Kleiner Mann – was nun? - Hans Fallada - E-Book
Beschreibung

Der Weltbestseller erstmals so, wie Fallada ihn schrieb. Zu brisant, um so gedruckt zu werden: Von der Urfassung des Romans, der Hans Fallada am Vorabend der Machtergreifung der Nazis zum international gefeierten Erfolgsautor machte, wurde ein Viertel noch nie veröffentlicht. Der Verkäufer Johannes Pinneberg und seine Freundin Lämmchen erwarten ein Kind. Kurz entschlossen heiratet das Paar, auch wenn das Geld immer knapper wird. Trotz Weltwirtschaftskrise und erstarkender Nazis nimmt Lämmchen beherzt das Leben ihres verzweifelnden Mannes in die Hand. In dieser rekonstruierten Urfassung führt ihr gemeinsamer Weg noch tiefer ins zeitgenössische Berlin, ins Nachtleben und in die von den „Roaring Twenties“ geprägten Subkulturen. Die politischen Probleme der damaligen Zeit werden so plastisch wie in wenigen anderen Texten. "Man hat das große Glück, ein Buch, das man glaubte schon zu kennen, noch mal lesen zu können, als wäre es neu.“ Volker Weidermann, Literarisches Quartett. "Das Buch ist konkreter geworden und wirkt nun deutlich authentischer in seiner Zeit verankert: Der kleine Mann hört jetzt von Charlie Chaplin. Er träumt von Robinson Crusoe." Marc Reichwein, Literarische Welt. “Dass das Original jetzt zu lesen ist, ist großartig.” Julia Encke, FAS. "Jetzt erscheint Falladas Roman in der Version, wie der Autor sie geschrieben hat vor dem 'Zurechtschustern', vor den Konzessionen." Volker Weidermann, Der Spiegel. "Eine Sensation." Jan Ehlert, NDR.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:798


Über Hans Fallada

Rudolf Ditzen alias Hans Fallada (1893–1947), zwischen 1915 und 1925 Rendant auf Rittergütern, Hofinspektor, Buchhalter, zwischen 1928 und 1931 Adressenschreiber, Annoncensammler, Verlagsangestellter, 1920 Roman-Debüt mit »Der junge Goedeschal«. Der vielfach übersetzte Roman »Kleiner Mann – was nun?« (1932) machte Fallada weltberühmt. Sein letztes Buch, »Jeder stirbt für sich allein« (1947), avancierte rund sechzig Jahre nach Erscheinen zum internationalen Bestseller. Weitere Werke u. a.: »Bauern, Bonzen und Bomben« (1931), »Wer einmal aus dem Blechnapf frißt« (1934), »Wolf unter Wölfen« (1937), »Der eiserne Gustav« (1938).

Informationen zum Buch

Der Weltbestseller erstmals so, wie Fallada ihn schrieb

Zu brisant, um so gedruckt zu werden: Von der Urfassung des Romans, der Hans Fallada am Vorabend der Machtergreifung der Nazis zum international gefeierten Erfolgsautor machte, wurde ein Viertel noch nie veröffentlicht.

Der Verkäufer Johannes Pinneberg und seine Freundin Lämmchen erwarten ein Kind. Kurz entschlossen heiratet das Paar, auch wenn das Geld immer knapper wird. Trotz Weltwirtschaftskrise und erstarkender Nazis nimmt Lämmchen beherzt das Leben ihres verzweifelnden Mannes in die Hand. In dieser rekonstruierten Urfassung führt ihr gemeinsamer Weg noch tiefer ins zeitgenössische Berlin, ins Nachtleben und in die von den »Roaring Twenties« geprägten Subkulturen. Die politischen Probleme der damaligen Zeit werden so plastisch wie in wenigen anderen Texten.

Jetzt mit Charlie Chaplin, Robinson Crusoe, Goethe, Wilhelm Busch und dem Prinzen von Wales.

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Hans Fallada

Kleiner Mann – was nun?

Roman

Inhaltsübersicht

Über Rudolf Ditzen

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VorspielDie Sorglosen

Pinneberg erfährt etwas Neues über Lämmchen und fasst einen großen Entschluss

Mutter Mörschel – Herr Mörschel – Karl Mörschel: Pinneberg gerät in die Mörschelei

Spielt in der Nacht und handelt von Liebe und Geld

Erster TeilDie kleine Stadt

Die Ehe fängt ganz richtig mit einer Hochzeitsreise an, aber – brauchen wir einen Schmortopf?

Pinneberg wird mystisch, und Lämmchen bekommt Rätsel zu raten, aber für den Murkel gibt es einen goldenen Gockel

Pinnebergs machen einen Antrittsbesuch, es wird geweint, und die Verlobungsuhr schlägt immerzu

Lämmchen hat die Wahl, der Schleier der Mystik hebt sich, Bergmann und Kleinholz, auch warum Pinneberg nicht verheiratet sein kann

Was sollen wir essen? Und mit wem dürfen wir tanzen? Müssen wir jetzt heiraten?

Das Zwiebeln beginnt, der Nazi Lauterbach, der Schürzenjäger Schulz und der heimliche Ehemann sind in Not

Erbsensuppe wird angesetzt und ein Brief geschrieben, aber das Wasser ist zu dünn

Kleinholz stänkert, Kube stänkert, und die Angestellten kneifen, aber ein Vertrag wird doch gemacht, Erbsen gibt es noch immer nicht

Pinneberg hat ja doch nichts vor, macht aber einen Ausflug, auf dem Augen gemacht werden

Wie Pinneberg mit dem Engel und Mariechen Kleinholz ringt und wie es doch zu spät ist

Herr Friedrichs, der Lachs und Herr Bergmann, aber alles ist umsonst: Es gibt nichts für Pinneberg

Ein Brief kommt, und Lämmchen läuft in der Schürze durch die Stadt, um bei Kleinholz zu weinen

Zweiter TeilBerlin

Frau Mia Pinneberg als Verkehrshindernis am Stettiner Bahnhof. Sie gefällt Lämmchen, missfällt ihrem Sohn und erzählt, wer Jachmann ist

Ein echt französisches Fürstenbett, aber zu teuer. Pinnebergs waschen auf, Jachmann weiß von keiner Stellung, und Lämmchen muss bitten

Jachmann lügt, Fräulein Semmler lügt, Herr Lehmann lügt, und Pinneberg lügt auch, aber jedenfalls bekommt er eine Stellung und einen Vater obendrein

Pinneberg geht durch den Kleinen Tiergarten nach Haus, möchte Robinson sein und hat Angst, weil er eine Stellung hat und sich freuen soll

Was Keßler für ein Mann ist, wie Pinneberg keine Pleiten schiebt und darum einen Tippel rettet

Von den drei Arten Verkäufern, und welche Art Herr Substitut Jänecke liebt. Eine Einladung zu einem Butterbrot

Pinneberg erhält Gehalt, ist trübe, träumerisch, unternehmungslustig, behandelt Verkäufer schlecht und wird Besitzer einer Frisiertoilette

Lämmchen fühlt Mutterlyrik, bekommt Besuch, wird gnädige Frau und sieht sich im Spiegel. Am ganzen Abend wird nicht von Geld gesprochen

Nacht bei Pinnebergs. Eheliche Gewohnheiten. Mutter und Sohn. Jachmann, immer der Retter

Keßler enthüllt und bekommt Ohrfeigen, aber Pinnebergs müssen doch ausziehen

Lämmchen sucht. Kein Mensch will Kinder, und sie wird ohnmächtig, aber es lohnt sich

Wohnung wie noch nie. Herr Puttbreese zieht, und Herr Jachmann hilft. Nicht, was Frau Pinneberg dazu sagte

Ein Etat wird aufgestellt, aber die andern rechnen auch, alles. Das Fleisch wird knapp, und Pinneberg findet sein Lämmchen komisch

Der parfümierte Tannenbaum und die Mutter zweier Kinder. Heilbutt meint: Ihr habt Mut. – Haben wir Mut?

Der Junge muss sein Mittag haben und Lisa sich ein Beispiel nehmen. Wenn ich sie nun nie wiedersehe?

Viel zu wenig Abwasch! Die Erschaffung des Murkel. Auch Lämmchen wird schreien

Mit irgendeinem müsste man sprechen können, aber Heilbutt spricht allein, und Pinneberg lässt sich zur Nacktheit verführen

Wie Pinneberg über Freikörperkultur denkt und was Frau Nothnagel dazu meint

Pinneberg bekommt eine Molle geschenkt, geht Tulpen stehlen und belügt am Ende sein Lämmchen

Die Herren der Schöpfung kriegen Kinder. Lämmchen umarmt Puttbreese, und Pinneberg muss auf dem Kinodach rauchen

Der Kinderwagen und die beiden feindlichen Brüder. Wann müssen Stillgelder gezahlt werden?

April schickt in die Angst, aber Heilbutt hilft. Wo ist Heilbutt? Heilbutt ist futsch

Pinneberg wird verhaftet, und Jachmann sieht Gespenster. Rum ohne Tee

Logierbesuch wider Willen. Die guten nahrhaften Dinge

Jachmann als Erfinder und der kleine Mann als König – wir sind ja zusammen!

Kintopp und Leben. Der beleidigte Säugling und ein trauriges Mädchen. Jachmann entschwindet mit dem Bleichgesicht aus Norwegen

Suche nach Jachmann. Der Murkel ist krank. Junger Vater, was ist denn?

Gehuppt wie gesprungen. Die Inquisitoren und Fräulein Fischer. Noch eine Galgenfrist, Pinneberg!

Noch einmal Frau Mia. Das sind meine Koffer! Kommt die Polizei?

Der Schauspieler Schlüter und der junge Mann aus der Ackerstraße. Alles ist zu Ende

NachspielAlles geht weiter

Soll man Holz stehlen? Lämmchen verdient groß und gibt ihrem Jungen Beschäftigung

Der Mann als Frau. Das gute Wasser und der blinde Murkel. Streit um sechs Mark.

