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Warum feiern Menschen Gottesdienst? Dieser doppeldeutigen Frage geht dieses Buch nach. Denn sie kann sowohl normativ als auch empirisch beantwortet werden. Was ist der Auftrag der Kirche, der sich in der Feier des Gottesdienstes realisiert? Oder: Was suchen Menschen im Gottesdienst? Der Schwerpunkt der Beiträge liegt auf der empirischen Seite. Um die Ergebnisse einer Hildesheimer Studie zum Kundenverhalten im Gottesdienst gruppieren sich Reflexionen über das Verhältnis von Auftrags- und Bedürfnisorientierung im Gottesdienst, die Auswirkungen betriebswirtschaftlicher Begriffe auf die gottesdienstliche Feier, sowie der Gastbeitrag eines renommierten Kulturwissenschaftlers. Mit Beiträgen von Folkert Fendler, Hilmar Gattwinkel, Armin Klein, Dorothea Haspelmath-Finatti, Hansjochen Steinbrecher, Claudia Schulz, Jürgen Kampmann und Cla Reto Famos.
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Seitenzahl: 159
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Herausgegeben vom Kirchenamt der EKD
Band20
Kirchgang erkunden
Zur Logik des Gottesdienstbesuchs
Im Auftrag des Zentrums für Qualitätsentwicklung im Gottesdienst
herausgegeben von Folkert Fendler
Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
© 2016 by Evangelische Verlagsanstalt GmbH · Leipzig
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Gesamtgestaltung: Kai-Michael Gustmann, Leipzig
Coverbild: Kai-Michael Gustmann unter Verwendung von Fotografien von
© ARTENS – Fotolia.com und © etfoto – Fotolia.com
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017
ISBN 978-3-374-04670-6
www.eva-leipzig.de
Cover
Titel
Impressum
Vorwort
Folkert FendlerKirchgang gestern und heute
Von Zahlen und vom Zählen
Armin Klein„Damit Sie gern wiederkommen!“
Besucherbindung im Kulturbetrieb
Cla Reto FamosKirchen in der Konkurrenzgesellschaft
Gottesdienst zwischen Auftrag und Bedürfnis
Hansjochen Steinbrecher/Folkert FendlerKirche in Spannungsfeldern
Versuch einer Verortung
Dorothea Haspelmath-FinattiGottesdienst als Herzschlag
Von der Fruchtbarkeit liturgischer Spannungen
Folkert FendlerWas am Gottesdienst wichtig ist
Eine Sichtung empirischer Befragungsperspektiven
Folkert FendlerGottes-Dienst-Leistung
Sind Gottesdienstbesucher Kunden?
Hilmar GattwinkelGottesdienst ist kein Kundendienst
Ein Alternativvorschlag
Claudia SchulzKundschaft im Gottesdienst
Einsichten zu Relevanzsetzung und Wahlverhalten der Gottesdienstbesuchenden aus dem Feld empirischer Studien
AnhangFragebogen zur Kundenstudie
Autorinnen und Autoren
Fußnoten
Im Sommer 2013 hat das Zentrum für Qualitätsentwicklung im Gottesdienst eine Onlinebefragung zu Einstellungen und Erwartungen von Gottesdienstbesuchern durchgeführt. Die zugrundeliegende Forschungsfrage dieser Studie lautete: Inwiefern verstehen sich, denken oder handeln Gottesdienstbesucher (auch) wie Kunden? Mehr als 2000 Menschen, darunter etwa 1750 Evangelische, haben sich an der Befragung beteiligt. Untersucht wurde, ohne die Kundenthematik zunächst explizit ins Spiel zu bringen, die Selbsteinschätzung zu Wahlverhalten, Einstellungen und Erwartungen gegenüber dem evangelischen Gottesdienst in Deutschland.
Der vorliegende Band dokumentiert die theologisch-sozialwissenschaftliche Fachtagung, die aus Anlass der ersten öffentlichen Präsentation der Ergebnisse der Onlinestudie am 3. und 4. November 2015 in Hildesheim stattfand. Sie stand unter dem Titel „Zwischen Auftrag und Bedürfnis – ist der Gottesdienstbesucher ein Kunde?“. Die Hauptreferate dieser Tagung von Cla Reto Famos, Folkert Fendler, Armin Klein und Claudia Schulz werden hier in überarbeiteter Fassung abgedruckt. Hinzu kommen Beiträge der Tagungsteilnehmer Dorothea Haspelmath-Finatti, Hilmar Gattwinkel und Hansjochen Steinbrecher, die Elemente des Schlussplenums und vorangehender Gruppendiskussionen mit eigenen Thesen verbinden und in Essays zusammenfassen.
