Papperlapapp - Stefan Schumacher - E-Book

Papperlapapp E-Book

Stefan Schumacher

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Beschreibung

Fabian ist 42 und hat sich irgendwo im Nirgendwo verlaufen und findet nicht zurück zu seinem Leben. Seine Frau Sarah ist gerade mit den beiden Söhnen ausgezogen, er ist in einen internationalen Finanzskandal verwickelt und wird von brutalen Rockern bedroht. Ausgerechnet seine Jugendliebe, die Reporterin Penny, ist die einzige, die noch zu ihm steht. Mit ihr zusammen versucht er der Sache auf den Grund zu gehen und verstrickt sich dabei immer tiefer in einem Sumpf aus Lügen, Betrug und Gewalt. Versicherungsbetrug einmal anders herum. Angefangen hatte alles mit ein bisschen Bilanzkosmetik, um das Versicherungsunternehmen nach außen ein wenig besser aussehen zu lassen als die Konkurrenz. Aber in Zeiten niedriger Zinsen und schwieriger Kapitalmärkte wachsen sich die Verluste nach und nach zu einem echten Problem aus. Die Anfangs kleine Gruppe von Bilanzfälschern um den Bereichsleiter Dr. Blumfeld wird stetig größer und sieht sich gezwungen, immer neue Tricks und Kniffe anzuwenden, um die Insolvenz des gesamten Versicherungskonzerns zu verhindern. Viel zu spät bemerken sie, dass noch ganz andere Mächte dabei ihre Finger im Spiel haben.

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Seitenzahl: 433

Veröffentlichungsjahr: 2021

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für David & Arne

„Money, it's a crime, share it fairly but don't take a slice of my pie“

Roger Waters

Inhaltsverzeichnis

Epilog: Gewonnenes Paradies

Prolog: Verlorene Daten

Kapitel 1: Überraschender Besuch

Intermezzo: Flimmernde Zahlen

Kapitel 2: Premiere

Intermezzo: Der Pakt

Kapitel 3: Pärchenabend

Intermezzo: Weihnachtsfeier

Kapitel 4: Headliner

Intermezzo: Taxi zum Flughafen

Kapitel 5: Gontscharow 41

Intermezzo: Schattenmänner

Kapitel 6: Die Dinge geraten ins Wanken

Intermezzo: Tigerstaaten

Kapitel 7: Verdacht

Intermezzo: Squash

Kapitel 8: In der Sackgasse

Intermezzo: Hamlet

Kapitel 9: Verletzungen

Intermezzo: Die eiserne Lady

Kapitel 10: Überraschungen

Intermezzo: Aus dem Ruder gelaufen

Kapitel 11: „Verfolgt das Unrecht nicht zu sehr“

Kapitel 12: Aufgeflogen

Kapitel 13: Platons Ideenlehre

Intermezzo: Irgendwo im Nirgendwo

Kapitel 14: Rock-n-Roll

Kapitel 15: Am Vorabend

Kapitel 16: Die Zusammenkunft

Intermezzo: Der Turm stürzt ein

Kapitel 17: Helden für einen Tag

Intermezzo: Der Kommissar

Kapitel 18: Kurzer Prozess

Kapitel 19: Rapunzelsalat

Epilog Reprise: Gewonnenes Paradies

Nachwort

Playlist

Aus den NSA-Protokollen

Postcredit

Epilog: Gewonnenes Paradies

1Der Flieger dreht noch eine Schleife über Manhattan, bevor er zur Landung auf dem John F. Kennedy International Airport ansetzt. Wie immer sitzt er am Fenster, interessiert sich jedoch weniger für den Ausblick als für die blonde Stewardess in ihrer niedlichen Uniform und den blauen Strümpfen, die gerade an ihm vorbeigeht.

Mit einer Hand winkt er ihr zu und hält mit der anderen das Glas in die Höhe, wackelt kurz damit, sodass die Eiswürfel darin klimpern. Sie versteht sofort und bringt eilig noch einen weiteren Whisky, bevor sie sich auf den Notsitz neben ihre Kollegin setzt und für die Landung anschnallt.

Das liebt er so an der ersten Klasse und er kann sich nicht vorstellen, jemals anders geflogen zu sein. Zu seinem Glück muss er das auch nicht.

Seine wenigen Möbel sowie einige persönliche Sachen sind bereits im Container über den Atlantik gereist, sodass er heute nur eine Tasche dabeihat und sich nicht in die Schlange am Gepäckband stellen muss.

Am Ausgang des Terminals findet er schnell den Fahrer, der ein Schild mit seinem Namen hochhält und ihn zu einer Limousine führt, die ihn rasch und bequem in die Hamptons bringt.

Nach gut zweistündiger Fahrt über den Sunrise Highway erreichen sie Bridgehampton. Als sie die lange Auffahrt hinauffahren, sieht er das Personal vor seinem neuen Strandhaus aufgereiht stehen. Ein knappes Dutzend Menschen, deren Job es ist, ihm das Leben angenehm zu gestalten.

Sofort nach seiner Ankunft macht er einen Rundgang durch das Haus, bei dem er sich vergewissert, dass alles dort ist, wo es hinsoll. Eine alte Gewohnheit von ihm, die er sich dringend abgewöhnen sollte. Er muss nun nicht mehr alles kontrollieren; er kann die Dinge einfach laufen lassen und darauf vertrauen, dass sie sich in seinem Sinne entwickeln werden. Alles eine Frage des Geldes.

Später am Strand genießt er den Blick auf den Atlantik, den er bislang nur von der anderen Seite kennt. Eigentlich sieht der Ozean genauso aus wie in Frankreich oder Portugal, aber irgendwie fühlt es sich hier besser an. Er macht einen bewussten Atemzug und saugt die warme Meeresluft ganz tief ein. Er ist am Ziel.

Na ja, nicht ganz. Etwas fehlt ihm noch zu seinem vollkommenen Glück. Besser gesagt: Jemand, der es mit ihm teilt.

Nach einem längeren Spaziergang am Strand entlang und an den Villen vorbei kehrt er um und entdeckt ganz in der Nähe seines Hauses eine Strandbar, auf die er geradlinig zusteuert.

Dort tummelt sich ein Haufen junger Leute, und die Stimmung scheint gut. Aus zwei kleinen Lautsprechern, die am Vordach befestigt sind, dringt leise, angenehme Musik an sein Ohr.

Hinter der Theke beobachtet er zwei smarte junge Barkeeper in eleganten weißen Anzügen, die mit übertriebenen Gesten Cocktails für ihre Kunden mixen.

Ein wenig abseits, am Ende der Theke, entdeckt er eine junge Frau in einem langen roten Sommerkleid. Der Wind spielt mit ihrem blonden Haar, das sie immer wieder mit ihrer kleinen zarten Hand aus dem Gesicht streicht.

Er steuert direkt auf sie zu und fragt sie, was sie trinken möchte.

Sie antwortet nicht gleich, sondern dreht sich zu ihm um und schaut ihm direkt ins Gesicht.

„Eine Bloody Mary“, sagt sie, als hätte sie diese Frage erwartet.

An der Bar besorgt er eine Bloody Mary und einen Caipirinha.

Nachdem sie auf den Weltfrieden angestoßen haben, führt sie ihr Glas langsam zum Mund, der dieselbe dunkle rote Farbe hat wie ihr Cocktail.

Mit der Zunge leckt sie über ihre Lippen. Er betrachtet sie eingehend von der Seite und stellt sich vor, wie er sie später vielleicht küssen wird.

Sie stellt das Glas vor sich ab und nimmt eine Zigarette aus der Schachtel. Er gibt ihr Feuer, sie nimmt einen tiefen Zug.

So stehen sie eine Weile und schauen schweigend aufs Meer.

1 Normalerweise beginnt ein Roman mit einem Prolog (kommt gleich auch noch) oder sofort mit dem ersten Kapitel. Dieser Text beginnt mit dem Ende der Geschichte, das ganz am Schluss noch zweimal aufgegriffen wird.

Prolog: Verlorene Daten

Der Atem des Mannes riecht nach Knoblauch. Eigentlich mag Penny2 Knoblauch sehr gern, nur heute Nacht ist ihr nicht danach.

