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Vernachlässigung, psychische, sexualisierte und auch physische Gewalt sind Formen der Misshandlung von Kindern. Kommt es zu einer Kindstötung, ist oftmals von dem Kulminationspunkt der Gewalt oder auch dem Resultat einer psychischen Störung der Täterin oder des Täters die Rede. Vor allem in den Medien wird immer häufiger über Kindstötungen berichtet. Damit einher geht Betroffenheit, aber auch die Frage nach Ursachen und präventiven Schutzmaßnahmen. Für Deutschland ist von 1 – 2 % Kindstötungen unter den Tötungsdelikten auszugehen. Aufgrund der Komplexität der dem Phänomen zugrundeliegenden Problematiken ist aber eine hohe Dunkelziffer anzunehmen, da sich auch hinter dem Plötzlichen Kindstod Infantizide verbergen können und ein Münchhausen-Syndrom by proxy (MSBP) mit dem akzidentellen oder sogar intendierten Kindstod enden kann. Die Neuauflage behandelt Kindstötungen im historischen Kontext, in Kunst und Literatur, im strafrechtlichen Zusammenhang und in Bezug auf die forensisch-psychiatrische Beurteilung. Außerdem werden die Thematiken des Infantizids, des Münchhausen-Syndrom by proxy sowie rechtsmedizinische Aspekte der Kindesmisshandlung und der Plötzliche Kindstod genauer betrachtet. Zudem findet in Vergleich zwischen Plötzlichem Säuglingstod (SID), Infantizid und MSBP statt. Ergänzt wird die zweite Auflage durch die Themen Assistierter Suizid und Familizid.
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Seitenzahl: 397
Veröffentlichungsjahr: 2024
Frank Häßler | Manuela Dudeck | Detlef Schläfke (Hrsg.)
Kindstod und Kindstötung
2., aktualisierte und erweiterte Auflage
mit Beiträgen von
C.C. Deutsch | I. Franke | J. Gunkel †
F. Häßler | G. Häßler † | V. Kolbe | M. Lammel
D. Schläfke | S. Weirich | F. Zack | F. Zamorski
Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft
Das Herausgeber-Team
Prof. Dr. Frank Häßler
MVZ der GGP Gruppe
Goerdeler Str. 50
18069 Rostock
Univ.-Prof. Dr. Manuela Dudeck
Universität Ulm
Lehrstuhl für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie
Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie BKH Günzburg
Lindenallee 2
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Prof. Dr. Detlef Schläfke
ehem. Universitätsklinikum Rostock
Klinik für Forensische Psychiatrie
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18147 Rostock
MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
Unterbaumstr. 4
10117 Berlin
www.mwv-berlin.de
ISBN 978-3-95466-894-6 (eBook: PDF)
ISBN 978-3-95466-895-3 (eBook: ePub)
Klappenbild: „Des femmes romaines jettent leurs enfants …“, Manuscrits occidentaux – LAT. 17084 – FOL. 4, Département de la reproduction, Bibliothèque nationale de France
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Die Verfassenden haben große Mühe darauf verwandt, die fachlichen Inhalte auf den Stand der Wissenschaft bei Drucklegung zu bringen. Dennoch sind Irrtümer oder Druckfehler nie auszuschließen. Der Verlag kann insbesondere bei medizinischen Beiträgen keine Gewähr übernehmen für Empfehlungen zum diagnostischen oder therapeutischen Vorgehen oder für Dosierungsanweisungen, Applikationsformen oder ähnliches. Derartige Angaben müssen vom Leser im Einzelfall anhand der Produktinformation der jeweiligen Hersteller und anderer Literaturstellen auf ihre Richtigkeit hin überprüft werden. Eventuelle Errata zum Download finden Sie jederzeit aktuell auf der Verlags-Website
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Kindstod und Kindstötung waren und sind trotz unterschiedlicher juristischer, medizinischer und moralischer Bewertungen im Spiegelbild der Kunst, Literatur und Rechtsprechung zu allen Zeiten ein allgegenwärtiges Phänomen, welches durch jüngste spektakuläre Fälle eine überproportionale Medienaufmerksamkeit erlangt hat. Nahezu jeder assoziiert mit Medea die Tötung unschuldiger Kinder aus Rache am Exgeliebten, mit Susanna Margaretha Brandt, besser als Gretchen im „Faust“ bekannt, eine klassische Liebestragödie und mit der neunfachen Kindstötung in Brandenburg die Frage, wie so etwas unbemerkt geschehen konnte bzw. wie eine Mutter zu so etwas fähig ist. Entgegen dem durch Effekt haschende Medienpräsenz dieser Delikte suggerierten Bild sind entsprechende Fallzahlen in der Bundesrepublik Deutschland relativ gering und nahezu konstant, mit einem leichten Abwärtstrend bei über 5-jährigen und einem geringen Anstieg bei unter 5-jährigen Kindern von 2002 zu 2005. Historische Untersuchungen zeigen eine verblüffende Aktualität und Übereinstimmung bezüglich Tätertypisierungen und Tatdynamiken.
Kindstötungen lagen und liegen unterschiedlichste Motive und Konstellationen wie psychosoziale Notlagen, Ablehnung des Kindes, Schwangerschaftsverdrängung, Verheimlichung der Schwangerschaft, psychische Störungen der Mütter, Tötung aus Rache gegen den „Erzeuger“ und Mercy-killing (aus Mitleid) zugrunde.
Das vorliegende Buch will in einem weiten Bogen von kultur- und rechtshistorischen Betrachtungen, über aktuelle strafrechtliche und rechtsmedizinische Aspekte bis hin zu differentiellen Phänomenen wie (tödliche) Kindesmisshandlung, Plötzlicher Kindstod und Münchhausen-Syndrom by proxy die Thematik einem breiten und interessierten Publikum (Ärzten, Psychologen, Pädagogen, Juristen, Kriminologen, Kriminalisten, Sozialtherapeuten etc.) näherbringen. Namhafte Autoren verschiedenster Professionen haben in ihre Kapitel nicht nur ihre fundierten Erfahrungen auf diesem Gebiet, sondern auch den aktuellsten Stand der internationalen Literatur einfließen lassen.
Im Namen der Herausgeber
Prof. F. Häßler, Rostock
Kindstod und Kindstötung waren und sind trotz unterschiedlicher juristischer, medizinischer und moralischer Bewertungen im Spiegelbild der Kunst, Literatur und Rechtsprechung zu allen Zeiten ein allgegenwärtiges Phänomen, welchem eine hohe Medienaufmerksamkeit zuteilwird. Auch wenn in Bezug auf geschichtliche Vorbilder mit Medea die Tötung unschuldiger Kinder aus Rache am Exgeliebten und mit Susanna Margaretha Brandt, bekannt als Gretchen aus dem „Faust“, eine klassische Liebestragödie assoziiert wird, stellt sich im Kontext zu aktuellen Geschehnissen immer wieder die Frage nach dem „Warum“ und ob man im Vorfeld eine solche Tat nicht hätte verhindern können.
Mit gewissen Schwankungen im Verlauf der letzten Jahre kommen in Deutschland zwischen 100 und 160 Kinder pro Jahr durch Gewalt zu Tode. Die Zahl der erfassten misshandelten Kinder liegt trotz aller gesellschaftlichen Anstrengung im Kinderschutz (Kinderschutzhotline, Kinderschutzzentren, anonyme Geburt, Babyschutzklappen u.v.m.) dagegen konstant mit ca. 3.500 pro Jahr erheblich höher.
Kindstötungen lagen und liegen unterschiedlichste Motive und Konstellationen wie psychosoziale Notlagen, Ablehnung des Kindes, Schwangerschaftsverdrängung, psychische Störungen der Mütter, Tötung aus Rache gegenüber dem anderen Elternteil, Mercy-killing (aus Mitleid) und seit Neuestem international auch legal aus Gründen der Euthanasie zugrunde.
Das vorliegende Buch will in der zweiten Auflage erneut in einem weiten Bogen von kultur- und rechtshistorischen Betrachtungen, über aktuelle klassifikatorische, strafrechtliche und rechtsmedizinische Aspekte und die international entfachte Diskussion zum aktiven und assistierten Suizid bis hin zu differentiellen Phänomenen wie (tödliche) Kindesmisshandlung einschließlich des Schütteltraumas, Plötzlicher Kindstod und Münchhausen-Syndrom by proxy die Thematik einer breiten und interessierten Leserschaft (Ärzt:innen, Psycholog:innen, Pädagog:innen, Jurist:innen, Kriminolog:innen, Kriminalist:innen, Sozialtherapeut:innen, Politiker:innen u.a.) näherbringen.