Warum Pinnebergs nicht wohnen, wo sie wohnen. Bilderzentrale Heilbutt. Ein Mann hat nachgefragt, und Lehmann ist abgesägt

Pinneberg als Stein des Anstoßes. Die Friedrichstraße. Die vergessene Butter und der Schupo. Eine Nacht ist schwarz genug

Autobesuch in der Siedlung. Zwei warten in der Nacht. Sie kommen ja wirklich nicht in Frage?

Busch zwischen Büschen. Und die alte Liebe

Anhang

Von Robinson Crusoe, Charlie Chaplin und den Nazis.Das wiederentdeckte Originalmanuskript von Hans Falladas »Kleiner Mann – was nun? Von Carsten Gansel

Zu dieser Ausgabe

Impressum

Vorspiel

Die Sorglosen

Pinneberg erfährt etwas Neues über Lämmchen und fasst einen großen Entschluss

Es ist fünf Minuten nach vier. Pinneberg hat das eben festgestellt. Er steht, ein nett aussehender, blonder junger Mann, vor dem Haus Rothenbaumstraße 24 und wartet.

Also es ist fünf Minuten nach vier, und auf drei viertel vier ist Pinneberg mit Lämmchen verabredet. Pinneberg hat die Uhr wieder eingesteckt und sieht erst auf ein Schild, das am Eingang des Hauses Rothenbaumstraße 24 angemacht ist. Er liest:

DR. SESAM

Frauenarzt

Sprechstunden 9–12 und 4–6

Eben! Und nun ist es doch wieder fünf Minuten nach vier. Wenn ich mir eine Zigarette anbrenne, kommt Lämmchen natürlich sofort um die Ecke. Lass ich es also. Heute wird es schon wieder teuer genug.

Er sieht von dem Schild fort. Die Rothenbaumstraße hat nur eine Häuserreihe, jenseits des Fahrdamms, jenseits eines Grünstreifens, jenseits des Kais fließt die Strela, hier schon hübsch breit, kurz vor ihrer Einmündung in die Ostsee. Ein frischer Wind weht herüber, die Büsche nicken mit ihren Zweigen, die Bäume rauschen ein wenig.

So müsste man wohnen können, denkt Pinneberg. Sicher hat dieser Sesam sieben Zimmer. Muss ein klotziges Geld verdienen. Er wird Miete zahlen … zweihundert Mark? Dreihundert Mark? Ach was, ich habe keine Ahnung. – Zehn Minuten nach vier!

Pinneberg greift in seine Tasche, holt aus dem Etui eine Zigarette und brennt sie an.

Um die Ecke weht Lämmchen, im plissierten weißen Rock, der Rohseidenbluse, ohne Hut, die blonden Haare verweht.

»Tag, Junge. Es ging wirklich nicht eher. Die Burmeister war heute besonders ulkig. Böse?«

»Keine Spur. Nur, wir werden endlos sitzen müssen. Es sind mindestens dreißig Leute reingegangen, seit ich warte.«

»Sie werden ja nicht alle zum Doktor gegangen sein. Und dann sind wir ja angemeldet.«

»Siehst du, dass es richtig war, dass wir uns angemeldet haben?!«

»Natürlich war es richtig. Du hast ja immer recht, Junge.« Und vor der Entreetür nimmt sie seinen Kopf zwischen beide Hände und küsst ihn stürmisch. »O Gott, bin ich glücklich, dass ich dich mal wieder habe, Junge. Denke doch, beinahe vierzehn Tage!«

»Ja, Lämmchen«, antwortet er. »Ich bin auch nicht mehr brummig.«

Die Tür geht auf, und im halbdunklen Flur steht ein weißer Schemen vor ihnen, bellt: »Die Krankenscheine!«

»Lassen Sie einen doch erst mal rein«, sagt Pinneberg und schiebt Lämmchen vor sich her. »Übrigens sind wir privat. Ich bin angemeldet. Pinneberg ist mein Name.«

Auf das Wort »privat« hin hebt der Schemen die Hand und schaltet das Licht auf dem Flur ein: »Herr Doktor kommt sofort. Einen Augenblick, bitte. Bitte dort hinein.«

Sie gehen auf die Tür zu und kommen an einer anderen, halb offenstehenden vorbei. Das ist wohl das gewöhnliche Wartezimmer, und in ihm scheinen die dreißig zu sitzen, die Pinneberg an sich vorbeikommen sah. Alles schaut auf die beiden, und ein Stimmengewirr erhebt sich: »So was gibt’s nicht!« – »Wir warten schon länger!« – »Wozu zahlen wir unsere Kassenbeiträge?« – »Und mehr als solche feinen Pinkels!«

Die Schwester tritt in die Tür: »Seien Sie bloß man ruhig! Herr Doktor wird ja gestört. Was Sie denken, ist nicht, das ist der Schwiegersohn von Herrn Doktor mit seiner Frau. Nicht wahr?«

Pinneberg lächelt geschmeichelt, Lämmchen strebt der anderen Tür zu. Einen Augenblick ist Stille.

»Nu bloß schnell«, flüstert die Schwester und schiebt Pinneberg vor sich her. »Diese Kassenpatienten sind zu gewöhnlich. Was die Leute sich einbilden für das bisschen Geld, das die Kasse zahlt …«

Die Tür fällt zu, der Junge und Lämmchen sind im roten Plüsch.

»Das ist sicher sein Privatsalon«, sagt Pinneberg. »Wie gefällt dir das? Schrecklich altmodisch, finde ich.«

»Mir war es grässlich«, sagt Lämmchen. »Wir sind doch sonst auch Kassenpatienten. Da hört man mal, wie die beim Arzt über uns reden.«

»Warum regst du dich auf?«, fragt er. »Das ist doch so. Mit uns kleinen Leuten machen sie, was sie wollen …«

»Es regt mich aber auf …«

Die Tür öffnet sich, eine andere Schwester kommt. »Herr und Frau Pinneberg bitte? Herr Doktor lässt noch um einen Augenblick Geduld bitten. Wenn ich unterdes die Personalien aufnehmen dürfte?«

»Bitte«, sagt Pinneberg und wird gleich gefragt: »Wie alt?«

»Dreiundzwanzig.«

Und nun geht es weiter: »Vorname: Johannes.« – Nach einem Stocken: »Buchhalter.«

Und glatter: »Immer gesund gewesen. Die üblichen Kinderkrankheiten, soviel ich weiß, beide gesund.« Wieder stockend: »Ja, die Mutter lebt noch. Der Vater nicht mehr, nein. Kann ich nicht sagen, woran er gestorben ist.«

Und Lämmchen:

»Zweiundzwanzig – Emma.«

Jetzt zögert sie: »Geborene Mörschel. – Stets gesund, beide Eltern am Leben, beide gesund.«

»Also einen Augenblick noch. Herr Doktor ist sofort frei.«

»Wozu das alles nötig ist«, brummt er, nachdem die Tür wieder zufiel. »Wo wir doch nur …«

»Gerne hast du es nicht gesagt: Buchhalter.«

»Und du nicht das mit der geborenen Mörschel!« Er lacht. »Emma Pinneberg, genannt Lämmchen, geborene Mörschel. Emma Pinne …«

»Bist du stille! O Gott, Junge, ich müsste noch einmal ganz unbedingt. Hast du eine Ahnung, wo das hier ist?«

»Also das ist doch immer dieselbe Geschichte mit dir … Statt dass du das vorher …«

»Aber ich bin, Junge. Ich bin wirklich. Noch auf dem Rathausmarkt. Für einen ganzen Groschen. Aber wenn ich aufgeregt bin …«

»Also Lämmchen, nimm dich doch einen Augenblick zusammen. Wenn du wirklich eben erst …«

»Junge, ich muss …«

»Ich bitte«, sagt eine Stimme. In der Tür steht Doktor Sesam, der berühmte Doktor Sesam, von dem die halbe Stadt und die viertel Provinz flüstern, dass er ein weites Herz hat, manche sagen auch: ein gutes Herz. Jedenfalls hat er eine volkstümliche Broschüre über sexuelle Probleme verfasst, und darum hat Pinneberg den Mut gehabt, ihm zu schreiben und sich und Lämmchen anzumelden.

Dieser Doktor Sesam steht also in der Tür und sagt: »Ich bitte.«

Pinneberg sieht ihn scheu von der Seite an, als er vorbeigeht: Ein Mann, der jeden Tag mit solchen Dingen zu tun haben darf, zu dem alle Frauen kommen.

Lämmchen denkt: Wie ein netter Papa sieht er aus, wie ein guter, aber müder Papa. Ich ließe ihn mal ausschlafen.

»Sie haben mir geschrieben, Herr Pinneberg«, sagt der Doktor und sucht auf seinem Schreibtisch nach dem Brief. »Sie können noch keine Kinder brauchen, weil das Geld nicht reicht.«

»Ja«, sagt Pinneberg und ist schrecklich verlegen.

»Machen Sie sich immer schon ein bisschen frei«, sagt der Arzt zu Lämmchen und fährt dann fort: »Und nun möchten Sie einen ganz sicheren Schutz wissen. Ja, einen ganz sicheren …« Er lächelt skeptisch durch seine goldene Brille.

»Ich habe in Ihrem Buch gelesen«, sagt Pinneberg, »diese Pessoirs …«

»Diese Pessare«, sagt der Arzt, »ja, aber sie passen nicht für jede Frau. Und dann ist es ja immer etwas umständlich. Ob Ihre Frau das Geschick hat …«

Er sieht zu ihr hoch. Sie hat sich ein bisschen ausgezogen, nur so angefangen, die Bluse und den Rock, mit ihren schlanken Beinen steht sie sehr groß da. Ihre Schultern sind so kräftig und breit. »Nun, gehen wir einmal rüber«, sagt der Arzt. »Die Bluse hätten wir dazu nun nicht auszuziehen brauchen, kleine junge Frau.«

Lämmchen wird ganz rot.

