Kipppunkte -  - E-Book

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Beschreibung

Fridays for Future mobilisiert nicht mehr die Massen von einst. Pandemie, Kriege und Teuerung verdrängen die Klimakrise aus der öffentlichen Wahrnehmung. Die Letzte Generation zieht den Zorn der Bevölkerung auf sich. Auch wenn die Klimabewegung einige Fortschritte erkämpft hat, sind diese angesichts der Situation viel zu klein. Doch bisherige Strategien scheinen nicht mehr zu funktionieren. Wie kann die Klimabewegung diesen Tiefpunkt überwinden? In "Kipppunkte" sucht die Bewegung selbst nach Antworten auf diese Frage. Das Buch bringt einige der wichtigsten Organisationen und verschiedene Stimmen aus dem vielfältigen Ökosystem der Klimabewegung zusammen. Sie diskutieren über ihre Strategien und Taktiken. Sie analysieren, womit sie in den letzten Jahren erfolgreich waren und womit nicht. Und sie blicken in die Zukunft der Bewegung. Eines ist klar: Die Aufgabe, vor der die Klimabewegung steht, ist enorm – und sie wird eine Vielzahl an Strategien einsetzen müssen, um eine Chance auf Erfolg zu haben.

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Seitenzahl: 595

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Manuel Grebenjak (Hg.)

Kipppunkte

Strategien im Ökosystem der Klimabewegung

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar

Manuel Grebenjak (Hg.):

Kipppunkte

1. Auflage, März 2024

eBook UNRAST Verlag, April 2024

ISBN 978-3-95405-191-5

© UNRAST Verlag, Münster

www.unrast-verlag.de | [email protected]

Mitglied in der assoziation Linker Verlage (aLiVe)

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form ohne schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme vervielfältigt oder verbreitet werden.

Umschlag: Ramin Aryaie – aryaie.org

Satz: Andreas Hollender, Köln

Inhalt

Vorwort: Die vielen Kipppunkte der Klimabewegung Manuel Grebenjak

Einleitung: Warum wir die Klimabewegung als Ökosystem verstehen müssen Manuel Grebenjak

Abgrund: Wie die Klimakrise eskaliert Sara Schurmann

Geschichte: Eine Bewegung, viele Generationen Mira Kapfinger, Matthias Schmelzer, Dorothee Häußermann, Payal Parekh

Barrieren: Was verhindert einen klimagerechten Wandel? Lucia Steinwender, Ulrich Brand

»Wir«: Wer ist das, die Klimabewegung? Payal Parekh, Janus Petznik

Gespräch: Klasse und Identität(spolitik) in der Klimabewegung Lena Schilling, Sven Hillenkamp

Vorbilder: Auf den Schultern von Ries*innen Manuel Grebenjak

Grundlagen: Ziviler Ungehorsam und Klimagerechtigkeit Sina Reisch, Eraldo Souza dos Santos

Strategien: Wie können soziale Bewegungen radikale Transformation bewirken? I.L.A. Kollektiv

Stimmen: Organisationen der Klimabewegung

Alle Dörfer bleiben (DE)

Collective Climate Justice (CH)

Debt for Climate (int.)

Ende Gelände (DE)

Extinction Rebellion (AT/DE)

Fridays for Future Deutschland (DE)

Fridays For Future Österreich (AT)

Greenpeace Deutschland (DE)

Klimastreik Schweiz (CH)

Klimavolksbegehren (AT)

Letzte Generation (AT/DE)

LobauBleibt (AT)

Lützerath Lebt! (DE)

RWE & Co enteignen (DE)

Scientist Rebellion (DE/int.)

Stay Grounded (int.)

System Change not Climate Change (AT)

Verein CLAW – Initiative für Klimarecht (AT)

Verein Klimaschutz Schweiz (CH)

#WirFahrenZusammen (DE)

»Was wir brauchen, ist Deep Organizing.« Interview mit Tonny Nowshin

»Wir müssen auf militantere Klimakämpfe hoffen.« Interview mit Andreas Malm & Tatjana Söding

Diskussion: Eine Vogelperspektive auf das Ökosystem Manuel Grebenjak

Ausblick: Vier Szenarien für die Zukunft der Klimabewegung Manuel Grebenjak

Schluss: Es wird noch viele Kipppunkte brauchen

Danksagung

Anmerkungen

Vorwort: Die vielen Kipppunkte der Klimabewegung

Die Klimabewegung ist in der Krise. Dieser Befund stand am Ausgangspunkt des Weges, der zu diesem Buch geführt hat. Denn die letzten Jahre der Klimabewegung waren von einem ständigen Auf und Ab gekennzeichnet. Wer schon vor Fridays for Future in der Bewegung aktiv war, hat sich vermutlich nicht vorstellen können, dass sie je solch eine Dynamik und so große Demonstrationen wie im Jahr 2019 hervorbringen würde. Wer seit dieser Zeit aktiv ist, hätte sich hingegen möglicherweise nicht vorstellen können, dass die Dynamik so schnell wieder abebben würde. Und doch ist es passiert.

Nie wieder waren so viele Menschen für Klimaschutz und Klimagerechtigkeit auf der Straße wie im Jahr vor der Pandemie – aber diese kann nicht die einzige Erklärung für den Niedergang der Klimabewegung seit 2020 sein. Innerhalb der Bewegung wurde viel über die Ursachen debattiert und in diesem Buch werden ein paar Fragen immer wieder auftauchen: Wie kommen wir aus der gegenwärtigen Negativspirale heraus? Wie kann die Klimabewegung wieder so groß und stark werden wie vor der Pandemie? Kann sie sogar noch größer und stärker werden? Und vor allem: Wie wird sie mächtig genug, um Veränderungen anzustoßen, die der Klimakrise angemessen sind? Die Antworten auf diese Fragen kann nur die Klimabewegung selbst geben. Dieses Buch soll einige Vorschläge zur Orientierung bieten, die aus dem Dialog unterschiedlicher Teile und verschiedener Strömungen der Bewegung hervorgegangen sind.

Einen Punkt kann ich schon jetzt sicher festhalten: Die Bewegung muss sich noch mehr als bisher mit ihrem eigenen Handeln auseinandersetzen. Dafür sind Debatten über ihre Strategien, Protestformen, Botschaften und viele andere Aspekte ihres Handelns notwendig. Klimabewegte brauchen den Mut, solidarische und konstruktive Kritik zu üben und anzunehmen. Niemand sollte sich abschotten und gleich alle zu Gegner*innen erklären, die der eigenen Praxis nicht bedingungslos positiv gegenüberstehen.

Warum ›Kipppunkte‹? Im Zentrum dieses Buches stehen nicht die Treiber und Auswirkungen der Klimakrise an sich, weder der Prozess der Zerstörung unserer Lebensgrundlagen noch deren Folgen. Es geht also weniger um die Kipppunkte in unserem Klima- und Erdsystem, deren Überschreiten mit unabschätzbaren Folgen einhergeht. Eng mit den klimatischen Kipppunkten verbunden ist natürlich das Ziel der Klimabewegung: Sie will verhindern, dass wir diese überschreiten, die Gesellschaft dazu bringen, die notwendigen Schritte einzuleiten, um die ökologische Zerstörung noch vor dem Erreichen der schlimmsten Kipppunkte einzubremsen. Und sie kämpft gegen jene, die uns immer weiter auf diese zu treiben. Es ist also nicht zuletzt die Angst vor der Dystopie einer katastrophalen Heißzeit, welche die Klimabewegung motiviert. Doch gleichzeitig hält sie Ausschau nach Utopien als Leitsterne am Horizont, auf die wir als Gesellschaft gemeinsam zugehen können. Denn dafür sind Utopien da: »um zu gehen«, wie es der argentinische Künstler Fernando Birri so schön und wahr beschrieb.[1] Zwischen zwei möglichen Extremen – der Dystopie einer verbrannten Welt und der Utopie von Klimagerechtigkeit und einem guten Leben für alle auf diesem Planeten – liegt eine Vielzahl von Möglichkeiten für unsere Zukunft. Und ein weiter Weg. Ein Weg, für den wir nicht mehr viel Zeit haben. Manche sagen gar, es sei schon zu spät. Für alle, die nicht zu jenen gehören, die die Zukunft allzu fatalistisch sehen und behaupten, sie sei schon verloren, ist dieses Buch. In seinem Zentrum stehen die sozialen Kipppunkte: Ein Konzept, das uns Mut machen kann – aber auch in die Irre führen.

Eines gleich vorweg: Soziale Kipppunkte werden oft falsch verstanden. Sie sind keine Schalter, die man nur mit genügend Kraft einmal umlegen müsste, um eine unumkehrbare Dynamik in Gang zu bringen. Für manche scheint jedoch genau dieses Verständnis sozialer Kipppunkte ein Strohhalm zu sein, an den sie sich klammern, um überhaupt noch Hoffnung zu finden in dieser Zeit, in der die klimatischen Kipppunkte rund um die Welt und auch in Europa immer deutlicher spürbar werden. Es wird auch nicht die zwei oder drei großen sozialen Kipppunkte geben, durch die sich die Entwicklung hin zu einem stabilen und gerechten sozial-ökologischen System verselbstständigt und unumkehrbar wird. Und trotzdem heißt dieses Buch so: Kipppunkte.

Das hat drei Gründe: Zum einen sind die biophysikalischen Kipppunkte in unserem Erdsystem natürlich enorm wichtig. Jahr für Jahr häufen sich nicht nur die Studien[2], die belegen, dass wir ihnen bedrohlich nahe kommen, manche vielleicht schon überschreiten. Auch die realen Anzeichen dafür werden immer sichtbarer. Das Jahr 2023 war das heißeste, seit es die menschliche Zivilisation gibt[3]. Wir können nicht über die Klimabewegung und ihre Strategien nachdenken, ohne uns darüber bewusst zu sein, dass uns für die notwendigen politischen und gesellschaftlichen Veränderungen nicht mehr viel Zeit bleibt – und welche Tragweite dieser Wandel haben muss. Trotzdem gibt es noch viel zu retten und eine Welt zu gewinnen.

Denn zweitens können uns mögliche positive soziale Kipppunkte Mut machen, wenn wir sie richtig betrachten und einordnen. Sie zeigen, dass ein Wandel nicht immer linear verläuft, dass nicht jeder Schritt gleich schwierig ist. Wir lernen zu erkennen, wie wichtig gesellschaftliche Dynamiken und politisches Momentum sind und dass wir sie für unsere Sache nutzen können.

