Kirschensommer - Toni Lucas - E-Book

Kirschensommer E-Book

Toni Lucas

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Beschreibung

Luise fällt beim Kirschenpflücken vom Baum. Als sie das Bewusstsein wiedererlangt, schaut sie in die dunklen Augen einer Unbekannten. Sie verschwindet jedoch, bevor Luise sie auch nur nach ihrem Namen fragen kann. Eher zufällig trifft sie ihre Retterin Nina, eine Kinderärztin, wieder, und sie entdecken ihre Gefühle füreinander. Nach Ninas Aufenthalt im Kongo bei Ärzte ohne Grenzen, der nur drei Wochen dauern sollte, kehrt sie jedoch nicht zurück und meldet sich auch nicht mehr ...

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Toni Lucas

KIRSCHENSOMMER

Kurzroman

© 2015édition el!es

www.elles.de [email protected]

Alle Rechte vorbehalten.

ISBN 978-3-95609-123-0

Coverfoto: © andrea photo – Fotolia.com

Luise saß vergnügt im grünen Blätterdach des knorrigen Kirschbaumes und spuckte mit Hingabe Kirschkerne in die Gegend.

Unter ihrem roten Basecap, dessen Schirm sie verwegen zur Seite gedreht hatte, quollen einige verschwitzte blonde Locken hervor. Ihr Mund war saftverschmiert, ihre blaue Arbeitslatzhose wies große, grüne Flecken auf. Auch ihr ursprünglich weißes T-Shirt sah mit den grünlich-braunen und roten Klecksen inzwischen aus wie eine Landkarte des Sommers.

Eigentlich sollte der großen Eimer, der vor ihr an einem Haken am Ast baumelte, schon längst gefüllt sein. Doch die beinahe tiefschwarzen, zuckersüßen Früchte waren eine zu große Verführung. Immer wieder landeten sie Luises Mund statt im Eimer.

Konzentriert kniff Luise die Augen zusammen und visierte eine der prachtvollen roten Rosen nahe der großen Hecke an. Sie holte tief Luft und dann – Plopp! Die Rose wackelte leicht. Zufrieden lächelnd zupfte Luise die nächste Handvoll Kirschen vom Zweig.

Kirschkernspucken machte einfach nur glücklich.

Während sie behaglich kaute, ließ Luise ihre Augen über die sommerliche Idylle des elterlichen Gartens wandern.

Schnurgerade reihten sich die Beete mit Salat, Kohlrabi, Bohnen und Erbsen aneinander. Die Johannis- und Stachelbeerstämmchen waren dicht mit Früchten behangen.

Luise seufzte. Sie hatte noch viel Arbeit vor sich. Emsig zupfte sie nun eine Weile Kirschen in den Eimer.

Um sie herum waren nur das Summen der Bienen und das Rascheln der Blätter zu vernehmen. Irgendwo im Dorf brummte ein Rasenmäher.

Plötzlich drang ein merkwürdiges Geräusch herauf zu ihrem luftigen Sitz. Sie beugte sich nach vorn, um besser sehen zu können.

Da sollte doch . . . Das konnte ja wohl nicht sein! Tatsache!

Nachbars Dackel Willi buddelte selbstvergessen neben den Tomaten.

Wütend schnappte Luise nach Luft: »Willi!«

Der Hund tat, als hörte er nicht und grub nur umso emsiger. Schlagartig war es mit Luises guter Laune vorbei. Gestern erst hatte sie die Tomaten gejätet und fein säuberlich geharkt. Nun machte Willi die ganze Mühe zunichte.

Wie schaffte er es bloß immer, durch die Hecke zu kriechen?

»Willi!« Luises Ruf folgte eine Kirsche, die ihr Ziel jedoch weit verfehlte. Stattdessen tippelte Willi nun seelenruhig hinüber zu den Gladiolen und grub mit noch größerer Begeisterung weiter.

