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Drei Menschen, drei Schicksale, drei Epochen: Anna kämpft im Jahr 1961 gegen die Dämonen ihrer Krankheit, Paula beschliesst 1994, aus ihrem bisherigen Leben auszubrechen, und Manni begibt sich 2009 auf einen wahnwitzigen Selbstfindungstrip. Tag für Tag schildert der Roman auf drei Zeitebenen je eine schicksalhafte Woche im Leben der Hauptfiguren. Die Tage sind geprägt von extremer Hitze, schwerwiegenden Entscheidungen und Abschied. Nach und nach erschliesst sich, wie die Leben der drei zentralen Charaktere miteinander verknüpft sind, und weshalb die tanzende Mimi in allen Handlungssträngen auftritt. Samuel Schnydrig gelingt eine vielschichtige Erzählung, die biografische Brüche sensibel auslotet. Obwohl schwere Themen behandelt werden, sorgen der schnelle Szenenschnitt sowie das virtuose Wechselspiel von inneren Monologen und pointierten Dialogen für Tempo, Witz und Leichtigkeit.
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Seitenzahl: 258
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Foto: Phil Bucher
SAMUEL SCHNYDRIG
Geboren 1982 im Wallis. Lebt mit seiner Familie nach Zwischenstopps in Fribourg, Bern und Hamburg wieder im Rhonetal. 2019 erschien sein Text «Dienstag im Oktober» in der Anthologie «Für Reisekranke» (vatter & vatter). Der Debütroman «KLAUS – Leben vor dem Steinschlag» wurde 2021 im Zytglogge Verlag veröffentlicht. Schon Ende der 90er-Jahre spielte Schnydrig in der Punkkapelle Grannysmith, seit 2010 ist er mit der Indie-Band Them Fleurs oder als Suma solo unterwegs. Sein neuer Roman wurde durch ein Stipendium von LiteraturPro Wallis unterstützt. 2025 erhält Samuel Schnydrig für sein literarisches Schaffen vom Kanton Wallis einen Förderpreis.
ÜBER DAS BUCH
1961. Anna kämpft gegen die Dämonen ihrer Krankheit.
1994. Paula beschließt, aus ihrem bisherigen Leben auszubrechen.
2009. Manni begibt sich auf einen wahnwitzigen Selbstfindungstrip.
In seinem zwischen Kammerspiel und Roadmovie angesiedelten Roman erzählt Samuel Schnydrig von je einer Woche, die für seine Figuren alles verändert.
Die Tage sind geprägt von extremer Hitze und schwerwiegenden Entscheidungen. Immer drängender wird dabei die Frage, was die drei Generationen verbindet.
Entlang biografischer Bruchlinien balanciert der Autor zwischen dem alltäglichen und dem unheimlichen Leben.
SAMUEL SCHNYDRIG
UND DRAUSSENDER SOMMER
ROMAN
Autor und Verlag danken für die Unterstützung:
Der Zytglogge Verlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2021–2025 unterstützt.
© 2025 Zytglogge Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Liliane Studer, Thomas Gierl
Korrektorat: Philipp Hartmann
Umschlaggestaltung: Pank, Zürich, www.pank.ch
Coverillustration: Paula Troxler, www.paulatroxler.com
Layout/Satz: Eliane Häfliger, www.elianehaefliger.ch
E-Book-Produktion: CPI books GmbH, Leck
Herstellerinformation: Zytglogge Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, St. Alban-Vorstadt 76, CH-4052 Basel, [email protected]
Verantwortliche Person gem. Art. 16 GPSR: Schwabe Verlag GmbH, Marienstraße 28, D-10117 Berlin, [email protected]
ISBN E-Book: 978-3-7296-2461-0
ISBN gedrucktes Buch: 978-3-7296-5205-7
www.zytglogge.ch
PROLOG
VOR DEM FEST
Mimi saß am Küchentisch und schrieb Karten. Was für eine Hitze. Alle, die zum Geburtstag eingeladen waren, sollten zur Begrüßung etwas Persönliches bekommen. Einen Spruch. Einen Reim. Einen Dank. Keine Floskeln.
Geburtstage hatte sie nie gemocht. Aber irgendwann hatte auch sie keine andere Wahl gehabt. Entweder feiern oder in Vergessenheit geraten. Sie freute sich, dass die Familie mal wieder zusammenkam. Wobei es streng genommen gar nicht ihre Familie war, sondern die von Anna, der besten Freundin, die sie jetzt von ihrem Lieblingsfoto an der Wand anlachte.
Wie ich dich vermisse. Jeden Tag. Das freundlichste Lächeln inmitten all derer, für die ich keine Karte mehr schreibe.
Mimi schob die Schreibsachen unter die Zeitung; es hatte an der Tür geklingelt. Was für eine Hitze.
SONNTAG
HITZESTAU
Paula öffnete die Augen. Es war Sonntag, kurz nach sieben Uhr. Die Sonne drang durch einen schmalen Spalt zwischen den Läden hindurch, direkt auf den feuchten Fleck, den Harald auf seinem Kissen hinterlassen hatte. Nach der Leidenschaft das Sabbern. Zum ersten Mal seit Wochen musste sie sonntags nicht zum Dienst ins Altenheim. Der Sonne war es egal. Paula drehte sich weg und zog die Decke über den Kopf.
