auf diese Weise exotisiert. Die Suche nach Kindheitskonzepten, die den unseren, modernen entsprechen, müsse in einer mittelalterlichen Gesellschaft fast zwangsläufig ins Leere führen. Statt einer solchen Mangelgeschichte, die letztlich nur als Folie für die Fortschrittsgeschichte der Neuzeit diene, sei ein offenerer und flexiblerer Blick notwendig. Schließlich sei es ein grundlegender konzeptioneller Fehler, die Kindheit, wie wir sie kennen, als Norm zu begreifen. Vielmehr sei es nützlich, »sich gelegentlich daran zu erinnern, dass die moderne Kindheit die Ausnahme, die Anomalie ist.«7

Wissenschaftler kritisieren zudem sehr grundsätzlich Ariès’ Verknüpfung von Kindheit und Moderne. Während die Idee einer Historisierung der Kindheit allgemein begrüßt wird, bezweifelt beispielsweise Allison James den Sinn einer Suche nach einer big-bang-theory der Kindheit, also nach einem historischen Anfangspunkt. Vielmehr solle, so auch Jeroen Dekker, von discoveries of childhood im Plural gesprochen werden, um der Vielfalt der Entwicklungen gerecht zu werden und einer allzu linearen und teleologischen Geschichtsinterpretation auszuweichen.8 Allerdings ist es diskutabel, ob man Ariès mit dem Vorwurf des Präsentismus nicht Unrecht tut. Sein Buch verfolgte nämlich auch eine politische Zielsetzung und wandte sich gegen die in den 1950er Jahren verbreitete kulturkritische und traditionalistische These vom Zerfall der Familie. Gegen die Unterstellung, die moderne Kernfamilie sei die gewissermaßen natürliche und vor allem notwendige Grundlage einer funktionierenden Gesellschaft, formulierte Ariès seine These vom historischen – und eben nicht natürlichen! – Charakter der Kindheit. Es handelt sich also um eine eher liberale und vor allem durch und durch historisch geführte Argumentation.

2.3»Weiße« und »dunkle« Legende

dark legend

These, die besagt, dass Kindheit in der Vergangenheit vor allem von Gewalt und Vernachlässigung geprägt gewesen sei. Es gebe eine langsame und lineare Verbesserung hin zu einer liebevollen Kindheit.

white legend

Revisionistische Gegenthese, die sich gegen die Aussage vom »gewaltsamen Mittelalter« wendet und explizit gegen die Fortschrittsgeschichte von der besser werdenden Kindheit argumentiert.

Die Thesen Philippe Ariès’ haben sehr weite Verbreitung gefunden. Nicht unähnlich verhält es sich mit der These der »dunklen« Kindheit, die zumindest mittelbar an Ariès anknüpft und weitere leidenschaftliche Debatten ausgelöst hat.

Im Jahre 1974 erschien das Buch The History of Childhood, ins Deutsche übersetzt unter dem bezeichnenden Titel Hört ihr die Kinder weinen.9 Herausgeber und radikalster Vertreter der zentralen These war der Psychohistoriker Lloyd deMause. Sein eigener Beitrag beginnt mit der dramatischen und vielzitierten Aussage »Die Geschichte der Kindheit ist ein Alptraum aus dem wir gerade erst erwachen. Je weiter wir in der Geschichte der Kindheit zurückgehen, desto unzureichender wird die Pflege der Kinder, die Fürsorge für sie, und desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, daß Kinder getötet, ausgesetzt, geschlagen, gequält und sexuell mißbraucht wurden«.10