Nun reichte es Luise. »Verdammt! Willi! Verschwinde!« Sie griff nach dem nächsten Ast, hangelte sich vorsichtig in Richtung Leiter. Schon hatte ihr Fuß eine der oberen Sprossen erreicht, als es plötzlich heftig knirschte. Der Ast, an dem Luise sich gerade festhielt, brach mit lautem Knacken.

Luise ruderte hilflos mit den Armen, erwischte einen Ast, der jedoch prompt ebenfalls brach. Fuchtelnd griff sie nach der Leiter, die, von Luises Gewicht nach hinten gezogen, ins Wanken geriet.

Für einen Moment stand Luise senkrecht auf der Leiter, ohne dass sie wusste, was sie nun tun sollte. Dann entschied sich die Schwerkraft gegen sie. Mit lautem Krachen und einem spitzen Schrei fiel Luise zu Boden. Dunkelheit schlug über ihr zusammen.

»Hallo, hören Sie mich?« Dumpf drang eine Stimme in Luises Bewusstsein. Sie spürte, wie jemand leicht gegen ihre Wange schlug.

»Mmhhhhh.« Ein langes Stöhnen entrang sich Luises Brust.

»Hallo! Machen Sie die Augen auf!«

Wieder folgten ein paar Klapse.

Luise hob mühsam die Lider. Verwundert blickte sie in zwei tiefbraune Augen, die einen mehr als besorgten Ausdruck hatten. »Mein Gott!«, stöhnte sie, als sie erfasste, was ihr gerade passiert war.

»Na, nicht ganz, aber nah dran«, schmunzelte der Mund über ihr, »Kommen Sie, bleiben Sie wach.«

»Will. . .«, brachte Luise mühsam hervor.

»Sie wollen jetzt erst mal gar nichts. Bleiben Sie ganz ruhig liegen. Der Rettungswagen kommt gleich«, sagte die Stimme energisch.

Noch einmal versuchte Luise den Grund für ihren Sturz vorzubringen. »Will. . .« Doch schon hatte sie einen Finger auf ihren Lippen.

»Schhhh. Ganz ruhig. Es wird alles wieder gut.« Diesmal klang die Stimme so liebevoll, dass bei Luise jeder Widerstand erstarb.

Umso heftiger jedoch spürte sie ihren schmerzenden Körper. Den Schmerzen nach zu urteilen, hatte sie sich jeden einzelnen Knochen im Leib gebrochen.

Luises Kopf dröhnte. Sie hatte das Gefühl, dass sich alles um sie herum drehte. Nur diese besorgten braunen Augen boten ihr einen festen Halt. Und ein Mund. Ein schön geschwungener Mund, der mit ihr redete.

Seltsamerweise tanzten Kirschen unterhalb des Mundes auf und ab. Wie konnte das sein? Vorsichtig versuchte Luise nach diesen Kirschen zu greifen. Doch als sie die Hand auch nur ein winziges bisschen hob, wurde sie sofort festgehalten.

»Nicht bewegen!«, befahl ihr der Mund erneut nachdrücklich besorgt.

Ergeben ließ Luise die Hand wieder sinken. Der Schmerz flutete ihren Körper. Stöhnend schloss sie die Augen.

Ein herber Geruch nach Heu drang Luise in die Nase. Ja, richtig! Sie hatte es gestern Abend noch zu einem Haufen zusammengerecht. War sie etwa in diesem Haufen gelandet? Schon möglich, jedenfalls piekte es scheußlich an ihren nackten Armen.

»Nicht einschlafen! Wachbleiben!« Die dringlichen Worte gingen im Geheul der Ambulanzsirene unter. Schon spürte Luise, wie ihr etwas Starres um den Hals gelegt und ein Brett untergeschoben wurde.

Nun war es eine männliche Stimme, die freundlich auf sie einredete. »Na, Flugübungen gemacht?« Ein Lächeln machte sich auf dem nunmehr bärtigen Gesicht über ihr breit. »Keine Sorge, das bekommen wir schon wieder hin. Wissen Sie noch, wie Sie heißen?«

»Luise«, brachte die Gefragte mühsam hervor, »Luise Böttcher – mit ch«, setzte sie gewohnheitsmäßig hinzu.

