Klaben, Tod und Pfeffernüsse -  - E-Book

Klaben, Tod und Pfeffernüsse E-Book

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Beschreibung

9 spannende, kuriose, überraschende und witzige Weihnachtskrimis – Verruchte Weihnachtszeit . Gesche und die Männer . Weihnachtliches Kochduell . Die Traumreise . Tödlich rieselt der Schnee . Nashville rockt das Altersheim . Das hundsgemeine Weihnachtsgeschenk . Ein Weihnachtsmann auf Abwegen . Oh, du mörderische Weihnachtszeit . Der Bremer Klaben

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Seitenzahl: 208

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Inhalte

Angelika Griese

Klaben, Tod und Pfeffernüsse

Weihnachtskrimis aus Bremerhaven

Prolibris Verlag

Handlung und Figuren sind frei erfunden. Darum sind eventuelle Übereinstimmungen mit lebenden oder verstorbenen Personen zufällig und nicht beabsichtigt.

Für Karin,

Louise, Laura Sophia und Anna Maria

Angelika Griese, in Bremen geboren, lebt als freie Autorin in Bremerhaven. Bei ihr geht es immer »kriminell« zu. Seit 1995 veröffentlicht sie Kurzkrimis in Illustrierten und Zeitschriften. 2007 erschien ihr erster Roman, ein Bremen Krimi, es folgten zahlreiche Veröffentlichungen von Kurzgeschichten in eigener Sammlung oder als Beteiligung an Krimi-Anthologien. Auch ein krimineller Führer durch Bremerhaven, angereichert mit Kurz-Krimis, entstammt ihrer Feder. Im Prolibris Verlag erschien ihr Bremerhaven Krimi »Freiwildzone«.

Mehr Informationen gibt es hier: www.angelikagriese.de

Alle Rechte vorbehalten,

auch die des auszugsweisen Nachdrucks

und der fotomechanischen Wiedergabe

sowie der Einspeicherung und Verarbeitung

in elektronischen Systemen.

© Prolibris Verlag Rolf Wagner, Kassel, 2016

Tel.: 0561/766 449 0, Fax: 0561/766 449 29

Titelbild: Daniel Stieglitz

E-Book: Prolibris Verlag

E-Book ISBN: 978-3-95475-145-7

Dieses Buch ist auch als Printausgabe im Buchhandel erhältlich.

ISBN: 978-3-95475-133-4

www.prolibris-verlag.de

Ich danke

ganz herzlich meinem Verleger Rolf Wagner und meiner

wunderbaren Lektorin Dr. Anette Kleszcz-Wagner für die

außergewöhnlich gute Zusammenarbeit und Betreuung.

Verruchte Weihnachtszeit

Torben starrt ungläubig auf das Handy, das nicht ihm gehört. Antje hat es aus Versehen vertauscht, als sie nach einer leidenschaftlichen Nacht Hals über Kopf losgestürzt war. Fraktionssitzung. Ihr politisches Amt steht stets an erster Stelle. Antje strebt nach Höherem. Der Bundestag ist das Ziel ihrer Begierde, und dem wird alles untergeordnet.

Wenn er ehrlich ist, hat er längst geahnt, dass sie ihre gemeinsame Beziehung nicht so ernst nimmt, wie er es sich wünscht. Sie kommt und geht, wie es ihr gefällt. Und er immer auf Abruf. Die Nachrichten auf ihrem Handy sind der endgültige Beweis, dass er nach Strich und Faden ausgenutzt wird. Er ärgert sich schwarz über seine Gutgläubigkeit und noch viel mehr über seine grenzenlose Dummheit. Die Texte sind eindeutig und lassen keinen Zweifel aufkommen.