Namhafte Autor:innen haben in ihre neuen und völlig überarbeiteten Kapitel nicht nur ihre fundierten Erfahrungen auf diesem Gebiet, sondern auch den aktuellsten Stand der Literatur einfließen lassen.
Prof. Dr. Frank Häßler, Univ.-Prof. Dr. Manuela Dudeck und Prof. Dr. Detlef Schläfke im April 2024
Cover
Titel
Impressum
1Kindstod und Kindstötung in der KunstJoachim Gunkel †
2Kindstötung in der LiteraturGünther Häßler † und Frank Häßler
2.1Medea – Kindermord aus Rache
2.2Im Sturm und Drang vom Mädchen zur Kindermörderin
2.3Kein Ende mit dem Kindermord in der Moderne
3Kindstötung in der RechtsgeschichteGünther Häßler † und Frank Häßler
3.1Römische Antike
3.2Germanen
3.3Das Recht im Mittelalter
3.4Kindsmord und Kirchenrecht
3.5Die Carolina
3.6Kindstötung in der frühen Neuzeit
3.7Die Täterinnen
3.8Die Strafverfolgung
3.9Kindstötung in der Zeit der Aufklärung
4Die strafrechtliche Behandlung der Kindstötung in Preußen vom Ausgang des 18. Jahrhunderts bis zur Gegenwart in der BundesrepublikCarl Christian Deutsch
4.1Vorbemerkung
4.2Die Ausgangslage
4.3Das Kindsmordedikt von 1765
4.4Preußisches Allgemeines Landrecht
4.5Die Rechtspraxis im Preußen des 18. Jahrhunderts
4.6Die Entwicklung zum privilegierten Straftatbestand, die Mannheimer Preisfrage von 1780
4.7Die rechtspolitische Diskussion am Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts
4.8Die Bestimmungen zum Kindsmord im Preußischen Strafgesetzbuch von 1851 und die Rechtspraxis
4.9Vom Reichsstrafgesetzbuch von 1871 zu § 217 StGB
4.10Die Abschaffung des § 217 StGB im Jahre 1998
4.11Die Kindstötung in der Rechtspraxis der Gegenwart
4.12Schlussbemerkung
5Überlegungen zu Privilegierungs- und Dekulpierungsgründen – Die forensisch-psychiatrische Beurteilung der Beschuldigten im Fall des NeonatizidsMatthias Lammel
5.1Einleitung
5.2Neonatizid – die Tötung „in oder gleich nach der Geburt“
5.3Entwicklung und Stellenwert von Privilegierungsgründen
5.4Die anthropologische Perspektive
5.5Die forensisch-psychiatrische Perspektive
5.6Die Bipersonalität als Mutter-Kind-Dyade
5.7Das Verfehlen der Bipersonalität in der Mutter-Kind-Dyade
5.8„Verdrängung“ oder „Verheimlichung“ der Schwangerschaft
5.9„Verkennung“ und „Abwehr“ der Schwangerschaft
5.10Zustand und Motiv
5.11Dekulpierungsgründe
5.12Zusammenfassende Überlegungen
5.13Fazit
6Infantizide – Erfahrungen aus gutachterlicher SichtDetlef Schläfke und Frank Häßler
6.1Vorbemerkung
6.2Einleitung
6.3Epidemiologie
6.4Infantizidmotive und -klassifikationen
6.5Gutachtenklientel
6.6Forensische Beurteilungen
6.7Diskussion
7Die Kindesmisshandlung – rechtsmedizinische AspekteVerena Kolbe und Fred Zack
7.1Rechtsmedizinische Einordnung von Verletzungsmustern
7.2Sonderfall – Schütteltraumasyndrom
7.3Fallmanagement
8Der Plötzliche KindstodVerena Kolbe und Fred Zack
8.1Definition des SIDS
8.2Zur Pathophysiologie
8.3Hypothesen über ursächliche bzw. disponierende Faktoren beim SIDS (eine Auswahl)
8.4Zur Epidemiologie und zu Risikofaktoren
8.5Leichenschau- und Obduktionsbefunde
8.6Gegenwärtige Schlafempfehlungen
8.7Schlussbemerkungen
9Münchhausen-Syndrom by proxy (MSBP)Frank Häßler und Steffen Weirich
9.1Definitionen
9.2Häufigkeiten von Kindesmisshandlung
9.3Schutzmaßnahmen
9.4Münchhausen-Syndrom by proxy (MSBP)
9.5Schlussfolgerungen
10Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Plötzlichem Säuglingstod (SID), Infantizid und Münchhausen-Syndrom by proxy (MSBP) mit tödlichem AusgangFrank Häßler, Henryk Zamorski und Steffen Weirich
10.1Einleitung
10.2Plötzlicher Säuglingstod
10.3Infantizid
10.4Münchhausen-Syndrom by proxy (MSBP)
10.5Zusammenfassung Gemeinsamkeiten und Unterschiede
10.6Diskussion
11Aktive Sterbehilfe bei Kindern und JugendlichenIrina Franke
11.1Einleitung
11.2Begriffsdefinitionen
11.3Rechtslage
11.4Kontroversen
11.5Ausblick
„Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.“ (Paul Klee)
Der Tod schien selbst aus dem Horizont der Ärzte getreten zu sein; es fehlten oft die Worte für ein so wichtiges Thema, das fast zum Tabu geworden war. Doch hat die Wissenschaft die Sprache wieder gefunden, es mehren sich die Publikationen und Vorträge zu diesem so wichtigen Thema. In seinem Buch „Der Mensch und sein Tod – certa moriendi condicio“ (1984) erweitert Gion Condrau diese Thematik in seinem vierten Kapitel auf „Das Sterben und Tod in Literatur und Kunst“ mit eindrucksvollen Bildern über die vergangenen Jahrhunderte bis in die Neuzeit.
Lesenswert ist die Neuauflage des so genannten „Todesbuchs“: „Der Tod in Dichtung, Philosophie und Kunst“ (1978), das von dem Pathologen Prof. Dr. med. Hans Helmut Jansen herausgegeben wurde, auch wenn die Thematik „Kind und Tod“ nur wenig gestreift wird.
Bereits im Mittelalter zeigen Holzschnitte den Kampf des Arztes gegen den Tod vor allem in Bezug auf die Leibesfrucht der Schwangeren, wie sie bereits sehr eindrucksvoll von Hans Baldung Grien (1484–1545) gezeichnet wurde. Nicht nur in den „Totentänzen“ (z. B. Lübeck, Basel u. a.) tauchen Kinder auf, die ihre Mutter festzuhalten versuchen, die der Tod entreißen will und umgekehrt. Eine ganze mittelalterliche Totentanz-Dichtung hat es gegeben.
In dem eindrucksvollen Band „Bilder zur Geschichte des Todes“ (1984) von Philippe Ariès wird u. a. der Tod einer Mutter und ihres Kindes in der Malerei mit dem Bild „Death Scene“ von Jarvis Hanks (1799–1853) um 1840 realistisch wiedergegeben.
Vereinzelt lernen Kinder (und Erwachsene) auch im Märchen den Tod kennen als Gestalt, Jenseitsvorstellung und in Beziehung auf Tod und Wiederkehr. In der Reihe „Märchen der Welt“ ist der kleine von Sigrid Früh herausgegebene Band „Märchen von Leben und Tod“ erschienen und die Europäische Märchengesellschaft hat ein lesenswertes Buch über den „Tod und Wandel im Märchen“ herausgegeben. Anlässlich der Verleihung des Märchenpreises 1989 wird Isidor Levin zitiert:
„B. Brecht sagte, was heißt eigentlich ‚Totsein‘? Tot ist, wer aufhört zu lernen. Aber lernen heißt eben, ‚sich verändern zu können‘. Die Märchen lehren uns Unsterblichkeit des jungen Helden, aber vielleicht wäre es nötig, beizeiten auch die Notwendigkeit des Sterbens zu lehren, um daraus etwas Wichtiges für das Leben zu lernen. Es ist möglich, daß just das Todesbewußtsein, der Glaube an die Sterblichkeit, den Menschen erst zum Menschen machen. Wer Märchen hört und liebt, wer auch über den Tod im Märchen nachdenkt, erlebt eine Veränderung, eine Verwandlung“.