Das fleischige Gesicht des dicken Mannes ist ihrem nun ganz nah und das Messer in seiner Hand pikst an ihrem Hals.

„Gibt es weitere Kopien?“, schreit er in ihr Ohr und gibt ihr noch eine Ohrfeige.

Ihre Backe brennt und ihre Handgelenke schmerzen. Der Typ hinter dem Sessel, der ihre Arme festhält, packt noch ein wenig fester zu, wohl um den Worten des Dicken mehr Gewicht zu verleihen.

Penny nickt nur und deutet mit dem Kopf auf ihren Schlüsselbund, der innen an der Tür baumelt. Daran hängt ein Stick, den der junge Mann, der bislang wortlos neben der Tür gestanden hat, vom Bund abreißt und ihn dem Dicken reicht.

Dieser lässt den Stick in seiner Jackentasche verschwinden und fragt noch einmal. Diesmal ohne die obligatorische Ohrfeige.

Penny schüttelt heftig den Kopf.

„Okay, dann war‘s das für heute. Aber wehe, du hast uns verarscht, dann kommen wir wieder und dann wird das keine so gemütliche Party wie heute.“

Bei seinen letzten Worten sticht er mit dem Messer zu.

Den Stich spürt sie kaum. Sie schließt die Augen und fühlt etwas Warmes den Hals hinunterlaufen.

Der Dicke wendet sich an die beiden anderen.

„Durchsucht das Bad und vor allem ihre Schminksachen. Und nehmt das Notebook mit.“

So schnell, wie sie gekommen waren, sind sie auch wieder verschwunden.

Penny sitzt benommen auf ihrem Sessel und ist nur noch müde. Mit letzter Kraft stemmt sie sich hoch, steht einen Moment und bemerkt, wie ihre Knie zittern.

Einem panischen Impuls folgend läuft sie zur Tür. Aber sie kommt nicht weit, denn ihre Beine fühlen sich an wie Pudding und aus ihrem Hals tropft Blut auf den Boden. Zudem trägt sie immer noch das kurze braune Trägerhemdchen, mit dem sie sich vor zwei Stunden in ihr Bett gelegt hat.

Auf wackeligen Beinen und sehr langsam schleppt sie sich ins Bad und schaut in den Spiegel. Sie sieht übel aus, hat jedoch Schlimmeres befürchtet. Ihre linke Backe leuchtet knallrot und das Blut fließt in einem dünnen Rinnsal aus ihrem Hals. Die Wunde ist nicht tief, schnell desinfiziert, und das Blut mit einer Kompresse aus dem Verbandskasten bald gestillt.

Ernsthafte Verletzungen hat sie keine. Das waren Profis, denen es offenbar nur darum ging, sie bestmöglich einzuschüchtern und zu bekommen, was sie wollten.

Beides ist ihnen gelungen, und Penny ist erfahren genug, zu wissen, dass der Schock nun bald seine volle Wirkung entfalten wird.

Sie muss schnell hier weg und für eine Weile untertauchen.

2 Penny ist die erste Person, deren Name hier genannt wird. Eine Übersicht aller Personen, die in diesem Roman namentlich vorkommen, findet sich ganz hinten auf Seite 369.

Kapitel 1: Überraschender Besuch

Ein Höllenlärm reißt Fabian aus einem tiefen traumlosen Schlaf. Irgendwer klingelt Sturm und hämmert gegen die Haustür. Ein kurzer Blick aufs Handy verrät ihm, dass es kurz nach drei ist.

Sarah räkelt sich neben ihm und murmelt etwas, das er nicht versteht.

Eilig zieht er eine Hose über und stürzt die Treppe hinunter. Auf dem Weg überlegt er kurz, was los sein könnte. Das SEK würde nicht klingeln und die Jungs liegen friedlich in ihren Betten. Bleibt demnach nur eine Person, die es sein könnte.

Tatsächlich ist es Penny, die vor seiner Tür steht und ihm nun in die Arme fällt. Er zieht sie in den Flur, schließt die Tür hinter ihr, hält sie ganz fest und streicht sanft über ihr Haar.

Sarah ist inzwischen ebenfalls unten im Flur angekommen und scheint nicht wirklich überrascht.

„Ich mach mal Tee“, ruft sie und verschwindet in der Küche.

Penny löst sich von ihm, steht nun direkt vor ihm und er erschreckt. Sie sieht übel aus, scheint verletzt.

„Alles okay“, meint sie mit einem schiefen Lächeln. „Sieht schlimmer aus, als es ist.“

Später sitzen sie zu dritt in der Küche und trinken Tee. Penny will nicht so recht damit rausrücken, was passiert ist. Offenbar wurde sie überfallen und wahrscheinlich hat es etwas mit ihrer Arbeit zu tun.

„Ich muss untertauchen. Kann ich für ein paar Tage bei euch bleiben?“, fragt sie irgendwann.

Fabian nickt und Sarah wirft ihm einen skeptischen Blick zu. Von oben ist Gepolter zu hören und Sarah geht hoch, um nach den Jungs zu sehen.

Allein in der Küche lächelt Penny ihn an, wie nur Penny es kann. Dann nimmt sie seine Hand.

„Danke, Fabian! Danke, dass du da bist und ich immer zu dir kommen kann.“ Nach kurzem Zögern ergänzt sie: „Ich muss sofort an einen Computer. Die Schweine haben meinen mitgenommen.“

Er nickt, steht auf und zieht sie an der Hand in sein Arbeitszimmer. Sie setzt sich an seinen Schreibtisch, klappt sein Notebook auf.

„Passwort?“, fragt sie.

„Kennst du“, antwortet er knapp.

Penny nickt, grinst und gibt „P-E-N-E-L-O-P-E“ ein.

„Nicht gerade das sicherste Passwort.“

„Außer deinem Vater und mir weiß niemand, wie du wirklich heißt.“

„Hast du einen Tor-Browser?“, fragt sie.

„Klar, was denkst du? Wieso?“, fragt er zurück, obwohl er das eigentlich gar nicht wissen möchte.

Penny hat sich bereits eingeloggt und atmet erleichtert auf.

„Die Nazis sind wirklich zu blöd!“, stößt sie hervor. „Aber diesmal ist das unser Glück.“

Schnell ist sie fertig und lehnt sich zufrieden zurück. Sarah ist inzwischen wieder bei ihnen und verkündet, dass das Gästezimmer bereit ist und sie nun wieder schlafen möchte.

Die Nacht ist kurz und ihm brummt der Schädel, als er aufwacht. Sarah ist schon unten und bereitet das Frühstück zu. Die Jungs sitzen gut gelaunt am Tisch und essen ihr Müsli.

Jarne fragt, was denn heute Nacht los gewesen sei. Sarah berichtet, dass Tante Penny mitten in der Nacht vor der Tür stand und nun im Gästezimmer schläft. Ben nickt nur und findet das offenbar ganz normal.

Kurz drauf verlassen die Jungs das Haus und radeln zur Schule. Sarah muss zur Probe und verabschiedet sich ein wenig kühl von ihm.

„Sorg bitte dafür, dass sie so schnell wie möglich wieder verschwindet“, sagt sie noch und klingt dabei so unfreundlich, wie sie es sich vorgenommen hat.

Fabian ruft in der Firma an und meldet sich für heute Vormittag ab. Seine Assistentin fragt nicht weiter nach, sie weiß, was zu tun ist. Er kocht einen Tee, deckt den Tisch ab, stellt zwei Teller und zwei Tassen hin und geht Penny wecken.

Sie sieht süß aus, wie sie so friedlich in ihrem Bett liegt, und sie scheint ein wenig überrascht, als sie ihre Lider öffnet und ihn erkennt. Dann reibt sie sich die Augen und murmelt etwas, das er nicht versteht.

„Frühstück ist fertig“, ruft er und versucht, dabei möglichst fröhlich zu klingen.

Eine gefühlte Ewigkeit später, inzwischen hat er neuen Tee gekocht, erscheint sie in der Küche. Sie ist frisch geduscht und sieht schon viel besser aus als heute Nacht.

