Kleiner Sagenschatz -  - E-Book

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Beschreibung

Drei meisterliche Sagen -Die Nibelungensage -Der trojanische Krieg -Odysseus werden fesselnd und dramatisch erzählt und erwecken die großen Sagengestalten zu neuem Leben.

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Kleiner Sagenschatz

Packende Abenteuer aus vergangenen Zeiten

Edition Lempertz

Impressum

Math. Lempertz GmbH Hauptstr. 354 53639 Königswinter Tel.: 02223 / 90 00 36 Fax: 02223 / 90 00 38 [email protected] www.edition-lempertz.de

Die Nibelungensage

1. Wie Siegfried zu Mime kam und den Drachen schlug

Auf der Burg zu Xanten am Niederrhein herrschte schon lange Jahre machtvoll und vom Glück begünstigt das stolze Königsgeschlecht der Wälsungen, das seine Herkunft direkt von Wotan ableitete, der Götter Höchstem. Auch Siegmund und Sieglinde hatten ihre Herrschaft mit Glanz geführt. Da kam Unheil über ihr Haus. Siegmund fiel im Kampfe gegen plötzlich hereinbrechende Feinde, welche Xanten erstürmten. Sieglinde flüchtete in einen tiefen Wald, wo sie noch einem holdem Knaben das Leben gab, aber selbst vom Tode hinweggerafft wurde.

Dem armen Knaben, der, verlassen und vor Hunger schreiend, hilflos am Boden lag, nahte eine Hirschkuh, fasste ihn mit dem Maule und trug ihn zu ihrem Lager, wo schon zwei junge Tiere der säugenden Mutter harrten. Sie mochte wohl der Lenker des Schicksals der Götter und Menschen, der hohe Wotan selbst, gesendet haben, der dem Letzten des edlen Geschlechtes der Wälsungen ein zwar kurzes aber ruhmvolles Leben bestimmt hatte.

Zwölf Monate lebte so der Knabe, von der Hirschkuh gesäugt, und gedieh schnell zu ungewöhnlicher Schönheit, Kraft und Stärke.

Fern von der Lagerstatt des Tieres hatte ein weitberühmter Schmied, Mime geheißen, seine viel besuchte Werkstatt. Hier lebte er mit seinem Weibe und vielen Gesellen, aber zu seinem großen Leidwesen ohne Kinder.

Als Mime nun einst tief in den Wald gedrungen war, um Bäume zu suchen, die er für seine Schmiede wollte fällen lassen, trat ihm plötzlich aus dem Gebüsche ein junger nackter Knabe entgegen, dem eine Hirschkuh folgte, die ihm zutraulich Gesicht und Hände leckte. Der Knabe war außer Stande, ein Wort zu reden. Mime aber, voller Freude über das so unerwartet gewonnene Kind, nahm es mit in sein Haus und nannte es Siegfried.

Unter des Schmiedes und seiner Frau sorgender Pflege wuchs der junge Knabe kräftig heran, und als er zwölf Jahre alt geworden, bezwang er alle Gesellen Mimes und ließ sie, wenn sie ihn neckten, nicht selten seine Kraft fühlen, ja, einmal hatte er sie so hart gezüchtigt, dass sie kaum arbeiten konnten.

Sein Pflegevater zürnte. “Wenn du mir meine Gesellen wund schlägst, magst du dich selbst an die Arbeit machen!”  

“Wohl”, sprach Siegfried, “gebt mir nur Werkzeug und Eisen, so will ich wohl schmieden.” Als er nun zum ersten Mal am Amboss stand, schlug er so gewaltig auf das Eisen, dass dieses zersplittert umhersprang und der Amboss tief in die Erde sank. Mit Entsetzen blickten alle auf das, was Jung - Siegfried getan, und Mime begann sich vor ihm zu fürchten. Hinterlistig, wie er war, sann er darauf, wie er sich seiner entledigen könne. Er besaß einen Bruder, Fafner mit Namen, der seines schlimmen Charakters und übler Taten wegen in einen grimmen Lindwurm verwandelt worden war und nun in einer finsteren Feldschlucht des Landes der Nibelungen hauste. Zu ihm ging Mime und versprach, dass er ihm den Knaben schicken wolle. Schon freute sich der Lindwurm im Voraus auf die Beute, die ihm in Aussicht gestellt war.

Arglos nahm Siegfried, den Jahren nach noch ein Knabe, an Größe und Leibeskraft aber ein gar stattlicher Jüngling von liebreizender Gestalt, den Auftrag des Pflegevaters entgegen, zu einem fernwohnenden Köhler zu gehen und diesem zu helfen Kohlen brennen für den nächsten Wintervorrat. Mime beschrieb ihm genau den Weg, den er zu nehmen habe; dieser aber sollte den jungen Helden so schweren Gefahren entgegenführen, dass der Schmied sicheren Untergang für ihn erhoffte.

In der Nacht, ehe er sich daran machte, den Auftrag des Meisters zu vollführen, zündete Siegfried in der Schmiede ein so gewaltiges Feuer an, dass Mime und seine Gesellen in Furcht gerieten, die ganze Schmiede werde in Flammen aufgehen. Unbekümmert aber schmiedete sich Siegfried von dem besten Stück Eisen, das er auffinden konnte, ein scharfes Schwert; es sollte ihn begleiten auf seiner Wanderung.

Jubelnd und singend zog Siegfried am nächsten Morgen durch den Wald dahin. Mime und seine Gesellen hörten ihn singen. “Der kehrt nie wieder”, sprach der Schmied spottend. “Wenn er auch der Schlangengrube entrinnt, so tötet ihn sicher der grimme Lindwurm.”

Frohen Herzens war der junge Held im strahlenden Sonnenschein eine weite Strecke gewandert; nun wollte er rasten und sich an Speise und Trank erlaben. Reichlichen Mundvorrat und Wein für neun Tage hatte ihm Mime auf den Weg gegeben, aber so gewaltig war Siegfrieds Hunger und Durst, dass er nicht einhielt, bis der letzt Rest des Mitgebrachten verzehrt war. Neu gestärkt zog Siegfried des Weges weiter, den ihm Mime gewiesen und der ihn, wie der Böse hoffte, in sicheren Tod leiten sollte. Führte er doch unmittelbar zu der tiefen Bergschlucht, auf deren Grund sich eine Unzahl giftiger Schlangen wälzte, ihre edlen Leiber zu Knoten ineinandergeschlungen. Ahnungslos war Siegfried der Schlucht genaht. Nun sah er, wie Kopf an Kopf des Gewürms sich ihm züngelnd entgegenstreckte. Furchtlos trat er heran und manchen Kopf hieb sein scharfes Schwert herab. Doch endlose Arbeit wäre es gewesen, sie alle zu töten. “Wartet, ich will es euch warm machen”, rief ihnen der Jüngling entgegen. Er stieg zur Höhe hinauf, riss Baum um Baum mit den Wurzeln aus und warf ihn hinab auf das Gewürm, bis die ganze Schlucht zum Rande hin mit Gehölz gefüllt war, das die Schlangenbrut bedeckte.

Fern im Walde hatte er Rauch aufsteigen sehen; dort musste der Köhler wohnen , zu dem ihn Mime gesandt. Nach einigem Umherirren fand Siegfried die Hütte und erbat sich vom Köhler einen brennenden Baum. Mit diesem eilte er zur Schlangengrube und setzte das aufgetürmte Holz in hellen Brand. Wie die Flamme brausend aufschlug und sich verbreitete, regte es sich in dem Schlunde und suchte den Ausgang aus Tod und Verderben, aber die furchtbare Glut hatte bald alles Leben in der Schlucht getötet. Als Siegfried forschend an der tiefsten, ganz engen Ausgangsstelle der Schlucht vorbeikam, wehte ihm ein starker, wunderkräftiger Geruch entgegen, und er sah mitten im dunklen Unrat einen klaren Strom rinnenden Schlangenfettes hell hervorschimmern. Neugierig tauchte er einen Finger in den Sud, und augenblicks war dieser mit einer festen Hornschicht überzogen, die auch scharfes Schwert nicht zu ritzen vermochte. Wenn ich in dem Fette bade, dachte der junge Held, werde ich am ganzen Leibe unverwundbar, und schnell machte er den Gedanken zur Tat. Entkleidet wälzte er sich in dem rinnenden Fette und sein ganzer Körper wurde mit einer undurchdringbaren Hornhaut überzogen. Nur zwischen die Schulterblätter hatte sich ein Lindenblatt festgelegt, und da hier das Fett die Haut nicht berühren konnte, blieb diese Stelle verwundbar; hier sollte ihm tückischer Verrat frühe die Todeswunde schlagen.

Zum Köhler zurückgekehrt, der über die Nachricht von der Vernichtung der Natternbrut in lauten Jubel ausbrach, bat Siegfried diesen, ihm den Weg zum Lindwurm zu weisen. “Das tat ich noch niemanden”, lehnte der Köhler ab, “das hieße, dich in den sichern Tod senden.” Als aber Siegfried in froher Zuversicht auf siegreiches Bestehen des Kampfes seine Bitte wiederholte, gab der Köhler nach. So zog denn der Held mit seinen Waffen, einen gewaltigen Feuerbrand schwingend, nach Weisung des Köhlers zwischen zwei immer enger zusammentretenden Felsenwänden dahin, wo der grimme Lindwurm hauste.

