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Anhand der Bände dieser Reihe soll sich der Leser einen Überblick über die historische Diskussion und Entwicklung von Themen und Begriffen verschaffen, die in den philosophischen und kulturwissenschaftlichen Debatten unserer Zeit von großer Aktualität sind. Die einzelnen Bände werden von den Herausgebern eingeleitet und mit einer Bibliographie versehen. Dieser Band enthält Texte zur Theorie des Raumes von der griechischen Antike bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts. Die ausgewählten Autoren widmen sich in der Regel mehreren Aspekten des Raumes zugleich. Ganz alltägliche Raumerfahrungen wie unsere Orientierung nach oben und unten, links und rechts nehmen Denker wie Aristoteles, Descartes, Pascal, Kant oder Mach zum Ausgangspunkt ihrer Überlegungen. Die Lektüre der Texte wird daher erweisen, dass der Raum ein philosophisches Thema ist, bei dem jeder gleich auf Augenhöhe mit den Philosophen denken kann. Nicht zuletzt deshalb, weil es der Raum (neben der Zeit) ist, der jeden Menschen mit philosophischen Fragen konfrontiert: Muss der (Welt-) Raum nicht einmal an ein Ende kommen, aber was ist dann dahinter? Kann man Räume und Körper unendlich teilen, oder gibt es etwas Unteilbares? Gibt es nicht-materielle Entitäten, die (auch) außerhalb unseres Raumes existieren bzw. sind.?
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Seitenzahl: 296
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Klassische Texte zum Raum
Herausgegeben und eingeleitet von Ulf Heuner
Klassische Texte Parodos – Band 2 (KTP 2)
© Parodos Verlag Berlin 2023
https://parodos.de
Alle Rechte vorbehalten
Die fünfte Auflage der zugehörigen Printausgabe ist 2023 erschienen (1. Auflage 2006) unter der ISBN-13: 978-3-96824-019-0
Die Konvertierung des Werks in ein E-Book erledigte der heptagon Verlag (https://heptagon.de). Das E-Book ist mit folgender ISBN-13 erschienen: 978-3-934616-01-1.
Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert der Zeitphilosophie. Bereits 1963 stellte Otto Friedrich Bollnow in seinem Buch Mensch und Raum fest: „Das Problem der räumlichen Verfassung des menschlichen Daseins [...] hat demgegenüber ganz im Hintergrund gestanden“.1 Auch nach Bollnows Buch hat sich an diesem Zustand der Raumvergessenheit lange nichts grundlegend geändert. Der Berliner Philosoph Michael Theunissen schreibt 1991 in seinem Buch Negative Theologie der Zeit: „Daß erst das Fressen kommt, dann die Moral, mag man bestreiten. Auf jeden Fall kommt erst die Zeit und dann das, was wir mit ihr machen.“2 Man mag einerseits bestreiten, ob dieser existentialontologische Einspruch gegen das Brechtsche Diktum sinnvoll ist, denn wer nichts zum Fressen hat, dem bleibt nicht mehr viel Zeit, aus der er etwas machen kann. Andererseits könnte man genauso sagen: Auf jeden Fall kommt erst der Raum und dann das, was wir mit ihm machen. Man könnte sogar behaupten, dass vielmehr der Raum für uns, für unser Denken, Vorstellen und Erleben, das Primäre sei. Dies zeigt sich nicht zuletzt daran, dass wir uns die Zeit meist räumlich vorstellen, z.B. als lineare oder zirkuläre Zeit. Babys und Kleinkinder erschließen sich die Welt zunächst vor allem räumlich. Lange bevor sie „gestern“ oder „gleich“ (im zeitlichen Sinne) verstehen und selbst aussprechen, sagen sie: „Da! Auto!“ oder „Mama weg!“ Und es hilft dann nicht viel, wenn man ihnen versichert, dass Mama gleich wiederkommt, sondern es ist erst wieder gut, wenn sie wieder da ist.
Nun sollen Raum und Zeit hier keineswegs gegeneinander ausgespielt werden. Raum und Zeit sind wohl untrennbar miteinander verklammert. Wenn ich behauptet habe, dass sich Babys die Welt zunächst räumlich erschließen, habe ich ja paradoxerweise einen zeitlichen Vorrang des Raumes gegenüber der Zeit festgestellt. Jede räumliche Erfahrung ist zugleich eine zeitliche Erfahrung. Und jede zeitliche Erfahrung ist zugleich eine räumliche, allein schon deshalb, weil wir als körperliche, materielle Wesen immer auch räumliche Wesen sind.
Diesen Umstand scheint selbst Bollnow zu vernachlässigen, wenn er eine Erklärung für den Vorrang der Zeit in der Philosophie des 20. Jahrhunderts versucht: „Gegenüber der Zeit, die den Menschen in seinem innersten Zentrum betrifft, schien der Raum philosophisch weniger fruchtbar, weil er nur der äußeren Lebensumgebung des Menschen anzugehören schien.“3 Die Anschauung, dass nur die Zeit, aber nicht der Raum den Menschen in seinem innersten Zentrum betrifft, verdankt sich wohl der abendländisch-christlichen Tradition, die als das eigentliche Zentrum des Menschen die unkörperliche und somit nicht-räumliche Seele bestimmte. Für diese war das eigentliche Problem offensichtlich ein zeitliches, nämlich wie, da die irdische Zeit des räumlichen Körpers irgendwann an ein Ende gelangt, diese zu überdauern bzw. überwinden sei im Hinblick auf Ewigkeit.4 Ohne einem neurobiologischen Fundamentalismus das Wort zu reden, muss jedoch selbst Bollnow gegenüber – der sich in seinem Buch in der Tat vor allem der äußeren Lebensumgebung des Menschen widmet – reklamiert werden, dass auch das Innere des Menschen räumlich konstituiert ist.