Dennoch hörte sie, wie Harald auf seiner Mission durch die Wohnung schlurfte. Seit drei Jahren führte er in den Monaten Juni, Juli und August Buch über Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Vier Zimmer, vier Messstationen, drei Werte pro Tag (morgens um sieben, abends um sechs, nachts um halb drei). Das Gleiche in den Wintermonaten Dezember, Januar und Februar. Notiert wurde auf einen Block. Dann, einmal die Woche, übertragen in die Excel-Tabelle. Sicherheitskopie auf Diskette. Warum er diese Messungen nur drinnen machte, was mit den Daten passierte und wieso er sich im Frühling und Herbst eine Pause gönnte, blieb sein Geheimnis. Anfangs hatte sie noch reklamiert, wenn nachts der Wecker mit der italienischen Nationalhymne ertönte. Harald ließ sich zwar nicht davon abbringen («der Nachtwert ist der spannendste»), wechselte aber nach drei Wochen zu Puccini.
«Siebzehnter Juli 1994. Der Tag des Endspiels. Sieben Uhr zwei. Messstation drei. Flur. Einundzwanzig Komma vier. Ein-und-zwanzig-Komma-vier.» Laut und deutlich. Sichergehen, dass die Werte auch richtig erfasst werden. An jenem Sonntag ergänzte Harald in jedem Raum, dass es der Tag des großen Endspiels war. Am Abend spielten seine Italiener in Pasadena gegen Brasilien. Paula konnte hören, wie er zwischen den Zimmern die Aufstellung der Squadra Azzurra aufsagte und dabei seine Nummer elf stets wiederholte. «Con il numero undici, Demetrio Albertini.» Mit dem repetierenden Harald driftete Paula zurück in Richtung Schlaf. Sie packte ihr Kissen und klemmte es sich vor den Bauch. Hauptsache irgendeine Form von Nähe. Armselige Gedanken. In dieser Beziehung mit einem Hobbymeteorologen.
Sie öffnete die Augen, wusste nicht, ob sie lächeln oder weinen sollte. Gedanken im Halbschlaf seien dem Unterbewusstsein am dichtesten auf der Spur, hatte Mimi letzthin im Heim gesagt, als mal wieder jemand am Tisch eingenickt war und vor sich hin redete. Paula dachte kurz an Julie, an die großen Veränderungen von nächster Woche, und wieder an Harald. Con il numero undici. Dann döste sie endlich weg.
Manni presste seinen Kopf an die Schranktür und schloss die Augen. Schmerzen. Ein pochendes Ungeheuer, dieser elende Sonntag. Direkt hinter der Stirn.
Im Bett eine aufgebrachte Petra. «2009. Das Jahr des Büffels.» Druck im Kessel.
Er bewegte sich nicht. Alles war zu viel. Das berüchtigte Loch nach dem Rausch.
«Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder?» Petra wurde lauter. Das war keine Frage. Eher eine suggestive Ohrfeige. «Du kommst um halb sechs nach Hause gestolpert. Besoffener Büffel rennt meinen Drachenbaum über den Haufen, um mich um acht wieder zu wecken und zu erklären, dass er spontan für eine Woche auf Reisen geht.» Wer in der dritten Person über Anwesende spricht, hat das Spielfeld des Dialogs längst verlassen. «Und das Allerschlimmste: mit Katastrophen-Steven.» Sie hatte sich im Bett aufgesetzt und schlug mit den Handflächen auf die Matratze. «Du willst mir doch nicht sagen, dass das dein Ernst ist.»
Doch. Mein Ernst. Alle wissen, was ich will. Und nicht bloß das. Sie wissen sogar, was ich nicht will. Dabei will ich nur Ruhe.
«Du rücksichtsloser Büffel!», polterte Petra.
«Es ist doch nur eine Woche», entgegnete Manni und tastete nach seinem Schlafsack, der auf dem Schrank lag. Beim Strecken schoss die letzte Nacht einmal quer durch den Körper.
Dabei hatte alles ganz unspektakulär angefangen. Er war mit seinem ältesten Freund Steven zum Billard und Bier im Karl Karambol verabredet gewesen. Stammkneipe. Stammfreund. Stammproblem. Steven machte mal wieder eine schwierige Phase durch. Seine letzte Anstellung als Fahrer für die Pflegeheime der Region hatte er nach einem Bluttest verloren. Das war neun Monate her. Er hatte der Leiterin des Fahrdienstes noch zu erklären versucht, dass Kiffen am Vorabend den Fahrstil beruhigen würde und die alten Menschen ihn immer für sein ruhiges Steuerrad gelobt hätten. Half alles nichts. Jeder hat seine Auflagen. Steven hatte seither zu Hause rumgesessen, sich dem Online-Poker zugewandt und ohne Pausen Öfen geraucht. Einmal im Monat («mein letzter Zugang zur Gesellschaft») spielte er im Karl Karambol Billard oder Flipper, traf einen von zwei Freunden (Manni oder Mike) und trank Bier. Ausnahmsweise.
Das Karambol war weitgehend leer gewesen. Draußen die vierte Tropennacht in Folge. Kein Wetter für Billard. Es schien aber schon seit Jahren kein wirklich gutes Wetter mehr zu sein für Karl und den Billardsport. Seine besten Jahre hatte das Karambol in den späten Achtzigern gehabt. Das war die Zeit der lokalen Billard-Größen Vokuhila-Franz und Robert, genannt «Kennedy», der mit neonfarbenen Leggings, unwiderstehlicher Technik und John-F-Siegerlachen alles in Grund und Boden spielte.
