Kladderadatsch - Stefan Schumacher - E-Book

Kladderadatsch E-Book

Stefan Schumacher

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Beschreibung

Ole ist vierzig und hat sich in seinem Leben verlaufen. Als seine Frau Mareike unerwartet doch noch schwanger wird, überwindet er seine Daseinsermüdung und beschließt in Elternzeit zu gehen, um sich ganz dem Vatersein zu widmen. Nachdem Mareike überraschend Zwillinge zur Welt gebracht hat, bricht erwartungsgemäß ein großes Chaos aus. Ole bemüht sich redlich, dem ganzen Kladderadatsch gerecht zu werden, scheitert jedoch letztlich an sich selbst. Letzte Hoffnung sind seine beiden besten Freunde Horst und Lilly, die unzertrennlich gemeinsam erwachsen geworden sind. Einst hatten sie sich versprochen, ein ganzes Leben lang füreinander da zu sein, sich dann aber doch irgendwann verloren. Gemeinsam versuchen die beiden, Ole nach Kräften beizustehen und sein aus den Fugen geratenes Koordinatensystem wieder ins Lot zu bringen.

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Seitenzahl: 419

Veröffentlichungsjahr: 2021

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für Imke

„Together we stand, divided we fall“

Roger Waters

Inhaltsverzeichnis

Prolog: Was für ein Kladderadatsch

Teil 1: Vorher

Kapitel 1: Gontscharow 40

Kapitel 2: Schwanger

Kapitel 3: Pärchen-Abend

Kapitel 4: Erlebnisse und Entscheidungen

Kapitel 5: Oberstufenfete

Kapitel 6: Überraschungen

Kapitel 7: Küssen lernen

Kapitel 8: Gontscharow 16

Kapitel 9: Erste Liebe

Kapitel 10: Vlieland

Kapitel 11: Abschiede

Intermezzo

Teil 2: Nachher

Kapitel 12: Glückstupfen

Kapitel 13: Lila Regen über Rom

Kapitel 14: Ganz großer Kladderadatsch

Kapitel 15: Verlorene Gewissheiten

Kapitel 16: Die dunkle Seite

Teil 3: Danach

Kapitel 17: Erwachen

Kapitel 18: Lebenshungrig

Kapitel 19: Hoffnungen

Kapitel 20: Nicht wirklich ein Ende

Epilog: Verlorene Jahre

Nachwort

Prolog: Was für ein Kladderadatsch

Ich lebe im Zwergenland. Mein Leben bewegt sich zwischen Playmobilfiguren, Pixi-Büchern und Kinderliedern. Mareike hat heute Zeugniskonferenzen. JJ haben Magen-Darm-Grippe, seit zwei Tagen und, was schlimmer ist, zwei Nächten. Mareike ist im Bad und hat die Tür hinter sich abgeschlossen. Jan hat gerade zum zweiten Mal heute die Abgabe1 gemacht. Meine Nerven liegen blank, ich habe die letzten Nächte kaum geschlafen und komme tagsüber nicht vor die Tür. Ich blicke in den großen Wandspiegel im Flur und mir gefällt nicht, was ich sehe. Mein Gesicht wirkt grau, die Ringe unter den Augen sind unübersehbar und mein Bauch quillt über den Hosenbund.

Die Tür geht auf und Mareike erstrahlt wie eine Erscheinung im Türrahmen. Es ist nicht zu verkennen, was sie eine halbe Stunde lang im Bad gemacht hat. Das elegant-sportliche himmelblaue Kostüm mit dem kurzen Rock steht ihr ausgezeichnet. Sie sieht bezaubernd aus und ganz tief in meinem Innern regen sich letzte, längst verschüttete Ahnungen meiner Männlichkeit. Mareike fuchtelt wild mit den Händen herum, da der Nagellack noch nicht trocken ist. Im Vorübergehen bemerkt sie knapp, ich solle nicht auf sie warten, da sie nach der Zeugniskonferenz noch in dieses schicke Restaurant gehen würden. Der neue Referendar gäbe dort seinen Einstand.

Von dem Restaurant habe ich gehört. So ein eleganter Schuppen in der Vorstadt mit vornehmen Kellnern, die dort Ober heißen, und winzig kleinen Portionen auf den Tellern. Kurz wundere ich mich, denn Einstände kenne ich sonst nur in Kneipen oder Kantinen. Von dem Referendar habe ich auch schon gehört: jung, attraktiv, smart und ein Held, weil er sooo kinderlieb ist und außerdem wirklich etwas ganz Besonderes in so einem Frauenberuf. Mareike klemmt sich ihre Lederjacke unter den Arm, greift nach den Autoschlüsseln und verschwindet durch die Haustür. Ich stehe wie angewurzelt da und starre der Vision hinterher. Im Kinderzimmer höre ich Jule würgen.

Nach sieben Pixi-Büchern und einem Pfund Salzstangen sind die Kinder endlich eingeschlummert und ich habe mich mit einem Glas Wein auf das Sofa zurückgezogen, sozusagen in Bereitschaft. Unfähig, irgendetwas Sinnvolles zu tun, blättere ich wahllos in einer von Mareikes Frauenzeitschriften. Dabei stoße ich auf einen seltsamen Artikel über die Evolution des männlichen Geschlechts. Darin lerne ich, dass das Weibliche eigentlich zuerst da war und der Mann eine Mutation der Frau ist. Na ja, das ist jetzt etwas verkürzt wiedergegeben, aber angesichts meiner letzten Tage kann ich mir das durchaus vorstellen.

Über den Artikel muss ich dann wohl in einen traumlosen tiefen Schlaf gefallen sein, denn als ich erwache, ist es dunkel und meine Frau steht vor mir. Sie sieht gar nicht mehr so elfenhaft aus. Die Haare sind zerzaust und die Wimperntusche ist verschmiert. Sie wirkt leicht angetrunken und ein wenig überdreht. Ganz offensichtlich ist irgendetwas geschehen, von dem ich ahne, dass es der Anfang von etwas ist, das nicht gut für mich ausgehen wird.

1 So sagten Ole und Horst früher als Jugendliche, wenn sie ein bisschen zu viel Bier oder Ähnliches getrunken hatten und sich danach hatten übergeben müssen.

Teil 1: Vorher

Kapitel 1: Gontscharow 40

Wir sitzen im Gontscharow. Die blonde Kellnerin mit dem langen Pferdeschwanz und dem roten Rock unter der Schürze bringt zwei weitere Biere und Horst erzählt schon seit einer halben Stunde vom Abitreffen am letzten Samstag.

„Ole, da hast du echt was verpasst. Es waren fast alle da, und es fühlte sich an wie eine Reise in unsere Jugend.“

Zwanzig Jahre2 ist es nun her, dass wir an der Keksschule unser Abitur bestanden haben. Seitdem ist viel passiert, zu viel, wie mir scheint. Ich habe keine Lust auf Zeitreise gehabt, und schon gar nicht auf das übliche Gehabe und Geprotze darüber, was man alles Tolles im Leben erreicht hat.

Das letzte Treffen vor zehn Jahren hat mir vollends genügt. Alle waren super erfolgreich, glücklich und mit Ende zwanzig auch noch ganz frisch. Die Jungs alle stolz wie Bolle auf ihre Jobs im mittleren Management, wie sie es nannten. Die Mädchen meist immer noch schön und einige von ihnen bereits verheiratet.

„Weißt du, was aus Bettina geworden ist?“, reißt Horst mich aus meinen trüben Gedanken.

„Welche Bettina?“

„Na, Bettina Hilbert natürlich. Kennst du doch, die war mit uns in der Grundschule“, erwidert Horst. „Die ist bereits zum zweiten Mal geschieden, ist Sozialarbeiterin bei der Stadt und leitet ein Ausstiegsprojekt für Prostituierte. Sie war sehr zutraulich und wir haben uns eine ganze Weile unterhalten.“

„Interessant“, murmle ich, obwohl es mich nicht die Bohne interessiert, was irgendeine Bettina von früher heute so macht.

