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Ein Referenzwerk zu den Pionierinnen und Pionieren der Körperwahrnehmung Hinter den verschiedenen Techniken und Schulen steht die gemeinsame Ausrichtung, wieder näher mit den leiblichen Prozessen - Atmung, Bewegung, Balance, Sensibilität - verbunden zu sein, um so der langen westlichen Tradition, den Wert des menschlichen Körpers und seiner natürlichen Umgebung herabzuwürdigen, wirksame Praktiken entgegenzusetzen. Für die zweite Auflage wurde die Literatur aktualisiert und ergänzt. Das Buch ist ein Referenzwerk zur Körperwahrnehmung und beinhaltet eine umfassende Sammlung zentraler Aufsätze und Interviews von Pionierinnen und Pionieren der Körperwahrnehmung: Elsa Gindler und Heinrich Jacoby, Charlotte Selver, Carola Speads, Marion Rosen, Ilse Middendorf, F.M. Alexander, Moshé Feldenkrais, Ida Rolf, Bonnie Bainbridge Cohen, Judith Ashton, Irmgard Bartenieff, Mary Whitehouse, Gerda Alexander, Emilie Conrad Da'Oud, Elizabeth A. Behnke, Thomas Hanna und Deane Juhan. "Wer sich den Sinneswahrnehmungen, insbesondere der Körpereigenwahrnehmung zuwendet, kennt die Schwierigkeit, Empfindungen in eine verständliche Sprache zu fassen und dabei den wahrgenommenen Phänomenen gerecht zu werden. Ähnlich wie die mehrdimensionale Lebendigkeit eines Traums im -Beschreiben oft kaum noch zugänglich ist, können sich körperliche Empfindungen und Gefühle im Prozess des Schreibens verflüchtigen. Die hier versammelten Methoden haben unterschiedliche Zugänge entwickelt, um sich in der Flut der wahrgenommenen Nuancen zu orientieren. Sie schulen methodenspezifisch -Sensibilität, die Fähigkeit zu spüren, zu fokussieren und auf die eigene Intuition zu horchen." Auszug aus der Einleitung der deutschen Herausgeberin Thea Rytz
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Seitenzahl: 700
Veröffentlichungsjahr: 2022
Don Hanlon Johnson
(Hrsg.)
Klassiker der Körperwahrnehmung
Erfahrungen und Methoden des Embodiment
Deutschsprachige Ausgabe herausgegeben von Thea Rytz
Übersetzungen aus dem Amerikanischen von Christine Mauch
2., aktualisierte Auflage
Klassiker der Körperwahrnehmung
Don Hanlon Johnson (Hrsg.)
Programmbereich Medizin
Kontaktadresse der Herausgeberin:
www.thearytz.ch
Christine Mauch übersetzte die Texte S. 17–27, 59–63, 67–90, 107–114, 123–146, 149–174, 189–218, 221–242, 245–255, 259–273, 277–287, 291–308, 329–343, 347–368, 371–383. Die übrigen Texte wurden mit freundlicher Genehmigung der Verlage den angegebenen deutschsprachigen Ausgaben entnommen.
Wichtiger Hinweis: Der Verlag hat gemeinsam mit den Autoren bzw. den Herausgebern große Mühe darauf verwandt, dass alle in diesem Buch enthaltenen Informationen (Programme, Verfahren, Mengen, Dosierungen, Applikationen, Internetlinks etc.) entsprechend dem Wissensstand bei Fertigstellung des Werkes abgedruckt oder in digitaler Form wiedergegeben wurden. Trotz sorgfältiger Manuskriptherstellung und Korrektur des Satzes und der digitalen Produkte können Fehler nicht ganz ausgeschlossen werden. Autoren bzw. Herausgeber und Verlag übernehmen infolgedessen keine Verantwortung und keine daraus folgende oder sonstige Haftung, die auf irgendeine Art aus der Benutzung der in dem Werk enthaltenen Informationen oder Teilen davon entsteht. Geschützte Warennamen (Warenzeichen) werden nicht besonders kenntlich gemacht. Aus dem Fehlen eines solchen Hinweises kann also nicht geschlossen werden, dass es sich um einen freien Warennamen handelt. Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt des Redaktionsschlusses eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.
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Anregungen und Zuschriften bitte an:
Hogrefe AG
Lektorat Medizin
Länggass-Strasse 76
3012 Bern
Schweiz
Tel. +41 31 300 45 00
www.hogrefe.ch
Lektorat: Susanne Ristea
Übersetzung: Christine Mauch
Herstellung: René Tschirren
Umschlagabbildung: Getty Images/Koji Fujita/EyeEm
Umschlag: Claude Borer, Riehen
Satz: Claudia Wild, Konstanz
Format: EPUB
Das vorliegende Buch ist eine Übersetzung aus dem Amerikanischen. Der Originaltitel lautet «Bone, Breath, and Gesture: Practices of Embodiment» von Don Hanlon Johnson.
© 2010. North Atlantic Books, Berkeley CA, USA, vertreten durch Agence Schweiger.
2., aktualisierte Auflage 2022
© 2022 Hogrefe Verlag, Bern
© 2012 Verlag Hans Huber, Hogrefe AG, Bern
(E-Book-ISBN_PDF 978-3-456-96250-4)
(E-Book-ISBN_EPUB 978-3-456-76250-0)
ISBN 978-3-456-86250-7
https://doi.org/10.1024/86250-000
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Einleitung zur deutschsprachigen AusgabeThea Rytz
EinleitungDon Hanlon Johnson
Elsa Gindler und Heinrich Jacoby
Die Gymnastik des BerufsmenschenElsa Gindler
Verwandlung im Ganzen – Bei-sich-seinHeinrich Jacoby
Ein Bericht über die Arbeit mit Heinrich JacobyRuth Veselko
Charlotte Selver
Gespräch mit Charlotte SelverJohn Schick
Carola Speads
Gespräch mit Carola SpeadsThomas Hanna für Somatics
Atmen: Eine illustrierte Anleitung zur natürlichen Atmung [Auszüge]Carola Speads
Marion Rosen
Rosen-Methode Körperarbeit [Auszug]Elaine L. Mayland
Ilse Middendorf
Gespräch mit Ilse MiddendorfElizabeth Beringer
Der erfahrbare Atem [Vorwort]Ilse Middendorf
Frederick Matthias Alexander
Gespräch mit Marjory Barlow über F. M. AlexanderJoan Schirle
Der StottererFrederick Matthias Alexander
Moshé Feldenkrais
Gespräch mit Mia Segal über Moshé FeldenkraisThomas Hanna für Somatics
Die Entdeckung des Selbstverständlichen [Einleitung]Moshé Feldenkrais
Ida Rolf
Ida Rolf spricht über Rolfing und physische Wirklichkeit [Einleitung]Rosemary Feitis
Ida Rolf spricht über Rolfing und physische Wirklichkeit [Auszüge]Ida Rolf
Bonnie Bainbridge Cohen
Spüren, Fühlen, Tun: Gespräch mit Bonnie Bainbridge CohenNancy Stark Smith
Spüren, Fühlen, Tun: Gespräch mit Bonnie Bainbridge CohenLisa Nelson und Nancy Stark Smith
Spüren, Fühlen, Tun: Das Tun im WahrnehmenBonnie Bainbridge Cohen
Judith Aston
Drei Arten der Betrachtung und eine hartnäckige AngewohnheitJudith Aston
Irmgard Bartenieff
Gespräch mit Irmgard BartenieffIlana Rubenfeld
Mary Whitehouse
Das Tao des KörpersMary Whitehouse
Gerda Alexander
Gespräch mit Gerda AlexanderDavid Bersin
Eutonie. Ein Weg der körperlichen Selbsterfahrung [Auszüge]Gerda Alexander
Emilie Conrad Da’Oud
Leben an LandEmilie Conrad Da’Oud
Elizabeth A. Behnke
MatchingElizabeth A. Behnke
Thomas Hanna
Was bedeutet Somatics?Thomas Hanna
Deane Juhan
KörperarbeitDeane Juhan
Bildnachweis
Weiterführende Literatur
Internetadressen
Thea Rytz
Winterthur im Dezember 2010. Wir sind zum Tee bei Ruth Veselko. Lilo Elias setzt sich in einen Sessel, Ruth, Christine Mauch und ich nehmen direkt auf dem Boden um das niedrige Tischchen herum Platz. Christine – die die meisten Texte in diesem Sammelband ins Deutsche übersetzt hat – und ich haben Ruth gebeten, aus ihrer jahrzehntelangen Erfahrung mit der Jacoby/Gindlerarbeit zu erzählen.
Ruth hat den Reformpädagogen Heinrich Jacoby 1942 kennengelernt und setzt sich seither mit Wahrnehmung und Lernen nach seinen Ansätzen auseinander. Das Lernen bei Jacoby war sehr vielfältig, «es ging um alles», erzählt sie. Sich dem Körper hinzuwenden, habe einem geholfen lebendig zu werden. Meist hätten sie etwa eine Stunde Körperarbeit gemacht, dann habe Jacoby seine Überlegungen vorgetragen und Teilnehmende aufgefordert, auf den eigenen Alltag bezogene Fragen zu stellen. Sie habe sich frisch und fit |10|gefühlt nach der Arbeit mit ihm, sei beeindruckt gewesen von der Vielfältigkeit seines Ansatzes, sagt die 92-jährige frühere Verkäuferin und Filialleiterin. Elsa Gindler und Jacoby hätten sehr ähnlich unterrichtet, eigentlich gleich, befindet Ruth im Rückblick, die beide persönlich im Unterricht erlebt hat. Sie selbst hat nach ihrer Pensionierung begonnen, ihre Erfahrungen mit der Jacoby/Gindlerarbeit in Kursen und Einzelunterricht weiterzugeben. Während sie bis Mitte der Nuller Jahre noch regelmäßig dafür reiste, u. a. bis in die USA, unterrichtet sie in den letzten Jahren ausschließlich in der Schweiz.