Die Partien an diesem Abend waren einseitig verlaufen. Nach dem fünften Sieg hatte sich Steven mit den Worten «Mensch, Manni, du bist mit deinem Kopf verdammt nochmal nicht am Tisch» genervt an den Guns N’ Roses-Flipperkasten verabschiedet, wo er wie ein Getriebener auf die Tasten hämmerte und lautstark Gott, die Welt und Axl Rose verfluchte. Manni saß derweil an der Bar, hörte sich Karls Räubergeschichten an (Griechenland-Balkan-Reise Mitte der Achtziger) und trank drei Stangen Helles. Wenn man selbst nicht reden mochte, war man bei Karl an der richtigen Theke. Er war ein Großmeister des Monologs, erwartete keine Beteiligung der Zuhörerschaft und hatte die eigenartige Angewohnheit, sich die Fragen gleich selbst zu stellen. Manni lauschte mit einem Ohr und verfolgte gleichzeitig das Snooker-Spiel im Fernsehen. Im Hintergrund lief Musik aus den Charts. Damit kannte sich Karl gut aus. Bei Pokerface sang er im Refrain ansatzlos die Antwort she’s got me, like nobody mit. Ein Moment für die Ewigkeit. Lady Gaga. Passive Zerstreuung im Halbrausch. Bis Steven angestürmt kam und Manni fast vom Hocker gerissen hätte. «Karl, bring uns irgendwas mit Strom.»
Karl mochte es nicht, unterbrochen zu werden. Der Not gehorchend griff er nach kurzem Protest hoch zu seinen Spirituosen.
«Manni, aus mit der Sparflamme. So kann es nicht weitergehen. Du gibst hier seit Monaten den hadernden Halbschuh, und ich habe mir eine todbringende Doppelsucht angelacht.»
«Ich glaube, du hast genug», warf Karl ein und stellte die Flasche ab.
«Auch damit muss endlich mal Schluss sein», wurde Steven laut. «Nicht Karl Karambol, nicht Steve fucking Jobs, nicht Frau Auflagen beim Fahrdienst. Niemand sagt Steven, was er tun und lassen soll. Auch nicht, wann genug ist. Steven spielt die Kirchenorgel selbst. Bei Knockin’ on Heaven’s Door ist mir ein Licht auf gegangen. Wir brechen unsere Zelte ab, lassen Technik und Rausch hinter uns und gehen auf eine lange Wanderung.»
Manni machte große Augen.
«Ja, mein Freund, eine Wanderung hin zu uns selbst», bekräftigte Steven.
Das wiederum fand Karl sehr überzeugend. Er nickte, stellte zwei Cocktailgläser auf den Tresen und sagte mit sanfter Stimme: «Die besten Ideen starten mit einer Wanderung. Oder einem guten Drink.»
Anna hörte ihre Familie vom Spaziergang nach Hause kommen. Wahrscheinlich hatte Hans die Kinder gebeten, leise zu sein. Sie flüsterten. So, wie Kinder eben flüstern. Sie öffnete die Augen. Sonntagmorgen. Am Ende der Woche wartet das ganze verdammte Dorf in der Kirche auf dich. Sie blickte aus dem Fenster. Die Mauersegler hatten sich schon in den Süden verabschiedet. Eine Zeile von Rilke geisterte ihr seit gestern durch den Kopf. Wir alle fallen. Diese Hand da fällt. Und sieh dir andre an: es ist in allen.
Hans tippte Anna an die Schulter. Sie hatte ihn gar nicht kommen hören.
«Magst du mitkommen zum Amt? Die Kinder würden sich freuen. Ida singt mit dem Chor.»
«Wie geht es der Kleinen?»
«Doch, gut. Ursula ist eine große Hilfe.»
«Aber sie ist selbst noch ein Kind.»
«Mama, ich bin zwölf», mischte sich Ursula vom Gang aus ein.
Anna grinste und schloss die Augen. Hans streichelte ihren Hals.
«Du kannst dich danach sofort wieder hinlegen. Wir werden ohne dich in die Schützenlaube gehen.»
Anna nickte, ohne die Augen zu öffnen.
In der Kirche spürte sie die Blicke auf ihrem Rücken. Und die angenehme Kühle. Die Kinder verhielten sich besonders artig an diesem Tag. Ursula hatte ihre jüngere Schwester Gerda vor der Kirche mehrmals gebeten, auch ja still zu sein. Die kleinste Schwester, seit einigen Wochen endlich auf den eigenen Beinen unterwegs, schlief zufrieden im Wagen.
Ein begnadeter Sänger war Hans nicht. Mit seinem lauten Bass und schiefen Tönen sorgte er für hochgezogene Augenbrauen auf der Vorderbank. Erst zur Hälfte der Messe bemerkte Anna die neuen Glasmalereien, von denen Hans ihr erzählt hatte.
Seine Predigt begann der Pfarrer mit den Worten, dieser September 1961 bringe zwar außergewöhnlich warme, sommerähnliche Temperaturen. Die politische und menschliche Kälte in unseren Breitengraden, die nehme jedoch weiter zu. Er mahnte die Gemeinde, die Herzen offen zu halten, und stellte weitere sonderbare Vergleiche an mit der dicken Mauer, die sie in Berlin gebaut hatten. Anna biss sich auf die Unterlippe. Erzähl du mir nichts von Mauern.