In den letzten Jahren ist der Raum jedoch zunehmend ins Blickfeld der philosophischen und kulturwissenschaftlichen Disziplinen geraten. Theorien, die vor allem mit räumlichen Kategorien arbeiten, wie z.B. Giorgio Agambens Überlegungen zum Lager, werden lebhaft diskutiert. Wahrscheinlich ist es müßig, darüber nachzudenken, wie es zu dieser Renaissance der Raumtheorie gekommen ist. Es ist jedoch unabweisbar, dass der Raum im globalen Maßstab zur zentralen gesellschaftlichen Kategorie geworden ist: der freie, raumüberwindende Waren- und Reiseverkehr einerseits und die damit kollidierende räumliche Begrenzung durch Nationalstaaten andererseits; die elektronische Übermittlung von Nachrichten und Informationen in Lichtgeschwindigkeit einerseits und die räumliche Beschränktheit und raum-zeitliche Trägheit des menschlichen Körpers andererseits. Welches Leben man führen kann, hängt nach wie vor von den Orten ab, an denen man aufwächst und lebt, und den Räumen, zu denen man Zugang hat bzw. die einem zugewiesen werden. Wer keinen Raum zur Entfaltung hat, der kann auch nicht viel aus seiner Zeit machen.
Deshalb erscheint es sinnvoll, sich darauf zu besinnen, was der Raum denn eigentlich ist bzw. was wir unter ihm verstehen und wie wir ihn erfahren (können). Dieser Band versammelt einige zentrale Texte zum Raum von der Antike bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts. Wenn Platon in seinem Dialog Timaios den Raum als dritte Gattung zwischen Sein und Werden bestimmt, wird bereits deutlich, dass der Raum vor dem 20. Jahrhundert keinesfalls von den Denkern und Philosophen vernachlässigt wurde. Grundsätzlich kann man vielleicht zwischen Fragen zum objektiven (was ist der Raum?), subjektiven (wie erleben bzw. erfahren wir den Raum?) und abstrakten bzw. mathematischen (wie lassen sich exakt berechenbare Räume denken?) Raum unterscheiden, wobei eine grundlegende philosophische Frage wäre, ob diese drei Bestimmungen des Raumes nicht auf eine einzige, z.B. die des subjektiven Raumes, reduzierbar sind.
Die Autoren der versammelten Texte widmen sich in der Regel mehreren Aspekten des Raumes zugleich, mit Ausnahme der Erklärungen und Definitionen Euklids, die dieser seinen eigentlichen mathematischen bzw. geometrischen Darlegungen voranstellt. Ganz alltägliche Raumerfahrungen wie unsere Orientierung nach oben und unten, links und rechts nehmen Denker wie Aristoteles, Descartes, Pascal, Kant oder Mach zum Ausgangspunkt ihrer Überlegungen. Die Lektüre der Texte wird daher erweisen, dass der Raum ein philosophisches Thema ist, bei dem jeder gleich auf Augenhöhe mit den Philosophen denken kann. Nicht zuletzt deshalb, weil es der Raum (neben der Zeit) ist, der jeden Menschen mit philosophischen Fragen konfrontiert: Muss der (Welt-) Raum nicht einmal an ein Ende kommen, aber was ist dann dahinter? Kann man Räume und Körper unendlich teilen, oder gibt es etwas Unteilbares? Gibt es nicht-materielle Entitäten, die (auch) außerhalb unseres Raumes existieren bzw. sind?
Die Texte sind zwar chronologisch geordnet, aber man kann gut oder vielleicht sogar besser in die Materie einsteigen, wenn man mit einem Text beginnt, der uns zeitlich näher ist, z.B. mit dem sehr anschaulichen Text des französischen Philosophen Blaise Pascal. Das Textmaterial ist moderat in die neue Rechtschreibung transformiert worden. Manche Ausdrücke und Begriffe wurden modernisiert. Die Aristoteles-Übersetzung ist nicht nur orthografisch, sondern auch stilistisch überarbeitet worden.
1
Otto Friedrich Bollnow: Mensch und Raum. Kohlhammer: Stuttgart 1990. S. 13.
2
Michael Theunissen: Negative Theologie der Zeit. Suhrkamp: Frankfurt a.M. 1991. S. 37.
3
Bollnow (1990), S. 14.
4
Zu den verschiedenen Konzeptionen der Ewigkeit z.B. als unbegrenzter Dauer oder als zeitloser Ewigkeit und den damit verbundenen Missverständnissen siehe die klaren Differenzierungen bei Theunissen (1991), S. 91 ff.
