Klinikum Berlin - Herzklopfen - Helene Lynd - E-Book
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Klinikum Berlin - Herzklopfen E-Book

Helene Lynd

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Beschreibung

Spannende Medizin und große Gefühle pur ...

Mit einem gebrochenen Herzen im Gepäck kommt die junge Ärztin Lieselotte Richter, genannt Lotti, in die Hauptstadt, um in der Notaufnahme des Klinikums Berlin ganz neu anzufangen. Doch dort herrscht ein raues Klima: Im Minutentakt wechseln Bagatellverletzungen und lebensbedrohliche Notfälle, und auch die Kollegen stellen Lotti mit ihren Machtkämpfen und Intrigen vor ungeahnte Herausforderungen. Zu allem Überfluss lernt Lotti auch noch einen attraktiven Chirurgen kennen, der sie unwiderstehlich anzieht – und gleichzeitig sämtliche Alarmglocken schrillen lässt ...

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Seitenzahl: 438

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Mit einem gebrochenen Herzen im Gepäck kommt die junge Ärztin Lieselotte Richter, genannt Lotti, in die Hauptstadt, um in der Notaufnahme des Klinikums Berlin ganz neu anzufangen. Doch dort herrscht ein raues Klima: Im Minutentakt wechseln Bagatellverletzungen und lebensbedrohliche Notfälle, und auch die Kollegen stellen Lotti mit ihren Machtkämpfen und Intrigen vor ungeahnte Herausforderungen. Zu allem Überfluss lernt Lotti auch noch einen attraktiven Chirurgen kennen, der sie unwiderstehlich anzieht – und gleichzeitig sämtliche Alarmglocken schrillen lässt …

Autorin

Dr. med. Helene Lynd ist Ärztin und Biologin. Nach ihrem Medizinstudium war sie an einem der größten Krankenhäuser Europas tätig. Dort lernte sie alles kennen: Medizin an der Grenze des Machbaren, menschliche Herausforderungen, aber auch besonders kompetente und engagierte Kollegen. Ihnen möchte sie mit »Klinikum Berlin« ein Denkmal setzen.

Helene Lynd

Herzklopfen

Klinikum Berlin 1

Roman

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1

Unerwartet spät am Abend klingelte Lottis Handy, und sie musste fast einen Hechtsprung von der Umzugskiste zum Sofa machen, um den Anruf noch zu erwischen.

Am Apparat war ihr Bruder Eduard. »Viel Glück für morgen, kleine Schwester!«

Langsam richtete Lotti sich auf. »Wie lieb von dir, dass du an mich denkst.«

Dabei spürte sie, wie sich zum ersten Mal an diesem Tag ein warmes Gefühl in ihr ausbreitete. Die letzten Stunden waren komplett im Umzugschaos untergegangen, ihr Rücken schmerzte von der Schlepperei, während ihr Herz jetzt schon vor Heimweh drückte.

Aus purer Gewohnheit wollte sie sich für den Plausch mit Edo aufs Sofa fallen lassen, doch da stapelten sich jede Menge Krimskrams, Bücher und Kleider, die Lotti dort zwischengelagert hatte.

Energisch schob sie den Berg zur Seite, nur um als Nächstes einhändig einen Bilderrahmen aufzufangen, den sie versehentlich hinuntergeschubst hatte. Dabei ließ sie fast ihr Handy aus der anderen Hand fallen, während polternd mehrere Bücher zu Boden gingen.

»Bist du noch da?«, fragte Edo, dem das Tohuwabohu offenkundig nicht entgangen war.

»Na klar«, murmelte Lotti, während sie sich kurzerhand auf den Boden vor dem Sofa niederließ. Sie wischte sich die leicht verschwitzten blonden Locken aus der Stirn. »Ich lasse mir doch keine Sekunde Telefonzeit mit dir entgehen.«

Ihr Bruder lachte. »Wenn du so etwas sagst, muss ich mir ja fast Sorgen machen. Wo ist meine biestige kleine Schwester geblieben?«

»Was, du hast noch eine Schwester, von der ich gar nichts weiß?« Lotti spürte, wie Edos Anruf ihre Laune tatsächlich ein ganzes Stück hob. »Meinst du, es wird gut in meiner neuen Stelle?«, wechselte sie dann nahtlos zu dem Thema, das sie seit Tagen in jeder wachen Sekunde beschäftigte.

Edo schien einen Augenblick zu überlegen, während Lotti sich ihren Bruder in seiner typischen Denkerposition mit leicht zur Seite geneigtem Kopf vorstellte.

»Mal ehrlich, ich weiß es nicht, aber ich wünsche es dir«, erwiderte er dann. »Im Übrigen: Du bist eine nette kompetente Ärztin in ihren besten Jugendjahren, was sollte da nicht klappen? Sie müssen dich einfach lieben!«

»In meinen besten Jugendjahren? Mensch, Edo, woher hast du nur immer diese vorsintflutlichen Formulierungen? Deine Patienten müssen ja glauben, dass du noch bei Freud selbst gelernt hast.«

Edo gluckste vergnügt. Davon angesteckt drehte Lotti den Bilderrahmen um, den sie immer noch in der Hand hielt. Doch im nächsten Moment setzte ihr Herz einen Schlag aus. Das Foto, das sie selbst aufgenommen hatte, zeigte hohe schroffe Felswände hinter einem kleinen Krankenhaus. Vor dem Gebäude standen drei fröhlich lächelnde Ärzte in weißen Kitteln, die Lotti durch Raum und Zeit zuzuwinken schienen.

Hektisch schaute Lotti aus dem Fenster in die Dunkelheit, um nicht von plötzlicher Traurigkeit übermannt zu werden. Warum war sie auch weggegangen? Doch dann dachte sie an die Misere mit Paul, der sich nicht nur als verheiratet entpuppt hatte, sondern auch als der Sohn des Chefarztes ein paar Orte weiter. Sie hatte einfach nicht bleiben können, obwohl sie ihre Stelle als Assistenzärztin für Innere Medizin in der Bergklinik wirklich geliebt hatte. Unwillkürlich schniefte Lotti leicht.

»Na, Kummer?«, erkundigte sich Edo prompt. Ihm konnte sie nichts vormachen, er kannte sie einfach viel zu gut; außerdem hatte er jedes Kapitel des Dramas mitbekommen.

»Na ja, du weißt schon …« Lotti wollte nicht jammern, schließlich war sie nach Berlin gezogen, um ganz neu anzufangen. Und wie zur Bekräftigung legte sie den Rahmen mit der Bildseite nach unten zurück auf den schiefen Stapel auf dem Sofa, wofür sie sich aus ihrer sitzenden Position ordentlich strecken musste. Paul war Vergangenheit, genau wie ihre Stelle im schönsten Krankenhaus der Welt und wie das Wandern, Klettern und Bergsteigen in den Alpen. Dafür wartete vor der Haustür die größte Stadt Deutschlands und ab morgen noch dazu eine riesige Notaufnahme. Wenn sie nur daran dachte, spürte Lotti ein seltsames Gefühl im Bauch. Noch nie hatte sie in einem so großen Haus gearbeitet.

Durch das Telefon hörte sie das Klackern einer Computertastatur.

»Arbeitest du?«, fragte sie ihren Bruder. Das musste der x-te Dienst in Folge sein, den Edo da schob. »Wohnst du eigentlich schon im Krankenhaus?«

»Ein Kollege ist krank, da bin ich eingesprungen«, erklärte Edo. »Sorry, ich muss hier nur kurz etwas in die Patientenakte eintragen, dann bin ich wieder ganz für dich da. Also, ob es gut wird? Ich denke, das hängt auch davon ab, was du daraus machst.«

»Du klingst wie ein Psychiater«, gab Lotti zurück und fragte sich, ob sie von jetzt an genauso viel Zeit in der Klinik verbringen würde wie Edo.