Das letzte Lied war dem Kirchenchor vorbehalten. Gehe ein in deinen Frieden. Annas Blick schweifte ins Kirchenrund. Ihre Augen kreuzten die von Berta, ihrer Freundin aus dem Frauenverein. Berta nickte freundlich. Und sie schaute in die tiefen Augenhöhlen des unheimlichen Metzgersohnes. Dessen Gesicht war fahl und frei von Freundlichkeit. Auch die Frau vom Dorfladen drehte sich um, ihre Blicke fragend. Wo warst du all die Wochen? Immerzu schickst du deine Kinder.
Hastig senkte Anna den Kopf.
«Gleich hast du es geschafft», flüsterte Hans ihr ins Ohr. Er nahm ihre Hand, während von der Empore die letzten Orgelklänge verhallten.
Draußen wartete Kamil mit seiner Trommel, belustigte die Leute mit einer kuriosen Kombination aus Tanzeinlage und unkoordiniertem Getrommel und verkündete euphorisch das wöchentliche Schießen in der Schützenlaube. Anna musterte ihn. Mit dem ausgeleierten Hut und der zu kleinen Weste über der endlos weiten Hose hatte er sich längst den Ruf eines bärtigen Dorforiginals erspielt. Während die anderen in der Kirche waren, brachte er sich jeweils in der Wirtschaft in Stimmung.
Wie jeden Sonntag schritt eine Gruppe von vierzig Leuten nach der Messe Richtung Schützenlaube. Anna verabschiedete sich von den Kindern. Hans gab Kamil per Handzeichen zu verstehen, dass er dem Tross folgen werde.
Ida hatte sich unterdessen eilig von der Empore geschlichen und drückte ihre Schwägerin Anna, obwohl die steif dastand und ihre Arme hängen ließ. Den Kindern reichte Ida eine Tüte mit Backwerk und signalisierte Hans mit einem einzigen Blick, dass sie sich um Anna kümmern werde.
Ohne weitere Worte machten sich die beiden Frauen auf den Weg.
Harald hatte einen rigiden Frühstücksplan. Am Sonntag bestand dieser aus einem Fünf-Minuten-Ei («dreihundert Sekunden, keine mehr, keine weniger»), einem Aufbackbrötchen (Sesam) und Aprikosenkonfitüre (Pflaume an allen anderen Tagen). Seit sich Paula über seine Eikochmarotten lustig gemacht hatte, fragte er nicht mehr, ob sie ein Ei mitessen wolle. Mit den Eiern fängt es an. Die Eieruhr tickt. Jeden Sonntag fünf Minuten Restliebe weggelöffelt.
Paula füllte stoisch Kaffee in den Filter. Die Frauenstimme im Radio berichtete von Kühen mit Sonnenbrand in Deutschland. Harald setzte einen hellhörigen Blick auf. Jede Hitzewelle war auch seine Hitzewelle. Wäre er eine Farbe, er wäre Beige. Über seinem Platz auf der Eckbank thronte seit dem Tag des Einzugs ein Kunstdruck vom Hundertwasserhaus in Wien. Mit solchen Bildern fängt es an. Irgendwann wird jemand aus der Wohnung getragen. Paula schauderte es. Woher kommen diese Gedanken? Die Reporterin kündigte eine Schaltung zu einer namenlosen Koryphäe vom Max-Planck-Institut an, sagte vorher aber noch die erlösenden Worte: «Erst mal Musik.»
Harald widmete sich seinem Ei, Paula erfreute sich an Meat Loaf.
«Wir könnten ein bisschen rausgehen», sagte Harald noch in der ersten Strophe.
«Wieso meinst du?», fragte Paula. Halb Frage, halb Absage.
«Nur so. Einen Ausflug machen.»
«Jetzt?»
Er nickte. Sie trank noch einen Schluck aus ihrer Grease-Tasse und meinte, dass ihr nicht so gut sei. Sie wolle sich nochmals hinlegen.
«Sicher», sagte Harald. Wie er dasaß in seinem Schlafanzug, mit Ei und Aromat. Wie ein kleines Kind, das niemanden zum Spielen hat.
Im Bett hörte Paula, wie Harald seinen Eierbecher ausspülte, summte und zu sich selbst sagte: «Nichts ist hartnäckiger als getrocknetes Eigelb.» Ihre Augen wurden feucht. Es war auch ihre Schuld, dass das alles so gekommen war. Sie streichelte Haralds Kissen. Der Sabberfleck war noch immer feucht. Harald verabschiedete seinen Becher wie jede Woche mit: «Bis nächsten Sonntag, auf Eiersehen.» Mensch, Harald. Die Tränen schossen, ihr Entschluss stand fest.
Ursula mochte es, in der Schützenlaube zu sein und das Treiben zu beobachten. Zwischen den sonntäglichen Kirchgängen am Morgen und am Abend war das eine willkommene Abwechslung. Die Männer setzten alle ihren schwarzen Schützenhut auf. Besonders erfreuten sich die Kinder an den türkisfarbenen Bändern und Bommeln. Sie versuchten, ihre Väter und Großväter zu animieren, die Köpfe so zu schwingen, dass die Bommel durch die Luft wirbelten. Nach dem mäßigen Erfolg widmeten sich die Sprösslinge ihren Spielen im Schatten der Laube. Ursula übte mit der Kleinen laufen, während ihre andere Schwester Gerda mit dem Ball spielte. Sie war sieben Jahre alt und ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten. Zumindest sagten das die Leute im Dorf.