Auch im Kasperlspiel (Puppenspiel) lern(t)en Kinder den Tod kennen, er gehört(e) dazu. So lässt Wilhelm Busch (1832–1908) in seinen Kinderbüchern u. a. seine bösen Buben „Max und Moritz“ in der Mühle zu Körnern mahlen, welche die Hühner aufpicken:
„Hier kann man sie noch erblicken
Fein geschroten und in Stücken
Doch sogleich verzehret sie
Meister Müllers Federvieh.“
oder in „Der Eispeter“ den kleinen Peter einwecken:
„Jaja! In diesem Topf aus Stein, da machte man den Peter ein.
Der, nachdem er anfangs hart, später weich wie Butter ward.“
Öfter erleben Kinder erstmals den Tod bei einem geliebten Tier; gerade neue Bilderbücher zeigen auch die Beerdigung von Tieren. Der polnische Kinderarzt Janusz Korczak (ca. 1878–1942) hat seine Erinnerungen daran aufgeschrieben:
„Ich war damals 5 Jahre alt und das Problem war unglaublich schwer: Was war zu tun, damit es die schmutzigen, verwahrlosten und hungrigen Kinder nicht mehr gab, mit denen ich auf dem Hof spielen durfte; auf dem selben Hinterhof, wo unter dem Kastanienbaum – in Watte gebettet – in einer metallenen Bonbon-Dose mein erster geliebter, mir nahestehender Toter begraben lag, wenn es auch nur ein Kanarienvogel war. Sein Tod warf die geheimnisvolle Frage nach dem Bekenntnis auf. Ich wollte ein Kreutz auf seinem Grab richten, das Dienstmädchen sagte, das ginge nicht, weil es nur ein Vogel sei, also etwas Niedrigeres als ein Mensch, sogar um ihn zu weinen sei Sünde; soweit das Dienstmädchen. Noch schlimmer war, dass der Sohn des Hausmeisters feststellte, der Kanarienvogel sei Jude gewesen. Ich auch. Ich bin auch Jude und er – Pole und Katholik. Er würde ins Paradies kommen, ich dagegen – wenn ich keine häßlichen Ausdrücke gebrauchen und ihm immer folgsam im Hause stibitzten Zucker mitbringen würde – käme nach dem Tode zwar nicht gerade in die Hölle, aber irgendwo hin, wo es ganz dunkel sei. Und ich hatte Angst in einem dunklen Zimmer. Tod – Jude – Hölle, das schwarze jüdische Paradies. Es gab genug Grund zum Grübeln.“
Darstellungen der Kindstötung in der Bildenden Kunst findet man nur vereinzelt. Beeindruckend kritisch zeichnet der Maler und Karikaturist A. Paul Weber (1893–1980) die Abtreibungen in seiner Graphik „Im guten Glauben“ von 1955 (!) (s. Abb. 1). Den Arzt im weißen Kittel, als Esel mit riesiger Spritze abgebildet, umtanzen schwebende Skelette toter (abgetriebener) Föten.
Abb. 1 „Im guten Glauben“, Lithographie von 1955 von A. Paul Weber, Kreismuseen Ratzeburg, © VG Bild-Kunst, Bonn 2007
Der Schriftsteller Günter Grass hat zur Abtreibung ein Gedicht geschrieben:
„In unserem Museum – wir besuchen es jeden Sonntag –
hat man eine neue Abteilung eröffnet.
Unsere abgetriebenen Kinder, blasse, ernsthafte Embryos,
sitzen dort in schlichten Gläsern
und sorgen sich um die Zukunft ihrer Eltern.“
Die ganze Problematik um den Verlust des ungeborenen Kindes beschreibt die italienische Journalistin Oriana Fallaci 1975 in ihrem Buch „Lettera a un bambino mai nato“, das in 15 Sprachen und 1979 ins Deutsche übersetzt wurde unter dem Titel „Brief an ein nie geborenes Kind“. U. a. dichtete Paul Fleming (1609–1640) 11 Strophen „Auf den Tod eines neugeborenen Mädchens“.
Der Plötzliche Kindstod findet seine Darstellung bereits im Mittelalter; Säuglinge und Kleinkinder werden vom personifizierten Tod der Mutter entrissen. Hermann Hesse (1877–1962) hat in einem Gedicht das für die Eltern Unfassbare beschrieben: „Du schliefest ein, nicht mehr zu wecken.“
Auf den Tod eines kleinen Kindes
„Jetzt bist du schon gegangen, Kind,
Und hast vom Leben nichts erfahren,
Indes in unsern welken Jahren
Wir Alten noch gefangen sind.
Ein Atemzug, ein Augenspiel,
Der Erde Luft und Licht zu schmecken,
War dir genug und schon zuviel;
Du schliefest ein, nicht mehr zu wecken.
Vielleicht in diesem Hauch und Blick
Sind alle Spiele, alle Mienen
Des ganzen Lebens dir erschienen,
Erschrocken zogst du dich zurück.
Vielleicht wenn unsre Augen, Kind,
Einmal erlöschen, wird uns scheinen,
Sie hätten von der Erde, Kind,
Nicht mehr gesehen als die deinen.“
Aus der Geborgenheit und Verbundenheit, ja Verschmelzung vor allem mit der Mutter, die der Maler Eugène Carrière (1849–1906) wiederholt sehr eindringlich dargestellt hat, tritt der Plötzliche Kindstod ohne Vorboten ein. Daniel Chodowiecki (1726–1801) führt uns in seinem „Totentanz: Das Kind“ vor Augen, wie der Tod als Skelett mit Flügeln den jungen Säugling davonträgt, ohne dass die Amme an der Wiege, die sie im Halbschlaf mit dem Fuß bewegt, etwas bemerkt.
Ein Bild aus „Ein moderner Totentanz“ (1896) zeigt den Tod als Wartefrau, die das Kleinkind in der Wiege schaukelt, während der Schutzengel bereits das Fenster öffnet, um die Seele des Kindes in den Himmel zu lassen. Darunter geschrieben wird der Tod zitiert: „Schlaf süß, schlaf süß, mein Kindelein! Wie ich singt keine Wartfrau ein. Verschlafen darfst Du alles Leid und wachest auf in Seligkeit.“ Eine andere Radierung zeigt einen den Säugling mit Brei fütternden Tod, während die Mutter hilflos zuschaut. In einem „Totentanz“ aus dem 16. Jahrhundert führt der Tod als Skelett das Kleinkind an der Hand von der entsetzten Mutter und dem älteren Geschwisterkind an der Feuerstelle fort. Ludwig Uhland (1787–1862) schrieb ein dazu passendes Gedicht:
Auf den Tod eines Kindes
„Du kamst, du gingst mit leiser Spur,
Ein flüchtger Gast im Erdenland;
Woher? Wohin? Wir wissen nur:
Aus Gottes Hand in Gottes Hand.“
Dass in den Wahn getriebene Schwangere ihre Neugeborenen nach der Geburt töten, wird beeindruckend von Adolph Schroedter (1805–1875) mit dem Titel „Die Kindsmörderin“ (1832) wiedergegeben. Die barfüßige verzweifelte junge Frau hat draußen in der winterlichen Landschaft mit wildem Blick voller Entsetzen, auf Stroh und Reisig am Boden hockend, das tote Neugeborene vor sich liegen.
Abb. 2 Adolph Schroedter, „Die Kindsmörderin“, 1832, Feder und Tusche, 21,6 x 21,0 cm, Inv. Nr. K 1948–2, Düsseldorf, museum kunst palast, Graphische Sammlung
Das zerfallene Laubengerüst symbolisiert die Zerstörung beider Existenzen (s. Abb. 2).
Im Gegensatz dazu nimmt die junge Mutter auf dem Ölgemälde „Die Kindesmörderin“ (1877) von Gabriel Cornelius von Max (1840–1915) in ihrer Verzweiflung liebevoll Abschied von ihrem von ihr getöteten Kind (s. Abb. 3).
