Kleiner Irrtum, Papa! - Viola Maybach - E-Book

Kleiner Irrtum, Papa! E-Book

Viola Maybach

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Beschreibung

Diese Serie von der Erfolgsschriftstellerin Viola Maybach knüpft an die bereits erschienenen Dr. Laurin-Romane von Patricia Vandenberg an. Die Familiengeschichte des Klinikchefs Dr. Leon Laurin tritt in eine neue Phase, die in die heutige moderne Lebenswelt passt. Da die vier Kinder der Familie Laurin langsam heranwachsen, möchte Dr. Laurins Frau, Dr. Antonia Laurin, endlich wieder als Kinderärztin arbeiten. Somit wird Antonia in der Privatklinik ihres Mannes eine Praxis als Kinderärztin aufmachen. Damit ist der Boden bereitet für eine große, faszinierende Arztserie, die das Spektrum um den charismatischen Dr. Laurin entscheidend erweitert. Johannes Nolte wirbelte durch die Küche, wie immer, wenn sich die Familie traf, zu der außer seiner Frau Anja und den drei Kindern Niko, Frederik und Felicia und seiner Mutter Lieselotte neuerdings auch noch die Freundinnen seiner Söhne gehörten. Sie kamen alle vier bis sechs Wochen bei den Noltes zusammen, in ihrem Haus südlich von München. Im Sommer saßen sie auf der Terrasse oder im Garten unter der alten Kastanie, im Winter drängelten sie sich im Esszimmer, dessen Tisch allmählich zu klein für die vielen Personen wurde. Wie überhaupt, dachte Felicia, die wie immer als Erste eingetroffen war, das Haus heute viel kleiner wirkte als früher. Ihr war es als Kind riesig vorgekommen, aber je älter sie geworden war, desto mehr war das Haus geschrumpft. Ihre Brüder und sie hatten oben, unter dem Dach, drei kleine Zimmer gehabt, ihr eigenes Reich. Sie waren dort unter sich gewesen und hatten keine Enge verspürt. Heute bewohnte ihre Oma die obere Etage, zum Glück war sie noch gut zu Fuß, sodass die Treppe kein Hindernis darstellte. Aber Felicia wusste, dass ihre Eltern bereits über einen Treppenlift nachdachten – 'für später'. Sie freute sich immer auf die Sonntage bei ihren Eltern, und sie wusste, ihren Brüdern ging es genauso. Deren Freundinnen hatten sich gleich nahtlos eingefügt. Nikos Freundin hieß Sofie, Frederiks hieß Gina. Beide waren aufgeschlossene, selbstbewusste junge Frauen, mit denen Felicia sich gut verstand. Sie seufzte unwillkürlich, als sie an frühere Freundinnen vor allem von Niko dachte. Mit denen hatte sie nichts anfangen können. Richtige Zicken waren das gewesen, sie hatte sich damals oft gefragt, wie ihr liebenswürdiger ältester Bruder an Frauen hatte geraten können, die sich offenbar für nichts anderes interessierten als für ihr Aussehen. Zum Glück schien er diese Phase hinter sich gelassen zu haben. Die meisten von Frederiks Freundinnen hatte die Familie gar nicht erst kennengelernt. Felicia grinste in sich hinein. Freddy hatte nichts anbrennen lassen, ihre Eltern waren seinetwegen in großer Sorge gewesen.

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Seitenzahl: 116

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Der neue Dr. Laurin – 76 –Kleiner Irrtum, Papa!

Felicia verlässt sich auf ihr Gefühl

Viola Maybach

Johannes Nolte wirbelte durch die Küche, wie immer, wenn sich die Familie traf, zu der außer seiner Frau Anja und den drei Kindern Niko, Frederik und Felicia und seiner Mutter Lieselotte neuerdings auch noch die Freundinnen seiner Söhne gehörten. Sie kamen alle vier bis sechs Wochen bei den Noltes zusammen, in ihrem Haus südlich von München. Im Sommer saßen sie auf der Terrasse oder im Garten unter der alten Kastanie, im Winter drängelten sie sich im Esszimmer, dessen Tisch allmählich zu klein für die vielen Personen wurde.

