Klassische Texte zur Zeit -  - E-Book

Klassische Texte zur Zeit E-Book

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Beschreibung

Anhand der Bände dieser Reihe soll sich der Leser einen Überblick über die historische Diskussion und Entwicklung von Themen und Begriffen verschaffen, die in den philosophischen und kulturwissenschaftlichen Debatten unserer Zeit von großer Aktualität sind. Die einzelnen Bände werden von den Herausgebern eingeleitet und mit einer Bibliographie versehen. Dieser Band enthält Texte zur Theorie der Zeit von der griechischen Antike bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts, von Aristoteles, Platon, Plotin, Augustinus, Leibniz, Immanuel Kant, Schelling, Kierkegaard, Schopenhauer, William L. Stern, Edmund Husserl, Hermann Minkowski, Georg Simmel, Hans Reichenbach und Norbert Elias.

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Seitenzahl: 467

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Christian Kupke und Thomas Müller (Hg.)

Klassische Texte zur Zeit

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.© Parodos Verlag Berlin 2024

Alle Rechte vorbehalten

ISBN der Printausgabe: 978-3-96824-020-6 ISBN des E-Books: 978-3-96024-058-7

https://parodos.de

Vorwort

Die Reihe »Klassische Texte« des Parodos Verlags widmet sich philosophischen Begriffen. Die Bände sind als Lesebücher mit historischen und zeitgenössischen Texten zum jeweiligen Thema konzipiert. Bislang sind »Klassische Texte« zu den Themen Tragik, Glück, Ehe und Raum erschienen, die beiden Letzten vor Kurzem in einer erweiterten Neuauflage. Ein Band »Klassische Texte zur Logik« ist in Vorbereitung. Das Thema des hier vorliegenden Bandes – die Zeit – spielt praktisch in jeder wissenschaftlichen Disziplin eine Rolle: Neben der Philosophie, den Naturwissenschaften und der Psychologie beschäftigen sich auch die Soziologie, die Ethnologie, die Ökonomie und viele andere Wissenschaften mit ihr. Im Mittelpunkt der vorliegenden Textauswahl steht allerdings weniger die Frage, was wir mit unserer Zeit anfangen können oder wollen, sondern, was Zeit ist und wie wir sie erfahren.

Einige der hier ausgewählten Aussagen über die Zeit haben in der Philosophiegeschichte eine gewisse Berühmtheit erlangt. So ein Satz von Augustinus aus seinen Confessiones. Zu der Frage, was Zeit sei, schreibt er: »Si nemo a me quaerat, scio, si quaerenti explicare velim, nescio«. (Dt.: Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es, wenn ich es erklären möchte, weiß ich es nicht.) Dieses Zitat findet sich in fast allen Werken, die sich mit der Zeit beschäftigen. Auch Edmund Husserl zitiert diesen Satz im lateinischen Original zu Beginn seiner Vorlesungen zur Phänomenologie des inneren Zeitbewusstseins, von denen wir einen Auszug in diesen Sammelband aufgenommen haben.

Einer der ältesten erhaltenen abendländische Texte, der sich mit dem Wesen der Zeit beschäftigt – und den wir daher als ersten hier wiedergeben –, ist Platons Timaios: Platon umschreibt darin die Zeit als Abbild der Ewigkeit. Doch schon sein Schüler Aristoteles geht einen anderen Weg und ebnet den Boden für die naturwissenschaftliche Sicht der Zeit. Für ihn ist die Zeit das Maß der Bewegung. Zugleich liefert sein Ansatz die Grundlage für die Infinitesimalrechnung, die im 17. Jahrhundert von Leibniz und Newton mathematisiert wird. Newton geht in seinen Principia Mathematica von einer absoluten mathematischen Zeit aus. Wir geben hier nur ein Zitat wieder, der zugrundeliegende Text ist bereits im Vorgängerband »Klassische Texte zum Raum« abgedruckt worden. Leibniz widerspricht Newton und hält Raum und Zeit »für etwas rein Relatives«, wie er 1706 an Samuel Clarke, einen Schüler Isaac Newtons, schreibt. Doch in den folgenden zwei Jahrhunderten bleiben die Newtonschen Gesetze für die Naturwissenschaften und ihre praktischen Anwendungen das Maß der Dinge. Erst Einstein liefert mit seiner Speziellen Relativitätstheorie eine revolutionäre, völlig neue Theorie der Zeit. Die uns allen vertraute subjektive Vorstellung, dass Zeit relativ ist, dass sie mal schneller, mal langsamer zu vergehen scheint, erweitert Einstein um sein naturwissenschaftliches Konzept. Er zeigt, dass Zeit nicht nur subjektiv, sondern physikalisch messbar etwas Relatives ist, dass beispielsweise Gleichzeitigkeit immer abhängig von der Beobachterposition ist. Auf der Grundlage Einsteins entwickelt Hermann Minkowski dann sein vierdimensionales Raum-Zeit-Modell. Hans Reichenbach stellt die berechtigte Frage, warum wir der Zeit nur eine Dimension geben und sie im Gegensatz zum Raum als etwas einfach Lineares betrachten. Moderne theoretische Modelle der Physik, die die Relativitätstheorie und Quantentheorie zu vereinheitlichen versuchen, gehen darüber hinaus und rechnen bspw. mit einer elfdimensionalen Raum-Zeit. Kurt Gödel hat mit einer Abhandlung über rotierende Universen gezeigt, dass es innerhalb der Relativitätstheorie mathematisch möglich wäre, in die Vergangenheit zu reisen. Dies regt bis heute zu allerlei Phantasien und Vermutungen an.

Was in der Relativitätstheorie jedoch keine Berücksichtigung findet, ist die oft als subjektive Zeit oder Erlebniszeit bezeichnete Zeit, die schon lange ein Thema der Philosophie ist. Auch diesem Themenbereich sind einige Texte dieses Bandes gewidmet, so z. B. ein Aufsatz von William L. Stern, in dem er u. a. der schon von Husserl thematisierten Frage nachgeht, ab welchem zeitlichen Abstand von erklingenden Tönen wir diese als gleichzeitig empfinden. Zu dem weiteren zeittheoretischen Feld, welche die sog. historische Zeit in den Blick nehmen, haben wir je einen Beitrag von Sören Kierkegaard und Georg Simmel aufgenommen.

Das Zitat auf der fünften Seite über die Planck-Zeit mag zu der finitistischen Annahme verleiten, dass die reale Zeit diskret sei. Es bedeutet allerdings nur, dass die Relativitätstheorie und die Quantentheorie wissenschaftlich noch nicht vereint sind. Gerade die Annahme der Unendlichkeit in mathematischen Modellen (also auch des unendlich Kleinen) hat sich in der naturwissenschaftlichen Praxis bewährt, sie macht die Modellierung wesentlich einfacher.

Im Anhang haben wir ein Kapitel mit weiteren Zitaten über die Zeit angefügt. Es ist ein buntes Sammelsurium und lädt somit auch zu einer breiteren Beschäftigung mit der Zeit ein.

Die ausgewählten Texte sind chronologisch geordnet. Dies bedeutet jedoch nicht, dass wir empfehlen, sie auch in dieser Reihenfolge zu lesen. Insbesondere der letzte Text – zwei kurze Kapitel aus dem Buch »Über die Zeit« von Norbert Elias – eignet sich gut als Einstieg.

Die Orthografie wurde behutsam an die neue Rechtschreibung angepasst, die Aristoteles-Übersetzung ist auch in der Wortstellung leicht modernisiert worden.

Für Hinweise und Anregungen danken wir besonders Ulf Heuner, Eva Japp, Martin Regenbrecht, Axel Schlote und Christian Stockmar.