Die anfängliche Enttäuschung hat dem Gefühl blinder Wut und dem Wunsch nach Vergeltung Platz gemacht. Innerlich aufgewühlt steht er mit geballten Fäusten am Fenster und sieht in das Schneetreiben hinaus. Warum tut sie das? Warum spielt sie mir die große Liebe vor? Wenn sie ehrlich gesagt hätte, dass er nur eine Affäre in ihrem Leben ist, hätte er sich darauf einstellen können und nicht sein Herz an sie verloren. Er hat sich so viel gebotene Chancen entgehen lassen, an denen es ihm bei den Frauen noch nie gemangelt hat. Vor der Zeit mit Antje, war er der Jäger und nicht die Beute. Wie bekloppt ist er nur? Je länger er darüber nachdenkt, desto mehr kommt er zu dem Schluss, dass es genug Anzeichen dafür gegeben hat, dass sie es nicht ernst meint. Dass sie in ihm den nützlichen Idioten sieht, geht klar aus einer SMS an ihre beste Freundin Barbara hervor. Das also ist er für sie. Ein Toy-Boy, von dem sie sich nach Lust und Laune verwöhnen lässt. Und nur dann, wenn es ihr passt. Ich bin so ein Trottel, schimpft er vor sich hin und schmeißt wütend den Adventskranz, den er von ihr geschenkt bekommen hat, samt Kerzen in den Abfalleimer.

Das ist eine seiner größten Niederlagen. Und Niederlagen kann er ganz schlecht verkraften. Vor Antje war er als Aufreißer unterwegs. Hatte die Frauen gewechselt wie seine Unterwäsche. Soll das jetzt die Strafe sein? Unsinn. Diesen Gedanken lässt er nicht zu, an solch einen Quatsch glaubt er nicht.

Antje ist mit Leib und Seele Politikerin. Es zieht sie nach Berlin, auf die große Bühne. Wie oft hat sie ihn versetzt, weil eine Sitzung länger dauerte als erwartet, ein Interview wichtiger war oder ein Besuch in der Parteizentrale in Berlin auf gar keinen Fall verschoben werden konnte. Aus der SMS geht eindeutig hervor, dass es in Berlin ebenfalls einen Trottel gibt, der in einsamen Nächten für sie parat steht. Jetzt sieht er klar. Und das Versprechen, einen beschaulichen Weihnachtstag mit ihm zu verbringen, ist auch gelogen.

Keine Träne wird er ihr nachweinen. Aber er wird es ihr heimzahlen. Wenn er mit ihr fertig ist, wird sie den Tag verfluchen, an dem sie ihn kennengelernt hat. Keiner wird mehr ein Stück Brot von ihr annehmen. Große Polit-Karriere ade. Er muss nur noch überlegen, wie er das anstellt.

Die WhatsApp-Unterhaltung kennt er inzwischen auswendig.

Barbara: Deinen Toy-Boy in Fishtown hast du ja voll im Griff. Gratuliere.

Antje: Logo, der frisst mir aus der Hand. Ein nützlicher Idiot. Aber ein guter Liebhaber.Der liegt mir zu Füßen.

Barbara: (Smiley) Und dein Adonis in Berlin? Noch am Start?

Antje: (Smiley) Klar. Weißt du, wie einsam die Nächte in Berlin sein können?

Barbara: Hast du mal ein Foto?

Antje: Kommt sofort …

Barbara: Woah, das nenn ich mal einen gestählten Körper.

Antje: Leider musste ich das Bild überm Bauchnabel abschneiden, du verstehst? (grins)

Barbara: Luder! (grins) Und dein Fishtown-Lover, glaubt er dir wirklich, dass du einen Weihnachtstag mit ihm verbringen wirst? Du fährst doch mit deinem Mann in den Skiurlaub.

Antje: Klar, glaubt Toy-Boy mir das. Er glaubt auch, dass wir nach meiner Scheidung im nächsten Jahr zu Weihnachten ein Traumpaar sind. (grins)

»Überm Bauchnabel abschneiden, Du verstehst …«

Immer wieder durchkreuzt dieser Satz seine Rachepläne. So wird das nichts. Cool bleiben, mahnt er sich. In ihrem Handy findet er diverse Namen im Telefonbuch, die ihm nichts sagen, wobei eindeutig die männlichen Vornamen überwiegen. Tim, Patrick, Henner … Alles Liebhaber? Welcher von ihnen ist der Berliner Adonis? Zunächst war er versucht, die Nummern zu kontaktieren, ein wenig zu recherchieren, verwarf den Gedanken gleich wieder. Die für ihn so demütigenden Nachrichten, die sie mit Barbara ausgetauscht hat, sind die einzigen aufschlussreichen auf dem Handy. Pech für sie, dass sie das Löschen vergessen hat.