Ursula lenkte die Kleine in Richtung der Tische, wo die Männer, nachdem der Wein aus den Fässern in die mitgebrachten Flaschen abgefüllt worden war, langsam Platz nahmen.
«Eine Mordshitze ist das», klagte Kamil beim Ablegen seiner Trommel. Ein Glaubensbekenntnis wurde gesprochen. Die etwas größeren Kinder hielten inne, wie ihnen befohlen wurde, und falteten ihre Hände zum Gebet.
Zumeist lockerte Kamil bald schon die andächtige Stille mit einem Witz auf, bei dem nur die Erwachsenen lachten. An diesem Sonntag verzichtete er darauf, verkündete jedoch, dass er «etwas Destilliertes» mitgebracht habe. Die Menge johlte kurz und heftig.
Die Männer hatten sich auf ihre Gewehre zu konzentrieren und fachsimpelten über Material und Technik. Kamil scherzte, dass sein Aprikosenwasser für eine besonders ruhige Hand sorge.
Ohne Vorwarnung fragte Henry, der Mann mit dem dunklen Teint und der Schauspielerfrisur: «Du, Hans, was ist eigentlich mit Anna? Hat sie es mit den Nerven?»
Ursula schaute zu ihrem Vater hoch. Augenblicklich wurde es still in der Runde.
«Müde ist sie», antwortete Hans nach einer kurzen Pause. «Der letzte Winter war streng. Mit dem Spätabort … Zum zweiten Mal …»
Er suchte nach Worten. Kamil schaute ernst zu ihm hinüber. So hatte Ursula den Trommler noch nicht gesehen.
«Die unausgesprochenen Dinge sind die schwierigsten», sagte Henry, stand auf und trat in den Schützenstand. Die anderen Männer blickten zu Hans, dann auf die Schießanlage und warteten, bis endlich der erste Schuss erklang.
Ursula suchte vergeblich Augenkontakt mit ihrem Vater.
Hans sah zur Kapelle hoch. Was wollte Henry ihm damit sagen? Sicher, Henry nahm nie ein Blatt vor den Mund. Er war ein Mann der klaren Sprache. Keine Floskeln oder Andeutungen. Stets war Henry derjenige, der in der Gemeindeurversammlung aufstand und die unangenehmen Fragen stellte. Nachfragen brauchte es bei ihm keine. Aber was kümmerte ihn Annas Zustand? Und wieso fragte er nicht unter vier Augen?
Er kannte Henry schon lange. Es war keine freundschaftliche Beziehung im eigentlichen Sinn, aber eine doch vertraute Bekanntschaft, zwei Leben mit vielen Berührungspunkten. Sie waren gemeinsam in der Rekrutenschule gewesen, ihre Frauen unterrichteten im selben Schulhaus, und beide waren sie Aktivmitglied in der Gesangsvereinigung Loge Immerfeucht.
Im Dorf gab es vier Möglichkeiten, die Menschen aufzuteilen. Sie wählten schwarz oder sie wählten gelb, sie hatten Reben oder nicht, sie waren Mann oder sie waren Frau und: Sie mochten Henry oder sie gingen ihm aus dem Weg.
Hans gehörte zu den wenigen, die ein zwiespältiges Verhältnis zu Henry hatten. Er schätzte einerseits seine direkte Art und den Enthusiasmus für Angelegenheiten, die über die Dorfgrenze hinausgingen. Sein weltmännisches Auftreten und das Umgarnen der weiblichen Dorfgesellschaft hingegen waren ihm mehr als suspekt. Kamil hatte Henry vor Jahren bei einem Streit im Bahnhofbuffet einen Satz an den Kopf geworfen, den er schon länger mit sich herumgetragen hatte und der bei Gleichgesinnten zum geflügelten Wort geworden war: «Du meinst, du seist eine Mischung aus James Dean und Konrad Adenauer, dabei bist du Sohn eines alten Rebstocks und kein bisschen schlauer.»
Henry schoss eine makellose erste Runde. Ein grausam guter Schütze war er, unter Druck und Beobachtung stehend gar eine Note zielsicherer. Als er sich wieder hinsetzte, notierte er sein Resultat und gab Hans Grüße an Anna mit.
Hans schloss langsam die Augen, holte Luft und erhob sich. Die Reihe war an ihm.
«Wir wollten doch endlich mal reden.» Pause. «Richtig reden.» Petra seufzte noch lauter, als sie es für gewöhnlich in solchen Situationen tat. Manni rollte innerlich die Augen. Laut Seufzen ist fast die unterste Schublade der Streitkultur, kurz nach Telefonaufhängen.
«Ja eben. Für ein richtiges Gespräch braucht es hinreichend Vorarbeit. Diese Woche wird auch uns von Nutzen sein. Steven und ich wollen zu uns finden, mit Klarheit sehen, uns einmitten.»
«Einmitten? Von Nutzen sein? Du bist doch noch betrunken.»