„Mann, Horst, lass mich doch mit den ollen Kamellen in Ruhe. Das interessiert mich alles nicht. Das ist hundert Jahre her, und heute sind alle super erfolgreich und glücklich verheiratet und haben so niedliche Kinder …“

„Olle Kamelen? Sag mal, sind wir in Köln oder wie?“, unterbricht er mich. „Bei Köln fällt mir ein: Weißt du, wer jetzt in Köln lebt?“

Horst ist nicht zu bremsen. Mich interessiert auch nicht, wer in Köln lebt. „Na, ungefähr eine Million Kölner“, antworte ich.

„Klar, auch“, lässt sich Horst nicht beirren, „aber ich meine eine ganz spezielle Kölnerin.“

Irgendwie läuft das hier alles in die falsche Richtung.

Unsere Biere sind leer, was Horst auch schon bemerkt hat. „Fräulein, noch zwei Bier bitte!“, ruft er der Kellnerin zu, die gerade an unserem Tisch vorbeikommt.

„Jetzt hör doch mal auf mit deinem Fräulein, das ist ja peinlich!“, platzt es aus mir heraus.

„Was bist du denn heute so empfindlich, Ole?“

Tja, was bin ich denn heute so empfindlich?

„Ich bin nicht empfindlich. Es ist mir nur peinlich, wenn du die nette Kellnerin dumm anmachst.“

„Ah, verstehe. Du hast ein Auge auf sie geworfen“, antwortet er trocken.

„Wie viele Biere hattest du, Horst? Die Kellnerin ist knapp halb so alt wie ich, außerdem bin ich verheiratet.“

Die Kellnerin kommt, knallt die Biere auf den Tisch und verschwindet wortlos.

„Tut mir leid, jetzt hab ich sie vergrault“, lacht er. „Was ist mit dir und Mareike?“

„Nix. Was soll sein?“, frage ich.

„Ole, wie lange kennen wir uns? Sind es schon 30 Jahre?“

„Fast“, antworte ich. „Ja, du hast recht. Mit Mareike ist es so wie immer. Aber das ist ja das Schlimme. Irgendwie stecken wir in einer Sackgasse. Es geht nicht vor und nicht zurück. Ich weiß auch nicht, wie ich das beschreiben soll.“

Horst runzelt die Stirn, macht ein ernstes Gesicht und holt tief Luft, aber ich komme ihm zuvor.

„Wer lebt denn nun in Köln?“

Horst zögert: „Hab ich vergessen.“

„Willst du mich verarschen?“, frage ich genervt.

„Lass mal gut sein, ist jetzt nicht der richtige Moment dafür.“

„Wofür?“ Ich ahne, wen er meinen könnte. „Helga?“

„Ja, genau die. Sie arbeitet dort beim WDR und macht Reportagen. Und hin und wieder moderiert sie eine Radiosendung. Ich habe sie sogar letztens mal im Radio gehört, war so eine Kochsendung.“

Helga war meine erste Freundin. Sie hat immer wunderbar gerochen, selbst beim Abitreffen vor zehn Jahren noch. Damals hatte sie gerade die Journalistenschule abgebrochen und war die einzige kleine Erfreuung bei dem Treffen.

„Was macht der Wald?“, wechsle ich schnell das Thema, bevor ich mich in mehr oder weniger erotischen Träumen mit Helga verliere.

„Der letzte Sturm hat ihm ordentlich zugesetzt, aber langsam erholt er sich wieder. Nur die Borkenkäfer machen mir Sorgen …“

So genau wollte ich es auch wieder nicht wissen. Horst liest offenbar in meinem Gesicht, denn abrupt bricht er seinen Vortrag ab und fragt: „Und wie laufen die Maschinen?“

Darüber wollte ich nun auch nicht sprechen, aber Horst lässt mich da nicht mehr raus.

„Ich hab’s so satt“, klage ich. „Im Büro gehen sie mir alle furchtbar auf die Nerven, allen voran mein Chef. Der müllt mich mit Mandaten zu und hält mir immer die Möhre vor die Nase, dass ich ja demnächst zum Partner in der Kanzlei aufsteigen könnte. Und alle meine Mandate sind so extrem langweilig, das kannst du dir nicht im Ansatz vorstellen“, rede ich mich in Rage. „Manchmal denke ich, ich bin nur deshalb Patentanwalt geworden, weil ich Calvins Vater so cool fand. Bescheuert, nicht wahr?“

Horst versteht sofort, dass ich auf den Comicstrip Calvin und Hobbes3 anspiele und erwidert: „Na ja, ich fand die Ents im Herrn der Ringe4 immer so toll und bin sicher nur deshalb Förster geworden.“

Nun muss ich doch grinsen, bin mit meiner Litanei aber noch nicht zu Ende.

„Es ist alles so sinnentleert und frustrierend, am liebsten würde ich alles hinschmeißen und was komplett anderes machen. Nur was könnte das sein?“

„Mensch, Ole, so schlimm?“

„Schlimmer!“, erwidere ich.

„Weia, wie es scheint, hast du eine fiese Daseinsermüdung.“

Er hält inne und deutet auf die Box oben in der Ecke, aus der sich die ersten Takte von Heroes5 in den Raum ergießen.

Nach einem kurzen Moment nehme ich seinen Gedanken auf.

„Ja, passt schon. Ich fürchte, ich habe mich ziemlich verlaufen in meinem Leben. Schon allein deshalb hatte ich so überhaupt gar keine Lust auf Abitreffen. Was habe ich denn schon vorzuweisen?“

„Na ja, Abitreffen ist ja kein Schaulaufen der Eitelkeiten. Zumindest nicht nach zwanzig Jahren. Ich fand die Leute ziemlich geerdet. Die meisten haben inzwischen auch üble Sachen erlebt: Einige sind geschieden, andere haben den Job verloren und nach Angeberei war den wenigsten zumute.“

Jetzt fängt er schon wieder damit an. Langsam bin ich genervt davon. „Und, was macht Sonja Sonntag?“, frage ich, um Horst zu ärgern.

Er schüttelt den Kopf. „Der bin ich konsequent aus dem Weg gegangen. Aber Fabian hat sie gleich angesprochen, stand ja damals schon auf sie. Inzwischen heißt sie übrigens Sonja Tuchel, so wie der Fußballtrainer. Offenbar hatte sie die Nase gestrichen voll davon, wegen ihres Namens veralbert zu werden, und so hat sie ihren Geburtsnamen hinter sich gelassen, so wie du damals. Was sie macht, habe ich vergessen, interessiert mich auch nicht. Aber noch mal zu dir, kann ich etwas für dich tun, mein Guter?“

„Klar, du könntest mir ein neues Leben kaufen. Ich weiß nur nicht so recht, welches Modell ich bevorzuge. Vielleicht reicht aber auch schon eine Tüte Lebenshunger“, antworte ich.

„Stets zu Diensten, ich schau mal, was ich da machen kann“, meint Horst, deutet auf die Box und ergänzt: „Noch einmal Helden sein, nur für einen Tag.“

Das mit Horst und mir ist eine lange Geschichte. Alles begann in den letzten Wochen meiner Grundschulzeit, als eines Morgens die Lehrerin mit ihm in die Klasse kam. Sie stellte sich vorn hin und ihn als Horst und unseren neuen Mitschüler vor.

Das war etwas seltsam, da wir in knapp vier Wochen zuerst in die Ferien und dann auf unsere neuen Schulen gehen würden. Horst war mit seinen Eltern zugezogen, und so musste er seine verbleibende Grundschulzeit bei uns absitzen. Der Klassenraum war proppenvoll und der einzige freie Platz war der neben mir in der letzten Reihe.

Seit Kurzem hatten die Mädchen in der Klasse entschieden, dass Jungs nun doof seien, und so wollte sich keines mehr neben mich setzen. Das war seinerseits doof, denn ich hatte meine gesamte Schulzeit hindurch neben Mädchen gesessen, und so saß ich seit den Osterferien allein.