Damit das gelingt, braucht es aber – und das ist der dritte und wichtigste Grund für den Titel dieses Buchs – ein realistisches Verständnis von sozialen Kipppunkten. Nein, es gibt keinen bestimmten Prozentanteil der Bevölkerung, den wir nur zum Protest auf die Straße zu bringen brauchen, um damit todsicher den nötigen politischen Wandel anzustoßen. Es wird auch nicht reichen, eine kritische Masse von Investor*innen dazu zu bewegen, ihre Beteiligung an fossilen Energien abzustoßen, um das Ende von Kohle, Öl und Gas zu besiegeln. Und es ist auch keine Wunderlösung, Regierungen davon zu überzeugen, einen CO2-Preis in bestimmter Höhe einzuführen, um die Kräfte des Marktes für einen klimafreundlichen Umbau zu nutzen.

All das und vieles mehr können Schritte auf dem Weg in die richtige Richtung sein, solche und ähnliche Dynamiken könnten sich stellenweise auch abrupt beschleunigen – aber es wird nie eine Garantie dafür geben, dass sich die gesellschaftliche Ordnung ab einem bestimmten Punkt von selbst immer weiter in die richtige Richtung bewegen wird. Und selbst nach dem Erreichen eines sozialen Kipppunktes können neue Hürden warten, kann sich die Entwicklung sogar wieder umkehren. Nichts, was einmal erkämpft ist, bleibt für immer garantiert.

Stimmen eines vielfältigen Ökosystems

Den Kern dieses Buches bilden zwanzig Beiträge verschiedener Organisationen aus der Klimabewegung im deutschsprachigen Raum. Doch wer ist eigentlich ›die Klimabewegung‹? Diese Frage wird in gleich mehreren der folgenden Beiträge diskutiert. Klar ist: Die Klimabewegung ist viel größer, diverser und breiter, als es ein einziges Buch darstellen kann. Allein im deutschsprachigen Raum reicht sie je nach Definition von anarchistischen Graswurzelgruppen über mehr oder weniger progressive NGOs bis zu bürgerlichen Verbänden zum Ausbau erneuerbarer Energien. Es war unumgänglich, eine Auswahl zu treffen und einige schwierige Entscheidungen zu fällen.

Von Anfang an stand ein Kriterium dafür fest: Alle Gruppen und Organisationen im Buch sollten einen progressiven Grundkonsens teilen, der über »reinen« Klimaschutz, so dieser überhaupt möglich wäre, hinausgeht. Sie sollten für soziale Gerechtigkeit und ein emanzipatorisches Politikverständnis stehen. Schließlich versammelt dieses Buch nun Positionen von eher reformistisch eingestellten Organisationen, die ausschließlich bestehende Instrumente der liberalen Demokratie einsetzen, bis hin zu radikalen Gruppen, für die der Widerstand gegen den fossilen Kapitalismus nicht nur das Brechen bestehender Regeln bedeutet, sondern die auch den Bruch mit dem herrschenden System als notwendigen Schritt hin zu einer klimagerechten Welt sehen. Für manche verläuft die Trennlinie hier anhand des Namens, den man der Bewegung gibt: Klimabewegung oder Klimagerechtigkeitsbewegung. Für andere sind es Synonyme. Im Rahmen dieses Buches schließe ich mich der Trennlinie an: Der Begriff Klimabewegung wird verwendet, um die Gesamtheit aller Akteur*innen zu beschreiben, die innerhalb des erwähnten progressiven Grundkonsenses für den Erhalt unserer Lebensgrundlagen auf diesem Planeten kämpfen. Klimagerechtigkeitsbewegung dagegen meint den systemkritischeren Teil der Bewegung. Um das Zusammenspiel der verschiedenen Teile und Strömungen der Klimabewegung zu beschreiben, greife ich die Metapher von sozialen Bewegungen als »Ökosysteme« zurück. Denn ich bin überzeugt: Nur wenn sich sowohl Klimabewegte als Individuen als auch all ihre verschiedenen Organisationen als Teil eines großen Ganzen verstehen und erkennen, wie sie ineinander und mit ihrem gesellschaftlichen Umfeld verwoben sind, können sie ihre volle Kraft entfalten.

Natürlich ist auch meine Perspektive als Herausgeber eine ganz spezifische und wesentlich dafür, wie dieses Buch aussieht. Ich selbst bin schon seit Langem in der Klimabewegung aktiv. Trotzdem wurde ich, verglichen mit vielen aus der Generation Fridays for Future, in einem etwas späteren Alter politisiert, was wohl auch mit meiner Herkunft aus einer Arbeiter*innenfamilie in der ländlichen Peripherie von Österreichs südlichstem Bundesland Kärnten zusammenhängt. Dieser Hintergrund hat meinen Weg in die Klimabewegung nicht einfacher gemacht. Seitdem vergeht kein Tag, an dem mir die bürgerliche Herkunft und Prägung des überwiegenden Großteils der Klimaaktivist*innen nicht aufs Neue bewusst wird – und wie sich solche und andere Unterschiede auswirken, wie sie zu verschiedenen Perspektiven und (Miss)verständnissen führen können.

Ich selbst war bisher in verschiedenen Organisationen, Gruppen und Bündnissen in Österreich, Spanien/Katalonien sowie auf internationaler Ebene aktiv. Die meisten davon sind dem radikaleren Spektrum der Klimagerechtigkeitsbewegung zuzurechnen. Wenig überraschend glaube ich also, dass die Klimakrise nicht ohne eine umfassende Transformation des Kapitalismus zu bremsen ist. Aber auch wenn ich diese analytische Basis des radikaleren Bewegungsspektrums teile, habe ich manche seiner oft dogmatisch erscheinenden Aspekte, seine Kultur, manche strategischen Ansätze und die Eigenheiten bei Kommunikation und Zusammenarbeit nie vollkommen nachvollziehen können. Gleiches gilt allerdings in noch größerem Ausmaß auch für die Eigenarten anderer Teile der Bewegung. Diese Skepsis verschiedenen Ansätzen gegenüber sehe ich als eine gute Grundlage für die Arbeit an diesem Buch. Bei der Auswahl der Beitragenden und der Organisationen sowie bei der Analyse und Einordnung der Beiträge habe ich versucht, über meine eingeschränkte individuelle Perspektive hinauszublicken und der Diversität des Bewegungsökosystems so gut wie möglich Rechnung zu tragen. Trotzdem bestimmt meine individuelle Perspektive natürlich wesentlich mit, wie sich Kipppunkte am Ende zusammensetzt.

Warum es dieses Buch braucht

Wie schon gesagt, begann nach dem Abflauen der Pandemie aufgrund des offensichtlichen Niedergangs von Fridays for Future eine Debatte, die 2022 und 2023 mit der Aufregung rund um die Aktionen der Letzten Generation zu ihrem bisherigen, unrühmlichen Höhepunkt gelangte. Diese Debatte spannte sich von der Lokalpresse bis hin zu allen großen Leitmedien. Als problematisch sehe ich sie, weil sie inhaltlich oft auf einem sehr bescheidenen Niveau geführt wurde. Nicht nur dominierten Stimmen, die offensichtlich über kein tieferes Wissen über soziale Bewegungen, politischen Protest und die Dynamiken und Treiber sozialen Wandels verfügen. Leider brachten sich weite Teile der Bewegung selbst kaum in die Diskussionen ein und sogar so manche vermeintliche Expert*innen bewiesen öffentlichkeitswirksam ihr Unwissen oder ihre Kurzsichtigkeit. Aber es gab auch positive Höhepunkte und teilweise stießen die Debatten wichtige bewegungsinterne Strategiediskussionen an – auch wenn diese weiterhin nicht breit genug geführt werden, bruchstückhaft und unverbunden bleiben. Dieses Buch soll dazu beitragen, Diskussionsfäden zusammenzuführen und Lücken zu füllen. Es soll eine Basis für weiterführende Debatten, Diskussionen und gerne auch für konstruktiven Streit über die besten Strategien, Protestformen, Botschaften und vieles mehr sein, für viele kleine und große Gespräche, die es braucht, um gemeinsam lernen zu können.

Inhalt: Von Tälern und Gipfeln

Der Kampf gegen die Klimakrise kann uns oft wie eine Sisyphosarbeit erscheinen. Mit enormer Anstrengung versuchen wir, einen Stein für den Erhalt unserer Lebensgrundlagen und für Klimagerechtigkeit ins Rollen zu bringen. Leider führt der Weg, den es zu bewältigen gilt, steil bergauf. Immer wieder warten Hindernisse und der Gipfel ist fern. Wird er der ersehnte Kipppunkt sein, ab dem der Stein unaufhaltsam von selbst weiter rollt? Dieses Buch gliedert sich in drei Teile, die man sich wie die Etappen der Aufgabe dieses etwas anderen Sisyphos vorstellen kann. Im ersten Teil rollen wir mit ihm den schweren Stein bergauf. Hier werden zuerst mit der Einleitung grundlegende Begriffe und Konzepte eingeführt und erklärt, die für das Verständnis der Klimabewegung und von sozialen Bewegungen insgesamt wichtig sind. Danach folgen mehrere Kapitel von unterschiedlichen Autor*innen aus Journalismus, Wissenschaft und Klimabewegung, die für die Bewegung grundlegende Themen diskutieren: Zuerst wagt Sara Schurmann eine Vogelperspektive auf den aktuellen Zustand unserer Welt in der Klimakrise. Dorothee Häußermann, Matthias Schmelzer, Mira Kapfinger und Payal Parekh beleuchten die jüngere Entwicklung der Klimabewegung im deutschsprachigen Raum. Während Ulrich Brand und Lucia Steinwender – der Stein wird mühsam vorangeschoben und verkanntet sich zuweilen – der Frage nachgehen, welche Barrieren einem klimagerechten Wandel der Welt im Weg stehen und warum es so schwer ist, diese zu überwinden, gehen Payal Parekh und Janus Petznik näher darauf ein, wer bisher das politische Subjekt der Klimabewegung ist, wie sich diese zusammensetzt und wer in Zukunft darüber hinaus erreicht werden sollte, um stärker zu werden. Darauf folgt ein in seinem Format besonderes Kapitel: Lena Schilling und Sven Hillenkamp gehen in einem Dialog miteinander auf Fragen darüber ein, was Klassen- und Identitätspolitik für die Klimabewegung bedeuten, wo ihr diese Perspektiven helfen und wo sie vielleicht auch hinderlich sein können. Sina Reisch und Eraldo Souza dos Santos beleuchten zwei zentrale Begriffe für die Bewegung und deren Geschichte: ziviler Ungehorsam und Klimagerechtigkeit. Ich selbst gehe auf die Suche nach einigen der Ries*innen, auf deren Schultern die Klimabewegung steht, nämlich Bewegungen aus vergangenen Zeiten und in anderen Teilen der Welt, von denen wir vieles lernen können. Das I.L.A. Kollektiv schließlich fragt: »Wie können soziale Bewegungen radikale Transformation bewirken?« und gibt uns damit – Sisyphos ist fast am Gipfel angekommen – eine letzte Grundlage für den weiteren Weg mit.