Timaios: (...) In dem bisher Durchgegangenen sind denn nun, weniges nur noch ausgenommen, die Wirkungen der Vernunft dargelegt worden; wir müssen nun aber auch das, was durch die blinde Notwendigkeit entsteht, in unserer Erörterung niederlegen. Denn die Entstehung dieser Welt war ja eben eine gemischte, indem sie aus einem Zusammentreten der Vernunft und der Notwendigkeit hervorging; jedoch herrschte dabei die Vernunft über die Notwendigkeit, dadurch dass sie dieselbe überredete, das meiste von dem, was da entstand, zum besten zu führen; und so kam demgemäß und auf diesem Wege durch die von vernünftiger Überredung besiegte Notwendigkeit im Anfange dieses All so, wie es ist, zustande. Wenn also jemand seine Entstehung darstellen will, wie sie wirklich vor sich gegangen ist, so muss er auch seiner Darstellung beifügen, wie weit auch die ziel- und zwecklos umherschweifende Ursache ihrer Natur nach wirklich mit dazu beigetragen hat. Hierher müssen wir also wiederum zurückgehen und, nachdem wir für eben diese Dinge einen anderen, passenderen Anfang aufgesucht haben, über die vorliegenden Gegenstände wiederum ebenso, wie vorhin über die voraufgehenden, von da aus noch einmal von vorne anfangen; wir müssen nämlich betrachten, welches vor der Entstehung der Welt die Natur des Feuers, des Wassers, der Luft und der Erde an sich war, und in welchem Zustande sie sich damals befanden. Denn bis jetzt hat noch niemand ihre Entstehungsweise erörtert; sondern gerade als ob wir wüssten, was denn eigentlich das Feuer und überhaupt ein jedes von ihnen ist, pflegen wir sie als Urstoffe hinzustellen und die Elemente des Weltalls zu nennen, während es ihnen doch nicht einmal zukommt, wenn man auch nur ein wenig darüber nachdenkt, auch nur in der Weise, wie die Silben im Worte, sei es selbst mit bloßer Wahrscheinlichkeit Urbestandteilen gleichgesetzt zu werden. Was wir nun aber unsererseits dabei zu leisten haben, ist folgendermaßen festzustellen: Der eigentliche Urgrund aller Dinge oder aber die Urgründe – oder wie es sich damit verhalten mag – werden als solche nicht der Gegenstand unserer gegenwärtigen Darstellung sein, und zwar aus keiner andern Ursache, als weil es zu schwer ist, nach dem ihr zugrunde gelegten Verfahren meine Ansicht hierüber kund zu tun. Und so möget weder ihr begehren, dass ich hierüber sprechen soll, noch würde ich selbst mich zu überreden vermögen, dass ich ein Recht hätte, ein so schwieriges Unternehmen anzugreifen. Indem ich vielmehr das festhalte, was ich gleich im Anfang hervorgehoben habe, die möglichste Wahrscheinlichkeit meiner Erörterungen, werde ich versuchen, auf eine hieran hinter nichts zurückstehende, sondern vielmehr alles übertreffende Weise von Anfang an über das Einzelne und das Gesamte zu reden. Gott also wollen wir auch jetzt bei diesem neuen Beginne unserer Auseinandersetzung anrufen, dass er uns glücklich durch diese fremdartige und ungewöhnliche Darstellungsweise hindurchführen und uns zur wahrscheinlichen Ansicht verhelfen wolle, und dann wirklich von neuem beginnen!
Dieser neue Anfang unserer Erörterung über das All erfordert nun eine weitere Unterscheidung als der frühere. Damals nämlich unterschieden wir zwei Gattungen, jetzt aber haben wir noch eine neue dritte aufzuweisen. Jene zwei nämlich reichten für unsere damalige Betrachtungsweise hin, die eine gleichsam als Urbild zugrunde gelegt, nur dem Denken erfassbar und stets auf gleiche Weise seiend, die andere die Nachahmung des Urbildes, dem Entstehen unterworfen und sichtbar; eine dritte aber unterschieden wir damals noch nicht, sondern meinten, dass jene beiden hinreichen würden. Nun aber scheint der Verlauf unserer Erörterung uns zu nötigen, dass wir eine schwierige und dunkle Gattung durch unsere Darstellung klarzumachen suchen. Welche Bedeutung also hat man als die ihr wesentliche ihr beizulegen? Die vor allen, dass sie die Aufnehmerin und gleichsam Amme alles Werdens ist. Allein ist dies auch richtig, so bedarf es doch noch einer genaueren Erklärung von ihr; aber eine solche ist schwierig, zumal weil zu diesem Zwecke notwendigerweise zuvor die Zweifel hinsichtlich des Feuers und der mit ihm auf einer Linie stehenden Stoffe erörtert werden müssen. Nämlich von einem jeden derselben zu bestimmen, welchen von ihnen man in der Tat vielmehr Wasser und nicht Feuer zu nennen hat, oder überhaupt, welchem beliebigen anderen man gerade einen bestimmten von jenen Namen und nicht vielmehr den aller anderen oder eines einzelnen von ihnen zu geben hat, und zwar so, dass man sich