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Konflikte kann man aussitzen oder eskalieren lassen, man kann vor ihnen davonlaufen oder gute Miene zum bösen Spiel machen. Hilfreich ist das alles nicht. Aber wie geht man professionell mit Konflikten um? Was macht beispielsweise eine Lehrerin mit Schülern, die in einen heftigen Streit verwickelt sind? Oder eine Führungskraft, deren Mitarbeiter nicht miteinander klarkommen? Die Autoren geben einen Einblick in ihre Arbeit als Klärungshelfer, verorten die Klärungshilfe im weiten Feld der Mediation und diskutieren ihre Möglichkeiten und Grenzen. So entstehen aufschlussreiche Werkstattberichte über die Anwendung der Klärungshilfe im beruflichen und privaten Umfeld.
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Seitenzahl: 341
Veröffentlichungsjahr: 2013
Christoph Thomann • Barbara Kramer
Konfliktklärung im privaten, beruflichen und öffentlichen Bereich
Konflikte kann man aussitzen oder eskalieren lassen, man kann vor ihnen davonlaufen oder gute Miene zum bösen Spiel machen. Hilfreich ist das alles nicht. Aber wie geht man professionell mit Konflikten um? Was macht beispielsweise eine Lehrerin mit Schülern, die in einen heftigen Streit verwickelt sind? Oder eine Führungskraft, deren Mitarbeiter nicht miteinander klarkommen? Die Autoren geben einen Einblick in ihre Arbeit als Klärungshelfer, verorten die Klärungshilfe im weiten Feld der Mediation und diskutieren ihre Möglichkeiten und Grenzen. So entstehen aufschlussreiche Werkstattberichte über die Anwendung der Klärungshilfe im beruflichen und privaten Umfeld.
Dr. Christoph Thomann, Jahrgang 1950, Studium der Psychologie in Fribourg (Schweiz) und Hamburg. Seit 1978 führt er eine psychologische Klärungshilfe-Praxis in Bern für Konflikte im privaten, beruflichen und organisatorischen Bereich. Arbeitsschwerpunkt: Klärungshilfe bei gestörter Zusammenarbeit und bei Ehe-Konflikten (Kompaktformat). Er bietet in Zusammenarbeit mit dem Institut für Klärungshilfe (IfK) die Ausbildung zum zertifizierten Klärungshelfer an. Außerdem leitet er Weiterbildungsseminare in Klärungshilfe. Autor verschiedener Taschenbücher und Fachartikel, Mitglied des Netzwerks «Arbeitskreis Kommunikation und Klärungshilfe» Hamburg.
www.klaerungshilfe.com
Barbara Kramer, Jahrgang 1960, Diplom-Psychologin, arbeitet seit 1998 als selbständige Beraterin in Unternehmen mit dem Arbeitsschwerpunkt Konfliktklärung und Konfliktprophylaxe. Langjährige Erfahrung mit Talent-Management-Prozessen. Weiterbildung in systemischem Coaching am Milton Erickson Institut, Heidelberg, und mit Kommunikationsmodellen am Schulz von Thun Institut, Hamburg. Gehört seit 2002 zum Ausbildungsteam von Dr. Christoph Thomann und ist Gründungsmitglied des Instituts für Klärungshilfe (IfK) in Köln.
www.consulting-kramer.com
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, April 2013
Covergestaltung any.way, Walter Hellmann
Coverabbildung ohne
ISBN 978-3-644-49591-3
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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www.rowohlt.de
Hinweis
Einleitung
Gebrauchsanweisung für dieses Buch
Klärungshilfe: Ein kurzer Überblick über die Methode
Die Phasen
Die Grundhaltungen der Klärungshilfe
Kurz gesagt
I Anwendungsfelder
«Loser, Loser!»
Augen auf und durch – Kluge Chefs klären Konflikte
«Bei uns auf der Baustelle regeln wir das anders!»
Laien als Chefs von Profis
«Tschuldigung, Tschuldigung!»
Konflikt ist ein großes Wort
Praxistest am Talfluss
Erwerben – erben – verderben
Viola und Hannes
Schwierige Gefühle in der Anwaltspraxis
II Methodenmix
Drei Töpfe halten den Brei
Supervision und Klärungshilfe – eine Liebeshochzeit?
Ein Bericht über Teufels Küche
III Von allem etwas
Vom inneren Monolog zu klaren Äußerungen
Literaturverzeichnis
Die Autorinnen und Autoren
Abbildungsnachweis
Hinweis
Sämtliche Namen von Klienten in den aufgeführten Fallbeispielen wurden anonymisiert und die Umstände verfremdet. Ähnlichkeiten mit realen Personen wären demnach reiner Zufall und nicht beabsichtigt.
In allen Beiträgen wurde mit Blick auf die leichte Lesbarkeit immer die männliche Form gewählt. Wenn beispielsweise also vom Klärungshelfer oder Mediator die Rede ist, sind selbstverständlich auch alle unsere Kolleginnen gemeint.
Was kann man eigentlich mit Konflikten machen, außer sie auszusitzen oder zu explodieren, gute Miene zum Bösen vorzuspielen und innerlich oder tatsächlich davonzulaufen?
Was macht beispielsweise eine Lehrerin mit zwei Schülern, die am Ende der Pause in einem heftigen Streit sind? Richterin sein, Strafen verteilen oder wegschauen, um den Unterrichtsablauf nicht aus dem Takt zu bringen? Oder eine Führungskraft, deren Mitarbeiterin sich über ihren Kollegen – natürlich im Vertrauen – beschwert? In Einzelgesprächen sinnlos Zeit verschwenden? Oder ein Fischer, dessen mühevoll gezüchteter Laich den Fluss runtergespült wird, weil ein Kraftwerksarbeiter die Schleusen voll geöffnet hat? Die Faust in der Tasche ballen oder zur Zeitung und zum Gericht rennen?
Als ich, Christoph Thomann, 1978 meine Praxis eröffnete und mich mit Paaren durch ihre Konflikte «wursteln» musste, hätte ich mir nie träumen lassen, was daraus entsteht. Es gab damals für die Konfliktklärung wenig Vorbilder. Ich musste mir den methodischen Weg selbst bahnen. Der Ansatz entwickelte sich aus meiner praktischen Arbeit heraus, manches ergab sich dabei zufällig und intuitiv. Die Klärungshilfe wäre aber vielleicht ewig in meinem kleinen Rahmen geblieben, wenn nicht Friedemann Schulz von Thun, Christian Prior und Barbara Kramer – alle auf ihre Weise – dazu beigetragen hätten, sie bekannt, lehr- und lernbar zu machen.
Heute, 35 Jahre später, freue ich mich, wie vielfältig und nutzvoll die Klärungshilfe angewendet werden kann, und ich staune, wo und wie meine ehemaligen Schüler und jetzigen Kollegen sie praktizieren (und bin heimlich auch etwas stolz darauf).