Als es den Herankommenden erblickte, erhob sich das furchtbare Ungetüm.

Die Doppelzunge züngelte, der Rachen hauchte heiß,
Der Schuppenschweif umringelte den Wälsungsohn im Kreis.

Doch mutig schwang Siegfried den gewaltigen Feuerbrand und ließ ihn krachend auf den Lindwurm niedersausen. Der furchtbare Schlag hatte ihm fast das Haupt zerschmettert. Nun griff Siegfried zu seinem guten Schwerte, und neun Schläge raubten dem grässlichen Leibe bald die letzte Lebenskraft. Ein so furchtbares Gebrüll stieß der mit dem Tode ringende Lindwurm aus, dass es weithin über die Höhle hinaus die Luft erfüllte. Doch ein letzter Hieb trennte ihm das Haupt vom Rumpfe, das Siegfried als Siegeszeichen mit sich führte.

Als Eckart, der von Mimes Gesellen, der am meisten mit Siegfried Streit gehabt, ihn mit dem furchtbaren Drachenhaupte sorglos des Weges daherziehen sah, lief er eilig ins Haus und warnte den Meister und seine Gesellen. Diese folgten dem Rate und flüchteten schnell in den nahen Wald. Mime aber, der mit geheimen Grauen den, wie er meinte, in sicheren Tod gesandten Jüngling gesund und wohl erhalten vor sich stehen sah, ging mit verstellter Freundlichkeit seinem Pflegesohne entgegen und heuchelte Freude über seine glückliche Wiederkehr. Doch Siegfried ließ sich nicht mehr täuschen. “Ihr habt übel an mir gehandelt und ich mag nicht länger bei euch bleiben.” Das hörte Mime nicht ungern. “Wenn du ziehen willst, kann ich dich nicht aufhalten. Aber ich will dir zum Abschiede starke Wehr und Waffe geben. Ein Ross freilich kann ich dir nicht schenken, aber ich will dir sagen, wie du zum Isenstein gelangen magst, wo Königin Brunhilde in großer Kraft und Schönheit die Herrschaft führt. Dort wirst du Grane finden, den herrlichsten aller Hengste.”

Siegfried war es zufrieden, und er erhielt vom Schmied gar herrliche Waffen, Helm, Schild und einen Panzer aus lichtem Golde geschmiedet. Als ihm dann Mime den Weg nach Island gewiesen, zog der Held frohen Mutes der Burg Brunhildes entgegen.

2. Wie Siegfried den Hengst Grane gewann

Es war ein weiter Weg, bis endlich Brunhildes Burg, der mächtige Isenstein, vor den Blicken des Wandernden emporstieg. Aus grünem Marmor errichtet, erhob sich gewaltig der Bau mit seinen Zahlreichen großen Sälen und vielen Zimmern. Hoch ragten die sechsundachtzig Türme über die Zinne des Schlosses hervor.

Staunend schaute der Held auf den Prachtbau, den ein großes Eisentor verschloss. Kein Pförtner erschien, es zu öffnen. Da schaffte sich Siegfried selbst freie Bahn, indem er mit gewaltigem Fußtritt die eisernen Riegel sprengte, so- dass das Tor aufflog und er den Burghof betreten konnte. Durch den Lärm gelockt, eilten sieben Wächter herbei, den Eindringling zu strafen, er aber erschlug sie einen nach dem ändern. Und als nun Ritter hinzukamen, die das Getöse des Kampfes aufmerksam gemacht, stand auch ihnen der junge Held in kräftiger Abwehr mutig gegenüber.

Man hatte Brunhilde Kunde gebracht von dem, was geschehen. “Mich dünkt”, sprach die geheimen Wissens Kundige, “Siegfried ist gekommen, Siegmunds Sohn. Und hätte er mir auch zu den sieben Knechten noch sieben Ritter erschlagen, ich wollte ihn doch willkommen heißen.” Dann ging sie zum Burghöfe und befahl mit dem Kampfe innezuhalten. “Wer ist es, der in meine Burg gekommen”, fragte sie. - “Ich heiße Siegfried.” - “Und wer sind deine Eltern?”

- “Das weiß ich nicht; ich wuchs auf bei Mime, dem Schmied, und habe meine Eltern nie gesehen. Nicht einmal ihre Namen weiß ich.” - “Da kann ich dir Kunde geben”, sprach Brunhilde. “Sei hochwillkommen, Siegfried, du Königskind, Siegmunds und Sieglindens Sohn. Wohin ist deine Fahrt gerichtet?”
- “Hierher, du herrliche Maid, zu deiner Burg. Mein Pflegevater Mime wies mich hierher. Du sollst ein herrliches Ross besitzen, Grane geheißen. Willst du mir den Hengst gewähren, ich nehme ihn gern.”

“Du sollst ihn haben, wenn du willst. Sei willkommen als lieber Gast.” Fröhlich nahm Siegfried die dargebotene Hand und sie gingen zum Saale, wo man ihm treffliche Pflege bot. Die Königin hatte Leute hinausgeschickt, die das Ross einfangen sollten. Aber sie bemühten sich den ganzen Tag vergebens und kehrten abends unverrichteter Sache heim, denn Grane hatte sich von niemand berühren lassen.

Am anderen Tage zog Siegfried mit zwölf Männern aus, die sich vergebens anstrengten, das edle Tier einzufangen. Da ließ sich Siegfried den Zaum reichen und trat auf den Hengst zu, der ihm zutraulich entgegenlief. Er fing das Tier ein, legte ihm den Zaum um und schwang sich leicht auf seinen Rücken. Dann ritt er zur Burg zurück, dankte Brunhilde für ihre Gastfreundschaft und beurlaubte sich. Ungern entließ ihn die Königin und bat ihn, bald wieder bei ihr einzukehren. Er schien, als er davonging, nicht zu ahnen, wie sehr er Brunhildes Neigung gewonnen. Unter allen Männern der Welt hätte sie keinen ändern als ihn zum Gatten gewählt. Mit einem tiefen Seufzer sah sie ihn davonziehen.

3. Wie Siegfried der Nibelungen Reich und Schatz gewann

Wohlgemut schaute fortan Siegfried von seinem hohen Rosse herab, wie er weiter und weiter zog von Ort zu Ort, von Land zu Land. So kam er endlich in das Gebiet der Nibelungen, hoch im Norden gelegen, zu einem reichen und mächtigen Zwergvolke, das weit umher auch manchen tapferen Recken seiner Herrschaft unterworfen hatte. Unermesslich groß war der Schatz von Gold und edlem Gestein, den der König des Zwergvolkes, der alte Nibelung, aus den Bergen hatte sammeln und in einer mächtigen Höhle aufhäufen lassen. Er war gestorben und Land und Schätze besaßen jetzt seine Söhne und Erben, die Könige Schilbung und Nibelung. Doch ein Fluch schien auf dem roten Golde zu ruhen; keinem seiner Besitzer brachte es Segen.

Auch Schilbung und Nibelung hatten keine Freude daran; die beiden Brüder haderten unablässig um den Besitz des Schatzes, jeder hätte ihn gern ganz gehabt und keiner gönnt ihn dem ändern. Da beschlossen sie endlich, ihn zu teilen. Sie ließen das Gold und die Kleinodien aus der Höhle hervortragen und die ungeheure Masse in Haufen am Berge lagern. Aber wie sehr sie sich nun auch um die Teilung mühten, immer blieben sie unzufrieden, denn jeder meinte, dass doch der Teil des Bruders größer sei als sein eigener, und keiner war da, der als Schiedsrichter hätte walten können.

Wieder standen so die Könige, miteinander hadernd, als Siegfried durch den Wald herangeritten kam. “Hört”, sprach da ein alter, kundiger Zwerg zu den Königen, “dort kommt Siegfried, der starke Held von Niederland, bittet ihn, dass er den Schatz teile.”

Der Vorschlag gefiel den Königsbrüdern. Sie hießen den Helden willkommen und baten ihn, sich der Mühe der Teilung zu unterziehen. Als Lohn für seine Arbeit gaben sie ihm im Voraus das Schwert Balmung, das einst ihr Vater, der alte Nibelung, kräftig geschwungen; ein besseres Schwert mochte wohl auf Erden nicht gefunden werden.

Siegfried dankte für die herrliche Gabe, die er empfangen und machte sich sogleich an das schwere Geschäft, den ungeheuren Schatz zu teilen, den er staunend betrachtet hatte. Seiner redlichen Mühe gelang die schwere Aufgabe so gut, dass auch die neidischen Brüder sahen, es sei kein Teil größer als der andere. Aber gerade das kränkte beide, denn jeder hoffte im Stillen, den größeren Teil zu erlangen. So murrten sie und verlangten neue Teilung. Entschieden wies Siegfried eine solche Forderung zurück. “Ihr habt euch einmal meinem Urteil unterworfen; ich habe nach bestem Vermögen die Teilung vorgenommen und ihr müsst euch nun meinem Spruche fügen.”

Aber Schildung und Nibelung griffen gleichzeitig nach dem kleinen silbernen Horn, das ihnen an der Seite herabhing. Zwölf furchtbare Riesen kamen auf den Hornruf herbei und drangen mit langen Stahlstangen auf Siegfried ein. Doch nicht lange währte es, da lagen sie alle erschlagen am Boden. Ein grimmer Zorn ergriff Siegfried über das verräterische Handeln der beiden Könige, die sein freundschaftliches Tun so übel hatten vergelten wollen. Zweimal zuckte der Balmung und beider Köpfe rollten zur Erde.