Abb. 3 „Die Kindesmörderin“, Gemälde/Öl auf Leinwand von Gabriel Cornelius von Max, 1877, 160,5 x 111 cm, Original: Hamburg, Hamburger Kunsthalle/2243, © Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz, Berlin, 2007, Foto Elke Walford, Hamburg, Hamburger Kunsthalle/bpk
Vermutlich verwendeten Gabriel von Max ebenso wie Adolph Schroedter als Stoff für ihre Kindsmörderin die damals weithin bekannte Ballade „Des Pfarrers Tochter vom Taubenhain“ von Gottfried August Bürger (1747–1794). Sie beginnt mit der Verführung einer Pfarrerstochter durch einen Junker. Schwanger geworden wird sie zuhause von ihrem Vater aus dem Haus geprügelt, flieht zum Schloss und begehrt, den Junker zu heiraten, doch dieser weist die Verzweifelte ab. Sie bringt wie auf dem Gemälde von Schroedter in einer Laube auf Reisig und Stroh bei Schnee und eisigem Wind das Kind zur Welt, ersticht es mit einer Schmucknadel, wird als Mörderin ergriffen und zum Tode verurteilt. Moritz Retzsch (1779–1857) hat 1840 dazu eine Umrissradierung geschaffen.
Bürgers Ballade über den Kindsmord hatte im 19. Jahrhundert durch freie Bearbeitungen und Abwandlungen eine weite Verbreitung gefunden. Auch andere Dichter des „Sturm und Drang“ behandelten den Kindermord durch die Mutter sozialkritisch wegen der Häufigkeit des Deliktes mit dem Anwachsen des Proletariats in den Großstädten durch die zunehmende Industrialisierung.
In der Literatur und Bildenden Kunst steht in Bezug auf die Kindstötung Johann Wolfgang von Goethes „Faust“ und „Urfaust“ an Bekanntheit ganz oben. Mit seinem „Gretchen-Motiv“ hat er zum ersten Mal diese Problematik auf weltliterarischem Niveau abgehandelt. Gretchen, die in ihrer Verzweiflung ihr Kind umbringt und im Kerker endet, wird auch vereinzelt in den Textbüchern bildlich dargestellt.
Mit „Gretchen vor der Mater Dolorosa“ (1816) ist ein Werk aus den Bildern zu Goethes „Faust“ von Peter Cornelius (1783–1867) unterschrieben. Es zeigt das fromme, unehelich schwangere Gretchen in der Kirche vor dem Bild der Madonna betend: „Hilf! Rette mich von Schmach und Tod! Ach, neige, Du Schmerzensreiche, Dein Antlitz gnädig meiner Not!“ („Faust I“). Im Hintergrund sieht man einen Mönch, der als Vertreter der Kirche den Fehltritt Gretchens verdammt (s. Abb. 4).
Abb. 4 Illustration zu „Faust I“ – Gretchen: „Ach neige Du Schmerzensreiche Dein Antliz gnädig meiner Not!“, nach einer Zeichnung von Peter Cornelius, 1811; Radierung von Ferdinand Ruscheweyh, 1816 aus: Cornelius, Peter, „Faust-Zyklus“, 1811, © Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz, Berlin, 2007
In der Kirchengeschichte ist der „Kindermord“ (von Bethlehem) der erste – oft bildlich – dargestellte Massenmord an Kindern. In Rom werden diese getöteten Kinder als erste Märtyrer verehrt. In vielen Kirchen ist dieser Kindermord nach Christi Geburt mit den verzweifelten Müttern in frühen Fresken und Gemälden meist sehr realistisch dargestellt.
Die Zeichnerin und Graphikerin Käthe Kollwitz (1867–1945) hat zur Gretchentragödie Blätter gezeichnet, von denen „Gretchen“ (1899) eine Verflechtung von christlicher Ikonographie und literarischem Vorwurf kennzeichnet. Wie in einer Vision ist das schwangere Gretchen – mit den Zügen von Käthe Kollwitz – auf einem Steg über dem Wasser nachdenklich stehend dargestellt, während unten am Ufer wie ein Madonnenbild eine Frau (Maria) mit einem totenähnlichen Antlitz mit ihrem wohl toten (Jesus-)Kind hockt, das sie zärtlich an sich drückt (s. Abb. 5).
Abb. 5 Käthe Kollwitz, „Gretchen“, 1899, Strichätzung, Kaltnadel, Aquatinta und Polierstahl, Kn 45, Käthe Kollwitz Museum Köln, Rheinisches Bildarchiv Köln, © VG Bild-Kunst, Bonn 2007
Diese Thematik hat Charles François Gounod (1818–1893) in seiner Oper „Margarete“ (so der deutsche Titel, der Originaltitel lautet: „Faust“) ebenso verarbeitet wie Luis Hector Berlioz (1803–1869) in seinem Opus „Fausts Verdammung“ und wie auch Arrigo Boito (1842–1918) in seiner Oper „Mephisto“.
Berühmt geworden ist die Verfilmung des „Faust“ mit Gustav Gründgens. Goethe hat noch ein weithin unbekanntes Bühnenstück geschrieben: „Die Kindsmörderin“.
Heute noch wird diskutiert, inwieweit Goethe in seiner Regierungstätigkeit für die Beibehaltung der Todesstrafe bei Kindesmord votiert hat und Schuld an der Hinrichtung von Johanna Catharina Höhn 1783 hatte, die ihr Kind unmittelbar nach der Geburt in einem Anfall von Panik getötet hatte. Eine Dokumentation über drei Kindsmordfälle und Urteile in Goethes Regierungszeit hat Prof. Rüdiger Scholz mit „Das kurze Leben der Johanna Catharina Höhn“ 2004 vorgelegt.
Die in den Wahnsinn getriebene Schwangere, die nach der Geburt ihr Kind umbringt und sogar zerstückelt, zeigt das Gemälde „Hunger, Wahnsinn und Verbrechen“ (1853) von Antoine Wiertz (1806–1865). In materieller Not hat der Hunger die Mutter in den Wahnsinn getrieben und das Kind töten lassen, das nicht mehr zu ernähren war. Aus dem Kochtopf über der Feuerstelle ragt ein abgeschnittenes Kinderbein, das Messer in der Hand der Mörderin ist noch blutig. Das Feuer wird durch Teile des Stuhls und der Kleidungsstücke des Kindes, in denen das tote Kind eingehüllt und dadurch verdeckt auf dem Schoß der Mutter liegt, als ein weiteres Zeichen der Armut und Verzweiflung der Mutter in Gang gehalten (s. Abb. 6). Ein Kritiker sah das Gemälde als Protest der niederen Klassen der Gesellschaft gegen die Höheren Stände. Auch als Gegenstück zur Darstellung der „Madonna mit dem Jesuskind“ wurde dieses Gemälde gesehen.
Abb. 6 Antoine Wiertz (1806–1865) „Faim, folie et crime“, „Honger, waanzin en misdaad“ (1853) (Inv. MRBAB/KMSKB 1967), Musées royaux des Beaux-Arts de Belgique, Bruxelles. Photo: IRPA
Die Kindesmörderinnen entstammten vor allem den unteren Schichten, dem Proletariat, das durch die zunehmende Industrialisierung in den Großstädten angewachsen war. Armut und Furcht vor der Schande trieben die Frauen zum Mord. Aber auch in den oberen Schichten führten die rigorosen Sanktionen der Kirche und des Staates zu den Verbrechen der Kindesaussetzung und Kindestötung, um vor allem uneheliche Schwangerschaften geheim zu alten.
In Rom warfen Frauen ihre Neugeborene und Säuglinge in den Tiber (s. Klappenbild) und die „Luzerner Chronik“ berichtet 1513 über die Dienstmagd eines Ratsmitgliedes, die ihr Kind ins Räderwerk der Stadtmühle wirft.
Doch auch ältere Kinder werden von ihren Müttern oder Vätern umgebracht. So erwürgte laut einer Quelle aus der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg eine Maria Elisabetha Beckensteiner 1742 ihren halbjährigen Sohn mit einem Strumpfband (s. Abb. 7) und eine Frau aus Küstnacht (Schweiz) erstach zum Entsetzen ihres Mannes ihren Knaben im Bett (s. Abb. 8). Ein Mann aus Lenzburg (Schweiz) wurde 1567 aufs Rad geflochten, da er seines Bruder Kind per Fausthieb und sein eigenes durch Abhacken des Kopfes getötet hatte (s. Abb. 9).