Die Herausgeber

Platon: Zeit als Abbild der Ewigkeit

[aus »Timaios«]

Als nun aber der Vater, welcher das All erzeugt hatte, es ansah, wie es bewegt und belebt und ein Bild der ewigen Götter geworden war, da empfand er Wohlgefallen daran, und in dieser seiner Freude beschloss er denn, es noch mehr seinem Urbilde ähnlich zu machen. Gleichwie nun dieses selber ein unvergängliches Lebendiges ist, ebenso unternahm er es daher, auch dieses All nach Möglichkeit zu einem eben solchen zu machen. Nun war aber die Natur des höchsten Lebendigen eine ewige, und diese auf das Entstandene vollständig zu übertragen war eben nicht möglich; aber ein bewegtes Bild der Ewigkeit beschließt er zu machen und bildet, um zugleich dadurch dem Weltgebäude seine innere Einrichtung zu geben, von der in der Einheit beharrenden Ewigkeit ein nach der Vielheit der Zahl sich fortbewegendes dauerndes Abbild, nämlich eben das, was wir Zeit genannt haben. Nämlich Tage, Nächte, Monate und Jahre, welche es vor der Entstehung des Weltalls nicht gab, lässt er jetzt bei der Zusammenfügung desselben zugleich mit ins Entstehen treten. Dies alles aber sind Teile der Zeit, und das War und Wirdsein sind Formen der entstandenen Zeit, obwohl wir mit Unrecht, ohne dies zu bedenken, diese dem ewigen Sein beilegen. Denn wir sagen ja von ihm: »Es war, ist und wird sein«, während ihm doch nach der wahren Redeweise allein das »es ist« zukommt, wogegen man die Ausdrücke »es war« und »es wird sein« lediglich von dem in der Zeit fortschreitenden Werden gebrauchen darf. Denn beides bezeichnet Bewegungen; demjenigen aber, welches sich unbeweglich stets auf die gleiche Weise verhält, kommt es nicht zu, weder älter noch jünger zu werden im Verlaufe der Zeit, noch es ehemals oder jetzt geworden zu sein oder es in Zukunft werden zu sollen; kurz, es kommt ihm überhaupt nichts von alledem zu, was das Werden mit den im Gebiete der Sinnenwelt sich bewegenden Dingen verknüpft hat, sondern es sind dies alles die Formen der die Ewigkeit nachahmenden und nach den Zahlenverhältnissen im Kreise sich fortbewegenden Zeit geworden. Und ebenso steht es mit Ausdrücken folgender Art: Das Entstandene sei ein Entstandenes, und das Entstehende sei ein Entstehendes, und das Entstehenwerdende sei ein Entstehenwerdendes, und das Nichtseiende sei ein Nichtseiendes, welches alles keine genauen Bezeichnungen sind. Doch dürfte gegenwärtig vielleicht nicht der schickliche Zeitpunkt dazu sein, hierüber Bestimmungen zu treffen, wie es, genau genommen, heißen müsste.

So entstand denn also die Zeit zugleich mit der Welt, damit beide, zugleich ins Leben gerufen, auch zugleich wieder aufgelöst würden, wenn ja einmal ihre Auflösung eintreten sollte, und nach dem Urbilde der schlechthin ewigen Natur, damit die Welt ihr so ähnlich als möglich werde. Denn das Urbild ist ein durch alle Ewigkeit Seiendes, sie aber immerfort durch alle Zeit geworden, seiend und sein werdend. Zufolge solcher Betrachtung und Überlegung Gottes in Bezug auf die Zeit entstanden, damit diese hervorgebracht werde: Sonne, Mond und die fünf anderen Sterne, welche den Namen der Wandelsterne tragen, zur Unterscheidung und Bewahrung der Zeitmaße. Und nachdem Gott den Körper eines jeden von ihnen gebildet hatte, setzte er sie ihrer sieben in die sieben Kreise hinein, welche der Umlauf des Anderen beschrieb, den Mond in den, welcher zunächst um die Erde kreiste, die Sonne in den zweiten oberhalb ihrer, den Morgenstern (Venus) aber und den, welcher dem Hermes (Merkur) heilig ist und nach ihm genannt wird, in die zwei nächsten, dem der Sonne an Geschwindigkeit gleichen Kreise, versah sie jedoch mit einer der Sonne entgegenstrebenden Kraft der Bewegung, weshalb denn die Sonne und der Hermes (Merkur) und Morgenstern auf gleiche Weise einander einholen und voneinander eingeholt werden. Was aber die übrigen anlangt, so würde, wenn man von allen angeben sollte, wohin und aus welchen Gründen er sie dahin versetzte, diese Auseinandersetzung, die doch nur eine beiläufige wäre, umständlicher sein als die Erörterung selber, welche uns hierauf geführt hat. Vielleicht wird denn auch dieser Gegenstand späterhin bei größerer Muße eine Darlegung finden, wie er sie verdient. Nachdem nun also alle die Sterne, welche zur Erzeugung der Zeit mitwirken sollten, in den einem jeden zukommenden Umschwung gebracht und durch beseelte Bänder, die ihre Körper zusammenhielten, zu lebendigen Wesen erhoben und des ihnen Aufgetragenen inne geworden waren, so gingen sie in dem Umschwunge des Anderen, welcher schräg ist, indem er den Umschwung des Selbigen durchschneidet und von ihm beherrscht wird, herum, indem sie teils eine größere, teils eine kleinere Kreisbahn umschrieben, und zwar die, welche eine kleinere beschrieben, schneller, und die, welche eine größere, langsamer. Und durch den Umschwung des Selbigen schienen nun dabei die, welche am schnellsten herumgingen, von den langsamer sich bewegenden eingeholt zu werden, während doch vielmehr diese die ersteren einholten; denn da die Umkreisung des Selbigen alle Kreisbahnen dieser Gestirne sich schraubenförmig zu drehen zwang, insofern diese Bahnen durch ihre Einwirkung zwiefach in entgegengesetzter Richtung fortrücken, so bewirkte sie den Schein, als ob die sich am langsamsten von ihr, die sie das Schnellste ist, entfernenden ihrer Geschwindigkeit am nächsten kämen. Damit aber ein deutliches Maß für das gegenseitige Verhältnis von Langsamkeit und Geschwindigkeit vorhanden wäre, mit welcher die acht Umläufe sich bewegten, so zündete Gott in dem zweiten derselben von der Erde ab ein Licht an, eben das, was wir jetzt Sonne nennen, auf dass es möglichst durch das ganze Weltall schiene und die belebten Wesen, so vielen immer dies zukam, des Zahlenmaßes teilhaftig würden, dessen sie durch die Umkreisung des Selbigen und Gleichartigen innegeworden. Tag und Nacht entstanden auf diese Weise und durch diese Veranstaltung als der Umlauf der einigen und vernünftigsten Kreisbewegung, der Monat aber, wenn der Mond seinen Kreislauf vollendet und die Sonne eingeholt hat, endlich das Jahr, sooft die Sonne ihre Bahn umschrieben hat. Die Umläufe der übrigen aber haben die Menschen bis auf wenige unter den vielen nicht beachtet und geben ihnen daher weder besondere Namen, noch messen sie sie gegen einander zufolge angestellter Beobachtungen nach Zahlen ab, so dass sie geradezu nicht einmal wissen, dass auch ihre Bahnen, deren Menge verwirrt und deren Mannigfaltigkeit wunderbar ist, eine Zeit bezeichnen. Es ist jedoch nichtsdestoweniger möglich zu beobachten, dass die vollständige Zeitenzahl auch das vollständige große Jahr voll macht, dann, wenn die gegenseitigen Geschwindigkeiten aller acht Umläufe zugleich beendigt zu ihrem Ausgangspunkte zurückkehren, sofern man sie nach dem Kreise des Selbigen und sich gleichartig Bewegenden misst. Auf diese Weise also und zu diesem Zwecke wurden alle die Sterne hervorgebracht, welche den Weltenraum in gewundener Linie durchwandern, auf dass diese lebendige Welt dem vollkommenen und nur dem Gedanken erfassbaren Lebendigen so ähnlich als möglich werde in Nachahmung seiner schlechthin ewigen Natur.