Wie nun Siegfried als siegreicher Überwinder dastand, erging es ihm seltsam. Kein Feind schien nahe, und doch fühlte er Schlag auf Schlag auf sich niederfallen. Hätte ihn nicht die Hornhaut geschützt, so wären es wohl Todeswunden geworden. Er begriff, dass da irgendein Zauber im Spiele sei, gegen den wohl auch das schärfste Schwert nicht helfe. So ließ er den Balmung fallen und griff mit beiden Händen nach der Richtung, von der her die Schläge zu kommen schienen. Und siehe, als er so zufasste, hielt er plötzlich ein dickes Gewebe, wie eine Kappe mit daranhängendem Schleier, in seinen Händen. Es war eine Tarnkappe, die ihren Träger unsichtbar machte. Und nun, seiner verhehlenden Hülle beraubt, stand auch der sichtbar vor ihm, der ihn so heimlich angegriffen. Es war der graubärtige, starke Zwerg Alberich. Siegfried ergriff ihn an seinem langen Barte und schleuderte ihn mit solcher Kraft gegen die Felswand, dass ihm die Glieder krachten. “Schone meiner, edler Held”, flehte der Zwerg, “und ich will dir in alle Zukunft treu zu Diensten sein.” Und gern gewährte Siegfried Alberichs Bitte und nahm ihn in seinen Dienst.

“Du hast nun den Nibelungenschatz gewonnen und das Ganze Land ist zu deinem Dienst”, sprach Alberich; “nur ein Kampf steht dir noch bevor. In einer Höhle hier dicht in der Nähe wohnt der furchtbare Riese Kuperan; er wird dir die Herrschaft nimmer gönnen, wenn du ihn nicht bezwingst.” - “Zeige mir seine Wohnung”, rief Siegfried eilig, “damit ich ihn sogleich bestehen kann.” Willig geleitete ihn der Zwerg zur Felsenwohnung des Riesen. “Komm’ heraus, Kuperan”, rief der junge Held, als er vor die Höhle gekommen war; “komm’ heraus und huldige deinem neuen Herrn.”

Kaum war der Ruf erschollen, da stürzte Kuperan hervor und führte mit seiner mächtigen Keule einen so furchtbaren Schlag auf Siegfried, dass diesem das Blut aus Nase und Ohren drang. “Du elender Wicht”, rief der Riese höhnend, “bald sollst du dein Leben verloren haben.” Aber die Wunde, die ihm Balmung nun schlug, ließ ihn schnell die ungeahnte Stärke seines jungen Gegners erkennen. Heulend warf er die Keule von sich und floh nach seiner Wohnung, dort verband er seine Wunde und hüllte sich in einen goldenen Panzer, der in Drachenblut gehärtet war. Ein fester Stahlhelm, ein gewaltiges Schwert und ein ungeheurer Schild dünkten ihm sicherer Schutz gegen jeden Angriff. Dann drang er abermals auf Siegfried ein. “Mit dem Tode sollst du es büßen, dass du mich verwundet hast.” Gewaltig schlugen sie aufeinander los, aber der Wucht des scharfen Balmung konnte des Riesen Wehr nicht standhalten. Bald blutete er aus sechzehn Wunden. Da verzagte Kuperan. “Wenn du mich leben lässt, edler Held”, rief er demütig, “so übergebe ich dir Wehr und Waffe und mich selber dir zu Eigen.”

“Wenn du mir Treue gelobst, will ich das wohl tun”, erklärte Siegfried bereitwillig. Da schwur ihm Kuperan einen Eid, dass er ihm sein Leben lang in Treue dienen wolle, und der mitleidige Sieger zerriss sein seidenes Untergewand und verband ihm die Wunden. Dann gingen sie alle drei zu dem Berge, wo der Nibelungenschatz lag. Aber fast wäre dem jungen Helden sein Vertrauen übel bekommen. Als der Riese den Schatz sah, kam über ihn die Begierde, ihn lieber für sich zu behalten, und hinterlistig führte er von hinten auf seinen arglos voranschreitenden Bezwinger einen so starken Schlag, dass dieser wie tot zur Erde sank. Und hätte nicht Alberich, der Zwerg, schnell die Tarnkappe über den Betäubten geworfen, die ihn unsichtbar machte, so hätte sein junges Heldenleben wohl hier schon geendet. Nun aber suchte ihn Kuperan, grässlich fluchend, überall vergebens; er war ungewiss, ob ihn der Teufel davongetragen oder ein Gott ihn in seinen Schutz genommen.

Erst nach geraumer Weile kam Siegfried wieder zu sich und dankte dem Zwerg für seine Hilfe. “Nimm die Tarnkappe und entferne dich eilig, ehe der Riese dich wieder sieht”, riet Alberich. “Wie immer es mir ergehe”, entgegnete Siegfried, “niemand soll je sagen können, dass ich vor ihm geflohen bin.” Er ergriff sein Schwert und eilte ungestüm auf den Riesen zu. Als dieser den vergeblich gesuchten so unerwartet auf sich zukommen sah, wurde er von solchem Schreck erfasst, dass er seine Waffen von sich warf und hinwegfloh. Aber schneller ist nicht der wilde Panter im Sprunge, als Siegfried ihm nachjagte. Auf dem Gipfel eines steilen Felsens hatte er ihn endlich eingeholt. Hier warf auch er sein Schwert fort und rang mit dem Riesen, den er vom Felsen hinabwarf, dass er in den Abgrund hinunterstürzte und sich zu Tode fiel.

So war nun das ganze Nibelungenreich Siegfried fortan unbestritten zu Eigen; alle schwuren ihm Treue, und nachdem er alles geordnet, ließ er den treuen Alberich als Verwalter des Schatzes und Landes zurück. Er nahm nur die Tarnkappe und zwölf der edelsten Ritter mit sich als Begleiter auf seinen künftigen Heldenfahrten.

4. Wie Siegfried nach Worms kam

In der alten Königsstadt Worms am Rhein herrschte das mächtige Königsgeschlecht der Burgunden, dem kaum ein anderes an Ruhm, Macht und Reichtum gleichkommen mochte. Der alte König Dankrat war gestorben, und es herrschten seine drei Söhne, Günther, Gernot und Giselher. Unter ihrer Mutter, der alten Königin Ute, und ihrer Brüder Hut erwuchs in holder Schönheit die junge Kriemhild.

Viel edle Helden, im Kampfe erprobt, dienten den Königen. Allen voran stand, weitberühmt durch Erfahrung und Tapferkeit, ein Blutsverwandter des Königshauses, Hagen von Tronje, des tapferen Adrian Sohn, der Könige Waffenmeister, der einst in seiner Jugend als Geisel am Hofe des Hunnenkönigs Etzel gelebt; sein jüngerer Bruder Dankwart, ein gar streithafter Recke, war des Heeres Marschall. Aber neben den Tronjern standen andere als kühn und tapfer bewährte Männer in Verwaltung der Hofämter. Da war Truchsess Herr Ortwin von Metz, der Tronjer Neffe, Schänke der wackere Sindold; als Kämmerer waltete Heinolt und der kluge und vorsichtige Rumolt war Küchenmeister. Neben den beiden Markgrafen Eckeward und Gere stand der Liebling aller, der waffenstarke Völker von Alzey, der das Schwert nicht minder geschickt führte als den Fiedelbogen, und dessen herrliches Spiel alle, die ihn hörten, in Leid und Freude tröstete und erhob. In solcher Umgebung wuchs, von einer edlen Mutter geleitet und behütet, die holde Kriemhild zur herrlich aufblühenden Jungfrau heran.

Einst träumte Kriemhild, sie habe mit großer Freude einen schönen, mutigen Falken großgezogen. Den zur luftigen Höhe aufsteigenden erfassten zwei daherkommende Adler und erwürgten ihn. Traurig erwachte Kriemhild und erzählte, noch weinend, ihrer Mutter Ute, was sie geträumt. “Der Falke, den zu zogest”, so deutete ihr die Mutter den Traum, “das ist ein edler Mann. Möge ihn Gott behüten, dass du ihn nicht frühe verlierst.”

“Was redest du mir vom Manne, vielliebe Mutter”, sprach Kriemhild kopfschüttelnd. “Ich will wohl ohne Mannes Minne bleiben bis an meinen Tod.”

- “Nun”, meinte die Mutter, “verrede es nicht zu sehr. Willst du in deinem Leben so recht von Herzen froh werden, das geschieht durch eines Helden Liebe. Bald bist du nun ein schönes Weib. Möge dir Gott einen edlen Mann bescheren.”

“Oh, liebe Mutter, lass doch solche Rede. Du selbst hast mir oft erzählt, wie manchem Weibe Liebe zuletzt mit Leide lohnte. Ich will sie beide meiden, dann wird mir’s niemals schlimm gehen.” So dachte Kriemhild. Doch anders war’s dem jungen Mägdlein beschieden, als sie es zu lenken gedachte. Der Liebe höchste Freude sollte ihr das tiefste Leid bringen.