Es hat sich in diesen Jahren viel getan: Nachdem die Bücher Klärungshilfe 1 und Klärungshilfe 2 die theoretischen Grundlagen der Methode zum Inhalt hatten und Klärungshilfe 3 einen detaillierten Einblick in die konkrete Bearbeitung eines Falles lieferte, zeigen wir jetzt anhand von Kurzgeschichten, in welchen verschiedenen, zum Teil außergewöhnlichen Konfliktbereichen die Methode angewendet wird. Daraus ist ein Lesebuch entstanden, das sich an den interessierten Laien und den Konfliktexperten zugleich richtet.
Es herrscht vielfach die Ansicht vor, Klärungshilfe funktioniere nur bei innerbetrieblichen Konflikten speziell in den obersten Führungsetagen. Das ist jedoch nicht richtig. Unsere zertifizierten Kollegen klären seit Jahren Konflikte, mit kleinen Veränderungen und Anpassungen, auch in der Schule, im öffentlichen und im sozialen Bereich, in der Arbeit mit behinderten Menschen, in Projekten, die auch im interkulturellen Kontext angesiedelt sind, in der Ehe- und Scheidungsberatung und so weiter. Ein Teil der Beiträge zeigt, wie man Klärungshilfe methodisch an unterschiedliche Situationen anpassen muss, bei anderen ist der Fokus stärker auf die inhaltliche Seite der Konflikte ausgerichtet.
Wie groß die Bandbreite der Anwendungsmöglichkeiten ist, zeigen die Beiträge im ersten Teil des Buches.
Im zweiten Teil, dem Methodenmix, gehen drei Autoren in einer eher systematischen Auseinandersetzung mit dem Thema der Frage nach, ob es Wege gibt, die Klärungshilfe zu kombinieren – mit Mediation, Supervision und Coaching. Sie zeigen anschaulich, wo und wie die verschiedenen Verfahren so zusammengeführt werden können, dass sie sich gegenseitig in optimaler Weise ergänzen, und dass es Grenzen des Machbaren gibt. Schließlich folgen wir im dritten Teil, der «von allem etwas» bietet, dem Blick der Autorin aus drei Perspektiven auf die Klärungshilfe: aus Sicht der Konfliktpartei, der Teilnehmerin an der Ausbildung und der praktizierenden Klärungshelferin.
Wenn man die einzelnen Beiträge liest, könnte man mitunter meinen, das Klären von Konflikten sei normal, einfach und banal: Man höre den beteiligten Konfliktparteien nacheinander zu, kläre dann in Ruhe die strittigen Punkte, und fertig sei die «Klärerei». Die Tücken liegen aber genau da: in der Ruhe, die man nur hat, wenn man sich mit den schwierigen Gefühlen auskennt, die es in Konflikten gibt.
Wer von Klärungshilfe noch nichts weiß, sollte unbedingt zuerst den kurzen Überblick über die Methode lesen, um sich dann in den einzelnen Beiträgen zurechtfinden zu können. Wer hingegen die Klärungshilfe mit ihren sieben Phasen (0 bis 6) kennt, kann direkt hineinspringen in die Fälle.
Quellen all dieser Kurzberichte sind Anfragen per E-Mail und Aufzeichnungen von Gesprächen zur Auftragsklärung, Notizen von Zitaten der Konfliktparteien und ihre Skizzen aus den Sitzungen, Erinnerungsprotokolle, Supervisionsberichte und schriftliche Nachbefragungen. Alle Daten wurden anonymisiert und didaktisch aufbereitet.
Die Klienten und ihre Lebensumstände sind nicht mehr erkennbar, die Beziehungen und Gefühle jedoch authentisch geblieben.
Zum Teil wurden mehrere Fälle für einen Beitrag herangezogen und die konkreten Umstände von Einzelfällen vereinfacht und gekürzt dargestellt. Dies geschah immer mit dem Ziel der besseren Verständlichkeit und des Lerngewinns für den Leser.
Wir waren beide zum ersten Mal Herausgeber. Dass sich Pein und Freude daran die Waage hielten, verdanken wir insbesondere Dagmar Kumbier, die uns als erfahrene Herausgeberin oft mit Rat zur Seite stand.
Unser Dank gilt natürlich auch den Autorinnen und Autoren für ihre Beiträge und dafür, dass sie unsere Änderungen daran ausgehalten haben und trotzdem alle bis zum Schluss dabeigeblieben sind.
Christoph Thomann
Barbara Kramer
Bern und Köln, Dezember 2012
Barbara Kramer und Christoph Thomann
Klärungshilfe hilft Menschen, mit Konflikten klarzukommen. Sie ist eine professionelle und trotzdem fehlertolerante Methode der Vermittlung zwischen Konfliktparteien. Ihr Ziel ist es, die «Streithähne» wieder so in Kontakt zu bringen, dass ihr Konflikt geklärt werden kann. Dieser Brückenschlag ist die Voraussetzung, um Lösungen zu finden, die menschen-, sach- und situationsgerecht sind. Das größte Hindernis hierbei sind in aller Regel schwierige Gefühle wie Wut, Ärger, Enttäuschung oder Verletztsein. Das Wesentliche der Klärungshilfe ist: Sie will mehr als eine Lösung – nämlich auch die Auf-Lösung des Konfliktgrunds. Dieser liegt nicht nur in den Strukturen und in der unzureichenden Kommunikation, sondern auch immer in den schwierigen Gefühlen der Beteiligten. Die Klärungshilfe sucht deshalb den «Weg in die Tiefe» und bewirkt dort eine kleine, aber entscheidende Veränderung, sodass sich die Konfliktparteien nicht mehr als Gegner, sondern als Menschen sehen können (siehe: Die «Vertiefungsleiter» beim Doppeln).
Das methodische Vorgehen der Klärungshilfe ist mehrfach und ausführlich beschrieben, beispielsweise im Praxisbuch Klärungshilfe 3 (Thomann/Prior, 2007), das uns hier als Grundlage für die aktualisierte Zusammenfassung dient.
Der gesamte Klärungsprozess folgt einem klar strukturierten Modell, das zur Veranschaulichung «Klärungshilfebrücke» oder «Bridge over troubled water» genannt wird. Sie dient dem Klärungshelfer als Orientierung im Gesprächsverlauf, der – aufgeteilt in sieben Phasen – die Untiefen des Konflikts überwinden helfen soll.
Abb. 1: Bridge over troubled water
An den Klärungshelfer wird eine Konfliktsituation mit der Bitte um Rat und Hilfe herangetragen. Jetzt ist es seine Aufgabe, alles Nötige vom Auftraggeber zu erfahren, um mit ihm zusammen beraten und entscheiden zu können, was unternommen werden muss, wie und mit wem das geschehen soll. Das setzt Kontakt und Vertrauen voraus, bedeutet also mehr als nur eine rein geschäftliche Beziehungsgrundlage schaffen.