Die Beiträge bleiben nicht bei der Kundenfragestellung stehen, sondern sprechen weitere Aspekte an, die geeignet sind, das Kirchgangsverhalten der Menschen besser zu verstehen. Der einleitende Beitrag (Folkert Fendler, Kirchgang gestern und heute. Von Zahlen und vom Zählen) setzt zunächst bei der Frage der Entwicklung der Gottesdienstbesucherzahlen an und präsentiert en passant die Ergebnisse einer weiteren Studie des Zentrums für Qualitätsentwicklung im Gottesdienst. In ihr wurden die Kirchgänger sämtlicher Gottesdienste, die im Kirchenjahr 2011/2012 im Kirchenkreis Oldenburg stattfanden, minutiös gezählt. Das Ergebnis stellt die seit Jahren durchgeführte EKD-Zählung gehörig infrage. Der Gastbeitrag des renommierten Kulturwissenschaftlers Armin Klein (Besucherbindung im Kulturbetrieb) fokussiert nach einer Differenzierung von fünf Besuchergruppen im Kulturbetrieb auf die Nutzenorientierung der Besucher: „Menschen kaufen keine Produkte, sie kaufen Nutzen.“ Besucherbindung in heutiger Zeit müsse von einer Gebundenheitsstrategie zu einer Verbundenheitsstrategie weiterentwickelt werden. Der Schweizer Theologe Cla Reto Famos (Kirchen in der Konkurrenzgesellschaft. Gottesdienst zwischen Auftrag und Bedürfnis) stellt das von ihm entwickelte Konzept der auftragsbestimmten Bedürfnisorientierung vor, in dem bei klarem Primat des Auftrags auch die Bedürfnisse von Gottesdienstbesuchern zu ihrem Recht kommen („Das Sehnen nach Glück ist christlich legitim“). Die eigentliche „Hildesheimer Kundenstudie“ (vorgestellt im Beitrag von Folkert Fendler, Gottes-Dienst-Leistung. Sind Gottesdienstbesucher Kunden?) wird durch zwei Beiträge in die Landschaft der gegenwärtigen empirischen Studien zum Gottesdienst eingebettet: einerseits im Blick auf das methodische Vorgehen (Folkert Fendler, Was am Gottesdienst wichtig ist. Eine Sichtung empirischer Befragungsperspektiven), das sich in unterschiedlicher Stringenz auf Einstellungen, Erwartungen, Erlebnisse oder Bedürfnisse richtet und dadurch die Befragungsebenen der Kundenstudie verorten lässt; zum anderen durch die Einordnung von Ergebnissen der Kundenstudie in den Kontext der Milieuforschung und der jüngsten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU V) der EKD durch Claudia Schulz (Kundschaft im Gottesdienst. Einsichten zu Relevanzsetzung und Wahlverhalten der Gottesdienstbesuchenden aus dem Feld empirischer Studien).
Allen Autorinnen und Autoren, aber auch allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Fachtagung sei an dieser Stelle sehr herzlich für ihre weiterführenden und konstruktiv-kritischen schriftlichen (und mündlichen!) Beiträge sowie für die Unterstützung bei dieser Publikation gedankt.
Hildesheim, im April 2016
Folkert Fendler
Folkert Fendler
Es ist ein Gemeinplatz festzustellen, dass die Zahl der Sonntagskirchgänger seit Jahren kontinuierlich zurückgeht. Dieser Gemeinplatz wird mittlerweile so oft wiederholt, dass man schon wieder misstrauisch wird. Stimmt das eigentlich? Worauf beruht diese Einschätzung? Wie viele Menschen werden tatsächlich in den evangelischen Gottesdiensten in Deutschland erreicht? Welche Quellen lassen sich für die Frage nach einer realistischen Einschätzung der Kirchgangshäufigkeit nutzen?