dabei einer zuverlässigen und sichern Bezeichnung bediene, ist schwierig. Doch wie meinen wir denn wohl eben dies, und inwiefern können wir darüber mit Fug und worüber denn eigentlich dabei im Zweifel sein? Nun zuvörderst, was wir eben noch Wasser genannt haben, das sehen wir, wie wir glauben, wenn es sich verdichtet, zu Steinen und Erde werden, wenn es dagegen sich verflüchtigt und auflöst, wiederum zu Hauch und Luft, die Luft aber, wenn sie sich entzündet, zu Feuer, und das Feuer umgekehrt, wenn es konzentriert wird und erlischt, sehen wir wieder in die Gestalt von Luft übergehen, und die Luft wiederum, wenn sie sich zusammenzieht und verdichtet, in Wolke und Nebel, und daraus sehen wir denn, wenn sie noch mehr zusammengepresst werden, flüssiges Wasser und aus dem Wasser aufs neue Erde und Steine hervorgehen, so dass alle diese Stoffe, wie es scheint, einen Kreislauf des Werdens aus einander beschreiben. Wenn sie nun aber so niemals bestimmt als dieselben erscheinen, – von welchem unter ihnen könnte man da mit Sicherheit behaupten, dass er eben nur dieser und nicht gerade so gut auch ein anderer ist, ohne sich vor sich selber zu schämen? Nein, dem ist nicht so, sondern bei weitem am sichersten werden wir Folgendes über sie festsetzen: Von allem, was wir bald so und bald anders werden sehen, wie zum Beispiel das Feuer, werden wir niemals sagen: »dies ist Feuer«, sondern stets nur: »in dieser Beschaffenheit ist dies Feuer«, und nicht »dies ist Wasser«, sondern »in dieser Beschaffenheit ist dies Wasser«, und überhaupt keins von diesen Dingen werden wir so bezeichnen, als ob es irgend eine bleibende Beschaffenheit hätte, die wir ja eben dadurch anzeigen wollen, wenn wir auf etwas hinweisen und uns dabei des Ausdruckes »dies ist« und »das ist« bedienen. Denn es flieht die Ausdrücke »dies ist« und »das ist« und »diesem Gegenstande kommt etwas zu« und überhaupt alle, mit denen wir es als etwas Bleibendes bezeichnen, und hält ihnen nicht stand, und daher darf man von keinem einzigen von diesen Gegenständen sagen: »dies ist das und das«; wohl aber darf man auf jedes einzelne und auf alle insgesamt die Bezeichnung anwenden: »in dieser Beschaffenheit sind sie das und das«, weil sie nämlich einen stetigen Kreislauf von Beschaffenheiten durchmachen, und man darf demnach mit einer dieser Beschaffenheiten durchweg zum Beispiel den Namen des Feuers verbinden und muss es überhaupt bei allen Dingen so machen, die dem Werden unterworfen sind. Worin aber alles Werdende, indem es ihm eingeprägt ist, zur Erscheinung kommt, und worein es, aus derselben entschwindend, wiederum zurückgeht, davon allein darf man in seiner Aussage die Wendungen »dies ist« und »das ist« gebrauchen, wogegen wiederum alles, was schon irgend eine Beschaffenheit hat, z.B. Wärme oder Weiße oder auch das Gegenteil, und alle andern hiermit zusammenhängenden Eigenschaften, keine dieser Bezeichnungen zulässt. Doch ich will mich bestreben, dies noch deutlicher zu machen. Gesetzt, es hätte jemand sämtliche mathematischen Figuren aus Gold gebildet und führe dann unaufhörlich fort, jede derselben in alle anderen umzubilden, und es zeigte dann jemand auf eine derselben hin und fragte: »Was ist das«?, so würde bei weitem die sicherste und richtigste Antwort sein: »Es ist Gold«; dagegen dürfte man nicht sagen: »Dies ist ein Dreieck (oder irgend eine andere von den Figuren, welche in das Gold hineingebildet und in ihm entstanden sind)«, weil sie ja, eben erst gesetzt, auch schon sogleich wieder verändert werden, sondern müsste schon zufrieden sein, wenn der fragliche Gegenstand auch nur einen von einer dieser Figuren hergenommenen Ausdruck der Beschaffenheit mit einiger Sicherheit aufnimmt. Das gleiche gilt nun auch von derjenigen Wesenheit, welche alle denkbaren Gestalten an sich zulässt. Sie muss immer als ein und dasselbe bezeichnet werden, denn sie tritt durchaus niemals aus ihrer Beschaffenheit heraus. Nämlich sie nimmt alles auf und nimmt doch nie und in keiner Weise irgend eine Gestalt an, die irgend einer von demjenigen ähnlich wäre, was in sie eingeht; sondern wie eine bildsame Masse liegt sie für ein jedes zum Abdrucke bereit und lässt sich durch alles, was in sie eintritt, in Bewegung setzen und in Gestalten kleiden, und dadurch erscheint sie denn bald in dieser und bald in jener Form. Was aber in sie eintritt und aus ihr heraustritt, sind stets Abbilder des Seienden, die nach diesem abgeprägt sind auf eine schwer zu beschreibende und wunderbare Weise, die wir späterhin weiter verfolgen wollen.