Abb. 7 „Hinrichtung der Kindsmörderin Maria Elisabetha Beckensteiner“ (Signatur: Graph 29/123), Staats- und Stadtbibliothek Augsburg
Abb. 8 Illustration zu „Wie eine mutter irr eigen Kind erstochen“, Zentralbibliothek Zürich, Ms. F 23, Seite 29, Photo Zentralbibliothek Zürich
Abb. 9 Getuschte Federzeichnung „Mann aus Lenzburg tötet sein eigenes Kind“, Zentralbibliothek Zürich, Ms. F 17, f. 268v, Photo Zentralbibliothek Zürich
Die Kindermörderin „Medeia“ der antiken Sage und der Tragödie von Euripides (ca. 480–406 v. Chr.) wurde von Künstlern wie Eugène Delacroix (1798–1863) mit „Die rasende Medea“ (1862) (s. Abb. 10) und Anselm Feuerbach (1829–1880) mit „Medea an der Urne“ (1873) dargestellt. Alfons Mucha (1860–1939) entwarf ein berühmt gewordenes Plakat der Schauspielerin Sarah Bernhardt als Medea für eine Aufführung der Tragödie „Médée“ von Catulle Mendès im „Theâtre de la Renaissance“. Aus Rache tötet Medea ihre beiden Kinder (und die beiden Söhne des Jason, um auch diesen kinderlos zu machen).
Abb. 10 „Die rasende Medea“; Gemälde/Öl auf Leinwand von Eugène Delacroix, 1862, 122,5 x 84,5 cm, Original: Paris, Musée du Louvre/RF 1402, Foto: Gérard Blot, RMN, © Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz, Berlin, 2007
Eine „Medea“ hat auch Hanns Henny Jahnn (1894–1959) geschrieben und über das „Medea-Thema“ Heiner Müller (1929–1995) mit dem Titel „Medeamaterial“. Diese Thematik enthält auch Grillparzers „Das goldene Vlies“.
Bereits im 18. Jh. hat Heinrich Leopold Wagner (1747–1779) „Die Kindermörderin. Ein Trauerspiel“ verfasst. Neu und aktuell ist der Monolog „Kindsmord“ in dem Buch „Die Eröffnung“ von Peter Turrini.
Das Thema Kindsmord als literarisches Motiv in der Sturm und Drang-Zeit findet man in einem Sachbuch unter dem Titel: „Der Kindsmord als schöne Kunst betrachtet“ von Kirsten Peters.
Gerhart Hauptmann (1862–1946) hat sich in mehreren seiner Theaterstücke mit der Not der Menschen auseinandergesetzt; mit dem Kindestod vor allem in seinem 1903 geschriebenen Drama „Rose Bernd“. Es wurde eines der erfolgreichsten Bühnenwerke des stets umstrittenen Dichters. Hier wird ein soziales Problem abgehandelt, das seit der Sturm und Drang-Zeit die Dramatiker bewegt hat: die Ächtung der unehelichen Mutter, die aus Scham und Verzweiflung ihr Kind tötet wie Gretchen in Goethes „Faust“, diesmal noch verschärft um einen Meineid.
Hauptmann hat dieses naturalistische Werk fünf Wochen nach dem Kindsmordprozess begonnen, an dem er selbst als Geschworener teilgenommen und sogar einen vorübergehenden Freispruch für die verzweifelte Kindsmörderin erreicht hatte. Er schrieb aber das Drama „wie es gewesen sein könnte“.
Hauptmann stellt den primitiven, rustikalen Ethos in einer schlesischen Dorfgesellschaft dar, in dem die Bauernmagd Opfer und Täterin zugleich wird, ohne Hilfe zu bekommen, obwohl jeder alles weiß und sieht. Als Begründung für ihr Verhalten und ihre Hilflosigkeit kann sie nur anführen: „Ich habe mich geschämt.“ In ihrer Verzweiflung bringt sie ihr neugeborenes Kind um. Und sie sagt zu dem Gendarm: „Ich bin ganz klar! Ich bin nicht besessen! Ich bin ganz klar bin ich aufgewacht! Kalt, wild, grausam fest. Es sollte nicht leben. Ich wollte es nicht. Es sollte nicht meine Martern erleiden. Es sollte dort bleiben, wo es hingehört.“ Nur einer – August – zeigt, wenn auch zu spät, Verständnis und findet die richtigen Worte: „Das Mädel (…) was muss die gelitten haben.“
„Rose Bernd“ wurde 1919 von Alfred Halm und 1957 von Wolfgang Staudte mit Maria Schell als Rose verfilmt.
In seiner Traum-Dichtung „Hanneles Himmelfahrt“ (1893) stellt Hauptmann den Umgang mit dem Tod eines Kindes durch die distanzierten Erwachsenen einerseits und die oft noch unbekümmert fragenden Kinder andererseits dar.
Die von ihr besuchte Premiere von Hauptmanns Schauspiel „Die Weber“ hat Käthe Kollwitz zu ihrem berühmten frühen Zyklus „Ein Weberaufstand“ (1893) inspiriert, dem der Zyklus „Bauernkrieg“ (1908) folgte. Nicht nur in diesen Werken haben Kinder einen großen Stellenwert. Ein besonderes Anliegen war ihr vor allem die Not der Kinder und in vielen ihrer Werke der Tod in der Not. Aufgrund der entsetzlichen Hungerjahre im und nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg im In- und Ausland sah sie sich verpflichtet, den Menschen mit ihrer Kunst (u. a. über Plakate) zu helfen, ihr Herz zu öffnen (s. Abb. 11).
Abb. 11 Käthe Kollwitz, „Hunger“, 1922, Holzschnitt, Kn 182, Käthe Kollwitz Museum Köln, © VG Bild-Kunst, Bonn 2007
Immer wieder hat Käthe Kollwitz ihre beiden Kinder gewissermaßen als Modell in ihren Radierungen dargestellt, besonders eindrucksvoll im Blatt 2 aus dem Zyklus „Ein Weberaufstand“ mit dem Titel „Tod“, auf dem der Tod nach einer von ihrer Familie umgebenen Frau greift, die entkräftet zur Seite gesunken ist. Ganz im Lichtkegel sitzt ein Kind (Hans) mit schon tiefliegenden Augen und fast starrem Blick. Das Blatt 1 „Not“ zeigt die verzweifelte Mutter am Bett des sterbenden oder bereits toten Kleinkindes.
Zwei um 1909 entstandene Zeichnungen handeln vom Unglück, das arme Frauen ereilen konnte. Ihr „Verunglücktes Kind“ zeigt eine Frau mit schreckensweit geöffneten Augen, die, umringt von Schaulustigen, ihr tödlich verunglücktes Kind vor sich trägt. In dem Werk „Überfahren“ (1910) tragen Mutter und Vater gemeinsam das leblose Kind, gefolgt von einer Schar erschütternd fragender Kinder (s. Abb. 12).
Abb. 12 Käthe Kollwitz, „Überfahren“, 1910, Strichätzung sowie Vernis mou mit Durchdruck von Bütten und Zieglerschem Umdruckpapier, Kn 110, Käthe Kollwitz Museum Köln, Rheinisches Bildarchiv Köln, © VG Bild-Kunst, Bonn 2007
Vielleicht hat auch ein ganz persönlicher Anlass dazu beigetragen, dass sie sehr früh das Thema „Kind und Tod“ aufgegriffen hat, denn 1908 war ihr ältester Sohn Hans schwer erkrankt und dem Tode nahe. Diese Erfahrung hat Käthe Kollwitz einmal als das Schlimmste bezeichnet, was ihr widerfahren war. Und in vielen ihrer Zeichnungen entzieht der personifizierte Tod der Mutter mit sanfter Gewalt das Kind. Der Verlust ihres jüngsten Sohnes Peter im Ersten Weltkrieg führte zu eindringlichen Darstellungen, die z. B. den Titel „Frau mit totem Kind“ (s. Abb. 13) oder „Abschied“ tragen. Aber auch die betroffenen Eltern hat sie eindrucksvoll in ihren Zeichnungen, der Druckgraphik und in ihren Plastiken dargestellt (s. Abb. 14).
Abb. 13 Käthe Kollwitz, „Frau mit totem Kind“, 1903, Strichätzung, Kaltnadel, Schmirgel sowie Vernis mou mit Durchdruck von geripptem Bütten und Zieglerschem Umdruckpapier, Kn 81, Käthe Kollwitz Museum Köln, Rheinisches Bildarchiv Köln, © VG Bild-Kunst, Bonn 2007
Abb. 14 Käthe Kollwitz, „Hunger“, 1922, Holzschnitt, Kn 182, Käthe Kollwitz Museum Köln, © VG Bild-Kunst, Bonn 2007
Der Schriftsteller Elias Canetti (1905–1994) hat einmal formuliert: „Der Weg zur Wirklichkeit geht über das Bild.“
In der Musik gibt es nicht wenige Werke, die sich mit dem Tod eines Kindes beschäftigen. Am bekanntesten und gewissermaßen ein Synonym ist „Der Tod und das Mädchen“. Das gleichnamige Gedicht von Matthias Claudius (1740–1815) hat Franz Schubert (1797–1828) vertont und auch mit seinem „Streichquartett“ bekannt gemacht.