Um über die Entwicklung der Gottesdienstbesucherzahlen in Deutschland etwas aussagen zu können, werden fünf Quellen herangezogen. Zunächst das subjektive Empfinden, sodann die allgemeine Bevölkerungsumfrage (ALLBUS) des „Leibniz Instituts für Sozialwissenschaften GESIS“, drittens die Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen der EKD (im Folgenden abgekürzt als KMU), viertens die Gottesdienststatistik der EKD und zuletzt eine Zählung der Kirchgängerinnen und Kirchgänger sämtlicher Gottesdienste, auch aller Werktagsgottesdienste, während eines vollständigen Kirchenjahres im Kirchenkreis Oldenburg.
Die wissenschaftlich betrachtet sicherlich unsolideste Quelle, die eigene subjektive Einschätzung der Lage, die sich freilich in den Äußerungen vieler Menschen widerspiegelt, lässt sich so beschreiben: „Immer weniger Menschen gehen in die Kirche. Und die, die kommen, werden immer älter, meist sind es ältere Frauen, Konfirmandinnen und Konfirmanden.“ Verstärkt wird diese Einschätzung durch Berichte darüber, dass immer wieder Kirchengebäude aufgegeben und entwidmet und ehemals selbstständige Gemeinden zusammengelegt werden.
Die allgemeine Bevölkerungsumfrage ALLBUS findet seit 1980 alle zwei Jahre statt. Hierbei handelt es sich um eine repräsentative sozialwissenschaftliche Umfrage, die Einstellungen, Verhaltensweisen und Sozialstruktur der deutschen Bevölkerung erhebt. Im Stammteil der Fragen befindet sich auch eine Frage nach der Häufigkeit des Kirchgangs1. Alle zehn Jahre, immer gleichzeitig mit den KMU (1982, 1992 etc., s. u.), legt diese Umfrage einen Schwerpunkt auf das Thema „Religion“. Dann werden die konstant wiederkehrenden Fragen um zahlreiche zusätzliche Fragen aus dem kirchlichen Bereich erweitert. Für unseren Zusammenhang interessiert allerdings lediglich die konstante Frage nach der Häufigkeit des Kirchgangs.
Der Blick auf die Zahlen der Jahre von 1982 bis 2014 ergibt folgendes Bild:
Abbildung 1:
Kirchgangshäufigkeit 1982–2014 (Quelle: ALLBUS-Befragungen)
Der dargestellte Sachverhalt lässt sich vereinfacht so beschreiben: Ca. 20 Prozent der evangelischen Christen sagen, sie gingen nie in die Kirche. 40 Prozent gehen seltener als mehrmals im Jahr, also vielleicht nur Weihnachten. Mehrmals im Jahr besucht etwa ein Viertel der Befragten Gottesdienste. Die häufigeren Kirchgänger machen mit leichten Schwankungen um die 15 Prozent aus. Der Überblick über knapp 35 Jahre Gottesdienstgeschichte zeichnet ein Bild von hoher Stabilität. Zwar gibt es leichte Schwankungen, insgesamt jedoch lässt sich weder eine Tendenz zu stetig sich verringerndem noch zu steigendem Kirchgang erkennen.
Es handelt sich bei den Ergebnissen der ALLBUS-Befragung natürlich um die Selbsteinschätzung der Menschen, so dass das subjektive Empfinden spöttisch entgegnen mag: „Der Gottesdienstbesuch geht rapide bergab, aber wenigstens die Selbsteinschätzung der Menschen bleibt stabil!“ Ein Seitenblick auf die römisch-katholischen Befragten im selben Zeitraum zeigt allerdings, dass Selbsteinschätzung keineswegs immer gleich bleibt. Der Anteil derjenigen katholischen Christen, die selten oder nie zur Kirche gehen, steigt nämlich von gut einem Drittel der Befragten im Jahr 1982 auf etwa 50 Prozent 2014. Zugleich sinkt die Zahl der Menschen, die wöchentlich zur Kirche gehen und öfter Gottesdienste besuchen, von 32,3 Prozent (1982) auf geradezu evangelisches Niveau von 10,4 Prozent (2014). – Auch bei den Konfessionslosen zeigt sich eine Entwicklung, in diesem Fall eine aus Sicht der Kirchen positive: Der Anteil der Menschen, die nie Gottesdienste besuchen, ist im letzten Vierteljahrhundert (die Konfessionslosen werden erst seit 1990 von ALLBUS in ihrem Kirchgangsverhalten erfasst) geringer geworden. Positiv ausgedrückt: Die Zahl der Konfessionslosen, die wenigstens manchmal, wenn auch selten, einen Gottesdienst besuchen, verdoppelt sich seit 1990 nahezu von gut 20 Prozent auf knapp 40 Prozent. – Zwar verlaufen die angezeigten Entwicklungen beim Kirchgang von Katholiken und Konfessionslosen nicht linear, sondern mit gewissen Schwankungen, die genannte Gesamttendenz ist aber deutlich auszumachen.