Wenn er es recht bedenkt, weiß er so gut wie nichts über ihr privates Umfeld. Sie spricht immer nur über ihren Beruf: Wie erfolgreich sie ist, wen sie bei einer Redeschlacht über den Tisch gezogen, wen sie wann reingelegt hat. Letzteres scheint sie bestens zu beherrschen. Diese Frau strotzt vor Selbstverliebtheit und Selbstüberschätzung. Dumm nur, dass er das erst jetzt erkennt. Über Freundinnen hat sie nie gesprochen. Hat sie überhaupt andere als diese Barbara, die sie ihm nie vorgestellt hat? Mit ihrem Mann führt sie angeblich eine offene Ehe. Nach der Wahl werden sie sich scheiden lassen, sagt sie. Langsam bezweifelt er das. Viel näher liegt, dass sie dem genauso Hörner aufsetzt wie ihm. Dass sie ein solch durchtriebenes Luder ist, hatte er nicht im Entferntesten geahnt.

»Jetzt siehst du mal, wie das ist, wenn man verarscht wird.« Rieke ist bekannt für klare Worte.

In seiner Verzweiflung und in blinder Wut hat er seine ältere Schwester angerufen und um Rat gebeten. Sie ist wie gewohnt sofort für ihn da. Mit dieser Reaktion hatte er jedoch nicht gerechnet.

»Auf dumme Sprüche kann ich augenblicklich gut und gerne verzichten. Ich will einen Rat von dir.«

»Du bist gut, was soll ich dir raten? Du bist doch der erfolgreiche Frauen-Checker. Wer hat denn immer die große Klappe nach dem Motto: Ich kriege sie alle? Einmal musste das schiefgehen. Was willst du von mir hören?«

»Ihr Frauen seid erfindungsreicher, wenn es um Rache geht.« Er hat gehofft, dass seine Schwester ihn versteht, einen infamen Vorschlag parat hat. Hohn und Spott ist in seiner Situation nicht angebracht. Das bringt ihn nur noch mehr auf die Palme.

»Du willst Rache? Das ist ja lächerlich. Sei doch nicht kindisch. Du bist nicht der Erste, dem das passiert.«

Er hätte es wissen müssen, was kann er von einer eingefleischten Emanze schon erwarten?

»Wusste gar nicht, dass du so empfindlich bist. In deiner Wut willst du sie also fertigmachen, sie am Boden sehen. Richtig?«

Er nickt und hebt zur Bestätigung stumm den Daumen. Sie hat es erfasst. »Ungestraft soll sie mir jedenfalls nicht davonkommen.«

»Oh, ist dein Selbstbewusstsein so angekratzt? Einen Torben Berger hintergeht man nicht? Das muss gerächt werden? Wie armselig ist das denn?« Diese Antje muss ihm ja total den Kopf verdreht haben. Eine große Portion Eitelkeit ist auch verletzt. Auf der einen Seite tut er ihr leid, auf der anderen Seite gönnt sie ihm mal eine Niederlage. So wie er mit den Frauen bisher umgesprungen ist, hat er sich in ihren Augen eine kalte Dusche redlich verdient.

»Ich hatte von dir wirklich mehr Unterstützung und Verständnis erwartet. Du enttäuschst mich.« Inzwischen ärgert er sich schon, dass er seiner Schwester das Fiasko anvertraut hat. Einen guten Rat für einen Rachefeldzug braucht er jetzt. Keine Schmähungen und keine Häme.