Die 81-jährige Tänzerin Lilo Elias ist eng mit Ruth befreundet und besucht ihre Klassen seit Jahren. Lilo tanzte in Kurt Jooss’ Ballettkompagnie und unterrichtete später an der Schauspielschule in Zürich. Beide haben mit beeindruckender Kontinuität erforscht, wie körperliche, emotionale und mentale Zustände einander gegenseitig bedingen und was uns unterstützt, uns im Alltag immer wieder von neuem stimmig zu verhalten. Sich getrauen, etwas Neues anzufangen, sei wichtig, sagt Ruth, und sich dabei erlauben zu stolpern, dann werde es interessant: wenn man die Erschütterung zulassen könne. Ihre Erzählungen und noch viel mehr die Art, wie sie diese Arbeit auf schlichte und humorvolle Weise verkörpern, faszinieren mich. Ruth lud uns im Unterricht wiederholt ein – wie es auch Jacoby und Gindler nach ihren Stunden oder Kursen verlangt hätten –, Berichte von unseren Erfahrungen zu verfassen. Auch während der Kurse wird oft über das Erlebte reflektiert. Doch weder sie noch Lilo haben ihre eigene Methode formuliert und kaum schriftliche Reflexionen veröffentlicht. Sie fassen ihre fundierten Kenntnisse über Lernprozesse nicht in Konzepte. Sie praktizieren, stellen Fragen und machen Bezüge zum Alltag: «Ich lache mir morgens zu, wenn ich mich wasche», sagt Ruth ganz nebenbei.
Meine Begegnung mit Ruth und Lilo im Zuge von Ruths jährlich stattfindendem Wochenkurs Nachentfaltungen hat dazu beigetragen, meine spontanen Idee umzusetzen: Don Hanlon Johnsons Buch Bone, Breath & Gestures – Practises of Embodiment einem deutschsprachigen Publikum zugänglich zu machen. Mein Kollege Malcolm Manning machte mich Ende der 1990er Jahre auf Johnsons Sammelband von Aufsätzen und Interviews mit Pionierinnen und Pionieren der Körperwahrnehmung aufmerksam. Ich war überrascht, wie sehr mich die Lektüre emotional berührte. Es war nicht die erste Publikation, die historische Quellentexte aus Tanz, Bewegungserziehung und Körperwahrnehmung nebeneinander versammelte, von der ich mir wünschte, sie würde mehr Verbreitung finden. Vor Freude tanzen, vor Kummer halb in Stücke gehen von Hadassa K. Moscovici (1991) hatte ich einige Jahre zuvor mit viel Interesse gelesen. Aber Johnsons Sammelband bewegte mich auf eine andere Art. Seine Einleitung setzt die versammelten Methoden |11|und die Auseinandersetzung mit Bewegung und Körperwahrnehmung in einen gesellschaftspolitisch relevanten Kontext. Johnson sieht einen Zusammenhang zwischen dem Mangel an Körperwahrnehmung und der allgegenwärtigen häuslichen und kriegerischen Gewalt, der Ausbeutung von Menschen und der Natur. Johnson, selbst Doktor der Philosophie, zertifizierter Rolfer und Mitgründer eines Zentrums für Folteropfer, schreibt ein Plädoyer für Menschlichkeit und stellt die Hypothese auf, dass Gewalt, Folter und Ausbeutung von Mensch und Umwelt nur denkbar sind, wenn wir unsere Körper verneinen, betäuben oder auf andere Art nicht wahrnehmen.
Körperwahrnehmung fördert den Bezug zur Gegenwart über alle Sinne. Die Gegenwart ist die Verkörperung unserer persönlichen und gesellschaftlichen Geschichte. Nehmen wir uns differenzierter und akzeptierender wahr, so spüren wir auch die Verbundenheit mit der Umgebung deutlicher, in schwierigen ebenso wie in freudigen Momenten. Die Welt ist uns näher, und wir sind gleichzeitig bezogener: «Du und ich: Wir sind eins. Ich kann dir nicht wehtun, ohne mich zu verletzen», sagte Gandhi. Könnten wir, indem wir Körperwahrnehmung fördern, gewalttätiges, verachtendes und ausbeuterisches Handeln vermindern und Verbundenheit fördern? Könnte es sein, dass ein Mensch mit intakter Körperwahrnehmung nicht imstande wäre, anderen und der Umwelt zu schaden? Könnte dies Teil des Fundamentes einer sozialen Bewegung sein: Die Fähigkeit für Mitgefühl, Kooperation und ökologisches Verhalten zu fördern, indem Wahrnehmung und Bezogenheit im eigenen Körper über alle Sinne und im Handeln respektvoll kultiviert wird? Könnten die hier versammelten Methoden mit ihrem Erfahrungswissen einen Beitrag zu mehr Wachheit für die Verschränkung von Mensch und Umwelt weit über den Gesundheitsbereich hinaus leisten? Welche zusätzlichen Faktoren wären nötig, damit eine differenzierte, integrierte Wahrnehmung zu verantwortlichem Handeln führt?
Es ist viel darüber nachgedacht und geforscht worden, welche Mechanismen der Entmenschlichung und Entfremdung nötig sind, damit Menschen wie du und ich anderen grenzenlose Gewalt antun. Gibt es auch Forschung darüber, was mit der Körpereigenwahrnehmung von Menschen geschieht, die andere ausbeuten, quälen, foltern oder ermorden? Die nicht nur fragt, unter welchen sozialen und strukturellen Bedingungen sie dazu imstande sind, sondern wie der wahrnehmende, lebendige Organismus der Täter und Täterinnen dazu fähig ist?
Der Philosoph Alva Noë sagt – und vor ihm schon viele Klassiker der Körperwahrnehmung –, dass Wahrnehmen und Handeln (sich bewegen) einander bedingen. Er definiert Bewusstsein als die Tatsache, dass wir denken, fühlen und die Welt sich uns zeigt. In seiner Radikalen Philosophie des |12|Bewusstseins (2010) plädiert er dafür, Bewusstsein nicht im Hirn zu lokalisieren, weil dadurch die kartesianische Trennung zwischen Geist und Körper nicht überwunden würde: «Die menschliche Erfahrung ist ein Tanz», schreibt er, «der sich in der Welt und mit anderen entfaltet. Wir sind nicht unser Gehirn. Wir sind nicht im Gefängnis unserer Vorstellungen und Empfindungen gefangen. Das Phänomen des Bewusstseins ist ebenso wie das des Lebens ein mit der Welt verwobener, dynamischer Prozess. Wir sind zu Haus in der Welt, die uns umgibt. Wir stecken nicht in unserem Kopf» (Noë 2010, 13).
Wenn Wahrnehmen, Handeln und Bewegen miteinander verbunden unsere Erfahrung und unser Bewusstsein kreieren, was aus meiner Sicht die hier versammelten Klassiker vertreten, so können wir Veränderungen im Bewusstsein auch nur in dieser Verschränktheit verstehen. Bewusstseinszustände werden heute aber auf finanziell und technisch sehr aufwändige Weise vor allem im Gehirn erforscht, obwohl sie sich im ganzen Organismus, in Bewegung, Haltung, Mimik, Stimme und Atmung, in unseren Handlungen und dem Bezug zu unseren Mitmenschen und der Umwelt zeigen. Anstelle der Konzentration von wissenschaftlichen Ressourcen auf die Hirnforschung benötigen wir daher ein körper- und weltbezogenes Verständnis von Bewusstseinsprozessen, die dazu passenden Forschungsmodelle und ein interdisziplinäres Handeln.
Auch in den Überlegungen zu einer religionsunabhängigen Ethik, die sich als gemeinsamem Nenner am menschlichen Organismus, dem wahrnehmenden Körper (Leib), der Biologie und Ökologie orientiert, könnten VertreterInnen von Körperwahrnehmungsmethoden zum Nutzen aller Beteiligten miteinbezogen werden.
Derartige Prozesse und Entscheidungen verlaufen selbstverständlich nicht unabhängig von Verteilungskämpfen. Die üblichen Mechanismen der Diskriminierung wirken auch auf dem Gebiet der Körperwahrnehmung. Johnson verweist darauf, dass viel Pionierarbeit im Bereich der Körperwahrnehmung von Frauen geleistet wurde und diese, wie die meisten Angehörigen von diskriminierten Gruppen, relativ sprachlos sind. Frauen werden in der offiziellen Geschichtsschreibung vergessen oder an den Rand gedrängt. Sie und ihre Methoden werden weniger wertgeschätzt und somit auch seltener schriftlich festgehalten. Frauen werden weniger zitiert, ihre Arbeitsweise weniger in Fachgemeinschaften diskutiert und hinterfragt, ihre Überlegungen weniger als theoretische Konzepte verstanden. So werden auch die Klassikerinnen der Körperwahrnehmung noch wenig beachtet, wenn es beispielsweise um Theorie- und Schulenbildung in der Körperpsychotherapie geht.
Auch jenseits von geschlechtsbezogener Diskriminierung gibt es eine scheinbare Sprachlosigkeit im Zusammenhang mit Körperwahrnehmung. |13|Wer sich den Sinneswahrnehmungen, insbesondere der Körpereigenwahrnehmung zuwendet, kennt die Schwierigkeit, Empfindungen in eine verständliche Sprache zu fassen und dabei den wahrgenommenen Phänomenen gerecht zu werden. Ähnlich wie die mehrdimensionale Lebendigkeit eines Traums im Beschreiben oft kaum noch zugänglich ist, können sich körperliche Empfindungen und Gefühle im Prozess des Schreibens verflüchtigen. Die hier versammelten Methoden haben unterschiedliche Zugänge entwickelt, um sich in der Flut der wahrgenommenen Nuancen zu orientieren. Sie schulen methodenspezifisch Sensibilität, die Fähigkeit zu spüren, zu fokussieren und auf die eigene Intuition zu horchen. Sie lehren uns, eigene Reaktionen und Reaktionen der Umwelt wahrzunehmen. Dabei liefern die Sinne differenzierte Informationen. Sie teilen mit, was in uns selbst und in unserer Umgebung geschieht. Die kognitive Verarbeitung dieser Sinneseindrücke kreiert Bedeutung, schafft eine Repräsentation dessen, was uns die Sinne präsentieren; sie abstrahiert und verschmilzt gleichzeitig mit der sinnlichen Erfahrung, weil bereits im Prozess des Wahrnehmens alle früheren Erfahrungen repräsentiert sind: nicht nur im Hirn, sondern in unserem gesamten Organismus und all unseren Handlungen. Was wir wahrnehmen können, hängt davon ab, wie frühere Erfahrungen repräsentiert sind, wie bewusst uns diese Repräsentationen sind und welche neuen Konzepte und Möglichkeiten von Wahrnehmung und Handlung (Bewegung) uns zur Verfügung stehen. Viele der hier versammelten Methoden beschäftigen sich damit, wie neue Erfahrung unter diesen Voraussetzungen überhaupt möglich ist. Sie haben auf sehr differenzierte Weise Anleitungen entwickelt, wie einerseits mehr Bewusstsein für die Erfahrung möglich wird und andererseits eine Wachheit für das Unbekannte entstehen kann. Sie befähigen uns auf unterschiedliche Weise, Muster von Wahrnehmung und Reaktion zu erkennen, zwischen Wahrnehmung und Reaktion innezuhalten und Raum zu schaffen, so dass ungünstige Muster weniger automatisch ablaufen, dass mehr Spielraum entsteht unter anderem dadurch, dass das Deuten des Wahrgenommen in der Schwebe gehalten wird. Räume entstehen, in denen wir uns selbst und die Welt frisch erleben, in Bezug kommen mit dem Hier und Jetzt und vielleicht erfahren, was in uns noch nicht repräsentiert war.