Wie überhaupt, dachte Felicia, die wie immer als Erste eingetroffen war, das Haus heute viel kleiner wirkte als früher. Ihr war es als Kind riesig vorgekommen, aber je älter sie geworden war, desto mehr war das Haus geschrumpft. Ihre Brüder und sie hatten oben, unter dem Dach, drei kleine Zimmer gehabt, ihr eigenes Reich. Sie waren dort unter sich gewesen und hatten keine Enge verspürt. Heute bewohnte ihre Oma die obere Etage, zum Glück war sie noch gut zu Fuß, sodass die Treppe kein Hindernis darstellte. Aber Felicia wusste, dass ihre Eltern bereits über einen Treppenlift nachdachten – ‚für später‘.

Sie freute sich immer auf die Sonntage bei ihren Eltern, und sie wusste, ihren Brüdern ging es genauso. Deren Freundinnen hatten sich gleich nahtlos eingefügt. Nikos Freundin hieß Sofie, Frederiks hieß Gina. Beide waren aufgeschlossene, selbstbewusste junge Frauen, mit denen Felicia sich gut verstand. Sie seufzte unwillkürlich, als sie an frühere Freundinnen vor allem von Niko dachte. Mit denen hatte sie nichts anfangen können. Richtige Zicken waren das gewesen, sie hatte sich damals oft gefragt, wie ihr liebenswürdiger ältester Bruder an Frauen hatte geraten können, die sich offenbar für nichts anderes interessierten als für ihr Aussehen. Zum Glück schien er diese Phase hinter sich gelassen zu haben.

Die meisten von Frederiks Freundinnen hatte die Familie gar nicht erst kennengelernt. Felicia grinste in sich hinein. Freddy hatte nichts anbrennen lassen, ihre Eltern waren seinetwegen in großer Sorge gewesen. Aber seit er Gina kennengelernt hatte, war er nicht wiederzuerkennen.

Sie selbst war zurzeit Single. Ihr letzter Freund war anstrengend gewesen, eifersüchtig und besitzergreifend. Das war ihr schnell gegen den Strich gegangen. Sie hatte sich nach der Trennung sehr erleichtert gefühlt, und diese Erleichterung hielt bis heute an.

Der Tisch war bereits gedeckt, also ging sie in die Küche und fragte: »Kann ich dir helfen, Papa?«, obwohl sie die Antwort im Voraus wusste. In der Küche war ihr Vater ein Alleinherrscher, er duldete niemanden um sich herum. »Nein, danke, Schätzchen«, sagte er also wie erwartet. »Mach bitte die Tür zu, ich bin schon ein paar Minuten im Verzug.«

Sie schüttelte den Kopf, als sie die Tür schloss. Ihr Vater hatte immer einen genauen Zeitplan, wenn er für eine größere Runde kochte, und nichts war schlimmer für ihn, als wenn er ‚in Verzug‘ geriet. Es war sein Ehrgeiz, das Essen pünktlich auf den Tisch zu bringen, obwohl sie ihm jedes Mal versicherten, dass es viel schöner war, wenn vor dem Essen noch ein bisschen Zeit blieb, um miteinander zu reden. Außerdem steigerte das Warten natürlich die Vorfreude.

»Dann müsst ihr eben früher kommen«, erwiderte er regelmäßig, wenn sie ihm das sagten, »aber ich muss mich an meinen Zeitplan halten, sonst komme ich ganz durcheinander.«

»Papa ist im Verzug«, sagte sie lächelnd zu ihrer Mutter, die von oben kam. Anja Nolte hatte ihrer Tochter und ihrem ältesten Sohn, die lockigen feuerroten Haare und blauen Augen vererbt. Bei ihr wurde das Rot allmählich matter, aber ihre blauen Augen strahlten noch immer wie eh und je. Sie war früher gertenschlank gewesen, mittlerweile war sie ein bisschen fülliger geworden, was sie aber gut kleidete. Sie war Hauswirtschaftslehrerin und bei ihren Schülerinnen und Schülern sehr beliebt.

