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Der musikalische Generationenroman über die Entwicklung eines Teenagers der 90er-Jahre zum Mittdreißiger der Gegenwart erzählt temporeich und geradlinig eine große Geschichte der kleinen Begebenheiten.Ein ruhiges Städtchen im Idyll der Schweizer Berge mitten in den Neunzigerjahren. Das ist die Geschichte von Klaus: wie er die Musik und den Rausch entdeckt, seine erste Band gründet, sich unsterblich verliebt, aus der Stammkneipe in die weite Welt zieht, von dramatischen Veränderungen überfahren wird und irgendwie doch zum Glück zurückfindet. Episodisch und linear schlägt der Ich-Erzähler eine Schneise aus Zeitraffer und Slow Motion durch siebzehn Jahre praktizierte Chaostheorie, in denen viel ge- und erlebt wird, hochfliegende Träume stets kurz vor der Schnappatmung stehen. Vieles, was mit enthusiastischem Dilettantismus zusammengeschustert wurde, zerbricht, während manch anderes Bestand hat, auch wenn es erst entdeckt werden muss.Begleitet wird Klaus auf seinem Weg von jeder Menge liebevoll gezeichneter Figuren wie dem skurrilen Kneipeninhaber Marcel, dem philosophierenden alten Viktor, der selbstsicheren Eigenbrötlerin Aiko oder seinem Jugendfreund Basters, der ihn und auch sich selbst immer wieder überfordert.Siebzehn Jahre pralle Lebensgeschichte in siebzehn rasanten Kapiteln, illustriert von der Zürcher Künstlerin Paula Troxler, die ihre feinsinnigen Schwarz-Weiß-Zeichnungen elegant mit für Klaus prägenden Songzitaten verbindet.
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Veröffentlichungsjahr: 2021
KLAUS
LEBEN VORDEM STEINSCHLAG
SAMUEL SCHNYDRIGROMAN
Der Zytglogge Verlag wird vom Bundesamt für Kultur
mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2021 – 2024 unterstützt.
Autor und Verlag danken für den Druckkostenbeitrag.
Der Autor dankt der Dienststelle für Kultur des Kanton Wallisfür die freundliche Unterstützung im Rahmen des Literatur Pro-Mentoratsprogramms.
Die Kapitelillustrationen stammen aus den Kalendern
«Every Day A Drawing» (2011 – 2020) von Paula Troxler
© 2021 Zytglogge Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel
Alle Rechte Vorbehalten
Lektorat: Thomas Gierl
Korrektorat: Gregor Szyndler, www.korrigieren.biz
lllustrationen: Paula Troxler, www.paulatroxler.com
Umschlaggestaltung: Pank, Zürich, www.pank.ch
Satz: Eliane Häfliger, www.elianehaefliger.ch
e-Book: mbassador GmbH, Basel
ISBN ePub: 978-3-7296-2334-7
ISBN mobi: 978-3-7296-2335-4
www.zytglogge.ch
SAMUEL SCHNYDRIG
KLAUS
LEBEN VOR DEM STEINSCHLAG
ROMAN
MIT ILLUSTRATIONEN VONPAULA TROXLER
2014
PROLOG
«Und, was bringt morgen?», fragte Papa.
Ich überlegte lange, während ich aus dem Fenster schaute. Es war eisig kalt. Und sonnig. Es würde nicht mehr lange dauern bis zum ersten Schnee.
«Nebel», sagte ich. «Viktor. Und vielleicht Butternudeln mit Käse. Das wäre schön.»
1998
DER OLYMP
«Hallo, ich bin Klaus», schrie ich in den Refrain hinein.
«Klaus?», fragte Lene wippend und leicht entsetzt.
«Ehm … Ja», stotterte ich. Sie hatte schon richtig verstanden. Augenblicklich wurde mir heiß. Das war sie also. Unsere erste Unterhaltung. Mein erster Stolperversuch Richtung anderes Geschlecht. Dann kam wieder Come As You Are.
Und Lene war grinsend weggetanzt. Lena, Lene, Leni, Le… einmal quer durch den Kopf.
«Was machst du?», fauchte mich Basters stirnrunzelnd an. In seinem Disco-Outfit (eine viel zu große senfgelbe Cordjacke und fast weiße Baggy-Jeans) sah er aus wie eine Mischung aus Derrick und dem Kleinen von East 17.
«Seit Monaten haben wir dich vorbereitet. War doch alles abgesprochen. Luc hat sogar diesen Nirvana-Antipartysong gebracht. Und jetzt? Ehm, ehm, zittern, stottern, Hosen vollmachen und in die Luft schauen.»
Basters ging in die Knie und fuchtelte mit seinen Händen, während er unaufhörlich «ehm» sagte.
«Sei ruhig!», zischte ich.
«Und wieso um Himmels willen ‹Klaus›? Das hätte sie noch früh genug erfahren.» Basters fuhr fort, mich nachzuäffen: «Ehm … Halloooo, ich bin Klaus. Ich trinke nicht, schieße keine Tore und habe sowieso nichts zu melden.»
Luc kam mit weit gespreizten Armen durch die Menge.
«Und ihr Knaller, wo ist sie jetzt, die Grace Kelly?»
Luc war zwei Jahre älter als wir (und irgendwie auch zwei Jahre cooler). Er trug Klamotten wie die Rockstars aus dem Spindel (heute Black-Flag-Shirt). Luc konnte das. Er war der DJ im Tal, ein Hauch Berlin im Schweizer Bergstädtchen.
«Luc», lächelte Basters, «unser Klaus hatte Ladehemmung.»
«Ach Scheiße, Basters … Ich glaub, ich geh.»
«Wohin?»
«Hause.»
«Um elf Uhr? Klauso!»
«Besser so.»
«Klaus ist raus.» Basters schlug sich demonstrativ mit der flachen Hand auf die Stirn. «Klaus ist raus, mal wieder.» Kopfschüttelnd stand er da. Die Lippen zusammengepresst, die Augen zur Decke gerichtet. Völlige Übertreibung. Basters halt.
Alleine unterwegs nach Hause, wie oft in letzter Zeit. Nicht mal Mitternacht. Mein siebzehnter Geburtstag war noch drei Wochen hin. Siebzehn! Verdammt! Meine Freunde soffen, kifften, knutschten und bumsten. Und ich war raus. Klaus ist raus.
Am nächsten Morgen wurde Onkel Peter zum Frühstück erwartet. Ich liebte es, lange liegen zu bleiben. Erst recht, wenn er kam.
Der Onkel hatte viel Glück gehabt im Leben. «In jeder Hinsicht auf das richtige Pferd gesetzt», sagte Papa immer. Die richtige Frau, den richtigen Schwiegervater, die richtigen Geschäfte, den perfekten Ehevertrag. Und dann («Vor allem»), im besten Moment die Scheidungspapiere mit zum Fischessen gebracht.
David, Karin und ich nannten ihn auf Anraten von Papa seit Kindstagen den «Hobbyfranzosen». Weiße Hose, weißes Hemd, auffällig braungebrannt, auffällig gutgelaunt. Direkt eingeflogen von der Côte d’Azur.
«Ach Monique, schön, zurück zu sein.»
Monique war eigentlich Monika. Für Peter (der sich selber «Pierre» nannte), war Mama aber Monique. Papa war fast so verzückt wie wir und hängte bei Peters Monologen ab. Irgendwann unterbrach er eine von Peters Poloturniergeschichten: «Muhammed Ali hat mal gesagt: ‹Es gibt interessantere Dinge, als Leute zu verhauen.›»
Seine Spitze kam wie meist aus dem Nichts. Er konnte die Menschen ganz schön verwirren.
«Ich muss leider. Fußball», sagte ich, um abzulenken.
«Spielst du immer noch vorne links?» Peter demonstrierte einen Übersteiger (Marke Higuita). Am liebsten hätte ich gekotzt.
«Nein, hinten. Zentrum.»
«Peter, du weißt doch, Auge!», sagte Papa.
Mama schritt ein: «Darum nennen sie ihn doch jetzt auch alle den Klaus. Sogar David und Karin. Dabei wäre Nicholas ein so schöner Name.»
Eigentlich war ich auch schon fast zu alt, um mich noch gegen «Klaus» zu wehren. Oma Erika kam aus Fürstenzell in Bayern. Und Auge, Sohn der Gemeinde, war der ganze Stolz der Fürstenzeller. Im ersten Pflichtspiel ein Tor für die Bayern, im Karriereherbst das Tor des Jahrzehnts in der Sportschau, dazwischen ein paar beachtliche Grätschen auf Kniehöhe und im letzten Länderspiel dann Weltmeister mit Deutschland. Mehr geht eigentlich nicht. Zumindest nicht in Fürstenzell. Oma Erika hatte dann auch ihr restliches Leben lang einen Heidenspaß an ihrer Namenstiftung. Jetzt lag sie unter der Erde, und irgendwann hatte ich mir gesagt, dass «Klaus» auch zu ihren Ehren beibehalten werden sollte.
«Klaus? Auch die Mädels nennen dich so? Nick hätte doch viel mehr Appeal.» Peter war noch immer fassungslos.
