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Dieser Band enthält Gedanken zur Ehe, die sich Philosophen und Schriftsteller in 2500 Jahren abendländischer Kulturgeschichte gemacht haben. Der Band enthält Texte von Platon, Aristoteles, Augustinus, Pietro Aretino, Martin Luther, Francis Bacon, Jean-Jacques Rousseau, Adolph Knigge, Johann Wolfgang von Goethe, Immanuel Kant, Arthur Schopenhauer, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Johann Gottlieb Fichte, Sören Kierkegaard, Ludwig Feuerbach, Friedrich Engels, Honoré de Balzac, Friedrich Nietzsche, Hermann Cohen, Georg Simmel, Hermann Keyserling und Theodor W. Adorno.
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Seitenzahl: 263
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Klassische Texte zur Ehe
2. Auflage
Herausgegeben und eingeleitet von Michael Rumpf
Klassische Texte Parodos – Band 5 (KTP 5)
© Parodos Verlag Berlin 2024
https://parodos.de
Alle Rechte vorbehalten
Die 2. Auflage der Printausgabe ist 2023 erschienen unter der ISBN-13: 978-3-96824-021-3
ISBN der E-Book-Version: 978-3-96024-049-5
Was die wahre Freundschaft und noch mehr das glückliche Band der Ehe so entzückend macht, ist die Erweiterung seines Ichs, und zwar über ein Feld hinaus, das sich im einzelnen Menschen durch keine Kunst in der Welt schaffen lässt.
Georg Christoph Lichtenberg
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Für Susanne
Definieren ließ sich die Ehe vormals als auf Dauer angelegte Lebensgemeinschaft (1) zweier Personen (2) unterschiedlichen Geschlechts (3). Von diesen Kriterien sind zwei nicht mehr in Geltung: Weder müssen die Eheschließenden unterschiedlichen Geschlechts, noch muss die Ehe auf Dauer angelegt sein; sie kann im Bewusstsein geschlossen werden, es miteinander zu versuchen und bei Misslingen des Versuchs auseinanderzugehen, wobei die Trennung jene Vernunft zeigen soll, die bei der Heirat zugunsten des Gefühls in Misskredit steht. Aus der Lebensgemeinschaft wird eine Lebensabschnittspartnerschaft, die Emotions- und/oder Interessensgemeinschaft kann bei Wegfall der Gefühls- oder Geschäftsgrundlage aufgekündigt werden. Die Trennung, und mit ihr die Scheidung, gilt in vielen Ländern als zivilisatorische Errungenschaft. Dass der Bund fürs Leben – gerne als Bund gegen das Leben bespöttelt –, im Himmel geschlossen werde, glauben nicht einmal jene, die noch an den Himmel glauben.
Die Definition hat ausgedient, weil ihr die Wirklichkeit nicht mehr entspricht und das Ideal zerbröselt scheint. Der Fortschritt, stolz, ein Tabu – und jedes Ideal umgibt ein Tabus – zum Teufel geschickt zu haben, hätte allerdings zuzugeben, dass er ein Ideal außer Betracht gesetzt hat und für es die aufmunternde Weisheit nicht gilt, es sei das Unmögliche anzustreben, um das Mögliche zu erreichen. Ein außer Kurs geratenes Ideal verliert seinen Wert als Orientierungshilfe oder regulative Idee und erscheint als Wegweiser ins Nirgendwo.
Im Zuge juristischer Anpassung an die Wirklichkeit wurden eheähnliche Beziehungen den ehelichen weitgehend gleichgestellt: Der Gesetzgeber bemüht sich, die Variation des Verhaltens in der Differenzierung der Begriffe nachzubilden. Die normative Kraft des Faktischen verändert nicht nur Definitionen und Gesetze, sie prägt die Lehrpläne. Fibeln leisten der Idealisierung von Ehe und Familie keinen Vorschub mehr und bemühen sich, den Kindern Schuldgefühle zu ersparen, die jede Abweichung von der Normalität und dem, was als Normalität wahrgenommen wird, hervorrufen kann. Daher vermitteln sie, dass Kinder mit der Auflösung der traditionellen Kleinfamilie zurechtkommen. Der in Magazinen und Illustrierten ausgetragene Streit, ob Trennung der Eltern den Kindern schadet oder nicht, wird pädagogisch zum Friedensschluss geführt. Warum sollte Gewöhnung nicht ihre heilende Kraft bewähren?
Die vorliegende Anthologie möchte die Fülle der philosophischen Darstellungen der Ehe in Erinnerung rufen, bekannte und weniger bekannte Passagen und Zitate zur Verfügung stellen und damit einen Schatz an Wertvorstellungen und Einsichten sammeln, der verstreut liegt. Erstmalig werden Aspekte zusammengeführt, die in ihrer Wirkung zusammengehören, auch wenn sie autonom erscheinen. Im Vordergrund stehen theoretische Texte, deren Verständnis der Ehe von ihrer sozialen Selbstverständlichkeit geprägt ist. Den Auftakt bildet ein Auszug aus Platons Utopie „Der Staat“ mit dem unpathetischen, ganz praktischen Erwägungen unterworfenen Ideal des gemeinschaftlichen Besitzes von Frauen und Kindern, dem bereits sein Schüler Aristoteles widersprochen hat. Die in Europa vorherrschende christliche Norm der Monogamie wird durch ihre historisch einflussreichsten Theoretiker Augustinus und Luther vertreten Es folgt die für Deutschland bedeutsame idealistische Tradition mit ihren rechtsphilosophischen Herleitungen (Kant, Hegel, Fichte). Ihrer Gewissheit der Hochschätzung der Ehe wissen sich noch Sören Kierkegaard oder der Neukantianer Hermann Cohen verbunden, während Theodor W. Adorno den zerstörerischen Einfluß des Besitzdenkens auf den Bund fürs Leben reflektiert. Als Kontrapunkt fungieren literarische Zeugnisse (Aretino, Bacon, Goethe, Balzac) sowie Theoretiker des 19. und 20. Jahrhunderts, die von außen auf die Institution blicken (Engels, Nietzsche, Simmel).