Er hatte nicht erwartet, dass sie sich über seine Absichten freuen würde. Aber diese Reise sollte tatsächlich auch ihrer Beziehung dienen. Endlich mal klare Ansagen machen. Petra wollte nach Kanada. Drei Jahre Winnipeg. Arbeiten im Forschungsprojekt an der Uni («einmalige Chance»), Englisch lernen («super Gelegenheit»), im Van das Land erkunden («stell dir das mal vor, wir zwei im Yoho-Nationalpark»). Anschließend: Rückkehr und Familie gründen («perfekter Zeitpunkt»). Alles in genau der Reihenfolge. Alles genau so, wie in Petras Kopf ausgemalt.
«Am Ende dieser Woche werde ich dir Antworten liefern. Canada. The Peg. The Future. The Family.»
«The bescheuert!», wetterte Petra, stand ruckartig auf und verschwand in die Küche, wo sie weitere Salven Richtung Schlafzimmer abfeuerte: «Und diese Sprache. The Future. Hinreichend. Antworten liefern. Wie redest du? Gestern hieß es noch kältestes Loch der Welt und Kackwindeln. Ein Vollquatsch ist das.» Die Zubereitung ihres allmorgendlichen Vitamindrinks erfolgte in entsprechender Geräuschkulisse. Laut, schnell und von Wut erfüllt.
In so einer Lage gewinnt man am besten etwas Zeit auf dem Klo. Deeskalation bei der Morgentoilette. Absitzen, kurz sammeln, einen ersten Satz parat legen, Gesicht waschen, den freundlichen Blick im Spiegel überprüfen. Kaffee kochen, Tassen rausholen und einen Schritt auf das Gegenüber zugehen.
Noch bevor Manni überhaupt in die Nähe der Kaffeekanne kam, redete Petra Tacheles: «Also, Indiana Jones, hier kommt meine Ansage. Tu, was du nicht lassen kannst. Mitte dich mit deinem Kiffkopf ein. In einer Woche habe ich eine Entscheidung zu Kanada. Sonst bin ich weg.»
Als er leergeschluckt zur Antwort ansetzen wollte, unterbrach sie ihn forsch: «Und sieh bloß zu, dass du pünktlich zum Fest zurück bist.»
«Auf keinen Fall verpasse ich Mimis Geburtstag. Und … Danke für dein Verständnis.» Er versuchte, ihr die Schulter zu streicheln.
«Glaub ja nicht, dass ich diesen Quatsch wirklich unterstütze», riss sie sich los. «Erwachsene Menschen sollten auch ohne einen Abenteuertrip Entscheidungen treffen können.»
Manni widmete sich mit hängendem Kopf der Kaffeekanne. Zu gekonnter Deeskalation gehört auch zu wissen, wann man den Rückzug antreten muss.
In zwei Stunden steht Steven vor der Tür. Frische Luft wird helfen.
«Du solltest mit dem Herrn Pfarrer reden», sagte Ida, während sie den Tisch abräumte. «Du könnest dich jederzeit bei ihm melden. Er ist ein so vorzüglicher Seelsorger. Und er hat sich immer um euch Lehrerinnen gekümmert.»
«Indem er gesagt hat, eine Lehrerin verliere in der Bekanntschaft mit einem Mann ihre Sicherheit vor den Kindern?», entgegnete Anna. Sie faltete das rot-weiß karierte Tischtuch langsam zusammen und legte es auf die Bank.
«Anna, du willst doch nicht den Herrn …»
«Entschuldige, Ida. Lass uns Kuchen backen», lenkte Anna ein. «Die Kinder werden sich freuen.» Sie versuchte sich an einem Lächeln. «Und du hast doch bestimmt eine deiner Geschichten mitgebracht.»
Ida war nicht danach. Anna war öfters ausweichend und wenig redselig. Aber wenn es um den Pfarrherrn ging, bekam ihre Stimme etwas ungewohnt Bissiges.
Anna holte die Butter aus dem Kühlschrank. Die restlichen Zutaten und das Rezeptbuch hatte Hans schon bereitgelegt. «Hier steht: die Butter schaumig rühren und nach und nach Zucker, Vanillezucker, Eier und Salz hinzugeben. Alles vermengen.»
Ida tat, wie ihr befohlen. Für eine Weile waren die beiden Schwägerinnen in die Herstellung des Teigs vertieft. Erst als Ida die klebrige Masse mit einem Teigschaber in der Form glattstrich, begann sie ansatzlos, von der waghalsigen Eunice Winkless zu erzählen, die sich 1905 in Colorado im Rahmen einer Wette mit einem Pferd von einem zehn Meter hohen Gerüst in ein Wasserbecken gestürzt hatte. «Über tausend Menschen hatten nicht schlecht gestaunt, als sie Eunice in ihrem weißen Kleid auf dem Holzgerüst erblickten.»
Anna liebte es, wenn Ida Geschichten erzählte. Über die Jahre hatte sie von vielen Legenden gelesen, absurden Ereignissen aus aller Welt. Meist von Menschen, die sich auflehnten oder andere Idee hatten. Ida träumte davon, die Episoden irgendwann in einem Buch zu sammeln. «Das Tragische war, dass Eunice vor Gericht erscheinen musste, um die zugesicherten hundert Dollar zu bekommen. Nur weil sie eine Frau war.»
«Und in fünfzig Jahren hat sich nichts verändert», schüttelte Anna den Kopf.
