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Weihnachten eine Zeit voller kleiner Wunder. Diese stimmungsvollen Geschichten erzählen von besonderen Begegnungen, die Herzen öffnen und Menschen zusammenbringen. Ob herzliche Nachbarschaftsgrüße, eine unerwartete Autopanne oder ein Missverständnis am Weihnachtsbaum Ingeborg Reinhold fängt mit warmherzigen Erzählungen die Magie der Weihnachtszeit ein. Zum Innehalten, Nachdenken und Genießen. Die erweiterte Neuauflage enthält drei neue Geschichten und erscheint als hochwertiges Hardcover mit Lesebändchen ein Buch zum Selberlesen oder Verschenken.
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Seitenzahl: 104
Veröffentlichungsjahr: 2025
Ingeborg Reinhold
Übersetzung „O Bethlehem, du kleine Stadt“ von Helmut Barbe
nach dem englischen „O little town of Bethlehem“
von Phillips Brooks (1868)
© 2025 Brunnen Verlag GmbH, Gießen
[email protected]; www.brunnen-verlag.de
Die Nutzung von Bild-, Sprach- und Textdaten für sog.
KI-Trainings und ähnliche Zwecke ist nur nach vorheriger
schriftlicher Genehmigung erlaubt.
Lektorat: Carolin Kotthaus
Umschlagfoto: Adobe Stock
Umschlaggestaltung: Daniela Sprenger
ISBN Buch 978-37655-3360-0
ISBN E-Book 978-3-7655-7770-3
Nikolausgrüße
Freundschaftsdienste
Autopanne im Dezember
Ein Korb voll Cox Orange
Besuch aus Nazareth
Falschgeld am Weihnachtsbaum
Die Krippenpuppe
Rückkehr nach Hause
Die Stollen -Tradition
Geöffnete Herzen
Eine fast perfekte Christmette
Die Geschichte von Ochs und Esel
Eine schöne Bescherung
Zeitungsbekanntschaft
O Bethlehem, du kleine Stadt
Heiße Weihnachten
Im Licht des Sterns
Kiefernduft
„Bis heute Abend dann, Carola“, verabschiedet sich Stefan von seiner Frau und küsst sie zärtlich auf die Nasenspitze, bevor er die Wohnungstür hinter sich schließt.
Carola muss lächeln; sie mag es, wenn Stefan ihre Nase küsst. Schade, dass er heute Dienst hat, aber Krankenpfleger werden eben auch am Wochenende gebraucht. Na gut, sie wird den Samstag zum Plätzchenbacken nutzen, dabei ist sie sowieso am liebsten allein. In einer Zeitschrift hat sie unlängst ein paar neue Rezepte entdeckt, die will sie gern ausprobieren.
Als Carolas Blick zufällig den Kalender streift, hält sie inne. Heute ist der 5. Dezember, morgen also Nikolaustag. Nun, die kleinen Päckchen an die Kinder in der Familie hat sie rechtzeitig abgeschickt, mehr gibt es in Bezug auf Nikolaus hier in der neuen Wohnung für sie nicht zu tun.
Bis letztes Jahr ist das anders gewesen. Da haben sie noch in einem Haus mit fünf weiteren Familien gewohnt, die sich seit Jahren, nein, seit Jahrzehnten kannten. Während der Urlaubszeit holte man die Post der verreisten Nachbarn aus dem Briefkasten und nahm die Balkonblumen gegenseitig in Pflege. Man kauftefüreinander ein, wenn es jemandem mal nicht so gut ging, und im Sommer wurde auf dem Wäscheplatz hinter dem Haus gemeinsam gegrillt.
Zur festen Tradition ihrer Hausgemeinschaft gehörte es auch, dass Carola jedes Jahr am Nikolaustag den anderen fünf Familien eine kleine Überraschung an die Tür hängte. Nicht viel, ein paar Schokoladen- oder Marzipanpralinen, eine kleine Kerze oder einen selbst gebastelten Strohstern, immer geschmückt mit einem grünen Tannenzweig. Jeder hatte sich über diese Kleinigkeit gefreut.