Es folgt der Kern und Höhepunkt des Buchs: Diskussionsbeiträge von insgesamt zwanzig Organisationen aus dem Ökosystem der Klimabewegung im deutschsprachigen Raum. Darunter sind unter anderem einige der größten und bekanntesten Akteurinnen wie Fridays for Future und Extinction Rebellion, die sich wie die Letzte Generation als zuletzt präsentester Gruppe vor allem Protesten in verschiedensten Formen verschrieben haben. Weitere Beiträge stammen von Greenpeace als großer Umwelt-NGO sowie von verschiedenen Organisationen, die sich institutionalisierter demokratischer Werkzeuge wie Volksbegehren bzw. -initiativen bedienen oder vor Gericht für den Schutz unserer Lebensgrundlagen kämpfen. Und schließlich kommen mit Netzwerken und Bündnissen wie Stay Grounded, #WirFahrenZusammen oder Debt for Climate auch weniger bekannte Organisationen mit ganz unterschiedlichen Schwerpunkten und Ansätzen zu Wort. Vertreter*innen aller zwanzig Organisationen beantworten auf unterschiedliche Arten dieselben Fragen: Nach der Entwicklung, den Erfolgen und Problemen ihrer Gruppierungen, nach den von ihnen gewählten Strategien und Taktiken und wie sich diese verändert haben. Aber auch nach den Barrieren, welche aus ihrer Sicht Veränderungen hin zu einer ökologisch und sozial nachhaltigen und gerechten Welt verhindern und wie diese überwunden werden könnten. Zudem wagen die Beiträge, manche mehr und manche weniger, einen Ausblick auf mögliche Entwicklungen der Klimabewegung in der Zukunft und die eigene Rolle darin. Hier am Gipfel, am Höhepunkt des Buches, können wir also das Panorama aus einer Vielzahl von Perspektiven betrachten und das vielfältige Bild sehen, welches das Ökosystem der Klimabewegung ausmacht.

Wie es mit Sisyphos nach dem Gipfel weitergeht und ob dieser wirklich zum Kipppunkt wird, erfahren wir im letzten Teil des Buches. Zunächst helfen uns zwei Interviews dabei, das Gelesene einzuordnen: Zuerst spricht Tonny Nowshin über die jüngeren strategischen Entwicklungen sowie Rassismus und Antirassismus in der Klimabewegung und darüber, warum wir »Deep Organizing«[4] brauchen. In einem zweiten Interview diskutieren Andreas Malm und Tatjana Söding über Sabotage als Strategie, die Kriminalisierung der Klimabewegung und was der Aufstieg der Rechten für die Bewegung bedeutet. Danach wollen wir die bisherigen Kapitel miteinander verknüpfen. Ich ordne die Beiträge und beleuchte die unterschiedlichen Rollen und Phasen der Klimabewegung, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten, die sich gezeigt haben, schaue mir an, wie es um das Ökosystem der Bewegung steht: Wo ist das Zusammenspiel zwischen unterschiedlichen Akteur*innen harmonisch, wo reibt es sich? Am Ende steht schließlich ein kurzer Ausblick. Hier sollen vier verschiedene Szenarien zeigen, in welche Richtungen sich die Bewegung entwickeln könnte, strategischen Wege in der Zukunft möglich sind – und wie vielleicht auch unvorhergesehene Ereignisse eine Rolle spielen könnten. Im besten Fall bietet dieser Ausblick auch einige Orientierungspunkte für den langen Weg, der vor uns liegt.

Einleitung: Warum wir die Klimabewegung als Ökosystem verstehen sollten

Manuel Grebenjak

Die Klimabewegung ist wohl jene soziale Bewegung, die im deutschsprachigen Raum in den letzten Jahren am meisten in gesellschaftlichen Debatten präsent war. Obwohl sie einiges an politischem Einfluss entfaltet hat, wird die Bewegung oft nur sehr oberflächlich betrachtet. Vor 2018 und dem Aufstieg von Fridays for Future war die Bewegung für die meisten Menschen – abgesehen vielleicht von kurzen Phasen der Aufmerksamkeit rund um die jährlichen Weltklimakonferenzen oder große Protestaktionen wie von Ende Gelände – unsichtbar, obwohl sie schon eine viel längere Geschichte hat. Seit 2018 standen »die Fridays« einige Jahre lang in der öffentlichen Wahrnehmung gleichbedeutend mit der gesamten Bewegung, eine Rolle, die sie seit 2022 zumindest teilweise an die Letzte Generation verloren haben. »Klimakleber« wurde zum neuen – weit weniger positiv konnotierten – Synonym für die Klimabewegung. Die Bewegung ist aber viel mehr als bloß diese beiden Organisationen. Sie umfasst – wie alle sozialen Bewegungen – ein riesiges Ökosystem[5] an Organisationen, Gruppen, Initiativen, Bündnissen und Kampagnen mit verschiedensten Hintergründen, Positionen, inhaltlichen Schwerpunkten und diversen Rollen innerhalb der Bewegung. Bevor wir darauf eingehen, was das bedeutet, sollten wir uns vergegenwärtigen, wo die Klimabewegung aktuell steht und wie der derzeitige politische Kontext aussieht.

Vom Aufstand der Kinder zum Klimanotstand

Die Erfolge, Fortschritte und Zugeständnisse, welche durch die Massenmobilisierungen der Klimabewegung rund um Fridays for Future 2019 erkämpft wurden, sollte man nicht kleinreden. Auf eine große Welle der Sympathie folgten einige wesentliche Fortschritte in der Klimapolitik. Zum ersten Mal stand Klimaschutz für längere Zeit ganz oben auf der gesellschaftlichen und politischen Agenda. Weltweit mobilisierte und politisierte die Bewegung Millionen von vor allem jungen Menschen. Und die Welle der Fridays verschob politische Kräfteverhältnisse. Zahlreiche Staaten, Bundesländer und Kommunen riefen den Klimanotstand aus, die EU setzte im November 2019 diesen Schritt und präsentierte daraufhin im Dezember ihren »European Green Deal«. In Österreich brachte ebenfalls im Herbst 2019 der Schwung der Klimabewegung die Grünen in die Bundesregierung. Auch in der Schweiz feierten wenig später die Grünen und die Grünliberale Partei deutliche Stimmenzugewinne. In Deutschland stand in diesem Jahr zwar keine Wahl auf Bundesebene an, aber die bestehende Regierung Merkel beschloss im Eilverfahren ein – wenn auch unzureichendes und für Bewegung und Expert*innen enttäuschendes – Paket mit verschiedenen Klimaschutzmaßnahmen. Außerdem beschloss sie nach langem Ringen einen Kohleausstieg bis spätestens 2038, der »idealerweise« auf 2030 vorgezogen werden soll. Zu alldem kommen zahlreiche weitere Veränderungen auf politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Ebene.

Klimapolitische Rückschritte in ganz Europa

Ganz anders sah die Lage vier Jahre später aus: Nun konnte man durchaus vom Beginn eines Klimaschutz-Rollbacks sprechen. In Deutschland wurde 2023 über Monate eine unrühmliche Debatte rund um das Heizungsgesetz geführt, mit dem fossile Heizsysteme durch erneuerbare ersetzt werden sollen. Eine eigentlich langweilige technische Angelegenheit wurde von Medien und rechten Parteien zum Kulturkampf hochstilisiert. Unterdessen wurde mit einem neuen Entwurf das Klimaschutzgesetz als großer klimapolitischer Rahmen verwässert, indem Emissionsreduktionsziele für einzelne Sektoren de facto wegfielen. Ein ähnliches Gesetz mit einem Netto-Null-Emissionsziel bis 2050 wurde in der Schweiz erst 2023 in einer Volksabstimmung angenommen – allerdings in deutlich abgeschwächter Form im Vergleich zu einem vorangegangenen Entwurf. Damit standen Deutschland und die Schweiz aber immer noch weit besser da als Österreich, wo ein solches Klimaschutzgesetz seit dem Auslaufen des alten Gesetzes auch Ende 2023 immer noch fehlte. Im deutschsprachigen Raum kann die Situation der letzten Jahre also am ehesten als ein Weg der kleinen Schritte, mit viel Stillstand dazwischen, beschrieben werden. In anderen Ländern Europas ist dagegen ein richtiggehendes Zurückfahren von Klimapolitik im Gange.

So hat im Vereinigten Königreich Premierminister Rishi Sunak einige Klimainitiativen seines klimapolitisch auch nicht gerade hervorstechenden Vorgängers Boris Johnson zurückgedreht. Unter anderem wurde 2023 erstmals seit drei Jahrzehnten eine neue Kohlemine genehmigt, außerdem werden neue Bohrlizenzen für Öl und Gas in der Nordsee vergeben. Nicht besser sieht es im oft als Klimaschutz-Vorreiter bezeichneten Schweden aus, wo die neue Regierung des konservativen Ministerpräsidenten Ulf Kristersson sowohl die Klimaziele als auch verschiedene Maßnahmen und auch das Budget für Klima- und Umweltschutz gesenkt hat. In Italien, das 2023 unter extremen Hitzewellen und Waldbränden litt, ist mit Giorgia Meloni eine rechte Ministerpräsidentin an der Macht, die die Klimakrise bestenfalls ignoriert, während ihr Regierungspartner Matteo Salvini von der rechtsextremen Lega immer wieder klimawandelleugnerische Töne anschlägt. Wenig überraschend hat Italien große Pläne zur Ausweitung seiner fossilen Gasinfrastruktur.