Papa gefiel das. Er doppelte nach: «Sommer 1990 in Italien, eine deutsche Oma, Weltmeisterschaft und mitten auf dem Campingplatz ein Schweizer Junge in Schwarz-Rot-Gold. Und schon hatte sie inmitten der johlenden Teutonen aus dem Nicholas den Klaus gemacht. Mit der Schweizer Nati war damals auch rein gar nichts zu holen. Apropos: Nick Nixon Nicholas, wir müssen. Sag au revoir zu Pierre et Monique.»
Ich liebte es, wenn Papa sarkastisch war. Er hatte es mit Mama nicht leicht. Er war sieben Zentimeter kleiner als sie und nur halb so laut. Mama wollte Golf spielen, er Karten. Sie saß lieber ganz vorne im Theater. Er lieber hinten, oder gar nicht. Ein komisches Paar eigentlich.
«Und? Gestern?», fragte Papa nach den ersten stillen Fahrminuten.
«Gut.» Ich schaute aus dem Fenster. Er versuchte es ein zweites Mal. Mit Musik.
«Neil?», sagte er und hob die Kassette hoch.
Ich nickte gleichgültig.
«Was spielen sie da eigentlich heutzutage in der Disco?»
«Kreuz und quer.»
«Ja, und was war mit Mädels?» So schlagfertig er in seiner Ironie war, so tapsig war Papa bei Vater-Sohn-Themen.
«Schau, da vorne läuft Basters. Hup mal!»
Fast wäre Basters hingefallen.
Die Fahrt dauerte noch etwa drei Minuten. Basters und Papa unterhielten sich über Musik (von Neil zu Wu-Tang Clan in einem Satz), Zidane und Bill Clinton. Papa konnte mit Hip-Hop nichts anfangen, geschweige denn mit dem französischen Genie. Bei Bill und Monica Lewinsky war er dann aber erstaunlich gut informiert.
Beim Aussteigen beschlich mich das Gefühl, dass er in Gedanken noch immer bei Praktikantin Monica war.
«Wieso fährt er nicht los?»
«Basters, du stinkst.»
«Kein Wunder.»
«Hast du Lene noch gesehen?»
«Scheiße, Klaus, Nebenbuhler», sagte Basters und legte mir seufzend seine Hand auf die Schulter. Schon wieder diese Theatralik. «Ich glaub, dieser Autokasper Marc hat sich an die rangemacht.»
«Was? Der weiße Safrane? Haben sie rumgemacht?»
«Weiß nicht.»
«Erzähl keinen Quatsch.»
«Glaub schon, bisschen.»
«Arschloch!»
Ich befreite meine Schulter ruckartig aus Basters’ Hand.
«Ach, komm jetzt. Der hat eh keine Chance. Irgendwann sind die Spritztouren abgefahren. Ich hab das vor Kurzem irgendwo gelesen. Auto als Beziehungsmotor oder so hieß das. Das sei statistisch gesehen etwas vom Kürzesten überhaupt.» Basters machte große Augen. Selbst ein Kind hätte gemerkt, dass er fantasierte.
«Was laberst du da?»
«Glaub mir einfach. Den Autofahrer drängen wir ab. Zack, Leitplanke, tschüss. Kommt alles gut, Klaus. Jetzt schubsen wir erst mal den Leader vom Thron.»
Es kam anders. Alles. Eine diskussionslose Niederlage (wobei ich mit einem monströsen Luftloch mindestens eines der sechs Gegentore mitverschuldete). Und der weiße Renault Safrane stand plötzlich überall. Vor der Schule, vor dem Raben, vor dem Bahnhof, sogar beim Fußball.
Wie oft am Freitagnachmittag saßen wir nach der Schule vor dem Raben.
Basters mit Tannast-Bier von der Tankstelle, ich mit Isostar und starrem Blick auf den Eingang. War der Safrane da, war das Gesprächsthema gegeben. Ich konnte es einfach nicht lassen.
«Du denkst doch auch, dass es das war. Plötzlich nicht mehr der Oberoptimist.»
«Quatsch mit Soße. Trink besser mal einen Schluck Tannast. Die Kampfrhetorik zurückfahren, so nennt man das. Im Ernst. Jetzt die kalte Schulter zeigen und cool bleiben. Die Zeit erledigt den Rest. Wir laden Lene zu deiner Party ein.»
Basters machte seine Geste: weit gestreckte, wippende Arme und demonstrativ nickender Kopf. «Geil! Siebzehn Jahre Klaus.»
«Hör auf.»
«Nichts da, wir mieten den Raben. Motto: Geschlossene Gesellschaft für offene Leute, Luc als DJ und die Band von Jaromir für Live. Achtzig Leute, Kollekte … Die Party des Jahres. Und du? Mittendrin. Klaus, der verdammte Held. Lene, die erwartete Ballkönigin. Und ich, der Mann mit dem Plan, der Mann mit der Wunderkerze.»
«Das nennst du Kampfrhetorik zurückfahren?»
«Hast du Basters, hast du Luc, hast du die Party!»
«Und seit wann macht Jari wieder Musik?»
«Keine Musik, der singt nur. Aber geile Truppe. Kuke Stylewalker!»
«Welcher Stil?»
«Geil!»
«Hart?»
«Sicher!»
Bei Basters wusste man nie so genau. Der konnte einem alles verkaufen und stellte die wildesten Theorien auf. Und es wurde immer schlimmer. Im Kindergarten war er noch der Stillste gewesen. Da war er auch noch Sebastian. Damals haben sich Eltern, Lehrer und Ärzte beklagt, er würde sich nicht mit anderen Kindern abgeben und so wenig sprechen, dass es fraglich war, ob er jemals richtig würde reden können. Dreizehn Jahre später war diese Sorge verflogen. Basters war zwar nur knapp eins siebzig groß, keine Naturschönheit, hatte einen kugelrunden Kopf und war eher massig geraten. Seine Zähne waren viel zu klein (ergab unvorteilhafte und ungleichmäßige Lücken). Aber er hatte über die Jahre ein unfassbares Selbstbewusstsein entwickelt. Für seine Statur war er ein exzellenter Fußballer – «Alpen-Maradona», der Andreas Herzog der Südschweiz («Der Schluchtenscheißer»). Und im Gegensatz zu mir hatte er seine Unschuld lange schon verloren. Fünfzehn sei er gewesen, gab er jeweils an. Inzwischen war er bei sieben Beischläferinnen angekommen («Alle top»).
Die Tür des Raben ging auf: André (genannt «der alberne André»), Tina und Doris. Der Schwimmer und seine Flügel waren munter am Schnattern.
«Wieso die heißen Frauen wohl ständig mit dem rumlungern?», fragte Basters. «Komm, ich lad die drei schon mal ein. Der André bringt uns die Frauen scharenweise.»
«Bast…», versuchte ich ihn abzuhalten.
«Hey, Leute, habt ihr schon was am Sechsundzwanzigsten?»
«Sex-und-was?», kicherte André los.
«Glaub, dann legt Luc im Kerkhof auf», rief Tina rüber.
«Auf allerkeinsten Fall ist Luc im Kerkhof. Ich sag dir, wo Luc dann ist. Luc ist im Raben. Alle werden im Raben sein. An Klaus’ Party. A-L-L-E! Kuke Stylewalker, Luc, geschlossene Gesellschaft … Bestes Fest. Die Einladung kommt noch! Und nicht groß rumerzählen, ja? Sonst wird das hier Garibaldis Zug der Tausend.»
Basters war entschlossen. Wie immer, nach drei Bieren, zu allem bereit. Und zur Stelle mit einem Vergleich, einem Zitat oder einem geschwungenen Fremdwort. Oft lag er knapp daneben und wurde korrigiert. Sein lassen konnte er es dennoch nicht. Große Entschlossenheit wurde mit «Pardon wird nicht gegeben» unterstrichen.
Das war dann auch sein Credo für das Gespräch mit Raben-Inhaber, Querdenker und Dorforiginal Marcel Rabe. Marcel war ein hagerer Typ Mitte Vierzig mit Glatze, John-Lennon-Brille und weiten bunten Hippieklamotten.
«Keine Chance, Jungs. Ich kann euch den Raben nicht zumachen für euren abgefunkten Kindergeburtstag.»
«Heißt das nicht abgefuckt?», fragte Basters.
«Abgefunkt ist nicht abgefuckt. Abgefunkt ist positiv konnotiert.»
Basters machte große Augen. «Positiv», nickte er.
«Nein wirklich», unterstrich Marcel. «Das geht nicht. Nicht an einem Spätsommersamstag. Das sind die besten. Der Sommer geht vorbei, alle wollen saufen und können das bei Marcel Rabe drinnen und draußen. Auch im Spätsommer braucht man zwei Stunden bis nach Bern, aber nur eine Bierlänge bis in den Himmel. Da scheiß ich mir ja selber ans Bein. Jungs, stellt euch das mal vor! Ein Bein voller Scheiße, ein paar abgefunkte Halbwüchsige und eine leere Spätsommersamstagskasse.»
«Marcel, leer? Mit dem Programm?» Basters wollte es nicht wahrhaben.
«Komm schon», sagte ich zu Basters, «das können wir doch verstehen.»
Er schüttelte den Kopf. «Nein, können wir nicht. Marcel, es geht hier wirklich um was Großes. Nicht bloß Klaus’ Jubiläum. Was viel Wichtigeres … Kennst du Zurück in die Zukunft? Marty? Seine Eltern? Verzauberung unterm Seetanz?»