Aber das ist nun vorbei. Weil die Kinder inzwischen aus dem Haus sind und eigene Familien gegründet haben, brauchen Stefan und Carola keine vier Zimmer mehr. Und darum sind sie vor einigen Monaten in eine kleinere Wohnung umgezogen.
Hier in der Steinstraße haben sie ein schönes neues Zuhause gefunden, aber die Mitbewohner sind ihnen bis heute fremd geblieben. Nicht nur ihnen ergeht es so. Die Mieter scheinen alle keinen Kontakt untereinander zu haben. Man grüßt zwar höflich, wenn man sich im Treppenhaus begegnet, aber das war es auch schon. Nicht einmal über das Wetter wird geredet.
Schade, denkt Carola, da kann man eben nichts machen. Aber wieso eigentlich nicht? Es käme auf einen Versuch an. Plötzlich hat sie eine Idee …
Carola lässt die aufwendigen neuen Rezepte für später liegen und backt die vertrauten Weihnachtsplätzchen. Das geht schnell, da braucht sie gar nicht erst ins Rezept zu schauen.
Dann kramt sie die große Bastelkiste unter ihrem Bett hervor. Irgendwo zwischen bunten Stoffstücken, Garnknäueln, Bändern und allerlei verschiedenen Papierresten muss sie noch eine Rolle Goldfaden und eine ausgediente Pralinenschachtel mit Bastelstroh haben.
Tatsächlich, die Schachtel lacht ihr schon entgegen, als sie den Deckel abnimmt, und den Goldfaden hat sie auch bald gefunden. Carola zündet sich eine dicke rote Adventskerze an und stellt sie auf den Küchentisch, legt das Bastelstroh, die Fadenrolle und eine Schere daneben. Bevor sie sich an den Tisch setzt, legt sie noch eine CD mit Weihnachtsliedern ein.
Laut und fröhlich singt sie mit, dabei bastelt sie mit geschickten Händen acht Strohsterne. Sie bindet die Halme mit dem Goldfaden zusammen, beschneidet sie zum Schluss behutsam und filigran. Jeder Stern ist ein Unikat, einer schöner als der andere.
Auf dem Balkon liegt noch ein Rest Tannengrün, der vom Adventsstrauß übrig ist. Davon schneidet sie acht kleine Zweige zurecht.
Inzwischen sind längst alle Plätzchen gut ausgekühlt. Carola kramt in einer Küchenschublade nach den Folienbeuteln, die sie kürzlich gekauft hat. Da sind sie, die zwölf kleinen Tütchen aus Klarsichtfolie, mit goldenen Sternen bedruckt. Sie nimmt acht davon und füllt jedes mit ein paar Plätzchen. Wie werden wohl die Mitbewohner reagieren, wenn sie morgen früh einen Gruß vom Nikolaus an der Tür hängen haben? Bei dem Gedanken muss sie lächeln.
Als Stefan vom Dienst nach Hause kommt, ist er sofort im Bilde. Er schmunzelt: Auf dem niedrigen Flurschrank liegen aufgereiht acht Plätzchentüten, alle mit schmalem Goldband zugebunden und mit einem grünen Tannenzweig und einem Strohstern geschmückt.
„Na, du Nikolaus“, neckt er seine Frau, „du willst also auch hier wieder etwas an die Türen hängen?“
„Klar“, antwortet Carola nur, als sei das schon längst ihr Plan gewesen.
„Aber hier nimmt doch keiner den anderen wahr und niemand redet ein Wort zu viel miteinander!“
„Genau deshalb will ich es ja machen. Vielleicht muss einfach mal jemand anfangen mit dem Freundlichsein.“
„Das ist typisch meine Carola! Da bin ich aber gespannt. Und warum acht Päckchen? Es wohnen nur sieben Mieter außer uns im Haus.“
Carola verdreht die Augen: „Weil ich an unsere eigene Tür natürlich auch etwas hänge! Es muss schließlich nicht jeder gleich wissen, wer der ‚Nikolaus‘ ist.“
Spät am Abend schleicht sie leise durchs Treppenhaus und hängt an alle acht Wohnungstüren ihre kleine Überraschung.