«Dabei stürzen auch wir uns täglich in die Tiefe», lächelte Ida und schob die Kuchenform in den Backofen. «Möchtest du, dass wir zur Schützenlaube spazieren, zu Hans und den Kindern?»
«Nein. Ich würde mich lieber noch etwas hinlegen. Morgen fahren wir auf die Alp hoch. Das wird eine mühsame Reiserei.»
«Sei unverzagt, Schwägerin. Hans hat mich gefragt, ob ich für ein paar Tage mitkommen will. Vielleicht könntet ihr etwas Unterstützung gebrauchen.»
Einen kurzen Moment zögerte Anna. «Die Kinder würden sich freuen. Und du könntest deine Geschichten erzählen.»
«Dann werde ich am Dienstag nachkommen.» Ida nahm ihre Hand. «Und jetzt ruh dich aus, ich warte hier und mache inzwischen die Küche sauber.»
«Du bist ein Engel», flüsterte Anna und verabschiedete sich.
Manni hatte Steven gebeten, unten zu warten, um nicht zusätzlich Öl ins Feuer zu gießen. Weitere Eskalationsstufen waren tunlichst zu vermeiden. Petra hatte nicht vor, sich noch zu beruhigen, und gab bei Fragen nach Zelt und Medikamenten ausschließlich bissige Antworten («Helden stellen keine Fragen» und «Ritalin für Steven nicht vergessen»).
Die Verabschiedung: ein Kuss, frei von Liebe, Widerwillen wegen der Alkoholfahne und ein bedrohlich klingendes «Samstagmittag».
Auch wenn er froh war, aus dem Haus zu kommen, hatte Manni inzwischen eingesehen, dass dieser Trip möglicherweise nicht die beste Idee war.
Steven saß auf der Treppe bei den Briefkästen, tippte in sein Handy und zog gierig an einem Joint.
«Was ist los? Kein Rausch und keine Technik war die Ansage.»
«Das ist ja eine Begrüßung», blies Steven dichten Rauch aus den Wangen. «Keine Angst, Fidel. Das Telefon klebe ich in euer Milchfach und der letzte Joint ist aus in drei, zwei, eins.» Er nahm einen letzten tiefen Zug, verabschiedete sich mit einer mächtigen Wolke und den Worten: «Babe, I’m gonna miss you.»
«Und wo sind deine Sachen?», fragte Manni irritiert. Steven hatte nur seinen löchrigen roten Eastpak-Mini-Rucksack dabei.
«Wenn das Reiseziel nicht bekannt ist, wäre jedes Gepäck außer Unterhosen, Socken und Shirts das potenziell verkehrte. Und zudem: Es ist 2009, ich besitze eine Kreditkarte. Und du, MacGyver? Ein Zelt? Glaub ja nicht, dass ich mir das mehr als eine Nacht antue.»
Manni schielte nach oben. Insgeheim hatte er gehofft, Petra am Fenster stehen zu sehen. Doch noch ein gutes Gefühl zum Abschied, ein versöhnliches Winken, eine Geste der Zuversicht. Zu sehen war aber nur Frau Bollinger im ersten Stock, die beharrlich am Küchenfenster stand und beobachtete, wo es nichts zu beobachten gab.
«Hilft alles nichts», entwich es ihm.
«Was?», sagte Steven. «Selbstgespräche kannst du dir für die nächsten Tage auch abschminken. Hier herrscht der Dialog, Agent Zitteraal.»
Es war wie im Fiebertraum, andauernd wachte Paula auf. Sie hörte Harald, wie er im Nebenzimmer telefonierte. Wahrscheinlich mit seinem Bruder. Der war der einzige Mensch, mit dem Harald sonst noch telefonierte. Aber eigentlich auch nur an Weihnachten oder Geburtstagen. Aus dem emotionslosen Gebrumme hörte sie italienische Ziffern heraus. Klar. Das Endspiel. Jungs. Männer. Fußball. Krabbelecke.
Nach dem Gang ins Bad folgte als Erstes der erprobte Blick in den Spiegel. «Hallo Paula», hatte sie dann immer gesagt, verbunden mit der Gestik einer Nachrichtensprecherin. Heute nicht. Es war ihr nicht nach Jux. Sie studierte die bitteren Augen, hatte Mühe, Blickkontakt mit sich selbst zu halten. Im Radio spielten sie die Singlecharts von vor zwanzig Jahren. Platz acht. The Golden Age of Rock 'n' Roll von Mott the Hoople. «Damals mit Queen auf Tour. Kennt heute fast niemand mehr. Schade eigentlich.» Super Satz. Moderatorenfloskel. Schade eigentlich. Der Song stand ihrer Stimmung diametral entgegen und löste im Spiegel sichtbares Unbehagen aus. Just als sie das Radio ausmachen wollte, erklangen die ersten Takte von Nummer sieben. Waterloo. Sie blickte auf. Hallo Paula, nickte sie sich zu. Erinnerst du dich? Sommer 74. Fünfzehn Jahre alt. Zum ersten Mal verliebt, in den strahlenden Andreas. Der erste Liebeskummer. Andi interessierte sich nicht für Jüngere. Die unglücklichen Wochen auf der Alp, weg von ihren Freundinnen, eingebrannt in der jungen Seele. Kein Trost von der Verwandtschaft, nur das Transistorradio und eine ABBA-Kassette, die der Onkel aus dem Jugoslawien-Urlaub mitgebracht hatte.