Repression und Kriminalisierung

Während progressive Klimapolitik und die Energiewende quer durch Europa zurückgefahren werden, nimmt gleichzeitig die staatliche Repression und Kriminalisierung der Klimabewegung zu. Rund um die Welt und besonders in Ländern des Globalen Südens leben Umwelt- und Klimaschützer*innen schon lange viel gefährlicher als hierzulande. Laut einem Bericht von Global Witness wurden zwischen 2012 und 2022 weltweit insgesamt 1.910 Menschen umgebracht, weil sie ihre und unsere gemeinsamen Lebensgrundlagen schützen wollten. Der Großteil dieser Morde wurde in Lateinamerika verübt, meist von organisierten Verbrecherbanden im Zusammenhang mit wirtschaftlichen Interessen, wobei Kolumbien das Land mit den meisten getöteten Umweltschützer*innen ist.[6]

Auch wenn die Verhältnisse in Europa noch gänzlich andere sind, engen Regierungen auch hier den Spielraum für soziale Bewegungen und insbesondere Klimaaktivismus empfindlich ein. Die wohl extremsten Schritte hat hier das Vereinigte Königreich unternommen, wo es durch Extinction Rebellion, später Insulate Britain und schließlich Just Stop Oil besonders viele und große disruptive Aktionen der Klimabewegung gab. 2022 erweiterte die Regierung von Boris Johnson den Spielraum des Staates zur Einschränkung von zivilgesellschaftlichem Protest durch ein neues Polizei- und Strafverfolgungsgesetz erheblich. Unter anderem bekam die Polizei weitreichende Befugnisse, friedliche Proteste zu verbieten, außerdem wurden Strafen für Straßenblockaden erhöht und ein neuer Straftatbestand »Erregung öffentlichen Ärgernisses« eingeführt, bei dem bis zu zehn Jahre Haft drohen. Das Gesetz wurde wesentlich von einem Bericht des rechten Thinktanks Policy Exchange beeinflusst, der auch vom Ölkonzern ExxonMobil gesponsert wird. Policy Exchange, bei dem sich Johnsons Nachfolger Rishi Sunak später für die »Hilfe beim Verfassen des Gesetzes«[7] bedankte, gehört zum Atlas Network, einem Netzwerk von 500 neoliberalen Think Tanks und konservativen Gruppen in 100 Ländern weltweit.[8]

Daneben gab es auch in anderen Ländern staatliche Angriffe auf Aktivist*innen und Strafverschärfungen für Klimaprotest, etwa in Spanien, Italien und Frankreich. In Letzerem ging die Regierung besonders hart gegen die radikale Gruppe Les Soulèvements de la Terre vor und versuchte, sie zu verbieten, was schließlich jedoch gerichtlich wieder gekippt werden konnte. Die Bewegung, die auch Sabotageaktionen gegen klimaschädliche Industrien und Projekte verübt, hatte unter anderem im Frühjahr 2023 mit lokalen Kollektiven und einer bäuerlichen Gewerkschaft gegen den Bau von riesigen Becken zur Wasserspeicherung für landwirtschaftliche Großbetriebe protestiert. Bei den Protesten im westfranzösischen Sainte-Soline mit mehr als 30.000 Menschen kam es zu massiver Polizeigewalt. Die Protestierenden wurden mit Blend- und Tränengasgranaten beschossen, rund 200 wurden teilweise schwer verletzt. Die diskursive Basis für dieses Vorgehen legte die Politik, indem etwa Innenminister Gerald Darmanin die Bewegung als »Ökoterrorist*innen« bezeichnete.[9]

Obwohl die Aktionsformen im deutschsprachigen Raum noch ein ganzes Stück von der französischen Radikalität entfernt sind, ist der Diskurs hier ähnlich. Dies liegt vor allem an den politischen Reaktionen auf die Aktionen der Letzten Generation in Deutschland und Österreich bzw. ihres Pendants Renovate Switzerland in der Schweiz. Im Mai 2023 gab es eine deutschlandweite Razzia gegen die Letzte Generation. Außerdem wurden Daten und Konten beschlagnahmt, ihre Website abgeschaltet sowie das offiziellen Pressetelefon abgehört. Der Vorwurf: Die Letzte Generation sei eine kriminelle Vereinigung. Ende 2023 wurde der Schwesterorganisation in Österreich der gleiche Vorwurf gemacht, gegen 52 Mitglieder ermittelt. In der Schweiz kam es noch nicht zu einer dermaßen starken Repression. Zwar brachte die rechte Schweizerische Volkspartei im Parlament einen Antrag auf Strafverschärfung ein, dieser wurde aber vom Bundesrat abgelehnt. Auch Unternehmen gehen vermehrt auf rechtlichem Weg gegen die Klimabewegung vor. So forderte die Fluglinie Eurowings im Namen aller Lufthansa-Töchter einen Schadenersatz von 740.000 Euro von der Letzten Generation, weil diese Flughäfen blockiert hatte, wodurch Verzögerungen bei Flügen entstanden.[10]

Auch die öffentliche Meinung gegenüber der Klimabewegung hat sich in den letzten Jahren deutlich verschoben. So ergab eine Umfrage der Organisation More in Common im Mai 2023, dass sich die Unterstützung der Klimabewegung in der deutschen Bevölkerung innerhalb von zwei Jahren halbiert hatte. Während 2021 noch 68 % der Befragten der Aussage »Die Klima- und Umweltbewegung in Deutschland hat grundsätzlich meine Unterstützung« zustimmten, waren es 2023 nur noch 34 %.[11] Die Zustimmung zur Aussage »Die Klima- und Umweltbewegung in Deutschland hat das Wohl der gesamten Gesellschaft im Blick« sank von 60 auf 25 %. Insgesamt hat die Bewegung in allen sechs von More in Common identifizierten gesellschaftlichen Subgruppen an Unterstützung verloren. In Österreich ergab eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts OGM und der Austria Presse Agentur, dass die Österreicher*innen von allen abgefragten zivilgesellschaftlichen Organisationen mit Abstand am wenigsten Vertrauen zur Letzten Generation hatten – und auch am vorletzten Platz lag mit Fridays for Future eine Organisation der Klimabewegung. Als einzige der abgefragten Organisationen hatten beide einen negativen Saldo, ihnen misstrauten also mehr der Befragten als ihnen Vertrauen entgegengebracht wurde.

Der jüngste Verlust an Unterstützung für die Klimabewegung im deutschsprachigen Raum kann auch als Folge der Positionierung von Greta Thunberg zum Israel-Palästina-Konflikt ab Oktober 2023 gedeutet werden. Zwar wurden auch in anderen Ländern Solidaritätsbekundungen der Klimabewegung mit Palästina sowie Kritik an Israel kontrovers diskutiert, trotzdem nehmen Deutschland und Österreich eine internationale Sonderrolle ein, wenn es um die Deutlichkeit der Verurteilungen geht. Vielfach wurde die Klimabewegung des Antisemitismus bezichtigt, der Spiegel rief gar »das Ende der Klimabewegung, wie wir sie kennen«[12] aus. Politische Gegner*innen der Bewegung aus dem konservativen und rechten Spektrum nutzen die Situation, um die Bewegung zu delegitimieren, zahlreiche bürgerliche Sympathisant*innen hinterfragten öffentlich ihre Unterstützung. War dies der Kipppunkt der Klimabewegung, auf den ein weitgehender und schneller Bedeutungs- und Machtverlust folgt?

Die Klimabewegung als Ökosystem

Derzeit sieht es nicht danach aus, als könnte die Bewegung bald wieder zu ihrer Stärke vor der Pandemie zurückfinden. Doch mittelfristig ist vieles möglich, denn die Basis für ein erneutes Aufblühen ist da. Die Wurzeln des Bewegungsökosystems reichen tief und auch wenn sich Mobilisierungsschwierigkeiten und Machtverlust nicht leugnen lassen, ist die Bewegung heute wohl vielfältiger denn je. Die Klimabewegung musste – wie die gesamte Gesellschaft – in den letzten Jahren einige große Erschütterungen verarbeiten. Auch wenn in unserer zunehmend digitalisierten Welt häufig von Vereinzelung die Rede ist, so sind wir doch alle miteinander verbunden. Aus diesem Grund ist auch der Vergleich mit Ökosystemen so hilfreich, um komplexe Systeme zu verstehen – so auch die Klimabewegung.

Natürliche Ökosysteme bestehen aus einem Lebensraum und einer Lebensgemeinschaft, also den Pflanzen, Tieren und Pilzen, die diesen bewohnen. Jedes Ökosystem sieht anders aus und funktioniert anders, was von zahlreichen Faktoren bestimmt wird. Zentral sind die Grundlagen, die der Lebensraum bietet. So ist etwa der Boden entscheidend dafür, was auf ihm gedeihen kann: Eine dicke Humusschicht bietet andere Möglichkeiten für Mikroorganismen, Pflanzen- und Tierarten als ein karger und sandiger Wüstenboden – was nicht bedeutet, dass auf Letzterem nicht auch vielfältiges Leben gedeihen kann. Dazu kommen klimatische Faktoren: Temperaturen, Wind und Niederschläge. Egal wie sie aussehen, alle Ökosysteme haben drei zentrale Eigenschaften – und diese treffen ebenso auf Bewegungsökosysteme zu: sie sind offen, dynamisch und komplex.

Ökosysteme sind offen. Zwischen verschiedenen Ökosystemen herrscht ein stetiger Austausch. Das System der Klimabewegung ist Teil der sie umgebenden Gesellschaft. Die Klimabewegung in Deutschland, Österreich und der Schweiz hat ganz andere Rahmenbedingungen als soziale Bewegungen in anderen Regionen der Welt. Die demokratischen Systeme und ihre Verfasstheit, der Zustand von Bürger*innen- und Menschenrechten und kulturelle Grundlagen bieten an verschiedenen Orten vollkommen unterschiedliche Möglichkeiten, für sozialen Wandel zu kämpfen. Besonders intensiven Austausch gibt es oft zwischen verschiedenen sozialen Bewegungen. So ist die Klimabewegung im deutschsprachigen Raum stark beeinflusst von der klassischen Umweltbewegung, der Anti-Atomkraft-Bewegung und der globalisierungskritischen Bewegung, welche rund um das Jahr 2000 besonders aktiv war.

Zweitens sind Ökosysteme dynamisch. Sie verändern sich durch innere und äußere Faktoren stetig. So bleibt etwa das Verhältnis der unterschiedlichen Arten nicht stabil, sondern verschiebt sich im Laufe der Zeit, neue Arten kommen hinzu, manche verschwinden. Manchmal verändert sich der Lebensraum – schleichend oder abrupt durch äußere Störungen, was sich wiederum auf die Bewohner*innen auswirkt. Jede einzelne Art muss sich immer wieder an veränderte Umstände anpassen. Dies konnten wir in der Klimabewegung in den letzten Jahren immer wieder beobachten. Innere und äußere Einflüsse führten ab Ende 2018 zu einer Explosion der Lebendigkeit und Vielfalt in der Bewegung, seitdem führt das Aufkommen immer neuer Akteur*innen dazu, dass sich bereits etablierte neu orientieren, ihre Rollen und Strategien ändern und anpassen.