»Also, Luise Böttcher mit ch, wir bringen Sie jetzt ins Krankenhaus. Sie müssen sich keine Sorgen machen. Nur ruhig liegenbleiben. Dann wird das schon wieder.«

Luise wollte unwillig etwas entgegnen, doch schon fühlte sie sich angehoben und weggetragen. Wieder brandete der Schmerz in ihr hoch. Auf seltsame Weise fühlte sie nun jedoch sicher, jetzt, wo sie wusste, dass sie nichts zu entscheiden brauchte, dass man sich um sie kümmerte.

Während der Krankenwagen jaulend durch die Straßen jagte, klammerte sich Luise an den Gedanken, unbedingt die Besitzerin dieser wunderschönen braunen Augen finden zu müssen.

Als Luise am nächsten Morgen in ihrem Krankenhausbett aufwachte, brummte ihr Kopf, als hätte sie drei Tage lang Party gemacht. Vorsichtig tastete sie die kahlrasierte Stelle am Hinterkopf und den Verband, der sie schmückte, ab.

Schade, kein Turbanlook. Beinahe bedauernd dachte Luise daran, wie sie sich als Kind dringlichst einen Kopfverband gewünschte hatte, um auszusehen wie eine Sultanine. Bei dem Gedanken musste sie glucksend lachen, was ihr erneut eine Welle von Kopfschmerz einbrachte. Auch sonst fühlte sich ihr Körper an, als wäre sie schwer verprügelt worden.

»Autsch!«, fluchte sie. Dann musterte sie neugierig den Gips, der ihren linken Arm zierte. Ob sich wohl wer finden würde, der ihr etwas Nettes draufschrieb?

»Du bist nicht mehr im Kindergarten, Luise. Hör auf, so einen Blödsinn zu denken. So viel kann dein Hirn gar nicht abbekommen haben«, schalte sie sich selbst halblaut murmelnd.

In diesem Moment klopfte es rabiat an die Zimmertür, und eine ganze Entourage Klinikpersonal kam fröhlich schwatzend herein. Allen voran lief im wehenden weißen Kittel eine Ärztin mittleren Alters.

»Guten Morgen, Frau Böttcher. Ich bin Doktor Voigt. Wie geht es Ihnen?«

Ehe Luise antworten konnte, nickte die Ärztin knapp, und eine der Assistenzärztinnen leierte mit wenig Begeisterung Anamnese und Befund herunter.

Doktor Voigt nickte beim Zuhören, dann lächelte sie Luise beinahe mütterlich an. »Sie haben es gehört. Abgesehen vom gebrochenen linken Arm haben Sie sich eine recht heftige Gehirnerschütterung zugezogen. Hinzu kommen eine Kopfplatzwunde, zwei angebrochene Rippen und Prellungen am ganzen Körper. Dabei sind sie noch glimpflich davongekommen. Sie hatten wirklich Glück. Sie hätten auch im Rollstuhl landen können.« Die Ärztin schüttelte den Kopf. Mehr zu sich selbst murmelte sie: »Jedes Jahr dasselbe, sobald die Kirschen reif sind. Können Sie sich nicht jemanden suchen, der Ihnen die Leiter hält?« Dann wandte sie sich wieder an Luise. »Sie müssen wirklich viel liegen. Ruhe ist jetzt das Wichtigste. Gibt es jemanden, der Sie heute Nachmittag abholt?«

»Heute Nachmittag?«, echote Luise verblüfft.

»Ja, sicher. Bettruhe können Sie auch zu Hause einhalten.«

Einerseits war Luise erleichtert, das Krankenhaus verlassen zu dürfen, andererseits war ihr bei dem Gedanken, mit ihrem Brummschädel allein im Haus ihrer Eltern zu wohnen, schon etwas mulmig. Sie nickte jedoch zustimmend.