Dabei ergibt sich keine Systematik möglicher Argumente für und wider die Ehe, wie sie Konrad Gaiser 1974 in seiner Anthologie „Für und wider die Ehe“ aus antiken Quellen gesammelt hat. Dass eine gesellschaftliche Einrichtung historische Höhen und Tiefen durchläuft, weil die Begründungen zeitgebunden sind, steht in Wechselwirkung dazu, dass Begründungen an Glaubwürdigkeit verlieren, sobald die Kurve nach unten zeigt. In gleicher Weise gilt dies für ihr Pendant: Gibt es die Selbstverständlichkeit der Tradition nicht mehr, weil es kein Bedürfnis mehr nach ihr gibt, oder gibt es kein Bedürfnis mehr nach ihr, weil sie ihre Selbstverständlichkeit verloren hat? Wenn das, was vernünftig ist, wirklich wird, muss dem, was wirklich ist, seine Vernünftigkeit nachgewiesen werden. Seitdem die moderne Ethologie begonnen hat, das Sexualverhalten insbesondere der Menschenaffen zu erforschen, liegt es nahe, mit der Treue die Ehe als genetische Unwahrscheinlichkeit in Frage zu stellen. Biologie scheint hohe Werte auf den Boden der Tatsachen zu holen, reflektiert jedoch nicht den naturalistischen Fehlschluss vom Sein auf das Sollen. Trotz dieser Kritik hätte die Philosophie, wie zu vielen Themen, auch zur Ehe die Resultate der empirischen Wissenschaften zu berücksichtigen. Der Blick zurück, den diese Textsammlung bietet, tut dies aus Platzgründen nicht, soll jedoch nicht die Umsicht behindern, mit der die gegenwärtige Diskussion zur Kenntnis zu nehmen wäre. Die Anthologie wirft aber die Frage auf, ob große Philosophie nicht auch deshalb groß genannt wird, weil sie von ihren Gegenständen groß gedacht hat. Aus ihren Texten lassen sich Begriffe von Personalität und Menschenwürde gewinnen, die der unvergänglichen Hoffnung auf Konstanz im Leben der nach Glück suchenden Individuen ein Podest geben.
Diese Nutzanwendung gewinnt an Plausibilität mit der Beobachtung,
dass die Ehe trotz ihrer dem Zeitgeist geschuldeten Krise diese übersteht und die Zahl ihrer Befürworter steigt. Schon 2006 verteidigte Norbert Bolz die Institution und betonte in „Die Helden der Familie“ ihr nachweisbares Glückspotential. 2007 komponierte Rafik Schami sein „Lob der Ehe“ als „weltliterarisches Treuebuch“, 2008 wurde Van de Veldes Klassiker „Über die vollkommene Ehe“ neu aufgelegt, und 2009 folgte Arnold Retzer mit seinem Buch „Lob der Vernunftehe“, in dem er hervorhob, dass die Ehe besser sei als ihr Ruf, und folgende Zahlen nannte: „60% aller Erwachsenen leben in einer Ehe und davon wiederum 60% schon seit 45 Jahren. Und Untersuchungen zeigen, dass ein Großteil davon, nämlich ca. 60–70% der Paare, mit ihrer Ehe sogar zufrieden sind.“ Nicht die Ehe ist dementsprechend problematisch, sondern die in der Erlebnisgesellschaft übersteigerten Erwartungen an sie. Dies belegen symptomatisch zwei Veröffentlichungen des Jahres 2020: Irvin D. Yaloms zusammen mit seiner Frau Marilyn geschriebenes Buch „Unzertrennlich“ und Muhammed Ervin Yildirins „Die ideale Ehe – Familienplanung nach dem Vorbild des Propheten“. Letzteres ist ein Indiz dafür, dass die westliche Problematisierung der Ehe für die islamische Kultur nicht in gleicher Weise aktuell ist. Die Ehe muss nicht der Weg zum Scheitern der Liebe sein, sie bleibt eine Möglichkeit, sie zu vertiefen und zu verstetigen.
Vielfältig hat Liebe auch in der verweltlichten Gesellschaft mit Religion zu tun, alldieweil beide die tiefe Zustimmung zum Leben eint: Sie geben ihm einen Sinn, der es ermöglicht, an sich selbst zu glauben. Keine Leistung und kein Lob gibt dem Individuum die Sicherheit, dass es wertvoll ist, auf der Welt zu sein, welche ihm verliebte Blicke vermitteln. Sie sind wie der religiöse Glaube ein Jungbrunnen der Hoffnung, von der der tschechische Schriftsteller Vaclav Havel gesagt hat:
„Hoffnung ist nicht der Glaube daran, dass etwas gut ausgeht.