Sprache liefert eine Repräsentation der Wirklichkeit, die uns befähigt, genauer zu spüren. Gleichzeitig fokussiert, benennt und grenzt sie Phänomene ein. Worte fixieren Bedeutung und treffen Annahmen. Verteidigen wir die Annahmen, so kann das unsere Sensibilität blockieren und wir nehmen nur wahr, was im Rahmen unserer Annahmen möglich ist. Eine schwebende, viele Dimensionen offen lassende Sprache zu finden, die benennt, ohne zu fixieren oder zu blockieren, ist eine beständige Herausforderung. Vielleicht |14|haben aus diesem Grund einige Klassiker der Körperwahrnehmung wenig veröffentlicht, oder – wie Elsa Gindler – ihre eigentliche Arbeit weder konzeptualisiert noch mit einem Namen versehen. In den hier versammelten Texten wird Erlebtes mal subjektiv poetisch beschrieben, mal detailliert und in Konzepten denkend, mal biografisch oder anekdotisch. Ich selbst hatte das Glück, während eines zweijährigen Aufenthaltes in Berlin mit vielen der hier versammelten Methoden nahezu gleichzeitig in Berührung zu kommen. Immer wieder habe ich erfahren, wie unterschiedlich ich die Welt und mich selbst erlebte, je nachdem, wie ich zu Bewegung und Wahrnehmung angeleitet wurde: Je nachdem, welche Worte oder welche Bilder benutzt wurden, mit welcher Stimme oder in welchem zeitlichen Rhythmus gesprochen wurde, fühlte sich nicht nur mein Organismus anders an, auch meine emotionale Stimmung veränderte sich und die Art, wie und was ich dachte.
Gleichzeitig beschäftigte ich mich in meinem Studium der Sozialgeschichte, Gender Studies und Literatur mit historischen Erklärungen, wie sich Identität und Körperlichkeit im gesellschaftlichen Kontext entwickeln, wie Menschen zu dem werden, was sie sind und wie sie dies verkörpern. Was ich intellektuell verstand, nämlich dass mein Forschungsgegenstand sich abhängig von meiner Fragestellung erst im Prozess des Forschens kreiert, konnte ich in den verschiedenen Körperwahrnehmungsklassen konkret erfahren. Mein Gefühl für mich und meine Wahrnehmung der Welt setzte sich laufend neu zusammen und war abhängig davon, wie ich mich bewegte, woran ich dachte, wie ich mich fühlte und was ich fokussierte.
Im Versuch, das breite Feld verschiedenster Körperwahrnehmungsmethoden unter einem Begriff zu vereinen, gründete Thomas Hanna Mitte der 1970er Jahre in den USA die Zeitschrift Somatics: Magazine-Journal of the Bodily Arts and Sciences. Im deutschsprachigen Raum gibt es keine vergleichbare methodenübergreifende Initiative. Seit einiger Zeit ist von somatopsychischer Wahrnehmung die Rede, von Leib- und Bewegungstherapien und – vor allem innerhalb der Feldenkrais-Gilde – von somatischem Lernen. Vor dem Hintergrund meiner eigenen Erfahrungen verstehe ich die Schwierigkeit, geeignete methodenübergreifende Begriffe zu finden, die die wesentlichen Aspekte der hier versammelten Methoden und Zugänge erfassen: Erfahrungen (und Methoden) des Embodiment, wie es Johnson und wir im Untertitel zusammenfassen, und Körperwahrnehmung konzentriert sich sprachlich auf den Körper, was dem Inhalt eigentlich nicht gerecht wird. Es geht um eine spezifische Form der Wahrnehmungsschulung, die zum Teil philosophische, künstlerische, pädagogische, therapeutische, psychologische, psychoanalytische, biologische und medizinische Aspekte umfasst und bei der meist phänomenologisch vorgegangen wird. Körper und Geist waren in unserer Kultur lange |15|getrennt gedacht und sind daher im Moment wohl nur auf komplizierte – etwas unbefriedigende – sprachliche Weise zu vereinen. Die Erfahrung der Einheit ist allerdings oft klar und schlicht – beinahe banal. Umso mehr erstaunt mich immer wieder, dass viele Menschen Denken, körperliches Empfinden und Fühlen nicht als untrennbar miteinander verwobene und einander bedingende und beeinflussende Phänomene betrachten; dass Embodiment nicht selbstverständlich ist, sondern gerade neu entdeckt wird. Ich wünsche mir, dass Menschen und Fachrichtungen, die den wahrnehmenden Körper erforschen, sich neugierig und respektvoll danach umsehen, was an Wissen und Erfahrung in den letzten gut 80 Jahren erarbeitet wurde und die hier versammelten Traditionen und ihre wechselseitigen Bezüge gewürdigt werden. Klassiker der Körperwahrnehmung möchte den Zugang dazu erleichtern und den Appetit zum Ausprobieren und Lernen wecken.
Ich habe im vorliegenden Band Johnsons Auswahl und Reihenfolge der Texte übernommen, die einleitenden Kurzbiografien neu geschrieben und den einzelnen Texten ein Zitat vorangestellt, das auf die Methode einstimmt.
Zwei Texte habe ich hinzugefügt: Verwandlung im Ganzen –Bei-sich-sein von Heinrich Jacoby und den Text von Ruth Veselko, den sie 1996 über ihre Erfahrung mit der Jacobyarbeit verfasst hat. Jacoby wurde in der englischen Ausgabe von Johnson nicht berücksichtigt; da er aus meiner Sicht zu den Klassikern der Körperwahrnehmung gehört, möchte ich ihn hier berücksichtigen und freue mich über Ruths Einwilligung, ihren Text in diesem Rahmen zu veröffentlichen. Deshalb haben wir die Überschrift dieses Teils von «Elsa Gindler» zu «Elsa Gindler und Heinrich Jacoby» erweitert, was auch im Sinn der deutschen Stiftung und des Schweizer Arbeitskreises ist, die beider gemeinsames Werk fortführen.
In der ebenfalls neu verfassten Literaturliste habe ich vor allem deutsche Titel zu den hier vorgestellten Methoden und dem breiten Feld der Körperwahrnehmung (Somatics) berücksichtigt. Die Liste von Internetadressen habe ich zusammen mit Klaus Reinhardt vom Verlag Hans Huber erstellt. Die Finanzierung der Übersetzung wurde durch eine private Spende ermöglicht, für die ich herzlich danke.
Don Hanlon Johnson
Das 20. Jahrhundert war Zeuge eines unfassbar grausamen Umgangs mit dem Fleisch. Globale und lokale Kriege, Genozide, politisch verordnete Folter und Hungersnöte, terroristische Anschläge, Menschenhandel, bei dem Kinder und Frauen als Prostituierte verkauft werden, mutwillige Gewalt in der Familie und auf der Straße wären mehr als genug Evidenz für einen außerirdischen Besucher, uns einer kriminellen Missachtung der Muskelfasern, Flüssigkeiten und Nervennetzwerke schuldig zu sprechen, in denen wir leben. Doch als Bewohner eines anderen Planeten würde er in diesen schmerzlich konkreten Wunden, die der Politik des Körpers zugefügt werden, womöglich nicht die symptomatischen Manifestationen äußerst abstrakter Ideen erkennen, die äußerst schnell ein übertriebenes Maß an physischer Wucht erreicht haben. Während Gewalt und Habgier seit jeher Bestandteil des menschlichen Lebens sind, zeichnet sich dieses Jahrhundert |18|dadurch aus, menschliches Leben zugunsten komplizierter Abstraktionen zu opfern und dies auf raffinierte Weise politisch, religiös und wissenschaftlich zu rechtfertigen. Sich um Kinder und Alte zu kümmern, Hungernde mit Nahrung zu versorgen, Kranke zu pflegen, die Intelligenz zu fördern, die in der Erforschung von körperlichem Empfinden und Bewegen liegt – greifbare Werte wie diese sind auf der Skala der Werte, durch die konkrete soziale Entscheidungen gegenwärtig motiviert werden, ganz unten angesiedelt.
Obschon kaum hörbar neben den lautstark zu vernehmenden vorherrschenden Stimmen, hat sich doch wachsender Widerstand unter den Pionierinnen und Pionieren formiert, deren Leben der Suche nach Wegen zurück zu der in Atmen, Spüren, Bewegen und Berühren gegenwärtigen Weisheit und Kreativität galt. Sie arbeiteten im Stillen, sie schrieben nur wenig. Ihr Leben fand im Allgemeinen fernab der lärmenden Welt der Universitäten und Forschungskliniken statt. Diese Buchreihe trägt ihre Stimmen zusammen: aus vergriffenen Veröffentlichungen, unveröffentlichten Vorträgen, ergänzt um einige neue Schriften von Lehrerinnen und Lehrern, die bis dato noch nichts veröffentlicht hatten.
Diese Widerstandsbewegung kann bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts zurückverfolgt werden, als einige Leute an den vorherrschenden Ideen über Körper und Heilen zu zweifeln begannen.
