Wir hatten mal ein Kind - Hans Fallada - E-Book
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Beschreibung

Falladas Lieblingsbuch. Seit Generationen wissen die Leute auf der Insel Rügen, dass mit den Gäntschows nicht gut Kirschen essen ist. Auch Johannes, der letzte Spross dieser Sippe, macht keine Ausnahme. Nur Christiane, seine große Liebe seit Kindheitstagen, hält zu ihm. Gäntschow aber kann nicht aus seiner Haut: Er will selbständig sein und frei. Zu spät erkennt er, dass er so auch Christiane verliert. Dieser Roman über einen kauzigen Helden und dessen merkwürdiges Glück war für Fallada sein „schönstes, reifstes und reichstes Buch“.

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Seitenzahl:940


Hans Fallada

Wir hatten mal ein Kind

Eine Geschichte und Geschichten

Impressum

Textgrundlage dieser Ausgabe:Hans Fallada. Wir hatten mal ein Kind.Eine Geschichte und GeschichtenRowohlt Verlag GmbH, Berlin 1934 (Erstausgabe)

ISBN E-Pub 978-3-8412-0264-2

ISBN PDF 978-8412-2264-0

ISBN Printausgabe 978-3-7466-5326-6

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, 2010

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Bei Aufbau erstmals 1994 erschienen; Aufbau ist eine Marke der

Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

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Umschlaggestaltung Preuße & Hülpüsch Grafik Design

unter Verwendung des Gemäldes »Blick über Vitt auf das Kap Arkona«

von Walter Leistikow, 1886

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital – die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

www.aufbau-verlag.de

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Impressum

Inhaltsübersicht

Erster Abschnitt: Die Urgeschichte des Helden

Zweiter Abschnitt: Die Jugendgeschichte des Helden

Dritter Abschnitt: Wanderjahre des Helden

Vierter Abschnitt: Liebes- und Ehegeschichte des Helden

Fünfter Abschnitt: Wiedersehen mit einer Freundin

Sechster Abschnitt: Wir hatten mal ein Kind

ERSTER ABSCHNITT

Die Urgeschichte des Helden

Johannes Gäntschow wurde am zwölften März 1893 als Sohn einfacher Bauersleute auf der Insel Rügen, und zwar auf deren Halbinsel Fiddichow, geboren. Der Hof Warder, auf dem diese Geburt stattfand, liegt etwa fünfzehnhundert Meter von Kirchdorf entfernt, allein unter uralten Linden und Pappeln. Auch von der Landstraße zum Suhler Hafen hält er sich eine Schlagbreite ab. Dort, wo der Fahrweg zum Hof von dieser Straße abzweigt, hatte schon Malte Gäntschow, des Johannes Großvater, das Schild auf einen Pfahl gestellt:

Hier wohnt Malte Gäntschow

Kauft nichts – Verkauft nichts und empfängt auch keine Besuche.

Da er aber den Lesekenntnissen seiner Mitmenschen mißtrauen mochte, da er auch als Bibelkundiger den Spruch kannte »Verstehest du auch, was du liesest?«, so wurde weiterhin auf dem Hof stets eine ganze Meute von Hunden gehalten, die jeden leichtsinnig die Tafel Mißachtenden heulend, zähnefletschend, anspringend, kleiderzerreißend empfing.

Diese Hunde, wahre Nachkommen des deutschen Schäferspitzes, in weißen, hell- wie dunkelbraunen, sowie schwarzen Färbungen, mit listig verschlagenen, aber auch mutigen Wolfsköpfen, hatten sich schon unter des Johannes Großvater Malte so vermehrt, daß ihrem Tätigkeitsdrang wie ihrer Freßlust der heimische Ausbauhof zu eng wurde. In Banden zu zwölf und fünfzehn durchstreiften sie die ganze Halbinsel, sie wurden ebenso auf Sagitta gesehen wie in Schranske, sie jagten in Leerhof die geängsteten Schafe um den Tüder, bis sie zusammenbrachen, und veranstalteten auf der Kerbe Treibjagden auf Kaninchen.