»Ich – ein Psychiater? Wie kommst du denn da drauf?« Edo schnaubte amüsiert. »Aber keine Sorge, du wirst das Kind schon schaukeln, wenn du mir noch einen altmodischen Ausdruck erlaubst.«

Lotti schloss kurz die Augen. Aus dem Mund ihres Bruders hörte sich alles immer so einfach an. Er war in der Lage, selbst die größte Katastrophe noch in ein günstiges Licht zu rücken. Hoffentlich behielt er auch in diesem Fall recht, schließlich hatte sie vom Klinikum Berlin schon allerhand gehört – beileibe nicht nur Positives.

»Ich nehme dich beim Wort«, meinte sie daher zu Edo, während sich die Unsicherheit als zunehmender Druck in ihrem Magen bemerkbar machte.

Aber Edo ging nicht darauf ein, stattdessen meinte er: »Berlin ist die Stadt der Partygänger, der Clubs und, wenn du willst, auch der Kunst. Jede Menge Konzerte, Ausstellungen und Aufführungen, da kann dir gar nicht langweilig werden.«

»Warum wohnst du dann noch in München, wenn es hier so toll ist?«, erwiderte Lotti, unabsichtlich eine Spur zu patzig.

Aber aus seiner Antwort hörte sie Edos lässiges Schulterzucken: »Ich bin eben ein Urgestein hier.«

Seine Stimme klang dabei jedoch so beschwingt, dass automatisch etwas gute Laune auf Lotti überging. Sie spürte, wie sich prompt ihre Mundwinkel – untrügliches Barometer ihres Gemütszustands – leicht hoben. »In Ordnung. Ich gelobe, das Beste aus meinem neuen Leben zu machen.«

»Das hört sich gut an, Schwesterlein.« Edo klang so zufrieden, dass Lotti sich augenblicklich fragte, ob ihr geschickter Bruder sie nicht wieder einmal genau dorthin gebracht hatte, wo er sie haben wollte. Wie sollte sie auch gegen diesen mit allen Wassern gewaschenen Seelenklempner ankommen, der zudem sechs Jahre älter war als sie?

Durchs Handy hörte sie, wie Edos Pieper ging.

»Sorry, Lottilein, ich muss los. Ich denke morgen an dich, ja? Das heißt, wenn ich nach diesem Dienst nicht gleich ins Koma falle. Mach’s gut.« Und weg war er.

Behutsam legte Lotti das Smartphone neben sich auf den Boden, während sie ihren Gedanken nachhing. Edo würde an ihrer Stelle sicher das Beste aus der Situation machen, warum sollte sie das also nicht auch schaffen? Schließlich hatte sie genauso wie er Medizin studiert und ließ sich nicht so leicht einschüchtern – zumindest für gewöhnlich. Aber seit dem Desaster mit Paul war ein Teil ihres Optimismus und ihres Selbstvertrauens verloren gegangen. Dennoch versuchte sie, sich von Edos unerschütterlichem Glauben anstecken zu lassen, alles werde sich garantiert zum Guten wenden.

Lotti gab sich einen Ruck und stand auf, schließlich warteten noch zahllose Kisten darauf, ausgepackt zu werden. Allerdings musste sie bei einem Rundblick ein Gähnen unterdrücken. Am liebsten wäre sie in die Badewanne gestiegen, aber diese Wohnung verfügte nur über eine Dusche, außerdem war einfach noch so viel zu erledigen. Energisch schob Lotti die Ärmel ihres hellblauen Shirts hoch und beugte sich über die offene Kiste neben ihr. Dabei streifte ihr Blick die Rückseite des Bilderrahmens auf dem Sofa. Sie richtete sich wieder auf, griff nach dem Rahmen und drehte ihn um. Für unsere Lotti, hatten ihre Kollegen um das Foto herum auf das helle Passepartout geschrieben. Darunter prangte Lottis alter Stempel. Dr. med. Lieselotte Richter – Ärztin.

Jemand hatte mit einem Pfeil dazugeschrieben: unsere liebste Ärztin.

Lotti seufzte leise. Dann beschloss sie, dass es wirklich an der Zeit war, das Vergangene hinter sich zu lassen. Resolut legte sie den Bilderrahmen zurück in die Umzugskiste, bevor sie ihre heißgeliebte Spiegelreflexkamera auspackte. Fotografieren, das war ihr liebstes Hobby, und dem würde sie auch hier in Berlin nachgehen. Mit geübten Fingern öffnete sie die Blende und blickte auf das Display.

Mein neues Leben, dachte sie, während sie ein paar Fotos von den Kisten und dem Chaos um sich herum schoss. Dann straffte sie ihre Schultern. Jetzt hieß es, nach vorn zu schauen. Sie drehte die Kamera um und hielt sie so weit weg von sich, wie ihr ausgestreckter Arm es erlaubte. Streng verordnete sie sich ein Lächeln. Erst ging es schwer, aber dann klappte es besser. Sie würde es schaffen. Lotti hob das Kinn und drückte auf den Auslöser.

Willkommen in Berlin!

2

Das hellweiße Neonlicht leuchtete so grell, als gäbe es keine Nacht. Zügig schritt Dr. Daniel Breyer den langen Gang der Notaufnahme hinunter, vorbei an schmucklosen Wänden und beigefarbenen Türen. Selbst die farbenfrohen Bilder, die sonst viele Krankenhausflure zierten, fehlten in diesem nüchternen Umfeld. Die Luft war warm und trocken, und Daniel stieg der typische Geruch nach Krankheit, menschlichem Leid und Desinfektionsmittel in die Nase. Tief in seinem Unterbewusstsein sorgte diese Mischung für eine grundsätzliche Alarmbereitschaft, und Daniels Schritte beschleunigten sich unwillkürlich.

Seit er am frühen Morgen aus einem fürchterlichen Albtraum hochgeschreckt war, fühlte er sich wie auf der Flucht und musste sich beherrschen, um nicht loszurennen.

Es war nur ein Traum, sagte er sich, trotzdem hatte er immer noch das Gefühl, Blut würde über seine Hände rinnen. Genauso fest standen ihm die Traumbilder eines verblutenden Patienten vor Augen. Beim Aufwachen hatte er eine schier unerträgliche Angst gefühlt, die in krassem Gegensatz zu seiner ärztlichen Kompetenz stand. Im wirklichen Leben wusste er genau, was bei Blutungen zu tun war, aber im Traum hatte er sich vor Hilflosigkeit gelähmt gefühlt, während das Blut immer weitergeflossen war. Ungeduldig versuchte Daniel, den Traumschatten abzuschütteln, indem er sich auf das Hier und Jetzt konzentrierte.

Rechts und links ging es vom Gang in die einzelnen Zimmer und Kabinen, in denen sich die tägliche Routine abspielte. Hier geschahen aber auch die großen Katastrophen und Dramen, die das Leben in der Notaufnahme bestimmten. Die Wände waren von Scharten und Kratzern übersät, die das Tagesgeschäft hinterlassen hatte, und Daniel fragte sich, wie viele Stunden seines Lebens er hier eigentlich schon verbracht hatte.

Aber selbst dieser Gedanke verscheuchte die quälende Erinnerung an den Albtraum nicht ganz, und Daniel ballte die rechte Hand abwehrend zur Faust, als könnte er so seine negativen Gefühle mit Gewalt bezwingen. Nach außen hin erschien er wohl als Inbegriff des attraktiven Arztes – selbst in der Notaufnahme mit einem gebügelten Hemd unter dem gestärkten weißen Kittel und mit akkurat frisierten dunkelblonden Haaren – , innerlich jedoch fühlte er sich komplett verunsichert.