Rieke nimmt seine Hand und streichelt sie. So am Boden zerstört, wie er ist, braucht er doch ein bisschen Trost. »Zugegeben, wenn das alles so stimmt, dann ist das fies von ihr. Ich kenne sie ja nicht. Aber man muss mit Niederlagen fertigwerden, kleiner Bruder. Sieh es sportlich.«

Er entzieht ihr seine Hand und reagiert ärgerlich. »Sportlich? Sehr lustig. Was würdest du denn unternehmen, wenn man dir so übel mitspielen würde?«

»Ich würde die Handys tauschen, ihr sagen, was ich herausgefunden habe und tschüss. Auf Nimmerwiedersehen. Wenn du ehrlich bist, ärgerst du dich weniger über den Typen in Berlin, als darüber, dass sie dich als Toy-Boy und nützlichen Idioten bezeichnet hat. Klar, das ist gemein und tut weh. Aber dass du dich rächen willst, finde ich, wie gesagt, mehr als kindisch.«

»Ich nicht«, bockt er und gießt sich einen Whisky ein. »Und die Versprechung, einen Weihnachtstag mit mir zu verbringen? Ich höre sie noch: Ein kleiner Vorgeschmack auf nächstes Jahr, mein Schatz. Nach der Scheidung haben wir jedes Weihnachtsfest ganz für uns. Du glaubst gar nicht, wie ich mich darauf freue«, äfft er sie nach. »Ich traue ihr inzwischen zu, dass sie da schon in St. Moritz ein Hotel gebucht hat.«

Rieke zeigt auf die Flasche. »Der hilft dir auch nicht. Sprich mit ihr. Vielleicht löst sich das Ganze als großes Missverständnis auf.«

»Wie kann man das missverstehen? Lies selber.« Aufbrausend schiebt er Antjes Handy über den Couchtisch und sieht Rieke auffordernd an.

»Ich gebe zu, das klingt nicht gut. Aber ein Weltuntergang ist das nun auch gerade nicht. Gut, du hast dich vermutlich in ihr getäuscht und die Zeichen nicht erkannt. Jetzt weißt du, wo du mit ihr dran bist. Wenn du aber Rache übst, zeigst du ihr, wie sehr du dich ärgerst. Du könntest dich lächerlich machen.«

Du hast gut reden, denkt Torben. Ich werde mich rächen. Mir fällt garantiert eine Retour-Kutsche ein, die sich gewaschen hat. Antje, du musst dich ganz warm anziehen.

Das Gespräch mit Rieke hat ihn noch wütender gemacht, als er schon war. Auch der dritte Whisky kann ihn nicht beruhigen. Vor einer halben Stunde hat er Uwe angerufen, der muss gleich zum Kriegsrat eintreffen. Sein Freund hat immer was auf Lager.

Was hatte er alles für diese Frau aufgegeben. Hatte so manch schöner Versuchung widerstanden, so manche Chance an sich vorüberziehen lassen. Hatte sie ihn wieder mal versetzt, war er brav zu Hause geblieben. Die Vorfreude auf ein besinnliches Weihnachtsfest mit ihr hatte ihm zuletzt über so manch einsamen Abend hinweggeholfen. Sie beide unter einem geschmückten Tannenbaum, ein schönes Essen bei Kerzenlicht. Ein wunderbares Weihnachtsgeschenk für sie hatte er bereits im Auge. Zum Glück noch nicht gekauft, tröstet er sich. Wie konnte er sich nur so zum Volltrottel machen? Während er sich langweilte, hatte sie es mit diesem Typen in Berlin getrieben und wer weiß mit wem noch. Ihm schwillt der Kamm, wenn er an Antje und ihre miesen Machenschaften denkt. Und er denkt unentwegt daran.

»Überleg mal. Was ist das Schlimmste, was ihr passieren kann? Wo ist sie verwundbar? Was tut ihr so richtig weh?« Uwe hat sich im Gegensatz zu Rieke sofort bereit erklärt, sich eine böse Schweinerei auszudenken. Feuer und Flamme ist er.

Torben muss nicht lange nachdenken. »Ihre Karriere, ihr Ansehen, ihre Glaubwürdigkeit in der Bevölkerung. Sie will die Karriereleiter ganz nach oben klettern. Sieht sich bereits als zukünftige Bundeskanzlerin«, lästert er.