Neben einem Jungen zu sitzen, wäre mir irgendwie schräg vorgekommen. Aber das sollte sich schnell ändern, denn die Lehrerin nickte mir kurz zu und bedeutete Horst, sich neben mich zu setzen.

Horst war schon mit zehn irgendwie cool, und ich fühlte mich ein wenig unwohl und klein neben ihm. Das sollte sich erst später etwas ändern. In der großen Pause gingen wir auf den Hof.

„Und wohin wird es dich nach den Sommerferien verschlagen?“, fragte er.

„Auf das Gottfried Wilhelm Leibniz Gymnasium!“, antwortete ich etwas zu stolz, denn ich hatte es trotz eher mäßigem Einsatzes tatsächlich geschafft, eine Gymnasialempfehlung zu bekommen, und schrieb dies einer bislang verborgenen Begabung für was auch immer zu.

„Eine exzellente Wahl, mein Guter. Auch ich habe mich für die Keksschule entschieden.“ Noch bevor ich den Witz verstand, fuhr er fort. „Und wer von den Pfosten hier wird noch den Weg zu akademischen Ehren, Ruhm und unverschämtem Reichtum einschlagen?“

Mein Gesichtsausdruck muss wohl sehr deutliches Unverständnis signalisiert haben, sodass er ergänzte: „Glotz nicht wie ein Pferd, mein Vater sagt immer solche Sachen.“

Ich zeigte auf ein paar Mädchen und sagte deren Namen: Bettina Hilbert, eine 1a-Streberin, die häufig den letzten Satz der Lehrerin wiederholte und dafür meist ein Lob einstrich. Sonja Sonntag, die wirklich so hieß, schon damals sehr schön war und immer sehr kurze und bunte Röcke trug. Und Lilly Ciccioli, deren Vater aus Italien stammte und dem die damals einzige Pizzeria in der Gegend gehörte.

Aber Horst hörte gar nicht richtig zu. Damals interessierte er sich nicht für Mädchen. Auch das sollte sich bald ändern. Neben uns beiden gab es noch zwei weitere Jungs, die wir nach den Sommerferien wiedertreffen würden.

Aber Horst war schon beim nächsten Thema. „Spielst du Fußball?“

Überrascht von dem abrupten Themenwechsel stammelte ich herum. „Äh, ja, ne, eigentlich …“

„Also was jetzt? Ein schlichtes Ja oder Nein würde schon genügen.“

„Ähm, eher nein.“

„Eher nein. Ich verstehe, du hast Humor. Gut so, da bin ich beruhigt. Ich hatte schon befürchtet, du wärst auch so ein Pfosten, der sich für alberne Ballspiele interessiert. Und was machst du so?“

„Ähm, tja, was man so macht eben …“

Er fiel mir ins Wort. „Ich meine, was dich interessiert.“

Da musste ich nicht lange nachdenken. „Comics. Alles, aber vor allem Marvel-Comics. Die Avengers, die Fantastischen Vier und natürlich Captain America.“

„Respekt, Alter, das ist ja echte Hochkultur. Und was sind deine Lieblingsfiguren?“

Auch da musste ich nicht lange nachdenken. „Der Silver-Surfer und Ant-Man!“

„Interessante Kombination, offenbar habe ich es bei dir mit einem Exzentriker zu tun.“

Pause.

„Keine Ahnung, was das ist, aber mein Vater bezeichnet die interessanteren Leute, die er kennt, immer so.“

So ging es noch eine Weile weiter. Es stellte sich heraus, dass auch Horst gern Comics las und sich ziemlich gut auskannte, Fußball hasste, Mädchen blöd fand, Giraffen liebte und seine Mitmenschen in Pfosten und Exzentriker einteilte; später sollten noch Lappen dazukommen. Als die Klingel das Ende der Pause ankündigte und wir wieder hinein gingen, legte er etwas theatralisch, wie ich fand, seinen Arm um meine Schulter.

„Ach Ole, ich glaube, das hier ist der Beginn einer langen Freundschaft!“

Und er sollte recht behalten.

Die Kellnerin holt unsere leeren Gläser und fragt, ob wir noch etwas möchten.

„Wir wollen zahlen“, antworte ich, bevor Horst weitere Biere ordern kann. Horst schaut auf seine Armbanduhr und murmelt: „Schon so spät.“

„Time is running fast, when you‘re amused, wie der Brite zu sagen pflegt“, erwidere ich in nicht ganz korrektem Englisch und lache. Vor dem Laden verabschieden wir uns herzlich.

„Melde dich, sobald mein neues Leben da ist“, gebe ich ihm mit auf den Weg.

„Wird direkt zu dir nach Hause geliefert, lass dich überraschen“, antwortet er, steigt auf sein Fahrrad und fährt davon.

Ich habe unterdes vergessen, wo ich das Auto abgestellt habe, und brauche eine Weile, bis es mir wieder einfällt.

Zu Hause finde ich einen Zettel auf dem Küchentisch. Mareike muss morgen früh raus, wollte nicht auf mich warten und ist schon zu Bett gegangen. Gut, dass ich immer bis in die Puppen schlafen kann, denke ich enttäuscht.

Sei‘s drum, ich nehme mir ein Bier aus dem Kühlschrank, setze mich aufs Sofa und stelle mir neue Leben vor.

Vielleicht wäre mein Leben mit Helga anders geworden. Sie roch immer so gut, und irgendwo habe ich gelesen, dass das ein Zeichen dafür ist, dass man genetisch gut zusammenpasst und sehr gesunde Kinder bekommt.

Das klappt aber wohl nur dann, wenn beide sich gegenseitig gut riechen können, und da fällt mir ein, dass ich Helga nie gefragt habe, wie ihr mein Geruch gefällt. Zudem habe ich vergessen, Horst zu fragen, ob Helga allein in Köln wohnt oder ob sie Mann und Kinder hat.

Unser Sofa ist so ein plüschiges, in dem man leicht versinkt, und so dämmere ich ein wenig weg und träume davon, wie ich nach Köln fahre, an Helgas Tür klingle und sie einfach frage, ob sie schon oder noch einen Mann hat und ob sie nicht zusammen mit mir ein neues Leben anfangen möchte. Sie strahlt, fällt mir um den Hals und ruft, dass sie genau darauf schon seit mehr als zwanzig Jahren wartet. Und dann brennen wir durch nach St. Tropez und sie moderiert im französischen Radio Kochsendungen. In Französisch war sie immer gut und St. Tropez war damals unser Traumziel.

Irgendetwas reißt mich aus meinen Träumen. Es ist die Klospülung. Offenbar ist Mareike wach. Ich habe aber so gar keine Lust, sie jetzt zu treffen, deshalb verhalte ich mich still und versinke noch tiefer in den Kissen. Das mit Helga ist vielleicht doch keine gute Idee. Immerhin haben wir uns damals getrennt – wieso, habe ich vergessen.

Zudem würde das mein eigentliches Problem wohl auch nicht lösen: Daseinsermüdung, wie Horst es treffend beschrieben hat. Ich könnte kündigen, Herrn Dr. Bürger seine Mandate vor die Füße werfen und etwas ganz Neues machen. Blöd nur, dass ich nahezu nichts anderes kann. Außer kochen, das kann ich wirklich.

Giovanni hat mir alles beigebracht, was er konnte, und er konnte ganz schön viel. Und er wusste auch immer Rat, vor allem in Lebens- und Liebesdingen. Dummerweise ist Giovanni der zweitletzte Mensch, den ich jetzt um Rat fragen könnte, obwohl er sicher helfen würde. Vielleicht sollte ich ein Restaurant eröffnen.