Die Grundthesen deMauses haben nicht zuletzt in populärwissenschaftlichen Schriften weitere Verbreitung gefunden, wurden aber von zahlreichen Historikern auch grundlegend kritisiert; er konzentriere sich ausschließlich auf negative findings, auf die in Gerichtsakten, Polizeiarchiven und ähnlichen Quellenbeständen vorhandenen Fälle von Misshandlung und gar Tötung von Kindern. Während es solche Fälle zweifelsohne gab, seien sie jedoch als Ausnahme und keinesfalls als Regel zu betrachten.11 Solche methodische Kritik geht allerdings insofern an den Überlegungen deMauses vorbei, als dieser nicht historisch, sondern psychoanalytisch argumentierte und aus der individuellen psychologischen Ökonomie auf gesamte Gesellschaften schloss. Vereinfacht lässt sich sein Argument folgendermaßen zusammenfassen: Wenn Menschen Eltern werden, sind sie zwangsläufig erneut mit ihrer eigenen Kindheit konfrontiert. Je harmonischer diese Kindheit war, desto wahrscheinlicher ist es, dass auch sie selbst ihre Kinder liebevoll aufziehen – umgekehrt führen Gewalterfahrungen in der Kindheit häufig dazu, dass die Geschlagenen später selbst ihre Kinder prügeln. DeMause geht von einem vorsichtigen Fortschrittskonzept aus und nimmt an, dass die psychische Gesundheit von Individuen und damit auch von Gesellschaften sich langsam verbessert. Dies aber habe nichts mit historischen Prozessen zu tun wie Industrialisierung, Modernisierung, Staatsbildung; vielmehr sei die rein psychogenetisch bedingte Evolution von Eltern-Kind-Beziehungen selbst ein wichtiger – und vor allem autarker – historischer Faktor.

Die so genannte dark legend wurde auch mit klassischen historiografischen Methoden verteidigt, insbesondere durch Edward Shorter und Lawrence Stone.12 Beide wenden die Modernisierungstheorie auf die Kindheits- und Familiengeschichte an und argumentieren, die Beziehungen zwischen Ehepartnern sowie zwischen Eltern und Kindern hätten sich infolge von neuen, modernen Gesellschaftsstrukturen zum Besseren gewandelt: Während Kinder im Mittelalter mit Kälte und Desinteresse behandelt wurden, sei seit der Frühen Neuzeit ein Wandel hin zu Liebe und Wärme zu erkennen. Shorter hat diese Theorie auf die griffige Formel gebracht »Good mothering is an invention of modernization«.

Im Gegensatz dazu hat sich eine revisionistische Schule herausgebildet, die zuweilen mit dem Schlagwort der white legend bezeichnet wird. Deren Vertreter (u. a. Linda Pollock, Alan MacFarlane, Barbara Hanawalt, Shulamith Shahar) bestreiten keineswegs die Existenz von Gewalt gegen Kinder in der Vergangenheit. Sie wenden sich jedoch dagegen, die Kindheitsgeschichte vorrangig als Gewaltgeschichte zu schreiben. Ihre Argumente können in drei Punkten zusammengefasst werden:

Modernisierungstheorie

Die Modernisierungstheorie in ihren verschiedenen Ausprägungen konstatiert und untersucht einen fundamentalen Wandel von »traditionellen« hin zu »modernen« Gesellschaften. »Modern« ist damit nicht relativ gemeint (modern ≠ modisch), sondern beschreibt einen speziellen Typus von Vergesellschaftung, der seit der Frühen Neuzeit in Westeuropa und Nordamerika zu beobachten sei. Eine moderne Gesellschaft in diesem Sinne ist staatlich verfasst, sozial differenziert, arbeitsteilig und mobil. Kritiker werfen Modernisierungstheoretikern eine einseitige und normative Perspektive vor, welche der Vielfalt historischer Veränderungen nicht gerecht werde.