Die Auswirkung ist höchst verblüffend. Da keiner weiß, wo die Tütchen herkommen, hält jeder den anderen für den freundlichen Nikolaus und findet plötzlich ein nettes Wort für ihn, das über „Guten Tag“ oder „Guten Abend“ hinaus geht. Es ist, als wäre ein Schalter umgelegt worden.
Nachbarinnen, die seit Jahren Tür an Tür wohnen und praktisch nichts voneinander wissen, tauschen auf einmal Strickzeitschriften aus und erzählen sich beim Wäscheaufhängen von den Weihnachtsfesten in ihrer Kindheit. Männer, die nur mal schnell eine Flasche Wein aus dem Keller holen wollen, kommen erst nach einer geschlagenen halben Stunde zurück in ihre Wohnung, weil sie einen Mitbewohner treffen und erst einmal über den örtlichen Fußballklub fachsimpeln müssen und über die Wintersportbedingungen in den österreichischen Alpen.
„Ich kann es nicht fassen, was eine so kleine Sache wie dein Nikolausgruß in Bewegung gebracht hat!“ Stefan ist ehrlich überrascht.
„Warum eigentlich nicht?“ Carola hat sich in den letzten Tagen einige Gedanken darüber gemacht. „Hat nicht das größte Wunder der Welt auch ganz unspektakulär begonnen, mit einem kleinen Kind in einem armseligen Stall? Vielleicht sollten wir viel öfter den Mut haben, ganz kleine Dinge zu wagen. Gott kann Großes und Gutes daraus entstehen lassen – so wie auch das kleine Kind in Bethlehem zum Retter für alle Menschen wurde.“
Stefan mag es normalerweise nicht so sehr, wenn seine Frau das letzte Wort hat. Aber dem hat er einfach nichts mehr hinzuzufügen.
Obwohl die kleine Eigenheimsiedlung am Rande der Großstadt schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel trägt, hat sie nichts von ihrem Reiz verloren. Die Häuschen und Grundstücke wechselten zwar gelegentlich ihre Besitzer, aber sie sind noch ebenso hübsch und gepflegt wie eh und je. Geblieben ist auch der dörfliche Charakter der Siedlung, und das bedeutet unter anderem, dass man sich untereinander kennt und grüßt und mehr oder weniger alles voneinander weiß.
Umso mehr fällt jemand wie Hubert Stolze aus dem Rahmen. Er lebt seit etwa zehn Jahren in einem der kleineren Häuschen. Anfangs fuhr er noch täglich zur Arbeit, jetzt ist er Ruheständler. Obwohl er meistens zu Hause ist, hat er überhaupt keinen Kontakt zu anderen Siedlungsbewohnern. Nicht einmal zu den Nachbarn rechts und links oder gegenüber.
Anfangs versuchte noch der eine oder andere, mit dem unnahbaren Mitbewohner ins Gespräch zu kommen. Ohne Erfolg. Selbst auf ein freundliches und unverfängliches „Guten Morgen, Herr Stolze!“ antwortete dieser, wenn überhaupt, nur mit einem undefinierbaren Gebrummel. So dauerte es nicht lange und Hubert Stolze wurde als kauziger Sonderling abgeschrieben. Seitdem lässt man ihn einfach links liegen. Umso erstaunlicher ist das, was in diesem Sommer geschehen ist.
An einem heißen Julitag wollte Herr Stolze seine Gartenwege und eine Fläche für die Sitzecke hinter dem Haus neu pflastern. Der Baustoffhändler hatte einen Berg kleiner Pflastersteine auf dem Fußweg vor dem Gartentor abgekippt. Und nun brachte sie der hemdsärmelige Hausbesitzer mit seiner Schubkarre nach und nach in den hinteren Teil des Grundstücks.
Mit einem Mal stand der achtjährige Philipp vom Haus gegenüber neben dem Gartentor. Er schaute interessiert eine Weile zu und fragte dann: „Darf ich mitmachen?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, begann Philipp, die Pflastersteine in die Karre zu laden.
Hubert Stolze ließ ihn gewähren. Stumm arbeiteten die beiden eine halbe Stunde lang Seite an Seite. Als die letzten Steine nach hinten gebracht waren, klopfte sich der Junge die Hände an seiner kurzen Jeans ab: „So, ich geh dann mal wieder.“
Herr Stolze wischte sich mit einem großen Taschentuch über Stirn und Nacken, sah seinen kleinen Helfer an und räusperte sich: „Ich denke, vorher hast du dir mindestens ein Glas Saft verdient, meinst du nicht auch?“
„Das wäre nicht schlecht!“ Philipp strahlte.