Uwe nickt. »Da musst du ansetzen. Mach sie politisch platt. Ich weiß auch wie.« Insgeheim freut er sich darüber, dass Torben mal am eigenen Leib erfährt, wie das ist, wenn man von einer Frau gelinkt wird. Torben hatte bereits als Jugendlicher die heißesten Mädchen klargemacht. Sie waren früher gemeinsam um die Häuser gezogen. Und wer hatte die hübschesten Mädchen abgekriegt? Torben. Für ihn fielen die ab, für die Torben kein Interesse hatte. Zu gern möchte er diese Antje kennenlernen. Eine Braut, die Torben zeigt, wo der Hammer hängt. Für ihn eine Genugtuung. Das hindert ihn aber nicht daran, den Freund auf seinen Rachefeldzug zu begleiten.

Als Antje abends ahnungslos an Torbens Tür klingelt, sind alle Vorbereitungen zur Durchführung des teuflischen Plans abgeschlossen. Elegant und taff wie immer steht sie vor ihm. Ihre blonden Haare trägt sie hochgesteckt, das dunkelblaue Designerkostüm mit der blütenweißen Bluse verleiht ihr Seriosität. Perfekt geschminkt und gestylt ist sie natürlich auch. Harmlos, als könnte sie kein Wässerchen trüben, steht sie im Treppenflur. »Überraschung. Ich habe Sushi für uns mitgebracht.« Sie strahlt ihn an.

Diese Masche zieht nicht mehr bei ihm. Das wird sie gleich spüren. »Ich habe schon gegessen. Was willst du? Du hast dich nicht angemeldet. Ich habe Besuch.« Torben tritt in das Treppenhaus, macht die Wohnungstür hinter sich zu und wehrt ihre Umarmung ab. Er hat fest damit gerechnet, dass sie heute noch aufschlagen würde. Dass sie einen ganzen Tag ohne Handy überlebt hat, wundert ihn ohnehin.

Es trifft sie völlig unvorbereitet, sie ist wie vor den Kopf gestoßen, und ihre Gesichtszüge entgleisen. »Was ist los? Ich dachte, du freust dich, wenn ich außer der Reihe komme.«

»Da unterliegst du einem Irrtum. Glaubst du, ich habe nichts anderes zu tun, als auf dich zu warten?« Er ist gespannt, wie sie auf diesen Affront reagieren wird.

Was denn sonst, denkt sie und kann sich sein Verhalten nicht erklären. »Ich habe unsere Handys verwechselt. Hast du das noch nicht bemerkt? Ich wäre schon früher gekommen, hatte aber keine Zeit. Zum Glück ist es nur mein Privathandy.«

Er wehrt ihren erneuten Berührungsversuch ab. »Gutes Stichwort: dein Handy. Die privaten Nachrichten an deine Freundin sind äußerst informativ.«

Antje ist wütend und unsicher zugleich. Blitzschnell überlegt sie, was er gelesen haben könnte. Oh Gott, sollte die WhatsApp-Unterhaltung mit Barbara nicht gelöscht sein? Inklusive dem Foto … Das würde sein abweisendes Benehmen erklären. Sie pumpt sich auf und versucht, ihm den schwarzen Peter zuzuspielen. Das klappt in der Regel. Das beherrscht sie perfekt. »Du warst an meinem Handy? Das ist unerhört. Du dringst in meine Privatsphäre ein.«

Torben schürzt verächtlich die Lippen. »Dein Toy-Boy hat sehr informative Nachrichten gelesen. Ich bin also ein nützlicher Idiot für dich. Gut zu wissen.« Mit verschränkten Armen sieht er sie herausfordernd an. Mal sehen, wie sie aus dieser Nummer rauskommen will, denkt er und lässt sie zappeln.

»Das habe ich doch nicht so gemeint. Barbara ist immer so neugierig auf jedes kleinste Detail. Die alte Tratschtante darf vor der Wahl um Himmels willen nicht erfahren, dass wir eine gemeinsame Zukunft vor uns haben. Ich liebe dich doch.« Sie schmiegt sich an ihn und schaut ihn aus großen Augen zerknirscht an. Dieser Augenaufschlag hat sich schon so oft bewährt.