Dies ist auch nötig, um für die schwierigen Situationen, die es in jeder Konfliktbearbeitung gibt, eine tragfähige Basis zu entwickeln. Der Auftraggeber liefert sich ja in einer für ihn wichtigen und heiklen Situation dem Klärungshelfer aus. Für diesen gilt umgekehrt das Gleiche, denn er begibt sich sehenden Auges in schwierige und unangenehme Situationen. Damit verbunden sind angespannte Atmosphären und negative Gefühle, im Extremfall sogar die Gefahr des Scheiterns und der Rufschädigung.
Daher muss der Klärungshelfer im Vorwege grundsätzlich abklären, ob seine drei Hauptbedingungen vom Auftraggeber nicht nur akzeptiert, sondern auch mitgetragen werden:
Es geht prinzipiell um «Klarheit der Wahrheiten» auf allen Ebenen, der sachlichen, situativen, zwischenmenschlichen und organisatorischen.
Das Verstehen der Vergangenheit bildet die Grundlage für die Klärung der Gegenwart und die Planung der Zukunft.
Vorwürfe und schwierige Gefühle werden nicht ausgeklammert, sondern als wesentlicher Klärungsinhalt betrachtet.
Wird der Auftrag für eine Klärungshilfe erteilt, muss als Nächstes die konkrete Durchführung zusammen geplant werden: Teilnehmer, Termin, Dauer, Ort und Finanzen.
Es kann durchaus knifflig sein herauszufinden, wer eigentlich für einen Konflikt der «richtige Auftraggeber» ist. Nicht immer ist es derjenige, der als Erster anruft. In hierarchisch strukturierten Organisationen ist der richtige Auftraggeber prinzipiell die Führungskraft, die für den Konfliktbereich zuständig ist. Im privaten Bereich oder dann, wenn es keine Hierarchie gibt, ist der Engagierteste die richtige Person.
Der Anfang einer Klärung ist eine besonders sensible Phase. Die Teilnehmer sind emotional unter Druck, unsicher und wachsam. Die Konfliktparteien und der Klärungshelfer treffen zum ersten Mal aufeinander und lernen sich persönlich kennen.
Einleitend benennt der Klärungshelfer die «Wahrheit der Situation»: «Wie kommt es (Vorgeschichte) und welchen Sinn macht es (Zielsetzung), dass ausgerechnet ich (warum und in welcher Rolle?), ausgerechnet mit Ihnen (warum diese Personen und andere nicht – und wer hat das warum entschieden?), ausgerechnet zu diesem Thema (wie hat es sich ergeben?), ausgerechnet auf diese Weise (geplantes Vorgehen) zusammenkommen?» (Schulz von Thun, 1998) Anschließend wird der Ablauf der Klärung vorgestellt, und es werden individuelle Hindernisse und Bedingungen besprochen und geklärt, um möglichst gut in den Konflikt einsteigen zu können.
Für den gesamten Prozess übernimmt der Klärungshelfer die Rolle des Gesprächsleiters, trägt als «Chef im Ring» die Verantwortung für die Klärung, führt sie umsichtig und sorgt dafür, dass sie nicht aus dem Ruder läuft. Die dynamischen und «dynamitischen» Kräfte, die durch Konflikte freigesetzt werden können, erfordern ein klares und präzises Vorgehen. Das gibt allen Sicherheit. Der Klärungshelfer lässt sich diese Prozessmacht nicht aus der Hand nehmen – sonst fliegt ihm und allen anderen Beteiligten die gesamte Veranstaltung um die Ohren.
Die zweite Phase ist der eigentliche Einstieg in die Konfliktinhalte. Jeder der Anwesenden erklärt, wie er die Konfliktentwicklung erlebt hat und was davon noch in Form von Verletzung oder Misstrauen nachwirkt. Der Anspruch des Klärungshelfers ist hier, jeden Einzelnen ganz zu verstehen. Gleichzeitig geht es aber auch darum, die Knackpunkte zu identifizieren, die in der folgenden Dialogphase zum Austausch kommen sollen.
Um nicht in einem Meer der Worte zu ertrinken, ist es hilfreich, wenn jeder Teilnehmer ein Bild seiner Sichtweise skizziert. Diese Visualisierung dient ihm selbst als «Spickzettel» für seine eigene Darstellung und allen anderen als Verdeutlichung seiner Sicht. Es ist unerlässlich, dass der Klärungshelfer Folgendes genau versteht:
das Zwischenmenschliche und das Persönliche – wer mit wem warum und wie aneinandergeraten ist
das Besondere der Konfliktkonstellationen
welche individuellen Umstände im Geschehen eine verschärfende Rolle spielen
die (Organisations-)Strukturen, (Arbeits-)Abläufe und Zuständigkeiten
Der Klärungshelfer notiert sich alle relevanten Themen und bringt sie in eine übersichtliche Darstellung (Diagnosechart).
In dieser Phase geht es um das Zueinanderfinden durch Auseinandersetzen. Die in der Selbstklärung vorgetragenen, sich widersprechenden Sichtweisen werden jetzt miteinander in Kontakt gebracht. Dazu führt der Klärungshelfer die Parteien in einen Konfliktdialog, der ohne seine Moderation wahrscheinlich eskalieren oder absterben würde. Er fühlt sich in alle Teilnehmer ein, hilft dem Einzelnen, sich und seine Empfindungen möglichst vollständig auszudrücken. Das bewirkt ein vertieftes gegenseitiges Verstehen. Der Dialog bildet das Herzstück der Klärung und umfasst ungefähr die Hälfte der gesamten vereinbarten Zeit.
Der Klärungshelfer beachtet dabei besonders die schwierigen Gefühle. Er steuert die Auseinandersetzung zwischen den Parteien mit seinen Instrumenten «Dialogisieren» und «Doppeln». Daraus entspinnt sich ein Gesprächsfaden, ausgehend vom sachlich Inhaltlichen hin zum zwischenmenschlich Emotionalen.
Wenn eine Partei etwas Entscheidendes (einen Vorwurf, eine Behauptung oder Unterstellung, einen Angriff, eine Selbstaussage) mitteilt, richtet sich der Klärungshelfer mit den simplen Fragen «Was sagen Sie dazu? Wie reagieren Sie darauf?» an den Angesprochenen und initiiert so einen direkten Austausch zwischen den «Kontrahenten» über diesen konkreten Knackpunkt im Konflikt. Das macht er auf beiden Seiten immer wieder, um die Brücke ihres direkten Kontaktes allmählich stabiler zu machen. Und er wiederholt es so lange, bis tatsächlich eine Reaktion oder eine Antwort Handlungen und Erleben aus dem Konflikt befriedigend erklären. So sorgt er für einen Dialog, der schwierigen und unangenehmen Inhalten nicht ausweicht, sondern sie klärt. Was sonst unweigerlich zur Eskalation führen würde, wird verlangsamt und zusätzlich durch Doppeln gesteuert, vertieft und damit für Klarheit und Verständnis genutzt.