Als sich die Ärztin mit ihrem Gefolge schon wieder eilig auf den Weg nach draußen machte, schoss Luise plötzlich etwas durch den Kopf. »Eine Frage noch, Frau Dr. Voigt. Wissen Sie zufällig, wer mich gefunden und den Krankenwagen gerufen hat? Es muss eine Frau gewesen sein, mit dunklen, braunen Augen und einer ziemlich energischen Stimme.«

Die Ärztin zuckte mit den Schultern. »Tut mir leid, keine Ahnung. Sie können ja nachher unten in der Notaufnahme mal nachfragen.« Schon war sie aus dem Zimmer.

Stöhnend ließ sich Luise in die Kissen zurücksinken. Da waren ihre Eltern einmal für zwei Wochen in den Urlaub an die Ostsee gefahren und hatten sie darum gebeten, das Haus zu hüten, nach dem Garten zu sehen und die Mieze zu füttern. Und was machte sie? Sie fiel am zweiten Tag vom Baum.

Luise schloss die Augen und atmete tief durch. Sie würde schon zurechtkommen. Immerhin hatte ihre Mutter für sie eingekauft, als müsse sie eine größere Naturkatastrophe überstehen. Aber so ähnlich war es ja wohl nun auch. Aber wer sollte sich jetzt um den Garten kümmern?

Müdigkeit übermannte sie. Während sie immer noch grübelnd in einen sanften Schlummer hinüberdämmerte, sah sie wieder diese dunkelbraunen Augen, die sie besorgt musterten. Seltsamerweise wurden sie erneut von Kirschen umtanzt.

Luise erwachte davon, dass ihr das Mittagessen vorgesetzt wurde. Etwas mühsam stocherte sie mit einer Hand in den Königsberger Klopsen herum. Daran, ihr das Ganze klein zu schneiden, hatte offensichtlich niemand gedacht.

Während sie lustlos kaute, grübelte Luise darüber nach, wer die Frau gewesen sein konnte, die sie gefunden hatte.

Keine der Nachbarinnen. Soviel war sicher. Auch wenn sie ihre Eltern nicht allzu oft besuchte – diese Augen wären ihr aufgefallen. Oder doch zumindest dieser Mund. Sinnlich und rot, einfach zum Küssen.

Als Luise dieser Gedanke durch den Kopf schoss, wurde sie rot. Sie lebte definitiv schon zu lange allein. Sollte sie mit achtundzwanzig nicht längst in festen Händen sein? Dann hätte sie vermutlich auch nicht solche Hirngespinste.

Aber vielleicht gaukelte ihr ihr angeschlagener Kopf auch nur diese Augen vor? Vielleicht war es nur das, was sie sich im tiefsten Inneren wünschte?

Luise schüttelte energisch den Kopf, was ihr sofort heftige Schmerzen und Übelkeit eintrug. Ein wenig angeekelt schob sie den nur halb geleerten Teller beiseite. Sie musste noch ein bisschen schlafen, ehe sie nach Hause ging.

Nachmittags, als man Luise entließ, schob sie ein Pfleger im Rollstuhl an den Ausgang. Dort wartete bereits ein Taxi auf sie. Als der Fahrer ihr in den Wagen half, fühlte sich Luise durchaus unwohl. Immerhin trug sie noch immer die verschmutzten Sachen vom Vortag. Nie im Leben wäre sie sonst so auf die Straße gegangen.

Aber es nützte alles nichts. Seufzend ließ sie sich in die Polster sinken und bat den Fahrer, sie einmal ums Gebäude zum Eingang der Notaufnahme zu fahren. Dort mühte sie sich aus dem Wagen und erkundigte sich bei der diensthabenden Schwester nach der braunäugigen Frau vom Vortag.

Doch auch die Schwester konnte ihr keine Auskunft geben. Sie konnte sich lediglich noch an den Rettungsassistenten erinnern, der sie gebracht hatte.

Auf Luises eindringliche Bitten hin funkte sie ihn schließlich an und legte Luises Problem dar. Luise erkannte seine freundliche Stimme sofort.