»Und dein Adonis in Berlin? Hast du den auch nur erfunden?«

»Ja … Ich wollte vor Barbara nur angeben. Der existiert nicht. Glaub mir.«

»Träum weiter, ich glaub dir kein Wort mehr. Wir tauschen die Handys, und dann verschwinde.« Er kennt sie gut, weiß, dass sie sich nicht so einfach abweisen lässt. Das gehört zu seinem Plan.

»Das kannst du nicht machen. Lass mich doch alles erklären. Das bist du mir schuldig.«

»Du spinnst wohl. Ich bin dir gar nichts schuldig.« Das wird ja immer besser. So eine Frechheit. Jetzt setzt sie mich unter Druck, denkt er und reicht ihr das Handy.

»Wollen wir hier auf dem Flur stehen bleiben? Ich kann dir wirklich alles erklären, und danach entscheidest du, ob du wirklich Schluss machen willst.«

Etwas zögernd lenkt er ein. »Okay, komm rein. Ich bin gespannt, was du mir zu sagen hast. Uwe ist auch da.« Er weiß, dass sie damit nicht einverstanden ist. Sie muss nachgeben, sonst geht sein Plan nicht auf. Erwartungsvoll beobachtet er ihre Reaktion.

»Was? Spinnst du? Mich darf hier keiner sehen. Meine Karriere steht auf dem Spiel. Du weißt doch, bis zur Wahl muss ich mich in der Öffentlichkeit als treue Ehefrau präsentieren. Wenn ich erst in Berlin bin, ist das nicht mehr so wichtig. Dann lass ich mich scheiden und ziehe zu dir. Ehrlich. Bis dahin geht wirklich mein guter Ruf vor.«

Ja, ja, ihre Karriere, ihr ach so guter Ruf. Den kann sie sich in die Haare schmieren, sobald ich mit ihr fertig bin. »Du musst dich entscheiden. Entweder du kommst rein oder du gehst. Uwe bleibt.« Das Ultimatum ist gewagt. Sollte sie jetzt gehen, ist sein Racheplan für heute gestorben.

Widerwillig stimmt sie zu. »Na gut, vorausgesetzt er hält die Klappe.« Sie weiß, sie hat Mist gebaut, und wenn sie Torben nicht verlieren will, muss sie kleine Brötchen backen.

Erleichtert folgt er ihr in die Wohnung.

Antje erwacht mit einem schweren Kopf in Torbens Bett. Sie versucht, sich an den vergangenen Abend und die Nacht zu erinnern. Da ist nur ein schwarzes Loch. Wenn ich splitterfasernackt in seinem Bett liege, muss mit Sicherheit eine Versöhnung stattgefunden haben. Sie kuschelt sich unter die Bettdecke und streckt sich aus. Wusste ich es doch, er ist mir mit Haut und Haaren verfallen, er kann mir nicht lange böse sein.

Es war ein Glücksfall, dass er sich in sie verliebt hat, als er in seiner Position als Chefredakteur eines bekannten Online-Magazins ein Interview mit ihr gemacht hat. Er puscht sie seitdem, wo er nur kann. Benutzt dazu – ganz raffiniert – aber meist seine Mitarbeiter, damit ihm keiner was nachsagen kann. Zum Glück ist er auch noch ein begnadeter Liebhaber, auf den sie nicht verzichten möchte. Wenn nicht bei jeder Bewegung eine Explosion in ihrem Kopf stattfinden würde, könnte sie ihre Siegesfreude richtig genießen. Warum kann sie sich an nichts erinnern? Das Bett neben ihr ist leer. Wo ist Torben? Wahrscheinlich Brötchen holen. Sie kennt es nicht anders, als dass er sie nach Herzenslust verwöhnt. Ein reichhaltiges Frühstück danach gehört dazu.