Seit 1972 werden die sogenannten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen regelmäßig im Zehn-Jahres-Abstand durchgeführt, so dass bis dato auf fünf solcher Befragungen in einem Zeitraum von gut vierzig Jahren zurückgeblickt werden kann. Zum Standardrepertoire dieser repräsentativen EKD-weiten Mitgliederbefragung gehört ebenfalls eine Frage nach der Selbsteinschätzung zur Kirchgangshäufigkeit2. Leider ist der Vergleich der Kirchgangshäufigkeit über diese vier Jahrzehnte dadurch beeinträchtigt (ja eigentlich unmöglich gemacht), dass sich fast jedes Mal die Antwortkategorien geändert haben3.
Die ersten drei KMU waren besonders an der Logik „regelmäßiger Kirchgang“ versus „anlassbezogener Kirchgang“ interessiert und erwähnten ausdrücklich Optionen des Kasualgottesdienstbesuchs. Dabei unterscheidet KMU I einen sonntäglichen, einen mindestens monatlichen, einen Feiertags- und einen Kasualkirchgang4 und übersieht die Möglichkeit, dass Menschen auch mehrmals im Jahr Gottesdienste besuchen können, ohne dass dies die hohen Feiertage sein müssen. KMU II und III korrigieren das, indem sie eine solche Antwortoption eröffnen. Darüber hinaus unterscheiden sie reine Kasualkirchgänger von einer Mischgruppe von Feiertags- und Kasualkirchgängern5. Diese an sich interessante Fragerichtung nach dem Stellenwert der Kasualien beim Kirchgang ist allerdings nicht klar genug abgegrenzt von den drei ersten Optionen, auch wenn diese zum Teil eindeutig auf den Sonntag fokussieren.
Ab KMU IV wird die Unterscheidung von Kasual- und Sonntagskirchgang aufgegeben und die Frage nach dem Kasualkirchgang in eine eigene Frage ausgelagert6. KMU V gibt dann sogar die Bezugnahme auf den Sonntagskirchgang auf und findet – endlich, möchte man sagen – zu denselben Kategorien7, die ALLBUS seit 1982 verwendet.
Wenigstens die Extremoptionen der Antwortkategorien der fünf KMU-Befragungen sind annähernd vergleichbar. Die Antwortoption „Mindestens einmal pro Woche“ steigt in den ersten vier Befragungen tendenziell von 8 auf gut 11 Prozent leicht an, um 2012 – einen gewaltigen Sprung nach oben (auf 22,6 Prozent) zu machen. Dies kann möglicherweise gerade damit teilweise erklärt werden, dass die Fokussierung auf die Sonntagsterminologie aufgegeben wurde und die Einführung der Option des Kirchgangs öfter als einmal die Woche den Blick der Befragten gezielt auch auf Gottesdienste im Verlaufe der Woche lenkte. – Im Blick auf die Antwortoption „nie“ fällt im Gesamtvergleich auf, dass KMU I und II hier sehr hohe Werte aufwiesen (39 bzw. 35 Prozent). Dies findet seine verhältnismäßig einfache Erklärung dadurch, dass 1972 und 1982 die Frage nach der Kirchgangshäufigkeit zweigeteilt war. Voran ging die allgemeine Frage: „Gehen Sie persönlich in die Kirche?“ Diese Frage konnte nur mit „Ja“ oder „Nein“ beantwortet werden. Dann folgten die weiteren Antwortoptionen nur für all diejenigen, die zuvor mit „Ja“ geantwortet hatten. Das heißt alle, die bei dieser Frage „Nein“ ankreuzten, weil sie nur an den Sonntagsgottesdienst dachten, hatten später keine Gelegenheit mehr, sich zu korrigieren8. Wer aber gefragt wird: „Gehen Sie persönlich in die Kirche?“, muss das nicht zwangsläufig als Frage nach Kasualkirchgang hören. Damit dürfte der Neuansatz der Frageformulierung ab 1992, bei der die Option „nie“ sich gleichberechtigt neben die anderen Antwortoptionen einreihte, das Kirchgangsverhalten an diesem Punkt besser abbilden als bei den früheren Befragungen. Zugleich wird deutlich, dass Kasualkirchgang von vielen Gefragten durchaus mitgedacht wird, wenn auch offen bleiben muss, in welchem Ausmaß. Seit 1992 steigt nun der Anteil derer, die niemals in die Kirche gehen.