Hubert Stolze verschwand im Haus und kam bald darauf mit einem Korb am Arm wieder zurück. Er holte eine Flasche Apfelsaft, zwei Gläser, eine Schüssel frische Kirschen und eine Dose Kekse heraus. Damit machten es sich der kleine und der große Mann in der schattigen Sitzecke bequem.
Zwischen zwei Keksen fragte der Ältere: „Wie heißt du eigentlich?“
Der Junge spuckte schnell einen Kirschkern aus, bevor er antwortete: „Ich bin Philipp.“
Hubert Stolze streckte ihm seine Hand hin: „Und ich heiße Hubert.“
Wortlos schlug Philipp ein und damit war die Freundschaft der beiden besiegelt. Sie dauert bis heute an.
Inzwischen ist der vierte Advent da und die kleine Siedlung liegt tief verschneit. In jedem Vorgarten findet man einen mit elektrischen Kerzen geschmückten Tannenbaum, nur Herr Stolze beteiligt sich nicht daran. Mit diesem ganzen Weihnachtskram hat er nichts am Hut. Gerade sitzt er am Frühstückstisch, genießt in aller Ruhe den frisch gebrühten Kaffee, das knusprige Toastbrot und sein weiches Sonntagsei, als es Sturm klingelt und jemand heftig an die Haustür trommelt. Überrascht öffnet er, und der kleine Philipp fällt ihm regelrecht entgegen.
„Bitte, du musst mir helfen, Hubert!“, stößt er aufgeregt hervor.
„Um Himmels willen, was ist denn passiert?“ Erschrocken zieht Herr Stolze seinen jungen Freund ins Haus.
„Kannst du mich zur Stadtkirche fahren? Bitte!“ Flehend schaut der Junge ihn an.
„Warum fahren dich deine Eltern nicht?“
„Das ist es ja, sie sind nicht da! Papa hat Dienst, er ist doch Busfahrer. Und Mama bringt unsere Nachbarin Frau Arnold zum Notdienst ins Krankenhaus, weil sie vor dem Haus schlimm gestürzt ist. Sie ist bestimmt nicht so bald zurück. Jetzt weiß ich nicht, wie ich zum Adventsgottesdienst komme. Bitte Hubert, kannst du mich hinbringen?“ Philipp ist ganz rot im Gesicht vor lauter Aufregung.
„Moment, Moment“, Hubert Stolze muss sich erst einmal setzen. „Du möchtest, dass ich dich zur Kirche fahre?“
„Ja, bitte, bitte!“
„Und wieso musst du da so dringend hin?“
„Na, weil heute der vierte Advent ist. Da führen wir doch ein Krippenspiel auf“, erklärt der Junge ungeduldig.
„Nun, das werden sie ja wohl auch ohne dich schaffen. Auf einen Hirten mehr oder weniger kommt es sicher nicht an.“
„Hirte? Aber ich bin doch kein Hirte! Ich spiele den Josef, Hubert! Ein Krippenspiel ohne Josef, das geht doch nicht!“
Hubert Stolze kann später nicht mehr sagen, warum er sich überzeugen lässt. Vielleicht ist es das wortreiche Argumentieren des sonst eher stillen Jungen. Jedenfalls zieht er einen dicken Pullover über und warme Schuhe an, fährt das Auto aus der Garage und lässt Philipp hinten einsteigen.
„Ich glaube, ich bräuchte eigentlich einen Kindersitz für dich, oder nicht? Na egal, ich habe sowieso keinen. Hoffen wir, dass alles gut geht“, grummelt Herr Stolze und fährt los.
Als sie vor der Stadtkirche ankommen, springt der Junge schnell aus dem Auto. Er muss sich für seinen großen Auftritt noch umziehen.
Im Laufen dreht er sich noch einmal um: „Kommst du mit in die Kirche?“ Aber er kann nicht auf die Antwort warten, dafür hat er nun wirklich keine Zeit mehr.