Ja, sagte er ihr. Als sie eingetroffen waren, hätte da eine junge Frau neben ihr gekniet. Er hätte jedoch keine Ahnung, wer sie gewesen sei. Sie wäre sehr schnell verschwunden. Auch könne er Luise nur wenig Hoffnung machen, dass sie in der Eile des Notrufs ihren Namen genannt hätte. Das gehöre nicht mehr zu den fünf Ws.

Luise war enttäuscht. Mit hängenden Schultern und bei jedem Schritt leise stöhnend ging sie zurück zum Taxi. Immerhin aber wusste sie nun, dass diese wunderschönen Augen keine Halluzination gewesen waren. Irgendwie würde sie die Frau schon finden. Sie hatte ja jetzt viel Zeit.

Zuhause angekommen schlich ihr zuerst Ottilie, die schwarz-weiß getigerte Hauskatze, vorwurfsvoll mauzend um die Beine.

»Ottilchen, ich mach dir ja gleich was zu essen. Ehrlich, es tut mir leid, dass ich nicht da war. Aber für mich war das auch kein Spaß, die Nacht im offenen Hemdchen zu verbringen«, brummelte Luise mit einem Anflug von Galgenhumor.

Ottilie tat nicht so, als ob sie das interessieren würde.

Als Luise sich schließlich mit einer Tasse Kaffee auf die Couch sinken ließ, klingelte ihr Handy. Glücklicherweise hatte es den Sturz unbeschadet überstanden.

»Kind, warum meldest du dich denn nicht? Ich habe gestern den ganzen Abend versucht dich anzurufen. Ist was passiert?« Luises Mutter klang sehr aufgeregt.

Luise dachte: Nö, Mutti. War nichts weiter, ich bin nur schnell mal auf den Kopf gefallen, hab mich in der Röhre durchleuchten lassen und lag dann völlig zugedröhnt im kurzen Hemd in einem Krankenhausbett, wo mich ein Pfleger auf den Schieber gesetzt hat. Alles prima!

Laut sagte sie jedoch: »Alles in Ordnung, Mutti. Ich bin im Garten nur unglücklich ausgerutscht und hab mir den Arm gebrochen. Alles halb so wild. Aber mit der Kirschenernte wird es wohl nichts mehr werden.«

»Um Gottes willen! Kind! Wenn man dich schon mal alleinlässt. Bleib mir ja vom Baum weg. Nicht, dass du mir noch runterfällst. Die paar Kirschen sind doch nicht wichtig.« Luises Mutter klang wie gewohnt pragmatisch. Allerdings war ihre Besorgnis nicht zu überhören. »Hast du dich wenigstens krankschreiben lassen? Du musst doch jetzt nicht deinen Urlaub vertun!«

»Hab ich, Mutti, hab ich. Mach dir keine Sorgen wegen des Arms. Ist doch nur der linke. Da komm ich schon klar. Zur Not frage ich die Nachbarin.«

Glücklicherweise gab Luises Mutter sich damit zufrieden und bohrte nicht weiter nach. Der Rest des Gesprächs drehte sich um Wassertemperaturen, Quallen, schreiende Kinder und teure Strandkörbe.

Danach fühlte sich Luise fix und fertig. Ihr Kopf dröhnte, und sie nahm gegen jede Überzeugung eine der Schmerztabletten, die sie mitbekommen hatte. Dann verschlief sie den Rest des Tages.

Luise wachte davon auf, dass ihr jemand Wachbleiben! Nicht einschlafen! zugerufen hatte. Benommen schlug sie die Augen auf. Um sie herum herrschte tiefe Dunkelheit. Es dauerte eine Weile, bis sie begriff, wo sie war und was mit ihr geschehen war, so tief war sie in ihrem Traum gefangen gewesen. Wieder hatte sie dieses eindrucksvolle Augenpaar verfolgt, wieder hatte sie diese Stimme gehört.

Entweder war sie wirklich zu sehr auf den Kopf gefallen oder die Frau, die sie gefunden hatte, hatte sie sogar in der Bewusstlosigkeit beeindruckt.