Der Tod und das Mädchen
„Das Mädchen:
‚Vorüber! Ach vorüber!
Geh wilder Knochenmann!
Ich bin noch jung, geh lieber!
Und rühre mich nicht an‘,
Der Tod:
‚Gib deine Hand, du schön und zart Gebild!
Bin Freund und komme nicht zu strafen.
Sei guten Muts, ich bin nicht wild,
Sollst sanft in meinen Armen schlafen‘!“
Das Thema hat auch Ariel Dorfman für ein Theaterstück verwendet. Antonín Dvořák (1841–1904) hat sein berühmtes „Requiem“ für seine verstorbene Tochter komponiert, Friedrich Smetana (1824–1884) 1855 das „Klavier-Trio g-moll op. 15“ für seine beiden verstorbenen Kinder. Die „Kinder-Totenlieder“ von Friedrich Rückert (1788–1866) hat Gustav Mahler (1860–1911) in seine „Symphonie Nr. 6“ aufgenommen.
Vor allem nordische Maler haben das Begräbnis von Kindern dargestellt; in seinem Triptychon „Trauernde Familie“ stellt Fritz Mackensen (1866–1953) den Schutz- und dann den Todesengel in den Vordergrund. Im Mittelpunkt steht die erschütterte und wortlose Familie mit der in Tagen gealterten Mutter.
Westphals Graphik „Kinderbegräbnis in Schleswig“ (s. Abb. 15) zeigt das Versenken des kleinen Kindersarges ohne Anwesenheit der Mutter des Kindes, der Familie, vielleicht im Kriege.
Abb. 15 „Kinderbegräbnis in Schleswig (August 1834)“, Bleistiftzeichnung von Friedrich Bernhard Westphal (1834), Stadtmuseum Schleswig
Das heimliche Begräbnis nach der Kindstötung durch die Mutter findet in dem Gemälde „Summum jus, summa injuria. Barnemordet“ (1886) von Erik Henningsen (1855–1930) seine Darstellung, wenn die der Kindstötung verdächtigte Mutter von der Polizei zu der Stelle geführt wird, wo man den von ihr vergrabenen Leichnam des Neugeborenen vermutet (s. Abb. 16).
Abb. 16 Erik Henningsen, „Summum jus, summa injuria. Barnemordet“/„Summum jus, summa injuria. The murder of a child“, 1886, oil on canvas, 78,5 x 117 cm, Inv. no. 154 © The Hirschsprung Collection, Copenhagen
Dass die Mutter unter dem Tod ihres Kindes ein Leben lang leidet, sicher erst recht, wenn sie es getötet hat, zeigt A. Paul Weber (1893–1980) mit einer sehr einfühlsamen Tuschfederzeichnung „Trauernde Mutter“ (1952), auf der die gebeugte verhüllte Mutter ihren kleinen Sarg trägt (s. Abb. 17). Auch Käthe Kollwitz hat eine erschüttert verhärmte Mutter, die den kleinen Sarg in ihren Händen vor sich trägt, in dem Holzschnitt „Kindersterben“ dargestellt (s. Abb. 18).
Abb. 17 „Trauernde Mutter“, kolorierte Handzeichnung von A. Paul Weber, 1952, Kreismuseen Ratzeburg, © VG Bild-Kunst, Bonn 2007
Abb. 18 Käthe Kollwitz, „Kindersterben“, Blatt 3 der Folge Proletariat, 1924–25, Holzschnitt, Kn 216, Käthe Kollwitz Museum Köln, © VG Bild-Kunst, Bonn 2007
William Shakespeare lässt in seinem gleichnamigen Drama Macbeth sprechen: „Gib Worte deinem Schmerz – Gram der nicht spricht, presst das beladne Herz, bis das es bricht.“
Die Grabsteine von Kindern sind oft kleine Kunstwerke, nicht selten mit Engeln verziert, welche die Lebensfackel nach unten gerichtet zeigen.
Die Ärztin Ursel Ramm hat in ihrem Büchlein „Friedhofsengel auf Frankfurter Friedhöfen“ (1985) ihr Gedicht veröffentlicht:
An eines Kindes Grab
„Wo war dein Engel als das Fieber glühte?
Am kleinen Hügel stehe ich und frage
Ob sich der Himmel wohl um deinen Schutz bemühte?
Auch wo Soldaten fallen rauschen keine Flügel
und wo Verzweiflung in die Schwärze gleitet
ist auch kein Cherub der die Schwingen breitet.
Und doch versprach der Herr in frühen Tagen,
dass uns die Engel über Steine tragen
und dies zu glauben ist ein streng‘ Gebot.
Wo war der Engel bei dem ‚kleinen Tod‘?“
Weit bekannt ist das „Grab eines unbekannten Mädchens“ auf dem alten Freiburger (i. Br.) Friedhof, das das ganze Jahr über mit frischen Blumen geschmückt ist. Den Gang zum Friedhof – auch mit Kindern – haben Maler ebenso dargestellt wie die Vorstellungen des Lebens nach dem Tode, z. B. Hieronymus Bosch (ca. 1450–1516) mit einem eindrucksvollen Bild, das bereits im 16. Jahrhundert die Nahtod-Erlebnisse von Patienten auf Intensivstationen zum Ausdruck bringt.
Die lebenslange Verbundenheit mit dem verstorbenen Kind und den Wunsch, dass der Tod des geliebten Kindes nur ein böser Traum sei, hat der Dichter Conrad Ferdinand Meyer (1825–1898) in einem Gedicht beschrieben:
Das tote Kind
„Es hat den Garten sich zum Freund gemacht,
dann welkten es und er im Herbste sacht,
die Sonne ging und es und er entschlief,
gehüllt in eine Decke, weiß und tief.
Jetzt ist der Garten unversehns erwacht,
die Kleine schlummert fest in ihrer Nacht.
Wo steckst Du? Summt es dort und summt es hier.
Der ganze Garten frägt nach ihr, nach ihr.
Die blaue Winde klettert schlank empor
und blickt ins Haus:
‚Komm hinterm Schrank hervor?‘
Wo birgst Du Dich?
Du tust Dir’s selbst zuleid!
‚Was hast Du für ein neues Sommerkleid?‘“
„Die bösen Mütter“ (1896/1897) von Giovanni Segantini (1858–1899) empfangen ihre Strafe in der winterlichen Kälte der Berge, weil sie ihre Kinder vernachlässigt haben. Die Seelen der Kinder erscheinen in den Ästen der verdorrten Bäume und rufen nach ihren Müttern. Im Vordergrund saugt ein Säugling an der Brust der sich aufbäumend wehrenden Mutter. Segantini veranschaulicht damit den Widerstreit zwischen Mutterschaft und der freien Liebe der Frau (s. Abb. 19).
Abb. 19 Giovanni Segantini (1858–1899), „Die bösen Mütter“, 1896/1897, Öl auf Karton, 40 x 74 cm, Kunsthaus Zürich, © 2007 Kunsthaus Zürich. Alle Rechte vorbehalten.
Ein einfühlsames Märchen von der Niederelbe „Das tote Kindlein verzeiht“ (1923) von Hans Friedrich Blunck (1888–1961) beschreibt, wie eine Mutter die Tötung ihres neugeborenen Kindes, nach Alpträumen in ihrer Phantasiewelt, in der das getötete Kind sie verfolgt und immer wieder erscheint, wieder gut zu machen versucht. Sie bereut, findet durch gute Taten zu ihrem Frieden und wird letztlich durch das verstorbene Kind zu den Menschen zurückgeführt.