»Nun lassen Sie sie jetzt liegen. Kommen Sie. Einen Augenblick, Herr Pinneberg.«

Die beiden gehen in das Nebenzimmer. Pinneberg sieht ihnen nach. Der ganze Doktor Sesam reicht Lämmchen nicht bis an die Schultern, und so in Schlüpfern sieht Lämmchen auch noch besonders groß aus. Pinneberg findet wieder, sie sieht herrlich aus, das beste Mädchen von der Welt, das einzige überhaupt. Er arbeitet in Ducherow und sie hier in Platz, er sieht sie höchstens alle vierzehn Tage, und so ist sein Entzücken immer frisch und sein Appetit über alles Begreifen.

Nebenan hört man den Arzt ab und zu halblaut etwas fragen, gegen einen Schalenrand klappert ein Instrument, das Geräusch kennt man vom Zahnarzt, es ist kein angenehmes Geräusch.

Nun fährt er zusammen, diese Stimme von Lämmchen kennt er noch nicht – sie sagt ganz laut, fast schreiend, so hell: »Nein, nein, nein!« Und noch einmal: »Nein!« Und dann ganz leise, aber er hört es doch: »O Gott.«

Pinneberg macht drei Schritte gegen die Tür – was ist das? was kann da sein? –, aber nun spricht der Arzt wieder, nichts zu verstehen, und jetzt klappert wieder das Instrument.

Und dann lange Stille.

Es ist ein Hochsommertag, etwa Mitte Juli, herrlichster Sonnenschein. Der Himmel draußen ist dunkelblau, ins Fenster reichen ein paar Zweige, sie bewegen sich im Seewind. Das ist ein altes Lied aus Pinnebergs Kinderzeit:

Wehe-Wind, Puste-Wind,

Nimm den Hut nicht meinem Kind!

Puste-Wind, Wehe-Wind –

Sei gelind zu meinem Kind.

Die im Wartezimmer reden. Denen wird die Zeit auch lang. Eure Sorgen möcht ich haben. Eure Sorgen …

Die beiden kommen wieder. Pinneberg wirft einen Blick auf Lämmchen, sie hat so große Augen, wie von einem Schreck erweitert. Sie ist blass, aber nun lächelt sie ihm zu, kümmerlich erst, und dann breitet sich das Lächeln voll aus und wird immer stärker und blüht auf …

Der Arzt steht in der Ecke, er wäscht sich die Hände. Schräg schaut er hinüber zu Pinneberg. Dann sagt er eilig: »Ein bisschen zu spät, Herr Pinneberg, mit der Verhütung. Die Tür ist zu. Ich denke Anfang des zweiten Monats.«

Pinneberg ist ohne Atem. Dann sagt er: »Herr Doktor, das ist unmöglich! Wir haben so aufgepasst. Ganz unmöglich ist das. Sag doch selbst, Lämmchen.«

»Junge!«, sagt sie. »Junge …«

»Es ist so«, sagt der Arzt. »Ein Zweifel ist gar nicht möglich. Und glauben Sie mir, Herr Pinneberg, ein Kind ist für jede Ehe immer gut.«

»Herr Doktor«, sagt Pinneberg, und seine Lippe zittert. »Herr Doktor, ich verdiene im Monat hundertachtzig Mark! Ich bitte Sie, Herr Doktor …!«

Doktor Sesam sieht schrecklich müde aus. Was jetzt kommt, das kennt er, das hört er am Tage dreißigmal.

»Nein«, sagt er. »Nein. Kommt überhaupt nicht in Frage. Sie sind beide gesund. Und Ihr Einkommen ist gar nicht schlecht. Gar – nicht – schlecht.«

»Herr Doktor …!«, sagt Pinneberg fieberhaft.

Hinter ihm steht Lämmchen und streicht ihm über die Haare. »Lass, Junge, lass. Es wird schon gehen.«

»Aber es ist ganz unmöglich …«, bricht Pinneberg aus und wird still. Die Schwester ist hereingekommen.

»Herr Doktor werden am Apparat verlangt.«

»Sie sehen«, sagt der Arzt. »Passen Sie auf, Sie freuen sich noch. Und wenn das Kind da ist, kommen Sie sofort zu mir. Dann machen wir das mit der Verhütung. Verlassen Sie sich nicht aufs Nähren. Also denn … Mut, junge Frau!« Er schüttelt Lämmchen die Hand.

»Ich möchte gleich …«, sagt Pinneberg und fasst nach seinem Portemonnaie.

»Ach ja«, sagt der Arzt, schon in der Tür, und sieht die beiden noch einmal an, schätzend. »Na, fünfzehn Mark, Schwester.«

»Fünfzehn …«, sagt Pinneberg gedehnt und sieht die Tür an. Doktor Sesam ist schon fort. Er holt umständlich einen Zwanzigmarkschein hervor, schaut mit gerunzelter Stirn zu, wie die Quittung ausgeschrieben wird, und nimmt sie in Empfang.

Seine Stirn hellt sich etwas auf: »Ich bekomme das von der Krankenkasse wieder, nicht wahr?«

»Doch nicht«, sagt die Schwester. »Schwangerschaftsdiagnosen erstatten die Kassen nicht.«

»Komm, Lämmchen«, sagt er.

Sie steigen langsam die Treppe hinunter. Auf einem Absatz bleibt Lämmchen stehen und nimmt seine Hand zwischen die ihren. »Sei nicht so traurig, bitte nicht! Es wird schon gehen.«

»Ja. Ja«, sagt er, tief in Gedanken.

Sie gehen ein Stück Rothenbaumstraße, dann biegen sie in die Hohe Straße ein. Hier sind viele Häuser und Menschen, Autos fahren in Rudeln, die Abendzeitungen sind schon da, niemand achtet auf die beiden.

»Gar kein schlechtes Einkommen, sagt der, und nimmt mir fünfzehn Mark ab von meinen hundertachtzig. Solch Räuber.«

»Ich schaffe es schon«, sagt Lämmchen. »Ich schaffe es schon.«

»Ach du«, sagt er.

Von der Hohen Straße biegen sie in den Krümperweg ein, still ist das plötzlich hier.

Lämmchen sagt: »Jetzt versteh ich manches.«

»Wieso?«, fragt er.

»Ach nichts, nur dass mir morgens immer schlecht ist. Und es war überhaupt so komisch …«

»Aber du musst es doch an der Regel gemerkt haben.«

»Ich hab doch immer gedacht, die kommt noch. Wer denkt das nicht …«

»Vielleicht hat er sich geirrt!«

»Nein. Das glaube ich nicht. Es stimmt schon.«

»Aber möglich ist es doch, dass er sich geirrt hat?«

»Nein, ich glaube …«

»Bitte, höre doch nur zu, was ich sage! Möglich ist es doch!?«

»Möglich … möglich ist alles.«

»Also vielleicht kommt morgen schon die Regel. Dann schreib ich dem aber einen Brief …!« Er versinkt in Gedanken, er schreibt einen Brief.

Auf den Krümperweg folgt die Hebbelstraße, die beiden gehen fein bedachtsam durch den Sommernachmittag, in dieser Straße stehen schöne Ulmen.

»Meine fünfzehn Mark verlang ich dann aber auch zurück«, sagt Pinneberg plötzlich.

Lämmchen antwortet nicht. Sie tritt kräftig auf, mit der ganzen Breite des Schuhs, und sie sieht genau, wohin sie tritt, es ist alles so anders …

»Wohin gehen wir eigentlich?«, fragt er plötzlich.

»Ich muss noch mal nach Haus«, sagt Lämmchen. »Ich habe Mutter nichts gesagt, dass ich wegbleibe.«

»Auch das noch!«, sagt er.

»Schimpf nicht, Junge«, bittet sie. »Ich konnte es doch gar nicht, wo du heute Vormittag erst im Geschäft angerufen hast. Aber ich will sehen, dass ich um halb neun noch mal runterkomme. Mit welchem Zug willst du fahren?«

»Um halb zehn.«

»Dann bring ich dich zur Bahn.«

»Und sonst nichts«, sagt er. »Sonst wieder mal nichts. Ein Leben ist das …«

Die Lütjenstraße ist eine richtige Arbeiterstraße, immer wimmelt es von Kindern da, man kann keinen richtigen Abschied nehmen.

»Nimm es nicht so schwer, Junge«, sagt sie und gibt ihm die Hand. »Ich schaff es schon.«

»Jaja«, sagt er und versucht zu lächeln. »Du bist Trumpfass, Lämmchen, und stichst alles.«

»Und um halb neun bin ich unten. Bestimmt.«

»Und keinen Kuss jetzt?«

»Es geht wirklich nicht, es wird gleich weitergetratscht. Tapfer, tapfer.«

Sie sieht ihn an.

»Also gut, Lämmchen«, sagt er. »Nimm du es auch nicht so schwer. Irgendwie wird es ja werden …«

»Natürlich«, sagt sie. »Ich verlier den Mut nicht. Tjüs derweile.«

Sie huscht schnell die dunkle Treppe hinauf, ihr Stadtköfferchen schlägt gegen das Geländer: klapp – klapp – klapp …

Pinneberg sieht den hellen Beinen nach. Dreihundertsiebenundachtzigmal, sechstausendfünfhundertzweiunddreißigmal ist ihm Lämmchen diese gottverdammte Treppe hinauf entschwunden.

»Lämmchen!«, brüllt er. »Lämmchen!«

»Ja?«, fragt sie von oben und sieht über das Geländer.

»Einen Augenblick«, ruft er. Er stürmt die Treppe hinauf, er steht atemlos vor ihr, er fasst sie bei den Schultern. »Lämmchen!«, sagt er und keucht vor Aufregung und Atemnot. »Emma Mörschel! Wie, wenn wir uns heiraten würden?«

Mutter Mörschel – Herr Mörschel – Karl Mörschel: Pinneberg gerät in die Mörschelei

Lämmchen Mörschel sagte nichts. Sie machte sich von Pinneberg los und setzte sich sachte auf eine Treppenstufe. Plötzlich waren ihre Beine weg. Nun saß sie da und sah zu ihrem Jungen hoch. »O Gott«, sagte sie. »Junge, wenn du das tätest –!«

Ihre Augen wurden ganz hell. Es waren dunkelblaue Augen mit einer Schattierung ins Grünliche: Sie strömten geradezu über von strahlendem Licht.

