Kindliche Zeitzeugen 1939 – 1945 - Helmuth Ristow - E-Book

Kindliche Zeitzeugen 1939 – 1945 E-Book

Helmuth Ristow

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Beschreibung

»Ich bin ein kindlicher Zeitzeuge der letzten Kriegsjahre« hatte der ehemalige Erste Bürgermeister der Hansestadt Hamburg, Hans Ulrich Klose (Jahrgang 1937), bei seiner Abschiedsrede im Bundestag gesagt. Der Begriff hat dem Autor so gut gefallen, dass er ihn als Titel für diese kleine Schrift gewählt hat. Sie erzählt die Geschichte, wie zwei Berliner Jungen der Jahrgänge 1933 und 1934 zwischen ihrem vierten und elften Lebensjahr den Zweiten Weltkrieg erlebt haben. Mit all ihren bedrohlichen Erfahrungen wie der totalen Zerstörung eines Nachbarhauses durch eine englische Luftmine in Berlin oder den schrecklichen Tagangriffen der amerikanischen Bombengeschwader auf München, denen sie vom Hohen Peißenberg in Oberbayern aus ohnmächtig zusahen. Oder wenn Sie sich nach den nächtlichen Fliegerangriffen in Berlin mit ihren Freunden trafen, um am nächsten Tag Granatsplitter zu sammeln. Dazwischen das tödliche Spiel mit Handgranaten, das gerade noch einmal gut ausgegangen war. Helmuth Ristow wurde 1933 in Berlin geboren. Schule und Studium in Berlin, Oberbayern, Karlsruhe und Tübingen. Auslandsreisen nach England, Frankreich und Mexiko. Nach dem frühen Tod des Vaters leiteten er und sein Bruder von 1961 bis 1994 die Firma Dr. Alfred Ristow in Karlsruhe, die zu einem der führenden Fachfirmen für elektrische Sicherheitstechnik ausgebaut wurde. Danach gründete er mit seiner 2007 verstorbenen Frau Hannelore auf dem Rittnerthof in Karlsruhe-Durlach einen Reitbetrieb. 2012 erschien sein erstes Buch: »Mit Sicherheit Erfahrung …« – die Geschichte der Firma Ristow-Alarmanlagen. Mit seiner Frau Manuela lebt er teils in Karlsruhe, teils in Ascona am Lago Maggiore. Ristow befasst sich vorwiegend mit historischen Studien. In Kürze wird sein drittes Buch erscheinen: Gut Rittnerthof – Geschichte und Geschichten. Er ist für jede Anregung zum Thema Kindliche Zeitzeugen über seine E-Mail-Adresse [email protected] dankbar.

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Helmuth Ristow, Jahrgang 1933, verbrachte seine Kindheit während des Krieges in Berlin und Oberbayern. 1947 zog die Familie nach Karlsruhe. An der dortigen Universität erwarb er 1956 das Diplom als Technischer Volkswirt und übernahm fünf Jahre später den väterlichen Betrieb. Von 1961 bis 1994 war er Geschäftsführender Gesellschafter der Firma Dr. Alfred Ristow in Karlsruhe-Durlach, den er zusammen mit seinem Bruder zu einem der führenden Hersteller von elektrischen Einbruchmeldeanlagen in Deutschland ausbaute. Nach seiner Pensionierung betätigte er sich als Landwirt; zusammen mit seiner Frau Hannelore (gest. 2007) gründete er auf dem Rittnerthof in Karlsruhe-Durlach einen Reitstall. 2013 veröffentlichte er sein erstes Buch: »Mit Sicherheit Erfahrung – Die Geschichte der Firma Ristow-Alarmanlagen«. Daneben befasst er sich mit historischen Studien, Schwerpunkt Europäische Geschichte, und hält gelegentlich auch Referate. In Kürze wird von ihm »Gut Rittnerthof – Geschichte und Geschichten« erscheinen. Ristow lebt mit seiner Frau Manuela in Karlsruhe und Ascona.