Und in allen übrigen Stücken bis zu der Entstehung der Zeit hin war sie nun bereits dem Urbilde, welchem sie nachgebildet wurde, entsprechend vollendet; aber darin, dass sie noch nicht alle lebenden Wesen in sich fasste, so dass diese schon innerhalb ihrer entstanden waren, verhielt sie sich noch unähnlich gegen dasselbe. Und so vollendete der Bildner denn auch dies, was ihr noch mangelte, indem er es nach der Natur des Urbildes ausprägte. Wie viel nämlich und welcherlei Gestalten die Vernunft nur immer in dem wahrhaft seienden Lebendigen als ihm einwohnende erblickt, so viel und solcherlei, glaubte er, müsse auch dieses Gewordene empfangen. Es gibt aber deren vier: die eine das himmlische Geschlecht der Götter, die andere die geflügelte und die Lüfte durchschwebende, die dritte die im Wasser lebende Gattung und die vierte die, welche sich auf ihren Füßen bewegt und auf dem Erdboden wohnt. Die Gestalt des Göttlichen nun bildete er größtenteils aus Feuer, damit es so glänzend und schön als möglich anzuschauen wäre, machte es in Nachbildung des Weltganzen wohlgerundet und versetzte es in das vernunftmäßige Denken des Mächtigsten als dessen Begleiter, indem er es im Umkreise rings um das ganze Weltgebäude verteilte, auf dass es diesem ein wahrhafter Schmuck und eine bunte Zierde nach dessen ganzem Umfange sei. Bewegungen aber heftete er ihrer zwei einem jeglichen aus diesem Kreise an: die eine in demselben Raume und in gleichmäßiger Weise als einem solchen, welches über dasselbe stets dasselbe bei sich selber denkt, die andere nach vorne als einem solchen, welches von dem Umschwunge des Selbigen und Gleichartigen beherrscht wird; hinsichtlich der fünf anderen Bewegungen aber ließ er es unbewegt und stillstehend, damit ein jedes dieser Wesen so vollkommen als möglich würde. Aus dieser Ursache also sind alle die Sterne geworden, welche wandellos als lebendige Wesen göttlich und unsterblich und gleichmäßig in demselben Raume sich drehend ewig verharren; diejenigen aber, welche ihre Stellung verändern und somit dem Wandel unterworfen sind, entstanden aus den Gründen, welche schon im Vorigen auseinandergesetzt sind. Die Erde aber, unsere Ernährerin, welche um die durch das All gezogene Achse herumgeballt ist, bildete er zur Wächterin und Werkmeisterin von Tag und Nacht als die erste und älteste von den Gottheiten, so viel ihrer innerhalb des Weltgebäudes entstanden sind. Die Reigenbewegungen aber von diesen selber und ihre gegenseitigen Annäherungen und Begegnungen, und was sich auf die Rückkehr ihrer Bahnen in sich selber und ihr Vorrücken bezieht, ferner, welche von den Göttern bei den Vereinigungen einander nahe und wie viele einander gegenübertreten, und hinter welchen die einzelnen, indem sie einander ins Licht treten, und zu welchen Zeiten sie sich für uns verbergen und, wenn sie dann wieder zum Vorschein kommen, Furcht vor dem, was bevorsteht, und Vorzeichen desselben für die, welche nicht zu rechnen verstehen, mit sich bringen, – dies darzustellen ohne Anschauung von Abbildungen, die wieder von ihnen gemacht wären, würde eine vergebliche Mühe sein, und so möge uns vielmehr das Gesagte in der obigen Weise hinreichen und die Erörterung über die Natur der sichtbaren und geschaffenen Götter hiermit ihr Ende haben.

Über die sonstigen götterartigen Wesen aber zu sprechen und ihre Entstehung zu erkennen, übersteigt unsere Kräfte, und wir werden denjenigen glauben müssen, welche ehedem darüber gesprochen haben, da sie ja, wie sie sagten, Abkömmlinge der Götter waren und doch wohl genau ihre Vorfahren gekannt haben werden. Unmöglich also ist es, den Sprößlingen der Götter den Glauben zu versagen, wenn sie auch ohne wahrscheinliche oder gar zwingende Beweisgründe sprechen; sondern als solchen, welche Familienverhältnisse mitzuteilen behaupten, müssen wir ihnen, dem Herkommen folgend, Vertrauen schenken. Folgendermaßen möge daher nach ihrem Bericht hinsichtlich dieser Götter ihre Entstehung für uns sich verhalten und von uns angegeben werden: Der Ge und dem Uranos wurden Okeanos und Tethys geboren, diesen aber wiederum Phorkys, Kronos und Rhea und so viele mit ihnen entstanden; vom Kronos und der Rhea aber entsprossen Zeus und Hera und alle, so viel wir ihrer wissen, welche als ihre Geschwister und von diesen allen selbst noch wieder als Abkömmlinge bezeichnet werden.

Als nun aber die Götter alle, sowohl die, welche sichtbar herumkreisen, als auch die, welche nur erscheinen, je nachdem sie es selber wollen, ihre Entstehung hatten, da spricht zu ihnen der Erzeuger des Alls folgendermaßen: »Göttliche Göttersöhne, deren Bildner ich bin und Vater von Werken, welche, durch mich entstanden, unauflösbar sind, weil ich es so will. Denn alles, was zusammengebunden ist, lässt sich zwar auch wieder auflösen, aber das, was schön zusammengefügt ist und sich wohl verhält, würde nur ein Frevler wieder auflösen wollen. Deshalb seid ihr denn auch, weil ihr entstanden seid, zwar nicht schlechterdings unsterblich und unauflösbar; aber nichtsdestoweniger sollt ihr nimmer aufgelöst noch des Todesgeschickes teilhaftig werden, weil ihr an meinem Willen ein noch stärkeres und mächtigeres Band als jene Bänder erlangt habt, mit denen ihr zusammengebunden wurdet, als ihr entstandet. So merket denn nun, was euch meine Rede verkündet! Es sind noch sterbliche Geschlechter, und zwar ihrer drei übrig, die noch unerzeugt sind: Träten nun sie nicht ins Leben, so würde das Weltgebäude unvollständig sein: Denn es würde dann nicht alle Geschlechter lebendiger Wesen in sich tragen, und das muss es, wenn es schlechthin vollständig sein soll. Wenn sie aber durch mich entständen und mit Leben begabt würden, so würden sie den Göttern gleich werden. Damit sie also zu Sterblichen werden und dieses All ein wirkliches All sei, so kommt es euch naturgemäß zu, euch an die Hervorbringung der lebendigen Geschöpfe zu machen, indem ihr meine Tätigkeit, wie sie bei eurer Entstehung stattfand, nachahmt. Und so viel an ihnen dem Unsterblichen gleichnamig zu sein verdient, nämlich das Göttlichzunennende und Leitende in ihnen, soweit sie stets dem Rechte und euch zu folgen geneigt sind, von dem will ich die Samen und Keime selber bilden und euch dann übergeben; in ihren übrigen Teilen aber sollt ihr, indem ihr mit diesem Unsterblichen Sterbliches verwebt, die lebendigen Geschöpfe vollenden und erzeugen und, indem ihr ihnen Nahrung gebt, sie wachsen lassen und, wenn sie dahingeschwunden sind, wieder in euch aufnehmen.«

So sprach er und goss wiederum in dasselbe Mischgefäß, in welchem er zuvor die Seele des Alls zusammengemischt hatte, die Überreste derselben Bestandteile hinein und vermischte sie zwar ungefähr auf die gleiche Weise, nahm sie aber nicht von derselben gleichmäßigen Reinheit, sondern vom zweiten und dritten Range. Und nachdem er aus ihnen ein Ganzes gebildet hatte, verteilte er dies in Seelen von gleicher Zahl mit den Sternen und teilte je eine einem jeden zu, und nachdem er sie so auf dieselben wie auf ein Fahrzeug gesetzt hatte, zeigte er ihnen die Natur des Alls und verkündete ihnen die vom Schicksal verhängten Gesetze, dass nämlich die erste Geburt auf die gleiche Weise für sie alle bestimmt sein werde, auf dass keine von ihnen in Nachteil durch ihn gesetzt würde, und dass sie auf die einzelnen, einer jeden entsprechenden Werkzeuge der Zeit verpflanzt, zu demjenigen aller lebendigen Geschöpfe werden sollten, welches am meisten die Götter verehre; und da die menschliche Natur eine zwiespältige sei, so solle das edlere von beiden Geschlechtern mit einer solchen Beschaffenheit vorgebildet werden, wie sie hernach mit dem Namen Mann verbunden sein sollte. Sobald sie nun aber der Notwendigkeit gemäß in Leiber eingepflanzt wären und von ihrem Leibe ein Teil hinzu käme und ein anderer Teil abginge, so müsse notwendig zuerst die Wahrnehmung und Empfindung auf gleiche Weise in ihnen allen entstehen, als notwendig mit starken Erregungen und Eindrücken verwachsen; sodann als das Zweite die Liebe, welche aus Lust und Schmerz gemischt ist; hierauf Furcht sowie Zorn und Eifer und alles, was hiermit zusammenhängt, und wiederum alles, was aus der Gegenwirkung hervorgeht. Wenn sie nun über diese Erregungen herrschten, so würden sie gerecht leben, wenn sie aber sich von ihnen beherrschen ließen, ungerecht. Und wer die ihm zugemessene Zeit hindurch wohl gelebt habe, der solle in die Behausung des ihm verwandten Gestirnes zurückkehren und ein seliges und seiner Gewohnheit entsprechendes Leben führen; wer aber hierin gefehlt, der werde in eines Weibes Natur bei seiner zweiten Geburt verwandelt werden; wenn er aber auch in diesem Zustande noch nicht seiner Schlechtigkeit Einhalt täte, so solle er der Art derselben entsprechend jedesmal in eine Tiergattung von ähnlicher Art, wie er sie sich angebildet, übergehen und in steter Verwandlung nicht eher ans Ziel seiner Leiden gelangen, als bis er, dem Umschwunge des Selbigen und Gleichartigen in sich folgend, jener wirren und vernunftlosen Masse, welche sich später aus Feuer, Wasser, Luft und Erde ihm angesetzt, durch die Vernunft Herr geworden und so in die Gestalt seiner früheren und edelsten Beschaffenheit zurückgekehrt wäre.