Das erste Argument hat quantitativen Charakter. Diskutiert wird die Frage danach, wie häufig und wie üblich Gewalt gegen Kinder tatsächlich war. So argumentiert Barbara Hanawalt, allein die Tatsache, dass Gerichtsakten Fälle von Gewalt so gut dokumentierten (und der dark legend ihr Material lieferten), weise darauf hin, dass es sich hier um Normverstöße, um Ausnahmen und keineswegs um die Regel handelte.13

Daneben problematisieren viele Historiker die Linearität der dark legend, also die Vorstellung, die Situation der Kinder habe sich langsam, aber kontinuierlich zum Besseren gewendet. Gewalt gegen Kinder habe weniger etwas mit dem »Fortschrittsstatus« einer Gesellschaft zu tun als vielmehr mit kulturellen Variablen und sich verändernden Vorstellungen von Kindheit und Pädagogik, und so sei die Erziehung in puritanischen Gesellschaften des 16. und 17. Jahrhunderts deutlich gewalttätiger gewesen als im Mittelalter.14

Schließlich stellt sich wiederum eine konzeptionelle Frage, die durchaus auch ethische Komponenten in sich trägt. Ebenso wie »Kindheit« ein historisches Phänomen sei, müsse auch »Liebe« historisiert werden. Selbst wenn wir feststellten, dass Gewalt gegen Kinder in bestimmten historischen Epochen häufiger gewesen sei als heute, sei es notwendig, diese Gewalt in erster Linie zu kontextualisieren und zu verstehen. So sei beispielsweise das Konzept vom sexuellen Missbrauch ein Resultat der modernen Vorstellung vom unschuldigen, asexuellen Kind – für eine Gesellschaft ohne dieses Konzept könne man den Begriff des sexuellen Missbrauchs also unter Umständen gar nicht benutzen. Ein weiteres Beispiel ergibt sich aus der Moral des Puritanismus, in der Schläge zu einer »guten« Erziehung dazugehörten. Linda Pollock argumentiert gar, die – oftmals außerordentlich grausamen – Schläge seien ein Ausdruck elterlicher Liebe und Sorge gewesen.15 Dieser Logik eines sehr weitgehenden kulturellen Relativismus, der universale (und damit moderne) moralische Maßstäbe ablehnt oder zumindest problematisiert, wird häufig Zynismus und Verharmlosung vorgeworfen. Die ethischen Implikationen eines historisierenden Blickes können im Rahmen dieses Buches nicht ausführlich diskutiert werden. Sie sind aber sehr bezeichnend dafür, wie sehr gerade die Kindheitsgeschichte nicht nur von methodologischen und empirischen Diskussionen bestimmt ist, sondern auch von einer außerordentlich starken emotionalen und moralischen Dimension.

Vollständig gelöst ist der Konflikt zwischen der dark legend und der white legend bis heute nicht – er erscheint aber angesichts gewandelter Interessen und Fragestellungen der Kindheitsgeschichte nicht mehr von zentraler Bedeutung. Auch können die sehr radikalen Aussagen deMauses als wissenschaftlich widerlegt gelten. Ariès dagegen gilt nach wie vor als verdienstvoller Begründer eines historisierenden Blickes auf die Kindheit, auch wenn seine empirischen Aussagen fast sechzig Jahre (und unzählige Bücher) nach Erscheinen seiner Studie in vieler Hinsicht bezweifelt werden.

2.4Literatur

Tipps zum Weiterlesen

Ariès, Philippe: Geschichte der Kindheit, München 2014.

Ulanowicz, Anastasia: Philippe Ariès, in: Representing childhood. http://www.representingchildhood.pitt.edu/aries.htm, letzter Abruf am 11.02.2017.

Zitierte Literatur

Ariès, Philippe: Geschichte der Kindheit, München 2014. Original: Ariès, Philippe: L’enfant et la vie familiale sous l’Ancien Régime, Paris 1960.

Calvert, Karin Lee Fishbeck: Children in the house: the material culture of early childhood, 1600–1900, Boston 1994.

Cunningham, Hugh: »Histories of childhood«, in: American Historical Review 103 (1998), Nr. 4, S. 1195–1208.

Dekker, Jeroen: »Discoveries of childhood in history: an introduction«, in: Paedagogica Historica 48 (2012), Nr. 1, S. 1–9.

deMause, Lloyd (Hg.): Hört ihr die Kinder weinen: eine psychogenetische Geschichte der Kindheit, Frankfurt am Main 1980.

deMause, Lloyd: »Evolution der Kindheit«, in: ders. (Hg.), Hört ihr die Kinder weinen: eine psychogenetische Geschichte der Kindheit, Frankfurt am Main 1980, S. 12–111.