Inhalt

Einführung

»Seit 5 Uhr 45 wird jetzt zurück geschossen…«

1

»Pfarrers Kind und Müllers Vieh geraten selten oder nie«– der Vater

Soldat

Erfinder

Redakteur

2

»Jungs, ich warne Euch, heiratet niemals eine Berlinerin!«

Hefter-Würstchen

»So ein unverschämter Kerl«

Heirat

Freundin Inge

3

Piefke und Dicker in Berlin

Erziehung

Aufklärung

Verdunkeln

Luftschutzübungen und Gasmaske

Helmuth in der Schule

Bolle

In Trebnitz bei Tante Hanne

Fernsehen

4

»Alfred hat ein bisschen Krieg gespielt…«

Teltow

Vater zieht in den Krieg…

… und gerät in Lebensgefahr

5

»Totaler Krieg« in Berlin

Mit He lga Goebbels in der 3. Klasse

Winterhilfswerk und Eintopfsonntag

Teddynäherei

Juden

Kohlenklau, Feind hört mit und Räder müssen rollen für den Sieg

Pimpf

Der Fall von Stalingrad

Die Familie wird evakuiert

6

Hohenpeißenberg in Oberbayern

Der Hubertushof

Scharlach in Berlin

Familie Ristow auf dem Hubertushof

Heuernte in Oberbayern

In der Zwergenschule

Kräuter sammeln für den Endsieg

Verbotene Spiele

Angst vor englischen Gemeinheiten

Oberschule

7

Helmuth im Internat

Non scholae sed vitae discimus

Watschenpädagogik

»Die Geiß«

Völkische Erziehung? Nicht im Landheim

Sport

Kriegseinsatz

Hopfenzupfen

Volkssturm und Panzersperren

Ende des Schulbetriebs

Fahrradtour nach Schondorf

8

Das Kriegsende auf dem Hohenpeißenberg

Vaters Rückzug aus Frankreich

Tante Inges Angst um Mann und Vater

Erste Mangelerscheinungen

Wen der Krieg so auf den Hof spült

»Genießt den Krieg, Leute, der Frieden wird fürchterlich werden«

Holzvergaser

Rückzug des Vaters in die »Festung Alpen«

Tieffliegerangriffe

Die 5e halten dem 4er die 3e

Handgranaten zum Ersten

Albert Hilger van Scherpenberg kehrt zurück

Amerikanische Artillerie beschießt den Berg

Einnahme des Hubertushofes durch die Amerikaner

9

Nachkriegszeit

Schon wieder Handgranaten

Plünderungen

Flüchtlinge

Franzosen kommen und gehen

»This man is o. k.«

Rückkehrer

Muttis Zukunftssorgen

10

Helmuth zurück ins Landheim

Wiederaufnahme des Schulbetriebes

Sunt pueri pueri…

Suche nach Lebensmitteln

Detektor-Radio

Schülerurteile

Demokraten

11

Vater Ristow kommt wieder nach Hause

Prisoner of war

Aufbau einer neuen Existenz

12

Klaus muss ins Internat

Garmisch

Zugspitze, Kreuzeck usw

.

Völkerball

Umzug nach Karlsruhe

13

Nachwort: Was ist aus ihnen geworden?

Der Vater

Die Mutter

Der Betrieb in Teltow

Schwester Bärbel

Bruder Klaus

Bruder Helmuth

Konfirmation in Karlsruhe-Durlach

Dank

»Wenn die letzten Zeitzeugen gestorben sind, dann ist es Geschichte. Bis dahin ist es ein Leben.«

(Nigola Förg, Scheunenfest, München 2014)

Einführung

»Seit 5 Uhr 45 wird jetzt zurück geschossen…«1

Klaus und Helmuth 1940 in Berlin

Am 1. September 1939 war die Familie Ristow verreist, allerdings ohne Vater Ristow, der sich um seinen Betrieb kümmern musste. Mutti Ristow war mit ihren Söhnen Klaus und Helmuth sowie der Friedel, dem Dienstmädchen aus Schlesien, in ein Ferienhaus in der Mark Brandenburg gezogen. Das Ferienhaus gehörte zum Gut Gühlen, Eigentum des damaligen Reichsbankpräsidenten Dr. Hjalmar Schacht. Gühlen liegt am Gudelacksee bei Lindow in der Mark, ungefähr eine Autostunde nord-westlich von Berlin.

Die Jungen standen abends mit der Friedel oben im Bad, die versuchte, sie zu waschen und aufzupassen, dass sie sich die Zähne ordentlich putzten. Sie krochen aber lieber auf dem Boden herum, drehten sich auf den Rücken und versuchten, ihr unter den Rock zu gucken. Sie hatten darüber, was es da eventuell zu sehen gab, einen Tipp bekommen. Auf einmal rannte ihre Mutter ganz aufgeregt die Treppe hoch und stürzte in das Badezimmer. Die Jungen dachten schon, sie sei wegen ihrer etwas unbeholfenen Aufklärungsversuche ärgerlich und würde gleich schimpfen. Sie aber sagte nur: »Wir müssen doch verdunkeln. Seit heute ist Krieg.«

So erlebten die beiden Brüder den Beginn des zweiten Weltkriegs.