Nachdem er ihnen nun alle diese Gesetze verkündet hatte, um an der späteren Schlechtigkeit eines jeden unschuldig zu sein, verpflanzte er sie teils auf die Erde, teils auf den Mond, teils auf die übrigen Werkzeuge der Zeit. Was aber nach dieser Verpflanzung noch zu tun war, das überließ er den jungen Göttern: nämlich, ihnen sterbliche Leiber anzubilden und das noch Rückständige, was zur Entstehung einer menschlichen Seele noch hinzukommen musste, dies und alles damit Zusammenhängende zu vollenden und dann die Herrschaft zu führen und nach Möglichkeit aufs Schönste und Beste das sterbliche lebendige Wesen zu lenken, soweit es nicht selber sich Übel zuziehen würde.

Und nachdem er nun dies alles angeordnet hatte, verharrte er seinerseits in dem seiner Art angemessenen Zustande; seine Kinder aber inzwischen, nachdem sie die Anordnung des Vaters vernommen, leisteten ihr Folge, und nachdem sie den unsterblichen Keim zu dem sterblichen Lebendigen in Empfang genommen hatten, so entlehnten sie in Nachahmung ihres Erzeugers Teile von Feuer, Erde, Wasser und Luft von der Welt zu künftiger Wiedererstattung, verkitteten darauf diese entnommenen Teile in Eins, indem sie sie nicht mit den unauflöslichen Bändern, durch welche sie selber zusammengehalten wurden, sondern mit einer Menge von Stiften, welche ihrer Kleinheit wegen unsichtbar waren, zusammenhefteten, bildeten so aus der Gesamtmasse jeden einzelnen Körper und banden endlich die Umschwünge der unsterblichen Seele in diesen ab- und zuströmenden Leib hinein. Diese nun, in einen so gewaltigen Strom eingeschlossen, beherrschten diesen weder, noch wurden sie von ihm beherrscht, sondern gewaltsam wurden sie fortgezogen und zogen sie fort, so dass das ganze lebendige Gebilde bewegt ward und demnach ohne Ordnung fortrückte, wohin der Zufall es führte, und ohne Vernunft, weil es alle sechs Bewegungen hatte: Denn nach vorn und hinten und ebenso nach rechts und links und nach oben und unten, kurz, überall nach den sechs Richtungen rückte es in der Irre fort. Denn so heftig auch schon die zuströmende und abfließende Woge war, welche ihm seine Nahrung brachte, so ward doch eine noch heftigere Erschütterung durch die Eindrücke von dem bewirkt, was einem jeden widerfuhr, wenn sein Körper mit einem fremden Feuer von außen zusammenstieß oder mit festen Erdteilen oder der dahingleitenden Feuchtigkeit des Wassers, oder wenn er von einem Wirbel der durch die Luft erregten Winde ergriffen wurde, und wenn dann durch dies alles Bewegungen erregt und durch den Körper hindurch fortgeführt wurden, bis sie die Seele fanden; und sie wurden denn auch nachher eben hiernach genannt und heißen auch noch jetzt insgesamt Empfindungen. Sie waren es also, welche schon damals für den Augenblick die meiste und stärkste Bewegung hervorbrachten; und indem sie vermöge des unaufhörlich strömenden Flusses die Umläufe der Seele in Bewegung setzten und heftig erschütterten, so hemmten sie sowohl den des Selbigen gänzlich durch ihr Entgegenströmen und hielten seine Herrschaft und seinen Fortgang auf, als sie auch andererseits den des Anderen so erschütterten, dass sie die Zwischenräume des Zweifachen und Dreifachen, welche ihrer je drei von beider Art waren, und die Mittel- und Bindeglieder des Anderthalb-, Vierdrittel- und Neun­achtelfachen, da sie ganz aufzulösen nur dem möglich war, welcher sie zusammengeknüpft hatte, auf alle Weise verkehrten und alle möglichen Durchbrechungen und Störungen in die Kreise hineinbrachten, so viel es ihrer nur geben konnte: so dass sie kaum noch miteinander zusammenhingen und sich zwar noch fortbewegten, aber vernunft- und regelwidrig, bald in entgegengesetzter Richtung, bald zur Seite und bald kopfüber; gleichwie dann, wenn ein Mensch umgekehrt mit dem Haupte auf die Erde sich stützt, die Füße aber nach oben gewandt hat und an irgendetwas festhält, in diesem entgegengesetzten Zustande dessen, welcher sich in einer solchen Lage befindet, und derer, die ihn ansehen, beiden Teilen gegenseitig das, was dem einen rechts, dem andern links, und was dem einen links, dem andern rechts erscheint. Wenn daher die Umläufe von eben demselben und von anderen ähnlichen Vorgängen in heftigem Maße betroffen werden, so bezeichnen sie, wenn sie mit etwas von dem außerhalb Befindlichen, sei es von der Art des Selbigen oder von der des Anderen, in Berührung kommen, sodann das, was das Selbige mit irgendetwas ist, und das, was ein Anderes ist als irgendetwas, auf eine der Wahrheit entgegengesetzte Weise und sind somit trügerisch und unverständig geworden, und keiner von ihnen ist dann der herrschende und leitende, sondern diejenigen, welchen dann von außen her irgendwelche Wahrnehmungen und Empfindungen zustoßen und zuteil werden, dergestalt dass dieselben auch die Seele in ihrem ganzen Umkreis mit sich fortreißen, diese scheinen dann zu herrschen, obwohl sie vielmehr beherrscht werden. Infolge aller dieser Erschütterungen wird denn auch die Seele jetzt anfänglich bewusstlos, sobald sie in einen sterblichen Körper hineinverflochten ist. Sobald aber der Strom des Wachstums und der Nahrung nur noch in geringerem Maße herzufließt, dann bekommen die Umläufe wieder Ruhe, schlagen wieder ihren eigenen Weg ein und befestigen sich auf diesem immer mehr im Verlaufe der Zeit. Und dann erst machen die Umschwünge, indem sie sich nach dem naturgemäßen Gange der einzelnen Kreise richten und so das Andere und das Selbige mit dem rechten Namen benennen, ihren Besitzer vernunftbeseelt. Kommt nun dann auch noch die rechte Nahrung durch geistige Ausbildung zur Hilfe, dann wird er ganz und gar untadelhaft und gesund und ist der größten Krankheit entflohen. Hat er dies aber vernachlässigt, so gelangt er, nachdem er hinkend die Lebensbahn zurückgelegt hat, unvollkommen und unverständig wieder in die Unterwelt. Dies nun geschieht einst in späterer Zeit; das jetzt Vorliegende aber muss genauer durchgegangen werden. Das also, was jenem vorangeht, nämlich die Entstehung des Körpers und der Seele nach ihren einzelnen Teilen, und aus welchen Ursachen und aus welcher Absicht der Götter sie entstanden sind, haben wir jetzt dergestalt zu erörtern, dass wir, wie wir uns überhaupt an das am meisten Wahrscheinliche halten, so auch hierin vorgehen.