Wie wenn alle Weihnachtsbäume ihres Lebens auf einmal in ihr brennten, dachte Pinneberg und wurde ganz verlegen vor Rührung.

»Also geht in Ordnung, Lämmchen«, sagte er. »Machen wir. Und möglichst bald … von wegen …« Er sah auf ihren Leib.

»Junge, ich sage dir aber, du brauchst es nicht. Ich komme auch so zurecht. Nur, da hast du recht, besser ist es, wenn der Murkel einen Vater hat.«

»Der Murkel«, sagte Johannes Pinneberg, »richtig, der Murkel.« Er war einen Augenblick still. Er kämpfte mit sich, ob er Lämmchen nicht sagen sollte, dass er bei seinem Heiratsantrag gar nicht an diesen Murkel gedacht hatte, sondern nur daran, dass es sehr gemein war, an diesem Sommerabend drei Stunden auf sein Mädchen in der Straße zu warten. Aber er sagte es nicht. Stattdessen bat er: »Steh doch auf, Lämmchen. Die Treppe ist sicher ganz dreckig. Dein guter weißer Rock …«

»Lass den Rock, lass ihn sausen! Was kümmern uns alle Röcke von der Welt! Bin ich glücklich, Hannes, Junge!«

Nun war sie wirklich auf ihren Beinen und fiel ihm wieder um den Hals. Und das Haus war gütig: Von den zwanzig Parteien, die über diese Treppe aus und ein gingen, kam nicht eine, nachmittags nach fünfe in der Laufzeit, wo die Verdiener nach Haus kommen und die Hausfrauen schnell noch eine vergessene Zutat zum Essen holen. Keiner kam.

Bis Pinneberg sich frei machte und sagte: »Aber das können wir doch sicher oben auch – als Brautpaar. Gehen wir rauf.«

Lämmchen fragte bedenklich: »Willst du gleich mit? Ist es nicht besser, ich bereite Vater und Mutter darauf vor, wo sie dich noch gar nicht kennen?«

»Was doch sein muss, tut man am besten gleich«, erklärte Pinneberg, der nicht allein bleiben wollte. »Übrigens werden sie sich doch bestimmt freuen.«

»Na ja«, meinte Lämmchen nachdenklich. »Mutter sicher. Vater, weißt du, da darfst du dich nicht dran stoßen, Vater flachst gerne, der meint das nicht so.«

»Ich werd es schon richtig verstehen«, sagte Pinneberg.

Lämmchen schloss die Tür auf: ein kleiner dunkler Vorplatz, der ziemlich nach Zwiebeln roch. Hinter einer angelehnten Tür klang eine Stimme: »Emma! Komm mal gleich her!«

»Ein Augenblick, Mutter«, rief Emma Mörschel, »ich zieh nur meine Schuh aus.«

Und sie nahm Pinneberg bei der Hand und führte ihn auf den Zehenspitzen in ein kleines Hofzimmer, wo zwei Betten standen.

»Komm, leg deine Sachen dahin. Ja, das ist mein Bett, da schlafe ich drin. Im andern Bett schläft Mutter. Vater und Karl schlafen drüben in der andern Stube. Nun komm! Halt, dein Haar.«

Sie fuhr ihm schnell mit dem Kamm durch die Wirrnis: »Muss doch gut aussehen, mein Junge, wenn er zur Schwiegermutter kommt!«

Beiden klopfte das Herz. Sie nahm ihn bei der Hand, sie gingen über den Vorplatz, sie stießen die Tür zur Küche auf. Am Herde stand mit rundem krummem Rücken eine Frau und briet etwas in einer Pfanne. Pinneberg sah ein braunes Kleid und eine große blaue Schürze.

Die Frau sah nicht hoch: »Lauf schnell mal in den Keller, Emma, und hol Presskohlen. Ich kann das Karl hundertmal sagen …«

»Mutter«, sagte Emma, »das ist mein Freund Johannes Pinneberg aus Ducherow. Wir wollen uns heiraten.«

Die Frau am Herd sah hoch. Es war ein braunes Gesicht mit einem ganz starken Mund, einem scharfen gefährlichen Mund, ein Gesicht mit sehr hellen, wie ausgeblassten Augen und mit zehntausend Falten. Eine alte Arbeiterfrau. Die Frau sah Pinneberg an, nur einen Augenblick, scharf, grausam. Dann wandte sie sich wieder zu ihren Kartoffelpuffern.

»Dumm Tügs«, sagte sie. »Schleppst du mir jetzt deine Kerle ins Haus? Geh und hol Kohlen, ich hab keine Glut.«

»Mutter«, sagte Lämmchen und versuchte zu lachen, »er will mich wirklich heiraten.«

»Hol Kohlen, sag ich, Deern«, rief die Frau und fuhrwerkte mit der Gabel.

»Mutter …«

Die Frau sah hoch. Sie sagte langsam: »Bist du noch nicht unten?! Willst du einen Backs?!!«

Ganz rasch drückte Lämmchen ihrem Pinneberg die Hand. Dann nahm sie einen Korb, rief, so fröhlich es ging: »Gleich bin ich wieder da!«, und die Flurtür klappte.

Pinneberg stand verlassen in der Küche. Er sah vorsichtig gegen Frau Mörschel hin, als könnte sein Hinsehen sie schon reizen, dann gegen das Fenster. Man sah nur einen blauen Sommerhimmel und ein paar Schornsteine.

Frau Mörschel schob die Pfanne beiseite und hantierte mit den Herdringen. Es klapperte und klirrte sehr. Sie stocherte mit dem Feuerhaken in der Glut, dabei murrte sie vor sich hin.

Höflich fragte Pinneberg: »Wie bitte …?«

Es waren die ersten Worte, die er bei Mörschels sagte.

Er hätte es nicht tun sollen, denn wie ein Geier schoss die Frau auf ihn nieder. In der einen Hand hielt sie den Haken, in der andern Hand noch die Gabel vom Pufferwenden, aber das war nicht schlimm, trotzdem sie damit fuchtelte. Schlimm war ihr Gesicht, in dem alle Falten zuckten und sprangen, schlimmer waren ihre grausamen und bösen Augen.

»Wenn Sie mir mein Mädchen in Schande bringen!«, schrie sie, außer sich.

Pinneberg trat einen Schritt zurück. »Ich will sie ja heiraten, Frau Mörschel«, sagte er ängstlich.

»Sie denken wohl, ich weiß nicht, was ist«, sagte die Frau unbeirrt. »Seit zwei Wochen stehe ich hier und warte. Ich denke, sie sagt mir was, ich denke, sie bringt den Kerl bald an, ich sitze hier und warte.« Sie holt Atem. »Das ist ein gutes Mädchen, Sie Mann Sie, meine Emma, das ist kein Dreck für Sie. Die ist immer fröhlich gewesen, die hat mir nie ein böses Wort gegeben – wollen Sie sie in Schande bringen?!«

»Nein, nein«, flüstert Pinneberg angstvoll.

»Doch! Doch!«, schreit Frau Mörschel. »Doch! Doch! Zwei Wochen stehe ich hier und warte, dass sie ihre Binden zum Waschen gibt – nichts. Wie haben Sie das gemacht, Sie?!«

Pinneberg kann es nicht sagen. Diese Frau ist ja verrückt vor Angst, denkt er, aber seltsam, er ist ihr nicht mehr böse, er hat auch kaum mehr Furcht. Er versteht es, dass dies Lämmchens Mutter ist und dass Lämmchens Mutter so sein musste, damit Lämmchen die wurde, die sie ist.

»Wir sind junge Leute«, sagt er sanft.

»Ach Sie«, sagt sie noch böse, »dass Sie mein Mädchen dazu gekriegt haben.« Plötzlich grollt sie wieder. »Schweine seid ihr Männer, alles Schweine, pfui!«

»Wir heiraten, sobald es mit den Papieren geht«, erklärt Pinneberg.

Frau Mörschel steht wieder am Herd. Das Fett brutzelt, sie fragt: »Was sind Sie?«

»Buchhalter in einem Getreidegeschäft.«

»Also ein Angestellter?«

»Ja.«

»Arbeiter wäre mir lieber. Ihr wollt immer hoch hinaus und habt nichts zu fressen. Was verdienen Sie?«

»Hundertachtzig Mark.«

»Mit Abzügen?«

»Nein, die gehen noch ab.«

»Das ist gut«, sagt die Frau, »das ist nicht so viel. Mein Mädchen soll einfach bleiben.« Und plötzlich wieder ganz böse: »Denken Sie nicht, dass sie was mitbekommt! Wir sind Proletarier. Nur das bisschen Wäsche, was sie sich selbst gekauft hat. Vielleicht kann ich ihr auch ein Bett geben, ich will mal mit meinem Mann sprechen.«

»Das ist alles nicht nötig«, sagt Pinneberg.

»Na, Sie haben doch auch nichts. Sie sehen doch auch nicht nach Sparen aus, solcher Anzug …«

Pinneberg braucht nicht zu gestehen, dass sie ziemlich das Richtige getroffen hat, Lämmchen kommt mit den Kohlen. Sie ist bester Stimmung. »Hat sie dich aufgefressen, armer Junge?«, fragt sie. »Mutter ist ein richtiger Teekessel, sie kocht immer gleich über.«

»Sei nicht so frech, du Ütz«, sagt die Alte, »sonst kriegst du doch noch deinen Backs. Geht in die Schlafstube und schleckt euch ab. Ich will mit Vater zuerst allein reden.«

»Na also«, sagt Lämmchen. »Hast du meinen Jungen auch schon gefragt, ob er Kartoffelpuffer mag? Heute ist unser Verlobungstag.«

»Raus mit euch«, sagt Frau Mörschel. »Und dass ihr mir nicht die Tür abschließt, ich sehe ein paarmal, dass ihr keine Dummheiten macht!«

Sie sitzen sich an dem kleinen Tisch auf den weißen Stühlen gegenüber.