Seine Schritte machten kleine quietschende Geräusche auf dem spiegelnden PVC-Boden, der gerade gewischt worden war, und Daniel versuchte, sich auf die seltsamen Laute zu fokussieren, um alles andere auszublenden.

Es war nur ein Traum, beschwor er sich wieder, doch gleichzeitig nahm er die leichte Feuchtigkeit auf seiner Stirn und seinen beschleunigten Herzschlag wahr und wusste, dass ihm jetzt nur vollständige Ablenkung helfen konnte. Das war auch der Grund, warum er schon vor sieben Uhr morgens hergekommen war, obwohl sein Dienst erst um halb acht begann.

Kurz vor dem Ende des Gangs bog Daniel nach rechts in den Aufenthaltsraum ab. Auf dem Tisch stand eine einsame Thermoskanne, aufgeschraubt und dann vermutlich in der Eile eines Notfalls vergessen. Daniel schloss den Deckel, wohl wissend, dass der Kaffee trotzdem kalt und ungenießbar bleiben würde.

Dann ging er eilig die zwei Schritte zu dem modernen Kaffeevollautomaten, den der Chefarzt hier als eine Art Entschuldigung für die unterirdischen Arbeitsbedingungen hatte aufstellen lassen und der genau aus diesem Grund von der Belegschaft gemieden wurde. Aber in diesem Moment war das Daniel gleichgültig. Er nahm sich einen Becher und stellte ihn auf den spiegelnden Stahlrost unter die Düse, bevor er auf das Cappuccino-Symbol drückte, was die Maschine mit einem Fauchen zum Leben erwachen ließ. Der angenehme Kaffeegeruch, der nach wenigen Sekunden die Luft erfüllte, brachte Daniel tatsächlich etwas Entspannung.

Gerade als er nach dem vollen Becher greifen wollte, hörte er aus dem Eingangsbereich der Notaufnahme ein seltsames Geräusch. Es klang, als würde ein nasser Sack gegen die Milchglasscheibe der Eingangstür fallen. Dazu kam etwas, das sich eher wie ein Wimmern als wie ein Schrei nach Hilfe anhörte.

Ohne zu zögern, ließ Daniel den Kaffee stehen. Draußen hinter der Milchglastür lagen die Anmeldung und der Wartebereich. Dort saß, wer selbst in die Notaufnahme gekommen war. Notarzt oder Krankenwagen brachten ihre Patienten zu einem Seiteneingang, von dem aus man auf kürzestem Weg auch den Schockraum für die Schwerstkranken und Schwerstverletzten erreichen konnte.

Als Daniel aus dem Aufenthaltsraum stürzte, sah er durch das Milchglas dunkel den Schatten eines Körpers. Von seinen Kollegen aus dem Nachtdienst entdeckte er niemanden, sodass er geradewegs auf die Tür zulief. Dabei bemerkte er, dass die diensthabende Schwester im Pflegezimmer ebenfalls aufgesprungen war. Im Laufen zog sie hellblaue Polyvinylhandschuhe aus einem Spender an der Wand und reichte ihm ein Paar, als sie vor der Tür aufeinandertrafen. Er streifte sie über, während die Schwester die Tür aufgehen ließ. Direkt davor stand ein junger Mann und hielt eine Frau im Arm, die entweder bewusstlos war oder im Begriff stand, das Bewusstsein zu verlieren.

»Hilfe«, brachte er hervor, bevor er unter dem Gewicht seiner Last in die Knie ging.

Die Schwester rief laut nach einer Liege, während Daniel sofort nach der jungen Frau griff. Ihr Körper hatte eine deutlich verminderte Spannung, sodass Daniel Mühe hatte, sie zu fassen zu bekommen. Er musste mehrmals nachgreifen, was ihn aber nicht davon abhielt, sofort mit der Analyse zu beginnen. Die Frau war normal groß und normal schwer, atmete jedoch unnatürlich tief und langsam.

Kussmaulatmung, diagnostizierte Daniel augenblicklich, verlagerte ihr Gewicht und tastete nach ihrem Handgelenk, an dem ein Täschchen baumelte. Der Puls der Patientin war beschleunigt. Unter zu viel grünem Lidschatten waren ihre Augen geschlossen, und ihre hellbraunen Haare hatten sich fast vollständig aus dem Zopfgummi gelöst. Dennoch wiesen sowohl der Zustand ihrer Haare als auch der ihrer Fingernägel auf geordnete Verhältnisse hin.

»Hallo, aufwachen! Wer sind Sie?« Fest klopfte die Schwester gegen die Wange der Frau.

Die Patientin schlug kurz die Augen auf und stammelte etwas Unverständliches. Daniel kniff sie leicht in die Haut, woraufhin sie eine abwehrende Bewegung mit dem Arm machte.

Glasgow Coma Scale von elf, analysierte Daniel blitzschnell. Drei Punkte für die Augenöffnung, drei für die unzusammenhängenden Worte als Antwort und fünf für gezielte Schmerzabwehr. Zusammen mit allen anderen Informationen, die er bisher gesammelt hatte, entschied er in diesem Moment, dass keine Schutzintubation bei der Patientin nötig war. Wenigstens etwas.

Dann registrierte Daniel, dass die Körpertemperatur der Frau eher zu kalt als zu warm war und sich ihre Haut ausgetrocknet anfühlte. Als sie abermals kurz die Augen öffnete, beobachtete Daniel ihre Pupillen. Sie waren weder unnatürlich weit, noch verengt und reagierten adäquat auf den Reiz des hellen Lichts um sie herum, indem sie sich gleichmäßig verengten.

Der Mann, der die Kranke gebracht hatte, lehnte an der Wand neben der Glastür und zitterte am ganzen Körper. Daniel schaute kurz zu ihm, bevor er abermals das Gewicht der Patientin in seinen Armen verlagerte. Jetzt roch er den strengen, säuerlichen Geruch nach Erbrochenem in ihrem Atem, aber da war noch etwas anderes. Fruchtiger, schärfer. Andere hätten sich angewidert abgewandt, aber nicht Daniel. Prüfend sog er abermals die Luft durch die Nase ein.

Aceton, kein Zweifel. Damit war ihm alles klar.

»Wissen Sie, ob Ihre Begleiterin Diabetikerin ist?«, fragte er den jungen Mann, um völlige Gewissheit zu erlangen.

Aber der zuckte nur hilflos mit den Schultern.

Ein Pfleger kam mit einer Liege über den Gang gerannt, und zusammen mit der Schwester hievte Daniel die junge Frau darauf. Während sich die Milchglastür hinter ihnen schloss, zog Daniel den Pullover der Patientin unter ihrer offenen Jacke hoch, tastete ihre leicht verhärtete Bauchdecke ab und entdeckte mehrere kleine punktförmige Wunden. Verletzungen wie von oberflächlichen Spritzeneinstichen. Insulin!

Damit war sich Daniel seiner Diagnose fast zu hundert Prozent sicher. Ausgetrocknete Haut, zu tiefe Atmung, Erbrechen, Acetongeruch. Diese Frau hatte einen insulinpflichtigen Diabetes, doch aus Gründen, die er nicht kannte, zu wenig Insulin im Blut.

»Ketoazidotisches Koma«, murmelte Daniel leise in Richtung der Schwester, die ihn daraufhin verblüfft ansah.