Ein typisches Beispiel dafür ist Leo Kofler. Er wurde 1837 in Österreich geboren und begann dort mit 11 Jahren seine Ausbildung zum Organisten und Chorleiter. 1860 erkrankte er an Tuberkulose, einer Krankheit, unter der bereits mehrere seiner Verwandten litten, auch drei seiner Schwestern. Von diesem Zeitpunkt an war seine Atmung – und damit auch sein Lebensunterhalt – in Gefahr. Kofler wanderte im Jahr 1866 nach Kentucky aus, um eine Stelle bei der Deutschen Lutheranischen Kirche in Newport anzutreten. Von seiner Lieblingsschwester Anna, der Ältesten, erhielt er 1876 eine Photographie, die erkennen ließ, wie schlecht es ihr inzwischen ging. Anna starb drei Jahre später. «Aber ich liebe dieses Leben», schrieb er anlässlich ihres Todes, «um der Arbeit willen, die ich verrichte, und ich liebe meine Arbeit um meines Lebens willen und um des Lebens meiner lieben Frau und meiner Kinder willen. Ich wollte nicht sterben und ich beschloss, gegen den Tod zu kämpfen.»1 Er begann, das Wesen des Atems zu studieren, sowohl in anatomischer Hinsicht als auch in praktischen Übungen. Von 1887 an hielt er die Position des Organisten und Chorleiters in der St. Pauls Kirche in Manhattan inne, eine Stellung, die er bis zu seinem Lebensende bekleiden sollte. Er war |19|vollständig genesen; die von ihm entwickelte Methode, Einschränkungen des Atems aufzulösen, hat er in seinem Buch The Art of Breathing beschrieben.
Zwei Frauen aus Deutschland, Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen, kamen nach New York, um bei ihm zu lernen. Nach ihrer Rückkehr übersetzten sie Koflers Buch, das auf Englisch rasch vergriffen war, ins Deutsche2. Diese Übersetzung geht nun in die 26. Auflage. Von Koflers Methode inspiriert, gründeten Schlaffhorst und Andersen die Rotenburgschule, an der später auch Elsa Gindler studierte; Gindler war eine wichtige Inspiration für die Arbeit von mehreren Menschen, die in diesem Buch vorgestellt werden.
Wie Kofler begannen die Protagonistinnen und Protagonisten dieses Buches ihre Forschungen, als sie sich mit Problemen konfrontiert sahen, denen nach dem damaligen Kenntnisstand in den Bereichen Medizin, Tanz, Bewegung und Psychologie nicht beizukommen war.
Viele hatten mit körperlichen Fehlfunktionen zu kämpfen, die sie in der Ausübung ihres Berufs einzuschränken drohten, oder litten an einer schweren Krankheit, für die ihre Ärzte keinen Rat wussten. Elsa Gindler war an Tuberkulose erkrankt, F. M. Alexander an chronischer Laryngitis, Gerda Alexander an rheumatischem Fieber; Moshé Feldenkrais, Bonnie Bainbridge Cohen und Judith Aston hatten aus schweren Unfällen Frakturen davongetragen und litten unter einer Einschränkung ihrer Beweglichkeit.
Andere fanden die erhellende Qualität, die für sie selbst im bewussten Erleben des Körpers lag, in der Sterilität, mit der Bewegungsübungen, Tanz und Techniken der körperlichen Manipulation unterrichtet wurden, nicht wieder. Frustriert von dem Mangel an Imaginationskraft und Spontaneität in der Gymnastiklehre suchte Charlotte Selver Elsa Gindler auf. Ilse Middendorf fand schon als junge Frau in der Beschäftigung mit dem Atem eine tiefe spirituelle Einsicht, die in den damals in Berlin verbreiteten formalen Methoden ihresgleichen suchte. Nach Ansicht von Ida Rolf verkannten Physiotherapeuten, Chiropraktiker und Osteopathen die revolutionären Konsequenzen, die sich aus der Grundlage eines ausgeglichenen Körper für das menschliche Bewusstsein ergaben.
Bei diesen Pionierinnen und Pionieren des «Embodiment», der «Verkörperung», handelt es sich um unangepasste Geister, die sich nicht unhinterfragt mit einer oberflächlichen medizinischen Diagnose, einer langweiligen Gymnastikstunde oder einem durchschnittlichen Grad an Bewusstheit abspeisen lassen. In Ablehnung der trostlosen konventionellen Überzeugungen wählten sie ein Leben außerhalb der gängigen gesellschaftlichen Vorstellungen und waren oft dazu gezwungen, ihren Lebensunterhalt genau wie |20|viele Künstler durch einen Broterwerb neben ihrer eigentlichen inhaltlichen Arbeit zu sichern. Marion Rosen und Carola Speads arbeiteten jahrelang als Physiotherapeutinnen, Bonnie Bainbridge Cohen als Ergotherapeutin; Emilie Conrad Da’Oud verdingte sich als Modell und Entertainerin in einem Nachtclub, Moshé Feldenkrais lehrte Physik. Viele ihrer Schülerinnen und Schüler leben heute still und leise außerhalb der etablierten Kategorien, sie sind weder Psychologen, noch Physiotherapeuten, noch Ärzte, obwohl ihre Arbeit diesen offiziell anerkannten Domänen ähnelt. Die wenigen, die wie Marion Rosen und Bonnie Bainbridge Cohen den Weg einer akademischen oder staatlich anerkannten Ausbildung einschlagen, tun dies in der Regel nicht in erster Linie aus Interesse an der Sache – ob es sich nun um Psychologie, Osteopathie oder Medizin handelt – sondern vor allem, um die eigene Arbeit zu schützen und ihren Klienten die Möglichkeit zu geben, Kostenübernahmen für Behandlungen in Anspruch nehmen zu können.
Bei Kofler und seinen Nachfolgerinnen in Rotenburg handelt es sich nicht um eine isolierte esoterische Strömung. Die Arbeit einer großen Zahl von Lehrerinnen und Lehrern, die gegenwärtig auf der ganzen Welt praktizieren, lässt sich direkt auf seinen Einfluss und den einiger europäischer und amerikanischer Zeitgenossen zurückführen. Jeder Lehrer, jede Lehrerin, die in diesem Buch vorgestellt wird, ist mit allen anderen durch ein kompliziertes Netz von wechselseitigen Bezügen verbunden. Egal, welche der scheinbar losgelösten Methoden zeitgenössischer Praktiken von Embodiment man wählt: Wer ihren Hintergrund untersucht, landet im Neuengland des frühen 19. Jahrhunderts, in Kirksville, Missouri, in Melbourne, Wuppertal, München und Wien. Und diese Abstammungsverhältnisse sind keineswegs abstrakter theoretischer Natur, die sich aus der übergreifenden Lektüre von Schlüsseltexten ergibt. Ich kenne zum Beispiel zahlreiche Lehrer aus der Gegend von San Francisco, deren eigene Meister ihre Verbindung zu den Lehrerinnen und Lehrern dieser frühen Jahre lückenlos nachweisen können.
Diese lange Tradition leistet der weit verbreiteten fälschlichen Annahme Vorschub, die Methoden in diesem Bereich beruhten nicht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und kämen im Gegensatz zu verlässlicheren Methoden der westlichen Biomedizin und Psychologie als «esoterisch» und «alternativ» daher. Dabei kann jede der in diesem Buch vorgestellten Praktiken einen umfassenderen Hintergrund an klinischen Belegen vorweisen als zum Beispiel die Psychoanalyse, neuere Psychotherapien oder die physikalische Medizin. Viele Menschen, die unter chronischen Schmerzen leiden, suchen aufgrund von zahllosen Erfolgsberichten Beistand bei den oben genannten Praktiken. Obschon im Bereich der Biomedizin viele empirische Studien für die Behandlung von chronischem Schmerz vorliegen, legen deren |21|Ergebnisse ironischerweise zunehmend den Schluss nahe, dass Medikamente, chirurgische Eingriffe und physikalische Therapien den Verlauf von weit verbreiteten Beschwerden wie Rückenschmerzen, Arthritis, Kopfschmerzen und Repetitive-Motion-Syndrom nicht günstig beeinflussen.3
Und doch war es zugegebenermaßen nicht leicht, sich in den weit verzweigten Dialog einzubringen, der für eine signifikante Reflektion und verlässliche Erforschung der Wirksamkeit dieser Herangehensweisen unerlässlich ist. Von der hartnäckigen Trennung zwischen Geist und Körper bleiben selbst jene nicht verschont, die diese vehement kritisieren. Sie schlägt sich vor allem auf institutioneller Ebene in einer Trennung von Theorie und Praxis nieder. Der herausragenden Qualität der Arbeit, die in diesem Buch vorgestellt wird, in der sich die Studien, Beobachtungen, Versuche, Misserfolge und Reflektionen eines oder mehrerer ganzer Leben spiegeln, wird von akademischer Seite, von der medizinischen Forschung, Bildungsleitern und Sponsoren kaum Beachtung geschenkt. Die verschiedenen Schulen von Embodiment werden als «esoterische» Hilfe zur Selbsthilfe abqualifiziert, begünstigt manchmal von den Praktikerinnen selbst, die sich nicht bewusst sind, welch reichhaltiges und wertvolles Erbe sie antreten. Die weit verbreitete Unfähigkeit, die volle Bedeutung dieser Praktiken zu erfassen, ähneln dem Unverständnis, das den Lehrern von alten Meditationspraktiken und Kampfkünsten entgegenschlug. T’ai Chi Chuan, Akupunktur, Hatha Yoga und Vipassana-Meditation sind Beispiele von uralten komplexen Systemen, die der Kultivierung des Menschen in zahlreicher Hinsicht dienen. Sie umfassen mentale Praktiken, Imaginationsprozesse, Hinweise zur Ernährung, einen ethischen Kodex, Körperarbeit, Bewegungsübungen und verschiedene Methoden, den Fluss der Energie im Körper wahrzunehmen. Hier im Westen werden einzelne Elemente aus dem holistischen Kontext herausgelöst: der Einsatz von Nadeln, Moxibustion, Atemarbeit, ein kleines Stück einer Bewegungssequenz oder eine bestimmte Kräuterrezeptur. Ein winziges Bruchstück dieser reichhaltigen Traditionen wird Gegenstand einer eng gefassten empirischen Studie eines an der medizinischen oder psychologischen Fakultät einer bedeutenden Universität arbeitenden Forschers und anschließend |22|den Medien als neues alternatives Heilmittel präsentiert, mit neuem Namen und nicht selten an ein alleiniges Verkaufsrecht gebunden.