Während sie frühstücken, erzählt sie kurz, was geschehen ist.

Später muss sie noch in ihre Wohnung, um ein paar Sachen zu holen, und bittet ihn, mit ihr zu kommen.

„Am Samstag platzt die Bombe und am Montag seid ihr mich wieder los!“

„Du meinst, die Gefahr ist dann vorbei?“, fragt er besorgt.

„Nein, aber am Montag fliege ich nach Hongkong für eine Reportage über die Proteste gegen die Peking-nahe Regierung unter Carrie Lam. Und dann bin ich hier erst mal aus der Schusslinie“, erläutert sie und wirkt dabei fast wieder ein wenig fröhlich.

„Na, dann wollen wir hoffen, dass du dort nicht in eine andere Schusslinie gerätst“, antwortet er, aber Penny zuckt nur mit den Schultern.

Später fahren sie beide in ihre Wohnung. Die Wohnungstür wurde aus den Angeln gehoben und lehnt nun halb schräg vor der Öffnung. Die Wohnung ist ziemlich verwüstet. Im Bad sind allerlei Sachen auf dem Boden verstreut, ebenso in der Küche.

Penny ist offensichtlich entsetzter, als sie es sich anmerken lassen möchte. Fabian hängt die Tür wieder ein und telefoniert nach einem Schlüsseldienst.

„Wenn du weg bist, dann räume ich hier auf, und sobald du wieder da bist, ist alles wie neu“, versucht er, sie zu trösten.

Dankbar lächelt sie ihm zu und packt ein paar Sachen in einen alten kleinen Koffer.

Am Abend sitzen sie zu fünft an dem riesigen Holztisch im Esszimmer und genießen eine wunderbare Spinatlasagne, die Sarah für sie gekocht hat. Seit Fabian ihr erzählt hat, dass Penny am Montag abreisen wird, ist Sarah sehr viel freundlicher zu ihr und auch zu ihm.

Später, als die Jungs im Bett sind, sitzen sie noch eine Weile zu dritt am Tisch und genießen einen edlen Rotwein, den Fabian und Sarah letztes Jahr aus Bordeaux mitgebracht haben.

Auf Sarahs Nachfrage, was denn eigentlich passiert sei, beginnt Penny zunächst noch ein wenig zögerlich, zu erzählen. Sie hat im Umfeld der AfD in den (nicht mehr ganz so) neuen Bundesländern recherchiert, einige Interviews geführt und dann eine umfängliche Reportage geschrieben, die am kommenden Samstag im Spiegel erscheinen wird.

Konkret geht es dabei um Nazis, die sich in oder im Umfeld der AfD engagieren und planen, die Partei zu unterwandern. Die Reportage ist fertig, war jedoch zum Zeitpunkt des Überfalls noch nicht in der Redaktion. Irgendjemand muss sie verpfiffen haben, denn der Räumtrupp konnte kein Zufall sein. Sie wussten, wo sie wohnt, und genau, wonach sie suchten.

Zum Glück hatte sie den fertigen Artikel sowie stichhaltige Beweise für ihre Behauptungen in eine Public-Cloud geladen und noch heute Nacht alles an die Redaktion geschickt. Bis der Artikel erscheint und auch einige Zeit danach, muss sie von der Bildfläche verschwinden.

Sarah hat aufmerksam zugehört und runzelt nun die Stirn. „Aber ist es das wert, dass du dich dafür derart in Gefahr bringst?“, fragt sie ein wenig aufgeregt.

„Wenn wir heute nichts dagegen tun, dann werden wir bald alle in Gefahr sein“, antwortet Penny sehr ruhig.

Sarah geht nicht darauf ein. „Aber es geht doch nicht nur um dich. Uns bringst du genauso in Gefahr. Und wir haben eine Verantwortung, insbesondere für unsere Kinder.“

„Ja, ganz genau, gerade wegen der Kinder sollten wir alles dafür tun, dass sie eine bunte und schöne Zukunft haben können und nicht im Faschismus werden leben müssen“, antwortet Penny mit einem freundlichen Lächeln.

„Aber übertreibst du da nicht ein wenig? Der Faschismus steht ja nun nicht vor der Tür.“ Sarah lässt sich nicht beirren.

„Na, das haben die Leute Anfang der dreißiger Jahre auch gedacht. Der Rest ist bekannt“, führt Penny aus.

Sarah schaut zu Fabian. Bislang hat er geschwiegen und zugehört, aber nun erwarten offenbar beide, dass er Partei ergreift. Wie schon so oft, steht er zwischen ihnen und kann beide gut verstehen.

Wie immer entscheidet er sich für Penny, stimmt ihr zu und verkündet, dass sie sie bei der Sache natürlich nach Kräften unterstützen werden.

Sarah hat nichts anderes erwartet, erhebt sich mit einem Seufzer von ihrem Stuhl und verlässt den Raum.

„Ich geh ins Bett. Einen schönen Abend noch“, murmelt sie mit einem ranzigen Unterton.

Penny gibt ihm mit ihren Augen Zeichen, er solle Sarah hinterhergehen, aber er schüttelt den Kopf und bleibt sitzen.

Penny lächelt ihm zu und er holt noch eine Flasche Wein aus dem Keller. Der Wein schmeckt ihr gut und sie lobt ihn überschwänglich. „Ganz sicher hatten sie damals auf der Hochzeit zu Kanaan keinen besseren Wein!“

Fabian muss lachen und dann reden sie über alte Zeiten. Er fühlt sich wohl und bedauert es inzwischen, dass Penny sie am Montag schon wieder verlassen wird. Aber das bringt ihr Job so mit sich.

Schon während ihres Studiums hatte Penny begonnen, Zeitschriftenartikel in britischen Magazinen zu veröffentlichen. Sie lebte damals in Edinburgh und hatte über ihren damaligen Freund Steve Kontakte zu einer Redaktion geknüpft. Meist schrieb sie über Mode, denn damit kannte sie sich aus. Nach ihrem Abschluss bekam sie eine Festanstellung bei einem Modemagazin in London. Dort tingelte sie durch die verschiedenen Subkulturen, reiste durch Europa und schrieb über Modetrends oder solche, die es werden würden.

Das ging ein paar Jahre lang gut und machte ihr viel Freude.

Irgendwann jedoch wurde sie in einem Interview gefragt, ob sie wisse, wo die Kleider, über die sie so gern berichtete, eigentlich hergestellt würden.

Das wusste Penny nicht und so machte sie sich daran, das zu recherchieren. Sie reiste nach Indien und Pakistan und schrieb eine wenig beachtete Reportage über die Ausbeutung in den Textilfabriken in asiatischen Ländern, die für europäische Modelabels arbeiteten. Das hatte etwas in ihr ausgelöst, denn danach ließ sie die Modewelt hinter sich und macht seitdem politische Reportagen.

Viel zu spät schleicht Fabian die Treppe hoch und wundert sich, dass Sarah noch wach ist. Sie liest in einem Buch und ignoriert ihn, als er sich neben sie legt. Vorsichtig schaut er sie an und fragt ganz leise: „Frieden?“

„Nein“, antwortet sie harsch. Nach einem kurzen Moment beginnt sie zu lachen und ergänzt: „Okay, weil du es bist.“

Erleichtert beugt er sich zu ihr rüber und gibt ihr einen flüchtigen Kuss. „Danke! Da bin ich erleichtert“, murmelt er noch.

Sarah klappt ihr Buch zu, nimmt ihre Lesebrille ab und schaut ihm tief in die Augen. „Ich hab was gut bei dir, okay?“

Fabian nickt und Sarah ergänzt: „Ob ich wohl noch den Tag erleben werde, wo du nicht zu Penny hältst, egal, worum es geht?“

„Ich fürchte nein, meine Liebe, ich fürchte nein.“

3 Als ich Penny das erste Mal traf, war sie acht. Sie trug ein blaues Kleid aus einem groben Stoff und stand vor unserer Tür. Mit der einen Hand hielt sie sich am Hosenbein ihres Vaters fest, in der anderen hielt sie einen kleinen Ritter aus Stoff an einem Bein fest. Der Kopf des Ritters, an dem ein blauer Helm angenäht war, baumelte hin und her, sodass ich befürchtete, der Ritter würde sich gleich übergeben.