»Du weißt schon, was sie hat?« In ihrer Stimme lag Bewunderung, die Daniel jedoch nicht wahrnahm, weil er voll auf das konzentriert war, was er jetzt zu tun hatte.

»Wir brauchen sofort ihre Blutwerte«, verlangte er, während sie gemeinsam die Patientin im Laufschritt in die erste Kabine vorn links schoben. Der junge Mann, der sie gebracht hatte, rief ihnen durch die geschlossene Tür etwas hinterher, was Daniel jedoch ignorierte. Er konnte sich jetzt nicht darum kümmern.

Die Schwester schloss die Schiebetür der 1, dann zog sie zusammen mit ihrem Kollegen der Patientin Jacke und Pulli aus. Rasch legte der Pfleger eine Blutdruckmanschette und ein Fingermessgerät für die Sauerstoffsättigung an, während die Schwester Daniel ein kleines Tablett mit einem Zugang, Desinfektionsmittel und einem Stauschlauch reichte. Vollkommen ruhig versenkte Daniel den Zugang in einer Vene an der Ellenbeuge der jungen Frau. Dass es aufgrund ihres ausgeprägten Flüssigkeitsmangels erschwert war, bemerkte er nicht einmal. Die Schwester klebte den Zugang fest, nahm daraus Blut ab und schloss dann einen Dreiwegehahn an.

Mittlerweile war eine zweite Schwester hereingekommen, um nach den Personalien der Frau zu fahnden. Sie nahm das Täschchen der Frau und öffnete es. In ihrem Portemonnaie fand sie eine Versicherungskarte. Nachdem sie den Fall in den Computer eingegeben hatte, erschien ein Barcode auf dem Monitor.

»Glucosespiegel und Blutgasanalyse jetzt sofort bei uns in der Notaufnahme, dazu Serumelektrolyte, Glucosespiegel im Serum, Kreatinin, Blutbild, CRP und das erweiterte Standardprogramm im Labor, alles cito«, wies Daniel an, während er einen Blick auf den Monitor warf, auf dem verschiedene Werte angezeigt wurden. Die Sauerstoffsättigung der Patientin war normal. Immerhin.

Aus seiner Kitteltasche zog er eine kleine Lampe und leuchtete der Patientin in die Augen.

»Im Moment haben wir keinen Verdacht auf ein Hirnödem, denn ihr Puls ist schnell, ihr Blutdruck niedrig, und ihre Pupillen reagieren seitengleich. Aber sie braucht augenblicklich eine Infusion mit Ringer, 500 ml im Schuss, die nächste gleich vorbereiten.«

Daniel musste nicht innehalten, um zu überlegen. Stattdessen diktierte er seine Anweisungen einfach in den Raum hinein, und die Pflegekräfte arbeiteten sie gemeinsam ab. Nur wenig später öffnete sich auf dem Bildschirm am Computerarbeitsplatz ein kleines Fenster. 07.05 Uhr. Blutzucker 450 mg/dl, pH 7,1, Anionenlücke > 14 mmol/l, Kalium 3,4 mmol/l.

Daniels Blicke flogen über die Ergebnisse der Blutgasanalyse. Der Blutzucker war auf mehr als das Vierfache erhöht über dem Normalwert eines nüchternen Erwachsenen, der pH des Bluts deutlich erniedrigt und die Anionenlücke so groß, wie es der Definition des ketoazidotischen Komas entsprach. Wenigstens ist der Kaliumspiegel der Patientin in einem Bereich, der uns die Gabe von Insulin nach weiterer Flüssigkeit erlaubt, überlegte Daniel. Aber das war nur ein winziger Lichtblick gemessen an dem, wie schlecht es der jungen Frau im Augenblick ging.

»Ich brauche eine Infusion mit 0,1 Einheiten Normalinsulin pro Kilogramm Körpergewicht pro Stunde über die Dosierpumpe«, verlangte Daniel. »Wir senken den Blutzuckerspiegel, aber nur langsam und vorsichtig.

Außerdem braucht die Patientin unbedingt Kalium. Dazu bitte 40 mmol Kalium in 1000 ml Ringer vorbereiten.«

Energisch klopfte er gegen die Wangen der jungen Frau. »Genug geschlafen, aufwachen!«

Aber wieder reagierte sie nur mit unzusammenhängendem Gestammel.

»Die Insulininfusion gleich anhängen?«, fragte die Schwester.

»Ja, bitte.« Daniel beobachtete, wie sie die Infusionspumpe anschloss, programmierte und dann auf Start drückte.

Er hatte eine klare Vorstellung von den Stoffwechselmechanismen, auf die das Insulin in den nächsten Sekunden, Minuten und Stunden Einfluss nehmen würde. Es würde dafür sorgen, dass der überschüssige Zucker aus dem Blut in die Zellen aufgenommen würde und dort als Energiespender zur Verfügung stünde. Ferner würde das Insulin bewirken, dass die Patientin aufhörte, Fettsäuren und Triglyceride zu verstoffwechseln, deren Abbauprodukte ihr Blut zu sauer machten, was eine ganze Kaskade von negativen Effekten in Gang setzte. Das Insulin würde außerdem verhindern, dass die Nieren der jungen Frau weiterhin Unmengen von Urin produzierten, um den Blutzuckerüberschuss loszuwerden, wodurch sie immer weiter austrocknete. Insulin war ihre Rettung, es war der lebenswichtige Stoff, den sie unbedingt benötigte.

»Bitte noch einen Dauerkatheter legen«, wies Daniel an.

Für einen Moment beobachtete er die Patientin. Sie lag immer noch zu ruhig da und atmete zu tief.

»Warum hast du dein Insulin nicht genommen?«, fragte er sie, aber sie drehte nur den Kopf zur Seite.

»In genau acht Minuten bitte die nächste Kontrolle ihres Kaliumwerts und des Blutzuckers. Ich kümmere mich inzwischen um ein Intensivbett«, entschied Daniel. Denn so gut es auch sein mochte, eine Diagnose zu haben, das Spiel war noch lange nicht gewonnen. Selbst wenn es ihnen jetzt und hier gelang, den Zustand der Patientin zu stabilisieren, konnten in den nächsten Stunden immer noch etliche Komplikationen auftreten.

Aus seiner Kitteltasche zog Daniel ein schmales tragbares Dect-Telefon, seinen Zugang zum Telefonnetz des Krankenhauses. Daniel schätzte die persönliche Kommunikation mit Kollegen anderer Abteilungen nicht besonders und verstand nicht, warum man ein Intensivbett nicht per E-Mail oder über ein Messengersystem bestellen konnte. Aber seltsamerweise bestanden die Kollegen auf so etwas Altmodischem wie einem Telefonanruf. Rasch drückte er auf die Kurzwahltaste für den Koordinator der Intensivbetten.

»Ich habe kein Bett«, grüßte der, noch bevor Daniel ein Wort hätte sagen können.

»Schade, ich bräuchte nämlich eines«, erwiderte Daniel kühl. »Ketoazidotisches Koma, junge Frau …« Er nannte die Patientennummer vom Computerbildschirm, woraufhin sich der Koordinator eine Sekunde später etwas freundlicher anhörte. »Du hast dir nicht angesehen, wen du da vor dir hast, oder? Sie ist siebzehn und damit etwas für die Kinderintensiv.« Ohne weitere Worte legte er auf.

Daniel runzelte die Stirn. Er ärgerte sich weniger über die Arroganz des Koordinators als vielmehr über seinen eigenen Fehler. Sein Unwille sich selbst gegenüber nahm noch zu, als die Schwester die Papierakte brachte und ihn beiläufig darüber informierte, dass sie das jugendliche Alter sehr wohl bemerkt und bereits die Eltern informiert hatte.