«Darf ich mal neben Sie kommen, etwas für Sie sagen, und Sie sagen dann, ob es stimmt?» Mit dieser immer gleichen Frage bittet der Klärungshelfer um die Erlaubnis zu doppeln. Wenn er die Einwilligung bekommt, begibt er sich von seinem Platz zu der betreffenden Person, geht neben ihr in die Hocke und spricht an ihrer Stelle die Gegenpartei direkt an. Anschließend fragt er die so «gedoppelte» Person, ob das Gesagte für sie genau so zutreffend ist. Bejaht diese nicht sofort und spontan, sagt er von sich aus: «Nein, stimmt nicht. Sagen Sie bitte selber, wie es stimmt.» Nach dem Doppeln geht er wieder zu seinem Platz zurück.
Abb. 2: Doppeln
Was wird gedoppelt? Alles, was der Klärungshelfer zwischen den Zeilen hört, wird «auf die Zeilen gehoben» und ausgesprochen.
Abb. 3: Die Vertiefungsleiter
Der Klärungshelfer bewegt sich beim Doppeln wie auf einer Leiter, Sprosse um Sprosse von der Sachebene in die Tiefe der schwierigen (negativen) Gefühle. Was er dabei sagt, orientiert sich an den folgenden vier Ebenen:
Hier befinden sich alle Fakten, Vorfälle, Situationen, Inhalte und Verhaltensweisen, an denen sich der Konflikt ursprünglich entzündet hat («Als Sie mir im Lenkungsausschuss vor allen Kollegen erklärten, dass eins plus eins zwei ist, und dann alle gelacht haben …»). Von dort aus bewegt sich der Klärungshelfer entlang der inneren Frage: Wie hat sich die Person vom anderen behandelt gefühlt? auf die
Der Klärungshelfer spricht hier doppelnd den Beziehungsvorwurf aus («… fand ich Sie arrogant. Sie haben sich öffentlich über mich lustig gemacht. Ich werfe Ihnen vor, dass Sie sich auf meine Kosten profilieren wollten.»). Sobald alle Vorwürfe klar ausgesprochen sind, geht der Klärungshelfer einen Schritt tiefer zur
Wut, Eifersucht, Neid, Hass, Gier, Rachegefühl, Kontrollsucht, Eingeschnapptsein, Misstrauen («Das macht mich wütend und sauer!») – diese Gefühle gelten als negativ und nicht gesellschaftsfähig. Sie werden daher meist tabuisiert. Der Klärungshelfer aber nennt sie beim Doppeln nüchtern beim Namen. Damit steht er vor dem letzten Schritt der Vertiefung zur
Die unter der Aggressionsebene liegenden schwierigen Gefühle von Hilflosigkeit, Verletzung, Enttäuschung, Zukurzkommen, Trauer, Sich-ungerecht-behandelt-Fühlen werden im letzten Schritt vom Klärungshelfer ruhig für die gedoppelte Person benannt («Ihr Verhalten hat mich gekränkt. Ich fand es unserer Beziehung nicht angemessen. Ich konnte mich in der Situation nicht wehren, ich war enttäuscht und hilflos.»). Dies geschieht direkt und unspektakulär, sodass alle im Raum diese Gefühle als etwas völlig Normales verstehen und akzeptieren können. Diese sogenannten «Wehgefühle» bringen Menschen aus ihrer Vergangenheit unbewusst in den Konflikt mit – daher heißen sie auch «Vorverletzungen». Sie werden zwar durch das Verhalten anderer ausgelöst – jedoch meist unbeabsichtigt. Und dennoch reagiert der Gekränkte wie auf eine absichtsvoll zugefügte Verletzung.
Wenn diese «Wehgefühle» sichtbar werden, hat das eine solidarisierende Wirkung auf alle Konfliktbeteiligten, weil sie den verletzlichen Menschen im «Gegner» erkennen. Das ermöglicht eine leichtere Lösungssuche.
Diese «Wehgefühle» werden nur in Klärungsgesprächen im privaten Bereich (beispielsweise Ehe oder Familienunternehmen) weiter erforscht. Im beruflichen Kontext gilt: keine Erklärungen oder therapeutischen Maßnahmen für diese schwierigen Gefühle!
Im Dialog kommt es manchmal vor, dass die Situation für jemanden unaushaltbar wird: «Das lasse ich mir nicht bieten», oder «Ich finde das läuft hier ganz falsch» oder schlicht «Genug! Ich gehe jetzt!» Dann droht die Klärung abzubrechen. In diesen Momenten bietet der Klärungshelfer eine Zwischenerklärung an, die die verschiedenen Aspekte und Sichtweisen wieder in einen Zusammenhang stellt, die Richtigkeit der Gefühle und die Sinnhaftigkeit des Prozesses deutlich macht.
Wenn der Dialog trotz allen Bemühens dennoch:
in Verhärtung erstarrt
sich im Kreis dreht und
vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr erkennen lässt
oder
aus Zeitgründen beendet werden muss,
kann man aus den schwierigen Emotionen nicht sofort zur Lösung übergehen. Hier muss zuerst noch eine Beruhigung der Gemüter erreicht werden. Dazu verhilft die «Erklärung».
Klärungshelfer: «Ich will den Gesprächsfaden zwischen Ihnen mal abschneiden und sagen, wie ich alles von außen sehe.» Sofort lehnen sich die Konfliktparteien erleichtert und dankbar zurück und schauen gespannt auf den Klärungshelfer. Die Beteiligten werden jetzt zu Betrachtern ihrer Situation, treten also gefühlsmäßig aus dem Konflikt heraus und gehen auf Distanz zu ihrem eigenen Erleben.
Der Klärungshelfer fasst ihre Konfliktgeschichte zusammen, sodass sie diese gemeinsam von außen sehen können. Er vereinigt die einzelnen Standpunkte, Empfindungen und das Verhalten der Parteien zu einer Gesamtsicht – in der jeder sich selbst und den anderen gleichzeitig als reagierendes Opfer und agierenden Täter erkennen kann. Je besser es dem Klärungshelfer gelingt, mit seinen Erklärungen und Modellen die Verstrickungen – des Einzeln und im Ganzen – ohne jegliche Schuldzuweisung zu benennen, desto mehr entsteht unter den Beteiligten ein Gemeinsamkeitsgefühl. Deswegen werden Erklärungsmodelle verwendet, die nicht Schuld oder Strafe verteilen und auch nicht Menschen einseitig als Opfer, Täter, Kranke und Böse sehen.