Für jetzt also haben wir drei Gattungen in Betracht zu ziehen: das Werdende, das, worin es wird, und das, dessen nachgebildetes Erzeugnis es ist, und wir dürfen denn auch die aufnehmende Gattung passend mit der Mutter und die erzeugende mit dem Vater, die zwischen beiden stehende aber mit dem Kinde vergleichen, müssen endlich auch bedenken, dass, wenn ein Gepräge alle nur überhaupt möglichen Mannigfaltigkeiten zeigen soll, die Masse selbst, in welcher es abgedrückt werden soll, nicht wohl auf andere Weise hierzu vorbereitet sein kann, als wenn sie selber keine von allen jenen Gestalten an sich trägt, welche sie irgendwoher aufnehmen soll. Denn wenn sie irgend einem von den Gegenständen ähnlich wäre, welche in sie hineintreten, so dürfte sie beim Herantreten und der Aufnahme von Gegenständen, welche von entgegengesetzter oder ganz verschiedenartiger Natur sind, dieselben nur unvollkommen in sich abbilden, indem sie ihr eigenes Bild daneben zeigte. Daher muss denn das, was alle Gattungen in sich aufnehmen soll, selber ohne alle Gestalt sein, gleichwie man, um wohlriechende Salben zu gewinnen, vor allen Dingen stets eben den zugrunde gelegten Stoff mit den Mitteln der Kunst bearbeitet, indem man die Feuchtigkeiten, welche die Wohlgerüche aufnehmen sollen, selber möglichst geruchlos macht, und gleichwie alle, welche in irgend einem weichen Stoffe Formen abdrücken wollen, durchaus keine bestimmte Form in ihm bestehen lassen, sondern ihm zuvor durch Ebnen die möglichste Glätte geben. In gleicher Weise also kommt es auch dem zu, welches die Abbilder von allem, was da von Ewigkeit ist, in allen seinen Teilen wiederholt und in vollendeter Gestalt in sich aufnehmen soll, selber seiner Natur nach aller Gestalten zu entbehren. Deshalb dürfen wir aber als die Mutter und Pflegerin dessen, was sichtbar und überhaupt wahrnehmbar geworden ist, weder die Erde, noch die Luft, noch das Feuer, noch das Wasser bezeichnen, noch auch das, was aus ihnen, noch endlich das, woraus sie selber entstanden sind; vielmehr, wenn wir sie als eine unsichtbare und gestaltlose, allaufnehmende Gattung betrachten, welche ganz seltsamerweise mit zu denjenigen Gegenständen gehört, die nur dem Denken zugänglich sind, und daher schwer zu begreifen ist, so werden wir nicht irren; soweit es aber nach dem früher Erörterten möglich ist, in ihre Natur einzudringen, so wird man wohl am richtigsten diese Bestimmung treffen, dass als Feuer jedes Mal der entzündete Teil derselben erscheine und als Wasser der feuchtgewordene, und ebenso, dass sie als Erde und Luft insoweit erscheint, als sie Abbilder von ihnen in sich aufnimmt. In genauerer Fassung aber haben wir dabei Folgendes hinsichtlich dieser vier Stoffe zu fragen, ob es ein Feuer an und für sich gibt und überhaupt alles andere, von denen wir ein jedes so als an und für sich seiend zu bezeichnen pflegen, oder aber, ob nur das, was wir sehen und was wir alles sonst mit den Sinnen des Körpers wahrnehmen, bereits die Wahrheit, die wir in ihnen suchen, und einzig und allein Wahrheit hat und es außerdem schlechthin nichts anderes gibt, so dass es nur ein eitler Wahn von uns wäre, wenn wir jedes Mal von einem jeden Dinge eine nur dem Denken erfassbare Idee als das Seiende annehmen, und diese nichts als ein leerer Name wäre. Diesen gegenwärtigen Punkt nun ist es nicht geziemend unentschieden und unerforscht zu lassen, indem man sich mit der bloßen Versicherung begnügt, es verhalte sich damit so oder so; andererseits aber dürfen wir ebenso wenig unsere langwierige Erörterung durch eine ebenso langwierige Zwischenuntersuchung noch weiter ausdehnen; wenn sich daher eine wirkliche und inhaltschwere Begriffsbestimmung, in wenig Worten ausgedrückt, uns zeigen wollte, so dürfte uns dies wohl das Allergelegenste sein. Folgendermaßen gebe ich demnach meine Stimme ab: Wenn Vernunft und richtige Vorstellung zwei verschiedene Arten sind, dann muss es schlechterdings jene für sich bestehenden Wesenheiten geben, die von uns nicht wahrgenommen, sondern nur erkannt werden; wenn dagegen, wie es manchen scheint, die richtige Vorstellung sich gar nicht von der Vernunft unterscheidet, dann muss vielmehr alles, was wir durch die Sinne des Körpers wahrnehmen, für das Sicherste gelten. Als zwei verschiedene Arten aber müssen sie bezeichnet werden, denn sie sind gesondert voneinander entstanden und verhalten sich unähnlich zueinander. Denn die eine von ihnen entsteht durch Belehrung, die andere aber durch Überredung in uns, und die eine ist immer mit richtiger Überlegung verbunden, die andere aber ohne Überlegung, und die eine ist nicht veränderlich durch Überredung, die andere aber lässt sich durch sie verändern, und der einen, darf man behaupten, ist jedermann teilhaftig, der reinen Vernunft aber nur die Götter und von den Menschen ein geringer Teil. Verhält es sich aber hiermit also, so muss zugestanden werden, das eine sei die stets auf dieselbe Weise sich verhaltende Art, unerzeugt und unvergänglich, weder in sich ein anderes von anderswoher aufnehmend, noch selber in irgend ein anderes eingehend, unsichtbar und auch sonst mittelst der Sinne nicht wahrnehmbar, die, deren Betrachtung dem vernünftigen Denken zuteil geworden ist, die zweite aber, jener gleichnamig und ähnlich, sinnlich wahrnehmbar, erzeugt, in steter Bewegung, entstehend an einem Orte und wieder von da verschwindend, der Vorstellung mit Hilfe der Sinnenwahrnehmung erfassbar; ein drittes aber wiederum immer die Gattung des Raumes, dem Untergange nicht unterworfen, welche allem, was ein Werden hat, eine Stätte gewährt, selbst aber, den Sinnen unzugänglich, auch vom Geiste nur sozusagen durch einen Bastardschluss erfasst und kaum zuverlässig bestimmt wird, die, welche wir auch im Auge haben, wenn wir träumen, es müsse doch notwendig das, was ist, an einem Orte sein und einen Raum einnehmen, was aber weder auf der Erde noch sonst im Weltall sich befinde, sei überhaupt gar nicht vorhanden. Alle diese Träumereien von solcher und von dem verwandter Art ziehen denn eben auch die wahrhaft seiende Natur in ihren Kreis hinein, welche doch ihrerseits nimmer schläft und träumt, und so vermögen wir denn infolgedessen, auch wenn wir erwachen, noch nicht die nötigen Unterschiede zu machen und die Wahrheit zu ergreifen, dass nämlich dem Bilde zwar, da es auch nicht einmal seinen Zweck, um dessen willen es entstanden ist, in sich selber hat, sondern immer nur als Erscheinung eines anderen umläuft, aus eben diesem Grunde zukommt, in einem anderen zu werden, damit es doch irgendwie mit dem Sein verknüpft ist, oder aber gar nicht vorhanden zu sein, dass dagegen dem wahrhaft Seienden der ausgemacht richtige Satz zu Hilfe kommt, dass, solange zwei Gegenstände voneinander verschieden sind, unmöglich der eine von beiden in dem anderen entstehen und so dasselbe zugleich Eins und Zwei werden kann.