Ariès P (1975) Geschichte der Kindheit. Aus dem Französischen übersetzt von Caroline Neubaur und Karin Kesten. München und Wien
Ariès P (1976) Geschichte des Todes. München
Ariès P (1984) Bilder zur Geschichte des Todes. Hanser München und Wien
Condrau G (1991) Der Mensch und sein Tod. Certa moriendi condicio. Zürich, Einsiedeln
Götte G (1991/1997) „Gesehenes und Ausgedachtes“ Kölner Museums Bulletin. Berichte und Forschungen aus den Museen der Stadt Köln. Sonderheft Zeichungen-Druckgraphik-Skulpturen
Gunkel J (1999) Abschiednehmen vom Kind. Der Tod im Leben des Kindes. Alete Wissenschaftlicher Dienst Landshut
Kast R (2000) Totentanz – vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart. Eine Ausstellung ausgewähter Werke der Graphiksammlung „Mensch und Tod“ der Heinrich Heine Universität Düsseldorf. Ulm
Knesebeck von dem A (2007) „… mit liebevollen Blicken …“ Kinder im Werk von Käthe Kollwitz. Einblicke 8 einer Ausstellungsreihe Käthe Kollwitz Museum Köln
Mörgeli C, Wunderlich U (2002) Über dem Grabe geboren. Kindsnöte in Medizin und Kunst. Medizinhistorisches Institut und Museum der Universität Zürich. Benteli Wabern-Bern
Schmalenbach F (1965) Käthe Kollwitz. Die blauen Bücher. Langewiesche, Königstein i. Ts.
Theopold W (1981) Das Kind in der Votivmalerei. Thiemig München
Die Rechteinhaber sind in den Bildunterschriften in diesem Kapitel genannt.
Abb. 2: Adolph Schroedter, „Die Kindsmörderin“, 1832, Inv. Nr. K 1948-2, museum kunst palast, Düsseldorf, Graphische Sammlung, wurde fotografiert von Horst Kolberg.
Verlag und Herausgeber danken den genannten Institutionen für ihre freundliche Genehmigung zum Druck der hier zusammengestellten Abbildungen und die Überlassung des Bildmaterials. Der Verlag hat sich bemüht, alle Inhaber von Nutzungsrechten der Abbildungen zu ermitteln. Sollten dennoch etwaige Inhaber von Nutzungsrechten übersehen worden sein, bitten wir um Meldung an den Verlag, damit den Rechten entsprochen werden kann.
Mit der Médeia in Euripides’ (485–406 v. Chr.) gleichnamiger Tragödie hält die ihre eigenen Kinder mordende Mutter Einzug in die Weltliteratur. Dem heutigen Begriffsinhalt des Infantizides entspricht ihre Tat natürlich nicht. Ihre beiden Knaben sind heranwachsende Kinder im Alter zwischen fünf und zehn Jahren, keine Neugeborenen und keine Säuglinge.
Der Stoff zur Tragödie stammt aus der griechischen Mythologie: Médeia, die Tochter des Königs Aietes, ist den Argonauten unter ihrem Anführer Jason mit vielen Zauberkünsten bei der Beschaffung des Goldenen Vlieses behilflich gewesen. Jason heiratet Médeia und zeugt mit ihr drei Kinder. Als er sie nach zehnjähiger Ehe verstößt, um sich mit der Tochter des mächtigen Königs der Korinther, Kreon, zu vermählen, tötet Médeia die Nebenbuhlerin durch ein giftiges Gewand, lässt Kreons Palast in Flammen aufgehen und bringt ihre beiden Kinder um. Letztere Tat ist vom Dichter, abweichend von der Sage, wonach die Korinther die Kinder der Médeia aus Rache für den zerstörten Palast umbrachten, hinzugefügt worden. Sie gibt ihm Gelegenheit im großen Monolog das Für und Wider der abscheulichen Tat leidenschaftlich zwischen der vom Gatten gekränkten Frauenehre und der Liebe zu den Kindern abzuwägen.
Doch der entscheidende Entschluss bleibt:
„Geht, geht, ihr Kinder! Ich vermag nicht länger noch
euch anzuschauen. Ich erliege meinem Leid.
Wohl weiß ich, welchen Frevel ich begehen will,
doch über mein Bedenken siegt die Leidenschaft,
der Menschen allerschlimmste Unheilstifterin.“
(Médeia, V. 1047–1051 [Euripides]).
Walter Kranz (1958) bemerkt dazu, „dass eben er (Euripides) es recht eigentlich gewesen ist, der die Welt der Triebe entdeckt, die Leidenschaftlichkeit der Geschlechter zueinander zu einem Hauptproblem des tragischen Spiels gemacht hat (…). Von hier aus sollen wir es nachfühlend verstehen, dass die in ihrer Frauenehre vom Gatten Gekränkte nicht nur die Nebenbuhlerin vernichtet, sondern auch, um den Mann zu treffen, der mit dem Schwert die eigenen Kinder tötet.“
Die Ermordung der eigenen Kinder als Rache an Jason, dem untreuen Ehemann, wird richtungweisend für die weitere literarische Interpretation des Themas in späteren Zeiten.
Noch in der Antike verwendet Seneca (2–65 n. Chr.) den Stoff in seiner Tragödie „Medea“. Bei ihm wird die Gestalt der Medea zum Symbol für Zügellosigkeit, Irrationalität und Inhumanität. Der aggressive Wahnsinn (furor) ist konsequentes Endstadium der Leidenschaft. Auch bei Ennius (239–169 v. Chr.) und Ovid (43 v.–17 n. Chr.) finden sich entsprechende Bezüge. Über Pierre Corneille (1635) und H. B. Longepierre (1694) rückt bei späteren Dichtungen, wie in F. M. Klingers „Medea in Korinth“ (1787 in Petersburg entstanden), der Kindermord noch stärker in den Mittelpunkt (Glaser 2001).
Franz Grillparzer (1791–1872) gestaltet in seiner Trilogie „Das Goldene Vließ“ (1821) die Argonauten-Sage zur geschichtsphilosophischen Tragödie des Humanitätsideals. Als Tochter eines Barbarenkönigs bleibt Medea außerhalb der Gemeinschaft, als Fremde ohne Anspruch auf Achtung und Integration. Der Mord an den Kindern ist Reaktion auf ihre eigene Isolation abseits der Humanität. Grillparzer dazu in einem Epigramm aus dem Jahr 1848: „Der Weg der neuen Bildung geht von Humanität durch Nationalität zur Bestialität“ (Grillparzer 1913).
Jean Anouilh (1910–1987) treibt im Drama „Médée“ (Uraufführung 1948 in Brüssel) den Anspruch auf Selbstverwirklichung von der Hoffnung zu Hass und Rachsucht und schließlich zum Verbrechen voran.
Die Autorin Christa Wolf meldet Zweifel an den Verbrechen der Medea an und lastet in ihrem Medea-Roman „Medea-Stimmen“ (1996) allein den Korinthern die Schuld am Kindermord an. Glaser (2001) sieht darin eine Uminterpretation des antiken Mythos.
In den letzten drei Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts wurde die Gestalt der Kindsmörderin in ein völlig anderes Licht gerückt. Es ist die als „Sturm und Drang“ bezeichnete Periode deutscher Dichtkunst. Das Gedankengut der Aufklärung, neue Moral- und Staatsrechtstheorien stellten nicht nur in Frankreich das bestehende System mit seinen oft noch mittelalterlichen Elementen in Frage. Die Rechtmäßigkeit der Todesstrafe wird nun ebenso vehement bestritten, wie sie andererseits verteidigt wird; keine Täterperson erscheint für die Entzündung des Meinungsstreites geeigneter als die Kindsmörderin.
Als 1780 die Öffentlichkeit in der Mannheimer Zeitschrift „Rheinische Beiträge zur Gelehrsamkeit“ aufgefordert wird, in einer Preisschrift Gedanken über die ausführbarsten Mittel gegen den Kindermord darzulegen, hatten sich Dichter aus dem Raum am Oberrhein der Täterinnen bereits angenommen. Ihre Quellen lagen in Volksliedern und bei den Bänkelsängern, die die herzzerreißenden Schicksale der verurteilten und zur Hinrichtung geführten jungen Mütter besangen.
„All diese von der Gegenwartswirklichkeit und der Volksdichtung ausgehenden Anregungen hätten aber bei den Stürmern und Drängern nichts ausgewirkt, wenn ihr Gemüt und ihr Geist nicht so empfänglich dafür gewesen wären. Sie empfanden tiefes Mitleid mit den unglücklichen Mädchen und haben dies in ihren Werken wiederholt bekundet“
(Rameckers 1927)
.