Oder doch lieber mit Sarah ein neues Leben anfangen? Sarah ist unvorstellbar schön, geistreich und belebend. Sie wohnt auch nicht in Köln, sondern hier um die Ecke und überhaupt wäre sie perfekt für mich. Dummerweise ist sie die Ehefrau meines zweitbesten Freundes und bislang konnte ich nicht das geringste Anzeichen dafür entdecken, dass sie sich über ein höfliches Maß hinaus ausgerechnet für mich interessieren könnte. Das macht die Sache nicht einfacher. Und ob Sarah Lust hätte, ihren Job in der Philharmonie aufzugeben, um in meinem Restaurant zu kellnern, scheint mir jetzt nicht so überaus wahrscheinlich.

Also doch lieber mit Mareike weitermachen? Wahrscheinlich ist das auch nicht schlechter als mit Helga oder Sarah. Aber genügt dieses auch nicht schlechter?

Einerseits haben wir kein Problem miteinander, andererseits haben wir aber auch wenig miteinander und noch weniger gemeinsam.

Meine Gedanken schweifen ab und ich dämmere schon wieder weg. Vielleicht wird es doch langsam Zeit, ins Bett zu gehen. Mareike ist sicher schon wieder eingeschlafen.

Im Bad blicke ich ernst in den Spiegel und bekleckere meinen Schlafanzug mit Zahnpasta.

„Was ist los mit dir, Ole?“, flüstere ich meinem Gegenüber zu. Und tief in meinem Inneren verschüttet fällt mir nur ein Mensch ein, der mir das sagen könnte.

Jemand, der immer wusste, was ich wollte, oder zumindest, was gut für mich war.

2 Ole und Horst sind also so ungefähr 40 Jahre alt und haben schon oft das Gontscharow besucht, wovon noch die Rede sein wird.

3 Calvin und Hobbes ist ein Comicstrip von Bill Watterson.

4 Der Herr der Ringe ist ein Roman von John R.R. Tolkien.

5 Der dritte Song auf dem gleichnamigen Album „Heroes“ von dem unvergessenen David Bowie.

Kapitel 2: Schwanger

Der Streifen ist milchig-grau und er bleibt es auch. Mareikes Gesichtszüge hingegen erstrahlen zu einem hellen Leuchten.

„Ich bin schwanger!“, stößt sie hervor. „Ich bin tatsächlich schwanger“, und starrt dabei gebannt auf diesen Teststreifen.

„Wie kommst du darauf?“, frage ich nüchtern. „Du hast vor zehn Minuten auf dieses Ding gepinkelt und seitdem ist es grau, es war grau und es bleibt grau. Auf der Packung ist ein Bildchen, da ist der Streifen rot, tiefrot. Also wie kommst du darauf, dass du schwanger bist?“

„Eine Frau spürt so was!“, stellt sie kategorisch fest. „Dafür brauchen wir keinen Test.“

Frauen, selbst die meine, haben mitunter eine seltsame Argumentationsweise. Als ihre Regel zehn Tage überfällig war, meinte sie, das hätte nichts zu bedeuten. Nach zwölf Tagen war sie immer noch entspannt und meinte, es sei vollkommen ausgeschlossen, schwanger zu sein, sie spüre so etwas. Ich fragte mich im Stillen, woher eine Frau spüren könne, nicht schwanger zu sein, wenn sie noch niemals schwanger gewesen war.

Um ihrer etwas schrägen Argumentation noch eins draufzusetzen, meinte sie dann heute, sie brauche sofort einen Schwangerschaftstest, um zu erfahren, was sie sowieso schon wisse, nämlich, dass sie nicht schwanger sei.

„Wo sollen wir denn jetzt, mitten in der Nacht, einen Schwangerschaftstest herbekommen?“, fragte ich, als sie schon unseren Altpapierstapel durchwühlte, um nach dem wöchentlichen Werbeblättchen mit der Liste der Notdienstapotheken zu suchen.

Ich versuchte, ihr zu erklären, dass es sich hier ganz sicher nicht um einen Notfall handle und es demnach keinen Grund gäbe, mitten in der Nacht durch die halbe Stadt zu fahren, einen armen, kurz vor der Pensionierung stehenden Apotheker aus seinem wohlverdienten Schlaf zu klingeln, um einen Schwangerschaftstest zu kaufen. Aber es nützte nichts, in solchen Fällen ist Mareike vollkommen mitleidslos.

Der Apotheker hatte sich sein Schicksal selbst ausgesucht, er hätte ja auch jeden beliebigen anderen Beruf ergreifen können und schließlich verdiente er sein Geld damit.

Auch ich hatte mir mein Schicksal selbst ausgesucht und so fuhr ich mitten in der Nacht durch die halbe Stadt, klingelte einen armen, kurz vor der Pensionierung stehenden Apotheker aus seinem wohlverdienten Schlaf und kaufte ihm einen Schwangerschaftstest ab. Er hatte wohl in den Jahren seines Berufslebens so viele Nachtdienste gehabt, dass er sich nicht einmal über mein Ansinnen wundern wollte.

Und so steht sie nun da, meine Mareike, mit einem Schwangerschaftstest in der Hand, der zweifelsfrei keinerlei Schwangerschaft anzeigt, streicht sich mit versonnenem Blick über ihren nahezu überhaupt nicht vorhandenen Bauch und vermeint, schwanger zu sein.

Und sie hat recht. Frauen spüren so etwas. Eine Woche später hat sie ihre Regel immer noch nicht. Stattdessen werden ihre Gesichtszüge weicher. Das glaube ich zumindest zu erkennen, denn auch Männer, zumindest sensible Männer, erkennen es, wenn mit ihrer Frau eine Veränderung vor sich geht.

Andererseits kann ich es nicht wirklich glauben, da wir schon seit einigen Jahren auf jedwede Art von Verhütung verzichten und bislang nichts Derartiges passiert ist. Und so habe ich mir alle weitergehenden Gedanken verboten. Sowieso weiß ich nicht so recht, was ich davon halten soll.

Gerade eben kommt sie vom Frauenarzt zurück. Sie strahlt mir schon an der Tür entgegen und fällt mir um den Hals.

„Ole, es ist amtlich: Wir bekommen ein Baby!“

Ich drücke sie fest an mich und bin verwirrt. Irgendwie war es zu erwarten, andererseits übersteigt das meine Vorstellung. Mareike zieht eine Flasche Champagner aus ihrer Tasche und überreicht sie mir feierlich.

„Sollten wir Alkohol jetzt nicht besser vermeiden?“, stottere ich hervor.

Sie lacht. „Na ja, zumindest ich sollte. Die Flasche habe ich eben gekauft und wir werden sie trinken, sobald unsere Tochter auf der Welt ist!“

„Tochter?“, stammle ich weiter. „Kann man das jetzt schon erkennen?“

Mareike prustet los. „Mensch Ole, was ist denn los mit dir? Natürlich kann man das nicht erkennen, ich bin in der fünften Woche. Aber ich muss da nichts erkennen. Ich weiß, dass es ein Mädchen wird. Eine Frau spürt so etwas.“

Bislang habe ich mir keine Gedanken darüber gemacht, was besser wäre: ein Junge oder ein Mädchen. Die Leute sagen ja immer Hauptsache, gesund.

Klar, da kann man nicht widersprechen, aber irgendwie scheint mir das schon ein zentraler Unterschied zu sein, ob man den Rest seines Lebens mit einem Sohn und später einem Mann oder einer Tochter und später einer Frau zu tun hat. Mit einem Sohn müsste ich wahrscheinlich später Fußball spielen, und ich hasse alle Arten von Ballsport. Aber wahrscheinlich ist das heute gar nicht mehr so wie früher.

„Freust du dich denn gar nicht?“, reißt mich Mareike aus meinen wirren Gedanken.

„Doch, schon, es kommt nur alles so plötzlich“, erwidere ich und Mareike lacht wieder.

„Wieso das denn? Wir haben doch letzte Woche den Schwangerschaftstest gemacht. Also ich freue mich total. Hatte schon gedacht, das würde bei uns nie mehr klappen. Stell dir vor, wir beide und ein Kind!“

Wie fast immer habe ich Mareikes Euphorie nichts entgegenzusetzen und so langsam springt die Begeisterung auf mich über. So nehme ich sie bei der Hand und ziehe sie in die Küche.