Hanawalt, Barbara: »Childrearing among the lower classes of late medieval England«, in: Journal of Interdisciplinary History 8 (1977), S. 1–22.

Hanawalt, Barbara: The ties that bound: peasant families in medieval England, New York 1986.

Hanawalt, Barbara: »Narratives of a nurturing culture: parents and neighbors in medieval England«, in: Essays in Medieval Studies 12 (1995), S. 1–13.

James, Allison/Jenks, Chris/Prout, Alan (Hg.): Theorizing childhood, Cambridge 1998.

Landwehr, Achim: »Diskurs und Diskursgeschichte«, in: Docupedia-Zeitgeschichte: Begriffe, Methoden und Debatten der zeithistorischen Forschung, https://docupedia.de/zg/Diskurs_und_Diskursgeschichte?oldid=75508, letzter Abruf am 11.02.2017.

Macfarlane, Alan: Marriage and love in England: modes of reproduction 1300–1840, Oxford 1986.

Martindale, Andrew: »The child in the picture: a medieval perspective«, in: Wood, Diana (Hg.), The church and childhood: papers read at the 1993 summer meeting and the 1994 winter meeting of the Ecclesiastical History Society, Oxford 1994, S. 197–232.

Orme, Nicholas: Medieval children, New Haven 2001.

Peikert, Ingrid: »Zur Geschichte der Kindheit im 18. und 19. Jahrhundert: einige Entwicklungstendenzen«, in: Reif, Heinz/Dohrn-van Rossum, Gerhard (Hg.), Die Familie in der Geschichte, Göttingen 1982, S. 114–136.

Pollock, Linda A.: Forgotten children: parent-child relations from 1500 to 1900, Cambridge 1983.

Shahar, Shulamith: Childhood in the Middle Ages, London 1990.

Shorter, Edward: The making of the modern family, New York 1976.

Stone, Lawrence: The family, sex and marriage in England 1500–1800, London 1977.

Wilson, Adrian: »The infancy of the history of childhood: an appraisal of Philippe Ariès«, in: History and Theory 19 (1980), Nr. 2, S. 132–153.

1Ariès: Geschichte der Kindheit.

2James: Theorizing childhood, S. 4–5.

3Siehe dazu genauer das Kapitel 3.

4Martindale: The child in the picture; Calvert: Children in the house.

5Peikert: Zur Geschichte der Kindheit.

6Wilson: The infancy of the history of childhood; James: Theorizing childhood.

7Orme: Medieval children, S. 3.

8Dekker: Discoveries.

9deMause: Hört ihr die Kinder weinen.

10deMause: Evolution der Kindheit.

11Hanawalt: Childrearing.

12Stone: The family; Shorter: The making of the modern family.

13Hanawalt: Narratives of a nurturing culture; Hanawalt: The ties that bound.

14Siehe auch Kapitel 4.

15Pollock: Forgotten children.

3.Kindheiten im Mittelalter

3.1»Am Anfang war Ariès«1

Wenn Kindheitsgeschichte allgemein ihre Initialzündung durch die Thesen Philippe Ariès’ erhalten hat, so gilt dies auf besondere – und in mancher Hinsicht besonders problematische – Weise für die Mediävistik. Ariès hatte dem Mittelalter bescheinigt, keine Vorstellung von »Kindheit« gehabt zu haben und nutzte diese Diagnose als Folie für seine These von der Historizität der Kindheit und ihrer Entwicklung seit dem 17. Jahrhundert.

Zur zentralen These Ariès’ über das Fehlen einer »Vorstellung« (im Original: sentiment) von Kindheit äußerte sich David Archard 1993 präzisierend und zugleich mäßigend.2

David Archards Kritik an Ariès

Das Mittelalter hatte ein concept (Vorstellung) von Kindheit. Die damaligen conceptions aber (konkrete Zuschreibungen) waren andere als in der Moderne. Ariès habe diese notwendige Unterscheidung ignoriert.