Sondern es ist die Gewissheit, dass etwas Sinn hat. Egal, wie es ausgeht.“
Die Ehe hofft darauf, eine Einheit zwischen Frau und Mann herzustellen, die über ein Nebeneinander hinausgeht und sich in der volkstümlichen, leicht altertümlichen Formulierung ausdrückt, mit der Ehepartner sich wechselseitig als ihre „bessere Hälfte“ titulieren. Sie bezeichnen sich gegenseitig als Teile ihrer eigenen Person und entsprechen damit dem Grundgefühl der Liebe, welches von der Erfahrung bestimmt wird, dass der Mensch, der sich hingibt, sich als ein anderer zurückerhält. Man verliert sich an einen anderen Menschen und findet darin sich selbst. Wer sich sucht, sucht ein Gegenüber, in welchem er sich erkennen kann. Eheleute wachsen zusammen, entwickeln gemeinsame Rituale und Gewohnheiten und lernen miteinander zu leben, aber vor allem wachsen sie aneinander. Die beiden Personen, die heiraten, werden in der Ehe andere Menschen, als sie es vor ihr waren. In der und durch die Ehe entsteht etwas Neues, aus der Alleinsamkeit wird Zweisamkeit und schließlich eine Mehrsamkeit.
Zur Erkenntnis der Ehe gehört die aus der Antike bekannte Einsicht, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile. Damit wird die Einstellung verlassen, Ehe sei die bloße Addition zweier Lebensläufe. Mit der Ehe beginnt ein gemeinsamer Lebensweg, der nicht die Fortsetzung der bisherigen Lebenswege ist, die nun parallel oder nebenher laufen. Die Partner werden zu einem Paar und fühlen sich als Teile ihrer Gemeinsamkeit. Es entsteht etwas Neues, wie etwas Neues entsteht, wenn die Laute einer Sprach zu einer Silbe verschmelzen und aus b und o „Boh“ wird, Staunen und Anerkennung ausdrückend, welche weder im Konsonanten noch im Vokal vermittelt wurden. Nietzsche läßt seine prophetische Kunstfigur Zarathustra ausrufen: „Ehe: so heiße ich den Willen zu zweien, Das Eine zu schaffen, das mehr ist, als die es schufen. Ehrfurcht voreinander nenne ich Ehe als vor den Wollenden eines solchen Willens.“ Dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile, bestätigt sich im Kind, das einer Ehe entspringt oder sie erst stiftet. Studien belegen, dass Kinder vierhundert Mal am Tag lachen, während Erwachsene durchschnittlich nur fünfzehn bis zwanzig Mal lachen.
Wenn alle Lust Ewigkeit will, mag der Versuch, Liebe und Ehe zu versöhnen, unabhängig vom Zeitgeist in neuen gedanklichen Konstellationen unternommen werden. Die Anthologie möchte beiläufig den Verdacht nähren, den ein deutscher Philosoph in dem Aphorismus formulierte: Wir haben mehr verloren, als uns fehlt. (Jürgen Große)
Michael Rumpf
Sokrates: Das wäre denn gleichsam eine Welle, die wir nun als glücklich überwunden bezeichnen können bei unserer Erörterung des Gesetzes über die Weiber; wir sind also nicht völlig von der Flut überwältigt worden, wenn wir den Satz aufstellten, unsere Wächter und Wächterinnen müssten alles gemeinsam verrichten; vielmehr legt unsere Rede durch ihre innere Übereinstimmung gewissermaßen Zeugnis dafür ab, dass ihre Behauptungen möglich und nützlich sind.
Glaukon: In der Tat, es ist keine kleine Welle, der du entronnen bist.
Sokrates: Und doch wirst du sie nicht mehr groß nennen, wenn du erst die kommende erblickst.
Glaukon: Rede nur und zeige sie mir.
Sokrates: Diesem Gesetz sowie den anderen früheren schließt sich meiner Meinung nach das Folgende an.
Glaukon: Welches?
Sokrates: Dass diese Frauen alle diesen Männern allen gemeinsam angehören und keine mit keinem für sich zusammenwohne, und dass auch die Kinder gemeinsam seien, und weder der Vater sein Kind kenne noch das Kind seinen Vater.
Glaukon: Ja, weit größer noch als jene ist diese in dem, was sie unserer Gläubigkeit zumutet rücksichtlich des Möglichen und Nützlichen.
Sokrates: Ich glaube nicht, dass die Nützlichkeit bestritten wird, als wäre es nicht der größte Segen, wenn Weiber und Kinder gemeinsam wären, die Möglichkeit dazu vorausgesetzt; wohl aber glaube ich, dass über die Frage der Möglichkeit oder Unmöglichkeit sich ein gewaltiger Streit erheben wird.
Glaukon: Beides dürfte recht eifrig bestritten werden.
Sokrates: Damit behauptest du die Zusammengehörigkeit beider Punkte; ich aber hoffte schon um den einen von beiden herumzukommen für den Fall nämlich, dass du mit der Nützlichkeit einverstanden wärest, so dass mir nur noch die Frage der Möglichkeit und Unmöglichkeit zu erörtern übrig bliebe.