Mindestenseinmal proWoche
ZusammengefassteMitteloptionen
Nie
KMU I – 1972
8
53
39
KMU II – 1982
11
54
35
KMU III – 1992
10,1
82
7,9
KMU IV – 2002
11,6
74,7
14
KMU V – 2012
22,6
55,4
22,2
Tabelle 1: Entwicklung der Kirchgangshäufigkeit
(Quelle: KMU; Angaben in Prozent)
Im Gesamtüberblick, in der die Mitteloptionen zu einer Kategorie zusammengefasst werden, zeigt sich ab 1992 eine Tendenz, die die Extrempositionen wachsen lässt (vgl. Tabelle 1). Das heißt: Sowohl die Gruppe der häufigen Kirchgänger als auch diejenige, die nie Gottesdienste besucht, werden größer, ein Phänomen, das in der ersten Auswertung der KMU V ähnlich bei der Verbundenheitsfrage beobachtet und als Ausdruck einer zunehmenden Polarität zwischen „Engagement und Indifferenz“9 gewertet wurde.
Vor zu weitreichenden Schlüssen in dieser Hinsicht warnt allerdings der Vergleich mit ALLBUS. Wir sind ja nun – aufgrund der Angleichung der Antwortoptionen – in der Lage, beide Befragungen aus dem Jahr 2012 direkt miteinander zu vergleichen.
Abbildung 2:
Kirchgangshäufigkeit im Vergleich von ALLBUS 2012 und KMU 2012
Dieser Vergleich zeigt, dass die Menschen sich bei der KMU-Befragung als deutlich fleißigere Kirchgänger einschätzen als bei ALLBUS. Dies kann und wird zu Recht oft mit dem Phänomen der sozialen Erwünschtheit erklärt: Wenn kirchliche Vertreter fragen, möchte man vielleicht eher sagen, was sie hören wollen. Bei kirchlich ungebundenen sozialwissenschaftlichen Fragestellern mag man bei diesem Punkt dichter an der Wahrheit bleiben. Es kann aber auch sein, dass die Befragten der KMU, sensibilisiert durch viele andere vorlaufende Fragen zur Taufe und anderen Kasualien, bei der Kirchgangshäufigkeit stärker auch an Kasualien denken als die Befragten bei ALLBUS, wo die Frage mitten aus einer Menge anderer soziodemographischer Fragen unvermittelt auftaucht. Andererseits liegen auch die Zahlen von ALLBUS mit einem 5,6 Prozent-Anteil mindestens wöchentlichen Kirchgangs immer noch deutlich über den Zahlen, die die EKD-Gottesdienststatistik bietet.
Die Zahlen der EKD-Gottesdienststatistik verstehen sich als Teilnehmerzahlen an Sonn- und Feiertagsgottesdiensten. Es handelt sich hierbei streng genommen um Hochrechnungen. Jedes Jahr wird der durchschnittliche Jahresbesuch mit der Formel erhoben: „Invokavit mal 2 plus 1. Advent geteilt durch 3“10. Das bedeutet, dass die Besucherzahl eines beliebigen „normalen“ Sonntags, in diesem Fall des Sonntags „Invokavit“, verdoppelt wird, die Besucher eines in der Regel gut besuchten „besonderen“ Gottesdienstes, in diesem Fall des 1. Advents, hinzugezählt werden und das Ergebnis anschließend durch drei geteilt wird. Aufgrund der jeweiligen Berechnungsformel ergeben sich seit 1975 die folgenden Zahlen:
Abbildung 3: EKD-Gottesdienststatistik 1975–2013
Danach stieg in den siebziger bis Anfang der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts der durchschnittliche Besuch von 4,2 auf bis zu 4,7 Prozent, um danach kontinuierlich abzufallen auf jetzt etwa 3,5 bis 3,6 Prozent.