Marcel war definitiv kein Science-Fiction-Typ. Er kratzte sich am Ohr.
«Verdammt, Marcel. Es geht um Leben und Tod und so einen Kram. Um Kinder, Familien … »
«Habt ihr Schnorrer Weed genebelt?»
«Es muss einen Weg geben, Marcel!», fuhr Basters seine Krallen aus.
«Was habt ihr denn ach so Tolles im Programm? So’n Technoscheiß?»
«Weit gefehlt!», sagte Basters. «DJ Luc, the man … auf Wunsch hin garantiert ohne Techno. Kuke Stylewalker, das wollen grad sowieso alle hören, und als Headliner …», er hob beide Zeigefinger, wie neuerdings auch nach seinen Toren: «N..N..N..Nefshore!!!»
Marcel machte große Augen. Zumindest für seine Verhältnisse. Große rote Augen.
«Was, die Nefshore? Dachte, die spielen gar nicht mehr hier hinter dem Mond. Die waren doch grad eben noch in Japan auf diesem Festival mit den hunderttausend Künstlern, oder was?»
«Nur für den Klaus halt. Eine Klausnahme sozusagen.»
Basters verschwand vor Lachen kurz unter dem Tresen. Marcel grinste nicht mal im Ansatz und runzelte die Stirn. «Hm. Okay, Jungs. Schlägel mit Zöpfen. Wir machen das folgendermaßen: geschlossene Gesellschaft, aber mindestens hundert Leute und fifty-fifty bei einem Zehner Eintritt. Getränke ganz normal an der Bar, draußen kein pubertäres Vorsaufgelage. Wie ihr mit den Bands rechnet, schaut ihr selbst. Und ich lad zwei Freunde ein für Nefshore. Oder sagen wir fünf.»
Basters reichte Marcel die Hand. «Deal. Details mit Soundcheck und Kram klären wir noch. Weiß auch nicht, ob die mit Managern zum Essen antanzen und …»
«Ich mache euch eine große Pfanne Spaghetti Rabe-Rabiata. Natürlich vegetarisch, biomäßig und abgefunkt.»
Ich konnte es nicht fassen. Basters hatte es tatsächlich geschafft, einen Spätsommersamstag im Raben freizuschaufeln. Ich war ein bisschen stolz. Und vor allem wurde ich nervös. Meine Poren pumpten Schweiß auf die Stirn.
Basters hatte bis zum letzten Moment alles versucht. Durchhalteparolen ohne Ende: «Die Drähte laufen heiß, Klaus. Ruhe bewahren …» Oder: «Eine ganz einfache Weisheit: Ist man in kleinen Dingen nicht geduldig, bringt man die großen Vorhaben zum Scheitern.» Und vor allem: «Drehscheibe Basters regelt das. De Män wiff de plän…!»
Das Resultat seiner großen Sprüche war ernüchternd. Luc wäre zwar dabei gewesen, als Freundschaftsdienst sozusagen. Kuke Stylewalker suchten grad einen neuen Drummer, und Nefshore konnte Basters nicht mal erreichen. Es hatte schon besser für uns ausgesehen vor dem Raben. Basters war verzweifelt: «Nach all der Arbeit», schüttelte er den Kopf. «Wird nicht einfach, der Gang zum Tribunal. Basters nach Canossa.»
«Marcel wird das schon kapieren», sagte ich. «Was soll’s, er hat am Spätsommersamstag sowieso voll.»
«Wobei», brummte Basters, «die Meute wird enttäuscht sein. Werden alle in den Kerkhof zu Luc gehen.»
Marcel blaffte Basters an: «Wie jetzt? Logistische Probleme?»
«Ja, halt schwierig umzusetzen, so ein Mammutding.»
«Lieber bla bla als peng peng. Klaus, was meint Häuptling Labertasche?»
Ich konnte nur seufzen. Basters redete sich um Kopf und Kragen. Er redete von «Pyramidenbau», «Tourplan», «Backline» und wiederholte die Sache mit dem «Mammutding».
«Im Reden findig, in der Tat porös», kommentierte Marcel.
Lene erfuhr nie von der Party. Natürlich nicht. Wir gingen am Sechsundzwanzigsten trotz Kerkhof-Fete in den Raben. Das waren wir Marcel schuldig. Unser Tisch war besetzt, wie er eigentlich immer besetzt war: Görli und seine Freundin Maria, Stefan und seine Yvonne, Basters und ich. Jari war seit Längerem nicht mehr da gewesen.
Görli, mit bürgerlichem Namen Ivan Gorlovic, war ein Mann mit vielen Geheimnissen. Er war schon mit sechzehn für ein Jahr in Chicago gewesen. Allein das war höchst verdächtig: Der Bengel vom Balkan geht in die große weite Welt. Aus Amerika brachte er neue Klamotten mit, neue Sprache und – wie Basters meinte – einen vorzüglichen Haufen Erfahrung mit Sex, Drugs & Rock ’n’ Roll.
Ich kannte mich zwar nur mit Rock ’n’ Roll aus, da konnte ich bei Görli jedoch keinerlei Fortschritte ausmachen. Ihm war Musik noch immer Wurst. Die alte Jukebox im Raben fütterten andere. Wenn er mal nach Wünschen gefragt wurde, röhrte bloß ein tiefes «Tekkkkno, Butthead» durch das Musikzimmer. Aber Techno gab es nicht in Marcels Jukebox. Das hätte er nicht zugelassen, nicht mal songweise. «Lieber zwei Wochen Interrail mit Björk als fünf Minuten Techno», war die Standardansage.
Görli war ein schräger Kerl, der nichts und niemanden wirklich zu mögen schien. Uns mochte er vielleicht ein bisschen. Basters und ich waren auch die Einzigen, die in der vierten Klasse mit dem stotternden Ivan gesprochen hatten. Seine Freundin Maria mochte er auch nur ein bisschen. Kam einem zumindest so vor. Maria stand auf schräge Kunst (Blutzeugs, Föten und nackte Menschen). Die grell geschminkte Frau sagte bisweilen einen ganzen Abend lang nichts. Brauchte sie auch nicht. Der «Balkanese», wie er sich selbst nannte, redete dann für beide.
Stefan und Yvonne waren das Vorzeigepaar schlechthin. Er, die hoch gehandelte Tennishoffnung der Region, sie, das clevere Mauerblümchen mit Plan bis ins hohe Alter. Yvonne wusste, wo und was sie studieren würde, wann sie vom Vater das Familienunternehmen anvertraut bekäme (Gerüstund Fassadenbau), wo das Eigenheim stehen sollte und wo da noch Zeit bleiben würde für zwei wohlerzogene Kinder. Zu erfolgreich sollte der Tennisspieler in ihren Augen nicht werden. Lieber Betriebswirt oder Jurist. Das war Yvonne. Und vor allem war sie langweilig, mit Hang zu Geschichten, die kein Tisch dieser Welt hören wollte.
Es wurde ein rauschender Geburtstag. Basters und Görli tranken ein Bier nach dem anderen, ich stand alle zwanzig Minuten an der Jukebox und wünschte Songs. Die neue Beastie Boys war im Juli rausgekommen. Die Leute im Raben fanden die offenbar auch gut. Und weil Geburtstag war, gönnte ich mir ausnahmsweise ein Tannast zum Anstoßen.
Später sagte Basters auf der Toilette: «Wenn der kleine Klausmann da schon ungebraucht ist, pisst er jetzt wenigstens mal anständiges Bier.» Bier schmeckte besser als erwartet. Ich zog ein paar Runden mit, wählte abwechselnd zu den Beastie Boys ein Stück Musikgeschichte, irgendwas von den Beatles, CCR oder Pink Floyd, dann wieder Punk oder Hip-Hop. Am Tisch hörte ich Görli und Basters beim Reden zu, fühlte mich immer besser und gönnte mir ab und zu einen längeren Blick auf Tinas wundervolle Erscheinung am Nebentisch.
Die Mädels saßen wie angewurzelt um André herum und rätselten im Kollektiv, wer gleich alles im Kerkhof bei Luc sein würde. An einem anderen Tag hätte ich mich mit Basters darüber ausgelassen. Jetzt war ich einfach nur dankbar für meinen Platz an der Sonne.
Siebzehn also. Ganz anders als geplant. Die Jungfrau ohne Party. Mein bisher bester Geburtstag. Ich war ein leicht betrunkener DJ mit bester Aussicht. Einen Moment lang war sogar Lene vergessen. Intergalactic, Intergalactic, Intergalactic, Inter-galactic.
Der nächste Morgen war weniger galaktisch. Oder wie Marcel sagte: «Jeder Rausch hat eine Axt auf dem Rücken.»