Glaukon: Nun, dein Fluchtversuch ist nicht unbemerkt geblieben. Du musst also über beides Auskunft geben.
Sokrates: Ich muss mich der Strafe unterwerfen; aber tue mir wenigstens das eine zuliebe: lass mich mir etwas Besonderes zugute tun, so wie sich die Geistesträgen selbst ein Fest zu bereiten pflegen, wenn sie allein wandern. Denn bei Leuten dieser Art kommt es ja wohl vor, dass sie gar nicht erst ausfindig zu machen suchen, wie sich dieser oder jener ihrer Wünsche verwirklichen lasse, sondern dass sie, um sich nicht abzuquälen mit der Überlegung über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit, diese Frage ganz beiseite lassen, das Dasein des Gewünschten als gegeben annehmen und nun ihre Bestimmungen über das Übrige treffen und ihre Freude daran haben, sich alles genau auszudenken, was sie im Falle der Verwirklichung tun werden, womit sie denn ihre an sich schon träge Seele nur noch träger machen. So gebe auch ich mich jetzt solcher Weichlichkeit hin und wünsche jene Frage nach der Möglichkeit noch aufzuschieben und erst später zu erörtern; jetzt dagegen setze ich die Möglichkeit voraus und will mit deiner Erlaubnis eine Betrachtung darüber anstellen, welche Anordnungen die Herrscher über die als verwirklicht gedachte Sache treffen werden, und inwiefern es, wenn ausgeführt, der allergrößte Segen wäre für den Staat wie für die Wächter. Dies will ich versuchen zuerst mit dir zu betrachten, später dann jenes, wenn du es erlaubst.
Glaukon: Ja, ich erlaube es; beginne nur damit.
Sokrates: Ich glaube also, sofern die Herrscher dieses ihres Namens würdig sind, und ebenso ihre Helfer, so werden die letzteren bereit sein das Befohlene zu tun, und die ersteren werden ihre Befehle so erteilen, dass sie teils selbst dabei den Gesetzen folgen, teils im Geiste dieser Gesetze verfahren werden in alle dem, was wir ihrem eigenen Ermessen überlassen.
Glaukon: Aller Wahrscheinlichkeit nach!
Sokrates: Du also als Gesetzgeber wirst, wie du die Männer auswähltest, so auch die Frauen auswählen und jenen möglichst gleichartige zuführen. Sie aber, Wohnung und Mahlzeit miteinander teilend, werden demnach in Gemeinschaft leben; und da sie auch auf den Turnplätzen sowie bei den sonstigen Veranstaltungen für die Erziehung sich beisammen befinden, so werden sie, denke ich, durch die eingeborene Notwendigkeit zur geschlechtlichen Gemeinschaft miteinander geführt werden. Oder glaubst du, dass es sich hier nicht um Notwendigkeiten handelt?
Glaukon: Nicht um geometrische, sondern um erotische Notwendigkeiten, welche letzteren noch viel eindringlichere Überredungs- und Anziehungskraft für die große Menge haben als die ersteren.
Sokrates: Sicherlich. Aber nun weiter, mein Glaukon: ungeregelt sich zu vermischen oder irgendetwas anderes zu tun, verträgt sich weder mit der Frömmigkeit in einer Stadt der Gesegneten noch werden es die Herrscher zulassen.
Glaukon: Nein, es wäre ja auch Unrecht.
Sokrates: Also werden wir demnächst Hochzeiten zu veranstalten haben und zwar so heilig wie nur möglich. Als heilig aber müssen wohl die heilsamsten gelten.
Glaukon: Ohne Zweifel.
Sokrates: Wie werden sie also wohl am heilsamsten sein? Zu dem Ende gib mir Auskunft über folgendes, mein Glaukon. Du hast ja doch, wie ich durch Augenschein weiß, in deinem Hause sowohl Jagdhunde als auch von prächtigen Vögeln eine beträchtliche Menge. Da hast du nun doch wohl, beim Zeus, auf deren Hochzeiten und Zeugungen nach einer gewissen Seite hin achtgegeben ?
Glaukon: Nach welcher denn?
Sokrates: Erstens: obschon sie alle von edler Art sind, so sind doch wohl einige von ihnen die besten und bewähren sich als solche?
Glaukon: Das ist der Fall.
Sokrates: Erzielst du nun die Nachkommenschaft gleicherweise aus allen, oder suchst du sie nicht nach Möglichkeit aus den besten zu gewinnen?
Glaukon: Aus den besten.
Sokrates: Und weiter, aus den jüngsten oder aus den ältesten oder aus denen, die im kräftigsten Alter stehen?
Glaukon: Aus diesen.
Sokrates: Und wenn die Zeugung nicht so vor sich geht, so wird deiner Meinung nach der Schlag der Vögel und Hunde sich doch erheblich verschlechtern?
Glaukon: Ja.
Sokrates: Und wie steht es deiner Meinung nach mit den Pferden und den anderen Tieren? Wird es sich da irgendwie anders verhalten?
Glaukon: Das müsste doch sonderbar zugehen.
Sokrates: Meiner Treu, lieber Freund, was müssen doch unsere Herrscher für scharfsinnige Leute sein, wenn es sich auch mit dem Geschlecht der Menschen so verhält.