»Was haben sie gesagt?«, fragte Daniel, obwohl ihn die Antwort eigentlich nicht interessierte. Die Eltern wussten meistens von nichts. Oft schon seit Kindertagen litten die Patienten unter Diabetes Typ 1, weswegen sie sich Insulin spritzen mussten. In der Pubertät dann wollten sie sich das Leben nicht mehr von ihren Blutzuckerwerten diktieren lassen. Also setzten sie das lebensnotwendige Insulin ab oder halbierten die Dosis, um nicht so stark zuzunehmen. Die Eltern bekamen das nicht mit, und ehe man sich’s versah, steckten alle in einer Situation wie dieser.

Zu ihrem Glück wurde die junge Frau hierhergebracht, dachte Daniel. Schlimmer wäre es gewesen, sie wäre etwa auf einer Parkbank liegen geblieben. Dann hätte sie gut und gern sterben können, auch so etwas kam vor. Daniel warf noch einen Kontrollblick auf die tropfenden Infusionen, dann gab er seine Befunde in den Computer ein und verschlüsselte die Diagnose: E10.11 Diabetes Typ 1 mit Ketoazidose. Er musste den Code nicht nachsehen, er kannte ihn auswendig.

Anschließend rief er auf der Kinderintensivstation an, wo er prompt ein Bett für die minderjährige Patientin bekam. Ein weiteres Mal überprüfte er ihre Wachheit, kontrollierte Blutdruck und Reflexe. Im Moment war alles stabil, und sie befand sich hoffentlich auf dem Weg der Besserung. Wenn es gut lief, würde sie in 24 Stunden vollkommen wiederhergestellt sein. Falls jedoch Komplikationen wie ein Hirnödem auftraten, sähe die Situation ganz anders aus.

»Ich spreche noch kurz mit dem jungen Mann, der sie gebracht hat.« Daniel zeichnete die Dokumentation mit seinem Kürzel ab.

»Ich wusste gar nicht, dass du auch Gefühle kannst.« Die Schwester sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen von der Seite an.

»Kann ich auch nicht«, erwiderte er knapp.

Aber das war nur die halbe Wahrheit.

3

»Sie sind hier falsch.« Der grauhaarige Mann mit dem weißen Shirt und den weißen Hosen fuhr Lotti derart scharf an, dass sie kurz zurückzuckte.

»Aber ich fange hier heute neu an«, entgegnete sie vorsichtig. Die ersten Worte frühmorgens an ihrem neuen Arbeitsplatz hatte sie sich wahrlich anders vorgestellt.

»Das weiß ich, denn Sie sehen tatsächlich wie auf Ihrem Bewerbungsfoto aus.« Der Mann richtete seine eisblauen Augen auf sie. »Das müssen Sie jetzt aber nicht als Kompliment verstehen«, fügte er unfreundlich hinzu.

Ungläubig blickte Lotti ihn an. Was für eine Unverschämtheit! Sie schnappte nach Luft, doch bevor sie etwas erwidern konnte, fuhr er schon fort: »Sie tragen die falsche Kleidung.«

Irritiert blickte Lotti an sich hinunter auf die grüne Bereichskleidung, die sie gerade in der Umkleide angezogen hatte. Dabei fiel ihr auf, dass ihr Gegenüber Badelatschen trug. Mehr noch als sein scharfer Tonfall brachte sie das aus dem Konzept. Warum um alles in aller Welt trug man in der Notaufnahme Badelatschen? Wer war dieser Mann?

Möglichst unauffällig versuchte sie, auf sein Dienstschild zu schielen, aber der Mann mit dem faltendurchfurchten Gesicht trug keines.

»Wenn Sie zu dumm sind, sich richtig anzuziehen, werden Sie hier nicht viel Freude haben«, meinte er abfällig. Obwohl er seine Stimme nicht erhoben hatte, fühlte sich Lotti, als würde sie schrumpfen. Unwillkürlich wandte sie sich zur Seite, wie um zu fliehen.

»Ist das die Neue?«, erkundigte sich eine energische Frauenstimme hinter ihr.

Lotti drehte sich um und entdeckte eine große schlanke Frau mit langen flammend roten Haaren, die ebenso wie sie in Grün angezogen war.

»So sieht es wohl aus, oder was denken Sie als Chirurgin?«, antwortete der Mann mit den Badelatschen und klang dabei so, als würden sich die Begriffe »Chirurgin« und »denken« seiner Meinung nach gegenseitig ausschließen. »Wie Sie sehen, haben wir leider wieder jemanden erwischt, der sich nicht einmal richtig anziehen kann. Das letzte derartige Talent hat hier nicht einmal zwei Wochen überlebt.«

»Genau wie diese Patientin, wie hieß sie doch gleich – Freundlichkeit?«, gab die Chirurgin zurück. Ihre Stimme klang emotionslos, aber sie zog pointiert eine Augenbraue hoch.

Der Mann in Weiß schnaubte empört, aber die Chirurgin lachte nur leise, während sie Lotti eine Hand auf die Schulter legte. »Das bekommen wir schon hin. Schließlich gibt es Schlimmeres als die falsche Kleidung, sogar in unserer Notaufnahme. Immerhin ist unsere Neue pünktlich.«

Wortlos wandte sich der Mann ab und schritt den Gang hinunter, wobei seine Badelatschen seltsame Geräusche auf dem Boden machten.

Wer um alles in der Welt war dieser fürchterliche Kerl? Lotti blickte ihm hinterher und war fürs Erste einfach nur froh, dass er weg war. Hoffentlich würde das ihre einzige Begegnung mit ihm bleiben!

»Ich bin übrigens Kira«, stellte sich ihr die Chirurgin vor, die ihrerseits vollkommen unbeeindruckt von dem Mann schien. »Komm, ich zeig dir, wo was ist.« Sie wies auf das auf der einen Seite komplett verglaste Zimmer im Eingangsbereich der Notaufnahme. »Das ist die Kanzel, das Arztzimmer, mit mehreren Computerarbeitsplätzen und zusätzlichen Monitoren, auf die die Vitalwerte der Patienten aus den einzelnen Räumen übertragen werden.«

Lotti schaute in die angegebene Richtung und sah einen blonden Mann mit Brille vor einem der Bildschirme sitzen. Er wirkte konzentriert, aber nicht unfreundlich. Lotti atmete erleichtert aus. Die Chirurgin neben ihr war auch nett, also würde es vielleicht gar nicht so schlimm werden.

»Gleich um halb acht ist Übergabe, die findet in der Kanzel für die Innere statt.«

»Nur für die Innere?«, hakte Lotti vorsichtig nach.

»Internisten, Anästhesisten. Wir Chirurgen haben morgens unsere eigene Übergabe, nur nachmittags treffen wir uns alle. Der chirurgische Teil der Notaufnahme liegt dort drüben.« Kira wies auf einen Gang, der an den Umkleiden vorbeiführte. »Aber das zeige ich dir noch, jetzt musst du dich erst mal umziehen.«

Sie ging voraus in die Umkleide, und Lotti folgte ihr. Der Raum war fensterlos und eng, die Spinde schmal, so ganz anders als die Umkleide in den Bergen, wo sie ein großes luftiges Zimmer zur Verfügung gehabt hatten, in das sich sogar mal ein Specht durchs Fenster verirrt hatte.

Es ist eben anders, dachte Lotti, bemüht an ihrer Zuversicht festzuhalten.