»Ich bin ein kindlicher Zeitzeuge der letzten Kriegsjahre« hatte der ehemalige Erste Bürgermeister der Hansestadt Hamburg, Hans Ulrich Klose (Jahrgang 1937), bei seiner Abschiedsrede im Bundestag gesagt. Der Begriff hat dem Autor so gut gefallen, dass er ihn als Titel für diese kleine Schrift gewählt hat. Sie erzählt die Geschichte, wie zwei Berliner Jungen der Jahrgänge 1933 und 1934 zwischen ihrem vierten und elften Lebensjahr den Zweiten Weltkrieg erlebt haben. Er sollte 2073 Tage andauern.

Ascona und Karlsruhe, den 12. Juni 2015

Helmuth Ristow

 

1 In Wirklichkeit wurde ab 4:45 Uhr »zurück geschossen«, bei seiner Rede vor dem Reichstag sagte Hitler versehentlich 5:45 Uhr.

1

»Pfarrers Kind und Müllers Vieh geraten selten oder nie«– der Vater

(Ostpreußische Weisheit)

Soldat

Alfred Oskar Waldemar Ristow, der Vater, wurde am 21. Januar 1897 in Neumark, Kreis Preußisch-Holland, in Ostpreußen geboren. Dessen Vater Oskar Ristow war Pfarrer in Powunden. Alfred hatte eine ältere Schwester, das war die Tante Alice, und eine jüngere Schwester, Tante Ingar.

Tante Alice war mit Werner Contag verheiratet, der Stadtbaumeister in Eberswalde bei Berlin war. Sie hatten einen Sohn Jürgen und eine Tochter Erika, mit denen Klaus und Helmuth weniger Verbindung hatten, vor allem weil sie sehr viel älter waren und auch weiter weg wohnten. Onkel Werner und Tante Alice hatte es nach dem Krieg nach Minden verschlagen, Jürgen und Erika nach Düsseldorf und Münster.

Viel mehr Kontakt gab es zu den vier Töchtern von Tante Ingar und ihrem Mann, Onkel Walter Volk, die nach dem Krieg von Berlin nach Mannheim gezogen waren. Das war nur ein Katzensprung von Karlsruhe entfernt, wo die Familie Ristow ihre neue Heimat gefunden hatte. Weniger mit Waltraud und Elisabeth als vielmehr mit Brigitte (Jahrgang 1933) und Annemie (ein Jahr jünger) haben sie viele schöne Stunden verbracht. Der Vater hat immer gesagt, die ersten »Klimmzüge der Liebe« macht ein junger Mann bei seinen Cousinen. Und tatsächlich waren Brigitte und Helmuth einmal sehr verliebt ineinander. Das war so offensichtlich, dass Tante Alice Mutter Ristow ansprach, sie sollte die beiden doch heiraten lassen! Was die kluge Mutter empört ablehnte, denn dass Cousin und Cousine heirateten, das kam nach ihrem Verständnis überhaupt nicht infrage. Aber zurück zum Vater. 1914, als der erste Weltkrieg ausbrach, war er ein 17-jähriger Gymnasiast in Königsberg und wie die meisten Gleichaltrigen scharf darauf, sich als Kriegsfreiwilliger zur Truppe zu melden. Im Kern wurde die Kriegsbegeisterung vor allem von einigen Schichten getragen: Studenten, Professoren und Anhängern der national-liberalen und patriotischen Parteien. Obwohl gerade erst von einer Blinddarmentzündung genesen, rannte Alfred von Bezirkskommando zu Bezirkskommando und war todunglücklich, dass er bei den ersten beiden nicht zur Musterung angenommen wurde. Schließlich landete er doch bei einem neu geschaffenen Nachrichtenbataillon, das ihn am 8. August 1914 einstellte. Bei den Berufssoldaten hießen die Freiwilligen nur die Kriegsmutwilligen, die von ihnen zu den schwersten Arbeiten heran gezogen wurden. Nach dem Motto: »Ihr wollt doch den Krieg! Dann könnt ihr auch die Balken für den Bunkerbau ranschleppen. Aber bitte ein bisschen dalli!« Und die Ausbilder verstiegen sich schon einmal zu der Feststellung: »Ihnen hat man wohl ins Hirn geschissen und vergessen umzurühren.« Das empfand der Vater, wie er seiner Familie Jahrzehnte später erzählte, als ausgesprochen ehrenrührig. Er kam zur Fernsprech-Abteilung Antwerpen, also nach Flandern an die Westfront. Und die Nachrichtentechnik sollte seinen ganzen späteren Lebensweg bestimmen.