Glaukon: Nun, das ist offenbar der Fall. Aber worauf willst du denn damit hinaus?
Sokrates: Darauf, dass sie sich auf vielerlei ärztliche Mittel verstehen müssen. Nun reicht für Körper, die keiner Arzneien bedürfen, sondern nur einer bestimmten Lebensweise, der sie sich willig unterwerfen, unserer Meinung nach wohl auch ein weniger tüchtiger Arzt aus; sind aber auch Arzneien nötig, dann bedarf es ohne Zweifel eines Arztes, der tüchtiger zugreift.
Glaukon: Gewiss. Aber wozu sagst du das?
Sokrates: Dazu: unsere Herrscher werden, wie es scheint, mancherlei Trug und Täuschung anwenden müssen zum Heile der Beherrschten. Und wir sagten doch, alles dergleichen sei nützlich als eine Art Arznei.
Glaukon: Und damit hat es seine Richtigkeit.
Sokrates: Bei den Hochzeiten nun und der Kindererzeugung scheint diese deine ‚Richtigkeit’ in besonders starkem Maße zur Anwendung zu kommen.
Glaukon: Wieso?
Sokrates: Es müssen doch zufolge des Eingeräumten die besten Männer so häufig wie möglich den besten Frauen beiwohnen, die schlechtesten dagegen den schlechtesten so selten wie möglich. Und die Kinder der ersteren müssen aufgezogen werden, die der anderen nicht, sofern die Herde auf voller Höhe bleiben soll. Und von allen diesen Maßnahmen darf niemand etwas wissen außer den Herrschern selbst, wenn die Herde der Wächter ihrerseits so viel als möglich vor Zwietracht bewahrt werden soll.
Glaukon: Sehr richtig.
Sokrates: Es müssen also gewisse Feste gesetzlich eingeführt werden, an denen wir die Bräute mit den Bräutigamen zusammenführen, wobei auch Opfer nicht fehlen dürfen; auch müssen unsere Dichter für Gesänge sorgen, die sich der Feier der Hochzeiten würdig anpassen. Die Zahl der Hochzeiten aber werden wir in das Ermessen der Herrscher stellen, damit diese bei gehöriger Rücksicht auf Kriege und Krankheiten und alles dergleichen die Anzahl der Bürger möglichst auf gleicher Höhe erhalten, so dass unser Staat hinsichtlich seiner Größe nach Möglichkeit weder das rechte Maß überschreite noch dahinter zurückbleibe.
Glaukon: Recht so.
Sokrates: Man muss also, glaube ich, eine gewisse Art schlau erdachter Lose einführen, damit jener minder Würdige bei jeder Zusammenpaarung die Schuld auf den Zufall schiebe, nicht aber auf die Herrscher.
Glaukon: Gewiss.
Sokrates: Und denjenigen jungen Männern, die sich im Krieg oder bei anderen Anlässen hervortun, muss man neben anderen Ehrengaben und Kampfpreisen die Erlaubnis erteilen, häufiger bei ihren Frauen zu schlafen, damit zugleich auch unter schicklichem Vorwand von ihnen mehr Kinder als von den anderen erzeugt werden.
Glaukon: Recht so.
Sokrates: Und alle Kinder, die geboren werden, nehmen die dazu bestellten Behörden an sich, bestehen sie nun aus Männern oder Frauen oder beiden – denn auch die Ämter sind Frauen und Männern gemeinsam.
Glaukon: Ja.
Sokrates: Die ihnen so übergebenen Kinder der Tüchtigen nun werden sie, denke ich, in ein Sammelhaus bringen zu bestimmten Wärterinnen, die abgesondert wohnen in einem bestimmten Teile der Stadt, die der Schlechteren aber, und was von den anderen etwa missgestaltet zur Welt kommt, werden sie in einem unzugänglichen und unbekannten Ort verbergen, wie es sich gehört.
Glaukon: Nur so allerdings kann das Geschlecht der Wächter rein erhalten werden.
Sokrates: Diese werden auch für die Nahrung sorgen, indem sie die Mütter in den Hegeraum bringen, wenn sie volle Brüste haben, wobei sie auf jede Weise darauf bedacht sind, dass keine ihr Kind erkennt; und wenn die Mütter selbst nicht zureichen, so werden sie andere Frauen, die Milch haben, zur Stelle schaffen; und bei den Müttern selbst werden sie Sorge tragen, dass die Zeit des Stillens das rechte Maß einhalte, die Nachtwachen aber und den sonstigen beschwerlichen Dienst werden sie den Ammen und Wärterinnen zuweisen.
Glaukon: Du machst den Frauen der Wächter das Kinderbekommen sehr leicht.
Sokrates: So gehört sich‘s auch. Doch lass uns das Weitere durchgehen, was wir uns vorgesetzt haben. Wir behaupteten nämlich, es müssten die im kräftigsten Alter Stehenden sein, denen der Nachwuchs entstamme.
Glaukon: Allerdings.
Sokrates: Hältst du nun mit mir für die rechte Zeit der Vollkraft bei der Frau zwanzig, bei dem Manne dreißig Jahre?
Glaukon: Welche Grenzen setzest du nun dabei?