Eine Möglichkeit für diese klärende Sicht bietet das «Riemann-Thomann-Modell», das die Unterschiedlichkeit zwischen den Menschen und ihren Reaktionen beschreibt (Thomann, 1998; Thomann/Schulz von Thun, 1988).
Was die Konfliktparteien als unvereinbare Gegensätze erleben, wird vom Klärungshelfer in der Erklärungsphase in einem größeren Rahmen theoretisch als berechtigt, akzeptabel, fast sich gegenseitig bedingend und ergänzend und damit absolut nachvollziehbar dargestellt.
Kurz: Diese Phase beruhigt die Emotionen durch Erklären der Konfliktmechanismen und befähigt zur leichten Lösungssuche («Land der leichten Lösungen»).
Grundsätzlich steht die Lösungssuche bei der Klärungshilfe nicht von Anfang an im Zentrum, obwohl sie natürlich ein gewünschtes Ziel ist. Im Idealfall hat der Klärungshelfer in der Lösungsphase nicht viel mehr zu tun, als die vorgeschlagenen Vereinbarungen auf Alltagstauglichkeit zu prüfen und die Verteilung der Aufgaben nach ganz pragmatischen Gesichtspunkten zu steuern: Wer macht was bis wann, wo und wie?
Bevor alle auseinandergehen, wird die Klärung sorgfältig und umfassend abgeschlossen. Dazu gehört ein Blick nach vorne: Wie geht es weiter – was muss jetzt schon für die Nachsorge verabredet werden? Und ein Blick zurück: Was gibt es noch zu sagen, wie werden Außenstehende informiert? Was muss vertraulich bleiben? Gibt es noch etwas zu reklamieren? Es folgen eine Schlussrunde und der Abschied.
Die Begleitung und Beratung bei der Umsetzung der verabredeten Lösungen ist wichtig, weil sie die Nachhaltigkeit der Veränderungen unterstützt. Alle Kontakte mit dem Klärungshelfer nach der Abschlussphase gehören zur Nachsorge: einfaches Nachfragen per Telefon, Coaching des Auftraggebers, weitere Klärungssitzungen.
Egal wie erfolgreich ein Klärungsprozess auch gelaufen sein mag, so ist es doch nicht ausgeschlossen, dass alte Kommunikationsmuster wieder die Oberhand gewinnen, weil gerade unter stressigen Alltagsbedingungen sich das Gewohnte hartnäckig durchsetzt. Die Aufgabe des Klärungshelfers in dieser Phase ist es, die Unterstützung der Führungskraft fortzusetzen und sie dazu zu befähigen, selbständig die Kultur der klärenden Gespräche aufrechtzuerhalten.
Diese sieben Phasen (0 bis 6) sind wie ein Geländer, an dem sich der Klärungshelfer mit einer Hand festhalten kann, um im komplexen oder chaotischen Klärungsgeschehen die Orientierung nicht zu verlieren. Seine zweite Hand bleibt frei fürs situative Agieren, für Improvisation, flexible Reaktion und, wenn nötig, akute Fehlerkorrektur.
In der Klärungshilfe braucht es beides: Struktur und Freiheit. Zu viel Struktur bringt zwar Sicherheit für den Klärungshelfer, ist aber manchmal zu starr für das komplexe Geschehen einer Klärung. Zu viel freies Eingehen auf die Dynamik der Situation bringt hingegen Chaos und überlässt die Führung der Eskalation oder der Macht des Stärkeren.
Klarheit geht vor Schönheit oder Harmonie
der einzige Weg hinaus führt hindurch (schwierige Gefühle)
Verstehen ist der Schlüssel
Wahrheit heilt (den Konflikt)
negative Gefühle akzeptieren und vertiefen, damit sie verbinden können
ehrlicher Kontakt kommt vor Lösungssuche
Vergangenheit verstehen, Gegenwart klären, Zukunft planen (in dieser Reihenfolge!)
Die Klärungshilfe ist einfach. Der Dialog steht im Zentrum. Dort wird über die schwierigen Tatsachen und Gefühle gesprochen, und sie werden eventuell gedoppelt. So kommt man langsam zu den äußeren und inneren Wahrheiten aller Beteiligten. Dies bewirkt einen wahrhaftigen Kontakt.
Wenn die negativen Gefühle vertieft wurden, kommt es fast automatisch zu Solidarität zwischen den Parteien. Das ist die beste Voraussetzung für leichte, realistische und haltbare Lösungen.
Geri Bäumer
Tim: «Sammy hat mir in Sport einfach einen Schuh an den Kopf geknallt! Der ist so was von brutal!»
Sammy: «Stimmt gar nicht!»
Tim: «Stimmt wohl!»
Sammy: «Wenn du die ganze Zeit so blöd ‹Loser, Loser›, Verlierer – du triffst ja nie! schreist, Mann! Selber schuld!»
Jetzt bin ich als Lehrerin gefragt! Gleich wird der Gong zum Pausenende läuten. Wie soll ich da schnell wissen, was los war und wer recht hat?
Die Zeitwächterin in mir ist in der Bredouille, die Gerechtigkeitsliebende auch. Die Rolle der «Schnellrichterin» überfordert mich. Jetzt bloß nichts aus der Hüfte schießen, sonst haben wir den nächsten Konflikt! Ist der reibungslose Ablauf des Unterrichtes wichtiger als das individuelle Leid oder ist es genau umgekehrt?
Konflikte, Streit und handfeste Auseinandersetzungen gehören zum Schulalltag, wie ich ihn seit vielen Jahren als Lehrerin an einer Gesamtschule im Grund- und Sekundarstufenbereich erlebe. Überall, wo Menschen, ob Kinder oder Erwachsene, miteinander zu tun haben, entstehen Verletzungen und Kränkungen durch Missverständnisse und Interessenkonflikte, und plötzlich sind zwei im Clinch.
Meist sind es bei Kindern nur kleine Scharmützel, und oft heißt es einfach: «Hört auf mit dem Streit!», aber manchmal sind die Hiebe fester, und die Wunden gehen tiefer, und die Konfliktparteien brauchen Hilfe. Auf diesem Hintergrund glaube ich, dass sich mein professionelles Profil als Pädagogin vertieft, wenn ich als Lehrerin auch in die Rolle der Klärungshelferin schlüpfen kann, um mich allparteilich in die Streitenden einzufühlen – allerdings mit dem Bewusstsein, dass verschiedene Rollen auch zu Verstrickungen führen können.
Die Klärungshilfe wurde als ein Verfahren entwickelt, um eskalierte Konflikte zwischen Erwachsenen zu bearbeiten. So habe ich sie gelernt. Doch sie eignet sich auch zur Streitschlichtung zwischen Kindern (Thomann, 2010).
Wie kann ich als Lehrerin Klärungen mit der eigenen Klasse durchführen?
Völlig aufgewühlt stehen die beiden Streithähne vor mir. Tim weint, Sammy schaut mit verstockter Miene in die andere Richtung, und eine Traube von Kindern bildet sich erwartungsvoll um uns.