Die göttlichen Umläufe nämlich, zwei an der Zahl, schlossen die Götter, indem sie die Gestalt des Alls, welche ja rund ist, nachahmten, in einen kugelförmigen Körper, nämlich denjenigen ein, welchen wir jetzt Kopf nennen, welcher das göttlichste und alles an uns beherrschende Glied ist. Daher übergaben sie ihm auch den ganzen Leib als eine für ihn zusammengebrachte Dienerschaft, weil sie bedachten, dass er aller Bewegungen, soviel deren entstehen konnten, teilhaftig sein würde; damit er also nicht auf der Erde, die da Höhen und Tiefen von aller Art hat, herumrollend in Verlegenheit geriete, wie er jene übersteigen und aus diesen sich herausarbeiten sollte, so gaben sie ihm denselben zum Fahrzeuge zu leichtem Fortkommen. Demgemäß erhielt denn der Körper Länge und trieb, indem die Gottheit ihn zum Gehen einrichtete, vier ausstreckbare und biegsame Glieder, mit denen er sich teils anzuhalten, teils aufzustützen und so allerorten sich fortzubewegen imstande ward, indem er den Wohnsitz des Göttlichsten und Heiligsten in uns auf seinem Gipfel trug. Beine und Hände also wuchsen auf diese Weise und zu diesem Zwecke allen Körpern an, und da die Götter die vordere Seite für edler und der Herrschaft würdiger hielten, so verliehen sie unserem Gange vorzugsweise die Richtung nach vorne, und eben deshalb musste auch die vordere Seite des menschlichen Körpers in unterscheidender Weise und unähnlich von der hinteren gebildet werden. Daher fügten die Götter zunächst auf dieser Seite dem Umkreise des Hauptes das Antlitz an, versetzten in dieses die Werkzeuge für die gesamte Überlegungstätigkeit der Seele und verordneten, dass dieses das natürliche Vorne bilden und die Oberleitung haben sollte. Von diesen Werkzeugen aber verfertigten sie zuerst die Leiter des Lichtes, die Augen, und befestigten sie aus folgender Ursache im Gesichte: Soviel nämlich vom Feuer nicht die Eigenschaft hat zu brennen, sondern das milde Licht zu verbreiten, welches jedem Tage eigentümlich ist, bildeten sie zu einem Körper. Nämlich das in uns befindliche, hiermit verwandte reine Feuer ließen sie glatt und dicht aus den Augen ausströmen, indem sie ihr ganzes Gewebe, und zwar vorzugsweise den mittleren Teil von ihm, so fest zusammenzogen, dass es alles andere Feuer von dichterer Beschaffenheit zurückhält und nur das von jener Art rein hindurchlässt. Sobald daher das Tageslicht diese Ausströmung des Sehstrahles in sich aufnimmt, so strömt eben damit Gleichartiges zu Gleichartigem aus, und beides verschmilzt durch diese seine Verwandtschaft in gerader Richtung vom Auge zu einem einzigen Körper, wo nur immer das von innen ausströmende Feuer an demjenigen, welches von den äußeren Gegenständen her mit ihm zusammentrifft, im Gegenstoße einen Halt findet. Und da nun dieser Lichtkörper eben wegen seiner durchweg gleichartigen Beschaffenheit auch in allen seinen Teilen die gleichen Eindrücke empfängt, so teilt er von allen Gegenständen, mit welchem derselben er nur immer in Berührung tritt und welcher andere mit ihm, ihre Bewegungen dergestalt dem ganzen Leibe mit, dass sie durch diesen bis zur Seele hindurchdringen, und erzeugt so die Empfindung, auf welche eben wir den Ausdruck »wir sehen« anwenden. Sobald dagegen das ihm verwandte Feuer des Tages in Nacht dahingegangen, so wird und bleibt der Sehstrahl vom Auge abgeschnitten; denn da er nunmehr zu Unähnlichem heraustritt, so verändert er auch sich selber und erlischt, indem er nicht mehr mit der umgebenden Luft eine Verbindung eingeht, weil diese kein Feuer hat. Er hört daher auf, eine Gesichtswahrnehmung hervorzubringen, und führt überdies auch den Schlaf herbei. Indem nämlich nun das, was die Götter zum Schutze des Gesichtes ins Leben gerufen haben, das Gebilde der Augenlider, indem (sage ich) diese sich schließen, so halten sie die Gewalt des Feuers inwendig zurück, und dieses zerstreut und beschwichtigt sodann die Bewegungen im Inneren, so dass infolgedessen Ruhe eintritt. Ist nun diese Ruhe in einem hohen Grade vorhanden, so entsteht ein nur wenig von Träumen getrübter Schlaf; sind aber einige stärkere Bewegungen zurückgeblieben, so bewirken diese, dass Traumerscheinungen, welche der eigenen Natur dieser Bewegungen sowie der der Orte, an denen sie zurückgeblieben sind, an Art und Zahl entsprechen, sich im Inneren bilden und sodann nach dem Erwachen der Erinnerung auch äußerlich entgegentreten. Ebenso ist auch die Erzeugung der Bilder in den Spiegeln und der Widerschein in allen Körpern von glatter und glänzender Oberfläche hiernach nicht mehr schwer zu erklären.

Denn indem sodann gemäß der Verbindung, welche beiderlei Feuer nach innen und nach außen zu stets mit einander eingehen, beide auf der glatten Oberfläche jedesmal in einen Punkt zusammentreffen und dadurch eine vielfältige Veränderung erleiden, so entstehen daraus notwendig alle hierbei vorkommenden Erscheinungen, zum Beispiel wenn das aus dem eignen Antlitz ausströmende Feuer in dieser Weise mit dem des Sehstrahls auf einer glatten und glänzenden Oberfläche verschmilzt. Als Rechtes nämlich erscheint dabei das Linke, weil die entgegengesetzten Teile des Sehstrahls dabei mit den entgegengesetzten Teilen von dem Lichtstrahl des gesehenen Gegenstandes in Berührung treten wider die sonst gewohnte Art ihres Zusammentreffens. Oder es erscheint auch im Gegenteil das Rechte wirklich als Rechtes und das Linke als Linkes, sobald nämlich das Licht von innen her bei der Verschmelzung mit dem anderen, mit welchem es verschmilzt, nach der entgegengesetzten Seite hin fällt. Dies findet aber dann statt, wenn die glatte Oberfläche des Spiegels von beiden Seiten her erhöht ist und so das Rechte nach der linken Seite des Sehstrahls und das Linke nach seiner rechten hindrängt. Nach der Länge des Antlitzes aber gekehrt lässt dieser nämliche Spiegel alles kopfüber liegend erscheinen, indem er wieder das unten Befindliche nach der oberen und das oben Befindliche nach der unteren Seite des Sehstrahles hintreibt.

Dies alles nun gehört unter die Hilfsursachen, welche Gott als dienende Kräfte verwandte, um allen Dingen die Gestalt der möglichsten Vollkommenheit aufzuprägen; nach der Vorstellung der meisten sind sie freilich nicht bloße Hilfsursachen, sondern die wirklichen Ursachen von allem, sie, die da Kälte und Wärme hervorbringen, fest und flüssig machen, und überhaupt alles, was dem ähnliche Zustände bewirkt; allein mit Überlegung und Vernunft auf irgendetwas hinzuarbeiten, sind sie unvermögend. Denn von allen Dingen ist als das einzige, welchem es zukommt, Vernunft zu besitzen, allein die Seele zu bezeichnen; diese aber ist etwas Unsichtbares, während Feuer, Wasser, Erde und Luft insgesamt ihrer Entstehung gemäß sichtbare Körper sind. Wer also ein Freund der Vernunft und Erkenntnis ist, der muss notwendig in einem denkenden Wesen die letzte Ursache suchen, alle Ursachen aber, welche in Dingen liegen, die von anderen in Bewegung gesetzt werden und wiederum andere mit Notwendigkeit in Bewegung setzen, erst in zweiter Linie als Ursachen verfolgen. Demgemäß haben denn auch wir zu verfahren, und wir müssen daher zwar beide Gattungen von Ursachen erörtern, jedoch gesondert voneinander alle die, welche mit Vernunft des Schönen und Guten Werkmeisterinnen sind, und andererseits alle die, welche, von Einsicht entblößt, ohne Regel und Ordnung hervorrufen, was der Zufall jedesmal mit sich bringt. Und so mag denn hinsichtlich der Hilfsursachen, welche bei den Augen mitwirken, um ihnen das Vermögen, welches sie jetzt besitzen, zu verschaffen, das Bisherige genügen; der Hauptzweck dagegen, zu welchem sie uns nützen und zu welchem eben sie uns von Gott geschenkt sind, steht nunmehr zu erörtern.