Penny schaute mir direkt ins Gesicht und musterte mich ausgiebig. Dann nickte sie kurz, als hätte sie sich eine Meinung gebildet, und zog fest am Hosenbein ihres Vaters. Dabei wackelte sie mit dem Kopf, sodass ihre beiden langen Zöpfe hin und her flogen. Dann rief sie zu ihm hoch: „Papa, du musst jetzt irgendetwas sagen.“

Meine Mutter, die die ganze Zeit hinter mir im Flur gestanden hatte, lachte auf und schlängelte sich an mir vorbei, um ihren neuen Freund zu umarmen. Danach bückte sie sich zu Penny hinunter und meinte: „Und du musst Penny sein. Ich habe schon viel von dir gehört.“

„Nein, da irren Sie sich, ich bin Pennys Zwillingsschwester Polly. Penny ist bei unserer Mutter geblieben“, antwortete Penny fröhlich.

Ihr Vater schüttelte genervt den Kopf. „Jetzt hör endlich auf mit dem Unfug!“ An meine Mutter gewandt ergänzte er: „Verzeih bitte. Sie liest gerade das Doppelte Lottchen und steigert sich da in etwas rein.“

„Ich würde sagen, Penny steigert sich da in etwas hinein“, murmelt Penny.

„Jetzt kommt doch erst mal rein“, versuchte meine Mutter, das Thema zu wechseln.

Später saßen wir zu viert am Kaffeetisch und aßen den Apfelkuchen, den meine Mutter gebacken hatte. Das machte sie eigentlich nie, aber heute musste alles perfekt sein. Und so sah sie auch aus.

Zu ihrem himmelblauen Sommerkleid trug sie Sandalen mit hohen Absätzen. Zudem hatte sie sich extra für diesen Anlass mit dem Lockenstab kunstvolle Locken ins Haar gedreht.

Insgesamt sah sie heute so gar nicht wie meine Mutter aus. Und sie benahm sich auch nicht so. Da ich sie schon eine Weile kannte, wusste ich, dass sie sehr nervös war und ihr lautes Lachen darüber hinwegtäuschen sollte.

Penny hingegen wirkte recht unbekümmert und ganz und gar mit sich und ihrem Ritter beschäftigt. Aus einer kleinen roten Handtasche hatte sie einen Teller sowie eine winzige Tasse mit einem Unterteller aus einem Puppengeschirr hervorgeholt und alles auf den Tisch gestellt. Dann hatte sie die Tasse mit Apfelsaft gefüllt, ein sehr kleines Stück Apfelkuchen auf den Teller gelegt und ihren Ritter davorgesetzt. Während des Essens flüsterte sie in einem fort mit ihm.

Nach dem etwas langwierigen Kaffeetrinken saßen wir in meinem Zimmer. Penny auf meinem Bett und ich auf meinem Schreibtischstuhl. Ich wusste nicht recht etwas zu sagen. Eigentlich war ich nicht schüchtern, aber aus dieser Penny wurde ich nicht schlau und so fiel mir nicht wirklich etwas ein, das ich hätte fragen können.

Das war aber auch nicht nötig, denn Penny plapperte gleich drauflos, nachdem sie ihren Ritter vorsichtig neben sich auf mein Bett gesetzt hatte.

„Ein beträchtlich schönes Zimmer hast du. Und was machst du so?“

Keine Ahnung, worauf sie hinauswollte, daher antwortete ich erst mal nicht.

„Mein lieber Fabian“, fuhr sie fort. „Du musst dir schon ein wenig Mühe geben. Schließlich sollen wir beide uns kennenlernen.“

Da hatte sie recht, denn das hatte meine Mutter am Morgen auch zu mir gesagt. Seit mein Vater uns vor knapp einem Jahr verlassen hatte, war sie allein und sicher auch sehr einsam. Manchmal hörte ich sie abends leise weinen, wenn ich schon in meinem Bett lag und nicht einschlafen konnte.

Mein Vater hatte eine andere Frau kennengelernt. Sie arbeitete bei ihm in der Firma und hatte auch einen Sohn, der ein wenig jünger war als ich. Nach einer Weile hatten sich mein Vater und die Frau verliebt und waren dann zusammen in eine Wohnung gezogen. Ich weiß nicht, wie der Mann der Frau das fand, aber meine Mutter war am Boden zerstört, als mein Vater ihr sagte, er würde uns verlassen und von nun an mit der Frau und ihrem Sohn zusammenleben.

Ich fand das gar nicht so schlimm, da mein Vater damals viel arbeitete und ich ihn sowieso nur sehr selten sah. Irgendwelche Vater-Sohn-Aktionen, von denen meine Klassenkameraden manchmal erzählten, kannte ich nicht.

Mitleid hatte ich jedoch mit meiner Mutter und daher war ich nun sehr froh, dass sie diesen neuen Freund hatte.

Sie hatte ihn auf der Party bei einer ihrer Freundinnen kennengelernt und sich sofort heftig verliebt, wie sie mir später erzählte. Zu ihrem Glück war der Mann auch allein und fand meine Mutter sehr attraktiv, wie er mir später einmal erzählte.

Dass meine Mutter einen zehnjährigen Sohn hatte, fand er ganz toll, wie er ihr sagte, weil er sich immer einen Sohn gewünscht hatte. Er selber hatte eine kleine Tochter, was meine Mutter ebenfalls ganz toll fand.

Aber da kannte sie Penny noch nicht.

Unvermittelt sprang Penny vom Bett. Dabei fiel der Ritter nach hinten und streckte beide Beine von sich. Ich musste lachen und Penny schaute kurz irritiert. Dann lächelte sie und hockte sich auf den Boden, um meine Plattensammlung zu durchstöbern.

„Kennst du die Beatles?“, fragte sie.

„Natürlich, jeder kennt die Beatles“, erwiderte ich. „Meine Beatles-Platten stehen gleich vorne, unter B.“

„Du sortierst deine Platten nach dem ABC?“, fragte sie.

„Wie denn sonst?“

„Na, gar nicht“, antwortete sie.

Wie ich später noch erfahren sollte, sortierte sie ihre Platten tatsächlich gar nicht. Und auch sonst lehnte sie jede Art von Struktur und Ordnung grundsätzlich ab. So etwas brauche sie nicht, sagte sie mir oft und gab mir damit das Gefühl, dass mit mir irgendetwas nicht in Ordnung sei.

Dann zog sie das blaue Album hervor, hob es hoch und fragte, ob ich es auflegen könne. Das tat ich, und sie setzte sich wieder auf mein Bett und brachte den armen Ritter in die richtige Position.

„John Lennon hat Penny Lane für mich geschrieben“, sagte sie mit einem verträumten Blick, der an mir vorbei ins Leere zu gehen schien.

„Ich dachte, du bist Polly“, erwiderte ich mit einem Grinsen. „Also müsste es Polly Lane heißen.“

„Nein, da musst du was falsch verstanden haben. Ich bin Penny und Polly ist bei unserer Mutter. Und Onkel John hat das Lied nur mir gewidmet.“

„Das glaube ich nicht“, widersprach ich und schaute ihr dabei direkt in ihr kreisrundes Kindergesicht.

„Doch, das stimmt wirklich! Mein Vater war ein alter Freund von John Lennon und als der von meiner Geburt erfuhr, hat er sich gleich an sein weißes Klavier gesetzt und dieses Lied für mich komponiert. Frag meinen Vater, wenn du mir nicht glaubst.“

Ich wusste nicht viel über die Beatles, hatte aber gleich den Eindruck, dass da irgendetwas nicht ganz passte. Hatten sich die Beatles nicht 1970 getrennt? Penny war jetzt acht und damit zwei Jahre jünger als ich. Das konnte also irgendwie nicht so ganz hinhauen.

Wie später noch sehr oft, wusste ich nicht, ob Penny glaubte, was sie sagte, oder nur vorgab, es wirklich zu glauben. In jedem Fall war sie stets sehr überzeugend damit.

„Was ist das für ein Ritter?“, wechselte ich das Thema.