Diese Schaulustigen lauern darauf, dass noch etwas passiert! Die Pause ist gleich um, bis dahin muss mir etwas eingefallen sein! So denke ich gestresst. Der Druck, unter dem die zerstrittenen Jungen stehen, erfasst auch mich.
«Um verstehen zu können, wie es zu eurem Streit kam und wie wir ihn lösen können, brauchen wir mehr Zeit, als wir sie jetzt in der Pause noch haben», sage ich nach einem Blick auf die Uhr zu Tim und Sammy gewandt. Die beiden Zehnjährigen nicken zustimmend.
Das ist die Wahrheit der Situation. Ich bin erleichtert – immerhin gibt es darüber eine kleine Brücke der Verständigung.
«Ich schlage euch vor, dass wir diesen Streit morgen in der ersten Stunde klären, wenn wir zusammen Unterricht haben.»
Beide Jungen nicken, zumal sie schon wissen, wie eine Klärung abläuft, und sich deshalb gedulden können.
In der Schule ist es meistens so, dass ein akuter Streit zwischen Kindern in der Pause oder in einer unstrukturierten Übergangssituation (Pause, Raumwechsel, Gruppenarbeit, Freistunde) ausbricht oder eskaliert. Die Schüler suchen dann zunächst bei einem aufsichtführenden Lehrer oder dem Klassenlehrer Hilfe. Nach der Pause soll der Unterricht aber weitergehen. Nur eben oft nicht bei mir, als klärende Lehrerin. Auch sind nicht immer alle streitbeteiligten Kinder im selben Raum, sodass ich nicht gleich mit der Klärung beginnen kann. Wenn das so ist, verabrede ich mit den Beteiligten einen Zeitpunkt am nächsten Tag. Bei allen kann der Vorfall sich so über Nacht etwas setzen. Das ist von Vorteil, und der folgende Tag ist auch für Kinder eine gefühlsmäßig noch zumutbare zeitliche Distanz.
Am Tag der Klärung sorge ich für eine lockere, aber sachliche Stimmung und habe beide Konfliktparteien im Auge. Meist gehen sie sich von selber aus dem Weg, wenn sie wissen, die Klärung steht an. Kommen beteiligte Kinder aus anderen Klassen hinzu, suche ich für sie einen Platz, sodass alle Parteien und ich sich gut sehen können.
Sensible Kinder reagieren auf jede Veränderung des alltäglichen Ablaufs irritiert und verunsichert, deshalb ändere ich die gewohnte Sitzordnung so wenig wie möglich.
Ich erkläre kurz die Regeln: «Es redet immer nur einer, alle hören zu, dann spricht der Nächste, und alle hören zu. Es werden keine Kommentare, Witze oder Fragen in die Klasse hineingerufen!»
Ich kündige auch an, wie lange wir heute für die Klärung Zeit haben. Dann fasse ich kurz zusammen, was ich bereits über den Streit weiß, unter Umständen auch von Telefonaten.
Ich frage: «Wer fängt an?»
Tim: «Sammy hat mir gestern seinen Schuh voll an den Kopf geworfen, weil er verloren hat.»
Meist ergreift das Kind mit dem größeren Leidensdruck als erstes das Wort. Als Nächstes kommt der Konfliktgegner an die Reihe. Während dieser Berichte frage ich nach. Meine Grundhaltung ist, alle Konfliktparteien von ihrer subjektiven Warte aus verstehen zu wollen. Wichtig ist vor allem zu erfragen, in welchem Zusammenhang die handfeste Auseinandersetzung stand. «War schon in der Stunde davor etwas?» «Und wie ist es danach weitergegangen?» Es handelt sich zwar meist nicht um lang schwelende Konflikte, doch immer hat eine Auseinandersetzung oder ein Missverständnis eine Vorgeschichte. Diese gilt es herauszuschälen, da sie allen verständlich macht, warum jemand «ausgerastet» ist. Ich notiere mir die Themen, die geklärt werden müssen: Haben nicht alle gelacht? Habt ihr euch selbst in Gruppen eingeteilt? Müssen die Schuhe vor dem Betreten der Turnhalle nicht ausgezogen werden?
Weil die Schüler das Verfahren der Klärung kennen, fallen sie sich inzwischen selten ins Wort, denn sie wissen, dass sie ausführlich angehört werden, und können sich der ungeteilten Aufmerksamkeit der anderen sicher sein. Ich sage dann jeweils: «Das verstehe ich gut, wie du dich fühlst» oder «Ja, das kann ich jetzt gut nachvollziehen, dass du das gemacht hast». Früher musste ich die Konfliktparteien häufiger unterbrechen, weil Konfliktgegner einander nicht ausreden ließen oder beleidigten. Heute ist es eher eine Temperamentsfrage, wenn durcheinandergeredet wird. Ich muss dann zur Ordnung rufen, die Regeln wiederholen und die Beteiligten beruhigen. Ich mache erst weiter, wenn alle wieder auf mich hören und «im Boot» sind. Die Klärungshelferin muss zu jeder Zeit die Oberhand haben. Dann folgt der Dialog der Konfliktgegner, den ich moderiere.
Klärungshelferin (KH): «Sammy sagt, du, Tim, habest zu ihm gerufen: ‹Loser, Loser, du triffst ja nie!› Da habe er dir den Schuh an den Kopf geworfen. Was sagst du dazu, Tim?»
Tim: «Ja, das stimmt, ich wollte ihn ein bisschen provozieren. Seine Mannschaft hat ja schließlich auch verloren. Aber deswegen muss er mir ja nicht gleich seinen Schuh mit voller Wucht an den Kopf werfen!»
KH: «Was sagst du dazu, Sammy?»
Sammy: «Ich stand mehrere Meter weg, ich wusste gar nicht, ob ich ihn am Kopf treffe.»
KH: «Was sagst du dazu, Tim?»
Tim: «Nee, er stand nur einen Meter weit weg! Direkt vor mir eigentlich.»
Die subjektiven Einschätzungen sind sehr unterschiedlich, aber schließlich war die ganze Klasse in der Turnhalle, da wird es doch noch Zeugen geben. Grundsätzlich dürfen alle Kinder bei der Klärung etwas sagen. Wichtig ist, dass ich die Themen, die angesprochen und geklärt werden sollen, sortiere und dabei für den roten Faden sorge. Jetzt geht es um die Entfernung zwischen Tim und Sammy.
KH: «Was sagen die anderen? Wer hat es genau gesehen? Wer möchte dazu etwas sagen?»
Alice: «Sammy stand wirklich ein ganzes Stück weg, aber er kann halt sehr gut werfen, das wissen doch alle – und seine Bälle haben immer eine ganz schöne Wucht!»
Sammy schaut verschlossen, zuckt mit den Schultern, guckt in die Runde.