Er kritisierte die im Englischen übliche Übersetzung des Arièsschen sentiment als concept und argumentierte, man müsse concept von conception unterscheiden. Einerseits habe die Forschung inzwischen deutlich gezeigt, dass mittelalterliche Gesellschaften durchaus ein concept von Kindheit hatten – also eine Vorstellung davon, dass es einen besonderen Lebensabschnitt der Entwicklung gab und dass Kinder sich in vieler Hinsicht von Erwachsenen unterschieden. Darin seien mittelalterliche Gesellschaften den modernen durchaus ähnlich. Andererseits aber sei auch deutlich geworden, dass die conception – also die inhaltliche Füllung, die konkrete Interpretation dessen, wie Kinder sich von Erwachsenen unterschieden – im Mittelalter eine andere gewesen sei. Es sei ein fundamentaler Fehler (den Archard u. a. Ariès vorwirft), differierende conceptions zu beobachten und daraus auf ein grundlegendes Fehlen eines concept zu schließen. Mit anderen Worten: Nur weil das Mittelalter andere Vorstellungen von Kindheit hatte als die unseren, können wir nicht argumentieren, es habe keine Kindheit gegeben.

Archard fasste mit seiner Argumentation mehrere Jahrzehnte empirischer mediävistischer Forschung zusammen und überführte sie auf eine konzeptionelle Ebene. Die Themen, mit denen sich die empirischen Studien der letzten Jahrzehnte bevorzugt auseinandersetzten, wiesen nicht zufällig häufig Bezüge zu Ariès’ Thesen auf. Im Zentrum der Forschungen standen somit Fragen nach der Bestimmung von Altersgrenzen und der Abgrenzung von Kindheit und Erwachsenensein, nach den Eigenschaften, die mit dem Kindsein assoziiert wurden, nach Alltag und materieller Kultur, vor allem aber auch nach Gewalt gegen Kinder und dem Umgang mit der hohen Mortalität.

3.2Kindheit im Mittelalter?

Jegliche Aussage zur Kindheit im Mittelalter erscheint von vornherein schon insofern problematisch, als sie radikal pauschalisiert und wichtige Unterschiede ignoriert. Für das Leben im Mittelalter waren zwei Zuordnungen ausschlaggebend: Stand und Geschlecht. Weitere Unterschiede ergeben sich in chronologischer, nationaler und regionaler Perspektive, sie können auch kultureller und religiöser Art sein. Nicht zu vergessen ist auch die Bedeutung von Krankheiten oder Behinderungen. Ein Kapitel wie das hier vorliegende, aber auch deutlich umfassendere wissenschaftliche Gesamtdarstellungen wie Shulamith Shahars Standardwerk Kindheit im Mittelalter sind zu Kompromissen gezwungen. Die mediävistische Forschung lebt deshalb von Einzelstudien, die sich auf einzelne Länder, Städte und/oder soziale Gruppen konzentrieren: sie sind es, welche in detaillierter Quellenarbeit verlässliche Aussagen erarbeiten. Im Zentrum des historischen Interesses stehen hier England, Frankreich und Norditalien, zuweilen auch Regionen Deutschlands.3 Zugleich hat sich in vielen Fällen erwiesen, dass nicht wenige dieser Resultate – wie beispielsweise Zahlen zu Sterberaten – regional übergreifend verallgemeinert werden können. Somit sind in geografischer Hinsicht pauschale Aussagen für das westeuropäische Mittelalter oft durchaus berechtigt.4

Chronologisch hingegen sind durchaus deutliche Unterschiede und Entwicklungen festzustellen. Insbesondere das 12. Jahrhundert gilt in mancher Hinsicht als Zäsur:5 Die Kirche sah Kindheit nun als einen anders gearteten Lebensabschnitt an, die Ausbildung adliger Kinder wurde »akademischer«, Lesen und Schreiben erhielten eine größere Bedeutung, und zugleich wurde die Erziehung von Jungen und Mädchen geschlechtsspezifischer gestaltet als zuvor. Historiker finden in den Quellen nun auch häufiger emotionale Beschreibungen des Verhältnisses zwischen Eltern und Kind.