Drittens sind Ökosysteme komplex. Es bestehen unzählige komplexe Verbindungen zwischen verschiedenen Arten und ihrem Lebensraum. Die unterschiedlichen Bewohner*innen sind in einem ständigen Austausch und passen sich laufend aneinander und an veränderte Umweltbedingungen an. Je mehr solcher Wechselwirkungen es gibt, desto komplexer wird ein Ökosystem. Von außen betrachtet, werden oft nur wenige Akteur*innen der Klimabewegung wahrgenommen, die durch aufsehenerregende Aktionen oder große Mobilisierungen hervorstechen. Fernab des öffentlichen Fokus liegen die komplexen Netzwerke der Bewegung. Dort finden viele Arten der Zusammenarbeit statt, die diese Momente – etwa globale Klimastreiks oder medienwirksame Protestaktionen – erst möglich machen. Ebenfalls nur selten an die Oberfläche kommen die Prozesse des voneinander Lernens, die manchmal mehr, manchmal weniger konstruktive Kritik und die bewegungsinternen Konflikte, die Aushandlungsprozesse und der Aufbau gemeinsamer Strukturen.

Typen von Ökosystemen sind oft nach besonders prägenden Arten benannt, die in vielen Fällen vor allem optisch dominieren. Beispiele sind etwa der »boreale Nadelwald« oder das »Korallenriff«. Auch hier zeigen sich Parallelen zu sozialen Bewegungen und zur Klimabewegung. Einige Jahre lang war Fridays for Future für die Allgemeinheit gleichbedeutend mit der Klimabewegung. Andere Organisationen waren in den deutschsprachigen Ländern kaum bekannt, und wenn, dann nur die sichtbarsten unter ihnen wie Greenpeace oder Extinction Rebellion. Dabei werden natürlich unzählige Organisationen und Gruppierungen und auch die vielen aktiven Menschen, die sich keiner Gruppe zurechnen, weitestgehend ausgeblendet. Und doch sind sie unabdingbar für das Funktionieren des großen Ganzen.

In der Ökologie spricht man von Sukzession, wenn sich die Artenzusammensetzung an einem bestimmten Ort im Laufe der Zeit stark verändert. Auf Pionierphasen, die oft auf einen äußeren Schock folgen, welcher das vorangegangene Ökosystem stark ge- bzw. zerstört hat, folgen verschiedene Entwicklungsstadien, die in eine Reifephase münden, in der die maximale Biomasse und Artenvielfalt erreicht ist. Aus heutiger Sicht sieht es danach aus, als wäre das Jahr 2019 die letzte Reifephase der Klimabewegung gewesen.

Vielfach wurde konstatiert, dass die Pandemie die Dynamik von Fridays for Future zerstört habe. So schrieb etwa der Politikwissenschaftler Reinhard Steurer auf der Plattform Twitter, nunmehr X: »Das größte Pech der Klimabewegung: dass sie an ihrem Höhepunkt von der Pandemie ausgebremst wurde.«[13] Es stimmt natürlich, dass die Pandemie große Auswirkungen auf die Klimabewegung hatte – wie auf die gesamte Gesellschaft. Auf der anderen Seite war aber schon ab Herbst 2019 erkennbar, dass die Klimabewegung an Dynamik verliert. Denn im Laufe der Zeit konnten immer mehr Aktivist*innen das über viele Monate lang extrem hohe Tempo – Demo nach Demo, Streik um Streik – nicht mehr aufrechterhalten. Dazu kamen die realpolitischen Siege. Es mag kontraintuitiv klingen, doch solche Erfolge wirken oft eher demobilisierend als dass sie eine Bewegung zahlenmäßig vergrößern. Was unter anderen Umständen ein langsameres Abflauen gewesen wäre – wobei nicht auszuschließen ist, dass es weitere große Mobilisierungshöhepunkte hätte geben können –, kam durch die Pandemie zu einem abrupten Stillstand. Zwar experimentierten Fridays for Future und Co während der Lockdowns mit anderen Formaten wie Online-Klimastreiks, aber das Potenzial solcher Alternativen zum Straßenprotest und anderen Protestformen im physischen öffentlichen Raum ist begrenzt. In gewisser Weise stellte die Pandemie also einen gesellschaftlichen, einen sozialen Kipppunkt dar.

Soziale Kipppunkte

Ein Kipppunkt ist ein Moment, in dem plötzlich nichtlineare, unaufhaltsame und manchmal unumkehrbare Veränderungen eintreten und ein System in einen neuen Zustand übergeht. Während die Kipppunkte des globalen Klimasystems öffentlich schon etwas länger diskutiert werden, wird erst seit einigen Jahren vermehrt über soziale Kipppunkte gesprochen. Dabei stammt der Begriff Kipppunkt ursprünglich aus der Sozialwissenschaft – und bezog sich anfangs auf Phänomene mit rassistischem Hintergrund: In den USA beschrieben in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Forscher*innen damit den Punkt, an dem der Zuzug eines bestimmten Anteils von Schwarzen Bewohner*innen in ein Viertel die verbleibende weiße Bevölkerung dazu veranlasste, abrupt wegzuziehen.[14] Seitdem wurde der Begriff für verschiedenste Phänomene benutzt.

Mittlerweile sind soziale Kipppunkte sind wohl eins der sozialwissenschaftlichen Konzepte, die in der Klimabewegung am häufigsten rezipiert werden. Und im überwältigenden Teil der Fälle fällt der Bezug überaus positiv aus. Greta Thunberg etwa erwähnte sie schon früh in ihrer aktivistischen Laufbahn. Vor dem UN-Klimagipfel im September 2019 in New York, bei dem sie ihre berühmte »How dare you«-Rede hielt, sagte sie über die weltweiten Klimaproteste: »Ich hoffe, dass dies ein weiterer sozialer Kipppunkt sein wird.«[15] Luisa Neubauer wurde 2022 im Spiegel mit den Worten zitiert: »Politisch müssen wir auf soziale Kipppunkte hinarbeiten, in denen plötzlich Unwahrscheinliches möglich wird.«[16] Henning Jeschke, Mitbegründer der Letzten Generation in Deutschland, schrieb auf Twitter: »Alles steht auf Kollaps, sehr richtige Analyse. Aber Geschichte zeigt: Wunder passieren. Und soziale Kipppunkte sind schnell.«[17] Seine Kollegin Jana Mestmäcker wurde auf derselben Plattform ebenso eindeutig und schrieb, »dass es auch soziale Kipppunkte gibt, ist tatsächlich meine einzige Hoffnung.«[18] In einem Schulungsvideo spricht die Letzte Generation auch davon, mit ihren Protesten einen Punkt kommen zu wollen, »wo der Stein von selber rollt«,[19] ab dem sich Protest und sozialer Wandel also quasi verselbstständigen würden. Katharina Rogenhofer, Mitbegründerin von Fridays For Future Österreich, schrieb für das Onlinemagazin Moment einen eigenen Artikel über soziale Kipppunkte.[20] Darin bezeichnete sie unter anderem die Protestaktionen von Greta Thunberg und der afroamerikanischen Bürgerrechtskämpferin Rosa Parks als Kipppunkte.

Meist bleiben soziale Kipppunkte also unklar und diffus, wenn sich Vertreter*innen der Klimabewegung auf sie beziehen. Rogenhofer wird in ihrem Artikel allerdings konkreter und bezog sich auf die sogenannte »3,5-%-Regel« von Erica Chenoweth (zu dieser später mehr): »ALLE Bewegungen, die 3,5 % der Bevölkerung mobilisieren konnten, waren erfolgreich. Es muss also nicht die Hälfte der Menschen aufstehen, um Veränderung herbeizuführen. Es reicht, wenn 3,5 % der Menschen aktiv für ein Anliegen auf die Straße gehen.« Soziale Kipppunkte scheinen der Klimabewegung also viel Hoffnung zu geben.

Aber auf welche wissenschaftliche Basis beziehen sich Klimabewegte, wenn sie über soziale Kipppunkte reden? Die im deutschsprachigen Raum wohl bekannteste Forschungsarbeit zum Thema stammt von Ilona M. Otto, die in Graz am Wegener Center forscht, und Kolleg*innen, darunter Hans Joachim Schellnhuber. In ihrem Artikel »Social tipping dynamics for stabilizing Earth’s climate by 2050«[21] identifizieren die Forscher*innen sechs »social tipping interventions«, die »zu einem raschen Übergang des Weltsystems in einen Zustand von netto null anthropogenen Treibhausgasemissionen beitragen könnten.« Diese sechs »Interventionspunkte« sind: die Abschaffung von Subventionen für fossile Brennstoffe und Förderung dezentraler Energieerzeugung, der Umbau hin zu CO2-neutralen Städten, Divestment aus fossilen Geldanlagen, die moralische Offenlegung der Auswirkungen fossiler Brennstoffe, Klimabildung und -engagement sowie die Offenlegung von Informationen über Treibhausgasemissionen. Die Ergebnisse kamen durch die Befragung von Expert*innen zustande. Die Klimabewegung wird in diesem Artikel als möglicher Treiber eines Wertewandels bezeichnet: »In jüngster Zeit gibt es anekdotische Hinweise darauf, dass Proteste wie die #FridaysForFuture-Klimastreiks von Schülern auf der ganzen Welt, die Extinction Rebellion-Proteste im Vereinigten Königreich und Initiativen wie der Green New Deal in den Vereinigten Staaten Indikatoren für diesen Wandel der Normen und Werte sein könnten, der gerade stattfindet.« Über die Letzte Generation sagte Hauptautorin Otto in einem Interview: »Für mich sind das Helden.«[22] Ottos Artikel wird vielfach zitiert, es gibt aber auch Kritik. Maria Daskalakis, Leiterin der Gruppe Umweltpolitik am Institut für Volkswirtschaftslehre der Universität Kassel, gab zur Einordnung der Ergebnisse zu bedenken, dass es auf die Expert*innenbefragung wenige Rückläufer gab, diese vor allem aus Europa und von Männern kamen und die fachliche Spezifizierung der Personen unklar blieb. Tatsächlich stammten laut Anhang der Studie 71 % der Antworten von Männern, 56 % von Personen, die in Europa arbeiten. Außerdem sagte Daskalakis: »Die Idee, es gäbe einige wenige soziale Kippelemente beziehungsweise -interventionen, mit denen das Ruder herumgerissen werden könnte, scheint mir hier nicht zielführend.«[23] Bei kritischer Analyse der bisherigen Forschung zu sozialen Kipppunkten mit Bezug auf die Klimakrise zeigen sich also viele Leerstellen und Schwachpunkte. So fehlt, laut einer weiteren Studie, vielfach ein Bezug zu bestehenden Theorien über sozialen Wandel.[24]