Die Kopfschmerzen vergingen, die sexuelle Enthemmung blieb. Täglich dachte ich mir neue erotische Geschichten mit Tina aus. Lene war zwar alles andere als weg aus meinem Kopf, aber wenn es dort um Sex ging, hatte ich keine konkrete Vorstellung von ihr. Nur von ihrem Arschfreund, der auf seinem Sportsitz kleben blieb wie das Ejakulat auf dem Bauch. Tina war solo. Wir hatten uns nach meinem Geburtstag ab und zu unterhalten. Sie interessierte sich für meine Musik, war bei zwei Heimspielen dabei, weil ihre Busenfreundin Doris mit unserem Torhüter Sven zusammenkam. Auf dem Feld konnte ich wenig beeindrucken. Die Freistöße schossen die anderen, beim Torjubel kam ich meist nur von hinten angerannt. Sven machte in der Dusche mal die Bemerkung, dass mein Anblick Tina sicher ergötzen würde. Er hatte es zwar grinsend gesagt, denn es gab phallustechnisch bestimmt Größeres zu sehen in unserer Kabine. Egal, meine Fantasie kannte keine Schwanzvergleiche. Ich masturbierte fortan oft mit dem Gedanken, dass mich Tina in der Dusche besuchen würde.
Seit dem neuen Schuljahr teilte ich den Heimweg wieder öfters mit Viktor. Viktor war Mitte siebzig, wohnte direkt nebenan und war seit über zwanzig Jahren Witwer. Er war groß gewachsen, hatte eine große Nase und riesige Augen. Eigentlich war alles an ihm ziemlich mächtig. Viktor war immer mit Jackett unterwegs und hatte einen Hut auf, wie ihn nur ältere Männer tragen. Aus höflichem Grüßen und nachbarschaftlichen Alltagsfloskeln war über die Jahre eine ungleiche Freundschaft entstanden. Viktor hatte schon in meinen ersten Schuljahren regelmäßig dafür gesorgt, dass ich zu spät zum Essen kam.
Er war nicht mehr so gut zu Fuß, konnte aber alles selbst erledigen. Außer kochen. Mittags aß er darum in der Spitalkantine, am Abend gab’s Brot, Käse und Nachrichten im Fernsehen.
«Eine warme Mahlzeit und ein paar redende Leute am Tag können nicht schaden», sagte er gern zur Begrüßung.
Irgendwann wurde das Mittagessen für Senioren im Spital um eine Viertelstunde zurückverlegt, sodass wir uns fast drei Jahre lang nur selten sahen.
Wir waren beide älter geworden. Obwohl ich wenig sprach (Oma nannte mich jeweils den «klemmen Klaus», wenn ich einsilbig war), konnte ich mit Viktor über Dinge reden, die ich sonst kaum losgeworden wäre. Basters war zwar mein ältester und bester Freund. Mit ihm konnte man vorzüglich über Fußball und Frauen labern. Bei vielen anderen Dingen wusste er aber nie so genau, was er sagen sollte. Wenn ich ihm von düsteren Träumen erzählte und von ernsthaften Gedanken zu Leben und Tod, pflegte er mit «Trink mal Tannast» oder «McFly, jemand zu Hause?» zu antworten.
Viktor war ein weiser Mann. Wenn er etwas Wichtiges zu sagen hatte, blieb er abrupt stehen. Bei manch einer Frage hieß es hingegen postwendend: «Das verstehe ich nicht, Junge.» Oder: «Das werde ich dir heute nicht beantworten können.»
Er war sein Leben lang einfacher Arbeiter gewesen, hatte in der örtlichen Fabrik für Kleineisenwaren geschuftet. Viktor hatte das Dorf selten verlassen, die Schweiz nur drei Mal, kannte aber dennoch die ganze Welt. Er war belesen, redete wie ein alter Professor und wusste über vieles Bescheid.
«Lebst du gut?», ging Viktor direkt mal in die Vollen.
«Sie stellen Fragen.»
«Kennst du den Sänger Falco?»
«Rock Me Amadeus?», fragte ich.
«Österreichischer Sänger. Kannte den auch nicht. Ich habe davon in der Zeitung gelesen. Ein spezieller Vogel. Ist bei einem Autounfall gestorben, im Frühjahr. Und weißt du, was der mal gesagt hat?»
Ich schüttelte den Kopf.
«Ich lebe nur einmal. Und so, wie ich lebe, ist einmal auch genug.»
Viktor und seine Zeitungsartikel. Er schmunzelte und blickte zum Wald hoch.
«Klingt, als hätte er es genossen.»
«Glaube ich auch.»
«Aber Sie glauben doch an Gott und das ewige Leben?»
«Viktor hat seine eigenen Abmachungen.»
Ich schaute ihn fragend an.
«Junge. Glauben heißt doch, etwas nicht zu wissen. Aber man kann wissen, was man glauben will und was nicht.» Viktor beendete fast jeden Satz mit einem Brummen. Als würde ihn etwas schmerzen. «Wie alt bist du jetzt?»
«Siebzehn geworden.»
«Mit siebzehn habe ich meine Lise kennengelernt. Ich wusste sofort, dass sie es ist. Und sie ist es geblieben.» Dann, nach einer Pause: «Und du, Junge, was ist mit dir? Trägst du jemanden im Herzen?»
«Vielleicht sogar mehr als jemanden.»
«Das geht?»
«Meinen Sie nicht?»
«Gute Frage … »
Er fasste sich an den Bauch, zeigte an, dass sich da was anbahnte, und grinste. Sein Lachen war ein fast geräuschloses herzhaftes Keuchen.
Zwei Tage später war Viktor erstaunlich flott unterwegs.
«Laufen Sie vor mir weg?»
«Nein. Die Blase. Die wird auch nicht jünger.»
«Und haben Sie eine Antwort auf die Frage, ob man zwei Frauen im Herzen … »
Viktor unterbrach mich. Der Druck musste groß sein. «Wenn du sagst, dass zwei Frauen in deinem Herzen sind, dann ist es wohl möglich.»
Beim Hineingehen imitierte er Sprintbewegungen mit seinen Armen.
Ich blickte ihm hinterher und überlegte, ob ich gut lebe, wie Viktor es nannte. Ob mir mein Leben wirklich gefiel. Vielleicht? Vielleicht, wenn ich Sex hätte? Auf jeden Fall war in meinem Herzen Platz für Tina und Lene. Auch wenn Lene dort nur hing wie ein Gemälde im Museum. Meine verblichene Mona Lisa.
Basters und ich saßen Wochen später als Erste im Raben. Sven hatte beim Fußball vorgeschlagen, zusammen ins Schnitzel zu Skatenaccio zu gehen. Von Skatenaccio hatte ich noch nie gehört, wollte mir vor Sven aber keine Blöße geben. Der wusste ja noch nicht mal, wer Roger Waters war.
«Kennst du die Band, Bast?»
«Skatenaccio? Klar kenn ich die. Absoluter Schwachsinn! Am Bass ist Lemmberg, ein guter Kumpel vom weißen Safrane.»
«Im Ernst?»
«Ja. Und irgendwie sind das halt so Prollpunks. Fitnesscenterpunks, die nach dem Konzert um die lackierten Gitarrenkoffer stehen und sich gegenseitig über den Bizeps sabbern. Muskelscheiße mit Bläsern.»
«Dann lass uns besser hierbleiben. Schnitzel kann uns mal.»
«Hast du einen Knall? Endlich setzen sich mal ein paar anständige Brüste zu uns, und du willst denen verklickern‚ dass wir hierbleiben und traurige Musik aus den Siebzigern hören? Klaus, du hättest besser weiter Gitarre gespielt. Dann gingen wir jetzt alle zu Klaus und Klaus oder Klaustrophob und du wärst der Held am Holz.»
Basters war in Fahrt: «Stell dir das vor, das wäre ein Geschoß. Eisenharte Musik. Klaustrophooooob! Du Gitarre, ich Schlagzeug und Gesang.»
«Du und singen?»
«Im Ernst jetzt mal. Das wird ein fantastischer Abend. Tina ist langsam überfällig und wartet nur darauf, dass Klaus endlich anbeißt.» Er lächelte. Dann wieder ganz ernsthaft: «Und das Schnitzel ist der absolut perfekte Laden dafür. Lautes Poltern, dunkel … Das kommt deinem Mundwerk entgegen.»
Bald beschloss die Runde, erst zum Hauptkonzert ins Schnitzel zu gehen.
Basters war damit beschäftigt, Sven und Doris gestenreich über sein letztes Wochenende aufzuklären. Tina erzählte mir von ihrem Vater. Er spielte Gitarre und musste eine beachtliche Plattensammlung haben. Der Traum aller Schwiegersöhne. Tina und er waren zusammen bei Neil Young gewesen. Ich wollte eben zum Trinken ansetzen, als Tina ihren Kopf zur Seite neigte und kurzerhand fragte: «Klaus, wieso hast du eigentlich keine Freundin?»
Basters rammte mir sein Knie in den Oberschenkel.
«Eine unendliche Geschichte», sagte ich verlegen.
«Unendlich?», hakte Tina nach. «Was soll das denn heißen?»
«Ach, du, lange Geschichte. Vielleicht ein andermal», wiegelte ich ab und schob meinen Stuhl zurück. «Bin gleich zurück.»
Basters folgte mir auf die Toilette. «Hallo Fuchur, bist du da drinnen?», hämmerte er an die Klotür. «Eine unendliche Geschichte? Das wird ja immer besser. Meinst du, Tina findet das sexy, wenn ihr der Jammerlappen-Klaus eine unendliche Geschichte erzählen will von ihm und der schönen Lene, in die er verliebt ist, seit er laufen kann?»
«Hab doch kein Wort gesagt.»
«Und ob! So wie Tina heute dreinschaut, steht die gleich vorm Klo und fragt dich nach der Fortsetzung von deinem Liebesepos. Dann haben wir den Salat.»