„Das ist Nullipeter. Er ist ein erhabener Ritter und er beschützt mich, denn ich bin sein Burgfräulein.“

„Wie kommt er zu seinem Namen?“, fragte ich, denn der kam mir wirklich seltsam vor.

„Wie kommst du zu deinem Namen?“, erwiderte sie.

„Na ja, meine Eltern haben mich so genannt.“

„Siehst du, und seine Eltern“, dabei hob sie ihn kurz in die Höhe, „haben ihn eben Nullipeter genannt.“

Das fand ich wenig überzeugend, ließ es aber erst einmal auf sich beruhen.

„Und dich haben deine Eltern Penny genannt?“, nahm ich den Faden wieder auf.

„Nein, die haben mich Penelope genannt. Aber das ist zu lang und die meisten vertun sich bei der Betonung. Daher sagen alle nur Penny zu mir.“

„Oder Polly“, rutschte es mir raus. Aber Penny verzog nur das Gesicht, als wundere sie sich über mein Unverständnis.

Am Abend, nachdem Penny und ihr Vater gegangen waren, setzte sich meine Mutter an mein Bett und erzählte mir von ihrer Trauer darüber, dass mein Vater uns verlassen hatte. Und nun, nach fast einem Jahr, sei sie zum ersten Mal wieder glücklich und dieser Nachmittag sei sehr wichtig für sie gewesen, denn sie sei sehr verliebt in Freddy.

„Verliebtsein kennst du doch, oder?“, fragte sie.

Ich rollte mit den Augen. „Natürlich, ich bin doch kein kleines Kind mehr.“

„Und wie findest du Freddy und seine Tochter Penny?“, wollte sie noch wissen.

„Du meinst Polly“, sagte ich grinsend, woraufhin meine Mutter die Augen verdrehte.

„Ich finde die beiden ganz ok“, ergänzte ich noch und sie schien beruhigt darüber.

In den folgenden Wochen gab es solcherart Treffen häufiger. Meist kamen Penny und Freddy zu uns, manchmal fuhren wir auch mit dem Bus in die Nachbarstadt und besuchten sie in ihrem Haus. Wir wohnten in einer kleinen Wohnung und ich war sehr beeindruckt von ihrem großen Haus mit einer Garage, in der ein grüner VW Käfer stand, und einem schönen Garten mit Blumen und kleinen Obstbäumen. Darin gab es ein Trampolin, auf dem Penny und ich gern herumhüpften.

Pennys Zimmer war sicher doppelt so groß wie meins und ein richtiges Mädchenzimmer, wie ich es mir vorstellte, mit rosa Vorhängen und einem Bett mit zahllosen Kissen. Und dann hatte sie noch ein großes altes Sofa in einer Ecke ihres Zimmers stehen. Das sei noch von ihrer Oma, erzählte sie mir an einem Nachmittag, als es draußen regnete und wir auf diesem Sofa saßen. Jeder in einer der Ecken.

Sie erzählte von ihrer Schule und wie doof sie es dort fand. Vor allem das Rechnen fand sie eklig, wie sie sagte. Nach den Ferien würde sie in die dritte Klasse kommen und dann würde es ernst, wie ihr Vater ihr gesagt hatte.

Penny wusste nicht, was er damit meinte und ob sie ihm glauben sollte. Daher fragte sie mich, was in der Dritten denn anders würde. Ich zuckte mit den Schultern, denn ich hatte auch keine Idee, was Freddy wohl meinen könnte.

„Oje, bist du etwa so ein Streber, der alles kann und sich vor nichts fürchtet?“, platzte es aus ihr heraus.

Wieder zuckte ich nur mit den Schultern.

„Fabian, wie du mit den Schultern zuckst, sieht ja ganz drollig aus, aber vielleicht sagst du auch mal was dazu“, ergänzte sie etwas genervt.

„Entschuldige bitte. Streber würde ich jetzt nicht unbedingt sagen, aber ich habe gute Noten, wenn du das meinst. Und meine Lieblingsfächer sind Rechnen und Sachkunde.“

Theatralisch schlug Penny die Hände vors Gesicht. „Ich habe es gewusst. Ein Junge, der seine Platten nach dem ABC sortiert, der findet auch Vergnügen am Rechnen.“

Ich ignorierte, was sie sagte, und verkündete stolz: „Nach den großen Ferien gehe ich auf das Gauß-Gymnasium in unserem Stadtteil. Das ist nach einem berühmten Mathematiker benannt.“

Penny schüttelt nur ihren Kopf.

„Ich glaube, ich weiß, was dein Vater meint“, erklärte ich ihr sogleich. „Ab der Dritten schauen die Lehrer genau, was du kannst und wie fleißig du bist, weil sie Anfang der Vierten entscheiden, auf welche Schule du später gehen wirst.“

Penny riss ihre Augen weit auf, was sehr komisch bei ihr aussah. „Gibt es da verschiedene Schulen?“

Ich nickte und erklärte ihr in groben Zügen, dass es nach der Grundschule unterschiedliche Schulen gab, je nachdem, wie schlau und fleißig man war. Penny schien aufrichtig entsetzt und ein wenig besorgt.

„Dann gibt es eigene Schulen für ganz dumme Kinder?“

„Muss wohl so sein“, antwortete ich, obwohl ich mir da plötzlich nicht mehr so sicher war. Um sie zu trösten, bot ich ihr an, ihr beim Rechnenlernen zu helfen, was sie offenbar nicht wirklich beruhigte, was sie aber auch nicht gleich ablehnte.

Nach mehreren solcher Treffen kam der Tag, der mein Leben grundlegend verändern sollte.

Angefangen hatte es so wie meistens. Wir waren bei Penny und Freddy eingeladen, hatten Apfelkuchen vom Bäcker gegessen und Apfelsaft getrunken. Danach hatten Penny und ich im Garten gespielt und einen schönen Nachmittag miteinander verbracht. Irgendwann rief meine Mutter uns herein. Ein wenig schmutzig, aber fröhlich und guter Dinge liefen wir ins Haus.

Im Wohnzimmer saßen meine Mutter und Freddy auf dem großen Sofa und Freddy meinte, sie müssten uns etwas Wichtiges sagen. Wir hockten uns auf den Boden und schauten sie beide erwartungsvoll an. Ich hatte keine Idee, was nun kommen würde, ahnte jedoch, dass es nichts Gutes sein könnte.

Meine Mutter begann langsam zu sprechen und erklärte uns, dass Freddy und sie sich sehr gernhätten und dass sie beide auch uns beide sehr gernhätten und dass unsere Wohnung so klein wäre und dass mein Vater schon lange keinen Unterhalt mehr für mich zahlen würde und …

Ich verstand nicht, was das alles sollte. Penny machte ein mürrisches Gesicht. Und Freddy wurde langsam ungeduldig. Irgendwann fiel er meiner Mutter ins Wort.

„Jetzt komm doch mal auf den Punkt, Edith.“

Meine Mutter verstummte kurz und sprach dann nur noch zwei Sätze.

„Freddy und ich haben entschieden, ein richtiges Paar zu werden und zusammenzuziehen, und zwar hierhin in dieses Haus. Wir vier wollen eine richtige Familie werden.“

Freddy wirkte erleichtert, dass es nun heraus war. Ich war überrascht, hatte jedoch die Folgen und deren Ausmaß noch nicht verstanden.

Penny hingegen wusste sofort, was sie davon zu halten hatte, nämlich gar nichts. Sie begann zu schluchzen und dann sagte sie an meine Mutter gewandt: „Wir brauchen keine neue Mutter. Wir haben schon eine. Und dich wollen wir hier schon gar nicht haben!“

Dann sprang sie auf und rannte in ihr Zimmer.

Meine Mutter wurde leichenblass und bekam keinen Ton heraus. Kurz wippte sie nach vorne, als wolle sie aufstehen und Penny hinterherlaufen, aber Freddy hielt sie zurück und versuchte sie zu beruhigen.