Was für Daten liegen uns bis jetzt vor? Die Ergebnisse zweier Langzeitbefragungen (ALLBUS und KMU), die viel über die Selbsteinschätzung, aber nicht unbedingt alles über die tatsächlichen Zahlen erkennen lassen. Des Weiteren eine Langzeitstatistik, die auf Hochrechnungen und Frageintentionen beruht, deren Wurzeln in den 1950er Jahren liegen. Der Vergleich der Hochrechnungen mit der Selbsteinschätzung lässt eine große, bereits viel diskutierte Diskrepanz erkennen: Wenn die Menschen, die sich bei den KMU und selbst bei ALLBUS äußern, ihr Kirchgangsverhalten richtig einschätzen würden, dann müssten unsere Gottesdienste wesentlich voller sein. Um es nur an den Daten der letzten KMU deutlich zu machen: Wenn wirklich 22,4 Prozent der Kirchenmitglieder den Gottesdienst mindestens einmal wöchentlich besuchen, dann müssten in einer Gemeinde von 3000 Mitgliedern jeden Sonntag (bzw. im Laufe der Woche) 672 Menschen zum Gottesdienst erscheinen. Selbst wenn man hinzunimmt, dass die Menschen vielleicht auch an Kasualien (wie Beerdigungen) oder Sondergottesdienste denken und diese innerlich mitzählen, liegt die Zahl weit über der tatsächlich erscheinenden Personenzahl. Wie ist dieses Phänomen zu erklären? Neben sozial erwünschtem Antwortverhalten und dem Mitzählen der Kasualien könnte es auch als Ausdruck der Wichtigkeit des Gottesdienstes für die Menschen gewertet werden. Vielleicht nennen die Befragten unbewusst die Zahl, die sie eigentlich gehen wollen. Klar ist: Die Befragten antworten hier offenbar nicht im Indikativ, sondern eher in einem Tempus, das ich als „kultischen Optativ“ bezeichnen möchte, ein Tempus, in dem Wunsch, Wertschätzung und tatsächlicher Kirchgang eine mathematisch noch nicht ergründete Verbindung miteinander eingehen.
Selbsteinschätzung ist das eine, Hochrechnung das andere. Wenn man wirklich wissen will, wie viele Menschen kommen, hilft nur eines: zählen. Das Zentrum für Qualitätsentwicklung im Gottesdienst hat im Kirchenjahr 2011/2012 eine Zählung sämtlicher Gottesdienstbesucherinnen und -besucher im Kirchenkreis Oldenburg durchgeführt.
Der Kirchenkreis Oldenburg umfasst ca. 80.000 Gemeindeglieder und gehört zur Ev.-luth. Kirche in Oldenburg. Er hat 24 Gottesdienststätten (Kirchen und Gemeindehäuser, in denen regelmäßig Gottesdienst gefeiert wird). Darüber hinaus finden Gottesdienste in (diakonischen) Einrichtungen und an anderen besonderen Orten (z.B. im Freien) statt. Die Zählung hatte den Anspruch, sämtliche Gottesdienste zu erfassen, insbesondere die Anzahl der Teilnehmenden. Auch die Kasualien und Andachten in Gruppen wurden separat gezählt11.
Der prozentuale Gottesdienstbesuch an Sonn- und Feiertagen liegt in Kirchenkreis Oldenburg zwischen 1,3 bis 3,6 Prozent Er wird in der folgenden Abbildung mit der EKD-Hochrechnung12 verglichen.
Abbildung 4:
Prozentualer Gottesdienstbesuch der Oldenburger Kirchengemeinden (Sonn- und Festtage)
Die hellgrau dargestellte Linie, die den prozentualen Durchschnittsbesuch der EKD-Zählung abbildet, liegt bei vier Gemeinden über der tatsächlichen Quote, in zwei Fällen liegt sie darunter. Im Durchschnitt bildet der „EKD-Wert“ in Oldenburg demnach eine zu hohe Quote ab. Dies gilt allerdings vor allem dann, wenn lediglich die Kirchgänger an Sonn- und Feiertagen in den Blick genommen werden. Am Beispiel der Kirchengemeinde Ofenerdiek kann differenziert gezeigt werden, wie viele Menschen durch Gottesdienste erreicht werden.