Sokrates: Die Frau soll vom zwanzigsten Jahr bis zum vierzigsten für den Staat gebären, der Mann aber soll erst die stürmischste Zeit des hastigen Vorwärtsdrängens hinter sich haben und von da ab dem Staat bis zum fünfzigsten Jahre Kinder zeugen.
Glaukon: Wenigstens ist das bei beiden die Blütezeit für Körper und Geist.
Sokrates: Wenn also einer, der dies Alter überschritten oder es noch nicht erreicht hat, bei den Zeugungen für den Staat mittut, so werden wir dies für ein gegen göttliches wie menschliches Recht verstoßendes Vergehen erklären, da er dem Staate ein Kind zeugt, das, wenn das Geheimnis gewahrt bleibt, ins Dasein getreten sein wird als ein Wesen, das bei seiner Zeugung nicht teilhaftig geworden der Weihen durch Opfer und Gebete, wie sie bei jeder Hochzeit Priesterinnen und Priester sowie der gesamte Staat an die Gottheit richten des Inhalts, sie möge aus guten bessere und aus nützlichen immer nützlichere Nachkommen hervorgehen lassen, sondern das in Finsternis aus ruchloser Lustbegier erzeugt ist.
Glaukon: Richtig.
Sokrates: Dasselbe Gesetz gilt, wenn einer der noch zeugenden Männer eine im gesetzlichen Alter stehende Frau berührt, ohne dass die Obrigkeit die Zusammenpaarung angeordnet hat; denn das Kind, das er dem Staate zuführt, müssen wir für ein außereheliches und ungesetzliches und unheiliges erklären.
Glaukon: Sehr richtig.
Sokrates: Wenn aber nun die Frauen und die Männer über das Zeugungsalter hinaus sind, dann werden wir den Männern volle Freiheit geben beizuwohnen, wem sie wollen, nur darf es keine Tochter oder Mutter oder Tochterkind oder über die Mutter hinaus sein, und ebenso den Frauen, nur darf es kein Sohn oder Vater oder ein Abkomme oder Vorfahr von diesen sein; doch muss alle dem die strenge Weisung vorangehen, es müsse Sorge getragen werden, am liebsten ein vorhandenes Empfängnis gar nicht ans Licht zu bringen, wenn es aber doch ungeachtet der Gegenbemühungen den Weg ans Licht findet, es in die Lage zu bringen, dass sich niemand seiner annimmt.
Glaukon: Auch das lässt sich hören. Wie sollen sie aber ihre Väter und Töchter und die sonst von dir eben genannten Angehörigen von denen der anderen unterscheiden?
Sokrates: Gar nicht. Sondern alle Kinder, die geboren worden sind im zehnten oder im siebenten Monat von dem Tage der Vermählung an, wird der Betreffende sämtlich, die männlichen Söhne, die weiblichen Töchter nennen, und jene ihn Vater, und so denn auch die Kinder: er wird sie Enkel und sie ihn hinwiederum Großvater nennen, und so auch Großmutter; diejenigen aber, welche in der Zeit geboren wurden, in welcher ihre Mütter und ihre Väter zeugten, Schwestern und Brüder, so dass sie, wie eben gesagt, einander nicht berühren. Brüdern aber und Schwestern wird das Gesetz die Paarung gestatten, wenn das Los so fällt und die Pythia es bestätigt.
Glaukon: Sehr richtig.
Sokrates: So also, mein Glaukon, steht es mit Wesen und Beschaffenheit der Weiber- und Kindergemeinschaft bei den Wächtern der Stadt. Dass sie sich aber der übrigen Staatsverfassung richtig anpasse und bei weitem die beste sei, das müssen wir uns nunmehr durch die Kraft der Gründe bestätigen lassen. Oder wie sollen wir’s halten?
Glaukon: So, beim Zeus.
Sokrates: Ist nun der Anfang zur Verständigung nicht der, dass wir uns fragen, was wir für die Gestaltung eines staatlichen Gemeinwesens als das größte Gut anzusehen haben, auf das der Gesetzgeber als auf sein Ziel hinblicken muss bei Abfassung seiner Gesetze, und was als das größte Übel, und dass wir dann erwägen, ob das eben Durchgesprochene sich der Spur des Guten anpasst, mit der des Schlechten aber nicht zusammenstimmt?
Glaukon: Ganz gewiss.
Sokrates: Kennen wir nun ein größeres Übel für den Staat als dasjenige, welches ihn zerreißt und ihn zur Vielheit macht anstatt zur Einheit? Oder ein größeres Gut als das, welches ihn eng verbindet und zu einem macht?
Glaukon: Keines.
Sokrates: Nun verbindet doch wohl die Gemeinschaft von Lust und Leid, wenn alle Bürger so viel als möglich bei den nämlichen Vorgängen sei es des Entstehens oder des Vergehens sich in der gleichen Weise freuen oder Leid tragen?
Glaukon: Sicherlich.
Sokrates: Die Sonderung dagegen bei dergleichen wirkt auflösend, wenn bei den nämlichen Erlebnissen der Stadt oder ihrer Bürger die einen tief betrübt, die ändern hoch erfreut sind?
Glaukon: Ohne Zweifel.
Sokrates: Ist das nicht eine Folge davon, dass die Bürger nicht alle zugleich Worte anwenden wie ‚Mein‘ und ‚Nicht mein‘? Und
ebenso bei dem Worte ‚Fremd‘?