Als einer der Ersten brachte Heinrich Leopold Wagner (1747–1779) den Stoff in eine dramatische Fassung. Sein Trauerspiel mit dem Titel „Die Kindermörderin“ erschien 1776 in Leipzig mit deutlichen Anleihen bei dem Stück „Die Soldaten“ von Jakob Michael Reinhold Lenz (1751–1792) und bei Goethes zunächst fragmentarischen Faust-Szenen von 1773/75. Goethes Plagiatsvorwurf an den Dichterkollegen erscheint unberechtigt, wenn man Wagners Stück mit Inhalt und Ablauf dem Werk Goethes gegenüberstellt, vom literarischen Wert abgesehen. Bei Wagner führt der Logiergast des Metzgermeisters Humbrecht, Leutnant von Gröningseck, dessen Tochter Evchen zusammen mit ihrer Mutter in ein Bordell (!) und verführt anschließend das Mädchen, während die Mutter mit einem Schlaftrunk betäubt wird. Sein gegebenes Eheversprechen wird durch die Intrigen eines Regimentskameraden zum Scheitern gebracht und Evchen zur heimlichen Flucht aus dem Elternhaus getrieben. Sie bringt ihr Kind bei einer armen Lohnwäscherin zur Welt und tötet es in einem Anfall von Wahnsinn, als sie erfährt, dass ihre Mutter aus Kummer gestorben ist und ihr Vater ein hohes Lösegeld auf ihre Auffindung ausgesetzt hat.
Wagner hat sein Stück 1778 noch einmal umgearbeitet. Unter dem Titel „Evchen Humbrecht oder Ihr Mütter merkts Euch!“ wird nun ein versöhnliches Ende geboten, die Kindstötung verhindert und die Hochzeit mit dem adligen Leutnant gefeiert. V. Arnheim verfilmte 1927 Wagners Trauerspiel („Mädchen, hütet euch!“) und Peter Hacks nahm 1963 eine Bearbeitung vor, in der die Existenz von Klassenschranken als das entscheidende Hindernis für das Paar sichtbar gemacht werden sollten (Henscher 1992).
Jakob Michael Reinhold Lenz stellte Ende 1775, also fast zur gleichen Zeit, als Wagner sein Drama vollendete, die Erzählung „Zerbin“ fertig. Sie erschien im Februar/März des folgenden Jahres im „Deutschen Museum“ (Leipzig 1987).
Zerbin, der einzige Sohn eines reichen Berliner Kaufmanns, gerät in Leipzig, wo er bei Professor Gellert „moralische Vorlesungen“ hört, in schlechte Gesellschaft, macht Schulden, sucht Trost bei Frauen und findet in der Aufwärterin Maria schließlich ein williges Opfer, das seinen Lügen und Schmeicheleien traut. Die Beziehung hat Folgen. Mit ihren Sorgen während der Schwangerschaft alleingelassen, bringt Maria ein totes Kind zur Welt. Sie versteckt es im Pferdestall, wo es der Kutscher findet. Maria wird ins Gefängnis gebracht, wegen Kindesmord angeklagt und zum Tode verurteilt. Zerbin, den Vater des Kindes, hat sie während der Verhandlung und bis zu ihrem Ende nicht genannt. Er nimmt sich wenige Tage nach Marias Enthauptung selbst das Leben. Rameckers (1927) nennt „Zerbin“ eine moralische Erzählung im Stil der „Contes moraux“ des Jean François Marmontel (1723–1799).
Ein historischer Fall aus dem Umfeld von Wagner, Lenz und anderen Dichtern des Sturm und Drang, von denen übrigens viele eine juristische Ausbildung mit Abschluss besaßen, erlangte literarischen Ruhm weit über die Landesgrenzen hinweg. Am 14. Januar 1772 wurde auf dem Markt der Freien Reichsstadt Frankfurt die ledige Susanna Margaretha Brandt vom Scharfrichter Hoffmann mit dem Schwert hingerichtet. Sie war des Kindesmordes wegen angeklagt und nach einem langen Prozess für schuldig befunden worden. Die um 1746 als Tochter eines Gefreiten der Frankfurter Garnison geborene Susanna war am 1. August 1771 von ihrer Brotgeberin, der Wirtfrau vom Gasthof „Zum Einhorn“ entlassen worden, da die Anzeichen einer Schwangerschaft trotz allen Leugnens der Dienstmagd zu offensichtlich waren. Die Eltern waren schon vor Jahren gestorben und eine Bleibe bei einer der in Frankfurt verheirateten Schwestern bot sich auch nicht an. Der Vater des Kindes, ein Geselle aus Holland, hatte schon im Dezember des Vorjahres Frankfurt und das Mädchen verlassen und war in Richtung Petersburg verschwunden. Die Zukunft als ledige Mutter ohne Arbeit und feste Bleibe, mit einer drohenden Strafe wegen Unzucht erschien schwierig und nicht sehr verheißungsvoll. Als die Wirtin des Gasthofs am 2. August in einem abgelegenen Teil des Hauses eine Blutlache und eine Nachgeburt fand, verständigte sie Susannas Schwester, die Maria Dorothea Hechtel. In der folgenden Auseinandersetzung mit Susanna gab diese zu, das Kind umgebracht zu haben. Sie verließ die Stadt, übernachtete im benachbarten Mainz, kehrte aber am nächsten Tag, als sie schon mit Steckbrief gesucht wurde, nach Frankfurt zurück und wurde verhaftet. Denn inzwischen hatte die Hechtel die von der Schwester verheimlichte Geburt angezeigt, und noch am Abend hatte ein an den Tatort geschickter Sergeant die Leiche des neugeborenen Knaben in der Waschküche des Hauses gefunden (Habermas 1999). Die von den 9 (!) Physici und Chirurgen am 3. August vorgenommene Sektion der Kindsleiche, mit der obligatorischen Schwimmprobe von Stücken der Lunge, schließt mit dem Ergebnis:
„Zur Folge dieser angegebenen großen und vielfältigen Verletzungen des Corporis Delicti, welche durch den Sturtz des Kindes auf den Kopf in der Geburt nicht entstehen können, und nach Maßgabe der ohnumstößlichen Gründen der Artzney-Gelahrtheit, ißt ausser Zweifel, dass dieses Kind völlig Athem geschöpfet, nithin vollkommen gelebet, und in diesem Zustande, durch Zerschmetterung der Beine des Kopfes, und die dabei geschehene große Verletzung des Hirns, nothwendig sein Leben sogleich habe verliehren müssen“
(Beilage D des Prozess-Protokolls nach Habermas 1999)
.
Der Sektionsbefund und der in den Verhören der Angeklagten und der Zeugen aufgedeckte Tathergang ließen nach damaliger Rechtslage kein anderes Urteil als die Todesstrafe zu. Es war ein Richterspruch wie viele in dieser Zeit und seine Vollstreckung für die Bürger der Stadt Frankfurt kein einmaliges Ereignis. Die abscheuliche Tat des Kindermordes kam in Frankfurt alle ein bis zwei Jahre vor (Habermas 1999). Trotzdem wurde die Susanna Margaretha Brandt zur bekanntesten und meistzitierten Kindsmörderin. Als Gretchen in Goethes „Faust“ hält sie Einzug in die Literatur und kommt auf die Bühnen der Welt.
Der junge Johann Wolfgang Goethe, in Frankfurt 1749 als Sohn des kaiserlichen Rates Johann Caspar Goethe geboren, war nur wenig jünger als die Tochter des Stadtgefreiten. Nach dem Jura-Studium in Leipzig und Straßburg hatte er zum Zeitpunkt des Prozesses seine Tätigkeit als Rechtsanwalt in Frankfurt aufgenommen. In den Prozess selbst war der junge Rechtsanwalt nicht eingebunden, hatte aber über zahlreiche Beziehungen zu den Berufskollegen, Ärzten und Gutachtern mehr Kenntnis vom Verlauf als andere Bürger. Bereits in die Fassung des „Urfaust“ (1774) fügte er die Figur des verführten und sitzen gelassenen Mädchens ein, das in Verzweiflung ihr Kind nach der Geburt tötet. Weder das Volksbuch vom Dr. Faustus noch die früheren Bearbeitungen des Faust-Stoffes durch andere Dichter stellen dem Gelehrten ein Weibsbild an die Seite. Eine Ausnahme bildet wohl Friedrich Maximilian Klinger (1752–1831) mit seinem Faustroman. In „Fausts Leben, Thaten und Höllenfahrt“ – das Erscheinungsjahr ist 1791 – fällt das fromme und bildschöne Mädchen Angelika bei der Geburt des von Faust gezeugten Kindes in Ohnmacht, wird aber trotzdem als Kindermörderin angeklagt und hingerichtet. Die öffentliche Ächtung der verführten Mädchen, ein Schicksal, das auch dem Gretgen in Goethes „Urfaust“ droht, wird in der Szene am Brunnen von Liesgen, der Freundin, vorgezeichnet.