Vor den Fächern mit der Bereichskleidung blieb Kira stehen. »Hier in der Notaufnahme tragen wir alle Hosen und Kasacks.« Sie zog ein blaues Shirt mit V-Ausschnitt, kurzen Ärmeln und Taschen auf Hüfthöhe heraus, das sie Lotti reichte. »Dabei ziehen nur die chirurgischen Fächer Grün an, alle anderen Ärzte wählen blaue Kleidung. Dem Bademeister ist das unglaublich wichtig, als könne er uns sonst nicht voneinander unterscheiden.«

»Dem Bademeister?« Lotti spürte, wie ihre Mundwinkel nach oben zuckten, denn das war der perfekte Spitzname für diesen furchtbaren Typen.

Kira grinste zurück. »Aber lass ihn das bloß nicht hören, das wäre arbeitstechnischer Selbstmord.«

»Natürlich nicht«, versicherte Lotti, griff nach dem blauen Kasack und holte sich dann noch eine blaue Hose aus dem Fach mit der Größe 1. »Was macht der denn hier?«

»Hat er sich nicht vorgestellt? Das ist ja mal wieder typisch.« Kira rollte mit den Augen. »Der freundliche Herr, dem du gerade begegnet bist, ist unser überaus geschätzter Oberarzt Dr. Volker Turmer, Leiter der Notaufnahme.«

Bestürzt schaute Lotti sie an, aber die Chirurgin lachte nur. »Gib zu, du hast ihn für jemanden vom Transportdienst gehalten.«

Augenblicklich errötete Lotti, denn sie hatte tatsächlich so etwas in der Art vermutet. Wenn sie ehrlich war, hatte sie sich sogar gewundert, woher er wusste, wer sie war. Ihre leichte Aufregungsübelkeit am ersten Arbeitstag nahm zu.

Doch Kira zwinkerte ihr nur verschwörerisch zu. »Lass dich von ihm nicht unterbuttern, er hasst Unterwürfigkeit. Am besten, du gewöhnst dir gleich eine große Klappe an.«

Auch das noch, dachte Lotti. Doch bevor sie etwas erwidern konnte, klingelte das Dect-Telefon der Chirurgin.

»Herzbecher«, meldete sie sich, hörte kurz zu und runzelte dabei die Stirn. »Muss los«, murmelte sie dann Lotti zu und verließ, mit dem Telefon am Ohr, die Umkleide.

Rasch zog Lotti sich fertig um, steckte ihr Handy und das kleine Kompendium der internistischen Erkrankungen in die Kasacktaschen und versuchte anschließend ein aufmunterndes Lächeln vor dem Spiegel. Aber es fiel recht mickrig aus. Also nahm sie ihren ganzen Mut zusammen und streckte den Rücken durch, bevor sie zum zweiten Mal an diesem Morgen mit klopfendem Herzen die Personalumkleide verließ.

Gegenüber in der Kanzel arbeitete der blonde Arzt noch immer am Computer. Lotti erwog, direkt zu ihm zu gehen, aber ein Blick auf die große Uhr über dem Eingang zeigte ihr, dass sie noch ein paar Minuten Zeit hatte. Über Eck vom Arztzimmer entdeckte Lotti ein weiteres Zimmer mit Glasfront, in dem zwei Schwestern in Bereichskleidung saßen. Lotti ging hinüber und klopfte an die offen stehende Tür.

»Ja?« Eine Schwester mit Lesebrille auf der Nase wandte sich ihr zu, während die zweite weiter etwas am Computer eingab.

»Lieselotte Richter«, stellte sich Lotti mit einem Lächeln vor. »Ich bin die Neue.«

Die Schwester nickte knapp. »Wir haben schon gehört, dass Sie kommen. Ihr Name eilt Ihnen voraus.«

Ach nein! Lotti spürte ihren guten Vorsatz wanken, sich nicht so schnell unterkriegen zu lassen. Irgendwie hatte sie gehofft, es ließe sich dieses Mal vermeiden, schließlich hatte ihr Vater hoch und heilig versprochen, niemand werde von ihrer verwandtschaftlichen Beziehung Wind bekommen. Aber anscheinend war wieder einmal das Gegenteil eingetreten.

»Tja, goldene Familienverbindungen, so etwas kennen wir auch in Berlin.« Die Schwester schaute ihr direkt in die Augen, aber es war kein freundlicher Blick.

Lotti schluckte. Mussten alle, egal, wo auf der Welt sie war, über ihre Herkunft reden?

»Immerhin sind Sie Ärztin, und eine helfende Hand können wir hier immer gut gebrauchen«, mischte sich nun die zweite Schwester ein und schaute kurz vom Computer auf. Sie wirkte nicht ganz so abweisend wie ihre Kollegin, und Lotti sah sie dankbar an. Doch da tippte die Frau schon weiter.

Da Lotti nicht wusste, was sie noch sagen sollte, nickte sie nur höflich und wandte sich zum Gehen. Sie hatte ja nicht erwartet, mit Torte und einem Glas Sekt empfangen zu werden, aber so hatte sie sich das auch nicht vorgestellt.

Erst vor Kurzem, in ihrer schwärzesten Stunde, hatte sie dem ewigen Druck ihres Vaters nachgegeben, ihr eine Stelle an einer möglichst großen Klinik zu besorgen. Berlin, München, Hannover, Düsseldorf, Aachen hatten auf seiner Liste gestanden. Absichtlich hatte sie die Stadt gewählt, die am weitesten vom Einflussbereich ihres Vaters entfernt lag – zumindest hatte Lotti das angenommen. Aber in diesem Punkt hatte sie sich wohl geirrt, denn selbst hier in Berlin wusste offenbar schon jeder, wessen Kind sie war. Am liebsten wäre Lotti weggelaufen, doch so gern sie das auch getan hätte, es war keine Option. Also ging sie zur Kanzel hinüber, in der sich mittlerweile drei Personen befanden. An der Tür blieb sie stehen und betrachtete ihre neuen Kollegen.

Zwei Ärzte in Blau – einer eher schlank mit einem breiten Schmunzeln im Gesicht und ein deutlich kräftigerer – unterhielten sich miteinander, während der blonde Arzt mit Brille unverändert am Computer arbeitete. Lotti musterte ihn genauer. Seine Gesichtszüge waren fein, und seine ganze Haltung drückte große Konzentration aus. Mit einer geübten Bewegung zeichnete er eine Akte ab und schaute dann kurz auf.

»Dem Himmel sei Dank für Kollegen, die zu früh zum Dienst kommen«, meinte der schmunzelnde Arzt zu ihm.

»Ayhan hat recht«, stimmte sein Kollege zu, bevor er herzhaft gähnte. »Daniel, du bist ein Held. Die Schwestern haben gesagt, du hättest die Ketoazidose förmlich gerochen.«

»Habe ich auch«, erwiderte der Angesprochene knapp.

Nun musterte Lotti ihn noch interessierter. Wer ließ so ein Lob an sich abperlen? Wer trug außerdem einen Kittel in der Notaufnahme? Zumal in der Notaufnahme von diesem grässlichen Bademeister?

Aber die beiden Kollegen grinsten nur. »Unser Sherlock Holmes der Notfallmedizin! Was würden wir ohne dich machen?«

»Selbst das ketoazidotische Koma diagnostizieren«, gab Daniel nüchtern zurück und nahm ein Buch aus einem Fach an der Seite. Aus Lottis Perspektive sah es aus wie die Dokumentation über die abgegebenen Mengen an Betäubungsmitteln, zumindest wenn die hier genauso geführt wurde, wie sie das kannte.