»Im Verzug? Wieso das denn? Er steht seit drei Stunden in der Küche.«

»Keine Ahnung. Du kennst ihn doch. Er hat gleich gesagt, ich soll die Tür schließen.«

Sie wechselten einen verständnisinnigen Blick, dann fragte Felicia: »Ist Oma noch nicht fertig?«

»Doch, sie kommt gleich. Sie wollte die Brosche ihrer Mutter tragen, die habe ich ihr angesteckt, weil das so eine Fummelei ist. Jetzt ist sie mit ihren Haaren beschäftigt.«

»Ich gehe zu ihr und sage ihr schon mal ‚guten Tag‘«, beschloss Felicia und lief nach oben, wobei sie, wie früher, immer zwei Stufen auf einmal nahm.

Lieselotte Nolte saß vor dem Spiegel ihrer Frisierkommode – ein Möbelstück, das Felicia, seit sie ein kleines Mädchen war, liebte, weil es aus einer fernen Zeit zu stammen schien – und bürstete mit langsamen, kräftigen Strichen ihre langen weißen Haare, die noch erstaunlich dicht waren.

»Hallo, Oma«, sagte Felicia und beugte sich hinunter, um ihrer Großmutter einen Kuss auf die wie immer nach Maiglöckchen duftende Wange zu geben. »Soll ich das machen?«

»Gern, wenn du willst.«

Felicia nahm ihr also die Bürste ab und zog sie langsam und gleichmäßig durch Lieselottes Haare.

»Wie gehts dir, Kind? Macht dir die Arbeit noch Spaß?«

»Mehr als am Anfang. Da war ich ziemlich eingeschüchtert und dachte, ich schaffe es nie, so selbstbewusst wie die anderen zu wirken, wenn jemand auf mich zukommt und mich was fragt. Aber mittlerweile klappt es gut.«

Felicia arbeitete in einem Jobcenter, und allen Schwierigkeiten zum Trotz liebte sie, was sie tat. Wenn es ihr gelang, jemanden ‚in Arbeit zu bringen‘, konnte sie sich darüber noch lange freuen, besonders, wenn sich aus ihrer Vermittlung eine dauerhafte Arbeitsbeziehung entwickelte. Sie riss sich für ‚ihre Leute‘ die Beine aus – und manchmal zahlte sich das tatsächlich aus. Aber natürlich musste sie auch immer wieder herbe Enttäuschungen verkraften. Der willensschwache junge Mann, der es nur einen Monat lang schaffte, morgens rechtzeitig aus dem Bett zu kommen; die alleinerziehende Mutter, die wegen ihrer kranken Kinder so viele Fehlzeiten anhäufte, dass sie die Probezeit nicht überstand; der fünfundfünfzigjährige Maurer, der seine Anstellung wegen einer Firmenpleite verloren hatte und den sie wegen seines Alters bis jetzt nirgendwo sonst hatte unterbringen können. Es gab so viele Menschen, denen sie helfen wollte. Das war der einzige Nachteil ihres Berufs: dass sie nicht allen helfen konnte, so sehr sie sich auch anstrengte, weil es eben nicht allein in ihrer Hand lag.

»Ich hoffe, die wissen, was sie an dir haben«, sagte Lieselotte. »So, wie du dich reinhängst …«

»Das weißt du doch gar nicht, Oma. Du weißt nur, was ich erzähle.«

Ihre Blicke trafen sich im Spiegel der Kommode, beide lächelten. »Das reicht mir schon, Kind. Wie sieht es unten aus? Sind schon alle da?«

»Nein, nein, ich war die Erste, wie immer. Du kennst doch die Jungs, die kommen immer auf die letzte Minute, und Gina und Sofie haben daran bisher nichts ändern können. Außerdem ist Papa im Verzug.«

»Er hat Kummer, glaube ich«, sagte Lieselotte zu Felicias Überraschung. »Deine Mutter denkt das auch, aber er rückt nicht heraus mit der Sprache. Hat sie dir das noch nicht gesagt?«

»Nein, wir haben noch gar nicht richtig miteinander gesprochen. Kummer? Aber er ist doch nicht krank?« Felicia war sofort voller Sorge.