So gebe ich denn in der vorliegenden Weise meine Stimme zu der wohlbegründeten Erklärung ab, welche im Wesentlichen darauf hinausläuft, dass das Sein, der Raum und das Werden drei gesonderte Gattungen bilden, die schon bestanden, ehe denn noch die Welt ward, und fernerhin, dass die Amme des Werdens, insofern sie sowohl feucht als auch entzündet wird und ebenso auch die Gestalt von Luft und von Erde annimmt und nicht minder allen sonstigen hiermit zusammenhängenden Beschaffenheiten sich fügt, dem Anblicke alle möglichen Erscheinungen darbietet und, weil die sie erfüllenden Kräfte weder einander ähnlich, noch mit einander im Gleichgewichte sind, auch selber in keinem ihrer Teile sich im Gleichgewicht befindet, sondern, unregelmäßig nach allen Seiten hin schwankend, bald von jenen in Erschütterung versetzt werde, bald ihrerseits wiederum durch ihre Bewegung jene in Erschütterung versetze. Jene werden dann für ihr Teil durch die Bewegung, in welche sie dadurch geraten, voneinander gesondert, indem ein jedes von ihnen immer anderswohin getrieben wird als das andere, gleichwie, wenn man Getreide in Sieben und vermittelst der übrigen zu seiner Reinigung dienenden Werkzeuge durchschüttelt und ausworfelt, alles, was fest und schwer ist, und wiederum alles, was locker und leicht ist, an verschiedenen Stellen zu liegen kommt. Ebenso wurden damals die vier Gattungen von der Aufnehmerin durchgeschüttelt, indem diese wie ein Werkzeug, welches Erschütterung hervorbringt, in Bewegung gesetzt wurde, und sonderten dadurch das Unähnlichste am meisten voneinander ab und drängten dagegen das Ähnlichste am meisten auf dieselbe Stelle zusammen, weswegen sie denn auch bereits je einen verschiedenen Raum einnahmen, bevor noch das All aus ihnen zusammengefügt und dadurch in die Entstehung getreten war. Doch ermangelten sie damals noch aller Ordnung und alles Maßes; sobald dagegen Hand an die Bildung des Weltalls gelegt wurde, so verlieh Gott zuerst dem Feuer, dem Wasser, der Luft und der Erde, die bisher zwar wohl schon gewisse Spuren von ihrer eigentlichen Beschaffenheit an sich trugen, aber sich doch mit ihnen in einem Zustande befanden, wie er eben bei keinem Gegenstände anders sein kann, solange Gott von ihm fern ist, ihre bestimmten Formen nach Zahl und Gestalt. Dass er sie nun dabei aufs schönste und beste zusammenfügte, nachdem sie sich vorher nicht so verhalten hatten, das wollen wir hier, wie immer, vor allen Dingen als die Grundlage hinstellen; sodann aber muss ich ihre nähere Anordnung in einer ungewöhnlichen Weise euch zu beschreiben unternehmen; da indessen auch ihr auf denselben Pfaden der Bildung wandelt, auf welchen sich diese Erörterung zu bewegen hat, so werdet ihr schon folgen.