„Lass ihr ein wenig Zeit. In diesem Zustand kommt man nicht an sie heran und lässt sie am besten in Ruhe.“

Das fand ich nun nicht und einem seltsamen Impuls folgend stand ich auf und ging ihr nach in ihr Zimmer. Vielleicht hätte ich besser meine Mutter trösten sollen, aber in diesem Moment war ich mir sicher, dass Penny mich jetzt brauchte.

Penny lag auf ihrem Bett und weinte. Ich setzte mich zu ihr auf die Bettkante. Ich hätte ihr gern über die Wange gestreichelt, wie meine Mutter es immer tat, wenn ich weinte. Aber bei Penny traute ich mich das nicht. Überhaupt hatte ich keine Ahnung, was ich sagen sollte, also schwieg ich erst einmal.

Irgendwann wurde ihr Schluchzen leiser, dann drehte sie sich zu mir und schaute mir aus ihren verweinten Augen direkt ins Gesicht.

„Ich brauche keine neue Mutter und erst recht keinen Bruder. Ich hab schon eine Schwester.“

„Und was sagt die dazu?“, fragte ich unschuldig.

Penny riss die Augen auf. „Weiß nicht. Die kennt dich ja nicht.“

„Wie? Hast du ihr nichts von mir erzählt?“, fragte ich und versuchte dabei, ein wenig entrüstet zu klingen.

„Doch, natürlich, aber da warst du ja nur ein netter Junge, der häufiger zu Besuch kommt. Aber jetzt willst du hier einziehen.“

„Na ja, wollen trifft es jetzt nicht so wirklich. Bis gerade eben wusste ich auch nichts vom Plan unserer Eltern. Und ich will das genauso wenig wie du“, erklärte ich freundlich und freute mich insgeheim ein wenig, dass sie netter Junge gesagt hatte.

„Wieso willst du das denn nicht?“, fragte Penny ein wenig trotzig. „Wäre es so schlimm, mich als Schwester zu haben?“

„Na ja, mit dir wäre es wohl ganz ok, aber deine Schwester Polly kenne ich ja noch nicht.“

„Fängst du eigentlich jeden Satz mit na ja an?“ Nun lächelte sie zum ersten Mal ein wenig. „Und was heißt hier eigentlich ganz okay?“

„Na ja, ganz okay trifft es nicht so richtig.“

Und so ging es dann noch eine Weile hin und her. Nach und nach malten wir uns aus, wie es wäre, wenn ich hier wohnen würde. Ich versprach, ihr beim Rechnen zu helfen, und sie wollte mir die Welt da draußen zeigen, von der ich ja nur aus Büchern etwas kennen würde, wie sie meinte.

Irgendwann rief meine Mutter. Es war schon spät und wir mussten los, denn morgen war Schule. Zum Abschied umarmte Penny mich zum ersten Mal ganz kurz.

Freddy hatte uns fahren wollen, aber meine Mutter hatte gemeint, er solle Penny jetzt nicht allein lassen. Im Bus nach Hause sprachen wir über Penny, und meine Mutter schien ratlos und zweifelte daran, dass es eine gute Idee wäre mit dem Zusammenziehen.

Ich fand die Idee inzwischen gar nicht mehr so schlecht, denn Freddy hatte mir zum Abschied noch kurz mein künftiges Zimmer gezeigt. Es lag direkt neben Pennys und war mindestens doppelt so groß wie mein jetziges. Das Beste jedoch war das riesige Fenster, durch das man direkt in den wunderschönen Garten schaute.

Plötzlich fiel mir etwas ein. „Aber wie komme ich denn zur Schule, wenn wir bei Freddy wohnen?“

Das hatte ich noch gar nicht bedacht. Meine Mutter aber schon: „Ganz in der Nähe gibt es auch ein Gymnasium, da könntest du sogar zu Fuß hingehen.“

„Aber ich möchte doch so gern auf das Gauß-Gymnasium. Du weißt schon, wegen dem berühmten Mathematiker Carl Friedrich Gauß, der auf dem Zehn-Mark-Schein.“

Meine Mutter lachte. „Dieses Gymnasium heißt Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Gymnasium. Und dieser Leibniz war auch ein berühmter Mathematiker. Und noch vieles mehr, er war auch noch Philosoph, Logiker und Keksfabrikant.“

Das hatte ich nicht gewusst und es beruhigte mich ein wenig.

„Wirst du aus dieser Penny schlau?“, fragte meine Mutter dann noch. Ich zuckte mit den Schultern, denn ich wusste es nicht. Dann erzählte sie mir, dass Pennys Mutter vor zwei Jahren an Krebs gestorben sei.

Das überraschte mich, denn ich hatte gedacht, dass sie die Familie verlassen und irgendwo eine neue hätte, so wie mein Vater.

Meine Mutter erklärte mir dann noch, dass Penny den Tod ihrer Mutter wohl nicht verwunden hätte und ihn deshalb nicht wahrhaben wolle. Daher würde sie häufig davon sprechen, dass ihre Schwester bei ihrer Mutter lebt.

Ich verstand das alles nicht, aber mir war mit einem Mal sonnenklar, dass Penny einen großen Bruder wohl doch gut gebrauchen konnte.

Zu Beginn der großen Ferien zogen meine Mutter und ich zu Freddy und Penny in das große Haus. Bevor der Möbelwagen bestellt wurde, waren die beiden noch einmal zu uns zu Besuch gekommen und Penny hatte sich bei meiner Mutter entschuldigt. Sie hatte ein Bild gemalt, auf dem wir vier, zwar nur mit Mühe, aber irgendwie dann doch zu erkennen waren.

Dann hatte sie gelächelt und gesagt, dass ihr leidtäte, was sie gesagt hatte.

Mit Tränen in den Augen hatte meine Mutter Penny daraufhin in den Arm genommen, was diese nur sehr widerwillig über sich hatte ergehen lassen.

Die Anmeldung an meiner neuen Schule klappte problemlos und ich freute mich darauf, auf das ehrwürdige Leibniz-Gymnasium zu gehen.

Am ersten Abend im neuen Haus fühlte ich mich komisch und konnte nicht einschlafen. Daher setzte ich mich vor das große Fenster und schaute in den Garten.

Dort entdeckte ich meine Mutter und Freddy, die auf einer Bank im hinteren Teil des Gartens saßen und sich ausgiebig küssten. Die beiden wirkten sehr glücklich und ich war ein wenig eifersüchtig. Gleichzeitig war ich erleichtert, dass Freddy sich nun um meine Mutter kümmerte.

Die ersten Tage war ich mit Auspacken beschäftigt und danach verlebten wir wunderschöne Ferientage im Garten.

Eines Nachts stand Penny in meinem Zimmer und zupfte an meiner Bettdecke. Das Mondlicht schien durch das Fenster und so sah ich Penny in ihrem seltsamen langen weißen Nachthemd vor mir stehen.

Sie schien geweint zu haben, denn ihre Stimme wirkte ein wenig brüchig.

„Fabian, ich hab Angst und ich kann nicht schlafen. Darf ich zu dir in dein Bett kommen?“

„Hast du kein eigenes?“, erwiderte ich mürrisch und schläfrig.

„Doch, natürlich, das weißt du doch. Aber da ist es so leer und kalt drin. Früher bin ich zu meinem Vater ins Bett gekrochen, wenn ich Angst hatte, aber da ist ja nun deine Mutter.“

Wie sie deine Mutter sagte, gefiel mir irgendwie nicht, daher zögerte ich.

„Und da du nun mein großer Bruder bist, dachte ich …“

„Schon okay“, unterbrach ich sie und hob meine Bettdecke an, dass sie darunter schlüpfen konnte.

Das tat sie sogleich und schmiegte sich an mich. So lagen wir wie Löffelchen in der Schublade beieinander. Ich kam mir komisch vor, denn so nah war ich Penny noch nie gewesen. Aber irgendwie fühlte sie sich warm und weich an. Und immerhin war ich jetzt ihr großer Bruder und musste sie beschützen.

Noch bevor ich etwas sagen konnte, war sie bereits in meinen Armen eingeschlafen.

3 Auszug aus Fabians altem Tagebuch.

Intermezzo: Flimmernde Zahlen

Die gräulichen Zahlen flimmern über den Bildschirm und es braucht eine Weile, bis seine Augen sie scharf sehen. Es ist heiß und dicke Schweißperlen rinnen über sein Gesicht. Er starrt auf den Monitor und versteht nicht sofort, was er sieht.