Es ist nicht verwunderlich, dass die Gemeinschaft derer, um die es hier geht, nicht auf das gebotene Verständnis trifft. Ihre bedeutendsten Vertreterinnen und Vertreter haben hart daran gearbeitet, die stille Intelligenz des Körpers aus der Dominanz des vermeintlich rationalen Wortreichtums zu lösen. Mit Ausnahme von einigen innovativen Persönlichkeiten und ihren Nachfolgern, wie zum Beispiel Wilhelm Reich, Edmund Jacobson und Walter Cannon, haben sie nur wenige und bruchstückhafte Aufzeichnungen vorgenommen, der Logik des Skeletts vergleichbar, wo Knochen ohne überflüssiges Verkleben miteinander artikulieren. Die verschiedenen Stimmen dieser Traditionen zu identifizieren, gleicht der Aufgabe, mit der sich auch Studierende anderer Randkulturen konfrontiert sehen. Feministinnen mussten Fragmente weiblicher Weisheit in Tagebüchern und alten Briefen auf staubigen Dachböden aufspüren. Vorkoloniale indigene Amerikaner und Afroamerikaner mussten in den verborgenen Winkeln kleiner Städte und abgelegener Gebiete nach lebendigen Zeugnissen der uralten weisen Überlieferungen suchen, die unter dem Ansturm der euroamerikanischen Entwicklung nahezu bis zur Unkenntlichkeit zerstört worden waren.
In diesem Buch werden bis auf eine Ausnahme (einem Australier) nur Menschen aus Westeuropa oder Amerikanerinnen und Amerikaner europäischen Ursprungs porträtiert. Trotz der zahllosen Bezüge, die zwischen den Persönlichkeiten in diesem Bereich und denen früherer Kulturen sowohl auf praktischer als auch theoretischer Ebene bestehen, habe ich mich für diese Auswahl entschieden. Die Verteilung hätte auch anders aussehen können. Ich könnte mir zum Beispiel ein Buch über verkörperten Atem vorstellen, in dem Ilse Middendorf, Elsa Gindler, Hatha Yoga, der Taoismus und der russische Hesychasmus vertreten wären. Meine Auswahl für das vorliegende Buch beruht auf dem Umstand, dass andere Traditionen bereits die Schritte eingeleitet haben, die für das Sammeln und Bewahren ihrer verlorenen und beschädigten Quellen der Weisheit nötig sind. Im Artikulieren der Weisheiten, die sie einem traumatisierten sozialen Körper anzubieten haben, sind sie uns weit voraus. Wir haben in Bezug auf unsere Gemeinschaft noch viel grundlegende Arbeit vor uns, bevor wir unsere Stimme gemeinsam mit den widerständigen Ablegern dieser anderen Traditionen erheben können.
Aus einem ähnlichen Grund habe ich keine Texte über Progressive Muskelrelaxation, Autogenes Training und klassisch Manipulative Osteopathie aufgenommen, obwohl sie teilweise auf ähnliche Hintergründe zurückgehen wie die hier vorgestellten Arbeiten. Diese drei Richtungen der praktischen Arbeit sind innerhalb der US-amerikanischen Universitätswelt |23|entstanden und erfreuen sich bereits eines breiten theoretischen und empirischen Bücherkanons.4
Weil sie kaum Zugang zu ihren gemeinsamen Ursprüngen haben, erleben sich Lehrerinnen und Lehrer der Feldenkrais-Methode, der Alexander-Technik, Trager- und Hakomi-Therapeuten, Rolfer, Praktizierende der Rosen-Methode, Sensory-Awareness-Lehrerinnen und Kolleginnen und Kollegen benachbarter Gebiete als voneinander isoliert; zudem empfinden sie sich als spezieller oder einzigartiger, als sie in Wirklichkeit sind. Oft treten sie in Konkurrenz zueinander, indem sie die eigenen Verdienste übertreiben und die Arbeit von anderen herabsetzen, die sich der gleichen grundsätzlichen Aufgabe verschrieben haben: ein gewisses Maß an leiblicher Gesundheit wiederzuerlangen. Beispielsweise könnte der Eindruck entstehen, Ida Rolf und Charlotte Selver seien derart weit voneinander entfernt, dass von keiner gemeinsamen Vision die Rede sein kann: Dr. Rolf, die ihren Ellbogen in die Fascia lata ihrer Klienten bohrt, um sie ihrem Ideal von Vollendung näher zu bringen, und Charlotte Selver, die sich jeder Form der direkten Einmischung in die natürliche Entfaltung des Einzelnen enthält. Doch verglichen mit der vorherrschenden Philosophie unserer Kultur wird beider Einsatz für eine gemeinsame Vision deutlich: Muskeln und Gewebe, Knochen und Augen ihre Bedeutsamkeit zuzuerkennen.
Während der beiden vergangenen Jahrzehnte wurde vereinzelt versucht, die Übereinstimmungen aufzuzeigen, die hinsichtlich der Ziele in diesen vielen Schulen herrscht. Dies geschah in der Absicht, eine sorgfältigere philosophische und empirische Reflektion anzuregen, Ausbildungsstandards zu verbessern und zugunsten des immer stärker gefährdeten Körpers öffentlich Stellung zu beziehen. Der inzwischen verstorbene Thomas Hanna gründete 1977 die Zeitschrift Somatics, die vielen unterschiedlichen Lehrerinnen und Lehrern ein Forum bot, über ihre Arbeit zu sprechen. Er schrieb eine Reihe von Aufsätzen; der erste davon, in dem er eine erste Beschreibung der gemeinsamen Vision des gesamten Bereichs vornahm, ist in diesem Band abgedruckt. Hanna bezeichnete das Arbeitsfeld als «Somatics», er fügte dem gebräuchlichen englischen Adjektiv «somatic» (dt.: körperlich, somatisch, leiblich) das abschließende «s» hinzu, um es von diesem abzugrenzen. Die Bezeichnung «somatisch» wurde benutzt, um den physikalistischen Körper |24|als vom Geist oder der Seele eines Menschen abgegrenzt zu definieren, wie zum Beispiel im Begriff «psychosomatisch», oder um den skeletto-muskulären Bereich vom Schädel und den Nerven- und viszeralen Systemen des Körpers zu unterscheiden. Hanna bezog sich auf den älteren christlich-mystischen Gebrauch des Wortes, der auf das Neue Testament zurückgeht. Paulus unterscheidet zwischen dem griechischen sarx, der Bezeichnung für einen «Fleischbrocken», und soma, mit dem er den durch den Glauben transformierten leuchtenden «Leib» bezeichnet. Nach Hanna war es dieser Körper als «Fleischbrocken», der in einer groben und mechanistischen Auffassung, abgetrennt vom Geist und der Imagination, das westliche Gedankengut und die westliche Medizin prägte. Seiner Ansicht nach spürten die verschiedenen Embodiment-Praktiken die verborgene Ahnung eines weisen, erfindungsreichen und kreativen Leibes auf, und schufen so «Somatics» – dasselbe, was Edmund Husserl, der Begründer der modernen Phänomenologie, «Somatologie» nannte.5
Seit über dreißig Jahre lang bietet das Esalen Institut in Big Sur einen Rahmen, in dem Vertreterinnen und Vertreter dieser unterschiedlichen Schulen in einen Dialog miteinander treten und viele verschiedene Methoden studiert werden können. Innovative Geister wie Robert Hall, Richard Strozzi Heckler, Bonnie Bainbridge Cohen, Ron Curtz und Ilana Rubenfeld haben ihre Ansätze auf der Basis von zahlreichen unterschiedlichen Einflüssen entwickelt. An der Antioch University West (jetzt das California Institute of Integral Studies), dem Naropa-Institut und der Ohio State University wurden die ersten akademischen Programme in Somatics eingerichtet. Elizabeth Beringer und David Zemach-Bersin gründeten Somatic Resources und legten mehrere vergriffene Werke von Autoren in diesem Bereich neu auf. Mit ihrer Unterstützung fanden Treffen statt, bei denen mehrere internationale Lehrerinnen und Lehrer zusammenkam und Seminare leiteten. Richard Grossinger und Lindy Hough von North Atlantic Books haben eine kleine Reihe von Texten herausgebracht.6 1987 gründete eine Gruppe europäischer Therapeutinnen und Praktiker einen internationalen Berufsverband für «Somatic Practitio|25|ners», auf deren jährlichen Kongressen sich jedes Mal mehrere hundert Lehrer und Praktikerinnen versammeln. Der Gründer von Esalen, Michael Murphy, veröffentlichte 1992 seine Enzyklopädie The Future of the Body, die die Entwicklung der unterschiedlichen Bewegungen aufzeigt und die ihnen zugrunde liegende Forschung dokumentiert.7
Diese verschiedentlichen Bemühungen um ein zusammenhängendes Feld ergeben durchaus Sinn, denn die Neuheiten, die aus dieser eigenwilligen Gruppe heraus entstehen, geschehen nicht zufällig oder idiosynkratisch; dem Außenstehenden – und manches Mal selbst uns Kolleginnen und Kollegen – mögen sie wie ein sich rasch ausbreitender Wildwuchs an Methoden und therapeutischen Ansätzen erscheinen. Doch hinter all den verschiedenen Techniken und Schulen verbirgt sich der Wunsch, wieder enger mit unseren leiblichen Prozessen, mit Atmung, Bewegung, Balance und Sensibilität verbunden zu sein. Vor dem Hintergrund des gemeinsamen Anliegens lässt sich diese Gemeinschaft am besten begreifen: als Teil eines breiteren Widerstands gegen die lange westliche Tradition, den Wert des menschlichen Körpers und einer natürlichen Umgebung herabzuwürdigen. Dieser Widerstand ist in zahlreichen Bereichen zuhause: in Psychoanalyse, Literatur und Dichtkunst, amerikanischem Pragmatismus, europäischer Phänomenologie, Feminismus, Marxismus, bei Intellektuellen und Aktivisten für den Schutz indigener Gruppen. Der Beitrag, den die Menschen dieses Buches geleistet haben, liegt in der Entwicklung von praktischen Strategien für eine Rückkehr zur heilenden Intelligenz des Körpers. So wie Solartechniker und Biobauern Alternativen aufzeigen zu Technologien in der Energiegewinnung und der Landwirtschaft, die uns der Erde entfremden, stellen diese somatischen Pioniere die vorherrschenden Modelle von Übungen, Manipulation und Selbstwahrnehmung in Frage, die uns Menschen von unserem Körper entfremden. Sie haben alternative Formen für Bewegung, Berührung und Bewusstheit entwickelt, die uns der in den uralten Strukturen von Bindegewebe, Nervenfasern und Liquorflüssigkeit innewohnenden Weisheit näher bringt; daher der Untertitel dieser Buchreihe – «Praktiken der Verkörperung».