»Mutter ist ’ne einfache Arbeiterin«, sagt Lämmchen. »Die ist so derb, sie denkt sich nichts dabei.«

»Oh, sie denkt sich schon was dabei«, sagt Pinneberg und grinst. »Deine Mutter weiß Bescheid, verstehst du, was uns der Doktor heute gesagt hat.«

»Mutter sitzt immer hier im Haus«, sagt Lämmchen. »Die Mutter weiß alles. Vater hat mal ’ne Gehaltserhöhung bekommen und hat es Mutter nicht sagen wollen, weil sie ihn immer so knapp hält, keine zwei Wochen und Mutter hat es gewusst.«

»Ich glaub, sie ist jetzt einverstanden«, sagt Pinneberg vorsichtig.

»Natürlich ist sie das. Wenn Mutter mit Vater reden will, ist sie einverstanden. Ich glaub, du hast ihr gut gefallen.«

»Na, weißt du«, sagt Pinneberg, »so sah das aber nicht aus.«

»Mutter ist so. Mutter muss immer schimpfen, und wen sie am liebsten mag, schimpft sie am meisten. Ich hör’s schon gar nicht mehr.«

Einen Augenblick ist Stille. Beide sitzen sich brav gegenüber, die Hände liegen auf dem Tischchen.

»Ringe müssen wir uns auch kaufen«, sagt Pinneberg gedankenvoll.

»O Gott, ja«, sagt Lämmchen rasch. »Sag schnell, welche magst du lieber: glänzend oder matt?«

»Matt!«, sagt er.

»Ich auch! Ich auch!«, ruft sie. »Das ist fein. – Du, was werden die kosten?«

»Ich weiß auch nicht. Dreißig Mark?«

»So viel?«

»Wenn wir goldene nehmen?«

»Natürlich nehmen wir goldene. Lass sehen, wir wollen Maß nehmen.«

Er rückt rum zu ihr. Sie nehmen einen Faden von einer Garnrolle. Es ist ziemlich schwierig. Einmal schneidet das Garn ein, und einmal sitzt es zu lose.

»Hände besehen bringt Streit«, sagt Lämmchen.

»Aber ich besehe sie ja gar nicht«, sagt er. »Ich küsse sie ja. Ich küsse ja deine Hände, Lämmchen.« –

Es klopft mit sehr hartem Knöchel gegen die Tür. »Rüberkommen! Vater ist da!«

»Gleich«, sagt Lämmchen und löst sich aus seinem Arm. »Komm, schnell uns ein bisschen zurechtmachen. Vater flachst ewig.«

»Wie ist er denn, dein Vater?«

»Gott, du wirst ja gleich sehen. Ist ja auch ganz egal. Du heiratest mich, mich, mich, ohne Vater und Mutter.«

»Aber mit dem Murkel.«

»Mit dem Murkel, ja. Nette unvernünftige Eltern bekommt er. Nicht eine Viertelstunde können sie vernünftig sitzen …«

Auf den Küchentisch ist ein Wurststück gelegt, darauf stehen fünf weiße Steingutteller mit blauem Würfelrand. Fünf hässliche Blechbestecke. Ein Teller mit zwei sauren Gurken. Drei Gläser und drei Flaschen Bier.

Am Küchentisch sitzt ein langer Mann in grauen Hosen, grauer Weste und einem weißen Arbeitshemd, ohne Jacke, ohne Kragen. An den Füßen hat er Pantoffeln. Ein gelbes faltiges Gesicht, kleine scharfe Augen hinter einem hängenden Zwicker, ein grauer Schnurrbart, ein fast weißer Kinnbart.

Der Mann liest die Volksstimme, aber nun, da Pinneberg mit Emma hereinkommt, lässt er das Blatt sinken und betrachtet ihn.

»Sie sind also der junge Mann, der meine Tochter heiraten will? Sehr erfreut, bitte, nehmen Sie Platz. Dort drüben, ja, dann habe ich Ihr Gesicht im Licht. Sie werden es sich noch überlegen.«

»Was?«, fragt Pinneberg.

Lämmchen hat sich auch eine Schürze umgebunden und hilft der Mutter. Frau Mörschel sagt: »Wo der Bengel nur wieder bleibt! Die ganzen Puffer werden zäh.«

»Überstunden«, sagt Herr Mörschel lakonisch. Und zu Pinneberg zwinkernd: »Sie machen manchmal auch Überstunden, nicht wahr?«

»Ja«, sagt Pinneberg. »Ziemlich oft.«

»Aber ohne Bezahlung?«

»Leider. Der Chef sagt …«

Herrn Mörschel interessiert nicht, was der Chef sagt. »Sehen Sie, das ist der Unterschied zwischen meinen klassenbewussten Proleten und euch: Mein Karl kriegt seine Überstunden bezahlt.«

»Herr Kleinholz sagt …«, beginnt Pinneberg von neuem.

»Was die Arbeitgeber sagen, junger Mann«, erklärt Herr Mörschel, »das wissen wir lange. Das interessiert uns nicht. Was sie tun, das interessiert uns. Es gibt doch ’nen Tarifvertrag bei euch, was?«

»Ich glaube«, sagt Pinneberg.

»Glaube ist Religionssache. Bestimmt gibt es ihn. Und da steht sicher drin, dass Überstunden bezahlt werden müssen. Warum werden sie denn nun nicht bezahlt?«

Pinneberg zuckt die Achseln.

»Weil ihr nicht organisiert seid, ihr Angestellten«, sagt Herr Mörschel. »Weil kein Zusammenhang ist bei euch, keine Solidarität. Darum machen sie mit euch, was sie wollen.«

»Ich bin organisiert«, sagt Pinneberg mürrisch. »Ich bin in ’ner Gewerkschaft.«

»Du, Emma, du, Mutter, unser junger Mann ist in ’ner Gewerkschaft! Wer hätte das gedacht! So schnieke und Gewerkschaft.« Der lange Mörschel hat den Kopf ganz auf die Seite gelegt und besieht seinen künftigen Schwiegersohn mit eingekniffenen Augen. »Und wie nennt sich Ihre Gewerkschaft, mein Junge? Nu, raus damit!«

»Gewerkschaftsbund der Angestellten«, sagt Pinneberg und ärgert sich immer mehr.

Der lange Mann krümmt sich völlig zusammen: »GDA! Mutter, Emma, haltet mich fest, das nennt dies Blümchen ’ne Gewerkschaft! Ein gelber Verband, zwischen zwei Stühlen. O Gott, Kinder, so ein Witz …«

»Na, erlauben Sie mal«, sagt Pinneberg wütend, »wir sind kein gelber Verband! Wir werden nicht von den Arbeitgebern finanziert. Wir zahlen unsern Bundesbeitrag selber.«

»Für die Bonzen! Für die gelben Bonzen! Na, Emma, da hast du dir ja den Richtigen ausgesucht! Ein GDA-Mann! Wissen Sie auch, junger Mann, was Ihr Bund für ’ne Parole bei der letzten Reichstagswahl ausgegeben hat?«

»Gar keine. Wir sind ganz unpolitisch.«

»Hier bei uns haben sie gesagt: wählt Staatspartei, und zehn Dörfer weiter haben sie gesagt: wählt Bürgerblock. Unpolitisch … hehe …«

Pinneberg sieht hilfesuchend zu Lämmchen hinüber, aber Lämmchen sieht nicht her, vielleicht ist sie dies gewöhnt, aber wenn sie es gewöhnt ist, für ihn ist es doch schlimm.

Herr Mörschel rafft sich zusammen: »Sie heißen ja wohl Pinneberg? Na ja, seinen Namen soll man niemandem vorwerfen, dafür kann keiner. Immerhin: Emma Pinneberg … ich möcht nur überlegen, Emma …«

»Mir gefällt’s, Vater.«

»Na ja, du Lamm! – Also, Herr Pinneberg, fünfunddreißig Jahre bin ich in der Partei …«

»In was für ’ner Partei?«

»Es gibt nur eine Partei. Die SPD. Die andern … na, das ist wie mit Ihrem Gewerkschaftsbund. Und durch die Partei bin ich aus ’nem Arbeiter das geworden, was Sie sind: Angestellter. Ich arbeite auf dem Parteibüro. Angestellter. Aber deswegen bin ich erst recht organisiert, und deswegen mach ich noch lange keine unbezahlten Überstunden, deswegen bleibe ich doch ewig ein Prolet.«

»Na ja«, sagt Pinneberg.

»Angestellter, wenn ich das schon höre«, sagt Mörschel. »Ihr denkt, ihr seid was Besseres wie wir Arbeiter.«

»Denk ich nicht.«

»Denken Sie doch. Und warum denken Sie das? Weil Sie Ihrem Arbeitgeber nicht ’ne Woche den Lohn stunden, sondern den ganzen Monat. Weil Sie unbezahlte Überstunden machen, weil Sie sich unter Tarif bezahlen lassen, weil Sie nie ’nen Streik machen, weil Sie alle Streikbrecher sind …«

»Es geht doch nicht nur ums Geld«, sagt Pinneberg. »Wir denken doch anders als die meisten Arbeiter, wir haben doch andere Bedürfnisse …«

»Anders denken«, sagt Mörschel, »anders denken, Sie denken genauso wie ein Prolet …«

»Das glaube ich nicht«, sagt Pinneberg, »ich zum Beispiel …«

»Sie zum Beispiel«, sagt Mörschel und kneift die Augen ganz gemein ein und feixt. »Sie zum Beispiel haben sich doch Vorschuss genommen?«

»Wieso?«, fragt Pinneberg verwirrt. »Vorschuss?«

»Na ja, Vorschuss«, grinst der andere noch mehr. »Vorschuss, da, bei meiner Tochter Emma. Nicht sehr fein, Herr. Mächtig proletarische Angewohnheit …«

»Ich …«, fängt Pinneberg an und ist sehr rot und hat Lust, die Türen zu donnern und zu schreien: Rutschen Sie mir doch …

»Ruhig bist du jetzt«, sagt Frau Mörschel. »Das ist erledigt. Das geht dich gar nichts an.«

»Da kommt der Karl«, ruft Lämmchen, und draußen klappt die Tür.