Dass nun zunächst Feuer, Wasser, Luft und Erde Körper sind, ist wohl jedermann klar. Zu einem jeden Körper gehört nun auch Höhe. Höhe aber setzt ganz notwendig wieder Oberfläche voraus. Jede geradlinige Grundfläche ferner besteht aus Dreiecken. Alle Dreiecke aber gehen auf zwei zurück, von denen jedes einen rechten und zwei spitze Winkel hat: das eine, in welchem zwei Seiten gleich sind und die beiden spitzen Winkel Hälften von zwei durch diese beiden Seiten gleich, das andere, in welchem diese beiden Winkel ungleiche Teile von zwei durch ungleiche Seiten ungleich geteilten rechten Winkeln sind. In diesen beiden Dreiecken haben wir daher den Ursprung des Feuers und aller andern Körper zu suchen, wenn wir jener Wahrscheinlichkeit folgen wollen, welche im Gebiete der blinden Notwendigkeit erreichbar ist; die noch ursprünglicheren Urbestandteile aber kennt nur Gott und von den Menschen etwa der, den er lieb hat. Und nun ziemt es sich hiernach zu zeigen, welche Beschaffenheiten es sind, die gerade vier Körper zu den schönsten erheben und zwar so, dass diese zwar untereinander unähnlich, jedoch mit der Fähigkeit ausgerüstet sind, aus einander zu entstehen, für den Fall, dass einige von ihnen sich aufgelöst hätten. Denn haben wir dies erreicht, so sind wir auch im Besitze der Wahrheit über die Entstehung der Erde und des Feuers und der anderen beiden Körper, welche zwischen jenen die mittlere Proportionale bilden, und dann brauchen wir es niemandem zuzugeben, dass schönere Körper als diese vier zu erblicken seien, jeder in seiner Art. Das also ist jetzt unsere Aufgabe, die wohlgeordnete Zusammenfügung dieser vier an Schönheit alle andern überragenden Arten von Körpern zu verfolgen und so zu zeigen, dass wir ihre Natur hinlänglich begriffen haben. Unter diesen beiden Dreiecken nun lässt das gleichschenklige nur eine Art, das ungleichseitige aber deren unzählige zu. Von diesen unzähligen müssen wir nun aber wieder die schönste auslösen, wenn wir den richtigen Weg einschlagen wollen. Weiß daher jemand eine schönere auszuwählen und anzugeben, um sie zu der Zusammensetzung dieser Körper zu verwenden, so trägt er über uns nicht als Feind, sondern als Freund den Sieg davon; wir aber nehmen von diesen vielen Dreiecken eins als das schönste an, mit Übergehung der anderen, nämlich dasjenige, aus deren zwei ein gleichseitiges Dreieck als drittes entsteht. Warum wir aber so urteilen, das auseinander zu legen würde uns zu weit führen; aber wir setzen alle Gaben unserer Freundschaft zum Preise darauf, wenn uns jemand zu widerlegen und ausfindig zu machen imstande ist, dass es sich nicht also verhalte. Zwei Dreiecke also wollen wir auserlesen haben, aus denen die Körper des Feuers und der drei andern so genannten Elemente gebildet sind: eins das gleichschenklige, und das andere dasjenige, in welchem das Quadrat der größeren Kathete das Dreifache von dem der kleineren beträgt. Was aber vorher ungenau angegeben worden, ist jetzt näher zu beschränken. Alle jene vier Gattungen von Körpern nämlich, so schien es uns vorhin, entständen aus einander und durch den Übergang in einander, aber mit Unrecht. Denn es entstehen aus den beiden von uns ausgesonderten Dreiecken jene vier Gattungen so, dass aus dem einen, nämlich dem ungleichseitigen, deren drei hervorgehen und dagegen die vierte Gattung die einzige ist, welche aus lauter gleichschenkligen Dreiecken zusammengesetzt ist, und daher können nicht alle vier in einander aufgelöst und durch die Vereinigung vieler kleiner Massen in wenige große oder auf dem umgekehrten Wege aus einander gebildet werden, sondern nur jene drei; denn da diese alle aus denselben Bestandteilen hervorgehen, so lassen sich nach Auflösung der größeren Massen viele kleinere aus eben deren Bestandteilen so zusammensetzen, dass sie eine andere von den Gestalten, deren sie fähig sind, annehmen; und ebenso lässt sich, wenn viele kleine in Dreiecke zerlegt sind, durch die Wiedervereinigung von der Gesamtzahl der letzteren in eine einzige Masse ein einziger großer Körper von anderer Art erzeugen.
So viel nun über ihr gegenseitiges Entstehen aus einander; die Beschaffenheit aber, welche jede Art vermöge ihrer Entstehungsweise an sich trägt, und die Zahlen, deren Zusammentreffen zu diesem Zwecke erforderlich war, dies anzugeben möchte unsere nächste Aufgabe sein. Und da machen wir denn den Anfang mit derjenigen Gattung, deren Zusammensetzung die einfachste und deren einzelne Körperchen daher auch die kleinsten sind. Grundbestandteil derselben ist (wie gesagt) das Dreieck, dessen Hypotenuse die doppelte Länge der kleineren Kathete hat. Wenn nun zwei solche Dreiecke zu einem Viereck zusammengesetzt werden, so dass ihre Hypotenuse zu dessen Diagonale wird, und sich dies noch zweimal dergestalt wiederholt, dass alle Diagonalen und kleineren Katheten in einen einzigen Punkt zusammenstoßen, so entsteht aus ihrer sechs solchen Dreiecken ein einziges gleichseitiges, dessen Mitte eben jener Punkt bildet. Werden aber vier gleichseitige Dreiecke nach je drei Flächenwinkeln verbunden, so bilden sie einen körperlichen Winkel, welcher der aufsteigenden Größe nach zunächst auf den stumpfsten der Flächenwinkel folgt, und sind so deren vier zustande gebracht, so tritt damit die erste Gattung eines körperlichen Gefüges ins Leben, das da geeignet ist, ein kugelförmiges Ganzes in gleiche und ähnliche Teile zu zerlegen. Die zweite aber entsteht zwar aus denselben Dreiecken, aber so, dass sie in acht gleichseitige zusammengetreten sind und aus vier Flächenwinkeln einen körperlichen bilden, und nachdem deren sechs zustande gekommen waren, hatte auch dieser zweite Körper in dieser Weise seine Vollendung erreicht. Der dritte aber ging aus der Zusammenfügung von zweimal sechzig solcher Elementardreiecke und zwölf körperlichen Winkeln hervor, deren jeder von fünf Flächenwinkeln der gleichseitigen Dreiecke eingeschlossen wird, so dass das Ganze zwanzig gleichseitige dreieckige Grundflächen enthält. Und der eine von den beiden Urbestandteilen hatte mit diesen aus ihm hervorgegangenen Bildungen seine Aufgabe erfüllt; das gleichschenklige Dreieck aber rief den vierten Körper ins Dasein, indem es zu vieren zusammentretend und die Spitzen der rechten Winkel dabei in einem Mittelpunkte vereinigend, zunächst ein gleichseitiges Viereck hervorbrachte; sechs solche aber, zusammengesetzt, erzeugten sodann acht körperliche Winkel, indem deren jeder aus drei rechtwinkligen Flächenwinkeln zusammengefügt ward. Die Gestalt dieses ganzen, so zusammengesetzten Körpers aber ward die des Kubus, und er enthält sechs viereckige gleichseitige Grundflächen. Da es aber noch eine fünfte Art der Zusammensetzung von entsprechender Eigenschaft gibt, so bediente sich Gott dieser vielmehr für das Weltganze, als er diesem seinen Bilderschmuck gab.