Aus dem Krieg kam er – dreimal verwundet und einmal verschüttet – 42 Monate später als Leutnant und mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse ausgezeichnet zurück. Sein Hauptmann im Nachrichten-Bataillon 1 bescheinigte ihm im Dienstleistungs-Zeugnis, dass er »trotz seiner Jugend klar, zielbewusst und energisch« sei, und dass er sich »die Achtung und Zuneigung seiner Vorgesetzten, Kameraden und Untergebenen« verschafft habe. 1919 wurde er Leutnant der Sicherheitswehr Ostpreußen, 1924 Lehrer an der Höheren Polizeischule Eiche und 1925 Leiter der Fernmelde-Versuchsabteilung am Polizei-Institut für Technik und Verkehr in Berlin. Nebenbei studierte er Volkswirtschaft in Königsberg und Berlin und machte seinen Doktor mit einer Dissertation über »Die Funkentelegraphie, ihre internationale Entwicklung und Bedeutung«.2

Erfinder

1926 und 1928, inzwischen zum Polizeihauptmann befördert, machte er zwei Erfindungen auf den Gebieten Fernsteuerung von Funkanlagen und Funkschaltung. Zu dieser Zeit war es unmöglich, hochwertige Funkempfänger in der Stadtmitte von Berlin aufzubauen, weil jeglicher Funkverkehr nur gestört ankam. Es gab damals noch kein UKW, also Ultra-Kurz-Welle. Dies galt auch für die Polizeihauptfunkstelle am Alexanderplatz. Die Polizei war also gezwungen, die Funk-Empfangsanlagen außerhalb des Stadtkerns aufzustellen, und zwar in Orte, in denen der Empfang störungsfrei ankam, zum Beispiel in Reinickendorf oder Lichterfelde. Die Verbindung zum Polizeipräsidium erfolgte von dort aus über Telefonleitungen; heute würde man »über das Festnetz« sagen. Wenn die Empfänger nicht richtig eingestellt waren und die Funksprüche bei der Hauptfunkstelle nur verzerrt ankamen, musste man mit Reinickendorf oder Lichterfelde telefonieren und das dortige Bedienpersonal bitten, den Knopf mit dem Drehkondensator etwas weiter nach links oder nach rechts zu drehen, bis der Empfang wieder stimmte.

Polizeihauptmann Ristow vor seiner Erfindung Aufnahme: Bildstelle des Polizeiinstituts für Technik und Verkehr, August 1928.(Bundesarchiv 102–06473)

Ristows Erfindung löste das Problem mit einem über die Telefonleitung ferngesteuerten Resonanzrelais. Seit November 1927 lief die Anlage zwischen dem Alexanderplatz und dem 12km entfernten Lichterfelde störungsfrei. Bei der Funkausstellung 1928 in Berlin wurde das Gerät auf dem Stand der Polizei vorgeführt. Der Anlage war in der Ausstellung ein erklärender Text beigefügt:

»Weit außerhalb Berlins ist eine derartige Empfangsanlage aufgebaut, die vom PP aus bedient wird. Keinerlei Personal wird mehr zur Bedienung dieser Empfangsstelle verwendet.«

Tatsächlich war das patentierte Gerät in der Lage, nicht nur die Abstimmung vorzunehmen. Sie schaltete auch das Licht ein/aus sowie die Antenne und die Erdung. Dadurch wurden nicht nur vier Beamte eingespart, sondern es entfielen auch die ständigen Telefonate mit der Bitte um Korrektur der Einstellungen.

Die eingangs zitierte ostpreußische Weisheit lautet vollständig:

»Pfarrers Kind und Müllers Viehgeraten selten oder nie –wenn es doch einmal gerät,ist’s von höchster Qualität.

Oder auch:Wenn sie doch einmal geraten,spricht die Welt von ihren Taten.«

Der Vater schrieb in seiner Festschrift zum 25-jährigen Firmenjubiläum 1956, dass ihn dies tatsächlich für einige Tage berühmt gemacht hätte. Zwar nicht in der Welt, aber in Deutschland. Alle Zeitungen berichteten über seine Erfindungen. Die Jungs bekamen jedes Jahr ein »Durch die weite Welt« geschenkt, ein Jahrbuch für Jungen mit allerlei interessanten Geschichten. Wie stolz waren sie, als sie später einmal eine Ausgabe von 1928 in die Hände bekamen, die einen Bericht über ihren Vater enthielt, mit Foto! Und als die Buben hörten, dass ihr Vater Erfinder war, machten sie sich sofort daran, auch etwas zu erfinden. Helmuth konstruierte auf dem Papier eine Stirnleuchte für Bergleute unter Tage, damit sie die Hände frei haben (eine sensationelle Neuheit, von der noch nie jemand zuvor etwas gehört hatte), und Klaus sagte ganz traurig: Schade, dass die Nähmaschine schon erfunden wurde, sonst hätte ich das doch tun können.