Harald klopfte an die Badzimmertür: «Ist das ABBA?»
«Was ist denn?», fragte sie schroff zurück. Was soll man da auch antworten.
Er suchte nach Worten und trommelte dabei gegen die Badezimmertür.
«Wollen wir jetzt noch eine Runde spazieren gehen? Vielleicht kurz bei Esposito vorbeischauen?»
«Gib mir eine Viertelstunde.» Sie stellte das Radio wieder lauter und schaute sich im Spiegel zu, wie sie sein Türtrommeln nachäffte. Ach, Harald, es tut mir so leid. Platz sechs. Sugar Baby Love von The Rubettes. Ein zynischer Abgesang auf jenen Sonntagvormittag. Wäre die Situation nicht so verdammt bitter gewesen, sie hätte ihr zumindest ein Lächeln entlockt.
Für Harald war die Welt, wie sie immer war. Er grüßte alle, die seinen Weg kreuzten. Selbst die Unbekannten. So war das in Haralds Welt. Er berichtete Paula die letzten Neuigkeiten aus dem Camp der italienischen Nationalmannschaft. Über Ecken kannte sein Bruder einen gewissen Giovanni von der Gazzetta dello Sport. Und dieser Giovanni war den Begebenheiten dicht auf der Spur. «Manchmal ist Giovanni dem Geschehen sogar voraus», witzelte Harald, ohne dass Paula eine Miene verzog.
Als der Kiosk der Espositos in der Ferne zu sehen war, bat Harald Paula mit Nachdruck, nichts von den bahnbrechenden Neuigkeiten betreffend Aufstellung und Fitnesszustand auszuplaudern. «Nicht, dass Giovanni Ärger kriegt. Du kennst die Espositos. Kleiner Kiosk, aber Kontakte nach ganz Italien.»
«Ich kann mir sowieso nichts merken», beruhigte sie ihn.
Und schon waren die Begrüßungssalven von Gino Esposito zu hören. «Araldo, amico mio, è arrivato il giorno!» Gino herzte seinen «Araldo» lange, ehe er sich Paula zuwandte: «Oh Paula, du brauchst jetzt ein Caffè Doppio von deine Freund Gino. Non c’è problema.»
Ginos Frau Carla winkte freundlich aus dem Kiosk, hielt den Siebträger der Espressomaschine hoch und betätigte die Stereoanlage. Musik gab es nur, wenn Gäste da waren.
Gino begann direkt, den Song Gianna von Rino Gaetano mitzusingen. Dabei ersetzte er «Gianna» jeweils durch «Paula». «Paula, Paula aveva un coccodrillo e un dottore.» Dabei tänzelte er leichtfüßig, was Harald spontan zum übertriebenen Mitwippen und einem «grande Gino» verleitete. Paulas Empfinden machte im gleichen Atemzug einen Rückwärtssalto von ehrlich zu peinlich berührt. Ach, Harald, ich will kein Mitleid haben.
«Wir sind noch keine Stunde gelaufen», insistierte Manni, nachdem Steven die Tankstelle am Ortsausgang zur ersten Raststätte erklärt hatte.
«Ja und? Wir haben die ganze Woche Zeit», entgegnete Steven. «Eine Expedition wird in Ruhe angegangen. Rast und Ruh. Das ist die beste aller Tankstellen: das einzig wahre Thunfisch-Sandwich, nette Menschen und saubere Toiletten für adretten Stuhlgang.»
Manni mochte nicht diskutieren. Schon jetzt auf Kriegsfuß mit diesem heillosen Unterfangen. Dünger für schlechtes Gewissen.
«Und mal abgesehen von Leckereien und Klo: Wir müssen hier noch ein paar Dinge schriftlich festhalten. Regeln, Vorhaben, Sanktionen, das große ABC des Qualitätsmanagements.»
Manni schüttelte den Kopf. «Du hast sie doch nicht alle.»
«Stimmt, Inspektor. Darum sind wir hier. Und du, mein Freund und Miesepeter, hast halt auch nicht alle Federn im Fell. Wir müssen über deine Depressionen reden. Deine Familiengeschichte. Schwermut in deinen Genen. Ziellosigkeit. Über fehlende Kompetenzen in der Kommunikation. Halb Mensch, halb Funkloch.»
Manni hielt Steven seine flache Hand auf die Brust. «Jetzt geh du erst mal in Ruhe auf den Thron. Ich bestelle Kaffee, Papier und Stift. Und du hörst auf mit deinem Gelaber.»
Steven schaute böse, überlegte kurz, weiterzureden, verschwand dann aber, verworrene Unmutsbekundungen fauchend, Richtung Toilette.
Auf dem Rückweg erblickte Steven am Nebentisch seinen ehemaligen Oberstufenlehrer Frank, der Mitglied der freiwilligen Feuerwehr war (Captain Frank). Nach getaner Arbeit hing der stämmige Mittfünfziger am Tresen über seinem Bier, als wäre er tagelang im Einsatz gewesen.
«Haben einen Halbnackten aus einer Birke holen müssen.»
«Und was wollte der da?»
«Wenn man das wüsste. Entweder bei Margrit spannen oder irgendwelche okkulten Erfahrungen mit blutigen Bäumen machen.»
«Habt ihr nicht gefragt?»