Langsam zieht sie die Bettdecke zurück. Ihre Augen suchen das Handy. Sie muss ihren Mann anrufen und ihm für ihr nächtliches Wegbleiben eine Lüge auftischen. Ein schlechtes Gewissen hat sie nicht. Er hat ständig Affären und immer was nebenher am Laufen. Da hatte sie wohl auch das Recht, sich hin und wieder einen Liebhaber zu leisten. Benommen sieht sie sich um. Keine Spur von ihrem Handy. Auf dem Nachttisch liegt nur ihr Schmuck. Der Magen dreht sich um, ein Brechreiz steigt in ihr hoch. Taumelnd verlässt sie das Schlafzimmer. Hat sie gestern zu viel getrunken? Verflixt noch mal, sie kann sich an nichts erinnern.

Zum Duschen ist sie zu schwindelig. Eingehüllt in Torbens Bademantel wankt sie in die Küche. Der Tisch ist nicht gedeckt und das Adventsgesteck, das sie ihm geschenkt hat, ist verschwunden. Was ist bloß los? Ist er schon in die Redaktion gefahren, ohne sie zu wecken, ohne ein gemeinsames Frühstück? Irgendetwas stimmt hier nicht. Ein ungutes Gefühl beschleicht sie. Ihr Kreislauf spielt verrückt. Schnell setzt sie sich an den Küchentisch. Sie zermartert ihr Hirn. Was ist gestern Abend passiert? Das Letzte, an das sie sich erinnern kann: Uwe saß auf dem Sofa, und Torben reichte ihr ein Glas Sekt. K.-o-Tropfen? Nein, das traut sie Torben nun wirklich nicht zu. Sie weiß auch nicht mehr, ob sie über die schicksalsträchtige WhatsApp-Unterhaltung mit Barbara gesprochen haben. Zu blöd, dass sie die Handys vertauscht, und noch bescheuerter, dass sie die verfänglichen Daten nicht gelöscht hat. Das wird ihr nie wieder passieren.

Ein Blick auf die Küchenuhr lässt sie vor Schreck erstarren. Es ist bereits zehn. Jetzt sollte sie zu einem Besuch im Seniorenheim sein. Verpasst. Unverzeihlich. Sie ist bekannt für ihre Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit. Schweiß bricht aus, und ihr Herz schlägt viel zu schnell. Gleich wäre Fraktionssitzung. Sie muss alle Termine für heute absagen. In diesem Zustand kann sie nicht unter die Leute gehen. Verdammt noch mal, wo ist ihr Handy?

Das Summen kommt aus dem Wohnzimmer. Langsam schleppt sie sich über den Flur und sieht es auf dem Sofa liegen. Fünfzehn entgangene Anrufe. Zehn davon aus dem Parteibüro, fünf von ihrem Mann.

Torben sitzt am Schreibtisch in der Redaktion und pfeift vor sich hin. Ihm geht es gut. Richtig gut. Auf dem Notebook betrachtet er Fotos, die für seine Hochstimmung verantwortlich sind.

»Moin, Chef. Na, du bist ja mal gut gelaunt.« Britt Schneider, seine neue Mitarbeiterin, stürmt in sein Büro und legt ihm einige Manuskripte zur Durchsicht auf den Tisch.

Schnell klappt er das Notebook zu. »Moin, Kollegin.« Er taxiert sie interessiert. Warum ist ihm bisher nicht aufgefallen, wie hübsch sie ist? Er bietet seinen ganzen Charme auf und zeigt ihr sein schönstes Lächeln. »Bingo, ich habe echt gute Laune. Gehen wir zusammen zum Mittagessen?« Zufrieden registriert er ihre freudige Überraschung, die sich in ihrem Gesicht widerspiegelt.

»In der Kantine ist heute vegetarisch angesagt.« Britts Mimik spricht Bände.

»Habe ich etwas von Kantine gesagt? Was hältst du vom Sea Side? Ich lade dich ein.«

Britt macht große Augen. »Meinst du das ernst?«

»Klar. Also? Um eins?«

»Gerne, ich freu mich. Wolltest du nicht mal wieder einen Artikel über die Polit-Tante Antje Kröckelkamp schreiben? Die gesamte Redaktion wartet gespannt darauf.«

»Warum? Was ist daran Besonderes?« Sollte da etwas durchgesickert sein? Das wäre nicht gut.