Wir sehen Anfänge einer Institutionalisierung der Kinderfürsorge (vor allem durch Findelhäuser), und auch die theologischen Auseinandersetzungen um die Sündhaftigkeit oder aber Unschuld des Kindes ändern sich. Etwas später werden Kinder zu einem wichtigen Motiv in der Kunst.6 Für das 15. Jahrhundert wurde eine regelrechte »Explosion« an Ratgeberliteratur für Eltern konstatiert.7 All diese Veränderungen mögen nicht unbedingt nur geänderten Realitäten geschuldet sein, sondern vor allem einer besseren Quellenlage – aber auch eine solche kann nicht anders denn als Zäsur betrachtet werden. Wenn mehr über Kinder und Kindheit geschrieben wurde, können wir daraus schließen, dass diesem Lebensabschnitt mehr Aufmerksamkeit zuteilwurde. Letztlich gehen diese Beobachtungen mit grundlegenden Beobachtungen zur »erwachsenen« Geschichte einher: Bereits in den frühen 1970er Jahren diagnostizierte Colin Morris die »Erfindung des Individuums« für das 12. Jahrhundert und damit einen fundamentalen gesellschaftlichen Wandel.

Dass die Kindheiten im Mittelalter dennoch sehr unterschiedlich verliefen, liegt auf der Hand. Während allerdings soziale Unterschiede in der Forschung wahrgenommen und die Differenzen der Lebensbedingungen von Kindern des Adels, der Städter und der Bauern, zwischen Stadt und Land ausführlich beschrieben werden, finden ethnische und religiöse Unterschiede in der europäischen und nordamerikanischen Forschung weniger Beachtung – obwohl gerade solche Bestimmungen und Traditionen in der Kindererziehung von großer Bedeutung sind.8 Die jüdische Bevölkerung, ihre Lebenswirklichkeiten und Kindheitsvorstellungen werden in »allgemeinen« Mittelalterdarstellungen und thematischen Sammelbänden meist nicht beachtet,9 sondern erscheinen nur in speziellen, oft eher anthropologisch als historisch angelegten Studien.10 Simha Goldin beschreibt das Verhältnis jüdischer Eltern zu ihren Kindern als vor allem von Sorge und Angst geprägt: Sorge um deren Wohlergehen, aber auch Angst vor Zwangschristianisierung der nachfolgenden, die Kultur des Judentums absichernden Generation. Als ethnische Gruppe Europas, die in dieser Hinsicht bisher vollkommen ignoriert wurde, müssen die Roma gelten. An dieser Stelle seien auch die Forschungen Avner Giladis zum mittelalterlichen Islam erwähnt. Giladi zufolge gab es im islamischen Mittelalter ein dezidiertes Verständnis von Kindheit als gesonderter Lebensabschnitt. Die zahlreichen islamischen Quellen zu medizinischen, entwicklungsphysiologischen und Bildungsfragen weisen starke Bezüge zu antiken Texten auf.11

Quellen in der Kindheitsgeschichte

Bei der Suche nach Quellen zur Kindheit im Mittelalter müssen Historiker besonders innovativ sein. Sie arbeiten mit Taufregistern, Akten von Leichenbeschauern, Grabtafeln, Erbdokumenten, Bildender Kunst und Heiligenlegenden, aber auch vereinzelt mit persönlichen Aufzeichnungen und Briefen.