Ein anderes viel zitiertes Forschungspapier will »experimentelle Belege für Kipppunkte in sozialen Konventionen« belegen. Es veranlasste unter anderem George Monbiot, Autor und Guardian-Kolumnist mit großem Fokus auf die Klimakrise, dazu, von 25 % der Bevölkerung als kritischer Masse zu schreiben, die bewegt werden müsse, um »soziale Konventionen plötzlich umzukippen«[25]. Dieser Schluss ist allerdings weit hergeholt: Beim im Artikel beschriebenen Experiment[26] ging es darum, dass Gruppen von 20 bis 30 zufällig ausgewählten Proband*innen online zu einem Konsens über Namen zu ihnen vorher unbekannten Gesichtern finden, die ihnen auf Fotos gezeigt worden waren. Im Fall einer Übereinstimmung mit den anderen Teilnehmenden winkte jeder Person eine kleine Belohnung. Nachdem sich in den Gruppen eine Norm zur Benennung der Gesichter etabliert hatte, wurden Personen eingeführt, deren Ziel es war, diese Norm zu verändern. Dabei zeigte sich, dass ein Anteil von etwa 25 % dieser Stimmen reichte, um die Konvention zu »kippen«.

Es sollte sich von selbst verstehen, dass ein solches Experiment wenig mit den gesellschaftlichen Prozessen gemein hat, die stattfinden müssen, um die globalen Gesellschafts- und Wirtschaftssysteme so umfassend umzubauen, dass sie nicht nur ohne fossile Rohstoffe betrieben werden können, sondern auch stabil und gerecht funktionieren. Trotzdem werden solche Beispiele als Evidenz für die Möglichkeit eines Systemwandels präsentiert. Warum ist das so? Folgt man dem Klimaaktivisten und Politikwissenschaftler Tadzio Müller, könnte es mit Verdrängung zusammenhängen. Auf seinem Blog schreibt er: »Jede Klimastrategie beinhaltet mindesten ein bisschen magisches Denken, und es gibt in jeder auch nur ansatzweise optimistischen Klimaerzählung – von ganz marktgläubig bis ganz bewegungsgläubig – mindestens eine dea ex machina, die es schafft, die qua immanenter, realistischer Analyse unüberbrückbare Distanz zwischen dem klimatologisch Notwendigen, und dem soziopolitisch Machbaren zu überbrücken: eben den Markt oder die Bewegung, irgendeine Technologie oder irgendein ›Tüftler‹, oder halt ein ›sozialer Kipppunkt‹, hinter dem (Abrakadabra, simsalabim!) alles wieder besser wird.«[27]

Dazu kommt, dass soziale Kipppunkte in der öffentlichen und in der Bewegungsdebatte fast ausschließlich als Wendepunkte in einem positiven Sinne besprochen werden. Angesichts der aktuellen Entwicklungen sind aber negative soziale Kipppunkte in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen mindestens ebenso wahrscheinlich, wenn nicht wahrscheinlicher. Man denke nur an den politischen Rechtsruck und die dadurch drohenden Regierungen unter der Führung rechtsradikaler Parteien in immer mehr Ländern in Europa und rund um die Welt. Die theoretische Lücke der negativen Kipppunkte schließen in einem weiteren Forschungspapier Viktoria Spaiser und Kolleg*innen. Negative soziale Kippelemente im Kontext der Klimakrise könnten demnach das Zusammenbrechen von sozialem Zusammenhalt und die Erosion von Normen, Radikalisierung und Polarisierung, Vertreibung, Konflikt und finanzielle Destabilisierung sein.[28]

Sollten wir also angesichts all dessen aufhören von sozialen Kipppunkten zu reden? Nein, denn die Möglichkeit, solche Wendepunkte zu erreichen, kann und soll uns Hoffnung geben. Und die Hoffnung darauf, dass eine andere Welt möglich ist, war schon immer Voraussetzung für Veränderungen, die vorher nicht für möglich gehalten wurden. Trotzdem darf für uns das Bild von sozialen Kipppunkten keine Illusion sein, die uns einen magischen Schalter vorgaukelt, den wir nur umlegen müssen, um gesellschaftlichen Wandel zu erreichen. Noch darf es uns in Fatalismus stürzen, wenn wir nicht binnen kurzer Zeit die gewünschten Veränderungen anstoßen können. Es wäre auch falsch zu denken, dass positive Entwicklungen sich ab irgendeinem Punkt verselbstständigen und wir selbst nichts mehr dazu tun müssten. Dass es keine Strategie für ein »Danach« bräuchte und wir nur mit dem aufkommenden Flow gehen müssten. Soziale Kämpfe verlaufen weder linear noch beschleunigen sie sich über längere Zeit exponentiell. Sie durchlaufen verschiedene Phasen, sind oft unberechenbar und bewegen sich vor und zurück.

Es wird auch nicht alles verloren sein, sollte bald unser globales CO2-Budget für 1,5 Grad ausgeschöpft sein. Denn beim Kampf um Klimagerechtigkeit geht es nicht nur darum, eine bestimmte CO2-Konzentration nicht zu überschreiten und im 0,5-Grad-Rhythmus unter der jeweils nächsten Grenze an Erderhitzung zu bleiben. Klimaschutz ist beim Kampf um unsere Lebensgrundlagen extrem wichtig, aber er ist nicht alles, was zählt. Es geht auch um eine Anpassung an die Folgen der Klimazerstörung. Denn es wurde bereit viel Schaden angerichtet, schon jetzt leiden Menschen und andere Lebewesen. Bei Klimagerechtigkeit geht es um umfassende soziale Gerechtigkeit und gesellschaftliche Resilienz. Anders gesagt: Eine um 1,5 Grad aufgeheizte Erde, auf der die meisten Menschen in Unterdrückung und Unfreiheit leben, wäre wohl eine schlechtere als eine zwei Grad heißere Welt, die von Gerechtigkeit und Solidarität durchdrungen ist. Das bedeutet nicht, dass der Kampf um jedes Zehntelgrad nun unwichtig wäre. Beides hängt zusammen und eine gerechtere Welt wird sehr wahrscheinlich eine ökologisch gesündere sein. Doch es lohnt sich, für mehr zu kämpfen als niedrigere Emissionen – und dieser Kampf um eine bessere Welt wird nie umsonst sein.

Die vier Jahreszeiten sozialer Bewegungen

Angesichts klimapolitischer Rückschritte und der Unabwägbarkeit von sozialen Kipppunkten ist die Gefahr groß, in Verzweiflung und Ohnmacht zu verfallen. Deswegen lohnt es sich einen Schritt zurückzutreten, um zu erkennen, dass keine soziale Bewegung ununterbrochen wachsen und immer dynamischer werden kann. So wie die Schneeglöckchen den Frühling ankündigen und wir Menschen aufatmen, weil die kalte Jahreszeit doch nicht ewig andauert und ein neues Jahr beginnt, durchlaufen auch soziale Bewegungen Zyklen mit verschiedenen Phasen. Diese unterscheiden sich etwa durch die Anzahl der mobilisierten Menschen, die öffentliche Aufmerksamkeit, die dominierenden Protestformen, die Art und Radikalität der Forderungen und vieles andere. Diese unterschiedlichen Phasen kann man auch wie »Jahreszeiten«[29] sozialer Bewegungen verstehen,[30] wobei jede Jahreszeit mehrere reale Jahre dauern kann.

Der Frühling kann als Beginn eines neuen Zyklus verstanden werden. In dieser Phase wird viel experimentiert, neue Gruppierungen und Organisationen kommen auf, wachsen und fangen an, sich zu etablieren und ihre Nische in der Bewegungsökologie zu finden. Am Anfang des Frühlings ist die Bewegung noch auf der Suche nach einem konkreten Fokus, je weiter er fortschreitet, desto mehr kristallisieren sich dominante Strategien, Taktiken und verschiedene Rollen, Forderungen etc. heraus.

Der Sommer sozialer Bewegungen ist die Phase mit der höchsten nach außen gerichteten Aktivität – die Bewegung ist am sichtbarsten. Er beginnt oft plötzlich, etwa durch ein Trigger-Ereignis, woraufhin viele Menschen für die Sache mobilisiert werden können. Im Idealfall steigt dadurch der Druck auf die Ziele bzw. Gegner*innen der Bewegung enorm an. In dieser Phase kann große Macht entfaltet und die Basis für Veränderung gelegt werden – es besteht aber auch die Gefahr, sich in zu vielen verschiedenen Kämpfen zu verlieren. Zudem gibt es das Risiko, das hohe Tempo und Aktivitätsniveau zu lange beizubehalten, was zu Erschöpfung und Burnout bei Aktiven führen kann, wenn der Sommermodus zu lange fortgeführt wird.

Im Herbst sinkt die nach außen gerichtete Energie der Bewegung langsam ab und sie wird weniger sichtbar. Das Mobilisierungspotenzial wird geringer, Proteste und Aktionen kleiner. Das kann sowohl bei Aktivist*innen als auch bei Außenstehenden zum Eindruck führen, dass die Bewegung gescheitert sei. Allerdings ist der Herbst auch eine Zeit der Ernte. War die Arbeit im Frühling und Sommer erfolgreich, so schlagen sich diese nun in konkreten Erfolgen nieder. Um diese wirklich einfahren zu können, rücken andere Rollen und Aufgaben ins Zentrum und die richtigen Werkzeuge müssen eingesetzt werden. Außerdem gilt es, sich auf den Winter vorzubereiten.