Weit war indes mit seinen zwölf Nibelungenrecken der kühne Siegfried in der Welt umhergezogen und ringsum erschallte der Ruhm seiner Taten. Er verschmähte es, nach seinem väterlichen Erbe, den Niederlanden, zu fahren und dort sein Volk, das ihn freudig willkommen geheißen hätte, in Frieden zu regieren. Sich ein neues Reich mit starker Hand zu erkämpfen, erschien ihm weit rühmlicher. Auf solche Tat sinnend, zog er jetzt mit den Seinen am Rheine dahin, dem festen Worms entgegen, das er am Morgen eines hellen Tages erreichte. Die Kunde von der Ankunft des Fremden verbreitete sich schnell bis zur Burg hinauf. Von überall kam man herbei, die Angekommenen verwundert und staunend zu betrachten.

Und wohl war da Grund zum Staunen. Kaum hatte man je so herrliche Waffen und Rosse gesehen. Das seidene Riemenzeug der Tiere schimmerte und hell leuchtete das Gold der prächtigen Bäume. Und so leuchteten vom Golde auch Helme, Panzer und Schilde, während die langen Schwerter bis zu den Sporen herabreichten.

Nach der Sitte der Zeit kamen ihnen Günthers Mannen freundlich entgegen; sie wollten nach Ritterbrauch gastlich die Schilde abnehmen und die Rosse zum Stalle führen. “Lasst die Rosse stehen. Nicht lange will ich hier verweilen. Sagt mir lieber, wo ich den König Günther finden mag?” “So geht nur hinauf zu jenem weißen Saale”, antwortete einer von des Königs Gefolge; “dort habe ich König Günther vor kurzem gesehen.”

Auch Günther hatte inzwischen erfahren, dass stolze Helden, die niemand kenne, zur Burg gekommen seien. Keiner der Mannen um ihn wusste ihm zu sagen, wer und woher die Fremden sein möchten. “Sendet nach meinem Onkel Hagen und lasst ihn die Fremden sehen”, riet Ortwin von Metz; “ihm sind der Erde Länder bekannt, er wird auch diese Fremden wohl kennen.” Und nicht lange, so kam hohen Ganges der mächtige Hagen von Tronje mit stattlichem Gefolge in den Saal geschritten und fragte nach seines Herrn Befehl. “Kannst du mir die fremden Helden nennen, die hergekommen sind und dort auf dem Hofe stehen, so tue es schnell”, forderte Günther. Hagen trat ans Fenster und der scharfe Blick des einen Auges, das ihm geblieben - das rechte Auge hatte ihm einst ein furchtbarer Schwerthieb Walthers von Aquitanien im Kampfe geraubt - musterte er die Gäste. “Ich kenne sie nicht”, sprach er, “doch sie scheinen edel und hochgemutet. Ich habe Siegfried nie gesehen, doch möchte ich meinen, dass nur er jener Recke sein kann, der dort so herrlich dasteht. Lasst uns den jungen Helden wohl empfangen und zum Freunde zu gewinnen suchen, denn einen besseren könnten wir nicht finden. Gar manches Wunder hat er schon mit seiner Kraft vollbracht. Er hat den Lindwurm erschlagen und im Kampfe den unermesslichen Schatz der Nibelungen errungen.”

Willig folgte Günther der Mahnung des welterfahrenen Hagen. Er verließ mit seinem Gefolge den Saal und ging Siegfried entgegen, um ihn freundlich willkommen zu heißen. “Was führt euch nach Worms, edler Siegfried?” fragte er den sich zum Gegengruß Neigenden.

“Das sollt ihr sogleich erfahren. Ich hörte sagen, dass bei dir die allerbesten Recken seien, die je einem Könige dienten. Und auch dein Heldenmut wird gerühmt. Es gebe keinen kühneren König als dich. Ob das Wahrheit sei, möchte ich erproben. Auch ich bin eines Königs Kind und berufen, Krone zu tragen. Doch möchte ich erweisen, dass ich mit Recht Held und Herrscher heiße; Ruhm zu erwerben, dafür bin ich bereit, Ehre und Leben einzusetzen. Mit dir um Krone und Leben zu kämpfen, kam ich her. Bist du so kühn, mich im ritterlichen Zweikampfe zu bestehen, so ringe mit mir um Krone und Leben. Gern möchte ich diese Burg mein Eigen nennen.”

Zorn erfasste Günthers Helden, als sie solche Worte hörten. Der König aber erschrak, denn er wusste wohl, dass er gegen Siegfried im Kampfe nicht bestehen könnte. “Wie sollte ich das durch eines ändern Hand verlieren”, antwortete er fast erschrocken, “was schon mein Vater lange besaß?” “Höre, was ich dagegen setzen will”, fuhr Siegfried fort. “Mein ganzes Hab und Gut soll dein Eigen sein, wenn du mich besiegst. Der Nibelungen Land wird dir dann in Zukunft gehorchen und ich selbst will dir meines Vaters Erbe gewinnen helfen.” Als Günther noch schwieg, trat Gernot für den Bruder ein. “Nicht gelüstet es uns, noch anderer Erbe zu gewinnen und deshalb eines Mannes Leben aufs Spiel zu setzen. Reich genug sind unsere Lande, die wir mit Recht beherrschen.”

“Sprecht doch nicht so friedlich und versöhnlich”, rief Ortwin von Metz in vollem Zorn. “Ganz ohne Grund kündigt der Fremde euch Fehde an. Wohlan, gebt mit blankem Schwerte dem Übermütigen die Antwort.”

Doch streng wies der junge König den Zürnenden zurück. “Schweigt”, rief er; “nicht hat uns Siegfried so Schlimmes getan, dass wir nicht in Frieden mit ihm bleiben und ihn zum Freunde gewinnen könnten!”

“Auch mich kränkt es”, sprach der grimme Hagen, “dass Siegfried so trotzig meinen Herrn zum Kampfe fordert. Er hätte lieber bleiben sollen, wo er war, wenn er nur deshalb hierher kam.”

“Wenn dir missfällt, Hagen, was ist”, sprach Siegfried, “so versuche doch selbst, ob meine Hände nicht stark genug sind, dies Reich zu erstreiten.”

Aber ehe noch Hagen antworten konnte, trat abermals Gernot dazwischen. “Dies gedenke ich wohl zu hindern. Ihr aber, meine Recken, schweiget still. Genug der stolzen Worte sind gesprochen.”

Da trat Jung - Giselher schnell zu Siegfried und begrüßte ihn mit freundlichem Wort. “In Frieden seid gegrüßt, edler Held; gern wollen wir euch in Treuen dienen.”

Die holde Anmut des kaum dem Knabenalter entwachsenen Jünglings nahm Siegfrieds Herz gefangen und freundlich erwiderte er den Gruß des jungen Königskindes. Günther aber ließ Siegfried eine goldene Schale mit duftendem Wein reichen und bot ihm treue Gemeinschaft.

Da war aller Streit zu Ende. Von den Rossen stieg Siegfried mit seinen Gefährten; die beste Herberge wurde ihnen geboten und Tag um Tag lebten die Könige mit ihrem Gast in fröhlichem Zusammensein.

5. Wie Siegfried mit den Sachsen stritt

Fast war schon ein Jahr vergangen, seit Siegfried nach Worms gekommen. Wenig war er in der Burg zu finden; wenn er nicht mit den Königen auf Kampf und Abenteuer zog, ging er wohl allein zur Jagd hinaus in die mächtigen Waldungen, wo der wütige Auerochse, der wilde Bär ihm willkommene Beute waren

Noch hatte er niemals in der ganzen Zeit Kriemhild mit Augen gesehen, das Mägdlein aber schaute oft heimlich aus dem Fenster ihres Gemaches hinab auf den Schlosshof, wenn der junge Held, mit reicher Beute beladen, von der Jagd heimkehrte oder die tüchtigen Recken im Turniere ihre Kräfte übten. Und wie viel hörte sie oft erzählen von den Taten des herrlichen Gastes. Unbemerkt wuchs täglich ihr Interesse für den alle an Kraft und Wohlgestalt überragenden Helden; Siegfried aber, der viel die erblühende Schönheit Kriemhildens rühmen hörte, ahnte nicht, dass er der Gegenstand heimlicher Bewunderung geworden.

Da erschienen eines Tages fremde Boten vor König Günther, der sie freundlich empfing und sie fragte, was sie in sein Land führe. “Lass es uns nicht entgelten, o König, wenn wir euch üble Kunde überbringen müssen. Uns senden zwei mächtige Herren, der Sachsen König und sein Bruder Lüdegast, der im Dänenlande die Herrschaft führt. Sie hegen bittern Hass gegen euch und wollen binnen zwölf Wochen euer Land mit Heeresmacht überziehen. Wollte ihr sie aber um Frieden bitten, so lasst es ihnen melden. Dann mag wohl manchem Helden das Leben erhalten bleiben.”

“Man wird euch zur Herberge weisen”, beschied sie König Günther. “Dort wartet, bis ich mit den Meinen Rat gehalten und die Sache erwogen habe. Dann soll euch Bescheid werden.” So geschah es und sie wurden in der Herberge trefflich verpflegt.

Was ihm die Boten berichtet, bekümmerte König Günther gar schwer, denn es waren mächtige Feinde, die ihm den Krieg erklärt hatten. Als er so in trübem Sinnen dasaß, kam Siegfried in den Saal und erkannte sofort, dass seinen Gastfreund schwerer Kummer drücke. “Offenbare mir”, bat er freundlich, “was dein Gemüt beschwert.” - “Das kann ich nicht jedem tun, nur meinen besten Freunden pflege ich meinen Kummer zu offenbaren.”