Dr. Alfred Ristow verkaufte sein Patent an die Firma Lorenz AG, die gleiche, die später in der Firma Standard Elektrik Lorenz AG. (SEL) aufging. (1959, also fast 30 Jahre später, hat Helmuth bei der SEL in Stuttgart-Zuffenhausen als Praktikant gearbeitet.) Als Lorenz die Fabrikation dieser Geräte im Krisenjahr 1931 einstellen musste, kaufte der Vater die Erfindung zurück und machte sich im Mai 1931 selbständig. Er betrieb zunächst ein Sachverständigenbüro für Fernmeldetechnik. Die Rufzeichenliste des Reichspostzentralamts vom 1. Mai 1935 weist für Dr. A. Ristow, Grunewald, Trabener Straße 29 a, eine Genehmigung für private Funkanlagen aus.

Am 19. Dezember 1931, kurz vor seinem 35. Geburtstag, heiratete er Ursula Hefter aus Berlin.

Redakteur

Im Jahr 1931 erschien auch die erste Ausgabe der von ihm herausgegebenen Monatsschrift »Draht und Äther«, die es bis 1938 gab. 1933 bat der Verlagsleiter den Vater, sich als Herausgeber des kritischen Wochenspiegels »Blick in die Zeit« zur Verfügung zu stellen. Diese Zeitschrift war die Idee von ehemaligen Gewerkschaftsfunktionären und Sozialdemokraten, nachdem die SPD- und Gewerkschaftspresse verboten worden war. Blick in die Zeit bestand ausschließlich aus Pressestimmen des In- und Auslands zu Politik, Wirtschaft und Kultur. Da seinerzeit noch englische und französische Tageszeitungen in Deutschland zugelassen waren, war es interessant, deren Kommentare zu den gewaltigen politischen Ereignissen, die in Deutschland stattfanden, nebeneinander zu stellen, vor allem neben den Berichten der deutschen Zeitungen. Beispielsweise über den Reichstagsbrand in der Nacht vom 27./28. Januar 1933 und den Prozess gegen den Holländer Marinus van der Lubbe. Oder den Röhm-Putsch. Am 16. Juni 1933, vier Tage nach Helmuths Geburt, die Mutter lag noch im Wochenbett, präsentierte er ihr stolz die erste Ausgabe. Pro Auflage wurden bis zu 100.000 Exemplare über alte gewerkschaftliche Kontakte vertrieben. Es war klar, dass die Nazis sich eine solche Zeitung nicht lange gefallen lassen würden. Im August 1935 wurde sie verboten.

 

2 Verlag Emil Ebering, Berlin 1927.

2

»Jungs, ich warne Euch, heiratet niemals eine Berlinerin!«

Hefter-Würstchen

Anna und Carl Hefter, die Großeltern mütterlicherseits von Klaus und Helmuth, in den 1930er Jahren in Bad Tölz.

Mutter Ristow, Jahrgang 1903, verblüffte ihre Gesprächspartner immer wieder mit dem Satz: Ich habe zwei Weltkriege erlebt und in meinem ganzen Leben nicht eine einzige Nacht schlecht geschlafen! Das galt selbst für die Zeit von 1939 bis 1946, als ihr Mann erst als Offizier eingezogen und dann Kriegsgefangener der Amerikaner war, als sie monatelang nicht wusste, wo er steckte und ob er überhaupt noch am Leben war. Aber der Reihe nach.

Ursula Dorothea Margarethe Hefter kam am 27. Dezember 1903 als vierte Tochter von Carl Hefter und seiner Frau Anna, geb. von Salewski, in Berlin zur Welt. Ihr Vater war einer der vier Söhne des in Berlin in den Gründerjahren zu Geld und Ansehen gekommenen Johann Carl August Hefter (1828 – 1910) und seiner Frau Sophie. Er war Ehrenmeister der Berliner Fleischerinnung und Königlicher Hoflieferant. Seine Frau stammte aus der elsässischen Gemeinde Wasselonne3, war also Französin gewesen. Hefter hatte die Frankfurter Würstchen in Berlin eingeführt und insbesondere »Kaisers Jagdwurst« hergestellt. Von sich reden machte er das erste Mal, als in den 1870er Jahren die neu eingerichtete, hochmoderne Gasbeleuchtung in seinem Geschäft in der Leipziger Straße eine Explosion verursachte, bei der die Schaufensterscheibe zu Bruch ging. In der Folge stiegen die Umsätze in dem Geschäft stetig, und August Hefter brachte es in Berlin zu beachtlichem Wohlstand. Hefter wurde zu einem Qualitätsbegriff, und die Hefter-Würstchen in ganz Berlin berühmt. Da Helmuth sich als Kind aus Würstchen überhaupt nichts machte, sagte seine Mutter, er könne unmöglich ihr Sohn sein.