»Wir brauchen übrigens wieder Fentanyl«, erklärte der kräftige Kollege in Blau. »Ich habe vorhin reichlich verballert.«

»Typisch Holger.« Ayhan boxte seinen Kollegen gegen die Schulter. »Macht wieder ganz Berlin high.«

Holger winkte müde ab. »So ein Unsinn. Aber, lieber Daniel, bitte verrate uns alles über Fentanyl; Ayhan und ich waren uns in zwei Punkten nicht ganz einig.«

Ohne aufzusehen und ohne seine Arbeit zu unterbrechen, spulte Daniel ab: »Fentanyl ist ein synthetisches Opioid, Agonist am µ-Opioidrezeptor, ungefähr hundertfach so potent wie Morphin, Summenformel C22H28N2O, weißes Pulver, leicht löslich in Ethanol, Wirkeintritt nach fünf bis zwanzig Sekunden, maximale Wirkung nach vier bis fünf Minuten, Halbwertszeit dosisabhängig ein bis sechs Stunden, die tödliche Dosis liegt bei 2,9 mg pro Kilogramm Körpergewicht bei der Ratte, beim Menschen reicht häufig auch deutlich weniger; Elimination weitgehend über die Leber, nur 7 Prozent werden unverändert über den Urin ausgeschieden. Die wichtigsten Nebenwirkungen: Atemdepression, Blutdruckabfall, Erbrechen, Obstipation. Antidot: Naloxon. Auf dem Schwarzmarkt ein Vermögen wert …«

Wow, dachte Lotti, und selbst die beiden Kollegen in der Kanzel wirkten für einen Augenblick beeindruckt.

»Das hätten wir auch fast alles gewusst«, bluffte Ayhan dann.

»Aber wir hätten dazu viel länger gebraucht.« Holger gähnte abermals herzhaft. »Besonders nach dieser Nacht.«

»Wieso?« Abrupt blickte Daniel hoch.

»Pub Crawl – ein besonders schlimmer«, erklärte Holger jedoch nur. »Früher fand ich es ganz lustig, mal ordentlich einen zu tanken, aber jetzt?«

»Deine Frau wäre sicher auch nicht besonders erfreut darüber, dich hier abholen zu müssen.« Ayhan grinste frech.

»Wir sind einfach zu alt geworden«, jammerte Holger, während er auf seinen nicht gerade schlanken Bauch klopfte und sich eine Flasche Patientenmineralwasser nahm.

Wahrscheinlich ist das auch hier für das Personal tabu, überlegte Lotti. Aber genau wie in ihrer alten Klinik hielt sich offenbar niemand daran. Wie sympathisch.

Holger trank die Halbliterflasche auf einen Zug fast aus. »Apropos alt, kommt heute nicht die Neue?«

»Ich bin schon da.« Lotti machte einen vorsichtigen Schritt ins Zimmer hinein.

Drei Augenpaare richteten sich auf sie.

»Hallo«, meinte Lotti und spürte die ganze Unsicherheit des Neuanfangs wie einen dicken Klumpen im Magen.

Genau in diesem Moment hörte sie die unangenehme Stimme hinter sich, von der sie gehofft hatte, eine Weile verschont zu bleiben.

»Das ist Frau Dr. Lieselotte Richter«, stellte Dr. Turmer sie vor. »Sie ist Anfängerin und muss noch viel lernen.«

Lotti hielt das für keine besonders charmante Einführung, aber ihr schwante, es hätte durchaus schlimmer kommen können.

»Herzlich willkommen.« Ayhan warf Lotti einen schnellen Blick zu. »Aber mich und Holger kannst du fürs Erste gleich wieder vergessen, wir gehen jetzt nach Hause.«

»Daniel Breyer, Internist«, stellte sich der Blonde vor, ehe er sich jedoch wieder wegdrehte, als wäre Lotti nicht länger anwesend.

»Hallo, Lieselotte«, grüßte ein weiterer Kollege, der sich gerade an Lotti und dem Bademeister vorbei in die Kanzel gestohlen hatte. Er reichte Lotti die Hand. »Riccardo ist mein Name.« Seine tiefschwarzen Haare hatte er im Nacken zu einem Zopf gebunden. Er wirkte so locker wie Daniel ernsthaft.

»Ich werde Lotti genannt«, erklärte Lotti und drückte die angebotene Hand.

Dr. Turmer schnaubte, als lehne er Kurzformen von Vornamen ebenso ab wie die falsche Farbe bei der Kleidung. »Der Nachtdienst kann gehen, ich nehme an, dass Sie die wartenden Fälle schon übergeben haben.«

»Haben wir«, bestätigte Holger. »Außerdem weiß Daniel sowieso alles. Ruhigeren Dienst euch allen, als wir ihn hatten!« Ayhan und er verschwanden in Richtung Umkleide.

Dr. Turmer wippte in seinen Badelatschen vor und zurück, während er sich an die beiden verbliebenen Kollegen wandte. »Einer von Ihnen muss heute Dr. Richter alles zeigen, damit sie sich hier bald nützlich machen kann.« Er betonte die Worte »bald« und »nützlich« so übertrieben, dass Lotti wider Willen errötete und verlegen lächelte.

Doch Daniel blickte nicht einmal auf, und Lotti spürte, dass er definitiv nicht die geringste Lust hatte, sich ihrer anzunehmen. Also schaute sie zu Riccardo, doch der schüttelte bedauernd den Kopf. »Ich würde es ja machen, aber ich muss gleich zur Einweisung für die neue Transfusionsdokumentation.«

Von Daniel Breyer kam weiterhin keine Reaktion, wodurch sich Lotti immer stärker fehl am Platz fühlte. Der Druck in ihrem Magen wuchs.

»In diesem Fall müssen Sie sich wohl alles selbst zeigen«, entschied Dr. Turmer schließlich mitleidslos und wandte sich zur Tür. »Viel Erfolg, Dr. Richter.«

Zu ihrem Entsetzen merkte Lotti, wie ihr Mut in sich zusammenzufallen drohte, als sie ihm fassungslos hinterhersah. Reiß dich zusammen, ermahnte sie sich eilig, während sie die Fingernägel der linken Hand fest in ihre Handfläche grub. Einen Augenblick lang schaute Lotti auf den Boden, dann raffte sie sich auf und hob energisch den Kopf.

Riccardo nickte ihr noch einmal freundlich zu, bevor er den Raum verließ, während Daniel weiterhin auf den Bildschirm vor sich starrte, als würde der ihm die Erleuchtung garantieren.

Tu etwas, forderte Lotti sich selbst auf und setzte sich an einen freien Arbeitsplatz. Sie strich sich eine ihrer kinnlangen Locken hinters Ohr und versuchte als Erstes herauszufinden, welches Computersystem hier verwendet wurde. Aber der Rechner vor ihr war gesperrt, und Lotti hatte weder ein Passwort noch eine Idee, wie sie eines beantragen konnte.

In den Bergen waren die Kollegen am ersten Tag alles Wichtige mit ihr durchgegangen, außerdem hatten sie Lotti herumgeführt, damit sie alles und jeden kennenlernen konnte. Aber mit einem solchem Entgegenkommen durfte sie hier offenkundig nicht rechnen.

Daniel arbeitete in einem unglaublichen Tempo, er sprang immer wieder auf und rannte aus der Kanzel, kam zurück, um seine Befunde und Anweisungen mit fliegenden Fingern in den Computer zu hacken. Von Lotti nahm er dabei keinerlei Notiz. Lottis erste positive Gefühle ihm gegenüber und ihre Hoffnung, es werde schon nicht so schlimm werden, lösten sich in Luft auf.

Vor der Kanzel wurde es immer hektischer, und Lotti bemerkte, als sie über Daniels Schulter auf seinen Bildschirm linste, dass die Liste der wartenden Fälle immer länger wurde.