|26|In diesem ersten Band8 geht es um die grundlegendsten Aspekte dieser Tradition:
um sinnliche Wahrnehmung und Erfahren bei Elsa Gindler, Heinrich Jacoby, Charlotte Selver, Carola Speads, Marion Rosen und Ilse Middendorf
darum, auf persönlicher Ebene bedeutsame Feinheiten körperlicher Struktur und Funktion zu verstehen, bei Frederick Matthias Alexander, Moshé Feldenkrais, Ida Rolf, Bonnie Bainbridge Cohen und Judith Aston
um das Wiedererlangen der Vielfalt an Bewegungsmöglichkeiten bei Irmgard Bartenieff, Mary Whitehouse, Gerda Alexander und Emilie Conrad Da’Oud
um erste Ansätzen einer Feldtheorie in diesem Bereich bei Elizabeth A. Behnke, Thomas Hanna und Deane Juhan.
Vielleicht lässt sich die Bedeutung einer Bündelung der unterschiedlichen Stimmen, aus denen sich diese Gemeinschaft zusammensetzt, am ehesten begreifen, wenn man sich vor Augen hält, was sich auf der diametral gegenüberliegenden Seite abspielt, im Bereich der systematischen politischen Folter – nicht der willkürlichen Gewalt von Straßengangs oder Psychopathen, sondern der aufs sorgfältigste berechneten Misshandlung des Körpers, darauf angelegt, das Bewusstsein des Folteropfers dem betreffenden Regimes zu unterwerfen. Die entsprechende wissenschaftliche Forschung ist von Regierungen abgesegnet, einschließlich der unsrigen, die auf einigen unserer Militärstützpunkten ausgewählten Regimes eine Unterweisung in Foltermethoden anbietet. Dozenten sind Ärzte und Psychologen, Experten für ausgeklügelte Methoden, Menschen am Rande des Todes am Leben zu halten und ihnen dabei soviel Schmerz wie möglich zuzufügen. Dieses Thema ist nicht standesgemäß, in den allgemeinen Medien findet es genau so selten Beachtung wie in den Konferenzräumen wichtiger amerikanischer Stiftungen, und doch ist es überall zu finden – wie die Allgegenwart radioaktiver Substanzen.9|27|Als ich mich 1987 zusammen mit einer kleinen Gruppe engagierter Leuten für den Aufbau eines Zentrums für Folteropfer in der Gegend von San Francisco einsetzte, wurde ich von Stiftungsbeiräten um eine zahlenmäßige Einschätzung des Bedarfs gebeten. Damals rechnete ich mit 700 Menschen, die in der Region eine solche Hilfe benötigten. Jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, würde ich sagen, dass wir eher von 40 000 Menschen ausgehen können, mit Betroffenen aus Zentralamerika, Brasilien, Kambodscha, Birma, Tibet, Haiti, Südafrika, China, dem Iran und der ehemaligen Sowjetunion. Und selbst in dieser Zahl sind noch nicht die verbliebenen Überlebenden des Holocaust enthalten oder die vielen Familien, die durch die Folter von Angehörigen selbst bleibenden Schaden davongetragen haben. Wenn wir nun noch die Kinderprostituierten dazurechnen, die als Kriegsnachschub verheizten Männer der Unterschichten, die Frauen und Kinder, die häuslicher Gewalt ausgesetzt sind, dann bekommen wir eine Ahnung vom durchdringenden Klima der Misshandlung des Körpers.
Um eine solche Atmosphäre zu bereinigen, müssen wir der Empfindsamkeit des Körpers, dem Heiligen der Natur, dem Vorrang von Gesundheit und menschlicher Zuneigung vor religiösen und politischen Ideologien und schierer Habgier eine starke öffentliche Stimme verleihen. Wir hoffen, dass dieses Buch dazu beiträgt, die vielen zehntausend Visionäre, die sich der Weisheit des materiellen Realität verschrieben haben, zu vereinen. Wir hoffen, es erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sich somatische Praktiker effektiver mit Stadtteilinitiativen, Umweltschützern, Künstlerinnen, indigenen Aktivisten und anderen Engagierten zusammentun, die sich bemühen, neben dem aufgeblähten Getöse derjenigen, die das Abschlachten des Fleisches unter dem Deckmantel einer obskuren höheren Erkenntnis fortsetzen würden, ihrer Stimme Gehör zu verschaffen.
Leo Kofler: The Art of Breathing As the Basis for Tone Production. New York: Edgar S. Warner and Co., 7th ed. 1901, pp. 15 f.
Leo Kofler: Die Kunst des Atmens. Kassel: Bärenreiter, 26. Aufl. 1992
Die Daten der empirischen Studie von Dr. Richard Deyo (University of Washington Medical School) zeichnen beispielsweise ein düsteres Bild der zahlreichen gängigen Methoden, die bei chronischem Rückenschmerz eingesetzt werden; laut Studie ist den meisten die ihnen zugeschriebene Wirksamkeit nicht nachzuweisen (von Korff, M., Barlow, W., Cherkin, D., Deyo, R. A.: Effects of Practice Style in Managing Back Pain. Ann Intern Med 1994, 121 : 187–195).
Ungeachtet der Tatsache, dass diese Methoden in den Vereinigten Staaten von Edmund Jacobson (Progressive Relaxation), Johannes Schultz (Autogenes Training) und Andrew Still (Osteopathie) entwickelt wurden, ist in Europa mehr von ihrem ursprünglichen Geist erhalten geblieben als in den USA, wo sie in die dualistische medizinische Welt, aus der heraus sie entstanden sind, integriert und in einzelne Bestandteile zerteilt wurden.
Edmund Husserl: Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie. Drittes Buch: Die Phänomenologie und die Fundamente der Wissenschaften. Dordrecht: Kluwer Academic Publishers, 1997, S. 7 ff.
Richard Grossingers Klassiker Planet Medicine (Berkeley: North Atlantic, 1995) leistet eine hervorragende Einordnung dieser somatischen Praktiken in die breite Geschichte des Heilbereichs.
Michael Murphy: The Future of the Body: Explorations into the Further Evolution of Human Nature. Los Angeles: Jeremy Tarcher, 1992 (dt. Der Quanten-Mensch. München: Integral-Verlag, 4. Aufl 1999)
Die beiden anderen Bände der von Don Hanlon Johnson herausgegebenen Buchreihe heißen: Groundworks: Narratives of Embodiment. Berkeley: North Atlantic, 1997, und The Body in Psychotherapy. Berkeley: North Atlantic, 1998
Elaine Scarrys unbequemes Buch The Body in Pain: The Making and Unmaking of The World (New York: Oxford, 1985) ist eine gute Einführung in diese Anti-Therapie des wissenschaftlich generierten Schmerzes.
(1885–1961) und (1889–1964)
«Unser Organismus ist ein riesiges Erfahrorgan, von dessen Ungestörtheit oder Gestimmtheit die Qualität der Wahrnehmungen und Handlungen und des Denkens abhängt.» (Elsa Gindler)
«Ich ‹erziehe› Sie nicht zu irgendetwas, und ich ‹unterrichte› Sie nicht in irgendetwas. Ich möchte, daß Sie bewusst erleben und erkennen, was Sie in sich tragen. Wenn Sie sich von mir dazu bewegen lassen, sich für die Qualität Ihres Verhaltens und für Verhaltensprobleme überhaupt in einer bestimmten Weise zu interessieren, ergeben sich daraus eine Fülle von Konsequenzen, die man nicht lehren kann und auch nicht zu lehren braucht.» (Heinrich Jacoby)
Nach einer kaufmännischen Lehre studierte Elsa Gindler 1911 bei Hedwig Kallmeyer Harmonische Gymnastik. Bereits 1912 war sie als Gymnastiklehrerin tätig, ab 1917 bildete sie Lehrerinnen aus. 1924 lernte Gindler den Musikpädagogen Heinrich Jacoby kennen, mit dem sie von da an eine anregende Zusammenarbeit verband. Beide betonten, die Entwicklung der eigenen Arbeit sei ohne die des anderen nicht denkbar gewesen. 1926 war Elsa Gindler an der Gründung des Deutschen Gymnastikbund beteiligt, bis 1933 hielt sie dort den stellvertretenden Vorsitz inne. In der Zeit des Nationalsozialis|30|mus, den sie entschieden ablehnte, legte sie ihre offiziellen Ämter nieder, unterrichtete aber weiterhin in Berlin und unterstützte jüdische und politische Verfolgte, wofür sie in der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem gewürdigt wird. 1950 bezog Elsa Gindler in Berlin gemeinsam mit ihrer Schülerin und Mitarbeiterin Sophie Ludwig neue Wohn- und Arbeitsräume, in denen sie bis 1960 unterrichtete. 1961 starb Elsa Gindler.
Heinrich Jacoby wuchs in Frankfurt auf. Infolge verschiedener Krankheiten verlief seine Entwicklung verzögert. Erst mit vier Jahren lernte er laufen. Er studierte Musik und wurde 1909 Kapellmeister am Strassburger Stadttheater. 1913 übernahm er die Leitung der Lehrerbildung für Musik an der «Neuen Schule für angewandten Rhythmus» von Jaques- Dalcroze in Dresden-Hellerau. 1919 wurde er Leiter der Musikerziehung an der Odenwaldschule von Paul Geheeb. Ab 1924 arbeitete Jacoby als Privatgelehrter in Dresden und Berlin, pflegte Kontakte zum Bauhaus und begann seine Zusammenarbeit mit Elsa Gindler. 1933 emigrierte er nach Zürich, wo nur dank der politischen Einflussnahme einer Schülerin, der Fabrikantentochter Ruth Matter eine Ausweisung verhindert werden konnte. Arbeiten und Publizieren war ihm allerdings bis 1947 verboten, einzig im Rahmen der speziell dafür gegründeten «Schweizerischen Vereinigung zur Förderung der Begabungsforschung» war ihm eine beschränkte Vortrags- und Kurstätigkeit erlaubt. Nach dem Krieg blieb Jacoby in der Schweiz und leitete bis zu seinem Tod Kurs- und Arbeitsgemeinschaften.