Anna und Carl Hefter Weihnachten 1933 mit ihren vier Töchtern und drei Schwiegersöhnen.Stehend von links: Charlotte Hefter, Dr. Paul Hufenbecher, Sofie und Julius Wilm.Sitzend v.l.: Unbekannt, Annemarie Hufenbecher, Ursula und Dr. Alfred Ristow, Anna und Carl Hefter.

Ursulas drei ältere Schwestern waren Sofie Wilm-Hefter, genannt Tante Soscha, die unverheiratete Charlotte Hefter – genannt Tante Lotte – und Annemarie Hufenbecher, die Tante Annemarie (1899 – 1987).

Tante Soschas Ehe mit dem Juwelier Julius Wilm wurde geschieden. Sie hatten einen Sohn Heiko, Jahrgang 1918, der den Russlandfeldzug als Kommandant eines »Tiger-Panzers« mitgemacht hatte und verwundet aus dem Feld zurück gekommen war.

Tante Lotte arbeitete während des Krieges bei Canaris und war in Tanger/Marokko stationiert. Von dort aus schickte sie regelmäßig Kisten mit Südfrüchten, zum Beispiel köstliche Mandarinen, nach Berlin. Wenn ihre Schwester Ursula ihr einen Brief schrieb, durfte sie ihn nicht einfach zukleben und in den Briefkasten werfen. Sie musste ihn im offenen Briefumschlag zur Post bringen und persönlich am Schalter abgeben. So lernten auch ihre Söhne früh die Zensurbestimmungen kennen.

Mit ihrer Schwester Annemarie, die die hübscheste von den vier Mädels war, verstand sich Ursula Ristow am besten. Tante Annemarie war mit Dr. jur. Paul Hufenbecher (1888 – 1961) verheiratet. Er war Syndikus beim Verband der Automobilindustrie und Burschenschafter. Onkel Paul und Tante Annemarie hatten drei Söhne, Hans (1929), Gerhard (1930) und Wolfgang (1935).

Diese vier Schwestern, die 1939 noch in Berlin gewohnt hatten, wurden 1945 zunächst in alle vier Winde zerstreut. Soscha, Lotte und Ursula nach Bayern, Hufenbechers nach Prisdorf bei Pinneberg in Schleswig-Holstein. Aber alle überlebten den Krieg und die Nachkriegszeit wohlbehalten, von der einen oder anderen wird später noch die Rede sein.

1931 hatte Ursula als 27-Jährige ihren späteren Mann Dr. Alfred Ristow kennen gelernt. Es war bei einem Faschingsball, auf dem beide ein Monokel trugen und sich sofort sympathisch fanden. Alfred war in der Tat Monokelträger, bei ihr gehörte es nur zum Faschingskostüm.

So ein unverschämter Kerl…

Ursula berichtete später einmal, dass Alfred ihr schon am ersten Abend einen hanebüchenen Witz erzählt habe, den sie aber nicht gleich verstand: War einmal ein junger Mann, der schenkte seiner Auserwählten zu Weihnachten einen Seidenstrumpf, aber nur einen. Den anderen bekam sie Silvester. Darauf schrieb sie ihm ein Dankeskärtchen mit den Worten: »Besuch’ mich mal zwischen den Feiertagen…«

Als Ursel vom Faschingsfest nach Hause kam, sich auszog und ins Bett ging, kapierte sie den Witz endlich und schimpfte laut: »So! Ein! Un! Ver! Schäm! Ter! Kerl!« Das war der Beginn einer wunderbaren Beziehung, die allerdings wegen des frühen Todes von Alfred nur 29 Jahre andauerte.

Heirat

Am 19. Dezember 1931 fand die Hochzeit statt. Aber die Hochzeitsreise bei Eis und Schnee an den Rheinfall von Schaffhausen hätte sehr schnell ein Reinfall sein können. Nicht weil Ursula im Auto einen seidenen Schlüpfer fand. Den hatten Alfreds Freunde ihm vor der Abreise heimlich in das Handschuhfach gesteckt. Sie identifizierte ihn sofort als »frisch aus dem Laden und noch nie getragen«. Mit solchen Mätzchen konnte man sie nicht überrumpeln. Nein, schlimmer war, dass Ursula am Steuer mit dem Auto gegen einen Baum rutschte, wodurch ihr frischangetrauter Ehemann mit dem Kopf gegen die Windschutzscheibe stieß und heftig zu bluten anfing. Gott sei Dank war es aber nur eine kleine Platzwunde. Sie zierte allerdings seine Stirn das ganze weitere Leben lang. Fast wie bei Gorbatschow.