Glaukon: Offenbar.
Sokrates: Der Staat nun, in dem die große Mehrzahl übereinstimmt in der Anwendung dieser Ausdrücke Mein und Nichtmein auf die nämliche Sache, ist der nicht am besten verwaltet?
Glaukon: Weitaus.
Sokrates: Und derjenige also, welcher die nächste Verwandtschaft mit einem einzelnen Menschen zeigt? Wenn z. B. einer von uns am Finger verwundet worden ist, so teilt sich die Wahrnehmung dessen der ganzen Gemeinschaft mit, die sich vom Leibe zur Seele erstreckt und von dem herrschenden Teil in ihr zur Einheit zusammengeordnet wird, so dass der gesamte Organismus mitleidet, wenn ein Teil von Schmerz heimgesucht ist; und so kommt es denn, dass wir sagen: „Der Mensch hat Schmerz am Finger“. Und das Nämliche gilt von jedem Gliede des Menschen, hinsichtlich des Schmerzes, wenn ein Teil leidet, und hinsichtlich der Lust, wenn eine Besserung eintritt.
Glaukon: Ja, das Nämliche. Und, worauf ja deine Frage hinaus will, einem solchen steht am nächsten der besteingerichtete Staat.
Sokrates: Wenn also, denke ich, ein Einzelner unter den Bürgern etwas Gutes oder etwas Schlimmes erlebt, so wird ein derartiger Staat am ehesten sagen, das Erlebnis sei sein Erlebnis und wird sich als Ganzes mitfreuen oder mitbetrüben.
Glaukon: Notwendig, sofern er nämlich ein wohlgeordneter ist.
Sokrates: Doch es ist nun Zeit, uns zu unserem Staate zurückzuwenden und zuzusehen, ob die eben durch die Erörterung festgestellten Wahrheiten sich eben in ihm im höchsten Grade bestätigt finden oder etwa in einem anderen Staate.
Glaukon: Das müssen wir.
Sokrates: Wie nun? Es gibt doch wohl auch in den anderen Staaten ebenso wie in dem unseren Obrigkeiten und Volk?
Glaukon: Ja.
Sokrates: Alle diese werden sich doch untereinander Mitbürger nennen?
Glaukon: Natürlich.
Sokrates: Aber welche Bezeichnung hat in den anderen Staaten das Volk für seine Obrigkeiten sonst noch, neben der von Mitbürgern?
Glaukon: In den meisten hat man für sie den Namen ‚Herren‘, in den demokratischen aber eben diesen Namen ‚Obrigkeiten‘.
Sokrates: In unserem Staate aber, wie hält es da das Volk damit? Als was bezeichnet es seine Obrigkeiten außer als Mitbürger?
Glaukon: Als Schützer und Helfer.
Sokrates: Und diese das Volk?
Glaukon: Als Lohngeber und Ernährer.
Sokrates: Und in den anderen Staaten die Herrscher das Volk?
Glaukon: Als Knechte.
Sokrates: Und wie nennen sich dort die Obrigkeiten untereinander?
Glaukon: Mitherrscher.
Sokrates: Die unseren dagegen?
Glaukon: Mitwächter.
Sokrates: Kannst du nun sagen, ob einer der Herrscher in den anderen Staaten in der Lage ist einen seiner Mitherrscher als Angehörigen, einen anderen als ihm fremd zu bezeichnen?
Glaukon: Sogar recht viele.
Sokrates: Den Angehörigen nun sieht er doch als den Seinigen an und nennt ihn so, den Fremden dagegen als Nichtseinigen?
Glaukon: Ja.
Sokrates: Wie aber halten es deine Wächter damit? Hat irgendeiner von ihnen Grund einen seiner Mitwächter als Fremden anzusehen oder so zu nennen?
Glaukon: Durchaus nicht. Denn in jedem, mit dem er zusammentrifft, wird er entweder seinen Bruder oder seine Schwester oder seinen Vater oder seine Mutter oder seinen Sohn oder Tochter oder einen Nachkommen oder Vorfahren dieser erblicken.
Sokrates: Sehr richtig geantwortet; aber noch musst du über folgendes Auskunft geben: Soll sich dein Gesetzesgebot bloß auf die Namen der Angehörigen beziehen, oder auch darauf, dass alle Handlungen diesen Namen zu entsprechen haben, dass also zunächst, was die Väter anlangt, jeder Bürger alles tue, was das Gesetz rücksichtlich der Ehrfurcht und Fürsorge für sie, wie des Gehorsams gegen die Eltern fordert, wofern er nicht jeglicher Gunst von Seiten der Götter wie der Menschen verlustig gehen soll, da er dann weder fromm noch gerecht handelt, wenn er anders handelt als so? Werden diese oder andere Kundgebungen aus dem Munde aller Bürger von vornherein die Ohren der Kinder umtönen sowohl hinsichtlich der Väter, die man ihnen als solche kenntlich macht, wie auch hinsichtlich der übrigen Verwandten?
Glaukon: Diese; denn es wäre doch lächerlich, wenn sie ohne entsprechende Handlungen bloß die Namen von Verwandten im Munde führten.