Nach Jacobys Tod führte Dr. Ruth Matter seine Arbeit in der Schweiz fort. In Deutschland war Sophie Ludwig Gindlers und Jacobys designierte Nachfolgerin. Sie gründete 1985 die Heinrich-Jacoby/ Elsa-Gindler-Stiftung in Berlin mit dem Zweck, beider Nachlässe zu verwalten, Dokumente und Ergebnisse ihrer Arbeit der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und die praktische wie wissenschaftliche Auseinandersetzung mit ihr zu fördern.
Elsa Gindler 10
Es ist für mich schwer, über Gymnastik zu sprechen, weil das Ziel meiner Arbeit nicht in der Erlernung bestimmter Bewegungen liegt, sondern in der Erreichung von Konzentration.
Nur von der Konzentration her kann ein tadelloses Funktionieren des körperlichen Apparates im Zusammenhang mit dem geistigen und seelischen Leben erreicht werden. Wir halten darum unsere Schüler von der ersten Stunde dazu an, ihre Arbeit mit Bewusstsein zu verfolgen und zu durchdringen.
Es wird uns allen immer mehr fühlbar, dass wir mit unserem Leben nicht mitkommen, dass das Gleichgewicht der körperlichen, seelischen und geistigen Kräfte gestört ist. In den meisten Fällen erfolgt diese Störung schon durch die Schulzeit. Wenn es der Schule und der Pubertätszeit noch nicht ganz gelungen sein sollte, so bringen uns Familienverhältnisse, Beruf und vielleicht ein schweres Schicksal die unüberwindlichen Schwierigkeiten. Wir hören auf, unser Leben denkend und fühlend zu gestalten, werden gehetzt und lassen alle Unklarheiten um und in uns so anwachsen, dass sie immer im ungeeigneten Moment Herr über uns werden.
Die Unzulänglichkeit beherrscht uns im ganzen und im einzelnen. Täglich gibt es dieselben kleinen, unendlich wichtigen Malheure. Morgens sind wir nicht ausgeruht. Wir stehen also um den Bruchteil zu spät auf, der uns gestatten würde, unsere Körperpflege mit der Gelassenheit und Schnelligkeit zu verrichten, die uns mit Wohlgefühl und Kraft erfüllen würde. Man sagt nicht umsonst: ich «muss» mich noch waschen, ich «muss» mir noch die Zähne putzen (Kaffee trinken, ins Theater, in Gesellschaft gehen usw.), nicht: ich putze meine Zähne usw. Und damit ist schon ein Wesentliches gegeben: |32|Wir machen alles, damit es fertig ist und das nächste kommt. Wenn ein Zimmer gesäubert wird, damit es fertig ist, sieht es anders aus, als wenn es mit dem Sinn auf Sauberwerden geordnet wird. Und wie außerordentlich: Man braucht nicht mehr Zeit dazu, trotzdem der Erfolg soviel größer ist. Im Gegenteil, wir kommen in die Lage, die Zeit für eine Arbeit immer mehr zu reduzieren und die Qualität der Leistung bedeutend zu erhöhen, und damit in eine Verfassung, die menschlicher ist. Denn immer, wenn eine Leistung durchdacht ausgeführt wird, wenn wir zufrieden mit uns sind, haben wir ein Bewusstsein. Ich meine damit das Bewusstsein, das immer in der Mitte steht, auf die Umwelt reagiert und denken und fühlen kann. Ich unterlasse es absichtlich, dieses Bewusstsein als Seele, Psyche, Geist, Gefühl, Unterbewusstsein, Individualität oder gar Körperseele zu definieren. Für mich fasst das kleine Wort «ich» dies alles zusammen, und ich rate meinen Schülern immer, ihr eigenes Wort, mit dem sie sich anreden, an die Stelle meines Wortes zu setzen, damit sie nicht erst einen Knoten in die Psyche bekommen und stundenlang darüber philosophieren, wie es und was nun gemeint ist, denn in derselben Zeit kann man immer etwas Nützliches tun.
Man findet es nun gewiss etwas anmaßend, dem eben angedeuteten Problem mit Gymnastik nahekommen zu wollen. Gewiss, dem ist auch so! Und so sind wir immer in Verlegenheit, wenn man diese Arbeit als Gymnastik bezeichnet. Die meisten Menschen haben sich daran gewöhnt, unter Gymnastik bestimmte Übungen zu verstehen, und so ist die erste Frage an uns immer die nach den «typischen Übungen». Da können wir nur sagen: Die Gymnastik tut’s freilich nicht, sondern der Geist, der mit und bei der Sache ist.
Im allgemeinen ist es so, dass man denkt: Wenn ich die Entspannungsübungen gelernt habe, bin ich entspannt; wenn ich die Atemübungen kann, kann ich atmen; wenn ich Schwungübungen machen kann, arbeite ich mit Schwung; wenn ich gelernt habe, wie man X- oder O-Beine korrigiert, sind sie gerade. Das ist nicht so, und wir sehen immer den Misserfolg da, wo diese primitive Auffassung sich der Dinge bedienen will. Denn es ist klar, dass das bloße Erlernen und Können der gymnastischen Übungen nicht zu dem Erfolg des einheitlichen Bewusstseins führen kann.
Wie kommen wir aber da heran? Eben dadurch, dass wir all unsern Geist und unser Gefühl dazu benützen, unsern Körper mittels der gymnastischen Übungen zu einem gefügigen Instrument für unser Leben zu machen. Wenn unsere Schüler arbeiten, achten wir darauf, dass sie nicht eine Übung erlernen, sondern versuchen, durch diese Übung die Intelligenz zu vermehren. Wenn wir atmen, so erlernen wir nicht bestimmte Übungen, um die Lunge zu kontrollieren, ihr Hemmungen zu geben oder Hemmungen zu |33|beseitigen. Wenn wir uns bewusst werden, dass unser Schultergürtel nicht dort sitzt, wo er unsere Arbeit erleichtert, so korrigieren wir ihn nicht von außen an seine Stelle heran. Damit ist nichts gebessert, denn sobald der Mensch mit etwas anderem beschäftigt ist, vergisst er den Schultergürtel. Es gibt allerdings immer Menschen, die ihn an der «richtigen» Stelle ankrampfen können, aber es sieht auch danach aus.
Wir machen es nun meist so, dass wir bei Beginn einer Stunde fragen, was unsere Schüler sich erarbeiten wollen. Das Resultat ist im Anfang des Unterrichts erschreckend. Entweder sagt keiner etwas oder man sagt: «Sie sollen mir meinen Bauch wegbringen» o. ä. Da gibt es dann die erste Katastrophe, wenn ich antworte, dass ich gar nicht daran dächte, einem andern den Bauch wegzubringen, sondern dass es jeder selbst tun müsse.
Nehmen wir an, ein Kurs habe sich für die Durcharbeitung des Schultergürtels entschieden. Dann sehen wir uns zunächst einmal die Schultergürtel im einzelnen auf Form und Beanspruchung an. Wir stellen darauf am Skelett fest, wie er am besten seine Pflicht erfüllen kann, vergleichen uns damit und finden nun heraus, was wir selbst zu tun haben. In den meisten Fällen und in der ersten Zeit besonders lassen wir nun die Augen verbinden, und jetzt versucht jeder einzeln festzustellen, von wo das Festhalten einer falschen Lage ausgeht, dann, was den Schultergürtel verhindert, die richtige einzunehmen. Und so kommt es auf einmal, dass jeder Schüler in seiner Weise übt, d. h., die ganze Klasse arbeitet verschieden, und doch ist eine Konzentration und Stille da, um die uns manch Auditorium beneiden würde.
Der Leiter sieht nun bald, wo es hapert. Er sieht z. B., wie einige immer mit großem Talent das Schwerste und Schwierigste auswählen, und hat die Pflicht, Klarheit darüber zu schaffen, dass man immer versuchen muss, mit den einfachsten und leichtesten Formen ein Ziel zu erreichen. Jedenfalls aber arbeitet jeder Kurs mit völlig andern Übungen und erfindet sich seine Übungen selbst.
Wir erreichen dadurch sehr Wesentliches. Der Schüler fängt an zu spüren, dass er selbst etwas mit seinem Körper anfangen kann. Er fühlt plötzlich, dass er, wenn er nur will, sich genauso, wie eben den Schultergürtel, den ganzen Körper erarbeiten kann. Sein Selbstbewusstsein wird erhöht. Das Stoffgebiet verwirrt ihn nicht mehr, er ist ermutigt. Das kann aber mit Übungen, und mögen sie noch so durchdacht sein, nicht erreicht werden.
Soviel über unsere Arbeitsweise. Nun zu den Mitteln. Unsere Mittel sind: Atmung, Entspannung, Spannung. Worte, die demnächst so missbraucht sein werden, wie alle schönen Dinge auf der Welt. Solange sie Vokabeln bleiben, stiften sie Unheil, und sobald sie mit Vorstellungen erfüllt sind, werden sie zu den großen Mittlern des Lebens.
|34|Eines der heikelsten und schwierigsten Gebiete unserer Arbeit ist die Atmung. Dass jede Bewegung die Atmung vermehren und vertiefen kann, können wir bei kleinen Kindern und Tieren beobachten. Bei dem erwachsenen Menschen jedoch, bei dem die körperlichen, seelischen und geistigen Kräfte nicht mehr von der Einheit des Bewusstseins dirigiert werden, ist der Zusammenhang zwischen Atmung und Bewegung gestört. Und in dieser Lage befinden wir uns fast alle. Ob wir etwas sprechen wollen, ob wir eine kleine Bewegung machen, ob wir denken, ja schon in der Ruhelage hindern wir die Atmung. Man denke einmal, wie frei bei den meisten Tieren der Hals aus dem Körper aufblüht, und man vergleiche damit den eigenen Hals, wenn man einmal Zeit und Ruhe hat. Man wird finden, dass der Hals von der Körpermitte, also etwa vom Zwerchfell aus, einen bedeutenden Zug nach innen erfährt. Wenn man diesen Zusammenhang längere Zeit beobachtet, findet man, dass diese Verkrampfung eine ganz willkürliche ist, man lässt nach und spürt plötzlich, dass der Hals sich viel freier halten kann. Die Einengung des Luftstroms, die bei fast allen Menschen im Hals stattfindet, fällt plötzlich fort, man fühlt sich frei. Wenn man dies jederzeit bewusst herstellen kann, fühlt man, dass auch alle Bewegungen die Atmung nicht nur nicht stören, sondern immer mehr vertiefen können. Man ermüdet nicht, sondern wird frischer durch die Arbeit. Und nun übertrage man dies auf das Leben: dass wir immer frischer und leistungsfähiger werden sollten, je mehr man von uns verlangt.