„Ich habe gekocht. Dein Lieblingsnudelgericht!“

Auf dem Tisch stehen zwei Kerzen und zwei große Pasta-Teller. Mareike tut überrascht, obwohl sie weiß, dass ich heute extra früher aus dem Büro nach Hause gekommen bin, um sie zu empfangen.

Der Abend verläuft romantisch wie schon sehr lange nicht mehr. Statt Wein trinken wir Maracuja-Saft, aber das tut der Stimmung keinen Abbruch. Mareike liebt meine Pasta, ist nicht zu bremsen und schmiedet Pläne. In bunten Farben malt sie unsere Zukunft und wie wir von nun an zu dritt durchs Leben spazieren.

Nach dem Essen hält sie lange meine Hand und schaut mir verliebt in die Augen. Dann steht sie auf, kommt auf mich zu und setzt sich auf meinen Schoß. Bevor ich realisiere, dass sie das seit Jahren nicht mehr gemacht hat, beginnt sie, an meinem Ohr zu knuspern. Dann hebt sie ihren Kopf und ihr Gesicht ist nun ganz nah. Mir wird mulmig zumute und bevor ich mich darüber wundern kann, öffnet sie langsam die Lippen, fährt mit ihrer Zunge sanft darüber und neigt ihren Kopf weiter nach vorn, sodass sich unsere Lippen fast berühren.

Wir kennen uns seit siebzehn Jahren, kommt es mir in den Sinn, aber ich bin aufgeregt wie beim ersten Mal. Mareike zögert noch einen Moment, bevor ihre Lippen sanft die meinen berühren und wir uns lange, leidenschaftlich und ausdauernd küssen.

Irgendwann lösen wir uns notgedrungen voneinander. „Ich liebe dich, aber mir sind beide Füße eingeschlafen.“

„Ich weiß und ich denke, du solltest dich hinlegen und deine Füße schonen“, kichert Mareike. Sie rutscht von meinem Schoß und haucht mir einen Kuss auf die Wange. „Ich geh schon mal vor. Komm nach, sobald du wieder laufen kannst.“

Während ich noch auf dem Stuhl sitze, höre ich sie im Bad herumwerkeln. Ich bin total verschossen und schäme mich, dass ich vor einigen Wochen noch darüber sinniert habe, ob ich nun besser mit Helga oder mit Sarah durchbrennen sollte.

Vielleicht ist das hier mein neues Leben. Bald werden wir mehr gemeinsam haben, als man je gemeinsam haben kann. Meine existenzialistischen Gedanken werden jäh unterbrochen, als ich Mareike aus dem Bad kommen höre.

Etwas mühsam richte ich mich auf, trinke noch einen Schluck Maracujasaft und hinke ins Schlafzimmer. Auf dem Weg fällt mir ein, dass ich morgen früh Horst anrufen und mich für mein neues Leben bedanken muss.

Ich blinzle, die ersten Sonnenstrahlen des Tages kitzeln mich in der Nase. Ich drehe meinen Kopf ein wenig zur Seite. Irgendwo zwischen oberflächlichem Schlaf und dämmriger Wachheit plätschern wirre Bilder durch mein Gehirn. Eine lachende Kinderschar, eine dicke Mareike, ein stolzer Vater, ein schreiendes Baby, ein wunderschönes Mädchen, eine junge Mutter mit Kindern, eine alte Frau. Schwerfällig drehe ich mich auf die andere Seite.

Die Sonnenstrahlen beleuchten Mareikes Gesicht. Die Bettdecke hat sie bis unter ihr Kinn gezogen, sodass nur ihr Kopf und eine zarte schlanke Hand hervorschauen. Ich blinzle wieder und versuche, ihr Gesicht zu betrachten, sehe es jedoch nur verschwommen vor mir. Die ersten Takte von Purple Rain sprudeln aus meinem Handy. Zeit aufzustehen.

Einen kurzen Moment später rasselt Mareikes riesiger, altmodischer Aufziehwecker los, der auf ihrem Nachttisch steht und fortwährend und immerzu, Tag und Nacht, ein ohrenbetäubendes Klack-Klack von sich gibt, das im ganzen Raum zwischen den Wänden widerhallt, bis dann irgendwann ein kleines metallenes Hämmerchen in einer wahnwitzigen Geschwindigkeit zwischen zwei oben auf dem Wecker angeschraubten Glöckchen hin und her schwingt, so lange, bis Mareike hinreichend wach ist, um ihren Arm auszustrecken und mich und die Welt von dem Höllenlärm zu befreien – erst dann bin auch ich richtig wach.

Mareike blinzelt und lächelt.

„Guten Morgen, meine Schöne“, begrüße ich sie und den Tag.

„Heute so charmant? Was ist los mit dir?“, antwortet sie.

„Ich glaub, ich bin verliebt“, säusle ich.

Mareike lacht. „Hieß so nicht das Theaterstück, das ihr mal in der Schule aufgeführt habt?“

„Ja, glaub schon, aber das meinte ich gar nicht“, entgegne ich etwas konfus, sammle mich aber schnell wieder. „Ich meine, so nah wie heute Nacht fühlte ich mich dir schon sehr lange nicht mehr.“

„Das ging mir auch so und ich kann das alles immer noch nicht fassen. Ich habe mir so sehr ein Kind gewünscht, ein Kind von dir und mit dir. Vielleicht ist das unsere Chance, wieder mehr zueinander zu finden und unseren Weg weiter gemeinsam zu gehen.“

Bevor ich etwas erwidern kann, springt Mareike einem spontanen Impuls folgend aus dem Bett.

„Ups, ich bin zu spät. Gelieve te vergeven – ich muss zur Schule, wir reden später.“

Einer Gazelle ähnlich, verschwindet sie im Bad. Ich falle zurück in mein Kissen und vergegenwärtige mir noch einmal ihre Worte.

Später im Büro sitze ich am Schreibtisch und blicke durch das Fenster auf die Stadt, genauer gesagt, auf den weniger schönen Teil davon, den ich von hier aus sehen kann. Ich bin erschöpft, verwirrt und kann mich nicht konzentrieren. Irgendwie bin ich überwältigt von der Nacht und von der neuen Mareike, die eigentlich wie die alte ist, aber irgendwie auch nicht.

Hat sie vielleicht recht, ist das Baby unsere Chance, wieder zueinander zu finden?

Aber ist es fair, diesem kleinen Wesen gleich zum Start die ganze Verantwortung für das Glück seiner Eltern aufzubürden?

Meine Gedanken pendeln zwischen Euphorie – schwanger, ein Baby, neues Leben – und der Bedeutungsschwere dieses Ereignisses: Wir erwarten ein neues Leben, werden Eltern, werden vielleicht selbst erwachsen, werden eine richtige Familie.

Sogleich überfällt mich eine gewisse Panik. Bekommen wir das hin? Kann ich das leisten: Vater sein? Das Verhältnis zu meinem eigenen Vater war nie ganz leicht, und ich fürchte sehr konkret, nicht wirklich zu wissen, wie ich es besser machen sollte als er.

Als junger Mensch suchte ich immer nach anderen Vater-ähnlichen Figuren und fand sie auch in gewisser Weise in Bert oder Giovanni. Aber genügt das? Warum gibt es eigentlich keine Vater-Schule?

Mir fällt ein, ich muss Horst anrufen und mich für mein neues Leben bedanken, obwohl ich nicht weiß, ob es wirklich das ist, was ich mir ausgesucht hätte.

„Hi Alter, danke für mein neues Leben“, rufe ich ins Telefon. Horst versteht natürlich nicht recht, also kläre ich ihn auf.

„Mareike ist schwanger, wir werden Eltern und ich werde Vater!“

Horst ist überrascht, reagiert aber souverän.