Die Sehkraft nun ist nach meiner Ansicht die Urheberin des größten Nutzens für uns geworden, weil von unsern gegenwärtigen Erörterungen über das All wohl keine einzige wäre gegeben worden, wenn wir weder Sterne noch Sonne noch Weltgebäude sähen. Nun aber nehmen wir durch ihre Vermittlung Tag und Nacht und auch die Monate und die Jahresumläufe wahr und haben so durch dies alles die Zahl sowie den Begriff der Zeit empfangen und sind zur Untersuchung über die Natur des Alls angeregt worden, und dadurch erst sind wir zur Philosophie vorgedrungen, welche das größte Gut ist, was dem sterblichen Geschlecht als eine Gabe der Götter zuteil ward und jemals zuteil werden wird. So führe ich denn nur dies als das größte unter den Gütern an, welche von den Augen herstammen; denn wozu brauchten wir noch alle übrigen, die von geringerer Art sind, herzuleiern, die ja jedermann kennt und deren Verlust durch Erblindung doch nur der Nichtphilosoph mit eitler Klage beweint! Vielmehr müssen wir jenen obersten Zweck nach dem Obigen dergestalt als die wahre Ursache hinstellen, dass Gott die Sehkraft für uns erfunden und uns verliehen hat, damit wir die Umläufe der Vernunft im Weltgebäude betrachten und sie auf die Kreisbewegungen unseres eigenen Nachdenkens anwenden könnten, welche jenen verwandt sind, soweit es das Durchschütterte mit dem Unerschütterlichen sein kann, und damit wir nach ihrer genauen Durchforschung und nachdem uns die Berechnung ihres richtigen Ganges, wie er ihrem Wesen entspricht, gelungen, in Nachahmung der von allem Irrsal freien Umkreisungen des Gottes die in uns selber ordneten.

Und so gilt denn auch ferner in Betreff der Stimme und des Gehöres wiederum das nämliche Verhältnis, und sie sind uns aus dem nämlichen Grunde und zu dem nämlichen Zwecke von den Göttern geschenkt worden. Denn sowohl die Sprache ist zu diesem gleichen Zwecke bestimmt und trägt den größten Teil dazu bei, wie auch die musikalische Anwendung der Stimme uns verliehen ist, um neben dem Gehöre die Harmonie uns zugänglich zu machen. Die Harmonie aber, welche mit den Umkreisungen der Seele in uns verwandte Umläufe hat, erscheint dem, welcher vernunftgemäß des Umgangs mit den Musen pflegt, nicht als zu einem bloßen vernunftlosen Vergnügen, wie man sie jetzt ansieht, bestimmt; sondern sie ist uns von den Musen als Helferin verliehen, um den in Zwiespalt geratenen Umlauf der Seele in uns zur Ordnung und Übereinstimmung mit sich selber zurückzuführen, ebenso wie auch der Takt wegen der Unregelmäßigkeit in uns und des der inneren Anmut entbehrenden Wesens der meisten uns als Unterstützung zu eben demselben Zwecke von eben denselben gegeben ist.

Aristoteles: Die Zeit als Maß der Bewegung

[aus »Physik«]

4. Buch. ZEHNTES KAPITEL

Es reiht sich an das bisher Versprochene, über die Zeit zu handeln. Zuerst nun ist es wohlgetan, Zweifel über sie vorzulegen, nach äußerlicher Begriffbestimmung, ob sie zu dem Seienden gehört oder zu dem Nichtseienden; sodann welches ihre Natur ist. Dass sie nun überhaupt nicht ist oder Einschränkungen und Dunkelheiten, könnte man aus Folgendem argwöhnen: Ein Teil nämlich von ihr ist gewesen und ist nicht, der andere aber wird sein und ist noch nicht. Hieraus aber besteht sowohl die unbegrenzte, als die stets gesetzte Zeit: Was aber aus Nichtseiendem besteht, könnte unfähig scheinen, auf irgendeine Art Teil zu haben am Sein. Überdies ist bei allem Teilbaren, wenn es sein soll, notwendig, dass sobald es ist, entweder einige oder alle Teile sind. Von der Zeit aber ist ein Teil gewesen, der andere wird sein, keiner aber ist; da doch sie teilbar ist. Das Jetzt aber ist nicht Teil. Denn Maß ist der Teil, und bestehen muss das Ganze aus den Teilen: Die Zeit aber scheint nicht zu bestehen aus dem Jetzt. Ferner aber auch eben dieses Jetzt, welches erscheint als bestimmend das Vergangen und das Zukünftig, ob es eines und dasselbe immer verbleibt oder stets ein anderes wird, ist nicht leicht zu sehen. Denn wofern es stets ein anderes und wieder ein anderes ist, kein Teil aber von denen, die in der Zeit sind, mit einem andern zugleich ist, wenn nicht der eine umgibt, der andere umgeben wird, wie die kleinere Zeit von der größeren, das Jetzt aber, was nicht ist, vorher aber war, irgendwann untergegangen sein muss: So werden auch die Jetzt zugleich miteinander nicht sein, sondern das Vorhergehende muss stets untergegangen sein. In sich selbst nun können sie nicht untergegangen sein, weil sie damals waren. Dass aber in einem andern Jetzt das vorhergehende Jetzt untergegangen sei, ist nicht statthaft. Denn es dürfte unmöglich sein, dass stetig miteinander zusammenhängen die Jetzt, gleichwie der Punkt mit dem Punkte. Ist es nun in dem unmittelbar Angrenzenden nicht untergegangen, sondern in einem andern, so würde es in dem dazwischenliegenden Jetzt, deren unendlich viele sind, zugleich noch sein. Dies aber ist unmöglich. – Allein auch nicht, dass stets dasselbige verbleibe, ist denkbar. Denn nichts, was teilbar und begrenzt ist, hat nur Eine Grenze, weder wenn es nach einer Richtung fortlaufend ist, noch wenn nach mehreren. Das Jetzt aber ist Grenze, und die Zeit kann man als begrenzt annehmen. – Ferner wenn zugleich zu sein der Zeit nach und weder früher noch später, in dem Nämlichen zu sein, und in dem Jetzt bedeutet, so wäre, wenn das Frühere und das Spätere in diesem Jetzt ist, zugleich das, was vor zehntausend Jahren geschah, mit dem, was heute geschieht; und weder früher noch später ist je eines als das andere. – Über das nun, was zu dem Begriffe der Zeit gehört, mögen diese Zweifel aufgestellt sein.

Was aber die Zeit ist und welche Natur sie hat, ist ebenso sehr aus dem Überlieferten undeutlich, als nach dem, was wir vorher durchgegangen sind. Einige nämlich behaupten, sie sei die Bewegung das All, Andere, die Kugel selbst. Allein von dem Umschwunge ist ja auch der Teil eine Zeit, Umschwung aber nicht: ein Teil nämlich vom Umschwunge, welchen man herausnimmt, aber nicht Umschwung. – Ferner, wenn es mehre Himmel gäbe, so müsste auf gleiche Weise die Zeit, eines jeden von diesen Bewegung sein. So gäbe es denn viele Zeiten zugleich. – Die Kugel des Alls aber konnte denen, die dies behaupten, als die Zeit erscheinen, weil sowohl in der Zeit Alles ist, als auch in der Kugel des Alls. Es ist aber das Erwähnte einfältiger, als dass man seine Unmöglichkeit besonders in Erwägung ziehen sollte. – Da es aber am meisten für sich hat, dass eine Bewegung sei und Veränderung die Zeit, so wäre dieses zu untersuchen. Die Veränderung und Bewegung eines Dinges nun ist in demjenigen selbst, was sich verändert, allein, oder wo sich befindet das selbst, was sich bewegt und verändert: die Zeit aber auf gleiche Weise auch überall und bei Allem. Ferner ist alle Veränderung schneller oder langsamer; die Zeit aber ist es nicht. Denn das Langsam und Schnell ist durch Zeit bestimmt: Schnell nämlich ist, was in wenig Zeit sich viel bewegt; langsam, was in vieler wenig. Die Zeit aber ist nicht bestimmt durch Zeit, noch dadurch, dass sie eine Größe hat, noch eine Beschaffenheit. Dass sie nun also nicht Bewegung ist, erhellt. Kein Unterschied sei und aber für jetzt, Bewegung zu sagen oder Veränderung.