Der Winter ist die Zeit, in der eine Bewegung am meisten mit sich selbst beschäftigt ist. Reflexion, Evaluation und Regeneration stehen im Zentrum. Der endende Bewegungszyklus wird analysiert und langsam beginnt die Vorbereitung auf einen neuen. Dafür braucht es eingehende Überlegungen darüber, welche Samen für den nächsten Zyklus ausgebracht werden sollen, erste werden vielleicht schon gesät. Langsam beginnt sich der Beginn eines neuen Zyklus abzuzeichnen.[31]

Es ist wichtig zu verstehen, dass sich eine Bewegung als Ganzes in einer bestimmten Phase oder Jahreszeit befinden kann, während gleichzeitig einzelne Organisationen oder auch Individuen andere Phasen durchlaufen. Dies muss kein Problem sein, bzw. kann sogar förderlich sein, wenn zum Beispiel ein Trainingskollektiv im Winter und Frühling einer Bewegung besonders aktiv ist oder wenn eher theoretische Vordenker*innen im Winter alle Kraft in die Analyse des letzten Bewegungszyklus stecken. Zum Problem wird es aber, wenn ein kleinerer Teil einer Bewegung krampfhaft im Winter einen neuen Sommer ausrufen will, während der Rest der Bewegung noch mit Analyse und Regeneration beschäftigt ist. Umgekehrt sollte im Frühling und Sommer der Großteil der Bewegung so wenige Ressourcen wie nötig für die Beschäftigung mit sich selbst aufwenden und sich dafür an nach außen wirksamen Handlungen beteiligen.

Theorie: Sozialer Wandel, Macht und soziale Bewegungen

Das Zusammenspiel all der verschiedenen Arten in einem Ökosystem ist komplex und für die meisten von uns kaum in seinem vollen Umfang zu erfassen. Ein gesundes Ökosystem ist resilient gegen äußere Einflüsse, gleichzeitig kann schon der Verlust einzelner wichtiger Spezies zu dramatischen Veränderungen führen – ebenso wie das Auftreten neuer invasiver Arten. Das Wissen über solche grundlegenden theoretischen Perspektiven hilft uns auch bei der Einschätzung, wo eine soziale Bewegung steht, ob sie resilient ist und wie es um das Potenzial für ein neues Aufblühen steht.

Im Zentrum dieses Buches stehen konkrete Strategien und Praxis der Klimabewegung. Vorerst wollen wir aber betrachten: Wie verläuft sozialer Wandel überhaupt, welche Rolle spielen dabei gesellschaftliche Machtverhältnisse und soziale Bewegungen – und wie funktionieren diese? Klar ist: Soziale Bewegungen sind einer der wichtigsten Treiber von Veränderung auf unserer Welt. Und doch lernen wir in der Schule und lesen wir in Geschichtsbüchern meist mehr über einzelne mächtige Herrscher*innen und Politiker*innen als über die Millionen von Menschen, die viele der Rechte erkämpft haben, die wir heute genießen.

Sozialer Wandel

Die Klimabewegung ist nur eine von vielen sozialen Bewegungen, die gesellschaftliche Veränderungen vorantreiben wollen. Doch natürlich sind Bewegungen nicht die einzigen Treiber von sozialem Wandel. Dieser kann durch innere und äußere Einflüsse bedingt sein, etwa durch neue Technologien, Erfindungen und Entdeckungen, Bevölkerungswachstum und demographische Veränderungen oder durch veränderte Umweltbedingungen, sowie durch Konflikte und Kriege, Proteste und Veränderungen in der Struktur von Eliten, der Besetzung von Machtpositionen und andere Faktoren.[32] Wandel kann langsam und kontinuierlich verlaufen, oder schnell und abrupt, er kann in unterschiedlichen Regionen, auch im selben Land, in unterschiedlichem Tempo und mit verschiedenen Ausprägungen passieren (zum Beispiel durch Stadt-Land-Unterschiede). Treffen langfristige Entwicklungen (zum Beispiel soziale Bewegungen) mit einem plötzlichen Ereignis (zum Beispiel einer Umweltkatastrophe) zusammen, kann sich ein vorher langsamer Wandel plötzlich beschleunigen. In so einem Fall können wir beim plötzlichen Ereignis von einem »Trigger-Ereignis«, sprechen. Löst ein solches den Übergang in einen neuen gesellschaftlichen Zustand aus, dann liegt ein Kipppunkt vor. Ein Beispiel für ein Trigger-Ereignis beim Kampf um den Ausstieg aus der Atomkraft waren etwa die AKW-Unfälle in Tschernobyl und Fukushima. Letzterer war wohl der entscheidende Faktor für den – noch nicht abgeschlossenen – deutschen Atomausstieg, wäre aber ohne vorangegangene Entwicklungen durch die Anti-Atom-Bewegung und andere Faktoren nicht denkbar.[33]

Macht

Sozialer Wandel wird immer beeinflusst von gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Zentral dabei ist der Faktor der gesellschaftlichen Macht. Das gilt auch für die Klimakrise. Ein internationales Team von Forscher*innen versuchte 2021 in einer interdisziplinären Studie die Frage zu beantworten, warum die globalen Emissionen auch 30 Jahre nach dem ersten Sachstandsbericht des IPCC und trotz vieler gesellschaftlicher und politischer Anstrengungen immer noch ansteigen. Ihre Antwort: Zentral dafür sind verschiedene Formen von gesellschaftlicher Macht, etwa einflussreiche Interessengruppen, hegemoniale technologische und ökonomische Denkweisen oder geopolitische Interessen.[34] Doch worüber reden wir eigentlich, wenn wir über Macht sprechen? Theoretiker*innen unterschiedlichster Denkschulen sind sich einig: Macht existiert immer nur in sozialen Beziehungen, kein Mensch kann also für sich allein gesehen Macht haben.[35] Für die indische Aktivistin und Autorin Srilatha Batliwala ist Macht »die Möglichkeit von Personen oder Gruppen zu entscheiden oder zu beeinflussen, wer was bekommt, wer was tut, wer was entscheidet und wer die Agenda bestimmt.«[36] Unter Aktivist*innen weit verbreitet ist das Konzept der Säulen der Macht[37], das dabei hilft zu verstehen, wo sich in der Gesellschaft Macht konzentriert – und wie diese Macht angegriffen werden kann. Betrachtet werden dabei gesellschaftliche Institutionen und Gruppen, etwa die Polizei und das Militär, Medien, religiöse Institutionen oder Wirtschaftsakteur*innen. Diese Sichtweise ist hilfreich, um konkrete Analysen anzustellen, etwa für die Planung von Kampagnen, sollte aber unbedingt vervollständigt werden durch einen Blick auf die ideologische Basis der Gesellschaft. Dabei hilft das Konzept der Hegemonie des italienischen Marxisten Antonio Gramsci. Demnach äußert sich Herrschaft nicht nur durch bloßen Zwang der Untergeordneten, sondern auch durch gesellschaftlichen Konsens. Basis dafür ist ein allgemeiner Alltagsverstand, ein breit geteiltes Verständnis davon, wie Gesellschaft funktioniert und wie sie sich entwickeln soll.[38]

Um Veränderung nachhaltig voranzutreiben, kann man Macht auf drei Ebenen entfalten: Auf einer materiellen Ebene (wirtschaftliche und finanzielle Macht, physische Infrastrukturen etc.), auf einer institutionellen oder sozialen Ebene (Gesetze, Abkommen, Normen etc.) sowie auf einer kulturellen bzw. psychologischen Ebene (Narrative, Werte, kulturelle Praktiken, Denkmuster etc.). Diese unterschiedlichen Ebenen bedingen sich gegenseitig, aber ein zu großer Fokus oder ein Ignorieren von einer oder zwei von ihnen bedeutet, dass eine Bewegung nicht ihr volles Potenzial entfalten kann. Zudem lohnt ein genauer Blick darauf, in welchen gesellschaftlichen Institutionen, oder von welchen Akteur*innen bestimmte Machtstrukturen aufrechterhalten werden.

Soziale Bewegungen

Die Klimabewegung ist eine der bedeutendsten sozialen Bewegungen unserer Zeit. Viele andere Bewegungen haben unsere Welt in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten geprägt und verändert. Doch wodurch definieren sich soziale Bewegungen überhaupt?

Eine soziale Bewegung ist ein dauerhaftes, teilweise oder weitgehend informelles soziales System mit einer geteilten gemeinsamen Identität, das durch kollektives Handeln umfassende soziale Veränderungen vorantreiben, stoppen oder zurücknehmen will.[39] Sie ist damit abzugrenzen von Protestbewegungen, die begrenztere Ziele verfolgen, aber auch von politischen Parteien, Interessenvertretungen, religiösen Organisationen oder anderen Formen kollektiver sozialer Systeme und Akteur*innen. Nach gebräuchlichen Definitionen der Bewegungsforschung ist die Klimabewegung also eine soziale Bewegung, vor allem, wenn man den von ihr angestrebten gesellschaftlichen Wandel als einen umfassenden definiert. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird oft auch bei einzelnen Gruppierungen innerhalb der Klimabewegung von »einer Bewegung« gesprochen, etwa, wenn Fridays for Future als Bewegung bezeichnet wird. Besser ist es, Subgruppen der Klimabewegung auch als solche zu bezeichnen, also als Flügel der jeweiligen Gesamtbewegung, als Netzwerk, Organisation etc. So werden die Begriffe auch in diesem Band angewandt – Ausnahmen bilden manche Beiträge der Organisationen selbst.

Ziele & Erfolge

Sozialer Wandel ist, wie schon beschrieben, das Ergebnis zahlreicher Faktoren. Wie erfolgreich eine soziale Bewegung ist, ist dementsprechend schwer zu bestimmen und meist erst lange Zeit im Nachhinein überhaupt halbwegs seriös einzuschätzen.[40] Deswegen stecken sich Bewegungsorganisationen in der Regel kurzfristige und mehr oder weniger messbare Ziele, etwa »mindestens 10.000 Menschen zu einer Demo mobilisieren« oder »5.000 Petitionsunterschriften sammeln«. Auf der anderen Seite stehen in der Regel extrem langfristige Überziele wie »Nullemissionen« oder »Klimagerechtigkeit«. Reale Erfolge von Bewegungen messen sich nicht an kurzfristigen Zielen allein, gleichzeitig ist es sehr selten, dass die größten langfristigen Ziele erreicht werden. Meistens bewegen sich die Erfolge von sozialen Bewegungen irgendwo dazwischen. Sie lassen sich grob in vier Kategorien einteilen: 1. Aufbau und Stärkung der Bewegung selbst, 2. das Beeinflussen von öffentlichen Meinungen und politischen Positionen, 3. das Einwirken auf politische und wirtschaftliche Entscheidungen sowie 4. das Schaffen von Alternativen zu bestehenden dominanten Strukturen.