„Schön, dass es schon geliefert wurde. Ich hoffe, ich habe das Richtige für dich ausgesucht.“

Damals nach den Sommerferien trafen wir uns auf der Keksschule wieder. Alle aus meiner Grundschulklasse, die es auf das Gymnasium geschafft hatten, kamen in die 5a. Horst und ich setzten uns nebeneinander und versuchten, die anderen aus unserer Grundschulklasse nach Möglichkeit zu ignorieren.

Das gelang uns so lange ganz gut, bis wir anfingen, uns für Mädchen zu interessieren. Die Nachmittage verbrachten wir meist in dem kleinen Park neben unserer Schule. Oft lagen wir auf der großen Wiese und sprachen über Musik oder Filme oder Comics.

Wie fast alle Zehnjährigen hatten wir die Beatles geliebt, aber nach und nach dann richtige Musik entdeckt, wie Horst sich ausdrückte. Ich fand das ein bisschen gemein den Beatles gegenüber, aber ich verstand, was er meinte.

Wenn es regnete, gingen wir zu Horst. Er wohnte in einem Haus nicht weit von der Schule entfernt und hatte ein großes Zimmer. Vor allem aber hatte er Zugriff auf alle Arten von Musik, denn sein Vater war ein großer Musikliebhaber. Er hatte sogar ein eigenes Musikzimmer, in dem jedoch keine Instrumente zu finden waren, sondern eine sehr edle und teure Stereoanlage mit vier Lautsprecherboxen, die jeweils ein ganzes Stück größer waren als wir damals, sowie eine unvorstellbare Plattensammlung. In dem Raum gab es keine Möbel bis auf einen alten schweren Sessel auf einem hölzernen Podest in der Mitte des Zimmers.

Als ich Horsts Vater kennenlernte, fand ich ihn ein wenig verrückt, war aber zugleich auch fasziniert. Er muss so um die vierzig gewesen sein, hatte langes braunes Haar, das ihm auf die Schultern fiel, trug stets sehr schmal geschnittene Jeans, niemals Socken, und ausnahmslos T-Shirts von irgendwelchen Rockbands. In allem war er vollständig anders als mein Vater. Bei unserer ersten Begegnung trug er ein verwaschenes T-Shirt, auf dem ein Bild mit einem brennenden Zeppelin zu sehen war.

Auf meine Nachfrage erklärte mir Horst später, dass es das Cover des ersten Albums der Band Led Zeppelin darstellte.

Horsts Vater reichte mir die Hand.

„Hallo, du musst Ole sein. Hab schon viel von dir gehört.“ Bevor er weitersprach, strich er sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Ich bin Albert, aber sag einfach Bert zu mir.“

„Guten Tag, Herr Konoplyanka“, erwiderte ich verdutzt.

„Ole, wenn wir Freunde werden wollen, und das wollen wir bestimmt, dann sollten wir gleich zum du übergehen.“ Dann verschwand er grinsend in seinem Musikzimmer.

Horst verdrehte die Augen und zog mich in sein Zimmer.

„Ein wenig verrückt, mein Alter, aber sonst ein gutes Typ. Er erträgt es nicht gut, älter zu werden, deshalb zieht er diese Jugendlichen-Show ab.“

Horsts Zimmer war riesig im Vergleich zu meinem und er hatte eine Musikanlage und einen eigenen Fernseher. Hier schauten wir zusammen Star Trek – The next generation und flogen zusammen mit Captain Picard und Commander Data durch die Galaxis. Die meiste Zeit jedoch zappten wir uns durch diverse Musiksender, vor allem MTV, und lernten die wunderbare Welt der Musik jenseits der Beatles kennen.

Mit der Zeit entwickelten wir große Leidenschaften für Depeche Mode, die Simple Minds, The Cure. Dave Gahan, Jim Kerr und Robert Smith waren unsere neuen Helden. Wir genossen das Schweigen, lebten den neuen goldenen Traum und lernten, dass Jungs nicht weinen.

Das Genialste jedoch, was wir damals erlebten, waren Faith no more live at the Brixton Academy. Wir hatten das Konzert in voller Länge und Schönheit auf MTV gesehen und waren über alle Maßen beeindruckt. Das war pure Energie und große Kunst und der Höhepunkt für uns war der Moment, wo Mike Patton mit dem Helm eines englischen Bobbys auf dem Kopf beim Finale von Epic über die Bühne stampfte.6

Wichtiger als sein Zimmer war Horst jedoch der riesige Garten, in dem er sich die allermeiste Zeit aufhielt. Im hinteren Teil, ziemlich weit weg vom Haus, hatte er ein geräumiges Zelt aufgebaut, in dem er fast den ganzen Sommer hindurch übernachtete.

An den Wochenenden sowie in den Ferien kam ich gern dazu. Lange, bevor der Spruch von einem Outdoor-Shop als Werbeslogan populär gemacht wurde, lebte Horst sein Lebensmotto Draußen zu Hause.

An dem Tag, an dem ich Horsts Vater kennengelernt hatte, schaute am Abend seine Mutter in seinem Zimmer vorbei und fragte, ob wir etwas essen mochten. Das mochten wir und taten es in den folgenden Jahren noch sehr oft.

Und so saßen wir zu viert am Küchentisch und aßen gemeinsam. Das kannte ich von zu Hause nicht, da mein Vater immer erst spät von der Arbeit kam. Horsts Mutter stellte sich als Victoria vor, meinte aber, ich könne auch Frau Konoplyanka sagen, wenn mir das lieber wäre.

Horsts Vater, also Bert, rollte die Augen und nahm sich noch eine Scheibe Brot aus dem Korb.

Unwillkürlich musste ich lachen.

„Heißen Sie beide wirklich Victoria und Albert?“

Jetzt mussten die anderen drei auch lachen.

„Ja, drollig, nicht wahr?“, meinte Horsts Mutter. „Und früher nannte mein Mann mich auch seine Königin, aber das ist schon lange her.“

Ziemlich falsch, aber dafür sehr laut, begann Bert einen alten Song von den Kinks zu singen.

„Land of my Victoria, land of hope and gloria …“, bis wir alle vor Lachen unter dem Tisch lagen.

„Und woher stammt Ihr Nachname?“, fragte ich neugierig, als wir uns alle wieder beruhigt hatten.

„Das ist eine lange Geschichte“, führte Bert aus. „Mein Vater, also Horsts Opa, stammt ursprünglich aus der heutigen Ukraine und war im Krieg mit der sowjetischen Armee nach Deutschland gekommen. Hier traf er meine Mutter und ist dann aus Liebe gleich hiergeblieben.“

Später erzählte Horst dann auch noch, wie er zu seinem Vornamen gekommen war.

„Mein Opa lebt im Ruhrgebiet und hatte dort früher eine Kneipe, in der mein Vater quasi aufgewachsen ist. Die Kneipe befand sich direkt gegenüber einem Stahlwerk und der Stadtteil hieß daher Stahlhausen. Die Straße hieß irrigerweise Alleestraße, obwohl es dort weit und breit keinen Baum gab. Im Ruhrgebiet heißen nicht alle, aber so ziemlich fast alle Männer Horst. Und aus einem nostalgischen Impuls heraus, wie mein Vater das nannte, wollte er seinen Erstgeborenen gern Horst nennen. Meine Mutter war damit natürlich nicht einverstanden, sie hatte sich bereits für Leander entschieden. Meine Eltern lösten das Problem auf ihre Weise und spielten eine Runde Schnick-Schnack-Schnuck. Mein Vater gewann drei zu zwei, und so nannten sie mich Horst. Bis zum heutigen Tag bin ich meinem Vater über alle Maßen dankbar dafür, dass er gewonnen hat.“

Nach der langen Rede boxte er seinem Vater freundschaftlich gegen die Schulter, während seine Mutter drohend ihren Finger in die Luft hob.

„Vorsicht, Freundchen, sonst erzähle ich deinem Freund, wie dein zweiter Vorname lautet.“

Das tat sie dann aber doch nicht.