Sokrates: Unter allen Staaten also werden, wenn es irgendeinem Einzelnen gut oder schlecht geht, die Bürger dieser Stadt am meisten in dem oben besprochenen Ausdruck übereinstimmen: ‚Dem Meinigen geht es wohl‘ oder ‚dem Meinigen geht es schlecht‘.
Glaukon: Sehr richtig.
Sokrates: Nun sagten wir doch, dass mit dieser Überzeugung und mit diesem Ausdruck aufs engste die Gemeinsamkeit der Lust und des Leides zusammenhänge?
Glaukon: Und das mit Recht.
Sokrates: Es werden also unsere Bürger am meisten das Nämliche zur gemeinschaftlichen Sache machen, was sie denn als ‚Meiniges‘ bezeichnen werden. Diese Gemeinsamkeit aber führt doch dazu, dass sie auch am meisten Leid und Freude miteinander teilen?
Glaukon: Entschieden.
Sokrates: Liegt der Grund dafür neben der sonstigen Gestaltung des Staates nicht in der Weiber- und Kindergemeinschaft bei den Wächtern?
Glaukon: Ja, ganz entschieden.
Sokrates: Aber nun haben wir dies doch als größten Segen für einen Staat anerkannt; denn wir verglichen einen wohleingerichteten Staat hinsichtlich des Leides und der Lust mit dem Leib in seinem Verhältnis zu einem seiner Glieder.
Glaukon: Und daran haben wir recht getan.
Sokrates: Als Ursache also des größten Heiles für den Staat hat sich uns die Kinder- und Weibergemeinschaft bei den Schützern erwiesen.
Glaukon: Ja gewiss.
Sokrates: Und auch mit dem Früheren befanden wir uns dabei in Übereinstimmung. Denn wir setzten ja fest, dass diese weder eigene Häuser haben dürfen noch Land noch sonst einen Besitz, sondern von den anderen als Lohn für ihren Wachdienst den Unterhalt empfangen sollen zum gemeinsamen Verbrauch für alle, wenn sie in Wahrheit Wächter sein sollen.
Glaukon: Richtig.
Sokrates: Machen nun nicht, wie gesagt, unsere früheren Bestimmungen ebenso wie die jetzigen sie noch in verstärktem Maße zu wahrhaften Wächtern, und bewirken, dass sie den Staat nicht auseinanderreißen, wie es sich als Folge einstellt bei denen, die als das ‚Meinige‘ nicht das Nämliche bezeichnen, sondern jeder ein anderes, indem der eine für sein eigenes Haus zusammenrafft, was er beiseits von den anderen sich aneignen kann, der andere wieder für sein Haus, als ein von jenem Verschiedenes, und die dadurch, dass sie Weiber und Kinder nicht als gemeinsam anerkennen, jedem Einzelnen seine besonderen Freuden und Leiden schaffen? Streben nicht vielmehr alle, einer gemeinsamen Überzeugung über das ‚Angehörige‘ folgend dem nämlichen Ziele zu, so dass sie so weit wie nur möglich Leid und Freude miteinander teilen?
Glaukon: Offenbar.
Aber selbst wenn es am besten sein sollte, dass die Gemeinschaft möglichst eine ist, so wird das Vorhandensein dieser Einheit doch gewiss damit nicht logisch nachgewiesen, dass alle zugleich ‚mein‘ oder ‚nicht mein‘ sagen, was nach Sokrates das Kennzeichen sein soll, dass der Staat vollkommen eins ist. Das Wort ‚alle‘ ist nämlich doppelsinnig. Soll es heißen: jeder Einzelne, so möchte, was Sokrates erst bewirken will, vielmehr schon vorhanden sein. Denn jeder wird seinen Sohn als seinen Sohn und sein Weib als sein Weib bezeichnen, und ebenso wird er von seinem Vermögen sprechen und von allem und jedem, was ihn angeht. Nun aber werden die, die Weiber und Kinder gemeinsam haben, so nicht sprechen, sondern sie alle zusammen können zwar von ihren Weibern und Kindern reden, aber nicht jeder von ihnen, sofern er für sich allein spricht, und ebenso können sie alle von ihrem Vermögen reden, aber nicht jeder von ihnen, sofern er für sich allein spricht. Es leuchtet also ein, dass es ein Trugschluss ist, wenn man hier das Wort ‚alle‘ gebraucht. […] Was also das betrifft, dass alle dasselbe als das Ihrige bezeichnen, so wäre das in einem Sinne gut und schön, ist aber nicht möglich, in anderem Sinne ist es keinerlei Beweis von Einmütigkeit.
Außerdem hat die gedachte Einrichtung auch diesen Schaden im Gefolge. Was sehr vielen gemeinsam zugehört, für das wird am wenigsten Sorge getragen. Am meisten denkt man an seine eigenen Angelegenheiten, an die gemeinsamen weniger oder doch nur so weit, als sie den Einzelnen berühren. Denn abgesehen von anderen Gründen nimmt man die Sache hier leichter, weil man denkt, ein Anderer werde schon dafür sorgen, ähnlich wie bei den häuslichen Diensten einem mitunter viele Bedienten schlechter aufwarten als wenige. Nun bekommt jeder Bürger tausend Söhne, nicht als wären es die Söhne eines einzelnen Vaters, sondern jeder ist gleichmäßig Sohn von jedem, wer es auch sei, und so werden sich alle gleich wenig um sie bekümmern.