Dass der König ihn so zurückwies, machte Siegfried sehr unmutig; er erblasste und errötete. Doch bald bezwang er sich und bat freundlich: “Lass solche Rede und bekenne mir frei, was dich bedrückt. Du kannst keinen treueren Freund finden, als ich es dir bin. Darum vertraue mir deine Sorge. Kann ich dir irgend helfen, so will ich es gerne tun.” Da erhellte sich des Königs sorgenvolles Antlitz. “Habe Dank für den guten Willen, den du mir gezeigt. Er hat mich hoch gefreut. Die Könige Liidiger und Lüdegast haben mir Krieg angesagt und wollen mit Heeresmacht mir ins Land fallen.”

“Ist es nichts Schlimmeres, was dich bekümmert”, rief Siegfried frohgemut, “dann sei ohne Sorge. Gib mir tausend Mann von den deinen, und ich will hinziehen und die trotzigen Feinde in ihrem eigenen Lande aufsuchen und züchtigen. Die Boten aber entlass mit der Meldung, dass wir bald bei ihnen sein werden.” Da ward Günther frohen Mutes und ließ die Königsboten wieder vor sich kommen. “Sagt euren Herren, da sie selbst Streit begehrt, so solle er ihnen werden; sie hätten besser von ihrem Übermute gelassen.” Doch gab er den Boten reiche Geschenke und ließ sie sicher bis an des Landes Grenze geleiten.

Mit Verdruss empfingen die stolzen Könige die Botschaft der Burgunden, besonders aber war ihnen die Kunde Leid, dass Siegfried, dessen Kraft und Stärke sie kannten und fürchteten, der Kampfgenosse der Burgunden sein werde. So brachten sie denn ein großes Heer auf. Mit zwanzigtausend Mann zog Lüdegast vom Dänenlande herbei und nicht minder groß war die Schar, die Lüdiger aus dem Sachsenlande gegen den Rhein zu führen gedachte.

Inzwischen hatte Günther seine besten Krieger nach Worms beschieden und die tausend Tüchtigsten aus ihnen wurden Siegfried und seinen zwölf Kampfgenossen zugeteilt. König Gernot und die Tronjer, Ortwin von Metz und auf Siegfrieds besonderen Wunsch auch Völker von Alzey, der ihm im Kampfe die Fahne tragen sollte, standen zum Auszuge gerüstet da.

Auch Günther wollte mitziehen, aber Siegfried bat ihn, im Lande zu bleiben, sie würden mit den Feinden schon fertig werden. “Wir werden so schnell reiten, dass wir sie noch in ihrem eigenen Lande treffen und ihr Übermut soll ihnen leid werden.”

Frohgemut zogen die tausend Burgunden und Siegfried mit seinen zwölf Begleitern durch Hessen nach der Sachsen Lande. Schon hatten sie die Grenze überschritten, da ließ Siegfried seine Schar Halt machen. “Bleibet hier und erwartet meine Rückkehr”, mahnte er. “Ich will indes auf Kundschaft ausziehen, um zu erfahren, wo der Feind steht.” So bestieg er sein gutes Ross Grane und ritt sorglos hinein in das feindliche Land. Durch einen tiefen Wald ging es zuerst, wo er nur auf wilde Tiere stieß, die ihn jetzt nicht zu fürchten hatten; dann öffnete sich der Wald und vor ihm lag eine weite Ebene, mit Zelten bedeckt; hier hatte das heranziehende Heer der Dänen und Sachsen sich gelagert.

Eifrig musterte Siegfried aus der Ferne das Heer der Feinde, um zu erkunden, wie sie gelagert waren. Da kam ihm aus dem Feindesheere ein einzelner Reiter entgegen, gehüllt in goldstrahlende Rüstung, einen von Edelsteinen leuchtenden Schild am Arm. Es war der Dänenkönig Liidegast, der wie sei Gegner allein daherritt, um Kundschaft vom Feinde zu gewinnen. Dreißig Reiter, die zu ihm gehören mochten, folgten erst in ziemlich bedeutender Entfernung.

Kaum waren die beiden sich gewahr geworden, als sie auch schon kampfbegierig aufeinander lossprengten. Und fürwahr: Keinen üblen Gegner hatte Siegfried getroffen. Dem Speerstoße wichen beide mit gleicher Gewandtheit aus, indem sie aneinander vorbeisprengten. Dann wandten sie ihre Rosse und nun erscholl das Feld von den wuchtigen Schwerthieben, die rote Funken aus Panzer und Helm schlugen. Aber wie wacker auch der Dänenfürst sein Schwert schwang, seines Gegners gewaltige Stärke brachte ihn bald in Not. Die dreißig seines Gefolges sahen aus der Ferne die Gefahr, in der ihr Gebieter schwebte und sprengten heran, ihm zu helfen. Aber schon hatte sich Lüdegast dem übermächtigen Gegner ergeben, um wenigstens sein Leben zu retten, und Siegfried wollte ihn gefesselt davonführen. Wohl versuchten die dreißig, wie sie einzeln an ihn kamen, ihren Herrn zu befreien, aber der scharfe Balmung schlug einem nach dem ändern die Todeswunde, und nur einer von ihnen entkam und meldete im Lager, welchen Verlust sie erlitten.

Siegfried ritt wieder zu den Seinen zurück, den gefangenen König mit sich führend, und forderte sie auf, sogleich die Banner zu entrollen und unter seiner Leitung dem Feinde entgegenzuziehen. Willig und kampfesfroh folgten die Burgunden seiner Führung.

Gar zu ungleich schien freilich der Kampf, denn der Dänen und Sachsen waren mehr als vierzigtausend, Siegfried aber konnte dem Feinde nicht mehr als seine tausendzwölf Mann entgegenstellen. Aber wo der gewaltige Drachensieger vordrang, da erlag vor ihm der Feind. Schon flohen Lüdigers Scharen; wutentbrannt trieb sie der König von neuem in die Schlacht zurück. Doch vergebens war sein Bemühen. Da sprengte er voll Ingrimm allein gegen seinen furchtbaren Gegner an und auf beiden Seiten wichen die Krieger zurück, auf den Kampf ihrer Gebieter schauend. So gewaltig drang der Sachse auf Siegfried ein, dass unter der Wucht der Schläge dessen edles Ross strauchelte. Aber schnell erhob sich Grane wieder, und den grimmen Schlägen, die nun auf ihn niedersausten, konnte Lüdiger nicht länger widerstehen.

“Lasst vom Streite, ihr meine Mannen alle”, rief er den Seinen zu. Da senkten sich die Banner der Sachsen und Dänen; Lüdiger bat um Frieden und ward als Gefangener fortgeführt wie sein Bruder. Die dem Schlachttode entronnen waren von Siegfrieds Gegnern, kehrten traurig in ihre Heimat zurück.

Ehe Siegfried mit den Seinen den Rückweg antrat, wurden schnelle Boten vorausgesandt an den Rhein, um dort den erfreulichen Verlauf des Zuges zu melden.  

Mit Jubel nahm man in Worms die Botschaft auf und bald drang auch etwas von der Freudenkunde in die Frauengemächer. Da ließ Kriemhild einen der Boten in ihr Gemach kommen, um sich von ihm genauen Bericht geben zu lassen. “Sage mir, lieber Bote, der Wahrheit gemäß, wer hat das Beste getan dort im Kampfe?”

“Ich will euch in Wahrheit berichten, edle Königstochter”, sprach der Bote. “Wie tapfer auch alle gestritten, keiner war doch herrlicher als der edle Held von Niederland.” Dann rühmte er die Taten Gernots und Hagens, Dankwarts und Volkers, aber immer wieder kam er darauf zurück, dass mehr als sie alle der herrliche Siegfried vollbracht habe. Er habe mit eigener Hand die beiden Könige gefangen genommen und führe sie nach Worms.

Lieberes hätte die edle Kriemhild wohl nicht hören können, als dass der, dem sich ihr Herz zuneigte, so gepriesen wurde. Freudenröte stieg in ihre Wangen. “Gute Kunde hast du mir gebracht”, sprach sie heiter lächelnd, “so soll dir auch reichlicher Lohn werden. Und in ihrer Herzensfreude ließ sie dem Boten ein kostbares Gewand und zehn Mark roten Goldes reichen. Mit vielen Danksagungen für die unverhofft reiche Gabe verließ sie der beglückte Bote.

Bald kam die Nachricht, dass die Helden ihren Einzug in die Stadt halten würden. Aus allen Fenstern schauten Frauen und Jungfrauen herab auf die siegreich Heimkehrenden. König Günther war ihnen gar freudig entgegengezogen und seine Freude wurde noch größer, als er erfuhr, dass von den zu Felde Gezogenen nur sechzig Mann in der Schlacht gefallen seien. Die gefangenen und verwundeten Feinde wurden gut verpflegt und die beiden Könige in freier Haft gehalten, nachdem sie ihr Ehrenwort gegeben, nicht heimlich zu entfliehen. Günther überlegte, wie er seine treuen Mannen belohnen könnte, die nach Hause zu reiten begehrten. Auf Gernots Rat entließ er sie; nach sechs Wochen aber sollten sie wiederkehren zu einem großen Hofgelage. Auch Siegfried begehrte Urlaub; er erdachte nach Niederland zu ziehen, um die Herrschaft in seines Vaters Reich anzutreten. Doch unschwer gelang es Günther, ihn zum Bleiben zu bewegen.