Erst viele Jahre später bei der feierlichen Abiturvergabe, als Horst als Erster aufgerufen wurde, erfuhr ich seinen vollen Namen: Horst Leander Konoplyanka.

6 Siehe zum Beispiel: (ab 2:40) https://www.youtube.com/watch?v=dTB2qDd1yGg&list=PLA633DB280076FED9&index=8

Kapitel 3: Pärchen-Abend

Wir sitzen im Auto. Mareike fährt. Ich hasse Auto fahren und vermeide es, so gut es geht. Mareike liebt Auto fahren und selber fahren. Sicher deshalb, weil es auf Vlieland, wo sie aufgewachsen ist, keine Autos gibt und Mareike zum ersten Mal mit sechzehn in einem Auto saß. Und so fährt sie auch.

Ich klammere mich an die Halteschlaufe über meinem Kopf und mir ist leicht schwindelig. Das hat sicher mit ihrer Fahrweise zu tun, aber auch mit meiner neuen Verliebtheit. Sie ist wunderschön hinter dem Lenkrad und seit sie schwanger ist, sehe ich sie mit anderen Augen.

Dabei sieht man noch nichts. Ich bilde mir ein, ihre Wangen wären rosiger als sonst. Überhaupt wirkt sie glücklich und ganz bei sich und ich genieße es und starre sie an.

„Was ist“, fragt sie. „Was schaust du so?“

„Nichts ist“, erwidere ich. „Ich schaue dich nur an.“

„Genieß es, solange ich noch nicht völlig aus dem Leim gegangen bin. Bald hast du nur noch ein dickes Muttertier bei dir zu Hause sitzen und dann guckst du mich sicher nicht mehr an – zumindest nicht so wie jetzt.“

„Wieso – wie gucke ich denn jetzt?“

„Du weißt genau, was ich meine!“

Ich erröte und komme ins Grübeln. Wie wird das wohl, wenn erst unser Kind auf der Welt ist? Wird sich zwischen uns alles ändern? Werde ich das Muttertier noch so sexy finden?

Mareike bremst abrupt, ich kippe nach vorn.

„Was ist?“, presse ich hervor.

„Die Ampel ist gerade auf Rot gesprungen.“

„Na und? Das stört dich doch sonst auch nicht.“

„Sehr witzig. Das nächste Mal kannst du selber fahren.“

Das sagt sie immer, setzt sich dann aber beim nächsten Mal doch wieder ganz selbstverständlich ans Steuer.

Wir fahren zu Sarah und Fabian. Fabian war mit mir auf dem Gymnasium in derselben Stufe. Ich hatte nie viel mit ihm zu tun, kannte ihn kaum. Er war ein übler Streber, in allen Fächern sehr gut, vor allem in Mathe, Physik und all den anderen Horrorfächern. Dazu trug er Cordhosen und war in der Jungen Union. Wir anderen fanden das irgendwie eklig. Beides, Cordhosen und die Junge Union.

Trotz beidem hatte Fabian einen ungeahnten Schlag bei den Frauen. Die allerschönsten Mädchen unserer Stufe standen Schlange, um eine Audienz bei ihm zum nachmittäglichen Mathelernen zu bekommen, und er nutzte das gnadenlos aus. Mit Bedacht und vortrefflichem Geschmack wählte er jene Mädchen, denen er einen kurzen, aber für die nächste Matheklausur ausreichenden Blick in seine verschwurbelten Hirnwindungen gewährte.

Tatsächlich gelang all jenen, denen er seine Gunst gewährte, mindestens eine drei in der nächsten Mathearbeit. Wir anderen konnten es nicht glauben, waren über alle Maßen neidisch auf ihn und malten uns in bunten Farben aus, was er wohl nach dem Mathelernen mit den Mädchen machte.

Als wir in der zwölf waren – manche der älteren Lehrer nannten das noch Unterprima – und uns für sehr links hielten, wollten die Jungs vom Ortsverband der Jungen Union eine Basisgruppe der Schüler Union an unserer Schule gründen. Eine Woche lang hingen überall die Einladungszettel zur Gründungsversammlung herum und wir überlegten, was wir wohl tun könnten, um den guten Ruf unseres ehrwürdigen Gymnasiums zu verteidigen.

Horst war damals Schülersprecher und fühlte sich besonders dafür verantwortlich, in der Sache etwas zu unternehmen. Und Horst hatte einen Plan, sammelte ein paar Gleichgesinnte um sich, und so enterten wir mit einem Dutzend langhaariger Kiffer die Gründungsversammlung in einem Klassenraum.

Die Cordhosen-Träger waren nur acht und Fabian war einer von ihnen. Die Versammlung verlief dann ganz anders, als sie es erwartet hatten, und dafür genauso, wie Horst es geplant hatte: Zuerst wurde die Basisgruppe gegründet und dann ließ Horst sich auch gleich zum Vorsitzenden wählen.

Dann wurden drei Anträge gestellt, die auch sofort eine Mehrheit bekamen. Zuerst wurde entschieden, dass die neue Basisgruppe der Schüler Union sich für die Legalisierung von Cannabis einsetzen sollte. Als zweites wurde die Unvereinbarkeit der gleichzeitigen Mitgliedschaft in der neu gegründeten Basisgruppe und der Jungen Union beschlossen. Bevor es dann aber zu den ersten formalen Ausschlussverfahren kommen konnte, bekam der dritte Antrag auf sofortige Auflösung der Basisgruppe eine ausreichende Mehrheit. Damit war das Thema Geschichte, der Ruf unserer Schule gerettet, und Horst prahlte noch Jahre später damit, dass er für ganze zehn Minuten Vorsitzender einer Basisgruppe der Schüler Union gewesen sei.

Beim 10-jährigen Abiturtreffen trafen wir Fabian wieder. Zunächst erkannten wir ihn gar nicht. Erst als irgendein vermeintlich unbekannter Typ die Sache mit der Basisgruppe erzählte, wurden wir aufmerksam. Tatsächlich war es Fabian. Anstatt Cordhose trug er nun Jeans und eine Nickelbrille und erzählte die Geschichte noch viel lustiger, als wir sie in Erinnerung hatten.

Horst hörte sich das eine Weile aufmerksam an, erkannte ihn und wurde sauer.

„Ey, du Pfosten! Du warst damals auf der anderen Seite bei den Typen von der Jungen Union.“

Fabian schenkte ihm ein überhebliches Grinsen. „Klar doch, daher weiß ich es noch so genau.“

Später erzählte er, dass er nur wegen Nicole dabei gewesen war. Sie war gut in Mathe und daher auf die übliche Art nicht zu bekommen. Daher versuchte er es auf diese Art, was wohl auch geklappt hatte. Zumindest waren die beiden bis zur nächsten Mathearbeit ein Paar.

Fabian hatte tatsächlich Mathematik studiert und schrieb nun an seiner Doktorarbeit. Horst fragte, ob er Arzt werden wolle, und Fabian verdrehte die Augen. Ich hatte mein Studium beendet und bereits einen Job und fühlte mich deshalb etwas überlegen. Im Laufe des Abends lernten wir uns näher kennen, und irgendwie war er ein guter Typ.

Die Cordhosen hatte seine Mutter ihm vorgeschrieben und uns hatte er wegen unserer Coolness beneidet. Sagte er jedenfalls, aber vielleicht wollte er auch nur nett sein. Auf jeden Fall tauschten wir Telefonnummern aus und trafen uns mal wieder. Im Laufe der Jahre entwickelte sich daraus eine echte Freundschaft zwischen uns dreien, wobei immer allen klar war, dass Horst und ich irgendwie Zwillinge waren und Fabian unser neuer Freund. So waren wir nun seit zehn Jahren zu dritt unterwegs und auch als Ehemänner trafen wir uns häufiger zu dritt oder zu Pärchen-Abenden.

Mareike bremst schon wieder und wir sind da.