Eigentlich haben wir uns das Leben so vorgestellt, und wir können immer wieder sehen, dass Menschen mit Höchstleistungen frischer sind als diejenigen, die nichts tun. Und wenn wir die erfolgreichen Menschen beobachten, können wir oft sehen, dass sie die wundervolle Beweglichkeit des Reagierens, des steten Wechsels von Aktivität und Passivität, haben. Sie haben den beweglichen Atem oder Atmung als Funktion. Leicht erreichbar ist das nicht. Unsere Schüler konstatieren jedenfalls immer wieder mit sehr geringer Freude, wie man starr wird, wie man seine Leistungen behindert. Man ist so daran gewöhnt, dass es schwerfällt, diesen Unsinn zu lassen.
Bei schwierigeren Situationen, etwa bei einem Streit zwischen Ehegatten oder beim plötzlichen Erscheinen eines Vorgesetzten, sehen wir, dass dieses Hochziehen des Atems und der Krampf in der Zwerchfell- und Magengegend beängstigende Dimensionen annimmt. Der Atem setzt aus oder wird hastig eingezogen, und die Lage, die wahrscheinlich die höchste Beweglichkeit von uns verlangt, ist rettungslos verloren. Wir kennen diesen Zustand
wohl alle als Verlegenheit, Angst, Missstimmung, Zerfahrenheit im Geistig-Seelischen und als verlegenes Spiel mit Armen und Beinen, als Zittern im körperlichen Zustand. Wenn man sich schon bewusst ist, wie man |35|diesen Zustand der Verkrampfung aufhebt, sich also loslassen kann, so ist man plötzlich der Situation gewachsen. Der Atem fließt freier, die geistige Verwirrung lässt nach, und man kann sich seiner Fähigkeiten wieder bedienen. Es ist klar, dass wir nicht mit großen Bewegungen anfangen können, wenn schon die allerkleinsten Störungen des Zusammenhangs hervorrufen. Man muss sich mal beobachtet haben, um zu wissen, was man alles macht mit der Atmung, wenn man sich die Zähne putzt, Strümpfe anzieht oder gar isst. So versuchen wir bei unsern Schülern erst einmal das Verständnis für diese Vorgänge zu wecken. Wir lassen irgendwelche Bewegungen machen mit dem Versuch, sie ohne Störung der Atmung auszuführen. Das gibt soviel Arbeit, dass man wahrscheinlich bis in die Unendlichkeit dabeibleiben könnte. Aber der Tummelplatz für die Übung ist nicht die Stunde. Hier lässt sich die Lösung der Atemverkrampfung verhältnismäßig leicht und schnell erzielen. Wir müssen aber im Leben darauf aufmerksam machen, bei welchen geringfügigen Anlässen die Atemverkrampfung einsetzt, und müssen sie hier bekämpfen.
Das Bekämpfen geschieht einfach schon dadurch, dass wir daran denken, und je öfter wir daran denken und je mehr wir uns daran gewöhnen, gerade bei kleinen Anlässen, die uns ja eher Zeit dafür lassen als große, nachzuforschen, ob die Störung nicht in der Atmung liegt, desto leichter und selbstverständlicher wird die Abhilfe. Wir werden bald anfangen, die wohltätigen Folgen zu spüren: So wie wir den Atem losgelassen haben, merken wir sofort, dass uns die Starrheit verlässt. Das ist es, was wir erfahren und erleben müssen: wie in dem Augenblick, in dem wir den Atem zur Folgsamkeit gebracht haben, wir das Gefühl des Lebens in uns bekommen. Aber noch mehr: Diese Atemverkrampfung steht in inniger Beziehung zur falschen körperlichen Spannung. Niemals können wir zur körperlichen Entspannung gelangen, wenn nicht zu gleicher Zeit die Atemtätigkeit von jeder Verkrampfung befreit ist.
Diesen Zusammenhang zwischen Atem und körperlicher Bewegung müssen wir erkennen und erfühlen, die Übereinstimmung müssen wir gut durchführen. Damit schaffen wir uns die Erkenntnis, dass auch die vom Leben geforderten Leistungen nicht so überwältigend schwer sind und ausgeführt werden können unter großer Schonung der Kräfte, und nicht mit dieser uns gewöhnlichen höchsten Anstrengung und dem üblichen Getöse. Das Anhalten des Atems in der Ausatmung ist die eine der üblichen Atemstörungen, eine zweite sehr häufige ist wie ein Gegenstück dazu, sie geschieht beim Einatmen, sie stellt sich dar als eine Art Luftanpumpung.
Die gute, ungestörte Atemtätigkeit ist an und für sich unwillkürlich. Wir können sie jedoch auch willkürlich machen und dadurch modifizieren |36|und von ihrem natürlichen Lauf ablenken. Das geschieht, wenn wir die Ausatmung nicht vollständig ablaufen lassen und mit der Einatmung nicht warten, bis sie von selbst durch den physischen Reiz angeregt wird.
Wenn man die Atmung zur Vollkommenheit führen will, muss man die vier Phasen der Atmung gut durchführen können: Einatmung, Ruhe, Ausatmung, Ruhelage. Diese Ruhelagen und die bewusste Empfindung dieser sind von der größten Wichtigkeit. Die Pause oder die Ruhelage nach der Ausatmung darf nicht tot sein; niemals darf sie ein Anhalten der Atmung sein, sondern sie gleicht eher dem, was wir in der Musik als Pause empfinden, die lebendige Vorbereitung auf das nächste. Es ist wunderbar zu fühlen, wie die Einatmung sich aus dieser lebendigen Pause löst. Es ist ein Öffnen in den Zellen, die Luft fließt leicht und geräuschlos ein, und wir fühlen uns frisch und straff. Was geschieht aber, wenn wir nicht abwarten, bis die Lunge sich geöffnet hat? Und wann warten wir darauf? Wir ziehen sofort nach der Ausatmung willkürlich die Luft wieder ein und versuchen, die Lungen, bevor sie selbst es wünschen, mit Luft vollzupumpen. Das ist höchst unzweckmäßig. Wir fühlen bald, wie der Lauf in der Lunge stockt: Es entsteht eine Art dickes Gefühl an der Stelle des Brustbeines, in den großen Gefäßstämmen der Lunge staut sich die Luft zusammen, es entsteht Druck und Verschluss der kleinen Gefäße. Die Luft geht nicht in die Lungen frei hinein. Es ist auch darum unmöglich, weil sich die kleinen Lungenbläschen noch nicht geöffnet haben, und diese sind es, die bei der Atmung mit Sauerstoff versehen werden müssen. Die Zugänge zu ihnen, die kleinsten Bronchiolen, sind Gefäßchen, die noch feiner sind als haarfein. Natürlich muss der Versuch, die gestaute Luft durch diese durchzupressen, ohne Erfolg bleiben.
Dazu kommt oft noch, dass die Luftbläschen zu dieser Zeit der vorzeitigen Luftanpumpung sich meist noch nicht ganz von ihrem alten Luftvorrat entleert haben. Das tun sie jetzt, und der Luftstrom, der von innen nach oben nach außen dringen will, stößt mit der eingepumpten Luft zusammen, und es gibt eine Art Brandung in der Lunge, so dass man ein gepresstes, beengtes Gefühl hat. Warten wir jedoch die Öffnung der kleinsten Luftbläschen ab, lassen wir also eine Pause voll verlaufen, so saugen die Bläschen, sobald sie leer geworden sind, die Luft an. Sie dringt nun leicht durch die kleinsten haarfeinsten Gefäße durch, nirgends findet eine Stauung statt, nirgends entsteht ein Gefühl der Dicke oder des Luftmangels. Wir brauchen für die Einatmung keine besondere Tätigkeit in Gang zu setzen.
Das ist der Unterschied zwischen der Atmung, die geschieht durch willkürliche Einziehung der Luft, und der Atmung, die geschieht bei Öffnung der Lunge und der Lungenbläschen. Der Unterschied für die körperliche Bewegung ist sehr wesentlich. Verbindet man eine Bewegung mit willkürli|37|cher Atmung, mit der Anpumpung, so wird sie unlebendig, man bekommt kein Gefühl der Bewegung. Verbindet man sie mit der offenen Atmung, so wird die Bewegung lebendig.
Für die Erlösung des Menschen von der Verkrampfung können nur die Bewegungen wirksam sein, die sich mit der bewussten und unwillkürlichen, oder besser gesagt: mit der Öffnungsatmung verbinden. Die anderen Bewegungen wären eher geeignet, die Zusammenarbeit von Atmung und Bewegung zu stören und die Gewohnheit übermäßiger, nicht angepasster Anstrengung zu steigern. Das ist ein weiterer Grund, der uns zwingt, die Bewegungen vorsichtig abzumessen, der uns z. B. ein Laufen, bei dem ein Einziehen der Luft notwendig ist, unzweckmäßig erscheinen lässt; denn das Einziehen der Luft hilft nicht dazu, die Lungen mit Luft zu versehen und ihrem beim Laufen eingetretenen Sauerstoffmangel abzuhelfen. Wenn wir Lauf üben, so üben wir ihn zunächst in so kleinen Zeiten, wie wir mit geöffnetem Atem laufen können, und steigern allmählich die Leistung.