3.3Definitionen und Abgrenzungen

Auf der Suche danach, wie Kindheit im Mittelalter definiert und abgegrenzt wurde, trifft man zunächst auf Einteilungen, die den modernen so fremd nicht sind. Die mittelalterliche Literatur unterscheidet drei Entwicklungsphasen voneinander: infantia, von der Geburt des Kindes bis zum siebten Lebensjahr, pueritia, zwischen dem siebten und dem 12. (bei Mädchen) bzw. dem 14. (bei Jungen) Lebensjahr sowie die darauf folgende adolescentia. Das siebte Lebensjahr markierte insbesondere bei höheren sozialen Schichten eine Zäsur zwischen der familiären Erziehung und dem Beginn einer Ausbildung durch Lehrer, Ritter oder Kleriker. Das Kind, so nahm man an, konnte nun artikuliert sprechen und sollte damit Aufgaben in der Gesellschaft (bzw. innerhalb seines Standes) übernehmen. Ungefähr mit der Pubertät ergab sich ein weiterer Einschnitt, mit dem den Heranwachsenden mehr Fähigkeiten und Möglichkeiten, aber auch mehr Pflichten zugesprochen wurden: Je nach sozialer Schicht, Geschlecht und Region konnten dazu die Ehefähigkeit gehören, Strafmündigkeit oder die Anforderung, als volle Arbeitskraft zur Verfügung zu stehen. Ausgesprochen komplex war der Übergang von der Kindheit bzw. dem Jugendalter zum Erwachsenensein, also das Ende der adolescentia. Verschiedene mittelalterliche Autoren legten sehr unterschiedliche Altersgrenzen fest, die zwischen 21 und 35 Jahren liegen konnten. Die Volljährigkeit konnte davon abhängen, ob ein junger Mann wirtschaftlich selbständig war (beispielsweise durch ein eigenes Lehen) und bereits geheiratet hatte. Dies ist bezeichnend, denn »Kindheit« wurde als Kategorie grundsätzlich nicht nur durch das Alter definiert. Vielmehr ging es um Fragen von Selbständigkeit bzw. Abhängigkeit. Auch Menschen in fortgeschrittenem Alter konnten als »Kinder« beschrieben werden – Spuren davon finden sich bis ins 20. Jahrhundert, so wenn Menschen in eher dienenden Tätigkeiten als »Dienstmädchen«, »Kindermädchen« oder garçon bezeichnet wurden. Obwohl es also Vorstellungen von besonderen Lebensabschnitten gab, waren diese nicht so eindeutig und fest definiert, wie wir es aus der Moderne kennen – sie erschienen eher wie ein Bündel von Eigenschaften und Zuschreibungen. Auffällig ist außerdem, dass die Problematik des Überganges von adolescentia zum Erwachsenen in mittelalterlichen Quellen fast ausschließlich mit Blick auf den Adel und dabei nur mit Bezug auf Jungen diskutiert wurde; Mädchen bildeten hier offenbar kein Problem. Die Mündigkeit, die bei Jungen mit der Volljährigkeit eintrat, war bei Mädchen – die im Laufe der adolescentia heirateten oder ins Kloster eintraten – ohnehin deutlich schwächer ausgeprägt, und die Abgrenzung von Kindheit und Erwachsenendasein somit von geringerer rechtlicher und praktischer Bedeutung.

3.4Geburt und Taufe

Aber zurück zum Anfang der Kindheit: Die Geburt und die ersten Tage danach gehörten zu den gefährlichsten Phasen im Leben eines Kindes (und auch der Mutter). Die Sterberate war hoch – Studien haben ergeben, dass 20 Prozent aller Frauen im spätmittelalterlichen Florenz im Kindbett starben;12 für das mittelalterliche Westeuropa generell wird geschätzt, dass ein Viertel bis ein Drittel aller Kinder seinen ersten Geburtstag nicht erlebte. Den frühen Tod eines Kindes versuchte man auf verschiedene Weisen zu verhindern: man betete zu Heiligen und heftete Amulette an die Wiege; Kirchenväter und Ärzte gleichermaßen appellierten an Eltern, das Kind nicht mit ins eigene Bett zu nehmen, um einen Tod durch Überrollen zu verhindern.