Ich habe Tina alles erzählt. Das mit Lene, mit dem Auto-Marc und dass sie, also Tina, mich jetzt mehr interessiere. Wie bei der Bravo Love Story, nur mit besserer Musik. Kurz nach zwölf sind wir den anderen, die schon längst vorgegangen waren, doch noch hinterher. Kamen aber nicht weit. Tina zog mich in den ersten dunklen Hauseingang und steckte mir ihre Zunge in den Hals. Erst küsste nur Tina. Ich stand stramm da wie ein Zaunpfahl. Aus der Schockstarre ging ich ohne Ahnung direkt in die Offensive (reichlich Zungeneinsatz und leises Stöhnen). Dieser erste richtige Kuss dauerte etwa zwanzig Minuten. Zwischendurch hatte der Zungensport etwas Animalisches. Aber war schon toll, ihre warme und harte Zunge zu spüren. Ich war nicht sicher, ob sie meine Erregung spürte und reckte mich unbeholfen. Nach einer Weile musste ich mich nicht mehr so sehr konzentrieren und hörte auf, steif ihre Taille festzuhalten. Erst versuchte ich, mit meinem Oberkörper ihre Brüste zu berühren. Dadurch geriet ich in eine noch unbequemere Stellung. Später änderte ich die Taktik und streichelte ihren flachen Bauch mit der Hand. Am Ende bin ich damit dreimal sanft über eine Brust geglitten. Welch wahnsinnig großartige Form diese Brust hatte. Dann war aber vorerst mal Ende Gelände.
«Wir gehen jetzt wohl beide besser artig nach Hause. Sonst wird das hier fast zu heiß für einen katholischen Hauseingang.» Tina schielte auf das Kreuz im Lichtkegel über der Tür und lächelte. Ich zog sie ein letztes Mal an mich und küsste sie. Untypisches Angriffsspiel für Vorstopper Klaus, der Minuten später nach Hause flog. Ich freute mich über diesen Abend, über High Hopes in meinen Ohren, und vor allem freute ich mich aufs Onanieren.
Basters konnte es nicht glauben. Seine erste Reaktion war: «Klaus, verdammt!», gefolgt von: «Titten berührt?» Er war fast beleidigt, dass ich mit meiner unendlichen Geschichte durchgekommen war und mit «den schönsten Brüsten der Schule» Bekanntschaft gemacht hatte.
Tina und ich trafen uns nun immer öfter auch ohne die anderen. Küsse und Fummeln wurden immer besser. Bald schon sah es danach aus, als wäre ich sexuell kurz vor der Qualifikation für die Champions League. Und, tatsächlich: Am 27. November 1998 war Klaus raus aus dem Club der ewigen Jungfrauen. Tina war allein zu Hause und hatte alles vorbereitet. Kerzen und gute Musik (ein Mix-Tape mit dem Titel Easy). Ich hatte nur an die Kondome denken müssen. Und weil ich nichts dem Zufall überlassen wollte, hatte ich trainiert und zweimal im Pariser abgespritzt.
Das war also Sex. Es war vielleicht alles noch ein wenig verkrampft, aber es war großartig. Ich fragte mich, ob ich gut war. Und ob Tina gut war im Verhältnis zu anderen Frauen. Ich fragte mich jeden Tag so vieles und hatte Lust, es immer und immer wieder auszuprobieren. Wir trieben es so oft wie möglich. Sogar in der Schule. Und auch im Raben haben wir auf der Toilette aneinander rumgespielt. Ich war so vernarrt in dieses Sexleben, dass ich in meinem Tagebuch eine Statistik erstellte, was wann und wie gemacht wurde.
Weihnachten stand vor der Tür und ich war im Hoch. Die Jungfrauenlast weg, zwei Wochen ohne Schule und am Dreiundzwanzigsten zum ersten Mal Die Heilige Nacht im Raben.
Marcel ließ sich bei seiner legendären Feier nicht lumpen: selbstgebrautes Weihwasser-Bier und als Partykapelle Die heiligen drei Könige. Das waren Hengst, John und Ferdinand, drei der berüchtigtsten Musiker im Tal, die nur in der Heiligen Nacht und am Sommertanz als Trio zusammenspielten.
«Covers und obskure Verkleidung. Querbeet, geil und stark», pries Basters sie an. Er war im Juni am Sommertanz gewesen (dort hießen Die heiligen drei Könige jeweils Meerjungfrau Marie).
Basters redete seit Wochen von der Nacht der Nächte.
Ich wollte nach der Schule schnell heim, um die Sachen wegzubringen, Tina anzurufen und meine Velvet Underground-Jacke zu holen. Nur für besondere Anlässe (oder wie Basters sagte: «Pflichtveranstaltungen»). Ich wählte und wartete lange, versuchte es ein zweites Mal. Nichts. Als ich dann Sabotage singend im Bad stand, klingelte es an der Tür. Tina sah zerknittert aus. Ihrer Oma ging es nicht gut.
«Und du, schon im Partymodus?»
«Darum wollte ich dich anrufen. Wir treffen uns gleich bei Basters. Kommst auch mit?»
«Weiß nicht», murmelte Tina, ihre Augen waren feucht. «Wird schon wieder. Aber ich radle gleich mal nach Hause. Ich komme dann direkt in den Raben, später irgendwann.»
Vielleicht hätte ich mitgehen sollen. Aber Tina wiederholte, es sei nicht so schlimm.
Basters hatte nicht zu viel versprochen. Die Eltern waren ausgeflogen, die Bar offen, die Trinker motiviert. Görli spielte den erfahrenen Hengst und klopfte mir beim dritten Glas Martini auf die Schulter: «Klausoviz, dein Feld ist das Bier. Take care! Vor allem mit diesem Brutalzeugs. Nicht, dass deine erste Heilige Nacht fucked vor dem Raben endet.»
Wahrscheinlich hatte er recht, der alte Englisch-Gangster.
«Leute, wir dürfen nicht riskieren, da nicht reinzukommen», sagte Basters mit Nachdruck. «Jari kommt wohl nicht mehr. Ich würde sagen, zwanzig null null Abmarsch.»
Gegen zwanzig nach acht standen wir vor einem leeren Raben.
«Kommt schon rein in mein Gemach! Die abgefunktesten Jungen sind immer die Ersten. Aber dalli.»
Marcel trug eine rote Samtmütze und hatte sich einen weißen Kinnbart angeklebt, was bei der angeheiterten Runde für Gelächter sorgte.
«Ein Hippieweihnachtsmann», stichelte Basters.
«Sagt mal, habt ihr Kürbisse wieder geraucht? Fünfzehn pro Nase. Für zwanzig bekommt ihr noch’n Weihwasser mit Gebäck von meiner werten Frau Mutter dazu. Auf eigene Gefahr. Drinnen wie immer gesittet. Und Klauso, die Wizard ist Gemeingut.»
So hundertprozentig beisammen habe ich den Abend nicht mehr. Der Rabe füllte sich rasch. Gegen zehn legten Die heiligen drei Könige los. Es war ein bisschen so, als hätte ich ihnen einen Zettel mit meinen Lieblingssongs abgeben dürfen: Get Back von den Beatles, Ruby Tuesday von den Stones, Better Man von Pearl Jam. Kontrollverlust.
Irgendwann kam Tina. Obwohl es ihr deutlich besser ging, war ihr diese Busladung von Euphorisierten zu viel.
Tina war wundervoll: «Ist doch gut. Du hast dich lange gefreut. Genieße den Abend, ich bin in Ordnung. Freue mich auf unser Mittagessen.»
«Samstag», sagte ich.
«Samstag», wiederholte Basters. Mit drei großen Weihwassern stand er vor uns.
«Bin ich ein guter Freund oder was? Für Klaus und seine besseren Hälften … Hälfte.»
«Danke, du, aber ich gehe.»
«Waaas?», brüllte Basters durch den Raum, «hat er dich beleidigt?» Er krümmte sich vor Lachen.
«Nein, Klaus ist ein Schatz. Aber mir ist grad nicht so nach besoffenen Weihnachtsmännern, Krach und Sprüchen über meine Brüste.»
«Schade», lachte Basters, stützte sich an mir ab und hielt Tinas Bier in die Luft. «Klaus, Ausdauer ist die Tugend der Sieger.»
Tina küsste mich auf die Wange und war weg. Ich schaute ihr hinterher, sah im Augenwinkel Basters wankend tanzen. «Komm Klaus, die Brüste fahren heim. Hier spielen sie gleich Zeppelin.»
Mit jedem Song wurde die Stimmung ausgelassener. Basters kam und ging, tanzte wie wild, war kurz vorm Lichterlöschen. Es war Die Heilige Nacht, wie ich sie mir ausgemalt hatte. Lebensgierige Enthemmung.
Irgendwann tauchte Luc auf. Er klopfte mir auf die Schulter und sagte im Vorbeihuschen: «Klaus, jetzt aber, wir sind nahe dran.»
Ich nahm das nicht persönlich und drehte mich wieder um.
«Klaus, richtig?»
Lene. Scheiße! Unglaublich sah sie aus: Kürzere Haare, Trainerjacke und Bluejeans. Ein bisschen wie Demi Moore in Ghost, einfach besser.
«Ja. Nicholas, Klaus, wie du willst.»