Der aufgrund der Besucherzahlen von Invokavit und 1. Advent errechnete prozentuale Gottesdienstbesuch liegt bei 2,82 Prozent und damit weit über der tatsächlichen durchschnittlichen Anzahl der Gottesdienstbesucher an Sonn- und Feiertagen im Verlauf des ganzen Kirchenjahres, die nur 1,64 Prozent ausmacht. Zählt man die Taufgottesdienste hinzu, die nicht innerhalb des Sonn- oder Feiertages stattgefunden haben, erhöht sich die tatsächliche Quote auf 2,02 Prozent. Dass die Gottesdienstkultur sich aber am Wochenende noch weiter ausdifferenziert hat, zeigt der nächste Balken, in den Gottesdienste einfließen, die am Freitagabend, Samstagabend und Sonntagabend stattgefunden haben, also z.B. Kindergottesdienste, Jugendgottesdienste, Krabbel- oder Vorstellungsgottesdienste, der Weltgebetstag und Konfirmationen, die bereits am Samstag gefeiert wurden. Die Besucherzahl all dieser Gottesdienste ergibt in Ofenerdiek in etwa den aufgrund der EKD-Formel errechneten Schnitt.
Abbildung 5:
Kirchengemeinde Ofenerdiek, prozentuale Gottesdienstbeteiligung
Zahlreiche Gottesdienste finden darüber hinaus inzwischen in Altenheimen, Krankenhäusern, Behinderteneinrichtungen und Gefängnissen statt. Sie seien hier „diakonische Gottesdienste“ genannt. Sie finden meist nicht am Wochenende statt. Die Quote steigt, wenn man diese berücksichtigt, auf 3,16 Prozent. Hinzu kommen Kindergartengottesdienste (3,26 Prozent) und die hier so genannte „Kirchenkreisumlage“, das heißt alle Gottesdienste, die in der Regel nicht von Kirchengemeinden gezählt werden. Dazu zählen Krankenhausgottesdienste, übergemeindliche diakonische Gottesdienste, Pfarrkonventsgottesdienste, Schulgottesdienste etc. Diese Gottesdienste, deren Verantwortliche als Funktionspfarrer oft beim Kirchenkreis oder der Landeskirche angesiedelt sind, werden tatsächlich häufig nirgendwo erfasst. Wie die Erhöhung der Besucherquote auf 4,28 Prozent zeigt, bleibt daher eine große Anzahl von Menschen bei den üblichen Gottesdienstzählungen unberücksichtigt.
Eine Hinzunahme der Trauerfeiern der Kirchengemeinde Ofenerdiek würde die Quote sogar auf 5,81 Prozent steigen lassen. Da die EKD-Formel nicht auf die Erfassung der Kasualien zielt, verbietet sich ab hier der Vergleich mit ihren Daten. Dennoch ist es nicht unerheblich, wahrzunehmen, wie viele Menschen im Laufe eines Jahres gerade durch Trauerfeiern erreicht werden. Ein letzter möglicher Schritt wäre die Zählung aller Gottesdienstbesuchenden in allen Gottesdienstformen einschließlich von Andachten, Trauungen und Kasualjubiläen. Mit ihnen stünde der Quote von 1,64 Prozent der anfänglich gezählten Sonn- und Feiertagsgänger schließlich eine Quote von 6,27 Prozent bei Berücksichtigung aller Gottesdienste gegenüber.
Nun kann der Blick auf eine einzelne Kirchengemeinde natürlich keinerlei Repräsentativität beanspruchen. In der Kirchengemeinde Osternburg liegt denn die EKD-Quote von Anfang an unter der Quote der tatsächlich gekommenen Sonn- und Feiertagsbesucher, in der Kirchengemeinde Oldenburg wird die EKD-Quote (3,65 Prozent) erst bei Berücksichtigung der Kirchenkreisumlage leicht übertroffen (3,92 Prozent). Für den Durchschnitt aller Gemeinden des Kirchenkreises Oldenburg aber zeigt die Entwicklung der Quote der Kirchengemeinde Ofenerdiek einen typischen Verlauf. Im Blick auf den gesamten Kirchenkreis wird durchschnittlich ab Berücksichtigung der Wochenendgottesdienste die EKD-Quote überholt, und die Zahl der insgesamt durch Gottesdienste erreichten Menschen ohne Andachten und ohne die Kasualien Trauung und Beerdigung liegt um zirka 2 Prozentpunkte höher. Damit bildet die EKD-Quote in Oldenburg nur 56 Prozent der gottesdienstlich tatsächlich erreichten Menschen ab.
Die EKD-Quote