Als Kriemhild von dem nahenden Feste hörte, traf sie mit ihren Frauen eifrige Vorbereitungen. Bald war das schöne Pfingstfest herangekommen, das zweiunddreißig Fürsten und viele Ritter am Hofe zu Worms versammelte. Am eifrigsten bei den Vorbereitungen erwies sich der junge Giselher, der mit Gernot die Heimischen und Gäste und deren Mannen froh empfing und alle aufs Beste unterbrachte, obwohl über fünftausend zum Feste versammelt waren. Es war ein buntes Leben und Treiben auf dem großen Platze vor der Königsburg und auf dem Hofe des Schlosses. Denn während drinnen zahlreiche Ritter ihre Kräfte maßen in edlem Wettstreit, wimmelte es draußen von fahrenden Leuten aller Art, die das Fest herbeigezogen. Spielleute ließen ihre heitern Weisen erschallen, Taschenspieler zeigten ihre Künste; in ihrer hübschen Landestracht bewegten sich zahlreiche Paare von Landleuten in munterm Tanze. Und wer das begehrte, dem wurde reichlich Wein geschenkt aus den zahlreichen Fässern, welche König Günther aus seinen Kellern hatte herausbringen lassen.

Während so alles sich in Freude bewegte, traf König Günther auf seinen Truchsess Ortwin von Metz, dessen Züge dem Könige große Verdrossenheit verrieten. Verwundert fragte ihn der König, was seinen treuen Diener bekümmere mitten in der allgemeinen Fröhlichkeit? Ihm erscheine das Fest wie ein Frühlingstag ohne Sonnenschein, war die Antwort. Für Männer, die aus siegreicher Schlacht heimkehren, sei holdes Frauenlächeln ihrer Taten süßester Lohn. Er vermisse die Teilnahme der königlichen Frauen.

Gern folgte Günther der Mahnung seines Getreuen. Er sandte Botschaft ins Schloss und ließ Frau Ute und seine Schwester bitten, mit ihren Frauen beim Feste zu erscheinen. Hundert seiner Mannen stellte er in der Königinnen und ihrer Begleiterinnen Dienst und beide erschienen mit mehr als hundert reich geschmückten Frauen. Wie das Morgenrot aus dunklen Wolken bricht, so trat mit ihrer Mutter Ute, strahlend in Schönheit und Jugend, Kriemhild aus dem dunklen Tore der Burg hervor auf den großen Festplatz und aller Augen wandten sich bewundernd der herrlichen Erscheinung zu. Denn wie der Mond an Glanz und Schönheit alle Gestirne des Himmels überstrahlt, so übertraf Kriemhilds jugendfrische, strahlende Schönheit alle die schönen Frauen ihres Gefolges.

Als Siegfried die Herrliche in ihrer lichten Schöne vor sich sah, kam es - wie Zagheit über das Herz des Tapferen. Fast schien sie ihm eine Göttin, die aus des Himmels lichten Höhen zur Verherrlichung des Festes herabgestiegen. Liebe war in sein Herz gezogen, wie er sie erblickt, aber zugleich banger Zweifel. “Wie könnte es ergehen, dass ich dich minnen sollte? Das wird nie geschehen. Doch soll ich dir fremde bleiben, so läge ich lieber tot im Sachsenlande”, sprach es in seinem Herzen.

So stand da Siegmunds Sohn, von Lieblichkeit umstrahlt, bald blass, bald rot vor Erregung und man hörte sagen, dass man einen so schönen Helden nie im Leben gesehen. “Sieh’, Bruder”, sprach Gernot, zu König Günther tretend, “wie dort in Sinnen versunken Siegfried steht, dem wir vor allen den glücklichen Ausgang des Kampfes verdanken. Auf Kriemhild ruhen seine Augen; lass unsere Schwester hingehen und nach deutscher Sitte den Gast mit Wort und Kuss begrüßen; so werden wir uns den stattlichen Helden ganz gewinnen.” - “Gern tue ich das, lieber Bruder, und während des Festes soll Siegfried unserer Schwester Ritter sein.”

Schüchtern trat Kriemhild dem heimlich Geliebten entgegen; sie reichte ihm die Hand und bot ihm die Lippen zum Kusse. “Seid willkommen, Herr Siegfried, Ritter von Niederland.”

Nun erhob Kriemhild die Augen und sie schauten einander an. Noch nie wohl hatte der Held so große Freude empfunden. Der Gang zum Münster trennte die beiden. Als sie aber nach dem Gottesdienste wieder zusammenkamen, da erst dankte ihm Kriemhild für sein kühnes Streiten. Da sah er Kriemhilden zärtlich an. “Immer will ich euch dienen. Mein Haupt soll nimmer eher müßig ruhen, bis euer Wunsch geschehen, so lange mein Leben währt. Das tue ich, Frau Kriemhilde, dass mir eure Gunst beschert sei.”

Es waren Tage des Glücks, diese Festtage, die Kriemhild und Siegfried beständig beieinander zu sein erlaubten. Nur zu schnell waren sie verflogen und die Königstochter kehrte wieder in die Einsamkeit ihrer Frauengemächer zurück. Die Gäste bereiteten die Abfahrt; auch Siegfrieds Mannen und Rosse standen zur Fahrt gerüstet und er wollte sich von den Brüdern verabschieden. “Wie wagst du davonziehen”, sprach Giselher, “ohne meine Schwester darum zu fragen. Bleibe noch und gehe bei Günther und seinen Mannen und den schönen Frauen ein und aus. Mich deucht, Kriemhild hegt Liebe zu dir ihn ihrem Herzen.” Nichts Froheres hätte Siegfried hören können. “Sattelt die Rosse ab”, rief er den Seinen zu, “wir blieben noch.”

Reiche Gaben hatte Günther den scheidenden Gästen reichen lassen. Nun baten auch Lüdiger und Lüdegast um Entlassung.

Da fragte Günther Siegfried um seinen Rat. “Was soll ich tun?” sprach er. “Sie bitten mich und mein Volk um stete Sühne und sind bereit, mir für ihre Freilassung an Gold zu geben, was man auf fünfhundert Pferde laden kann.” “Unköniglich wäre es, wenn ihr das Gold von ihnen nehmen wolltet. Lasst sie geloben, niemals wieder in Unfrieden euer Land zu betreten und lasst sie ohne Buße frei und ledig”, erklärte Siegfried. Günther folgte dem Rate Siegfrieds und froh zogen die Könige ihrer Heimat entgegen.

6. Wie Günther gen Island zu Brunhilde fuhr

Fahrende Sänger trugen vielfache Kunde nach Worms, dass fern im Islande ein Weib von auserlesener Schönheit die Herrschaft führe, ein Weib von so außerordentlicher Kraft und Stärke, dass sie den stärksten Männern gewachsen, ja überlegen sei. Sie habe gelobt, sie wolle keinem Manne angehören, der sie nicht im Speerwurf, Steinschleudern und Weitsprung überwinde. Manch tapferer Held habe den Wettkampf zu bestehen versucht, aber sie alle hätten ihr Leben dabei verloren.

Auch zu Günther war die Kunde gedrungen und er fasste den Entschluss, um Brunhilde von Island zu werben und Leib und Leben zu wagen. “Das möchte ich widerraten”, sprach Siegfried warnend. “Leicht möchte es geschehen, dass du dort Leib und Leben verlierest.” Aber Günther ließ sich nicht abschrecken und beharrte auf Ausführung seines Vorsatzes. “Wohl”, sprach Hagen, “wenn du durchaus darauf bestehst, so bitte Siegfried, dass er dir seine Hilfe leihe.” Dieser erklärte sich dazu bereit, wenn Günther ihm seine Schwester zur Ehe gebe; ändern Lohn begehre er für seine Mühe nicht. “In Königstreue gelobe ich dir das”, rief Günther hocherfreut und bot Siegfried zur Besiegelung seines Versprechens die Rechte. So rüstete man sogleich die Fahrt nach Island. Siegfried nahm seine Tarnkappe mit, jene über den Kopf zu ziehende Mantelumhüllung; wer sie trug, dessen Stärke wurde um zwölf Männer Kraft vermehrt und er wurde seiner Umgebung völlig unsichtbar.

Günther hatte dreißigtausend Mann auf die Brautfahrt mitnehmen wollen; doch Siegfried erklärte, Brunhilde sei so mächtig, dass, wenn es zum Streite komme, sie die alle besiegen würde. Für ihre Fahrt genüge es, wenn sich noch Hagen und Dankwart zu ihnen gesellten. Reiche Kleidung ließ ihnen Kriemhild nach Günthers Wunsch bereiten. Jedem der Vier arbeitete man aus schneeweißer arabischer Seide und ändern kostbaren Stoffen zwölf Gewände; reich mit Hermelinpelz waren sie besetzt und mit kostbaren Edelsteinen geschmückt. Auch ein starkes Schiff ward gezimmert, das sie vom Rhein zum Meere herabtragen sollte. Als nun die reichen Gewände angeprobt wurden und wohl passten, da zollte man den Frauen für ihre Mühe gar reichen Dank.

Nur mit Bangen sah Kriemhild den Bruder scheiden; er möge das Wagestück lassen, wünschte sie; er könne näher eine ebenso hochgeborene Maid finden. Als aber Günther auch gegen ihre Bitten fest blieb, da bat sie den abschiednehmenden Siegfried, ihn vor Gefahren zu beschirmen. Er versprach es in ihre Hand, dass dem Bruder in Brunhildes Land nichts geschehen solle. “Ich bringe ihn als Gesunden wieder an den Rhein, das sollt ihr sicher wissen.”