KH: «Meinst du, Sammy hat absichtlich auf deinen Kopf gezielt, Tim?»
Tim: «Weiß nicht. Ich fand’s halt unfair, weil andere haben auch ‹Loser› gerufen, nicht nur ich.»
Otto: «Ja, aber du hast auch so gelacht dabei!»
Mara: «Andere aber auch!»
KH: «Was sagst du dazu, Sammy?»
Sammy: «Er hat mich provoziert!»
KH: «Wie reagierst du darauf, Tim?»
Tim: «Ich hab mich halt gefreut, dass wir gewonnen haben, da wird man doch noch mal ein bisschen die andern ausbuhen dürfen!»
Jan: «Das gehört doch dazu!»
Hans: «Das ist doch, weil wir uns freuen, dass wir gewonnen haben!»
Zwischenrufe toleriere ich hier in einem gewissen Ausmaß, besonders wenn sie erhellend sind. Deshalb will ich jetzt wissen, ob es in der Klasse Konsens ist, dass Ausbuhen zum Siegen dazugehört, oder ob es einen bösartigen Beigeschmack hat.
KH: «Wer findet, Ausbuhen gehört ein bisschen zur Freude am Sieg dazu? Meldet euch mal!»
Einzelne Stimmen: «Ein bisschen schon!» «Kommt drauf an!» «Man freut sich halt irgendwie.»
Zwei Drittel der Finger gehen hoch, es ist also normal und nicht persönlich gemeint – aha, so ist das also!
KH: «Tim, als dir der Schuh mit voller Wucht an den Kopf flog, das hat sicher ganz schön weh getan.»
Im Unterschied zur klassischen Klärungshilfe braucht es das Doppeln bei den Kindern nicht, da sie zu ihren Gefühlen einen recht direkten Zugang haben und sie auch zeigen (Beschimpfungen, Tränen). Es genügt, aktiv zuzuhören und eventuell das entsprechende Gefühl explizit zu benennen.
Tim: «Ja, es hat ganz schön weh getan, es war ja am Kopf.»
Barbara: «Die Backe war feuerrot! Das sah man noch ganz lang!»
KH: «Wie war das für dich, Tim?»
Tim: «Der Schuh kam so plötzlich, ich konnte gar nichts machen, Sammy war total wütend, dabei war ich ja nicht der Einzige, der gerufen hat.»
KH: «Ein Schuh mit Wut geschleudert hat eine ordentlich Wucht, und dazu kommt, wenn einem etwas unvorbereitet trifft, tut es doppelt weh.»
Tim: «Es hat mir noch den ganzen Nachmittag weh getan. Meine Mutter wollte schon fast bei Sammys Mutter anrufen.»
KH: «So schlimm?»
Tim weint, Lars setzt sich neben ihn. Ich schaue zu Tim und warte ein wenig. Damit gebe ich ihm und seinem Schmerz Raum. Nach einem Moment hat er sich beruhigt und schaut zurück zu mir. Das ist das Signal, weiterzumachen.
In der Dialogphase muss ich aber nicht nur die Gefühle, sondern auch alles Sachliche verstehen, weil ich sonst die Streithähne nicht voll unterstützen kann.
KH: «Wieso hast du eigentlich mit einem Schuh geworfen, Sammy?»
Sammy: «Weil ich die Schuhe nach dem Spiel ausgezogen habe, die haben gedrückt. Ich saß auf dem Boden.»
Lars: «Wir, die Sieger, standen auf ein paar Matten obendrauf und haben uns gefreut, und die waren vor uns am Boden.»
Sammy: «Aber das war doch gar kein fairer Kampf!»
Anna: «Du kannst nur nicht verlieren!»
Es passiert natürlich, dass Kinder, wenn sie an der Reihe sind, andere Themen anschneiden. Dann unterbreche ich und führe zum Thema zurück. Ihre Anliegen werden im Themenspeicher notiert. Manchmal sind die «Abschweifungen» wie hier aber wertvolle Hinweise auf noch nicht aufgedeckte Zusammenhänge.
KH: «Tim, hast du dich gefreut, dass Sammy mal Verlierer war, weil er sonst immer gewinnt?»
Tim: «Ja, gegen Sammy kann man nie gewinnen, der muss immer der Sieger sein!»
Bastian: «Aber das stimmt doch so nicht! Weil Sammy hat eigentlich für beide Mannschaften Punkte geholt, auch als er noch in der anderen Mannschaft war, hat er für die mehrere Punkte gemacht, weil er so gut treffen kann!»
KH: «Was sagst du dazu, Sammy?»
Sammy: «Deswegen musste ich ja auch die Mannschaft wechseln.»
Otto: «Deswegen hat seine Mannschaft ja überhaupt ein paar Punkte gemacht, weil er am Ende dazukam. Er musste das Team wechseln, weil am Anfang alle Guten in der anderen Mannschaft waren.»
KH: «Du musstest das Team wechseln, Sammy? Wie kam das?»
Sammy: «Das war total unfair, wir waren am Gewinnen, und plötzlich sagt Herr Wendt, dass ich in die andere Mannschaft rübergehen soll. Weil die so schlecht sind.»
KH: «Warum gerade du?»
Jan: «Weil Herr Wendt sagt, dass er am wenigsten gut die Mannschaft wechseln kann …»
Hans: «… weil er nicht verlieren kann!»
Sammy: «Ich wollte aber gern mit meinem Freund Karl in der Mannschaft zusammenbleiben!»
KH: «Du musstest die Mannschaft wechseln, weil die guten Spieler für ein faires und interessantes Spiel gleichmäßig verteilt sein sollten. Darauf müssen wir Lehrer achten, sonst macht es den Chancenlosen keinen Spaß. Ihr seid beide sehr gute Spieler, Karl und du.»
Barbara: «Aber da sind noch andere, die sehr gute Spieler sind: Anton, Ben und Joshua!»
KH: «Und waren die alle in derselben Mannschaft?»
Sammy: «Ja mit mir, und dann haben wir nach dem Wechsel noch drei Punkte geholt, bis das Spiel zu Ende war. Resultat: 8 zu 3!»
KH: «Das heißt, du hast dich in deiner neuen Mannschaft dann so ins Zeug gelegt, dass ihr auf den letzten Drücker noch drei Punkte geholt habt!?»
Sammy: «Ja!»
Ich verstehe jetzt, wie sehr Sammy sich angestrengt hat und wie wenig Anerkennung er dafür bekommen hat. Verstehen es die andern auch, versteht er es selbst? Ich fasse zusammen, was ich gehört und verstanden habe.
KH: «Donnerwetter! Und dann ruft Tim dir nach dem Spiel zu: Du triffst doch nie! Dabei hast du dich gerade so angestrengt, obwohl du gegen deine Freunde spielen musstest und gegen deinen Willen die Mannschaft wechseln musstest!? Und die neue Mannschaft hat deiner Fähigkeit, gut zu treffen, auch zu verdanken, dass sie noch ein paar Punkte machen konnte!»