Vor der Tür streiten wir kurz, wer die Weinflasche überreichen soll. Ich drücke mich immer davor und Mareike weigert sich theatralisch, meinen Freunden unser Geschenk zu überreichen, macht es dann aber doch.

Sarah öffnet uns die Tür und ich bin geblendet. Seit ich Sarah kenne, bin ich ein bisschen verliebt in sie, vielleicht weil sie so ganz anders ist als Mareike. Sarah hat braunes Haar, ist schlank und eher klein und sehr anmutig. Sie hat eine wunderbare Art, sich zu bewegen, wirkt immer etwas ätherisch und zerbrechlich.

Eigentlich ist sie eine Ballerina. In ihrer Jugend besuchte sie ein Gymnasium, an dem man parallel zum Abitur eine Tanzausbildung machen konnte, und so ging sie nach der Schule zu einer Tanzcompanie. Aus mir nicht näher bekannten Gründen verließ sie diese nach einem halben Jahr. Fabian hatte mal angedeutet, der Ballettmeister hätte sie belästigt, was wohl in der Branche nicht ganz unüblich wäre. Nach einem weiteren Versuch in einer kleinen Companie und zahllosen Bewerbungen bei renommierteren Ensembles verfiel sie in tiefe Verzweiflung.

Nach einem Jahr der Krise und Selbstfindung, wie sie es nannte, begann sie ein Musikstudium. Im Alter von sechs Jahren hatte sie angefangen, Cello zu spielen, und nach einem Dutzend erfolgloser Aufnahmeprüfungen bekam sie doch noch einen Studienplatz an einer mittelmäßig renommierten Musikhochschule.

Heute spielt sie Cello im Symphonieorchester unserer Stadt und ist strahlend schön. Immer, wenn ich Sarah sehe – wirklich immer und ich kann nichts dagegen tun – kommt mir ein sehr früher Song von Udo Lindenberg in den Sinn: Du spieltest Cello in jedem Saal in unserer Gegend, ich saß immer in der ersten Reihe und fand dich so erregend.

Sarah lächelt uns freundlich zu, bedankt sich für den Wein, gibt uns je zwei Küsschen auf die Wange und bittet uns herein. Sie trägt einen knöchellangen dunkelblauen Rock aus einem leichten, seidigen Stoff, dazu eine cremefarbene Bluse mit Rüschen. Fabian kommt und umarmt uns beide. Er trägt eine Schürze, auf der Chefkoch steht und in der er ein wenig albern aussieht.

„Hast du heute gekocht?“, frage ich ihn.

Er lacht laut auf. „Nein, keine Sorge! Sarah hat gekocht und wollte sich noch eben umziehen. Ich halte derweil nur die Töpfe warm und rühre die Soßen um. Hallo schoonheid, je ziet er weer prachtig uit vandaag,“ ergänzt er an Mareike gewandt.

Mareike lacht und ich schaue überrascht.

„Seit wann kannst du Niederländisch?“

„Gar nicht“, antwortet er. „Aber gestern hat mir ein Kollege, dieses neue selbstlernende Übersetzungsprogramm7 gezeigt, an dem er mitarbeitet, und das habe ich dann gleich mal ausprobiert.“

„Das klang ziemlich richtig und sauber ausgesprochen“, lobt Mareike ihn.

Fabian bedankt sich für das Kompliment und deutet auf eine offene Tür. „Sarah und ich brauchen noch einen Moment in der Küche, geht doch schon mal ins Wohnzimmer.“

Mareike fragt, ob sie vielleicht helfen könne, und verschwindet mit Fabian in der Küche.

Im Wohnzimmer treffe ich die Söhne des Hauses. Jarne, der jüngere der beiden, hat sich mit einem Buch in einen der Sessel gekuschelt.

„Na, Großer, was liest du?“, frage ich gespielt locker.

Jarne hebt den Kopf. „Hi Ole, lange nicht gesehen.“ Er klappt das Buch zu, hebt es in die Höhe und zeigt mir die Vorderseite. Caius‘ Abenteuer im alten Rom.8

„Eine gute Wahl, das habe ich vor langer Zeit auch gelesen. Muss echt alt sein.“

Jarne nickt nur und vertieft sich wieder in das Buch. Auf dem Sofa liegt Ben. Wegen der Kopfhörer, die er trägt, hat er das Gespräch nicht mitbekommen und mich erst jetzt bemerkt.

„Na, Ben, wie gefällt es dir auf der Keksschule?“, frage ich, obwohl ich nicht weiß, ob er mich hört, da die Kopfhörer nach wir vor auf seinen Ohren kleben.

„Ganz okay!“

Offenbar hat er mich doch gehört.

„Und was hörst du gerade?“, versuche ich, etwas Schwung in unsere Unterhaltung zu bringen.

„Linkin Park“, antwortet er knapp und ergänzt noch: „Hybrid Theory.“

„Cooles Album, schon älter, aber immer noch gut“, schwurble ich unbeholfen herum. „Zu blöd, dass Chester Bennington tot ist“, fällt mir noch ein und ich komme mir gleich ziemlich bescheuert vor.

Aber Ben ist da offenbar entspannt.

„Klar, aber noch blöder ist, dass sie seitdem kein Album mehr veröffentlicht haben.“

Das Gespräch läuft deutlich in die falsche Richtung und mir fällt auch nichts mehr ein, was ich noch sagen könnte.

Zum Glück befreit mich Sarah, indem sie zum Essen ruft und die Jungs auffordert, nun die Phase zwei anzugehen. Keine Ahnung, was sie damit meint, aber die Jungs scheinen zu verstehen, erheben sich schwerfällig von ihren Plätzen und verschwinden im hinteren Teil des Hauses. Vielleicht ist das mit Mädchen doch einfacher, denke ich, muss mich aber gleich wieder korrigieren, wenn ich an die Mädchen meiner Jugend denke.

Das Essen ist fabelhaft. Wir sitzen am großen Holztisch, der ohne Tischdecke auskommt und auf dem unzählige Kreise von zahlreichen Trinkgelagen zeugen. Sarah trägt kleine weiße Perlenohrringe und ihr langes braunes Haar offen. Sie hat sich nicht geschminkt, zumindest nicht erkennbar. Nur ihre Fingernägel glänzen rosa, wenn sie das Weinglas an ihren Mund führt und ihren kleinen Finger ein ganz klein wenig abspreizt.

„Wie läuft es denn im Orchester?“, fragt Mareike.

Sarah verzieht das Gesicht. „Furchtbar, frag nicht! Aktuell proben wir das Cellokonzert von Edward Elgar. Das ist eigentlich ganz schön, aber in der letzten Probe kam die Solistin dazu und die ist wirklich schrecklich.“

Sarah erkennt die Fragezeichen in unseren Gesichtern und führt weiter aus.

„Sie ist ein internationaler Star und findet sich ganz toll. Deshalb muss sie uns Tuttischweine auch nicht weiter beachten.“

Mareike lacht los. „Tuttischweine? Was ist das denn?“

„So nennt man die Musiker, die keine Soli haben und daher immer alle, also Tutti spielen“, erläutert Fabian.

„Und warum Schweine?“, frage ich.

„Na, weil die Solisten sie so behandeln“, erwidert Sarah genervt, beruhigt sich aber gleich wieder. „Ach, das stimmt so auch nicht. In der letzten Saison haben wir das erste Klavierkonzert von Johannes Brahms aufgeführt, mit Hélène Grimaud am Klavier, und die war supernett zu uns allen. – Mögt ihr noch Wein?“

„Lieber noch etwas Maracujasaft“, antwortet Mareike, und Sarah verschwindet in der Küche, um Saft und Wein zu holen. Ihre Bewegungen sind so geschmeidig, dass ich meinen Blick nicht von ihr lassen kann, bis ein Tritt unter dem Tisch mich aus meinen erotischen Gedanken reißt. Mareike grinst mich breit an.

„Was gibt es bei dir Neues, Fabian?“, fragt sie.