Rauh und zottig, mit wild funkelnden Augen, die Narben vieler Schlachten auf dem Leibe, mit zerrissenen Ohren und hinkend von den Schrotschüssen ihrer Feinde, versteckten sie sich abenteuernd längs des Feldwegs in einem Kornfeld. Kam dann ein Bauernmädchen mit seinem Einholkorb von Kirchdorf, so sah es plötzlich einen schmutzigen, demütigen Hund vor sich auf dem Boden kriechen, hilfeflehend zu ihr emporlechzen. Setzte sie den Korb ab, beugte sich mitleidig zu dem Verendenden, so war plötzlich die ganze, gespenstisch von hinten angeschlichene Meute in ihren Röcken, kniff und fetzte, und, während sie aufschreiend sich zu retten suchte, der vermeintlich Sterbende durch ihre Beine kroch und sie zu Fall brachte, rollte der Korb mit den Einkäufen im Gras. Die Hunde entflohen, lautlos wie ein Spuk, das Freßbare mit sich schleppend. Das arme Mädchen aber hatte im Korn die Nacht mit ihrem verhüllenden Dunkel zu erwarten, da es nicht rocklos in Büxen, manchmal auch sommertags ohne Büxen, heim ins Dorf konnte. Aber ging sie auch noch so spät heim, es kam doch immer heraus, und dröhnendes Gelächter und grobe Späße folgten ihr noch lange.

Wasser und Wind, ein unbeständiger, meist grauer Himmel, endloser rauher Winter und spätes Frühjahr, schwieriger Ackerbau, von Schiffbruch bedrohte Seefahrt haben die Bewohner dieser Halbinsel wohl wortkarg und rauh, aber auch derben Späßen und lautem Gelächter geneigt gemacht. Zwar wehrten sie sich mit Steinen, Stöcken und Schießprügeln gegen die Gäntschowsche Hundepest, erschlugen und vergifteten, so viele sie nur konnten, aber den Gäntschows nahmen sie das nicht weiter übel: wer keinen Sparren im Hirnboden hat, ist kein Fiddichower, doch wer einen derben hat, ist den Fiddichowern grade recht. Es ist eigentlich eine Zufallssache: entweder wird man bei solchem Klima hintersinnig und ein Spökenkieker, oder man läßt ein paar Fliegen burren, sich und der Nachbarschaft zur Freude.

Einmal wurde von einem ahnungslosen Nichteingeborenen der Landjäger, der damals noch Landgendarm hieß, in Sachen Gäntschowscher Hunde mit einem Einspruch bemüht. Er lauerte den Bauern Malte listig in einem Wasserloch ab, wie sie dort häufig in die Äcker eingesprengt sind, von Weiden und Espen umstanden. Es war ein heißer Sommertag, der Bauer stand nackt im Loch und spülte sich die schwarzzottige Brust. Zwei Hunde lagen rasch atmend im grünen kühlen Gras, der eine schön schwarzbraun wie ein kühner Löwe, der andere sanft weißgelb, als könnte er kein Wässerchen trüben, doch mit listigem Auge. Beide Hunde klopften freudig mit den Schwänzen ins Gras, als sie den Gendarmen sahen. Der aber hätte schwören mögen, daß es eben dieses weißgelbe Katzenauge gewesen war, das vor ein paar Tagen in der Dämmerung eine wütende Attacke auf seine schwarzledernen Gamaschen gemacht hatte.

Was er, der Bauer Gäntschow, sich nun eigentlich denke mit seinen Hunden, Hettitern und Amalekitern, wieder sei eine Stadthose zerrissen und eine städtische Wade zerbissen.

Woran man es denn wohl gesehen habe, daß es seine, die Gäntschowschen Hunde, gewesen seien, fragte der Bauer dagegen.

Er möge nur fein ruhig sein, seine Hunde seien bekannt auf der ganzen Halbinsel, da brauche es keine Visitenkarte, sagte der Gendarm, aber er setzte sich doch ausruhend ins grüne Gras.

Der Bauer riß eine Handvoll frischen Rohrs aus, knudelte es zusammen und fing an, sich den Rücken zu scheuern. Er müsse sich wundern, meinte er, was man da so leichtsinnig hinrede, er habe nur zwei Hunde, und daß das ganz harmlose Viecher seien, das habe der Gendarm ja eben erst gesehen: selbst bei seinem Anblick hätten sie freudig mit dem Schwanze gewedelt. – Wo doch die Hunde bekannterweise Uniformen gar nicht möchten, setzte er bedachtsam hinzu und verschwand mit dem Kopf unter Wasser.