Strategien und Taktiken sozialer Bewegungen

Soziale Bewegungen setzen unterschiedliche Strategien und Taktiken ein, um ihre Ziele zu verfolgen. Die Begriffe Strategie und Taktik werden im allgemeinen Gebrauch oft synonym verwendet, doch es ist wichtig, zwischen ihnen zu unterscheiden. Beide Worte kommen aus der Militärsprache. Während Strategie vom altgriechischen »strategia« kommt und so viel wie »Feldherrentum« bedeutet, leitet sich Taktik vom ebenfalls altgriechischen »taktike« ab, was sich mit »Kunst, ein Heer in Schlachtordnung zu stellen« übersetzen lässt. Der preußische Offizier und Militärtheoretiker Carl von Clausewitz fasste den Unterschied wie folgt zusammen: »Taktik ist die Lehre vom Gebrauch der Streitkräfte im Gefechte, Strategie die Lehre vom Gebrauch der einzelnen Gefechte zum Zweck des Krieges.«[41]

Anders ausgedrückt bezieht sich das Wort Taktik auf zeitlich und/oder räumlich klar abgegrenzte punktuelle Handlungen, während Strategie den umfassenden Plan zum Erreichen der übergeordneten Ziele beschreibt. In den folgenden Kapiteln werden die Worte allerdings in Verbindung mit der Beschreibung von bestimmten Ausformungen von Strategien oder Taktiken verwendet. Die Bedeutung ist hier dann typologisch. Beispiele für solche Typen von Strategien sind etwa ziviler Ungehorsam, Organizing oder Aufklärung der Öffentlichkeit, dazugehörige Taktiken wären Straßenblockaden, Haustürgespräche oder Pressearbeit. Trotzdem ist eine Strategie mehr als ein Plan dafür, sein Ziel mit einer bestimmten Art von Aktivitäten zu erreichen. Eine konkrete Strategie beinhaltet Akteur*innen, Ziele, angedachte Mittel, Analysen von Kontext sowie Gegenseite und sie sollte auch einen konkreten Aktionsplan mit verschiedenen Schritten umfassen.[42] Außerdem können zahlreiche weitere Elemente dazukommen, etwa im Bereich der Kommunikation eine Analyse möglicher Zielgruppen und ein Plan, um diese zu erreichen.

Jede Strategie basiert auf einer Vielzahl von Vorannahmen und sie ist auch das Ergebnis von in der jeweiligen Organisation vorherrschenden Gesellschaftsanalysen und ihres Weltbildes. Ziele und Forderungen orientieren sich an den Visionen und Werten der Bewegung. Oder anders gesagt: Ausgangspunkt für jede Strategie ist die eigene Ideologie.[43] Soziale Bewegungen bzw. einzelne ihrer Akteur*innen sollten außerdem eine Gesamtstrategie (»grand strategy«) haben, welche die groben strategischen Leitlinien vorgibt und besonders in fortgeschrittenen Phasen der Bewegung wichtig ist, um auf Kurs zu bleiben und Erfolge nachhaltig abzusichern.[44] Allerdings fehlen solche Gesamtstrategien in vielen Organisationen.

Theorien des Wandels

Eine Theorie des Wandels (»theory of change«)[45] kann als grobes Fundament für Strategien und in weiterer Folge für Taktiken verstanden werden. Sie beantwortet im Großen, was aus Sicht der jeweiligen Akteur*in getan werden muss, damit es zu bestimmten gewünschten Veränderungen in der Gesellschaft kommt und in der Regel auch, was die eigene Rolle in diesem Prozess ist. Soziale Bewegungen und einzelne Bewegungsorganisationen haben immer implizite Theorien des Wandels, nicht selten fehlen explizite.

Mit einer kritischen Sicht auf die Klimabewegung lassen sich viele ihrer Theorien des Wandels gut mit einer online weit verbreiteten Karikatur von Sydney Harris beschreiben: Zwei Personen im Anzug – offensichtlich Mathematiker*innen oder Forschende – stehen vor einer großen Tafel, auf der komplizierte mathematische Formeln stehen. Eine der Personen zeigt auf die Mitte der Tafel, wo zwischen den Formeln links und rechts »und dann geschieht ein Wunder« zu lesen ist. Die eine Person sagt zur anderen: »Ich denke, du solltest hier in Schritt zwei etwas expliziter werden.« Damit will ich sagen, dass weite Teile der Klimabewegung eine kurzfristige Strategie zur Erreichung ganz konkreter naheliegender Ziele haben, nicht wenige verfügen auch über eine zumindest vage Vorstellung ihrer langfristigen Ziele (z.B. »ein 100 % erneuerbares Energiesystem in Bürger*innenhand«) oder sogar Utopien (»Ökosozialismus«), die allerwenigsten haben aber Klarheit über die gesellschaftlichen Entwicklungen, die zwischen diesen beiden Punkten stattfinden müssten.

Welche Theorien des Wandels gibt es?

Aktivist*innen und Wissenschaftler*innen haben verschiedenste theoretische Rahmen entworfen, die dabei helfen, Theorien des Wandels und Strategien zu ordnen und zu kategorisieren. Der Rahmen, der im weiteren Verlauf des Buchs verwendet wird, baut vor allem auf den Theorien des US-amerikanischen Ayni Institute sowie des Soziologen Erik Olin Wright auf.

Das Ayni Institute unterscheidet fünf »foundational theories of change«[46], im Original[47] lauten diese: »personal transformation«, »alternatives«, »inside game«, »community organizing« und »mass protest«, wobei es bei den letzten drei darum geht, dominante Institutionen zu verändern. Beispiele für »personal transformation« sind demnach Bildung und Empowerment von Menschen, für »alternatives« sind es etwa zivilgesellschaftlich organisierte Genossenschaften oder Projekte, beim »inside game« die Arbeit an Gesetzen, strategische Prozessführung oder Änderungen an Unternehmensrichtlinien, beim »community organizing« die Organisierung und der Aufbau von politischen Kapazitäten in Gemeinschaften, die örtlich oder durch ein geteiltes Anliegen verbunden sind, und im Fall von »mass protest« direkte Aktionen oder Straßenproteste.

Erik Olin Wright macht aus einer antikapitalistischen, sozialistischen Perspektive ebenfalls fünf »strategische Logiken« aus: Bruch, Demontage, Zähmung, Widerstand und Flucht.[48]

Der Bruch mit bzw. die Zerschlagung des Kapitalismus steht hier, wie der Name vermuten lässt, für eine klassisch revolutionäre Strategie. Eine Demontage des Kapitalismus versteht Wright als Strategie »von oben«, also auf institutionalisierter politischer Ebene, die diesen schrittweise umbaut. Bei der Zähmung des Kapitalismus geht es darum, seine Probleme durch Reformen abzuschwächen bzw. so weit wie möglich zu neutralisieren. Widerstand gegen den Kapitalismus bedeutet, politische Entscheidungsträger*innen, Eliten und Unternehmen durch Protest unter Druck zu setzen und so zu beeinflussen. Und Flucht schließlich bezieht sich darauf, sich vom Kapitalismus so weit wie möglich zu entkoppeln und in Nischen Alternativen und Freiräume zu etablieren und zu leben.

Wright schlägt eine Kombination der letzten vier strategischen Logiken vor: Gemeinsam sollen Demontage, Zähmung, Widerstand und Flucht zu einer »Erosion« des Kapitalismus führen. Dagegen schließt er eine Strategie des Bruchs unter den gegebenen Umständen weitgehend aus.[49]

Für die Klimabewegung im derzeitigen Kontext scheint mir angelehnt an das Ayni Institute und Wright sowie auf Basis der Bewegungspraxen eine Kategorisierung von sechs Typen von Strategien sinnvoll: 1. kultureller Wandel, 2. Alternativen aufbauen, 3. Reform von innen, 4. Überzeugung von außen, 5. Widerstand und 6. Basisorganisierung. Die folgende Zusammenfassung gibt einen kurzen Überblick, der auch als Grundlage für spätere Kapitel dient:

Kultureller Wandel ist eine strategische Logik, die auf der kleinstmöglichen Ebene ansetzt: beim Individuum. Das bedeutet nicht, dass dabei der einzelne Mensch isoliert von der restlichen Gesellschaft betrachtet wird. Auch diese Strategie nimmt gesellschaftliche Strukturen in den Blick und im besten Fall besteht großes Bewusstsein darüber, dass diese individuellen Verhaltensweisen und Möglichkeiten massiv beeinflussen. Beispiele für Strömungen, die stark auf diese Strategie setzen, sind Teile der Bewegung für Tierrechte und Veganismus, oder auch Philosophien, die Ökologie mit spirituellen und religiösen Überlegungen verbinden, etwa Öko-Dharma und Tiefenökologie.

Das Aufbauen von Alternativen fokussiert sich auf individuelle und kollektive Handlungsmöglichkeiten außerhalb des bestehenden dominanten Systems, indem alternative Strukturen und Institutionen aufgebaut, gefördert und gestärkt werden. Beispiele dafür sind etwa Energiegenossenschaften, Ökodörfer oder Lebensmittelkooperativen.

Die Strategie der Reform von innen will Aspekte und Auswirkungen des klimaschädlichen Systems mit dessen eigenen institutionalisierten Mitteln abschwächen oder verändern. Beispiele dafür sind politische Parteien mit sozial-ökologischen Programmen, strategische Klimaklagen oder Gesetzesinitiativen über institutionalisierte Wege wie Volksbegehren.

Überzeugung von außen setzt vor allem auf das Mittel der Massenmobilisierung sowie das Bilden von Allianzen und Interessenpolitik und wirkt mit vorwiegend nicht institutionalisierten Mitteln auf das System ein. Die eingesetzten Protestformen sind in der Regel legal. Politisch und wirtschaftlich Verantwortliche werden kritisiert, es werden Appelle an sie gerichtet und der Dialog gesucht. Beispiele dafür sind Medienkampagnen, Petitionen und angemeldete Demonstrationen.

Die Strategie des Widerstands will die Mächtigen von außen durch Konfrontation unter Druck setzen. Sie setzt weniger bzw. vielfach gar nicht auf Appelle an Verantwortungsträger*innen in Politik und Wirtschaft, sondern will moralischen, politischen oder wirtschaftlichen Druck auf sie ausüben. Vielfach werden auch Protestformen angewandt, die (bewusst) Regeln, Gesetze und Normen brechen. Beispiele dafür sind sämtliche Formen des zivilen Ungehorsams wie Sitzblockaden, Besetzungen oder Streiks. Widerstand kann gewaltfrei oder unter Einsatz verschiedener Formen von Gewalt geleistet werden.[50] Ein Beispiel für Widerstand, bei dem physische Gewalt gegen Gegenstände eingesetzt wird, ist die Sabotage fossiler Infrastruktur.

Basisorganisierung