Schwerfällig umklammert er die Maus und scrollt über die folgenden Tabellen. Das kann nicht sein, da muss es einen Fehler geben; oder gleich mehrere. Er ist lange genug dabei und hat einiges erlebt, aber das ist neu. So etwas hat er noch niemals gesehen. Eine Ahnung von Panik macht sich in seinem Bauch bemerkbar.

Er wechselt in eine andere Ansicht und versucht, sich einen Überblick über die anderen Abrechnungsverbände zu verschaffen. Tatsächlich sind nicht alle Verbände gleichermaßen betroffen. Es gibt auch solche, die anscheinend kein Problem haben.

Irgendwie jedoch verschafft ihm dies keinen wirklichen Trost. Ihm ist klar, dass er weitere Informationen und tiefere Analysen benötigt.

Nach einer kurzen und unruhigen Nacht, in der er erst nach einer halben Flasche Rotwein in einen oberflächlichen Schlaf gefallen ist, hat er sich schon sehr früh auf den Weg ins Büro gemacht.

Am Abend hat er darüber nachgegrübelt, wie er nun vorgehen soll, und sich eine Strategie zurechtgelegt. Er will nicht gleich zu viele Leute ins Vertrauen ziehen, daher ruft er seinen Stellvertreter sowie seine Assistentin zu sich. Beiden vertraut er und hofft auf ihre Unterstützung, die er auch gleich zugesagt bekommt. In knappen Worten erläutert er ihnen seine Entdeckung.

Dann verabredet er sich mit den beiden zu einem gemeinsamen Mittagessen in einem Restaurant in der Nähe, das zu vornehm und teuer ist, als dass er befürchten muss, dort auf Kollegen zu treffen. Beim Mittagessen besprechen sie, was zu tun ist, und einigen sich darauf, den Dingen erst einmal auf den Grund zu gehen.

Am Abend, nachdem alle anderen das Gebäude verlassen haben, treffen sie sich in seinem Büro und analysieren die Zahlen gemeinsam unter verschiedenen Aspekten.

Das Ergebnis ist eindeutig. Rund ein Viertel der Abrechungsverbände weist eine deutliche Unterdeckung auf, die von den anderen Verbänden in der Summe aktuell noch ausgeglichen wird. Der Trend lässt jedoch das Schlimmste befürchten.

Insgesamt erkennen sie die deutliche Gefahr, dass die Verbindlichkeiten im klassischen Geschäft nicht mehr durch entsprechende Vermögenswerte gedeckt werden. Konkret hieße das, man hätte mehr Schulden als Vermögen und wäre daher faktisch insolvent. Zumindest in dem großen Segment der klassischen Lebensversicherungen.

Vielleicht kann das aus anderen Geschäftsbereichen ausgeglichen werden, aber das entzieht sich ihrer Kenntnis sowie ihrem Einflussbereich.

Allen dreien wird sehr mulmig zumute und sie haben keine Idee, wie es dazu kommen konnte. Sicher wissen sie jedoch, dass die Sache zu groß für sie ist.

Nach kurzer Abstimmung schickt er die anderen nach Hause, dankt ihnen für ihre Unterstützung und macht sich auf den Weg in die achte Etage, wo er hofft, noch jemanden anzutreffen.

Kapitel 2: Premiere

„Laura hat angerufen“, ruft Sarah aus der Küche, als sie Fabian durch die Haustür kommen hört. „Ruf sie bitte gleich zurück, es schien wichtig. Und danach gibt es Abendessen.“

Wenig später sitzen sie zu viert am Esstisch und genießen eine wunderbare Quiche, die Sarah für sie gebacken hat. Gemeinsame Abendessen sind selten bei den Dumonts, daher freuen sich alle vier, und die Männer loben das leckere Essen.

Jarne erzählt von der Schule und dass er sich über seine Lehrerin in Sachkunde geärgert hat, weil sie ihn nie drannimmt, wenn er sich meldet.

Ben scheint heute etwas schweigsam, erzählt dann aber von seinen Freunden auf der neuen Schule und beschwert sich sogleich darüber, sicher der einzige Gymnasiast auf der ganzen Welt zu sein, der kein Smartphone hat.

Sarah und Fabian machen ein bekümmertes und mitleidiges Gesicht und haben beide Mühe, nicht laut loszulachen und ihm zu verraten, dass das neue iPhone bereits in der Geschenkekiste liegt und nur auf seinen elften Geburtstag im kommenden Monat wartet.

Fabian erzählt zum hundertsten Mal, wie Ben glaubt, dass Laura nicht einmal ein einfaches Handy besitzt, da sie so etwas grundsätzlich ablehnt.

„Und Laura kommt offensichtlich gut klar in ihrem Alltag“, schließt Fabian seine Ausführungen.

„Was wollte Laura eigentlich?“, fragt Sarah sogleich.

„Gute Nachrichten! Ihr Engagement wurde um ein Jahr verlängert und sie spielt die Beatrice in Viel Lärm um nichts in der kommenden Saison am Stadttheater. Sie würde sich sehr freuen, wenn wir zur Premiere kommen könnten.“

„Wann ist die denn?“, fragt Sarah, greift nach ihrem Handy und schaut in ihren Kalender.

„Am einundzwanzigsten September“, antwortet er.

„Das passt, da habe ich frei. Vielleicht sollten wir Edith und Freddy mitnehmen.“

„Dürfen wir auch mit?“, fragt Jarne unvermittelt.

„Nee, ich fürchte, das ist nichts für euch“, meint Sarah. „Aber Oma Martha wird kommen und ihr macht euch einen schönen Abend zu dritt.“ Jarne zeigt ein enttäuschtes Gesicht, aber Ben scheint ganz froh, nicht mit zu müssen.

Nach dem Essen spielen sie noch ein Spiel zusammen. Heute ist Ben dran mit Aussuchen und er entscheidet sich für Machi Koro. Jarne gewinnt zweimal hintereinander und freut sich.

Danach ist Fabian dran, dafür zu sorgen, dass die Jungs in ihre Betten kommen. Als sie noch kleiner waren, hatten sie sie abwechselnd ins Bett gebracht. Das ist nun nicht mehr notwendig. Ein bisschen angetrieben werden müssen sie dennoch.

Nachdem er Jarne „Gute Nacht“ gesagt hat, geht er in Bens Zimmer, der mit Kopfhörern in seinem Bett liegt.

„Was hörst du, wenn ich fragen darf?“

„Soundgarden – Zero Chance“, erhält Fabian eine knappe Antwort. „Hat Horst mir empfohlen“, ergänzt er noch.

Ben ist gerade in den Neunzigern unterwegs. Linkin Park, Soundgarden und natürlich Nirvana. Alles Bands, deren Frontmann sich umgebracht hat, fällt Fabian gerade auf und er fragt sich, ob das bedenklich ist, verwirft den Gedanken jedoch gleich wieder. Früher starben die Rockstars an Drogen, heute bringen sie sich um, was letztlich wohl das Gleiche ist.

Später trifft er Sarah im Wohnzimmer an. Sie sitzt auf dem Sofa, hat ihre Beine angewinkelt, wie sie es häufig macht, und hört der leisen Musik zu, die aus den Lautsprechern kommt.

Fabian erkennt das Cellokonzert von Edward Elgar und ihm fällt ein, dass sie dies gerade mit ihrem Orchester einüben. Vorsichtig schleicht er sich an und zögert kurz.

Mit einem kurzen Nicken fordert sie ihn auf, sich zu ihr zu setzen. Dann hören sie noch eine Weile gemeinsam aufmerksam zu. Als die Musik zu Ende ist, lächelt sie ihm zu.

„Wie läuft es mit dem Stück?“, fragt er freundlich.

„Ganz okay. So gut wie die auf dieser Aufnahme bekommen wir es allemal hin“, erwidert sie fröhlich.

„Sind das nicht die Berliner Philharmoniker?“, fragt er irritiert.

„Glaub schon“, antwortet sie lachend. „Steht zumindest auf dem Cover“.