Luise kicherte. Da musste sie erst vom Baum fallen, damit eine Frau sie beeindruckte. Das sagte wirklich viel über sie aus. Kein Wunder, dass sie seit beinahe zwei Jahren keine Beziehung mehr hatte.

Wie aber sollte sie sie finden? Und weshalb schwebten in ihren Träumen stets diese Kirschen um sie herum?

Nachdem Luise am nächsten Morgen Ottilie ausgiebig gestreichelt und dann versorgt hatte, machte sie sich auf den Weg zur Nachbarin.

Anklagend hielt sie ihr den Gipsarm unter die Nase und verwies auf Willis Buddelaktion. Die alte Frau Michelsen wirkte sichtlich betreten. Halbherzig begann sie mit Willi zu schimpfen, der Luise schwanzwedelnd entgegengelaufen kam.

Da Willi offensichtlich nicht wusste, weshalb er gescholten wurde und mit traurigen Dackelaugen von einer zur anderen sah, hatte Luise schnell Mitleid mit ihm.

Hastig fragte sie Mathilde Michelsen, ob sie eventuell mitbekommen hatte, wer den Rettungswagen gerufen hatte. Doch die alte Frau musste passen. Sie hatte hinter ihrem kleinen Siedlungshäuschen auf der Terrasse gesessen. Erst als das Martinshorn ertönt war, sei sie nach vorn geeilt. Eine Frau habe sie nicht gesehen.

Ob sie Luise beim Gießen der Beete behilflich sein solle, fragte sie ein wenig schuldbewusst. Luise nahm dankend an. Sie mochte Mathilde Michelsen gern. Außerdem war sie fit, während ihr bei jedem Atemzug alles weh tat.

Erschöpft von der Anstrengung des morgendlichen Ausflugs ließ sie sich zu Hause erneut auf die Couch sinken. Lustlos überprüfte sie ihre Facebookseite. Eine Kollegin aus dem Kindergarten fragten sie nach ihrem Urlaub auf dem Lande. Eine Freundin teilte ihre mit, dass sie eine tolle Freundin für sie wüsste und ob sie nicht Lust auf ein Blind Date hätte, wenn sie zurück in der Stadt wäre.

Luise wollte gerade genervt das Handy weglegen, als ihr eine Idee kam. Sie würde eine Suchanfrage auf Facebook starten! Ärgerlich schlug sie sich gegen die Stirn. Wieso war ihr das bloß nicht früher eingefallen. Wie angeschlagen war ihr Hirn eigentlich? Eilig tippte sie den Text ein.

Die plötzlich aufkeimende Hoffnung, dass sie ihre Retterin doch noch finden würde, verlieh Luise ungeahnten Elan. Sie eilte in die Küche und nahm sich eine Schüssel. Dann begab sie sich in den Garten, um wenigstens ein oder zwei der Stachelbeerstämmchen abzuernten.

Sie saß jedoch nicht lange auf ihrem Stühlchen vor den Stachelbeeren, als sie spürte, dass sie sich überschätzt hatte. Sie Sonne brannte ihr unbarmherzig auf den Kopf. Ihr wurde schwindelig.

Da hörte sie Willi freudig kläffen. Schon wollte sie wütend aufspringen, um zu sehen, an welcher Ecke er sich durchbuddelte, als sie sah, wie er schwanzwedelnd auf sie zulief. Ihm auf den Fersen war Mathilde Michelsen von nebenan.

»Luise, das kannst du doch nicht machen!«, polterte sie ungehalten los und nahm ihr die Schüssel aus den Händen. Dann fasste sie sie unter. »Los, wir beide gehen jetzt ins Haus, und du legst dich sofort wieder hin. Die paar Beeren mache ich dir heute Abend ab, wenn es kühler ist.«

»Aber . . .!«, versuchte Luise lahm zu protestieren.

»Kein Aber!«, schnitt Mathilde ihr das Wort ab, »Und wag es dir bloß nicht, in den nächsten Tagen irgendwo anders als auf der Terrasse im Liegestuhl aufzutauchen. Verstanden?«

»Hm«, lenkte Luise kleinlaut ein. Ihr war noch immer schwummerig, und sie sehnte sich plötzlich nach der dunklen Kühle ihres elterlichen Wohnzimmers.