Alfred und Ursula Ristow auf der Hochzeitsreise im Dezember 1931.Irgendetwas muss hier kaputt gegangen sein.

Ursula Ristow war eigentlich eine ausgezeichnete Autofahrerin. Viele Jahre später fuhr sie mit ihrem Mann über den Gotthard-Pass. Sie fuhr die 32 Spitzkehren so zügig, dass sie – als sie oben auf der Passhöhe angekommen war und kurz anhielt, damit der Wagen sich abkühlte – von einem Herrn aus dem Wagen hinter ihr angesprochen wurde: Gnädige Frau, ich muss ihnen ein Kompliment machen. Sie sind hervorragend gefahren! Ihr Sohn Klaus, der später ebenfalls ein sehr guter Autofahrer wurde, der zügig aber sicher fuhr, muss das eher von seiner Mutter als von seinem Vater geerbt haben.

Hier hat jemand vergessen, den Film vor der nächsten Aufnahme weiterzudrehen! Ursula hat dieses Foto immer «Mein Schicksal steht hinter mir» genannt. (Aufnahme von Vater und Mutter Ristow aus den 1930er Jahren.)

Ursula war eine echte Berlinerin und überraschte ihren Mann immer wieder mit ihrer frechen »Berliner Schnauze«. Sie hatte Mutterwitz, und der Vater war stolz auf sie. Wenn sie ihn wieder einmal durch einen ihrer blitzschnellen Konter verblüfft hatte, sagte er zu seinen Söhnen: Jungs, ich warne euch, heiratet niemals eine Berlinerin! Daran haben sie sich auch gehalten. Das Familienleben war harmonisch, und der Vater auch nicht ohne Witz. Immer wieder betonte er, wie sehr er die Ägypter für eine ganz bedeutende Sache bewunderte: Sie hätten das Bett erfunden! Zum Geburtstag bekam er ein Glas Badesalz geschenkt und wusste erst gar nicht, was das war. Das tut man ins Badewasser, damit man besser riecht, erklärte die Mutter. Vati öffnete das Glas, steckte seine Nase hinein, roch daran und fragte: Pfui! So soll ich stinken? Die Buben kringelten sich vor Vergnügen auf dem Fußboden. Klaus freute sich dagegen weniger, wenn sein Vater den blöden Satz zitierte: Klaus, lass die Hühner raus. Warum der sich darüber jedes Mal so aufregte, weiß eigentlich keiner. Und keiner weiß, was daran eigentlich so witzig war.

Mutti war sehr kurzsichtig und deshalb Brillenträgerin. Anders kannten ihre beiden Söhne sie gar nicht. Als sie noch kleiner waren und samstags nach dem wöchentlichen Bad von ihr abgerubbelt wurden, konnte es passieren, dass sie dabei so herum fuchtelten, dass ihr die Brille von der Nase fiel. Auf einmal sah sie ganz anders aus, als sie sie kannten. Dann bekamen sie einen Schreck vor der fremden Frau und fingen an zu heulen. Eines Tages, als ihr Mann abends nach Hause kam, hatte sie auch keine Brille auf. Die Frage, ob ihm an ihr etwas auffiele, brauchte sie gar nicht zu stellen. Denn er fragte gleich, ob sie überhaupt noch jemanden erkennen könne, und vor allem ihn. Da klappte sie mit einem Zeigefinger ein Augenlid nach oben, nahm in die andere Hand einen kleinen Teelöffel und tippte mit der Löffelspitze auf ihren Augapfel. Es klang, als ob sie auf Glas geklopft hätte. Tatsächlich waren das ihre ersten Kontaktlinsen – damals noch aus geschliffenem Glas.

Vater Ristow konnte manchmal ganz schön den Hausherrn heraushängen. Eine Cousine, die zu Besuch kam und mit den Eltern frühstückte, erzählte ihren Eltern ganz entsetzt, dass ihr Onkel Alfred sich, statt mit den Damen Konversation zu treiben, hinter seiner Zeitung vergraben hätte. Aber nicht nur das: wenn seine Kaffeetasse leer war, zeigte er nur, ohne ein Wort zu sagen, mit dem Zeigefinger in die leere Tasse und deutete Tante Ursel damit seinen Wunsch an, dass sie wieder nachgieße. Heute sagt man »Machogehabe« dazu.