Er probiert den Rotwein aus ihrem Glas und fragt, ob noch etwas davon da sei. Sie nickt und er holt sich ein eigenes Glas aus der Küche.

Als er zurück ist, sich eingeschenkt und wieder gesetzt hat, schaut sie ihm lächelnd ins Gesicht und klimpert mit ihren langen schwarzen Wimpern, so wie nur sie es kann. Er ahnt bereits, was nun kommen wird.

„Du, Fabian, hast du noch einmal darüber nachgedacht?“

„Worüber?“, fragt er, obwohl sonnenklar ist, was sie meint, daher spricht er schnell weiter. „Sarah, wir haben zusammen alles gewonnen, was man auf unserem Level gewinnen kann, und irgendwann muss mal Schluss sein. Du bist achtunddreißig und ich werde demnächst vierzig.“

Sarah grinst, weil sie schon jetzt weiß, dass sie am Ende doch gewinnen wird.

„Fabian, wo hast du nur diese charmanten Umgangsformen gelernt? Frauen, vor allem alte Frauen wie ich, mögen es, wenn man sie auf ihr Alter anspricht. Und noch mehr mögen sie es, wenn man es dann noch gegen sie verwendet.“ Nach einer theatralischen Pause ergänzt sie: „Joe meint, zum Tanzen ist man nie zu alt und wir beide wären immer noch besser als alle anderen in unserer Tanzschule.“

Joe ist ihr Tanzlehrer und Trainer. Eigentlich heißt er Johannes, aber er meint, das passe nicht zu einem Rock-n-Roller.

Bevor Sarah und Fabian zusammengekommen waren, hatte Fabian sich in der Tanzschule angemeldet, die Joe gehörte und in der Sarah damals aushilfsweise unterrichtete. Schnell hatten sie ihre gemeinsame Leidenschaft für das Rock-n-Roll-Tanzen entdeckt und waren über die Jahre hinweg einigermaßen erfolgreich damit gewesen.

Nach seinem vierzigsten Geburtstag sollte eigentlich Schluss sein mit den Wettbewerben, aber Sarah träumt davon, noch ein letztes Mal an der Bezirksmeisterschaft teilzunehmen.

„Vielleicht solltest du es mal mit Joe probieren?“

Sarah reißt die Augen auf, als hätte er etwas Unanständiges vorgeschlagen.

„Du weißt genau, dass ich nur mit dir tanzen kann. Du bist der einzige Mensch auf der Welt, dem ich voll und ganz vertraue, und das ist ausgesprochen wichtig beim Tanzen. Du wirst mich immer auffangen, wenn ich falle, egal was passiert!“

Sie hat recht und er ist ein wenig gerührt. Bevor er antworten kann, sagt sie noch: „Außerdem habe ich noch etwas gut bei dir – du erinnerst dich.“

„Okay, weil du es bist. Dann versuchen wir noch ein letztes Mal unser Glück. Danach ist aber wirklich Schluss“, verkündet er, obwohl er das auch schon im letzten und vorletzten Jahr entschieden hat.

Sarah fällt ihm um den Hals. „Danke, Fabian. Ich liebe dich!“

Einige Wochen später besuchen Sarah und Fabian gemeinsam mit Edith und Freddy die Premiere von Viel Lärm um Nichts im Schauspielhaus der Stadt.

Nach der wunderbaren Aufführung sind alle Beteiligten und deren engste Angehörige in den Saal der Theaterkneipe zur Premierenfeier eingeladen. Der Regisseur hält eine kurze Rede, lobt die großartigen Schauspieler, allen voran seine beiden Hauptdarsteller. Dann ist das Buffet eröffnet.

Sarah und Fabian sowie Freddy und Edith sitzen in einer Nische und sprechen über die Aufführung. Freddy und Fabian sind über alle Maßen angetan von der Premiere.

Die Frauen fanden es irgendwie semischön und möchten die Euphorie der anderen nicht so ganz teilen. Wie so oft sind sich Sarah und Edith einig.

Schon vor langer Zeit haben sie beide eine unausgesprochene Allianz geschlossen, der allgemeinen Begeisterung über wirklich alles, was Laura und Penny tun, etwas entgegenzusetzen.

Edith mag und bewundert ihre Schwiegertochter und befürchtet stets, dass sie neben den anderen Frauen der Familie, wie sie sagt, nicht angemessen gewürdigt wird.

Daher besucht Edith fast alle Konzerte in der Philharmonie, in denen Sarah mitspielt. Nicht selten ist Fabian genervt davon, dass seine Mutter und seine Frau stets zusammenhalten. Andererseits freut er sich darüber, dass er zumindest bei der Wahl seiner Ehefrau den hohen Erwartungen seiner Mutter gerecht werden konnte.

Die Schlange am Buffet ist lang und bevor sie sich entschieden haben, ob sie vielleicht jetzt oder doch später, erscheint Cassandra an ihrem Tisch.

„Hi Cas, schön dich zu sehen.“ Freddy reagiert als Erster, während Edith kaum merklich ihr Gesicht ein wenig verzieht. Fabian hebt lässig eine Hand zum Gruß, während Sarah sich erhebt, um Cassandra in ihre Arme zu nehmen.

„Laura kommt auch gleich“, ruft Cassandra fröhlich in die Runde, nachdem Sarah sich wieder neben Fabian gesetzt hat. „Sie muss noch kurz mit den Jungs von der Lokalpresse flirten“, ergänzt sie lachend und setzt sich neben Sarah, obwohl sie niemand dazu aufgefordert hat.

Keiner sagt etwas und bevor das Schweigen peinlich zu werden droht, erscheint Laura im Raum, sieht sich kurz um, entdeckt sie und schwebt auf den Tisch zu. Schwebt trifft es genau, denn alles, was Laura tut, geschieht mit einer aufreizenden Leichtigkeit, um die Fabian sie immer schon beneidet hat.

Laura strahlt und winkt den anderen fröhlich zu. In ihrem schwarzen Kleid sieht sie hinreißend aus und zieht die Blicke fast aller Männer im Raum auf sich.

Als sie am Tisch ankommt, ist Cassandra die Erste, die aufspringt, ihr um den Hals fällt und einen Kuss gibt.

„Süße, du warst unfassbar, einfach wunderbar, pretty amazing“, ruft sie laut, dass alle am Tisch es hören können.

Edith verzieht erneut das Gesicht. Nun so, dass alle es sehen können. Lange hat sie darüber nachgedacht, ob es irgendetwas gibt, was sie an Cassandra mögen könnte. Vergeblich.

Stattdessen hasst sie so ziemlich alles an ihr: die Art, wie sie spricht, der breite Akzent und die Angewohnheit, in fast jedem ihrer Sätze deutsche und englische Wörter unterzubringen. Ihre zuckersüße, schleimige Art und ihr angeblicher Charme, mit dem sie alle um den Finger wickelt; dass sie in einem fort und überall raucht und allem voran natürlich die Tatsache, dass sie mit ihrer Tochter ins Bett geht.

Nachdem Cassandra von Laura abgelassen hat, erheben sich alle der Reihe nach, um Laura in den Arm zu nehmen und sie zu beglückwünschen.

Als Fabian an der Reihe ist, flüstert er: „Ich bin unfassbar stolz auf dich, Schwesterherz!“

Laura setzt sich zu den anderen an den Tisch und erzählt ein wenig kokett von ihrem angeblichen Lampenfieber und den Dingen, die während der Aufführung schiefgegangen sind. Der Regisseur ist tausend Tode gestorben, aber zum Glück hat im Publikum wohl niemand irgendetwas davon bemerkt.

Nachdem alle am Tisch dies bestätigt haben, lacht Laura fröhlich und ein wenig aufgekratzt in die Runde.

Die Schlange am Buffet ist nun recht kurz und alle außer Laura holen sich etwas von dem berüchtigten Fingerfood, das es hier nur nach Premieren gibt.

Während alle anderen kauen fragt Cassandra: „Und, hat Laura es schon erzählt?“

„Was?“, fragt Fabian, der gerade nicht kaut, während Laura abwehrend ihre Hände hebt, als wäre es ihr peinlich.