«Nicholas?»
«Ja, eigentlich schon. Klaus ist eher mein Künstlername.»
Lene musste lachen. «Nicholas ist aber schön. Luc hat gemeint, du würdest jetzt auch auflegen, hier im Raben.»
«Ich lasse halt niemanden an die Jukebox.»
Wieder grinste sie.
«Bist du schon lange da? Wo ist Marc?»
Lenes Blick wurde ernst. Nur ein Depp fragt aus Verlegenheit nach dem abwesenden Freund!
«Sind nicht mehr zusammen.»
Plötzlich hatte ich hunderttausend Fliegen im Kopf: «Tut mir leid.»
«Braucht es nicht. Schon okay.»
Komischerweise blieb sie einfach da. Wir hörten Die heiligen drei Könige und nickten stumm. Manchmal sagte ich was. Aber nicht viel, meine Gedanken waren umwölkt vom Alkohol und der Situation.
«Leute, auch Könige brauchen mal Pause. Ein bisschen Weihrauch und Myrrhe, in zwanzig Minuten geht es weiter.»
Dieser John war arschcool. Heiße mal John! Und dann spielst du noch Gitarre wie ein John und hast einen Vollbart und lange Haare.
«Wird auch langsam Zeit», befand Lene.
Ich starrte sie ungläubig an.
«Die Band ist ja ganz okay, aber diese Typen! Meinen, sie seien unwiderstehlich. Und diese elenden Witze.»
«Humor ist ein dehnbarer Begriff.» Lene lachte laut über Viktors Spruch. Irgendwie hätte ich wohl alles sagen können.
«Dann zeig mal die Jukebox, du DJ. Zwei Songs du, zwei ich.»
Basters stand alleine vor der Jukebox. Nein, viel mehr hing er verladen an der Wand. Als er uns erblickte, rieb er sich theatralisch die Augen.
«Basters, kannst Basters zu mir sagen», lallte er zu Lene. «Habe ich was verpasst? Seit wie vielen Jahren steh ich da? Äh, hier …»
«Also, Basters, du kannst gleich mal den Juror geben», gab sich Lene unbeeindruckt. «Nicholas und ich wählen die zwei besten Songs für Die Heilige Nacht. Du sagst, wer gewinnt. Der Profi fängt an.»
Ich bewegte die Auswählplatten hin und her: «Gib mir dreißig Sekunden für Song eins, ja?»
Pink Floyd? Zu vertrackt. Beatles? Zu altbacken für das hier. No Use For A Name? Nein. Compact Disc Nummer Achtundsechzig, zweitletzte Seite. Ich wusste direkt, dass das ein Volltreffer würde. Unbekannt, cool, eingängig, perfekt für die Pause und doch kein Stimmungstöter: Music Evolution!
«Okay! Buckshot Lefonque.»
Lene nickte, Basters nickte, und irgendwann sah sogar Luc ums Eck, zeigte mit dem Finger auf mich und nickte triumphierend («Es geht nichts über das Nicken des Dorfältesten», hätte Marcel gesagt).
Lene folgte mit Joy Divisions Love Will Tear Us Apart. Wer liebt es nicht? Ich musste die Gitarren rausholen. Beim Anblick des Covers von Electro-Shock Blues machte ein Grinsen es sich in meinem Gesicht gemütlich. Ein Klicken, großartig. Basters war merklich irritiert: «Was kommt jetzt? Die Gutenachtgeschichte von Klaus Vonnegut?»
«Eels! Last Stop: This Town.»
Lene war verblüfft und tänzelte leichtfüßig. Gegen Ende des Songs ging sie wortlos an die Box, wählte ihre Platte, drehte sich um, zuckte mit den Schultern und zeigte mit dem Finger auf ihre Brust.
«Heiraten!!!», schrie Basters in dem Moment von hinten. Es war Loser von Beck.
«Lene, der Olymp ist dein! Klaus gibt eine Runde Weihwasser aus! Heiraten!! Heiraten!», schrie Basters. «Heirat!!»
Ich gab mich geschlagen. An der Bar entglitten meine Gedanken. Diese Lene. Die Schönste, die Coolste, die mit dem besten Geschmack…
«Das hier ist nicht die Jukebox. Hier musst du reden, um zu wählen.» Marcel sah langsam aus wie Nikolaus aus der Gasse.
«Drei Weihwasser.»
«Weihwasser, Bier, der Hafen des einsamen Mannes», fantasierte Marcel.
Seine Biersprüche gehörten dazu, Kommentar fiel mir wieder mal keiner ein.
«Drei Perlen dazu?», fragte er nüchtern, fast enttäuscht.
«Perlen?»
«Kurze. Aufs Haus.»
«Klar. Danke, Marcel.»
«Nicht persönlich nehmen», grinste der Herr des Hauses und wiederholte dabei seinen neuen Spruch. «Bier, der Hafen des einsamen Mannes.»
Als Lene auf der Toilette verschwand, schubste mich Basters in die Seite: «Klauso, spinn ich? Die findet dich stark … Stark findet die dich.»
«Hör auf.»
«Basters sagt bei Frauendingern immer die Wahrheit. Ehrenwort. Großes Titten-Ehrenwort.»
Lene kam zurück, sagte was zu Basters und packte mich an der Schulter.
«Du, ich muss mal. Wir fahren morgen zu meiner Oma nach Zürich. Machen wir nach Silvester mal was?»
«Nächstes Jahr? Sollte gehen.»
Lene grinste ein letztes Mal, klopfte mir auf die Schulter und verschwand.
Am nächsten Morgen fühlte ich mich unendlich schlecht. Eine Zehn plus auf der Beschissenheitsskala. Und doch wurde es schlimmer. Am Weihnachtsabend musste ich mich übergeben. Drei Tage lang lag ich im Bett. Am Sechsundzwanzigsten schaute Tina vorbei. Ich sagte ihr, dass ich schlafen müsse, konnte ihr kaum in die Augen schauen.
In der Nacht vom Siebenundzwanzigsten hatte ich zum ersten Mal diesen Traum: Ich bin in den Bergen. Ein wunderschöner Tag, angenehm warm. Keine Wolken, kein Wind. Ich bin alleine unterwegs, laufe am Hang, knapp oberhalb der Waldgrenze. Über mir: eine weite bunte Bergwiese mit Bergblumen. Plötzlich rollt ein Stein an mir vorbei. Ein ganz kleiner Stein nur, nicht grösser als ein Tennisball. Als ich aufblicke, sehe ich aber, dass überall am Hang Steine rollen. Es werden immer mehr und immer größere. Ich verstehe es nicht, da oben sind nirgendwo Felsen auszumachen. Aber die Steine werden immer mehr. Panik. Todesangst. Die Steine werden schneller, springen höher ab. Ihre Flugrichtung wird immer unberechenbarer. Ganz plötzlich ist es laut. Es donnert, heult und kracht, dass mir fast das Trommelfell platzt. Alles wird grau, die Luft blitzartig kalt. Ich weiß, dass ich bald getroffen werde. Ich werde sterben. Nur noch einen Augenblick, dann werde ich tot sein.
1999
RUHENDER POL
«Leute! Eine Woche Sommer, Sonne, Bier und heiße Frauen. Verdammt. Jetzt mal ehrlich, uns scheint die Sonne doch aus dem Arsch.»
Sechs Tage Griechenland, Basters war in seinem Element. Dabei war der Zug zum Flughafen noch nicht mal losgefahren. Basters hatte auf dem Bahnsteig ein Begrüßungsmagazin verteilt mit dem Titel Fünf Freunde auf Kreta – Glücklich allein ist die Seele, die liebt.
«Ist der Untertitel von deiner Mama?», fragte Görli.
«Goethe, du Banause. Wir werden lieben, Leute, wir werden lieben. In diesen Seiten steckt meine erste Ferienwoche und jede Menge Schweiß!»
Das Resultat war ein achtseitiger Reiseführer mit Informationen zur Insel (Einwohnerzahl, Fläche und Geschichte) und verschiedenen Partyberichten von mehr oder weniger dubiosen Gestalten (wohl eher erfunden). Dazu die Liste mit den voraussichtlichen Sommerhits des Jahres und jede Menge Bilder von halbnackten Schönheiten.
«Uuuuu, Freunde», johlte Basters, «wir sind auf dem Höhepunkt angelangt. Randvoll mit Lust unterwegs nach Eden. Ihr Pärchentiger tut mir fast schon leid.»
Görli, Stefan, Basters und ich hatten die Reise seit Monaten geplant. Zum möglichen Reiseziel gab es lange kein Einvernehmen. Mein Vorschlag (Bergen, Norwegen) wurde abgeschmettert (zu teuer, kein Sommer, keine Bikinis). Jari wollte anfangs nicht mit, niemand wusste warum. Mädel konnte ihn keines verlassen haben, Todesfälle im Umfeld gab es keine und beliebt war Jari sowieso (Basters: «Everybody’s Jarling»). Basters hatte ihn letzten Endes doch noch überzeugen können und war mächtig stolz darauf.
Görli und Basters schmiedeten im Zug erste Partypläne, während Stefan Jari und mir vom Spiel zwischen Steffi Graf und Martina Hingis in Paris erzählte. Wenn es um Tennis ging, war Stefan, der steife Steve, oder kurz Steif (Basters), ziemlich ausschweifend. Vor allem bei seiner Steffi.