»Also her mit dem Essen, Frau«, sagt Mörschel. »Und recht habe ich doch, Schwiegersohn, fragen Sie mal Ihren Pastor. Unfein …«

Ein junger Mensch kommt herein, aber jung ist nur eine Altersbezeichnung für ihn, er sieht völlig unjung aus, noch gelber, noch galliger als der Alte. Er knurrt: »’n Abend«, nimmt von dem Gast keine weitere Notiz und zieht Jacke und Weste aus, dann das Hemd. Pinneberg sieht es mit steigender Verwunderung.

»Überstunden gemacht?«, fragt der Alte.

Karl Mörschel knurrt nur etwas.

»Lass doch jetzt die Scheuerei, Karl«, sagt Frau Mörschel, »komm essen.«

Aber Karl lässt schon das Wasser am Ausguss laufen und fängt an, sich sehr intensiv zu waschen. Bis zu den Hüften ist er nackt, Pinneberg geniert sich etwas, Lämmchens wegen. Aber die scheint nichts dabei zu finden, es ist ihr wohl selbstverständlich.

Pinneberg ist vieles nicht selbstverständlich. Die hässlichen Steingutteller mit den schwärzlichen Anschlagstellen, die halbkalten Kartoffelpuffer mit etwas sauren Gurken, die ein Mittagessen darstellen, das laue Flaschenbier, das nur für die Männer dasteht, dazu diese Küche, der waschende Karl …

Pinneberg hat es sich anders gedacht. Nach den eiligen lieblosen Mittagstischen seiner Junggesellenzeit sehnt er sich nach einem weißen, sauber gedeckten Tisch, einem Essen mit anständigen reinen Zutaten, einer hübsch angezogenen Hausfrau … Er sieht nach Lämmchen. Sie hat die blaue Schürze umbehalten.

Das darf sie nicht bei uns, denkt er. Und möchte, dass sie einmal nach ihm hinsähe, aber sie spricht halblaut mit ihrer Mutter etwas, von Plätten und Wäsche.

Karl setzt sich an den Tisch, sagt brummig: »Nanu, Bier?«

»Das ist der Bräutigam von Emma«, erklärt Frau Mörschel. »Sie wollen bald heiraten.«

»So«, sagt Karl. Und damit ist dieser Punkt für ihn erledigt. Aber zum Vater: »Morgen früh lass mich liegen, ich spiel krank.«

»Warum denn?«, fragt der Alte. »Du hast es doch nicht so dicke. Mutter wartet schon wieder seit zwei Wochen auf dein Kostgeld.«

»Soll die Emma mehr zahlen, wo sie jetzt ’nen reichen Bourgeois hat. – Deine Sozialfaschisten haben wieder ’nen schönen Verrat in der Fabrik gemacht.«

»Sozialfaschisten …«, sagt der Alte. »Wer wohl Faschist ist, du Sowjetist!«

»Na klar«, sagt Karl, »ihr Panzerkreuzerhelden.«

Die Debatte wurde sehr spitz.

Spielt in der Nacht und handelt von Liebe und Geld

Pinneberg hat seinen Zug sausenlassen, er kann auch morgens um vier reisen. Dann ist er immer noch rechtzeitig im Geschäft.

Die beiden sitzen in der dunklen Küche. Drinnen in der einen Stube schläft Herr, in der andern Frau Mörschel. Karl ist in eine KPD-Versammlung gegangen.

Sie haben zwei Küchenstühle nebeneinandergezogen und sitzen mit dem Rücken zu dem erkalteten Herd. Die Tür zu dem kleinen Küchenbalkon steht offen, der Wind bewegt leise den Schal über der Tür. Draußen ist – über einem heißen, radiolärmenden Hof – der Nachthimmel, dunkel, mit sehr blassen Sternen.

»Ich möchte«, sagt Pinneberg leise und drückt Lämmchens Hand, »dass wir es ein bisschen hübsch hätten. Weißt du« – er versucht es zu schildern –, »es müsste hell sein bei uns und weiße Gardinen und alles immer schrecklich sauber.«

»Ich versteh«, sagt Lämmchen, »ich versteh, es muss schlimm sein bei uns für dich, wo du es nicht gewöhnt bist.«

»So meine ich es doch nicht, Lämmchen.«

»Doch, doch. Warum sollst du es nicht sagen, es ist doch schlimm. Dass sich Karl und Vater immer zanken, ist schlimm. Und dass Vater und Mutter immer streiten, das ist auch schlimm. Und dass nie Ordnung ist und dass sie Mutter immer um das Kostgeld betrügen wollen und dass Mutter sie mit dem Essen betrügt … alles ist schlimm.«

»Aber warum sind sie so? Bei euch verdienen doch drei, da müsste es doch gut gehen.«

Lämmchen antwortet ihm nicht. »Ich gehör ja nicht rein hier«, sagt sie stattdessen, »ich bin immer das Aschenputtel gewesen. Wenn Vater und Karl nach Haus kommen, haben alle Feierabend. Dann fang ich an mit Aufwaschen und Plätten und Nähen und Strümpfestopfen. Ach, es ist nicht das!«, ruft sie aus. »Das täte man ja gerne. Aber dass das alles ganz selbstverständlich ist und dass man dafür geschubst wird und geknufft, dass man nie ein gutes Wort bekommt und dass der Karl so tut, wie wenn er mich miternährt, weil er mehr Kostgeld zahlt als ich … Ich verdien doch nicht viel – was verdient denn heute eine Verkäuferin?«

»Es ist ja bald vorbei«, sagt Pinneberg. »Ganz bald.«

»Ach, es ist ja nicht das«, ruft sie verzweifelt »es ist ja alles nicht das. Aber, weißt du, Junge, sie haben mich immer richtig verachtet, du Dumme, sagen sie zu mir. Sicher, ich bin nicht so klug. Ich versteh vieles nicht. Und dann, dass ich nicht hübsch bin …«

»Aber du bist hübsch!«

»Du bist der Erste, der das sagt. Wenn wir zum Tanz gegangen sind, immer bin ich sitzen geblieben. Und wenn dann Mutter zum Karl gesagt hat, er soll seine Freunde schicken, hat er gesagt: ›Wer will denn mit so ’ner Ziege tanzen?‹ Wirklich, du bist der Erste …«

Ein unheimliches Gefühl beschleicht Pinneberg. Wirklich, denkt er, sie sollte mir das nicht so sagen. Ich hab immer gedacht, sie ist hübsch, und bin stolz auf sie gewesen, wenn wir ausgegangen sind. Und nun ist sie vielleicht gar nicht hübsch …

Lämmchen aber redet weiter: »Siehst du, Jungchen, ich will dir ja nichts vorjammern. Ich will es dir nur dieses eine einzige Mal sagen, dass du weißt, ich gehör hier nicht her, ich gehör nur zu dir. Zu dir allein. Und dass ich dir ganz furchtbar dankbar bin, nicht nur wegen des Murkels, sondern weil du das Aschenputtel geholt hast …«

»Du«, sagt er. »Du.«

»Nein, jetzt noch nicht. – Und wenn du sagst, wir wollen es hell und sauber haben, du musst ein bisschen Geduld mit mir haben, ich hab ja nie richtig kochen gelernt. Und wenn ich etwas falsch mache, dann sollst du es mir sagen, und ich will dich nie, nie belügen.«

»Nein, Lämmchen, nein. Es ist ja gut.«

»Und wir wollen uns nie, nie streiten. O Gott, Junge, was wollen wir glücklich sein, wir beide allein. Und dann der Dritte, der Murkel.«

»Wenn es aber ein Mädchen wird?«

»Er ist ein Murkel, sage ich dir, ein kleiner süßer Murkel.«

Nach einer Weile stehen sie auf und treten auf den Balkon. Ja, der Himmel ist da über den Dächern und seine Sterne in ihm. Sie stehen eine Weile schweigend, jedes die Hand auf der Schulter des andern.

Dann kehren sie zu dieser Erde zurück, mit dem engen Hof, den vielen hellen Fensterquadraten, dem Jazzgequäk.

»Wollen wir uns auch Radio anschaffen?«, fragt er plötzlich.

»Ja, natürlich. Weißt du, ich bin dann nicht so mutterseelenallein, wenn du im Geschäft bist. Aber erst später. Wir müssen uns so furchtbar viel anschaffen.«

»Ja«, sagt er.

Stille.

»Junge«, fängt Lämmchen sachte an. »Ich muss dich doch was fragen.«

»Ja?«, fragt er unsicher.

»Aber sei nicht böse.«

»Nein«, sagt er.

»Hast du was gespart?«

Pause. »Ein bisschen«, sagt er zögernd. »Und du?«

»Auch ein bisschen.« Und ganz rasch: »Aber nur ein ganz, ganz, ganz klein bisschen.«

»Sag du«, sagt er.

»Nein, sag du zuerst«, sagt sie.

»Ich …«, sagt er und bricht ab.

»Sag schon!«, bittet sie.

»Es ist wirklich nur ganz wenig, vielleicht noch weniger als du.«

»Sicher nicht.«

»Doch. Sicher.«

Pause. Lange Pause.

»Frag mich«, bittet er.

»Also«, sagt sie und holt tief Atem. »Ist es mehr als –?« Sie macht eine Pause.

»Als was?«, fragt er.

»Ach was«, lacht sie plötzlich. »Soll ich mich genieren. Hundertdreißig Mark hab ich auf der Kasse.«

Er sagt stolz und langsam: »Vierhundertsiebzig.«

»Au fein«, sagt Lämmchen. »Das wird grade glatt. Sechshundert Mark. Junge, was ein Haufen Geld!«

»Na …«, sagt er. »Viel finde ich es ja nicht. Aber man lebt schrecklich teuer als Junggeselle.«

»Und ich hab von meinen hundertzwanzig Mark Gehalt siebzig Mark für Kost und Wohnung abgeben müssen.«

»Ich glaub nicht, dass wir in Ducherow gleich ’ne Wohnung kriegen«, sagt er.