Vater hat, wenn er Wein trank, sein ganzes Leben lang nichts anderes als Moselwein getrunken, vom Weingut Richard Richter aus Winningen. Schön süß nach unserem heutigen Geschmack. Seinen Ältesten einfach in den Keller schicken mit dem Auftrag, eine Flasche Wein für ihn herauf zu holen, wollte er nicht. Obwohl er sehr streng sein konnte und dies einfach hätte befehlen können. Er löste das diplomatischer und ernannte Helmuth zum Kellermeister. Dieses verantwortungsvolle Amt führte er natürlich jederzeit freudig aus.

Mutti war auch diplomatisch. Wenn sie Angst hatte, dass ihr Mann ihren Geburtstag oder den Hochzeitstag vergessen könnte, sagte sie zu den beiden Jungs: Bittet mal Euren Vater um etwas Geld. Und wenn er wissen will, wofür ihr das braucht, dann sagt, ihr wollt der Mutti zum Geburtstag (oder zum Hochzeitstag) einen schönen Blumenstrauß schenken. So gab es an diesen Tagen nie lange Gesichter. Und die 8- und 9-jährigen Drei-Käse-Hochs schenkten ihr 1942 zum Geburtstag ein Gedicht, das so anfing: Mutti wird heute neununddreißig, und sie war immer sehr fleißig. Na ja, gereimt hat es sich ja. Aber beim Versmaß gab es noch Verbesserungsmöglichkeiten.

Freundin Inge

Ursula Ristow hatte eine Schulfreundin, Inge van Scherpenberg. Sie war die Tochter von Dr. Hjalmar Horace Greely Schacht (1877 – 1970), der von 1923 – 1930 und dann noch einmal von 1933 – 1939 Reichsbankpräsident war. Jeder Geldschein trug seine Unterschrift, und die Jungs waren von der Vorstellung fasziniert, was dieser Mann für eine gewaltige Arbeit geleistet haben musste, alle diese Scheine einzeln zu unterschreiben. Vor allem Helmuth erinnert sich an die imposante Erscheinung seines Patenonkels sehr gut. Wie er in Gühlen in Begleitung seiner Entourage über den Gutshof stolzierte, in der rechten Hand einen Spazierstock, den er bei jedem Schritt mit lässiger Eleganz um das Handgelenk kreisen ließ.

Ursula Ristow 1931 (links im Hintergrund) bei der Taufe von Harald, dem ältesten Sohn von Inge und Dr. Hilger van Scherpenberg.

Die Freundschaft zwischen Inge und Ursula hielt ihr ganzes Leben lang. Für Hjalmar Schacht hatte Ursula vor ihrer Verheiratung als Sekretärin gearbeitet und vor allem das Manuskript seines Buches »Das Ende der Reparationen«4 getippt. Davon zeugt ein handschriftlicher Eintrag in dem ihr gewidmeten Exemplar:

Dankbar geb’ ich Nummer »sieben«,der, die dieses Buch »geschrieben«;wie’s entstand und wie’s geschah,weiß allein die Ursula.

Die Männer hatten die Mutter im Verdacht, dass sie sich in Hjalmar Schacht, der ein homme à femmes war, ein wenig verliebt hatte. Immerhin wurde er – warum auch immer – Helmuths Patenonkel. Andererseits wurde Tante Inge Klaus’ Patentante, und Ursula wiederum die von Tante Inges Tochter Helga.

Die Familie van Scherpenberg hatte in den Dreißigerjahren die Pension Hubertushof auf dem knapp 1000m hohen, im Voralpenland gelegenen Hohen Peißenberg erworben, direkt gegenüber dem Wettersteingebirge.

Dieser Hof sollte für die Familie Ristow in den kommenden Jahren, von 1943 bis 1947, eine wichtige Rolle spielen.

 

3 Deutsch Wasselnheim, 25km von Strasbourg entfernt

4 Hjalmar Schacht, Das Ende der Reparationen, Oldenburg i. O., 1931.

3

Piefke und Dicker in Berlin

Das Elternhaus in Berlin-Zehlendorf-West, Wolzogenstraße 14. Das Haus steht heute noch.

Helmuth war am 12. Juni 1933 in Berlin-Dahlem zur Welt gekommen, der eineinhalb Jahre jüngere Klaus am 6. November 1934 in Berlin-Charlottenburg. Die Mutti nannte Helmuth »Piefke« und Klaus »Dicker« 1936 hatten die Eltern das Haus Wolzogenstraße 14 in Berlin-Zehlendorf-West gekauft. Ein prominenter Nachbar war der Schauspieler Hans Söhnker, der ein paar Häuser weiter wohnte. Wenn sein Neffe abends von der Arbeit kam und bei den Buben vorbeilief, musste er anhalten und seinen Bizeps vorzeigen. Der war beachtlich und imponierte den Jungs so sehr, dass sie sich wünschten, auch einmal solche Muskeln haben zu wollen.