Schon hatte man reichlichen Wein und Speisen auf das Schiff gebracht und ihre vier guten Rosse. So bestiegen die Helden das wohlgerüstete Schiff. Siegfried ergriff sogleich die Ruderstange und stieß vom Ufer ab. König Günther und die ändern beiden führten kräftig die Ruder und schnell hinab ging’s rheinabwärts zum Meere. Schon am zwölften Morgen kamen sie zum Isenstein in Brunhildes Land.

“Wenn wir vor Brunhilde kommen”, mahnte Siegfried die Gefährten, “so saget dort alle, Günther sei mein Lehnsherr und ich sein Lehnsmann, dann wird alles gut gehen. Das alles tue ich um deiner Schwester willen, Günther; sie ist mir wie die Seele und wie mein eigener Leib! Ich will es gern verdienen, dass sie werde mein Weib.”

7. Wie Günther Brunhilde gewann

Als das Schiff der stolzen Burg nahte, schauten viele schöne Frauen aus den Fenstern herab. “Nun sage mir, Günther, welche ist die schönste, welche würdest du wählen, wenn du die Macht hättest?”, fragte Siegfried. “Die dort in jenem Fenster steht, schneeweiß das Kleid, rabenschwarz die Locken, die Augen leuchtend, die müsste mein Weib werden.” “Du hast recht gesehen, das ist die edle Brunhilde.”

Die Burgundenhelden staunten über die herrliche Schönheit und auch Hagen gab zu, ein so herrliches Weib sei jedes Kampfes wert. Nun führte Siegfried selbst Günthers Ross herbei und hielt vor aller Augen die Zügel, bis Günther es bestiegen, dann erst gingen auch die ändern zu ihren Rossen. Unbehütet ließen die Helden ihr Schifflein und ritten zur Burg hinan. Brunhildes zahlreiche Mannen kamen den Gästen freundlich entgegen, um sie in ihrer Herrin Land zu empfangen. Als sie ihnen Schwert und Panzer abnehmen wollten, weigerte sich Hagen und gab nur ungern nach, als Siegfried ihm erklärte, es sei in dieser Burg Sitte, dass fremde Gäste nie Waffen führten.

Die Königin wollte wissen, wer die Recken seien, deren Ankunft man ihr gemeldet, aber keiner konnte ihr sicheren Bescheid geben. Doch eine der Frauen meinte: “Der eine, der so stolz dasteht, muss wohl Siegfried sein, der einst Grane von hier mitnahm; die anderen kenne ich nicht. Der Zweite sieht wohl einem König gleich; furchtbar anzuschauen ist der grimme Dritte, ein machtvoller Kämpfer, und so schön und freundlich der Vierte dreinschaut, auch er scheint ein guter Streiter zu sein.

Ihr bestes Gewand ließ sich die Königin reichen, im Innern froher Hoffnung, dass Siegfried um ihretwillen gekommen sei. Herrlich geschmückt, von vielen Frauen und fünfhundert Rittern begleitet, ging Brunhilde den Fremden entgegen. “Seid mir willkommen, Herr Siegfried, in diesem Lande. Was eure Reise bedeutet, möchte ich gern erfahren?”  

“Höflich danke ich euch, edle Königin, für euren freundlichen Gruß. Aber der Erste gebührt nicht mir, sondern diesem edlen Recken, meinem Herrn, König Günther vom Burgunderland. Er ist vom Rhein gekommen, um dich zu werben. Er hieß mich mit ihm fahren und ich konnte es ihm nicht verweigern.”

Ein tiefes Weh erfasste Brunhilde, als sie diese Worte vernahm; so hatte ihr geheimes Hoffen sie getäuscht. Doch schnell gefasst erwiderte sie: “Ich kannte ihn nicht; er wird es mir verzeihen, dass ich ihn nicht zuerst begrüßte. Ist er dein Lehnsherr und zeigt er sich als Meister in den Spielen, die ich ihm biete, so werde ich sein Weib. Gewinne ich, so kostet es euch allen das Leben.”

Siegfried trat zu König Günther und flüsterte ihm zu, er möge furchtlos alles zu der Königs Jungfrau reden, was er wolle. Mit seinen Künsten werde er ihn wohl vor ihr behüten. “Hehre Königin”, sprach Günther, “wählet Spiele, wie ihr wollt. Wären es auch mehr, ich wollte sie alle bestehen um eurer Schönheit willen. Ich will mein Haupt verlieren oder euch als mein Weib sehen.” Einen Schild von rotem Golde trug das Gesinde herbei, mit stahlharten Spangen, der Schildhalter war eine reich mit Smaragden besetzt Borde. Der Buckel des Schildes war wohl drei Spannen dick; kaum konnten ihn vier Kämmerer forttragen. Der Speer war groß und schwer, an tausend Pfund Metall mochten dazu verwendet sein. Mühsam trugen ihn drei von Brunhildes Mannen herbei, den gewaltigen Feldstein aber vermochten kaum zwölf Männer von der Stelle zu bewegen. Der Anblick brachte Günther Sorge. Was soll hier geschehen. Der könnte der Teufel aus der Hölle nicht entgehen. Wäre ich wieder lebend bei den Burgundern, so möchte ich gern auf jede Liebeswerbung verzichten. Der kühne Dankwart, Hagens Bruder, sprach: “Von Herzen reut mich die Fahrt an diesen Hof. Es wäre eine Schande, wenn uns Recken hier die Frauen verderben sollten. Es grämt mich, dass wir hier ins Land kamen. Hätte nur mein Bruder Hagen sein Schwert und ich das eine, der Brunhilde Mannen sollten sich wohl in Acht nehmen. Und hätte ich tausend Eide geschworen; ehe ich meinen lieben Herrn sterben sähe, büßte das schöne Mägdelein sein Leben ein.”

“Wir wollten dies Land wohl ungefangen räumen”, sprach Hagen, “hätten wir nur unser Kriegsgewand und die guten Schwerter. Dann sollte die Jungfrau wohl ihren Übermut zähmen.” Brunhilde hatte der Helden Worte wohl verstanden. Lächelnd befahl sie: “Da er sich so kühn dünket, so bringet ihnen doch ihr Gewand und gebt den edlen Recken die Waffen in die Hand.” Vor Freude rot ward Dankwart, als er sein Schwert wieder in der Hand hielt. “Nun tut, was ihr wollt. Günther ist unbezwungen, denn wir haben unser Schwert!”

Während man die Vorbereitungen zum Wettkampfe betrieb, war Siegfried zu ihrem Schiffe am Ufer geeilt, hatte sich mit der Tarnkappe bekleidet und begab sich nun, allen Augen verborgen, mitten durch die Reckenschar an Günthers Seite. Leise berührte er den erschreckenden König mit der Hand und flüsterte:” Sei getrost, König Günther. Ich bin dir nahe und streite für dich. Unser ist der Sieg.”

Auf Brunhildes Wink schlossen ihre Recken einen Kreis um die weite Ebene. Als sie die Ärmel ihres Gewandes emporgestreift hatte, fasste sie den furchtbaren Speer und zielte, ihn in der Rechten wiegend, auf den Gegner.

Mit hell sausendem Ton durchschnitt die Waffe die Luft und traf Günthers Schild mit solcher Macht, dass er wie Bast zersplitterte. Günther und Siegfried strauchelten von der Gewalt des Stoßes, der sie aber unverwundet ließ. Doch brach Siegfried von der gewaltigen Erschütterung das Blut aus dem Munde. Schnell aber hob er Günther empor und schleuderte den durch dessen Hand vom Boden aufgehobenen Speer, ihn umkehrend, um das Mägdlein nicht zu verwunden, mit solcher Wucht auf die Jungfrau, dass diese erbleichend in die Knie sank.

Doch sogleich raffte sich Brunhilde wieder auf. Sie schüttelte ihre langen schwarzen Locken, die sich wie Schlangen auf dem schimmernden Panzer ringelten, und rief: “Habe Dank, Günther, für den Schuss.” Nun hob sie den ungeheuren Feldstein vom Boden auf, fing ihn wie einen Ball spielend auf und schleuderte ihn wohl zwölf Klafter weit. Und sogleich sprang sie, mit Vogelschnelle durch die Luft fliegend, dass der Panzer klirrte, dem Steine nach, überholte ihn im Fluge und blickte, wieder fest auf den Füßen stehend, triumphierend nach Günther zurück.

Lauter Beifall erscholl von allen Seiten; König Günther schien verloren. Da ergriff Siegfried mit gewaltiger Kraft den riesigen Stein, schleuderte ihn weit über das Ziel hinaus und sprang dann, Günther fassend, mit dem Könige noch über den Stein hinweg. Doch alle Umstehenden sahen nur Günther.

Unbegreiflich schien allen, was sie mit Augen gesehen. Brunhilde erblasste und errötete. Dann bezwang sie sich mit Gewalt und rief: “Du hast gesiegt, König Günther. Wohl, ich werde dein Weib. Kommt, ihr Recken alle und huldigt dem König Günther als eurem Herrn und Gebieter.” Gehorsam traten alle Mannen hinzu und leisteten den Eid der Treue. Siegfried war zum Schiffe geeilt und hatte die Tarnkappe abgelegt. Nun kam er zurück und stellte sich, als wisse er nicht, was geschehen.