»Dann müssen wir ein möbliertes Zimmer nehmen.«

»Dann können wir auch für die Einrichtung mehr sparen.«

»Aber ich glaube, möbliert ist schrecklich teuer.«

»Aber hilft doch nichts, Lämmchen, wir kriegen sonst nichts.«

»Aber eine Küche will ich für mich allein haben. Küche zu zweien gibt immer Streit.«

»Also lass uns mal rechnen«, schlägt er vor.

»Ja. Wir wollen mal sehen, wie wir hinkommen. Wir wollen rechnen, als ob wir nichts auf der Kasse hätten.«

»Ja, das dürfen wir nicht angreifen, das soll ja mehr werden. Also hundertachtzig Mark …«

»Als Verheirateter kriegst du doch mehr.«

»Ja, weißt du, ich weiß nicht. Nach dem Tarifvertrag, aber mein Chef ist so komisch.«

»Darauf würde ich keine Rücksicht nehmen, ob der komisch ist.«

»Lämmchen, lass uns erst mal mit hundertachtzig rechnen. Die haben wir doch sicher.«

»Na schön«, stimmt sie zu. »Also erst mal die Abzüge.«

»Ja«, sagt er. »An denen kann man ja nichts machen. Steuern sechs Mark und Arbeitslosenversicherung zwei Mark siebzig. Und Angestelltenversicherung vier Mark. Und Krankenkasse fünf Mark vierzig. Und der Bund vier Mark fünfzig …«

»Na, dein Bund, der ist doch überflüssig.«

Pinneberg sagt etwas ungeduldig: »Den lass man erst. Ich hab von deinem Vater genug.«

»Schön« sagt Lämmchen. »Macht zweiundzwanzig Mark sechzig Abzüge. Fahrgeld brauchst du nicht?«

»Gott sei Dank nicht.«

»Bleiben also erst mal hundertsiebenundfünfzig Mark vierzig. Was macht die Miete?«

»Ja, ich weiß doch nicht. Zimmer und Küche, möbliert. Sicher doch vierzig Mark.«

»Sagen wir fünfundvierzig«, sagt Lämmchen. »Bleiben hundertzwölf Mark vierzig. Was denkst du, brauchen wir fürs Essen?«

»Ja, sag du mal.«

»Mutter sagt, eine Mark fünfzig braucht sie für jeden am Tag.«

»Das sind neunzig Mark im Monat«, sagt er.

»Dann bleiben noch zweiundzwanzig Mark vierzig«, sagt sie.

Die beiden sehen sich an.

Lämmchen sagt ganz schnell: »Und dann haben wir noch nichts für Feuerung. Und nichts für Gas. Und nichts für Licht. Und nichts für Porto. Und nichts für Kleidung. Und nichts für Wäsche.«

Und er sagt: »Und man möchte auch mal ins Kino. Und am Sonntag möchte man auch fort. Und ’ne Zigarette rauch ich auch gern.«

»Und sparen wollen wir auch was.«

»Mindestens zwanzig Mark im Monat.«

»Dreißig.«

»Aber wie?«

»Rechnen wir noch mal.«

»An den Abzügen ändert sich nichts.«

»Und billiger kriegen wir kein Zimmer mit Küche.«

»Vielleicht fünf Mark billiger.«

»Na ja, ich will mal sehen. ’ne Zeitung möcht man sich aber auch halten.«

»Sicher. Aber am Kostgeld, nun gut, zehn Mark vielleicht ab.«

Sie sehen sich wieder an.

»Zwanzig Mark können wir dann noch immer nicht sparen.«

»Du«, sagt sie, »musst du immer Plättwäsche tragen? Die kann ich nicht selber plätten.«

»Doch, das verlangt der Chef. Ein Oberhemd kostet sechzig Pfennig plätten und ein Kragen zehn Pfennig.«

»Macht auch wieder fünf Mark im Monat.«

»Und Schuhe besohlen.«

»Auch das, ja. Das ist auch gemein teuer.«

Pause.

»Also, rechnen wir noch mal.«

Nach einer Weile: »Also streichen wir vom Essen noch mal zehn Mark ab. Aber billiger als für siebzig kann ich es nicht.«

»Wie machen es denn die andern?«

»Ja, ich weiß auch nicht. Furchtbar viele haben doch noch weniger.«

»Ich versteh das nicht.«

»Da muss irgendwas nicht richtig sein. Lass uns noch mal rechnen.«

»Weißt du«, sagt sie nach einer Weile, »wenn ich heirate, kann ich mir doch meine Angestelltenversicherung auszahlen lassen?«

»Au fein«, sagt er. »Das gibt sicher hundertzwanzig Mark. Und deine Eltern, meinst du, geben nichts?«

»Ein bisschen Wäsche vielleicht. Ach, ich möchte das auch nicht …«

»Nein« sagt er reuig. »Natürlich nicht.«

»Und mit deiner Mutter?«, fragt sie. »Du hast mir nie was von ihr erzählt.«

»Da ist auch nichts zu erzählen« sagt er kurz. »Ich schreib ihr nicht.«

»So«, sagt sie. »Ja dann.«

Wieder Stille.

Sie stehen wieder einmal auf und treten hinaus. Es ist fast alles dunkel geworden im Hof, auch die Stadt ist still geworden. In der Ferne hört man ein Auto tuten.

Er sagt in Gedanken verloren: »Haarschneiden kostet auch achtzig Pfennig.«

»O du, lass«, sagt sie. »Was die andern können, werden wir auch können. Es wird schon gehen.«

»Du, Lämmchen«, sagt er. »Ich will dir auch kein Haushaltsgeld geben. Zu Anfang des Monats tun wir alles Geld in einen Topf, und jeder nimmt sich, was er braucht.«

»Ja«, sagt sie, »und wir sind furchtbar sparsam. Vielleicht lerne ich auch noch Oberhemden plätten.«

»Fünf-Pfennig-Zigaretten sind auch Unsinn«, sagt er. »Es gibt schon ganz anständige zu drei.«

»Und wenn wir dann eine Wohnung kriegen, dann kaufen wir uns ein feines Schlafzimmer …«

»Aber nicht auf Abzahlung«, sagt er schnell.

»Nein, natürlich nicht. Wir wollen doch keine Schulden haben. Borgen macht Sorgen.«

»Und wir wollen nie wieder Sorgen haben. Sorgen sind schrecklich.«

»Ja«, sagt Lämmchen. »Weißt du, wie die Regel immer und immer nicht kam, ich hab es ja beinahe gedacht, aber ich wollte und wollte es nicht glauben.«

»Und wir haben so aufgepasst.«

»Eben. Und ich war so schrecklich allein, und ich hatte solche Angst …«

»Aber ist ja vorbei. Wir sind beide nie wieder allein …« Plötzlich lacht er laut.

»Was ist denn?«, fragt Lämmchen. »Junge, was lachst du denn? Sag nur?«

»Eins weiß ich, das sparen wir bestimmt …«

»Und was? Sag doch!«

»Präservative.«

Aber sie lacht nicht, nein, sie stößt einen Schrei aus: »O Gott, Junge, den Murkel haben wir ja ganz vergessen! Der kostet doch auch Geld.«

Er überlegt: »Was kostet denn solch ein kleines Kind? Und dann gibt es Entbindungsgeld und Stillgeld … Ich glaub, die ersten Jahre kostet der gar nichts.«

»Ich weiß nicht …«, sagt sie zweifelnd.

In der Tür steht eine weiße Gestalt.

»Wollt ihr nicht endlich ins Bett?«, fragt Frau Mörschel. »Drei Stunden könnt ihr noch schlafen.«

»Ja, Mutter«, sagt Lämmchen.

»Es ist schon alles gleich«, sagt die Alte. »Ich schlaf heute bei Vater. Nimm ihn dir mit, deinen …« Die Tür schrammt zu, ungewiss bleibt, welchen deinen …

»Aber ich möchte wirklich nicht …«, sagt Pinneberg etwas pikiert. »Das ist doch wirklich nicht angenehm hier bei deinen Eltern …«

»O Gott, Junge«, lacht sie. »Sei doch froh. Ich glaub, der Karl hat recht, du bist ein Bourgeois …«

»Aber keine Spur«, protestiert er. »Wenn es deine Eltern nicht stört.« Er zögert noch einmal. »Und wenn Doktor Sesam sich nun geirrt hat.«

»Also setzen wir uns wieder auf die Küchenstühle«, schlägt sie vor. »Mir tut schon alles weh!«

»Also komm schon, Lämmchen«, sagt er reumütig.

»Ja, wenn du nicht willst –?«

»Ich bin ein Schaf, Lämmchen! Ich bin ein Schaf!«

»Na also«, sagt sie. »Dann passen wir ja zueinander.«

»Das wollen wir gleich sehen«, sagt er.

Erster Teil

Die kleine Stadt

Die Ehe fängt ganz richtig mit einer Hochzeitsreise an, aber – brauchen wir einen Schmortopf?

Der Zug, der um vierzehn Uhr zehn an diesem Augustsonnabend von Platz nach Ducherow fährt, befördert in einem Nichtraucherabteil dritter Klasse Herrn und Frau Pinneberg, in seinem Packwagen einen »ganz großen« Schließkorb mit Emmas Habe, einen Sack mit Emmas Betten – aber nur ihr Bett, »für sein Bett kann er selber sorgen, wie kommen wir dazu?« – und eine Margarinekiste mit Emmas Porzellan.

Der Zug verlässt eilig die große Stadt Platz, am Bahnhof war keiner, die letzten Vorstadthäuser bleiben zurück, nun kommen die Felder, eine Weile noch geht es an dem Ufer der glitzernden Strela entlang – dort baden Jungens, ganz ohne Hose – na ja, so Jungens … – und nun Wald, Birken an der Bahn lang, Pinneberg erklärt seinem Weib die Schutzstreifen gegen Funkenflug.

Im Abteil sitzt außer ihnen nur noch ein grämlicher Mann, der sich nicht entschließen kann, was er nun eigentlich tun soll: Zeitung lesen, die Landschaft besehen oder das junge Paar beobachten. Überraschend geht er von einem zum andern über, und immer wenn die beiden sich gerade ganz sicher glauben, werden sie von ihm erwischt.