Britt grinst hintergründig. »Der Flurfunk. Man sagt, du bist der Dame sehr zugetan. Wir wundern uns, dass du in letzter Zeit keine Interviews mehr mit ihr machst. Und Beiträge der Kollegen, wenn sie die Dame etwas härter angegangen sind und kritisch waren, hast du immer zu ihren Gunsten redigiert. Da kann man schon mal darüber nachdenken, ob da was läuft.«

Er bemüht sich um Beherrschung. »So ein Quatsch. Ich steh nicht auf Zimtzicken. Außerdem bin ich Profi. Zu viel private Nähe zur Politik ist ein No-Go. Das kannst du ruhig an die Kollegen weitergeben.«

»Da bin ich ja beruhigt.« Lasziv streicht sie sich mit den Fingern durch das lange schwarze Haar und lächelt verführerisch.

Angekommen Süße. Du bist interessiert. Du willst es auch. In ihm ist wieder der alte Aufreißer erstarkt. Er ist felsenfest davon überzeugt, wenn er will, kann er jede haben. Wer ist schon Antje Kröckelkamp?

Wohlwollend schaut er auf Britts knackigen Po, den sie beim Rausgehen verheißungsvoll schwingen lässt. Die hat er im Sack.

Aus Antjes Gesicht ist alle Farbe gewichen. Leichenblass und innerlich erstarrt, stiert sie fassungslos auf das Foto, das ihr soeben anonym auf das Handy gespielt worden ist. Sie steht unter Schock.

Völlig entblößt räkelt sie sich auf Torbens Bett. Ihre Augen genießerisch geschlossen, der Mund ekstatisch geöffnet. Zwei Männer, deren Gesichter mit einem Balken über der Augenpartie unkenntlich gemacht sind, liegen in schamloser Nacktheit neben ihr. Einen der beiden erkennt sie sofort. Torben. Seine Finger spielen mit ihrer Brustwarze. Der andere Typ hält sie im Arm und grinst siegessicher in die Kamera. Uwe. Ihr wird schwarz vor Augen. Die Hände zittern unkontrolliert. Die Gedanken überschlagen sich. Warum tut er mir das an, fragt sie sich immer wieder. K.-o.-Tropfen. Die Schweine haben mir K.-o.-Tropfen in den Sekt getan. Darum kann sie sich an nichts erinnern. Beweisen kann sie es nicht. Ihr ist bekannt, dass nach so vielen Stunden die Substanz nicht mehr im Blut nachzuweisen ist. Sie rennt aufs Klo und übergibt sich. Wenn dieses Foto an die Öffentlichkeit gelangt, ist sie erledigt. Für die Partei verbrannt. Sie wird alle Ämter niederlegen müssen. Ihrem Mann und allen Freunden kann sie nicht mehr unter die Augen treten. Das kann doch nur ein böser Albtraum sein, hofft sie und weiß gleichzeitig, dass dieses Horrorszenario Realität ist.

Warum tut Torben ihr das an? Hätte sie geahnt, dass er ein hinterhältiges und mieses Schwein ist, hätte sie sich nie mit ihm eingelassen. Sie verflucht den Tag, an dem sie ihn kennengelernt hat. Sie muss mit allen Mitteln verhindern, dass er dieses Foto veröffentlicht. Nur wie?

Das Mittagessen mit Britt hatte den gewünschten Erfolg. Morgen Abend haben sie eine Verabredung – bei ihm zu Hause. Torben sitzt im Auto und schaut auf die weihnachtlich geschmückten Havenwelten. Die Beleuchtung am Klimahaus funkelt wie tausend Swarovskisteine. An dieser Stelle parkt er gern, wenn er nachdenken muss. Er spielt mit seinem Handy und hört immer wieder den Anrufbeantworter ab, der voll ist mit Antjes Schimpftiraden. Er grinst. Schweinehund, Drecksack, Wichser, gehören zu den harmlosesten Ausdrücken, mit denen sie ihn bedenkt. Einen solch vulgären Wortschatz hat er ihr gar nicht zugetraut.