“Was zögert ihr noch, Herr; beginnt doch das Spiel!” “Wie ging das zu, Herr Siegfried”, fragte Brunhilde, “dass ihr nicht gesehen habt, wie Herr Günther den Sieg gewann?” “Ich war indes bei den Schiffen. Nun freue ich mich, dass doch noch jemand lebt, der euer Meister ist. Jetzt werdet ihr uns an den Rhein folgen.”

“Nicht eher kann das sein, bis alle meine Mannen erfahren haben, was geschehen ist.” Nach allen Seiten schickte Brunhilde Boten aus und täglich strömten neue Scharen ihrer Mannen ins Schloss, sodass Hagen in ernstliche Besorgnis geriet, sie könnten von der Übermacht überwältigt werden.

Siegfried versprach dem vorzubeugen; er wolle in kurzem tausend der besten Mannen herbeibringen. Sie sollten Brunhilde sagen, dass er mit einem Aufträge hinweggeschickt sei und bald zurückkehren werde.

8. Wie Siegfried nach Nibelungenland fuhr

So nahm Siegfried Urlaub und eilte der Bucht zu, wo ihr Schifflein lag. Er warf die Tarnkappe um, nahm das Ruder zur Hand und stieß das Fahrzeug in die Flut, das unter seinen kräftigen Schlägen dahinfuhr, als werde es vom Sturm getrieben. Niemand konnte den Fährmann sehen und verwundert blickte man vom Ufer auf das scheinbar ohne Führer eilig dahintreibende Gefährt, das unaufhaltsam die rauschenden Wogen durchfurchte.

So fuhr Siegfried den ganzen Tag und die Nacht hindurch, da hatte er das Land der Nibelungen erreicht. Er band sein Schiff am Ufer fest und strebte der nahen, auf einem Berge stehenden Burg zu. Mit dem Knaufe des Schwertes schlug er heftig an die fest verschlossene Tür, bis am Fenster die Gestalt eines Riesen erschien, der mit rauer Stimme frage, wer da draußen ans Tor poche?

Seine Stimme verstellend, sprach Siegfried: “Ein fahrender Recke bin ich; schließe schnell auf, sonst wird es dir übel ergehen!” Der verdrossene Pförtner legte eilig seine Rüstung an und bewaffnete sich mit Helm, Schild und starker Eisenstange; dann riss er die Türe auf und stürmte wild auf Siegfried ein. “Wie darfst du es wagen, die guten Leute hier zu erwecken?” schrie er erbost und schlug ungestüm auf den Helden ein, dass dieser fast in Bedrängnis kam. Der Schall ihrer Waffen brachte die Burgbewohner völlig aus dem Schlafe, doch ehe sie herankamen, war der Pförtner schon überwältigt und an Händen und Füßen gebunden lag er am Boden.

Auch Alberich, der starke Zwerg, hatte den Lärm vernommen. Er eilte schnell dahin, wo eben der Kampf getobt hatte und nun der Riese gefesselt lag. Da schwang er die schwere Geißel mit ihren sieben goldenen Knöpfen gegen Siegfrieds Schild, der von der Gewalt des Schlages auseinanderbarst. Siegfried aber stieß sein Schwert in die Scheibe, denn er wollte seinen treuen Diener nicht verwunden und fasste den Zwerg mit beiden Händen. Schreiend musste Alberich es erdulden, dass der Held ihm an den Bart griff und die Hände band.  

“So lasst mich doch am Leben und sagt mir, wer ihr seid?” rief Alberich jammernd. “Ich bin Siegfried von Niederland. Du müsstest mich doch von früher kennen”, lachte der Held. Als nun Alberich seinem Gegner ins Antlitz sah, da war er hocherfreut. “Heil mir, dass ich euch sehe! Ihr habt mir wieder gezeigt, dass ihr mit Recht über Nibelungenland herrschet. Saget nun, was euch hergeführt und was ihr wünschet. Gern will ich alles tun, was ihr befehlt.” Siegfried löste beiden Gebundenen ihre Fesseln. “Beeilet euch, und bringt mir schnell tausend der besten Recken vom Nibelungenlande hierher.”

Bald war die Schar der Recken versammelt. “Beeilet euch”, hatte Alberich sie gemahnt. “Siegfried, unser Herr, ist ins Land gekommen und verlangt nach euch!” Die kühnen Recken waffneten sich auf diesen Ruf und eilten, Siegfried zu begrüßen. Er dankte ihnen für ihr schnelles Erscheinen und nahm mit ihnen das Morgenbrot ein. Als sie erfuhren, dass sie ihren Herrn zum Isenstein begleiten sollten, waren sie froh bereit. Schiffe wurden zur Fahrt gerüstet, und schon am nächsten Morgen erreichte Siegfried mit seinen tausend Mannen Brunhildes Burg. Die Königin stand eben am Fenster und schaute zum Gestade, als die trefflichen Helden landeten. “Weiß jemand, wer die fremden Gäste sind?” fragte sie. Da trat Günther zu ihr ans Fenster: “Wohl weiß ich es, edle Frau. Es sind meine Mannen, die ich unfern zurückließ. Ich sandte Siegfried hinweg, sie zu holen und freue mich, dass sie gekommen sind. Bitte, geht ihnen entgegen und heißet sie willkommen.”

Das tat Brunhilde nach Günthers Willen. Alle empfingen ihren freundlichen Gruß, nur einer nicht, Siegfried. Ehe sie ihr Reich verließ, das sie nicht wieder sehen sollte, ordnete Brunhilde die Verwaltung des Landes. Ein vornehmer Verwandter ihrer Mutter wurde als Vogt des Reiches eingesetzt. Zweitausend auserwählte Recken sollten sie ins Burgundenland begleiten, hundert Frauen und sechsundachtzig Jungfrauen bildeten ihr stattliches Gefolge, und manche weinten, die zu Hause bleiben mussten. Zu Worms sollte die Hochzeit gefeiert werden.

9. Wie Siegfried nach Worms gesandt ward

Neun Tage waren die Helden schon unterwegs auf der Fahrt nach Worms, da sprach Hagen zu Günther:” Es wird nun Zeit, dass wir einen Boten voraus senden, der unser baldiges Kommen meldet.” “Wohl, aber wen senden wir?” “So bittet Siegfried, dass er es übernimmt. Er wird es tun um eurer Schwester willen.”

Siegfried war sogleich zur Übernahme der Botschaft bereit. Mit vierundzwanzig seiner besten Recken ging es in schnellem Ritte rheinaufwärts am Ufer hin; kaum mochte je ein Bote schneller gewesen sein. 

Auf der Königsburg in Worms erregte ihre Ankunft heftigen Schrecken. Als nur Siegfried zurückkehrte, fürchtete man, Günther sei dort im fernen Lande tot geblieben. “Seid ohne Sorge”, tröstete Siegfried den schnell herbeigeeilten und ängstlich fragenden Giselher. “Günther ist gesund und sandte mich als Boten voraus, um Frau Ute und eurer Schwester die frohe Kunde zu bringen.”

Sogleich wurde Siegfried in das Gemach geführt, wo die beiden Königinnen mit ihren Frauen weilten. Als Kriemhild den Helden erblickte, sprang sie schnell von ihrem Sitz auf und eilte ihm entgegen. “Willkommen, Herr Siegfried. Nun saget mir: wo ist Günther, mein Bruder. Ich fürchte, dass ihm Brunhildes Stärke Schlimmes bereitet hat?” “Gebet mir nun Botenbrot”, sprach der Held lächelnd. “Wisst, edle Frauen, ihr grämet euch ohne Not. Günther ist wohlauf und er und seine Braut entbieten euch freundlich holden Dienst. Lasset euer Weinen. Sie werden bald hier sein.”

Da gab Kriemhild, ihre Tränen trocknend, dem lieben Boten gar holden Dank. “Gern gäbe ich euch mein Gold als Botenlohn”, sprach sie lächelnd; “doch dazu seid ihr zu vornehm.” “Und hätte ich dreißig Lande, ich empfinge aus eurer Hand doch die Gabe gern.” Da ließ sie vom Kämmerer vierundzwanzig reich mit Edelgestein geschmückte Spangen holen. Er nahm sie mit freundlichem Dank und gab sie sogleich an die Frauen der Königinnen, die er im Gemache fand.

Auch Frau Ute begrüßte den willkommenen Boten und er berichtete, wie es mit Günther stehe, und dass er sie bitten lasse, die reichen Gäste wohl zu empfangen. “Er bittet euch ganz herzlich, ihnen vor Worms an den Strand entgegenzureiten.”

“Gern will ich das tun”, sprach Frau Ute; “gewiss kommen wir seinem Wunsche nach.” Schnell wurde ringsherum an die Freunde und Mannen Bericht gesendet. Herr Ortwin von Metz ordnete alles auf das Prächtigste an. Teppiche wurden ausgebreitet, Sitze am Strande errichtet und der weite Landungsplatz festlich geschmückt. Und so schmückten sich auch die Männer und Frauen in froher Erwartung eines hohen Festes.

Als Kunde kam, dass sich die Schiffe auf dem Rhein zeigten, und Horngeschmetter von den Türmen ihre Ankunft meldete, da eilte alles zum Strande, die Gäste froh zu begrüßen.

10. Wie Brunhilde zu Worms empfangen ward