«Stellt euch das vor: Dieses junge Ding steht im Finale ein paar Pünktchen vor dem größten Sieg ihres Lebens und bekommt dann Schiss. Und wieso?»
Jari und ich waren beide gerade mit Essen beschäftigt, brummten und zuckten mit den Schultern.
«Wieso wohl? Weil nicht irgendeine stöhnende Parfumvertreterin hinter dem Netz stand, sondern Steffi. Einundzwanzig Grand-Slam-Titel. Unglaublich!»
«Unglaublich», wiederholte Jari kauend.
«Am Ende wurde es bitter für Hingis. Das ganze Stadion hat sie ausgepfiffen, weil sie nicht akzeptieren wollte, dass ihr Ball zu lang war. Hingis flennte wie ein Schulmädchen und schlug bei Matchball Graf von unten auf. Wie eine Anfängerin. Aus Trotz. Scheiße, stellt euch das vor.»
Jari wischte sich Mayo vom Kinn. Steif war außer sich.
«Dann macht sie den Punkt. Das Stadion rastet aus, ein Pfeifkonzert, wie es das beim Tennis so nicht gibt. Und was sagt Steffi dazu?»
Wir blickten verdutzt.
«‹Wollen wir diskutieren oder können wir einfach nur Tennis spielen?› – Hallo? Wie cool ist das denn? Hingis erstarrte. Sie war am Boden. Minuten später, die logische Folge: Der zweiundzwanzigste Grand-Slam-Titel.»
Basters kniff die Augen zusammen und schielte genervt zu uns rüber: «Das hier ist der tennisfreie Wagen. Leute, lasst uns besser mit Trinken anfangen.»
Wir hatten den letzten Zug genommen. Unser Flug startete schon kurz nach sechs Uhr morgens in Zürich. Ein weiterer Grund, wieso das Paket mit Hotel und Flug so unfassbar günstig gewesen war. Reiseleiter Basters war felsenfest vom Angebot überzeugt: Die Nacht im Flughafen Zürich werde legendär, ein Hotel würden wir nur von außen sehen wollen.
Zumindest im ersten Punkt lag er schon mal ordentlich daneben. Sonntagabend, Zürich-Kloten, alles zu, keine Menschenseele weit und breit. Außer Jari und mir pennten gegen zwei Uhr morgens alle auf dem harten Teppichboden. Görli sägte wie ein Bär.
Mit kleinen Augen schaute ich Jari an. «Keine Chance?»
Der schüttelte den Kopf: «Bin auch sonst kein guter Schläfer.»
«Wieso?»
«Ach, Ärger zu Hause. Und Ärger zu Hause.» Jari klopfte sich an die Stirn. «Viel Verkehr.»
«Du meinst Gedankenkarussell?»
«Und oft keine Lust.»
«Auf pennen?»
«Leute, Schule, pennen, saufen, Frauen.»
«Und auf die Woche mit uns?»
Er überlegte. Es war zu sehen, dass er nichts Falsches sagen wollte. «Mal weg von zu Hause ist sicher gut.»
«Was macht dir denn am meisten Freude?», fragte ich nach einer kurzen Pause.
«Musik. Aber da ist grad nicht viel los. Suchen immer noch einen Schlagzeuger.»
«Vielleicht sollten wir mal zusammen jammen?»
«Hm», nickte Jari. «Trommelst du?»
«Nein, hab Gitarre gespielt.»
«Was? Wusste ich nicht. Wieso hast aufgehört?»
«Fußball. Keine Zeit.»
«Kicken? Geil.» Jaris Augen funkelten. Er selbst hatte zwei linke Füße. Freiwillig berührte er keinen Ball. Aber Jari liebte das Zuschauen, allem voran als Fan der Serie A. Fußball, der Themenwechselklassiker. Wir unterhielten uns über Fußball (ein Jungtalent namens Andrea Pirlo), Filme (Das Schweigen der Lämmer, Seven) und dieses Massaker von neulich, an der Columbine High School in den USA. Jari kannte die Fakten. Der eine Amokläufer, Harris, hatte offenbar oft Doom gespielt. Wie er selbst. «Kein Ding», sagte Jari, «alle spielen Doom.»
Wir fantasierten, vielleicht eine neue Band zu gründen. Basters gaukelte schließlich auch ständig vor, was für ein toller Hengst er am Schlagzeug wäre. Und Jari spielte Bass. Eine Drei-Mann-Band vielleicht, wie Nirvana, seine Lieblingsband. Die hätten seiner Meinung nach deutlich mehr Energie gehabt als Led Zeppelin und Pink Floyd zusammen. Nun gut, nichts gegen Nirvana, aber da lag Jari eindeutig falsch. Er hatte John Bonham definitiv noch nie beim Trommeln zugeschaut.
Kurz vor Fünf weckten wir die anderen.
In Heraklion wurden wir von George («Cheorge») abgeholt. Der war ein kleiner, stämmiger Kerl und hatte an jeder nur denkbaren Stelle dunkle dicke Haare. Außer auf dem Kopf. Er hielt ein Schild mit Skilos hoch und nuschelte in seinen Vollbart, auch wenn er mit niemandem sprach. Ein heiseres leises Dauerhusten. Wie ein keuchender Mops. George sprach ein paar Brocken Deutsch und klagte als Erstes über seine Frau. Sie hatte ihn beim Frühstück gemahnt, er müsse auf sein Gewicht achten.
«Schau, Junge. Cheorge dick? Und Sophia? Selber nix dünn. Katastrophe.»
Katastrophe schien Georges Lieblingswort zu sein. Bei Überholmanövern, bei unfertigen Häusern, bei toten Tieren auf der Straße oder lebenden im Auto, bei Panathinaikos Athen, bei Rotlichtern, alles «Katastrophe».
Basters saß als Reiseleiter neben ihm. Wie beim Fußballmannschaftsbild, die Kleinen gemeinsam in der ersten Reihe.
«George, gibt es heute Abend eine gute Party?», fragte Basters.
«Junge, sicher! Apollo, King, Rex Royal, Brettos, Galaxy …»
«Und die beste?»
«Techno, Junge?»
«Lieber Rock.»
«Rex Royal! Gute Rock!»
Von außen sah das Skilos ganz anständig aus für seinen einzigen mickrigen Stern. Aris, der Typ an der Rezeption, sprach fließend Deutsch und war die Freundlichkeit in Person. Fast schon verdächtig, meinte Jari. Aris brachte uns in den dritten Stock.
Basters hatte sich ausgedacht, dass er und Görli das Zweierzimmer nehmen würden. Die stille Fraktion komme zu dritt bestimmt besser klar. Meersicht gab es keine, Toiletten und Duschen waren auf dem Gang.
Jari und ich legten uns erst mal hin und holten ein paar Stunden Schlaf nach. Die anderen wollten den Pool im Hinterhof erkunden und auf die Ferien anstoßen.
Als Jari und ich um drei in Badehose am Pool standen, war niemand zu sehen. Kein Wunder. Die von hohen verschimmelten Betonwänden umgebene Wanne war höchstens fünf Meter lang. Das Wasser hatte eine undefinierbare Farbe, den Liegen konnte man beim Verfaulen zusehen. An der kleinen Bar hing ein gelbes Schild mit der Aufschrift OPEN SESAME!
Wir machten uns darum auf, das Städtchen zu erkunden. Aris winkte uns mit einem Zettel zu sich: «Ihre Freunde haben mich gebeten, das zu überreichen.» Ein bisschen wie bei James Bond.
9 REX ROYAL!!!
GORBATSCHOW!!!
NICHT NÜCHTERN!!!
Lächelnd und wohlartikuliert erklärte er uns den Weg. Zeit hatten wir genug. Direkt neben dem Skilos bestellten wir in einer netten Bar namens Elmondo einen großen Krug Bier. Unser Gespräch von gestern Nacht war ganz weit weg. Jari auch. Still saß er da, wirkte abwesend.
«An was denkst du?», fragte ich. Die Mutter aller Eisbrecher. Aber auch die Mutter aller Scheißfragen.
«Ich überlege, woher ich diesen Song kenne», antwortete er.
«Keine Ahnung. Schon gehört, ist geil.»
Der Wuschelkopf des Mädchens hinter der Bar bewegte sich beim Mixen der Drinks im Takt.
«Trink aus!», sagte ich zu Jari, «dann hol ich noch so einen Krug und frag Momo hinter der Bar.»
Wuschelkopf konnte nicht fassen, dass wir die Band nicht kannten. In ihrem wunderlichen Englisch wiederholte sie immer wieder Pixies. Sie sprach das eher so Französisch aus, «Bigsiös». Sie fragte, wie mein Freund da hinten heiße und was wir machen würden in diesem Loch. Barfrau-Fragen. Elena hieß sie. Als ich das Rex Royal erwähnte, hob sie ihren Daumen. Da werde sie nach ihrer Schicht auch hingehen. Konzentriert balancierte ich den vollen Krug zurück zum Tisch. Elena winkte Jari zu. Der hob sein leeres Glas, grinste und war halbwegs charmant.
«Die scheint dich zu mögen.»
«Bestimmt. Welche Band?»
«Pixies. Wir Deppen.»
«Klar, Pixies.»
«Elena kommt später auch in den Laden.»