»Den Eindruck macht er nicht«, sagte Lieselotte nachdenklich, »wir vermuten, es hat mit seiner Arbeit zu tun.«

»Aber …«, begann Felicia, verstummte jedoch gleich wieder. Ihr Vater war Textilingenieur, er hatte seine Ausbildung in der Firma gemacht, in der er noch heute beschäftigt war. Es war ein traditionsreiches deutsches Familienunternehmen, eins der wenigen, das alle bisherigen Krisen der Branche überlebt hatte.

»Sag bloß, die sind pleite«, sagte sie nach einer Weile. »Ich meine, man hört solche Geschichten jetzt so oft, gerade über Familienunternehmen. Ich habe mich schon öfter gefragt, ob das noch lange gut geht. Die Textilbranche hat ja auch ihre Krisen.«

»Davon war bislang nicht die Rede, aber du weißt doch, wie das heute ist: Die technische Entwicklung geht rasend schnell – und wer da nicht mithält, der ist schnell ausgebootet. Es könnte also schon sein, dass deine Vermutung richtig ist.«

»Bloß das nicht«, murmelte Felicia. »Der Job ist sein Leben, er ist so stolz auf die Firma und auf seine Arbeit dort. Wenn er die verliert …« Ihr wurde ganz anders, allein bei dem Gedanken.

»Vielleicht ist es ja auch etwas ganz anderes«, sagte Lieselotte schnell. »So, ich danke dir, Kind, das reicht jetzt.« Sie steckte die Haare mit flinken, geschickten Händen am Hinterkopf auf, steckte sie mit einem schönen alten Schildpattkamm fest und stand auf.

Unten ertönte die Türklingel, gleich darauf war das kleine Haus von fröhlichem Stimmengewirr erfüllt.

»Die Jungs sind zusammen hergekommen«, sagte Felicia. »Vielleicht sagt Papa uns beim Essen, was mit ihm los ist.«

»Eher nicht, denke ich, wenn Gina und Sofie dabei sind. Du kennst ihn doch.«

»Aber er mag die beiden, er hat neulich sogar mal angedeutet, dass er nichts dagegen hätte, wenn sie Familienmitglieder würden.«

»Ich weiß, dass er sie mag, wir alle mögen sie. Aber er hat bislang ja nicht einmal mit uns geredet. Warten wir es ab. Ich wäre froh, er würde endlich reden, dann hätte das Rätselraten ein Ende«, seufzte Lieselotte.

Sie gingen nach unten, Felicia schneller, ihre Oma langsamer. Als Lieselotte unten eintraf, hatte Felicia ihre Brüder und deren Freundinnen bereits mit Umarmungen begrüßt. Alle freuten sich über das Wiedersehen. Auch Lieselotte wurde umarmt, Anja hatte es gewagt, einen Blick in die Küche zu werfen, war aber, wie Felicia zuvor, umgehend gebeten worden, die Tür wieder zu schließen.

Das Essen begann mit zwanzig Minuten Verspätung, was niemanden störte außer dem Koch. Aber die allgemeinen Lobgesänge über die schmackhafte Pilzsuppe, die den ersten Gang bildete, sorgten schließlich doch dafür, dass sich auch Johannes Nolte entspannte. Die Gespräche waren lebhaft, alle trugen etwas dazu bei, außer dem Hausherrn und Koch. Er hörte zu, stellte auch mal eine Frage, sagte ansonsten aber nichts. Das fiel nicht weiter auf, weil er auch immer mal wieder in die Küche musste und weil genug andere redeten, nur Felicia und ihre Oma wechselten einen Blick. Lieselottes besagte: »Ich habe es geahnt, dass er in dieser Runde nicht über seine Sorgen reden würde.« Felicias hieß so viel wie: »Du hattest recht mit deiner Einschätzung.«