Sammy guckt verschlossen.
KH: «Da bist du wütend geworden, als sie ‹Loser› riefen?»
Sammy: «Ja.»
KH: «Und du hast deinen großen Einsatz gar nicht gewürdigt gesehen?»
Sammy nickt und schluckt.
KH: «Wer kann verstehen, dass Sammy da wütend wird, wenn er das ganze Spiel über alles gibt, und dies in beiden Mannschaften, und dann wird das nicht anerkannt?»
Fast alle Finger gehen hoch.
Ich stelle immer mal wieder Fragen an die ganze Klasse und hole Stimmungsbilder ein, auch um alle im Boot zu haben und zu verhindern, dass sich ihre Konzentration vorzeitig erschöpft.
KH: «Schau dich um, Sammy. Und schau, auch Tim meldet sich. Glaubst du es Tim, dass er dich jetzt auch verstehen kann?»
Sammy nickt stumm.
KH: «Also könnte man sagen: Wenn einer kein ‹Loser› ist, dann Sammy?!»
Bastian: «Ja!»
Anna: «Genau!»
Die Moderation in der Dialogphase ist eine Gratwanderung zwischen striktem Lenken und aufmunterndem Freilassen des Gesprächsverlaufs. Wichtig ist, dass die Kontrahenten störungsfrei sprechen können. Hier darf keiner dazwischenreden. In der ersten Schulstunde sind die Schüler dazu am besten in der Lage, weil sie ausgeruht, frisch und neugierig sind. Der Lautstärkepegel ist wie ein Seismograph, ob man noch am richtigen Thema dran ist. Unruhe entsteht auch regelmäßig, wenn sich die Kinder nicht sicher sein können, ob sie noch zu Wort kommen werden. Es beruhigt die Klasse, wenn die Rednerliste möglichst einfach und durchschaubar ist. Dann müssen sie sich nicht mehr melden, und jeder weiß, wie es weitergeht.
KH (zu Sammy gewandt): «Und wenn du in deiner ersten Mannschaft hättest bleiben dürfen, wärst du ja auch in der Siegermannschaft gewesen und zu Recht, weil du denen ja viele Punkte geholt hast.»
Sammy nickt ernst.
KH: «Eigentlich hat es Tim dir zu verdanken, dass seine Mannschaft gewonnen hat. Eigentlich bist du ganz und gar um den Lohn für all deine Anstrengung geprellt worden!»
Sammy schluckt.
KH: «Und du musstest dir auch noch von Herrn Wendt sagen lassen, dass du im Mannschaftswechseln und Verlieren am wenigsten gut bist.»
Sammy hat Tränen in den Augen. Tim steht auf und geht zu Sammy und schüttelt ihm die Hand und sagt: «Entschuldigung!»
Tatsächlich ist es am Ende der Klärung, wenn alle Sichtweisen ausgesprochen sind, oft erstaunlich leicht, zu einer Auflösung des Konflikts zu kommen. Meist erheben sich die Kinder spontan und versöhnen sich. Seit wir die Klärungen machen, kommt interessanterweise kein Kind mehr auf die Idee, eine materielle Entschädigung (Murmel, Kekse) anzubieten oder einzufordern. Früher hatten die Konfliktparteien wohl nicht immer das Gefühl, ganz verstanden worden zu sein. Das hinterließ einen mehr oder weniger großen Bodensatz an Trotz und Schuldgefühlen, der mit einer Aufforderung seitens der Lehrerin «Entschuldige dich bitte bei ihm!» überwunden und mit einer materiellen Entschädigung beschwichtigt werden musste («Mit den Keksen sind wir quitt!»).
Sammy sagt: «Entschuldigung, auch!»
Tim setzt sich wieder an seinen Platz. Es ist still. Ich warte einen Augenblick, schaue in die Runde, alle sind friedlich und ruhig.
Ich bin erleichtert und bewegt, habe ich doch gerade eine andere Seite dieses temperamentvollen, durchsetzungsstarken und vermeintlich robusten Jungen erlebt, die mich rührt. Wenn es um Verständnis und Anerkennung geht, ist er von anderen Menschen genauso abhängig und ihnen ausgeliefert wie wir alle. Tragischerweise lässt ihn seine Leistungsstärke unabhängiger von Lob und Zuspruch erscheinen, obwohl er sich mehr ins Zeug legt als andere. Ich spüre, dass auch ich diesem Trugschluss innerlich ein wenig aufgesessen bin und Sammy jetzt besser verstehen kann.
In der Erklärungsphase richte ich mich grundsätzlich an alle, um Verständnis zu bewirken und Ausgrenzung zu vermeiden.
Ich genieße noch ein Weilchen mit den Kindern die entspannte Stimmung in der Klasse. Es wird jetzt durcheinandergeredet, gelacht, aufgestanden. Manchmal frage ich noch: «Wer kennt einen guten Witz?», und wir lachen noch einmal alle gemeinsam, bevor ich zum Abschluss zusammenrufe.
Ich frage am Ende jeder Klärung, ob sich alle von mir verstanden und unterstützt gefühlt haben oder sich jemand verletzt fühlt, ich parteiisch und ungerecht war oder jemanden nicht zu Wort habe kommen lassen. Meldet sich ein Kind oder hat Bedenken, dass dies bei einem anderen der Fall ist, entschuldige ich mich: «Das war nicht meine Absicht. Es tut mir leid.»
Am Ende kann und darf es weniger still und harmonisch sein als im Beispiel. Manchmal haben die Streithähne zwar verstanden, wie alles gekommen ist, sind aber unversöhnlich. Dann fasse ich die Situation unbeschönigt zusammen und vertage auf den nächsten Morgen. Oft haben dann wichtige Aspekte gefehlt, weshalb sich die Klärung noch nicht rund anfühlt – manchmal fällt mir über Nacht etwas wie Schuppen von den Augen.
Am folgenden Tag frage ich nach, ob das Ergebnis der Klärung auch über Nacht Bestand hat: «Ist euch noch etwas über Nacht eingefallen, was wir noch nicht besprochen haben, was aber dazugehört und wichtig ist? Hat jemand noch etwas zu gestern zu sagen, zu der Klärung oder dem Konflikt überhaupt?»
Wenn niemand etwas sagt, verspreche ich noch, dass sie jederzeit darauf zurückkommen können. Manche Kinder müssen nach aufwühlenden Klärungen emotional erst wieder Boden unter den Füßen gewinnen und sich beruhigen, bevor sie sich trauen, ein neues Fass aufzumachen. Die meisten aber sind am Ende einer Klärung euphorisiert und aufgekratzt: «Können wir bitte morgen wieder eine Klärung machen!»