Wenn man nun dies alles sorgsam bei sich erwägt, um danach die Frage zu entscheiden, ob man eine unbeschränkte oder eine beschränkte Zahl von Welten anzunehmen habe, so wird man zwar denjenigen, welcher dieselbe für unbeschränkt ansieht, für in Wahrheit beschränkt in solchen Dingen erklären, deren Kunde doch durchaus für den Menschen erforderlich ist; ob man aber wirklich ihrer nur eine oder aber fünf als entstanden zu setzen habe, darüber dürfte man von diesem Standpunkte aus mit Fug und Recht eher im Zweifel sein. Unsere Auffassungsweise nun geht der Wahrscheinlichkeit gemäß dahin, dass ihrer nur eine geworden sei; andere aber mögen nach irgend welchen anderen Gesichtspunkten anders darüber urteilen. Lassen wir sie also und verteilen vielmehr die vier Gestaltungen, deren Entstehung unsere Darstellung beschrieben hat, unter die vier so genannten Elemente Feuer, Erde, Wasser und Luft: Der Erde nun haben wir die Gestalt des Kubus zuzuteilen, denn unter allen vier ist sie am unbeweglichsten und der bildsamste aller Körper; am meisten aber kommt eine solche Beschaffenheit notwendig demjenigen zu, welches die festesten und sichersten Grundlagen hat, und als Grundlage ist ebenso wohl von den beiden vorhin angenommenen Dreiecken naturgemäß dasjenige, welches zwei gleiche Seiten hat, sicherer als das ganz ungleichseitige, als auch die aus jedem von beiden zusammengesetzte gleichseitige viereckige Fläche ebenso den Teilen wie dem Ganzen nach notwendig fester dasteht als die gleichseitige dreieckige. Indem wir daher diese Gestalt der Erde zuteilen, halten wir die Wahrscheinlichkeit fest; dem Wasser ferner geben wir von den noch Übrigen die am schwersten, dem Feuer dagegen die am leichtesten bewegliche, und der Luft die mittlere, und den kleinsten jener Elementarkörper dem Feuer, den größten hingegen dem Wasser, und wieder den mittleren der Luft, und endlich den spitzigsten dem Feuer, den, welcher in Bezug hierauf die zweite Stelle einnimmt, der Luft, und den, welcher die dritte, dem Wasser. Von ihnen allen aber muss der, welcher die wenigsten Grundflächen hat, auch der eindringlichste und spitzigste in jedem Betracht und überdies, weil er aus den wenigsten Teilen derselben Art besteht, der leichteste und aus beiden Gründen der beweglichste sein, der aber, welcher ihm in der ersteren Eigenschaft am nächsten steht, auch die letztem in geringerem und der dritte in noch geringerem Grade besitzen. Und so setzen wir denn aller Wahrscheinlichkeit nach mit Recht unter den Körpern, die sich uns gebildet haben, denjenigen, welcher die Gestalt der Pyramide hat, als Urbestandteil und Samen des Feuers, und den, welcher sich uns als der zweite ergab, haben wir als den der Luft, und den dritten als den des Wassers anzusehen. Alle diese Körper muss man sich aber in dieser ihrer Eigenschaft so klein denken, dass jeder einzelne von jeder Gattung wegen seiner Kleinheit von uns nicht wahrgenommen werden kann, und dass vielmehr, wenn viele von ihnen zusammengehäuft sind, nur ihre Massen von uns erblickt werden; und ferner auch haben wir anzunehmen, was die Verhältnisse ihrer Mengen, Bewegungen und sonstigen Kraftäußerungen zu einander anlangt, dass Gott, indem die Notwendigkeit freiwillig und durch seine Überredung bewogen ihm darin nachgab, diese Körperchen in allen Stücken mit der größten Genauigkeit zu ihrer ganzen Vollständigkeit ausbildete und so diese ihre Verhältnisse ganz in Proportion mit einander setzte.