ELFTES KAPITEL

Allein auch nicht ohne Veränderung. Wenn nämlich wir selbst keine Veränderung der Gedanken durchgehen, oder ohne es zu bemerken sie durchgehen, so kommt es uns vor, als ob keine Zeit verfließe; wie auch denen, welche in Sardinien, wie die Sage erzählt, schlafen bei den Heroen, wann sie erwachen. Sie knüpfen nämlich das frühere Jetzt an das spätere Jetzt und lassen weg, weil sie es nicht empfinden, was dazwischen ist. Gleichwie nun, wenn nicht ein verschiedenes wäre das Jetzt, sondern eines und dasselbe, wäre nicht eine Zeit; so auch, weil die seiende Verschiedenheit unbemerkt bleibt, scheint nicht die Zeit dazwischen zu sein. Wenn nun zu meinen, dass keine Zeit sei, dann uns begegnet, wenn wir keine Veränderung bezeichnen, sondern in Einem und Unteilbarem die Seele bleibend erscheint; sobald aber wir sie bemerken und bezeichnen, sagen wir dann, es verfließe eine Zeit: So erhellt, dass die Zeit nicht ohne Bewegung und Veränderung ist. Dass nun also weder Bewegung, noch ohne Bewegung die Zeit ist, erhellt. Wir müssen aber bei unserem Verfahren, da wir nachforschen, was die Zeit ist, davon beginnen, was von der Bewegung sie ist. Denn wir empfinden zugleich Bewegung und Zeit. Auch nämlich, wenn es finster ist und wir nichts mittelst des Körpers erfahren, irgendeine Bewegung aber in der Seele ist, so scheint sogleich auch zumal eine Zeit zu verfließen. Allein auch, wenn eine Zeit zu verfließen scheint, so zeigt sich zugleich auch, dass eine Bewegung geschieht. Also ist entweder Bewegung oder von der Bewegung etwas die Zeit. Weil sie nun nicht Bewegung ist, muss sie etwas von der Bewegung sein. – Da aber alles, was sich bewegt, von etwas zu etwas sich bewegt, und alle zwischen diesen liegenden Größe stetig ist, so gilt das von der Größe auch von der Bewegung. Weil nämlich die Größe stetig ist, ist auch die Bewegung stetig. Weil aber die Bewegung ist, so auch die Zeit; denn wie groß die Bewegung, für ebenso groß gilt auch die verfließende Zeit. Das Vor also und Nach in dem Raume ist das Erste; dort aber ist es der Lage nach. Weil es nun an der räumlichen Größe ein Vor und Nach gibt, so gibt es notwendig auch in der Bewegung ein Vor und Nach, entsprechend dem in jener. Allein auch in der Zeit gibt es ein Vor und Nach, weil stets eines von ihnen das andere begleitet. Es ist aber hier das Vor und Nach in der Bewegung, und indem es ist, ist es Bewegung; sein Sein ist jedoch ein anderes und nicht Bewegung. Allein auch die Zeit erkennen wir, wenn wir die Bewegung bestimmen, dadurch dass wir das Vor und Nach bestimmen. Und dann sagen wir, dass eine Zeit verfließe, wenn wir das Vor und Nach in der Bewegung wahrnehmen. Wir bestimmen sie aber dadurch, dass wir diese als verschieden voneinander annehmen und dazwischen wieder etwas von ihnen verschiedenes. Wenn wir nämlich die Äußersten verschieden von dem Mittleren denken und zwei Jetzt die Seele ausspricht, das eine das Vorhergehende, das andere das Nachfolgende: Dann und hiervon sagen wir, es sei eine Zeit. Denn was bestimmt ist durch die Jetzt, gilt für Zeit, und mag somit zugrunde liegen. – Wenn wir nun als Eins das Jetzt wahrnehmen und nicht entweder als das Vor und Nach in der Bewegung oder als das nämliche zwar, welches aber ein Vorangehendes und ein Nachfolgendes hat: So gilt keine Zeit als vorhanden, weil auch keine Bewegung ist. Wenn aber als das Vor und Nach, dann sprechen wir von Zeit. Dies nämlich ist die Zeit: Zahl der Bewegung nach dem Vor und Nach. Nicht also ist Bewegung die Zeit; sondern wiefern Zahl hat die Bewegung. Dies sieht man daran: Das Mehr und Minder unterscheiden wir durch Zahl, Bewegung aber die mehre oder mindere, durch Zeit. Eine Zahl also ist die Zeit. Da aber die Zahl doppelt ist, denn sowohl das Gezählte und das Zählbare nennen wir Zahl, als das, womit wir zählen: So ist die Zeit, was gezählt wird, und nicht, womit wir zählen. Es ist aber ein anderes, womit wir zählen und das, was gezählt wird.

Und wie die Bewegung immer eine andere ist, so auch die Zeit. Alle Zeit aber, die zugleich ist, ist die nämliche. Denn das Jetzt ist das nämliche, was es immer war, sein Sein aber ist ein verschiedenes. Das Jetzt aber misst die Zeit, wiefern es vorangehend und nachfolgend ist. – Das Jetzt nun ist gewissermaßen zwar dasselbe, gewissermaßen aber nicht dasselbe. Wiefern es nämlich immer in einem andern ist, ist es ein verschiedenes: Hierin aber besteht eben dies, dass es Jetzt ist. Wiefern es Hingehen überhaupt nur ist, dasselbe. Denn es schließt sich wie bemerkt an die Bewegung an, an diese aber die Zeit, wie wir sagen. Und auf gleiche Weise an den Punkt das Bewegte, woran wir die Bewegung erkennen und das Vorangehende in ihr und das Nachfolgende. Dies aber ist als Seiendes überhaupt das nämliche: ein Punkt nämlich oder ein Stein oder etwas anderes dieser Art; dem Begriffe nach aber ein anderes, wie die Grübler es für verschieden ausgeben, Koriskus im Lyceum zu sein und Koriskus auf dem Markte. Auch dieses wäre also, indem es hier oder dort ist, verschieden. An das Bewegte aber schließt sich das Jetzt an, wie die Zeit an die Bewegung. An dem Bewegten aber erkennen wir das Vor und Nach in der Bewegung. Wiefern nun das Vor und Nach zählbar ist, ist es das Jetzt. Also ist auch in diesem das Jetzt an sich das nämliche; denn es ist das Vor und Nach in Bewegung: Sein Sein aber ist ein verschiedenes; denn als zählbar ist das Vor und Nach des Jetzt. Und erkennbar ist vorzüglich dieses; denn auch die Bewegung ist es mittelst des Bewegten und die Ortveränderung mittelst des den Ort verändernden. Denn ein Wesen ist, was bewegt wird; die Bewegung aber nicht.