Doch sie wurden beide überrascht. Ohne jede einleitende Vorrede kam Johannes beim Dessert – Kaiserschmarrn, auf vielfachen Wunsch – in einer Gesprächspause auf das zu sprechen, was ihm auf der Seele lag. »Bei uns in der Firma wird es, wie es aussieht, einen großen Umbruch geben«, sagte er. »Unser Chef hat ziemlich überraschend seinen Rückzug angekündigt, bisher allerdings erst inoffiziell, aber die Quellen sind verlässlich. Niemand hat jetzt schon damit gerechnet. Sein Sohn ist noch grün hinter den Ohren, er war bislang in unserem Tochterwerk in Italien, um sich auf die Geschäftsführung vorzubereiten, aber von einem Wechsel in absehbarer Zeit war nie die Rede. Der Junge hat keine Ahnung, einige von uns kennen ihn von einem zum Glück recht kurzen Gastspiel bei uns vor einigen Jahren. Keiner konnte ihn leiden. Ein hochnäsiger, verwöhnter Bengel mit wenig Grips. Ihr könnt euch vorstellen, was bei uns los ist. Niemand erwartet etwas Gutes von diesem Wechsel. Angeblich will er keinen Stein auf dem anderen lassen, sondern alles umkrempeln. Die ganze Firma ist in heller Aufregung.«

»Er ist ja älter und vielleicht klüger geworden, und Gerüchte gibt es immer«, warf Niko ein, »da muss nichts dran sein, Papa.« Niko war Grundschullehrer geworden, sein Traumberuf. Es hatte Felicia nie gewundert, dass er der beliebteste Lehrer der ganzen Schule war. Er bekam sogar Liebesbriefe nach Hause – vor allem von Kindern aus dem ersten Schuljahr. Seine Freundin Sofie hatte er an der Schule kennengelernt, als sie dort ein Praktikum gemacht hatte. Sie studierte Psychologie und wollte sich auf Kinder spezialisieren.

»Na ja, ich erinnere mich leider noch sehr gut an ihn, das ist ja höchstens fünf Jahre her, dass er bei uns war. Er wird nicht direkt ein anderer Mensch geworden sein.« Johannes warf seiner Frau und seiner Mutter einen Blick zu. »Ich weiß, ihr habt euch gefragt, was mit mir los ist, und eigentlich wollte ich noch gar nichts sagen, aber dann habe ich mir gesagt, es ist wahrscheinlich besser, wenn ich einfach sage, was los ist, dann müsst ihr euch nicht mehr den Kopf zerbrechen.«

»Wie lange weißt du das denn schon?«, fragte Anja ihren Mann.

»Drei Wochen«, sagte er. »Ich wollte es am Anfang einfach nicht glauben, aber nächste Woche soll es eine Betriebsversammlung geben, bei der der Wechsel verkündet wird. Dann ist es offiziell.« Er machte eine kurze Pause. »Kann sein, dass sie mir dann ein Abfindungsangebot machen. Die Älteren will der Junge loswerden, damit Platz für die neue Generation ist, die dann natürlich alles besser macht als wir.«

Johannes’ Stimme klang bitter. Es war Gina, Frederiks Freundin, eine kleine muntere Dunkelhaarige mit Stupsnase und wachen grauen Augen, die ganz sachlich feststellte: »Er wird ja nicht allein entscheiden können und wenn euer bisheriger Chef kluge Entscheidungen getroffen hat, wird sich das mit dem Wechsel nicht ändern.« Gina war Sozialarbeiterin, Felicia und sie tauschten sich oft aus, es gab in ihren Berufen viele Überschneidungen.

»Dein Wort in Gottes Ohr«, murmelte Johannes.

»Aber du hast doch schon öfter gesagt«, meldete sich Frederik zu Wort, der als einziges der Nolte-Kinder die blonden Haare des Vaters geerbt hatte, »dass du Angst hast, dass eure Firma ein paar wichtige Entwicklungen verschläft und dass ihr dieses Jahr schlechtere Umsätze gemacht habt als in den Jahren zuvor. Euer Online-Geschäft läuft nicht gut, ihr würdet ein paar neue Designer brauchen, die frische Ideen mitbringen für eure Stoffe – und ihr brauchtet eine richtig gute Werbekampagne für das neue Verfahren, das in Italien entwickelt wurde. Ich hätte da auf Anhieb ein paar Ideen.«

Der Einwand, dachte Felicia, war typisch für Frederik: Er entwickelte Online-Werbung für Firmen und war bereits recht gut im Geschäft. Aber eine Firma wie die, bei der ihr Vater arbeitete, wäre natürlich ein richtig dicker Fisch für ihn gewesen.