Pinneberg legt ostentativ seine rechte Hand aufs Knie. Der Reif schimmert freundlich. Jedenfalls sind es vollständig legitime Dinge, die dieser Grämling beobachtet. Er sieht aber nicht den Ring an, sondern die Landschaft.

»Macht sich gut, der Ring«, sagt Pinneberg zufrieden. »Kann man überhaupt nicht sehen, dass er nur vergoldet ist.«

»Weißt du, ein komisches Gefühl ist es mit dem Ring, ich fühl ihn immerzu und muss ihn ewig ansehen.«

»Bist ihn eben noch nicht gewöhnt. Alte Eheleute spüren ihn überhaupt nicht. Verlieren ihn, merken es gar nicht.«

»Das sollte mir passieren«, sagt Lämmchen entrüstet. »Ich werd ihn merken, immer, immer.«

»Ich auch«, erklärt Pinneberg. »Wo er mich an dich erinnert!«

»Und mich an dich!« Sie neigen sich gegeneinander, immer näher, immer näher. Und fahren zurück, der Grämliche starrt geradezu schamlos.

»Keiner aus Ducherow«, flüstert Pinneberg. »Müsste ihn kennen.«

»Kennst du denn alle bei euch?«

»Was so in Frage kommt, natürlich. Wo ich früher bei Bergmann Herren- und Damenkonfektion verkauft habe. Da kennt man alles.«

»Warum hast du das denn aufgegeben? Das ist doch eigentlich deine Branche.«

»Hab mich verkracht mit dem Chef«, sagt Pinneberg kurz.

Lämmchen möchte weiterfragen, sie spürt, hier ist noch ein Abgrund, aber lieber lässt sie es. Alles hat Zeit, jetzt, wo sie richtig standesamtlich getraut sind.

Er hat scheinbar auch gerade daran gedacht. »Deine Mutter sitzt nun längst wieder zu Haus«, sagt er.

»Ja«, sagt sie. »Mutter ist ärgerlich, deswegen ist sie auch nicht mit zur Bahn gegangen. ’ne Hundehochzeit ist das, hat sie noch gesagt, wie wir weggegangen sind vom Standesamt.«

»Soll ihr Geld sparen. So ’ne Festfresserei, wo alle nur dreckige Witze reißen, ist mir grässlich.«

»Natürlich«, sagt Lämmchen. »Mutter hätte es nur Spaß gemacht.«

»Haben nicht geheiratet, damit Mutter Spaß hat«, sagt er kurz angebunden.

»Nein, wirklich nicht – aber weißt du, mit den dreckigen Witzen, da wär Mutter schon dahinterher gewesen, das lässt Mutter sich nicht gefallen. Gerade bei mir nicht.«

»Wieso gerade bei dir nicht?«

»Nun, weil … du weißt schon, Junge.«

»Aber man sieht doch noch nichts bei dir.«

»Nein, noch nicht. Heut Abend wirst du schon sehen, das kommt erst. Ich glaub, ich werde sehr stark …«

»So« sagt er. Es ist ihm nicht ganz recht. Immerhin hat Ducherow nur zweiundzwanzigtausend Einwohner, und er ist ziemlich bekannt im Ort.

»Also wieso gerade bei dir«, fängt er wieder an. »Wo sie doch noch nichts sehen können?«

»Ach Gott, Junge, die reden doch alle. Wo wir das Aufgebot so beschleunigt haben. Im Geschäft, die Burmeister, hat auch zu mir gesagt: hier haben Sie immer so zipp getan, und plötzlich sind Sie ganz anders.«

»So ein Aas«, sagt Pinneberg.

»Aber wirklich«, erwidert Lämmchen. »Von der Burmeister träum ich. Weißt du, was die mich gehetzt und getriezt und drangsaliert hat … Und Launen hat sie gehabt und ungerecht war sie, bloß um sich beim Chef anzuschmieren …«

»Ich kenn das«, sagt Pinneberg mit Überzeugung. »Überhaupt sind die größten Schweine nie die Chefs, am meisten quälen sich die Angestellten untereinander.«

»Da hast du recht«, sagt Lämmchen eifrig. »Was ich von der Burmeister habe einstecken müssen …«

»Aber es ist ja jetzt vorbei für dich«, sagt er. »Ganz vorbei, Lämmchen!«

»O Gott, ja, Junge! Ich kann es mir gar nicht ausdenken. Keiner, der mehr mit einem rumraunzt und schimpft … Ganz frei. Ogottogott …«

»Jetzt bin ich dein Chef, Frau Emma Pinneberg«, sagt er streng.

»Ja du! Du bist mein Chef. Du …«

Sie neigen sich gegeneinander. Der Alte raunzt. Sie gehen auseinander.

»So ein Ekel«, sagt Lämmchen, und gar nicht mal sehr leise. »Soll er seine Zeitung lesen, der alte Knacker, und sich nicht an uns aufregen.«

»Nicht so laut, Lämmchen.«

»Na ja, wo es doch wahr ist.«

»Also bitte!«

Pause.

»Du«, fängt Lämmchen wieder an, »ich bin schrecklich gespannt auf die Wohnung.«

»Na ja, hoffentlich gefällt sie dir. Viel Auswahl ist nicht in Ducherow.«

»Also, Hannes, beschreib sie mir noch mal.«

»Schön«, sagt er und erzählt, wie er schon öfter von ihr erzählt hat. »Dass sie ganz draußen liegt, hab ich schon gesagt. Ganz im Grünen.«

»Das ist grade fein.«

»Aber es ist ein richtiger Mietskasten. Maurermeister Mothes hat ihn da draußen hingesetzt, hat gedacht, da kommen noch mehr. Aber keiner kommt und baut da.«

»Warum nicht?«

»Weiß ich nicht. Ist den Leuten zu einsam, zwanzig Minuten in die Stadt. Kein gepflasterter Weg.«

»Also die Wohnung«, erinnert sie ihn.

»Unten ist ein Laden, Kolonialwaren, Brot, Seife, alles, was du willst. Da hast du es nicht so weit, wenn du einkaufen willst und kannst nicht mehr so gehen.«

»Das muss ich erst sehn«, sagt sie. »In die Stadt muss ich doch, nach den Preisen sehen. In solchen kleinen Läden nehmen die Leute einem ab, was sie wollen.«

»Na, du wirst ja sehn. Ich glaub nicht, dass er teurer ist wie die andern. Im ersten Stock wohnt dann Agent Nußbaum. Was der Mann eigentlich macht, weiß ich nicht. Er hat so mehr auf dem Lande zu tun, Güter prüfen und verkaufen, glaube ich.«

»Mit dem kriegen wir also nichts zu tun.«

»Hat ’ne nette Frau, sieht gut aus. Nein, die sind viel zu vornehm für uns, werden doch nicht mit einem kleinen Angestellten verkehren. Im zweiten Stock wohnt Redakteur Kaliebe, der ist beim Ducherower Anzeiger.«

»Auch verheiratet?«

»Ja.«

»Haben sie Kinder?«

»Weiß ich nicht. Doch, ich glaube, ich hab da ’nen Kinderwagen stehen sehen.«

»Was sind das für Leute?«

»Kann ich nicht sagen. Er ist ja immer in der Stadt rum, ich glaube, er säuft fürchterlich viel.«

»Pfui! Na, und nun kommen wir.«

»Noch nicht ganz. Nun kommt unser Wirt oder vielmehr unsre Wirtin: Witwe Scharrenhöfer.«

»Wie ist sie denn?«

»Gott, was soll ich sagen. Sie tut ja sehr fein, sie hat auch mal bessere Tage gesehen, aber die Inflation … Na, sie hat mir tüchtig was vorgeweint.«

»O Gott!«

»Sie wird ja nicht immer weinen. Und überhaupt, das ist ausgemacht, nicht wahr, wir sind schrecklich reserviert! Wir wollen keinen Verkehr mit andern Leuten haben. Wir sind für uns genug.«

»Natürlich. Aber wenn sie aufdringlich ist?«

»Glaub ich nicht. Ist ’ne richtige feine alte Dame mit ganz weißen Haaren. Und sie hat schreckliche Angst um ihre Sachen, es wären noch die ganz guten Sachen von ihrer Mutter selig, und wir sollen uns immer langsam auf das Sofa setzen, weil das noch die gute alte Federung hat, die verträgt keine plötzliche Belastung.«

»Wenn ich da man nur immer dran denke«, sagt Lämmchen bedenklich. »Wenn ich mich freue oder wenn ich schrecklich traurig bin und rasch mal heulen will, und ich setz mich hin, dann kann ich doch nicht an die gute alte Federung denken.«

»Musst du«, sagt Pinneberg streng, »musst du eben. Und die Uhr unter dem Glassturz auf dem Vertiko, die sollst du nicht aufziehen und ich auch nicht, das kann sie allein.«

»Soll sie sich ihre olle eklige Uhr rausholen. Ich will in meiner Wohnung keine Uhr, die ich nicht aufziehen darf.«

»Na ja, es wird schon alles nicht so schlimm werden. Schließlich sagen wir, das Schlagen stört uns, und bitten sie, sie rauszuholen.«

»Aber gleich heute Abend! Ich weiß ja nicht, solch vornehme Uhren, vielleicht müssen die nachts aufgezogen werden. – Also, sag endlich, wie ist es: man kommt die Treppe herauf, und da ist die Flurtür. Und dann …«

»Dann kommt der Vorplatz, den haben wir gemeinsam. Und links gleich die erste Tür, das ist unsere Küche. Das heißt, ’ne ganz richtige Küche ist es nicht, früher ist es wohl nur so ’ne Kammer gewesen unterm schrägen Dach, aber ein Gaskocher ist da …«

»Mit zwei Flammen«, ergänzt Lämmchen traurig. »Wie ich das machen soll, das ist mir noch schleierhaft. Auf zwei Flammen kann doch kein Mensch ein Essen kochen. Mutter hat vier Flammen.«

»Aber natürlich geht es mit zweien.«

»Nun pass doch mal auf, Junge …«

»Wir wollen ganz einfach essen, da reichen zwei Flammen vollkommen.«