«Cool.»
«Dein Typ?», fragte ich Jari schmunzelnd.
«Geht so. Deiner?»
«Sieht irgendwie so jungenhaft aus. So etwa habe ich mir Georgina von Fünf Freunde immer vorgestellt.»
Jaris Laune wurde auf jeden Fall immer besser, plötzlich saß er ganz aufrecht da. Elenas Musikgeschmack war einwandfrei. Es war beinahe wie DJ Klaus im Raben, nur kostete mich das hier nichts. Jari trank im Schleudergang und bot jeweils an, auf dem Weg zur Toilette Bier zu bestellen. Ich saß mit dem Rücken zur Bar und musste mich umdrehen, um zu sehen, dass die beiden ein paar Worte quatschten.
Die Zeit flog. Elena mochte die Chili Peppers. Etwa jedes fünfte Lied war von Californication. Keine Frage, Jari hatte Laune. Er machte große Augen, als er auf die Uhr schaute: «Klauso, wir sind spät dran.»
«Wie spät?»
«Gleich halb zehn.»
«Können ja austrinken und sehen, ob wir dieses Rex Royal finden.»
«Absolut», tuschelte Jari gedankenverloren sich hin. Ich setzte zum letzten großen Schluck an. Dann spielte Elena Love Will Tear Us Apart. Es schnürte mir die Kehle zu. Als wäre mir Lene höchstpersönlich erschienen. Am liebsten hätte ich mich ausgekotzt. Die heilige Nacht, das Treffen im Januar, Tina im Frühling. Aber ich wollte Jari nicht damit nerven, wenn er mal gut drauf war.
«Jari, ich geh mal schnell für … Bestell doch noch Kurze zum Abschluss und zwei Fußpils.»
Unsere drei Kameraden hatten es geschafft, um zehn noch nicht oder nicht mehr im Rex Royal zu sein. Nun gut, wir waren auch nicht besser. Der Laden war in einem baufälligen Keller. Eine steile schmale Treppe führte hinab, an der Wand hingen alte Konzertplakate (Duplikate von großen Rockkonzerten in Japan und Mexiko). Der Raum war vollgestopft mit Kronen, Spiegeln, Leuten und anderem Kram. Die Musik war einigermaßen in Ordnung. Genre: Classic Rock (wie aus der Time Life-Werbung). Es war verdammt laut. Ideal für Schweiger wie uns. Kurz nach elf kam Elena die Treppe runter. Sie lächelte und drängte unmissverständlich in Richtung Jari. Die beiden hatten offensichtlich Lust, sich Englisch-Fetzen ins Ohr zu schreien.
Nach ein paar Minuten klopfte ich auf Jaris Schulter und erklärte ihm, ich würde nach den verlorenen Söhnen schauen. Jari grinste. Ich hätte ihm wahrscheinlich auch sagen können, dass Dave Grohl vor der Tür steht und nach ihm gefragt hat. Er war verknallt, taub und lächelte mit Elena um die Wette.
Die anderen, oder besser gesagt Stefan, fand ich erst im Hotel. Komischerweise lag er vor der offenen Zimmertür. Verbrechen war keines geschehen. Der Alkohol hatte ihn niedergemäht. Der seriöse Sportler war zwölf Stunden auf der Insel und schon vollkommen weggeballert (Basters war bestimmt stolz darauf). Ich hievte den Zerstörten ins Bett. Wo Görli und Basters waren, wusste Stefan auch nicht. Oder ich konnte sein Lallen nicht entschlüsseln. Wahrscheinlich schliefen die nebenan ihren Rausch aus.
Am nächsten Morgen wachte ich gegen zehn auf. Stefan winselte in seinem Bett, das von Jari war leer, die Luft war furzgeschwängert. Auf mein Klopfen nebenan reagierte niemand, also setzten wir uns zu zweit in den Speisesaal. Zugegeben, ich war auch kein Sonnenstrahl an diesem Morgen, aber Steif sah richtig übel aus vor seinem leeren Teller. Seine Erinnerungen an den Vortag waren spärlich. Im Rex Royal waren sie wohl gewesen, aber schon sehr früh. Danach: Schicht im Schacht. Er wusste auch nicht mehr, wie oder mit wem er ins Skilos fand. Das alles war ihm extrem peinlich, und er bat mich, die Geschichte für mich zu behalten.
Steif musste zurück ins Bett. Ich gab ihm Kopfschmerztabletten und wollte irgendwo einen Würfel Brühe kaufen. Brühe hilft immer.
Im Vorbeigehen schielte ich ins Elmondo. Hinter der Bar stand ein älterer Herr mit finsterer Miene. Ich wollte gerade weiter, als ich ein Häufchen Mensch im hintersten Eck erblickte.
«Jari?»
Keine Antwort. Er vergrub sich im Sessel. Im ersten Moment konnte ich nicht erkennen, ob er wach war.
«Jari, wo ist Elena?»
«Keine Ahnung.» Jari war wach, aber nicht zu Späßen aufgelegt.
«Und was machst du hier?»
«Warten.»
Er hatte feuchte Augen, seine Stimme war kaum zu hören.
«Was ist denn passiert?»
«Hatte einen Aussetzer.» Jari musste sich erst sammeln. «Wir hatten Spaß. Eigentlich alles gut. Sogar geküsst und … Dann kam ein Typ und hat sie von hinten umarmt. Elena kannte den wohl. Keine Ahnung … Hab dann ein bisschen geschubst.»
«Einfach so? Bist doch sonst nicht auf Krawall gebürstet.»
«Kann mir das nicht erklären. Elena hat noch was gesagt … Ich solle zuhören. Kein Grund für Stress und … Aber ich war irgendwie weggeknipst. Habe den Typen zu Boden gestoßen … Gehauen. Rumgeschrien …» Jari vergrub seinen Kopf in beiden Händen. Er konnte die Tränen nicht zurückhalten.
«Und wo warst du die ganze Nacht?»
«Hier und da. Eine Weile am Strand gepennt, bis mich ein Restaurantbesitzer wachgetreten hat.»
«Meinst du, das ist eine gute Idee, hier zu warten?»
«Ja. Werde es Elena erklären und mich entschuldigen.»
«Sicher?»
«Sicher.»
Eine Stunde später stand ich mit heißem Wasser und Würfelbrühe vor Steifs Bett. Er lag mit offenen Augen da und schaute kreidebleich ins Leere. Die Brühe trank er zur Hälfte, bevor er wieder würgend auf den Gang hinausstürmte. Nach dem Kotzen gab Steif ausgezehrt spärliche Infos weiter. Görli und Basters seien vor einer halben Stunde gekommen. Sie hätten nicht viel gesagt und sich direkt ins Bett gelegt.
Jari war auch bald wieder da. Elena dachte nicht daran, ihm zuzuhören. «Piss off, you fuck», habe sie repetierend gebrüllt. Ich schlug vor, dass wir irgendwo hingehen, Bier trinken, Musik hören und über Frauen herziehen. Jari wollte nicht.
Der zweite Ferientag, drei Uhr nachmittags und alle im Bett. Außer Klaus. Wasserratte war ich keine. Schlafen konnte ich nicht.
Auf den Straßen war wenig los. Irgendwo rannte eine Frau mit rosa Schlabberhose, gut sichtbarem String und engem schwarzen Top schreiend aus einem Hauseingang. Sie schrie, wie Frauen im Theater schreien. Ein Mann mit Kind auf dem Arm folgte ein paar Sekunden später und röchelte ihr irgendwas auf Griechisch hinterher. Das Kind schrie ebenfalls. Vielleicht nur Lappalien. Manche Leute rasten einfach so mal aus. Ein alter Mann, der mir entgegengehumpelt kam, hielt sich demonstrativ die Ohren zu und lächelte. Ich musste an Viktor denken.
Ich bog in eine kleine Seitengasse ein, um zum Meer zu gelangen. Viele Läden waren noch geschlossen, die Gasse menschenleer. Aus einer kleinen Bar sangen die Beatles Good Day Sunshine. Auf meinen Platz am Meer konnte ich gerne verzichten. Drinnen war es ein bisschen schummerig, aber das Costas schien ein Ort zum Verweilen zu sein.
Ein dünner, für Kreta untypisch holziger Schlauch, ein winziger Tisch am Eingang und fünf alte Barhocker. An den Wänden hingen vergilbte Kunstbilder und Plakate, viel Kleinkram wie Schiebermützen, Ketten und zerbrochene Sonnenbrillen. Dazwischen immer wieder Fotos vom Mann hinter dem Tresen mit irgendwelchen Leuten (vielleicht griechische Prominente). Nur ein Platz war besetzt, dafür wohl schon länger.
Der Barmann begrüßte mich herzlich auf Griechisch. Ich konnte den Touristen in mir nicht verbergen und nickte wie alle Feriengäste, wenn sie Bahnhof verstehen.
«English? Français? Deutsch? Italiano?
«Deutsch.»
«Hallo. Ik-e bin-e Costa.»
«Ich bin Klaus.»
«Trink?»
Gute Frage. Alleine Bier trinken am Nachmittag? Eine Cola in diesem Barmuseum? «Spezialität?», fragte ich verlegen zurück.
Costa lachte, streckte seinen Daumen aus und sagte: «Für Deutsch Galakos.» Galakos