Die nächsten beiden Tage verbrachte Luise wirklich auf der Couch. Wenn sie nicht gerade vor sich hindämmerte oder Ottilie kraulte, überprüfte sie ihr Handy. Doch stets war es das Gleiche – keine Reaktion auf ihre Suche. Ihre Enttäuschung war grenzenlos.

Den einzigen Menschen, den sie sah, war Mathilde, die ihr das geerntete Obst fix und fertig in Beuteln für die Gefriertruhe vorbeibrachte. Sogar ein paar Gläser Marmelade hatte sie gekocht.

Am Nachmittag des dritten Tages nach ihrem Aufruf klingelte es.

Luise öffnete mit schlechtem Gewissen die Tür. »Frau Michelsen, Sie müssen doch nicht alles ab. . .« Verwundert brach sie den Satz ab.

Vor ihr stand eine mittelgroße, schlanke Frau im buntgeblümten Sommerkleid. Ihr dunkelbraunes Haar hatte sie zu einem losen Zopf gebunden. Ihre dunklen Augen blitzten fröhlich. In den Händen hielt sie einen kleinen Strauß Feldblumen.

»Ähm, Sie wünschen?« Wie gebannt starrte Luise die dunklen Augen an. Das konnte doch nicht wahr sein! Entweder hatte sie Halluzinationen oder . . . Das gab es doch gar nicht! Sollte das wirklich . . .?

Ehe Luise ihre Fassung wiederfand, reckte ihr die junge Frau den Blumenstrauß entgegen: »Ich bin Nina Hofmann. Ich habe Sie neulich gefunden.«

Sie starrten einander einen Moment lang an – Nina fragend, Luise verwirrt. Da fiel Luise ein, dass die junge Frau vor ihr vermutlich ihren Namen nicht kannte. »Ach so, ja. Natürlich.« Sie fuhr sich unsicher durch die Haare. »Ähm, ich bin Luise. Luise Böttcher.«

»Tut mir leid, dass ich Sie so überfalle. Aber ich wollte mal sehen, wie es Ihnen nach Ihrem Sturz geht. Darf ich reinkommen?«

»Ähm, natürlich, gern doch.« Hastig griff Luise nach dem Strauß und trat beiseite.

Nina Hofmann lächelte und schlüpfte in den kühlen Flur. »Puh, wie angenehm. Draußen ist es wirklich kaum zum Aushalten.« Sie fächelte sich mit einer Hand Luft zu.

»Ja, das war hier schon früher so. Man kann hier drinnen Frostbeulen bekommen, obwohl draußen dreißig Grad sind.« Luise betrachtete unschlüssig den Strauß in ihrer Rechten.

»Wasser?«, half Nina Hofmann ihr auf die Sprünge.

»Ja, klar. Wasser.« Luise lächelte irritiert. »Für Sie und die Blumen, schätze ich mal. ’Tschuldigung. Mein Kopf arbeitet noch etwas im Schongang.« Sie wandte sich in Richtung Küche.

»Kein Problem, solange er überhaupt noch arbeitet. Da hätte ja sonst was passieren können. Ich hoffe, ihr Arm ist das Schlimmste, was kaputtgegangen ist.« Nina sah Luise prüfend an. »Ist sonst alles in Ordnung? Geht es Ihnen soweit gut?«

Luise hatte inzwischen eine Vase gefunden und stellte die Blumen ins Wasser. Noch immer schmerzte ihr Körper bei jeder Bewegung. Der Gips an ihrem linken Arm war extrem hinderlich.

Sie lächelte ein wenig schief. »Naja, sagen wir mal, es könnte schlimmer sein. Die Rippen sind angeknackst, aber die paar blauen Flecken werden schon leicht grünlich.« Sie suchte nach zwei Gläsern und angelte eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank. »Gehen wir ins Wohnzimmer?«