Der Gendarm mußte seinen Zornesausbruch ob solcher Verlogenheit aufschieben, bis der Bauer wieder aufgetaucht war. Da der Bauer aber einen breiten Brustkasten hatte, dauerte es ziemlich lange. – Nicht nur der Bauer, auch der Zorn war danach etwas wäßrig geworden.

Was man da sagen solle, meinte der Gendarm, wo es doch auf der ganzen Insel bekannt sei, daß der Gäntschow über dreißig Hunde habe.

Er müsse sich immer mehr wundern, sagte der Bauer, seine Kopfhaut reibend, wie auch die Obrigkeit auf solch dummes Geklätsch hören möge. Zwei Hunde habe er, der Gendarm möge nur mit dem Gemeindevorsteher sprechen, zweie habe er auch nur versteuert.

Und damit würde jetzt Schluß sein, versicherte der Gendarm zornrot, er selbst nehme es auf seinen Diensteid, daß er über zwanzig Hunde auf dem Warderhofe habe fressen sehen.

Wohl, wohl, dies sei schon möglich, aber so sei er nun mal, er, der Bauer Gäntschow: bei ihm hätten alle Hunde aus ganz Fiddichow freien Tisch. Die Bauern auf dieser gesegneten Insel gäben ja ihren Hunden nie richtig zu fressen, er erbarme sich der Kreatur und zum Dank schöbe man ihm das ganze Hundepack der Halbinsel in die Schuhe.

Jetzt war der Gendarm sprachlos und der Bauer trat gewaltig aus dem Wasserloch. Die Feuchte rann von seinen Lenden, er lockte den löwenartigen Hund und fragte den Gendarmen, ob er wohl glaube, daß dieser Hund sein eigener Vater, ja, er wolle es frei sagen, sein eigener Großvater sei?

Ihm sei nicht nach Späßen zumute, sagte der Gendarm mürrisch, ob die städtische Hose und die städtische Wade bezahlt würden?

Dieser Pux, sagte der Bauer, hat mit seiner Mutter dort, der blonden Sussi, Kinder gezeugt, die seine Brüder sind, von wegen der Mutter. Da er aber der Vater seiner Geschwister ist, ist er auch sein eigener. Hast du’s begriffen?

Er solle nun aufhören damit und antworten, aber der Bauer sprach weiter: Mit einer seiner Töchter hat er wiederum Kinder gezeugt, und da er der Vater seiner Frau und der Bruder seiner Enkelkinder ist, zugleich der Gatte seiner Mutter und Großmutter …

Halt! schrie der Gendarm. Und wo sind die Kinder alle, wenn du nur zwei Hunde hast, Malte?!

Keine habe ich, schrie der Bauer, siehe, ich verstoße auch noch die letzten!

Und er stürmte nackt und wild auf die Hunde los, sie wichen blaffend, nackt raste ihnen der Bauer nach, wüste Steine aufhebend und nach ihnen werfend. Ein haariges bloßes Urwaldtier sah ihn der Gendarm durch die Felder hofwärts entschwinden, wilde Flüche auf die Biester ausstoßend, zu jenem Hofe, den zu betreten eben die verstoßenen Hunde unmöglich machten, selbst für den mutigsten Gendarmen. –

Der Hof lag in dem sonst hier flachen Lande auf einer leichten Anhöhe, nicht höher als etwa ein umgekippter Suppenteller. Aber diese geringe Erhöhung genügte doch, um den Blick auf das Wasser nach fast jeder Himmelsrichtung frei zu machen. Im Westen war der Rieker Bodden, nach Süden der Dreeger, im Osten war oft, nicht immer die Lommer Wiek zu sehen, nach Norden freilich nichts. Denn hier hob sich das Land sachte und kaum merklich zur Steilküste, die das Meer verdeckte. Dafür stand dort der Leuchtturm von Sagitta, der Nacht für Nacht, Sekunde für Sekunde seine schmerzend weißen Lichtschwerter nicht nur über die See, sondern auch in alle Fenster stieß, daß die ganze Stube gespenstisch aufleuchtete, wieder in Schwärze fiel … aufleuchtete … Schwärze fiel. Und alle Nebelzeiten erfüllte er mit seinem tiefen, urwelthaft traurigen Gebrüll, kommend, anschwellend, übermächtig, und langsam wieder schwächer werdend.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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