Gewissermaßen nun also bedeutet das Jetzt stets dasselbe, gewissermaßen aber nicht dasselbe; denn auch mit dem, was bewegt wird, verhält es sich also. Klar aber ist auch, dass, wenn es keine Zeit gäbe, es kein Jetzt geben würde; wenn aber es kein Jetzt gäbe, würde es keine Zeit geben. Denn zugleich ist, wie das Bewegte und die Bewegung, so auch die Zahl des Bewegten und die der Bewegung. Die Zeit nämlich ist die Zahl der Bewegung; das Jetzt aber ist, wie das Bewegte, gleichsam Einheit der Zahl. – Und sowohl stetig zusammenhängend ist die Zeit mittelst des Jetzt, als auch teilbar nach dem Jetzt. Denn es entspricht auch dieses der Bewegung und dem, was bewegt wird. Auch die Bewegung nämlich und die Ortveränderung ist Eine durch das Bewegte, wiefern dieses Eines, und nicht bloß an sich; denn hier könnten Unterbrechungen sein; sondern im Begriffe. Und es bestimmt dieses das Vor und Nach in der Bewegung. Es entspricht aber auch dieses wohl dem Punkte. Denn auch der Punkt hält teils gewissermaßen die Länge zusammen, teils bestimmt er sie; denn er ist von dem einen Anfang, von dem andern Ende. Aber will man ihn so nehmen, dass für zwei der Einige gelten soll, so muss er stillstehen, wenn Anfang und Ende sein soll der nämliche Punkt. Das Jetzt aber ist, weil bewegt wird, was den Ort verändert, stets ein anderes. Also ist die Zeit Zahl, nicht als von dem nämlichen Punkte, der sowohl Anfang als Ende wäre, sondern als das Äußerste der Linie vielmehr, und nicht wie die Teile; wegen dessen was bemerkt ist. Den mittelsten Punkt nämlich würde man als zwei betrachten müssen, so dass ein Stillstehen folgen würde. Und übrigens ist ersichtlich, dass auch nicht das Jetzt Teil von der Zeit ist, noch die Teilung der Bewegung. Gleichwie auch nicht die Punkte von der Linie; die Linien hingegen sind zwei Teile der Einigen. – Als Grenze nun also ist das Jetzt nicht Zeit, sondern es ist nur nebenbei. Wiefern aber es zählt, ist es Zahl. Die Grenzen nämlich sind nur in Bezug auf das, von dem sie Grenzen sind; die Zahl hingegen ist sowohl in Bezug auf diese Pferde die Zehn, als auch anderwärts. – Dass nun also die Zeit Zahl der Bewegung ist nach dem Vor und Nach, und eine stetige, denn sie ist es von einem Stetigen, ist ersichtlich.

ZWÖLFTES KAPITEL

Die kleinste Zahl nun ist schlechthin zwar die Zwei. Eine bestimmte Zahl aber ist in einer Hinsicht dies, in der andern aber ist sie es nicht. Z. B. von der Linie die kleinste Zahl ist der Menge nach zwar die Zwei oder die Eins; der Größe nach aber ist sie nicht die kleinste; denn stets wird jede Linie geteilt. Also gleicherweise auch die Zeit: Die kleinste nämlich ist der Zahl nach die Eine oder die Zwei; der Größe nach aber sind sie es nicht. – Man sieht aber auch, weshalb sie schnell zwar und langsam nicht heißt, wohl aber viel und wenig und lang und kurz. Wiefern nämlich sie stetig ist, lang und kurz, wiefern aber Zahl, viel und wenig. Schnell aber und langsam ist sie nicht; denn auch die Zahlen, mit denen wir zählen, sind nie schnell oder langsam. Und die nämlich ist überall zugleich, früher und später aber ist nicht die nämliche; weil auch die Veränderung, die gegenwärtige Eine, die vergangene und zukünftige aber, eine verschiedene ist. Die Zeit aber ist eine Zahl, nicht womit wir zählen, sondern welche gezählt wird. Diese aber ergibt sich als nach dem Früher und Später stets verschieden. Die Jetzt nämlich sind verschieden. Es ist aber die Zahl eine und dieselbe, die von den hundert Pferden und von den hundert Menschen; wovon aber sie Zahl ist, ist verschieden: die Pferde von den Menschen. – Ferner, gleichwie eine Bewegung eine und dieselbe zu wiederholten Malen sein kann, so kann es auch eine Zeit: z. B. Jahr oder Frühling oder Herbst. – Nicht allein aber messen wir die Bewegung mit der Zeit, sondern auch mit der Bewegung die Zeit; weil sie durch einander sich bestimmen. Die Zeit nämlich bestimmt die Bewegung, indem sie ihre Zahl ist; die Bewegung aber die Zeit. Und wir sagen viel oder wenig Zeit, indem wir sie mit der Bewegung messen, gleichwie auch mit dem Zählbaren die Zahl, z. B. mit dem Einen Pferde, die Zahl der Pferde. Mittelst der Zahl nämlich zwar erkennen wir die Menge der Pferde; umgekehrt aber mittelst des Einen Pferdes die Zahl selbst der Pferde. Ebenso auch bei der Zeit und der Bewegung: durch die Zeit nämlich die Bewegung, durch die Bewegung aber messen wir die Zeit. Und dies geschieht mit gutem Grunde. Denn es entspricht die Bewegung der räumlichen Größe, der Bewegung aber die Zeit, darin dass sie sowohl Größen, als stetig, als auch unteilbar sind. Weil nämlich die stetige Größe eine solche ist, eigner dies auch der Bewegung; weil aber der Bewegung, der Zeit. Und wir messen sowohl die Größe mit der Bewegung, als auch die Bewegung mit der Größe. Lang nämlich nennen wir den Weg, wenn die Reise lang ist, und diese lang, wenn der Weg lang; und die Zeit, wenn die Bewegung, und die Bewegung, wenn die Zeit.

Da nun die Zeit Maß der Bewegung ist und des Bewegens, diese aber dergestalt die Bewegung misst, dass sie eine Bewegung bestimmt, welche dienen soll, die ganze auszumessen; gleichwie auch die Länge die Elle misst, indem sie bestimmt ist als eine Größe, wonach ausgemessen werden soll die ganze: So ist auch für die Bewegung das Sein in der Zeit, dass gemessen whimrd durch die Zeit sie selbst und ihr Sein. Denn zugleich die Bewegung und das Sein der Bewegung misst jene. Und dies ist für sie das in der Zeit sein, dass gemessen wird ihr Sein. – Es erhellt aber, dass auch für das Andere dies ist das in der Zeit Sein, dass gemessen wird sein Sein durch die Zeit. – Das in der Zeit sein nämlich ist von zweien das Eine: entweder zu sein dann, wann die Zeit ist, oder so zu sein, wie von Einigem sagen, dass es in der Zahl ist. Dies aber bedeutet entweder ein Teil der Zahl und Zustand und überhaupt, dass es von der Zahl etwas ist, oder dass es von ihm eine Zahl gibt. Da aber Zahl ist die Zeit, so sind das Jetzt und das Vor und was sonst dergleichen, so in der Zeit, wie in der Zahl die Eins und das Ungerade und das Gerade. Denn diese sind etwas von der Zahl, jene aber etwas von der Zeit. Die Dinge aber sind wie in der Zahl, in der Zeit etwas. Ist nun dies, so werden sie umfasst von der Zahl, gleichwie auch, was im Raume ist, von dem Raume. – Ersichtlich aber ist auch, dass nicht ist das in der Zeit sein, zu sein, wann die Zeit ist: gleichwie auch nicht das in Bewegung sein, noch das im Raume sein, wann die Bewegung und der Raum ist. Denn soll das in etwas sich so verhalten, so werden alle Dinge in allem sein und der Himmel in einem Hirsenkorn; denn wann das Hirsenkorn ist, ist auch der Himmel. Allein dieses trifft sich zufällig, jenes aber muss zusammentreffen; und mit dem, was in der Zeit ist, eine Zeit sein, wann jenes ist, und mit dem, was in Bewegung ist, eben dann eine Bewegung sein. Da aber ist wie in der Zahl das in der Zeit, so wird sich eine größere Zeit denken lassen als alles, was in der Zeit ist. Darum muss alles, was in der Zeit ist, umfasst werden von der Zeit, so wie auch anderes, was im Etwas ist; z. B. das im Raume von dem Raume; und auch leiden etwas von der Zeit, so wie wir auch zu sagen pflegen, dass die Zeit aufzehrt, und dass Alles durch die Zeit altert und dass man vergisst durch die Zeit; nicht aber, dass man lernt, noch jung wird, noch schön. Von dem Vergehen nämlich ist Ursache an sich vielmehr die Zeit: Denn sie ist Zahl der Bewegung, die Bewegung aber versetzt das Vorhandene. Also ist ersichtlich, dass das stets Seiende als stets Seiendes nicht in der Zeit ist. Denn es wird nicht umfasst von der Zeit, noch gemessen sein Sein von der Zeit. Es zeigt sich dies daran, dass es nichts erfährt von der Zeit, indem es nicht in der Zeit ist. – Da aber