Ich könnte doch helfen, wollte sie ihm mehrmals anbieten, aber als sie endlich ansetzte, um etwas zu sagen, klingelte Daniels Dect-Telefon. Ohne sein Tipp-Tempo merklich zu drosseln, klemmte Daniel es sich zwischen Ohr und Schulter. »Ja?«, fragte er kurz angebunden.

In der Bergklinik haben wir uns wenigstens gegrüßt, dachte Lotti, während ihr Magen sich noch mehr verkrampfte.

»Er soll direkt in den Schockraum gebracht werden«, wies Daniel an und legte grußlos auf. »Bundestagsabgeordneter, Mitte fünfzig, mit schweren Herzrhythmusstörungen bei Verdacht auf Herzinfarkt, erwartet in zwei Minuten«, erklärte er dann in den Raum hinein.

Lotti stand halb auf. Das hörte sich wirklich dringend an, aber was sollte sie tun?

»In der 1 liegt eine Dame, Jahrgang ’32, mit Verdacht auf Urosepsis«, fügte Daniel hinzu, ohne Lotti anzusehen. »Ich versuche, die beiden Fälle zu regeln, aber du musst jetzt auch mithelfen. Übernimm die Patientin in der 2.«

Er sprang auf und kam mit zwei großen Schritten zu Lotti herüber, griff wortlos an ihr vorbei nach der Computertastatur. Mit seinem Passwort entsperrte er den Arbeitsplatz und rief in Nullkommanichts irgendwelche Laborwerte auf.

»Also, Wilhelmine, schau dir das an.« Seine Stimme klang vollkommen sachlich dabei.

Für eine Sekunde blickte Lotti ihm in die Augen – und war überrascht, dass sie von einem tiefen Grün waren.

»Ich heiße Lotti«, erklärte sie.

»Wie auch immer, kümmere dich darum.« Er zeigte kurz auf die Laborwerte, bevor er sich abwandte.

Von draußen hörte man ein schnell näher kommendes Martinshorn.

»Jetzt sofort«, fügte er noch über die Schulter hinzu, während er aus der Kanzel eilte.

Ernüchtert sah Lotti ihm hinterher. Nein, hier hatte niemand auf sie gewartet, man machte sich nicht einmal die Mühe, sich ihren Namen zu merken.

4

Lotti schaute sich den Befund der Patientin aus der 2 an, den Daniel aufgerufen hatte. Anscheinend hatte er sie schon voruntersucht, sodass Lotti seine Aufzeichnungen sowie den Aufnahmebefund der Pflege studieren konnte.

Magda Leiding, sechsunddreißig Jahre alt, vom Rettungsdienst gebracht wegen Erbrechens und Durchfalls seit heute Nacht. Keine schweren Vorerkrankungen, Zustand nach Appendektomie, zwei Kinder (zwei und vier Jahre alt, gesund), keine regelmäßige Medikamenteneinnahme, keine Allergien, kein Alkohol, keine Drogen. Temperatur 38C, Blutdruck 90 zu 50 mmHg, Puls 80.

Patientin wach, ansprechbar und orientiert, aber Allgemeinzustand deutlich reduziert, hatte Daniel in seinem Befund notiert. Hautkolorit blass, reduzierter Ernährungszustand, vermehrte Venenzeichnung auf den Händen, Patientin hustet während der Anamnese, jedoch ohne Auswurf.

Lotti stutzte. So wie Daniel das beschrieb, konnte sie sich den Zustand der Patientin lebhaft vorstellen, aber sie war trotzdem überrascht, dass er nicht nur Fachtermini auflistete. Irgendwie hatte sie ihn nach der Sache mit dem Fentanyl so eingeschätzt. Sie las weiter. Patientin gibt aktuelle Stresssituation in der Arbeit an (führt mit Ehemann ein Lokal).

Dann folgte Daniels Untersuchungsbefund. Vermehrte Lymphknotenschwellung im Halsbereich, Zunge weißlich belegt. Rasselndes Atemgeräusch über dem rechten basalen Lungenflügel, ansonsten Auskultation – auch des Herzens – ohne pathologischen Befund. Lebhafte Darmgeräusche über allen vier Quadranten, Bauchdecke weich, Leber nicht vergrößert, Nierenlager nicht klopfschmerzhaft, keine Beinödeme, orientierende Überprüfung der Hirnnerven ohne pathologischen Befund, kein fokal-neurologisches Defizit.

Nach der Lektüre listete Lotti im Kopf auf: Husten, Erbrechen, Durchfall, dazu Fieber, sonst eigentlich nichts. Konnte die Patientin einen Magen-Darm-Virus haben? Aber dazu passte der Husten nicht. Vielleicht eine schwere Erkältung oder eine beginnende Lungenentzündung? Doch dazu passten wiederum Durchfall und Erbrechen nicht. Der Untersuchungsbefund war insgesamt unspektakulär und wenig spezifisch, sodass Lotti nach wie vor keinen blassen Schimmer hatte, was die Frau hergeführt haben könnte. Offenkundig wusste Daniel es ebenso wenig, denn er hatte keine Verdachtsdiagnose dazugeschrieben. Vielleicht war er in der Hektik auch einfach nicht dazu gekommen.

Oberhalb der Befunddokumentation entdeckte Lotti die Bedienfelder der elektronischen Akte und klickte sich durch die Informationen zu der Patientin bis hin zu deren Laborwerten.

Mit Blutwerten kenne ich mich aus, dachte sie und fühlte eine Spur von Erleichterung. Doch im nächsten Moment stellte sie ernüchtert fest, dass ihr Blutwerte wie diese noch nicht untergekommen waren. Die meisten waren unauffällig, aber etliche von Magda Leidings Leberwerten waren nicht nur erhöht, sondern liefen vollkommen aus dem Ruder.

Das passt alles nicht zusammen, überlegte Lotti, aber ihr fiel nichts ein, das Lungenprobleme und massiv erhöhte Leberwerte unter einen Hut brachte, außer vielleicht ein Lebertumor mit Metastasen in der Lunge oder umgekehrt ein Lungentumor mit Absiedelungen in der Leber. Dem widersprachen allerdings die sonstigen Befunde.

Ich muss mir die Patientin noch einmal ansehen, entschied Lotti schließlich. Doch als sie sich gerade aufmachen wollte, gab es einen Tumult im Eingangsbereich. Lotti sah zwei Männer in Arbeitskluft und mit Bauarbeiterhelm auf dem Kopf hereinstürzen. Der eine, ein junger dunkelhaariger Mann, hielt seine rechte Hand weit von sich weg. An den Fingern hingen die durchweichten Reste eines Verbandes. Der Mann blutete so stark, dass sich auf dem Boden zu seinen Füßen sofort eine Pfütze bildete, als er kurz stehen blieb.

»Hallo, wir brauchen Hilfe«, rief der andere Arbeiter laut.

Lotti sprang auf, aber bevor sie bei den Männern ankam, übernahmen schon eine Schwester und ein Pfleger das Kommando. »Er muss rüber in die Chirurgie.«

»Kira«, brüllte jemand.

Fast unmittelbar darauf sah Lotti Kiras flammend rote Haare im Gang zwischen internistischer und chirurgischer Notaufnahme auftauchen.

»Hier lang, Sie können direkt mit rüberkommen.« Kiras Stimme klang ruhig und beherrscht, Lotti hingegen spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Irgendwoher tauchte eine Liege auf, und der verletzte Bauarbeiter wurde darauf gebettet und sofort in die chirurgische Notaufnahme geschoben.

Lotti blickte ihm hinterher und schaute dabei auf die Blutspur vor der Kanzel, die sich über den Boden des Eingangsbereichs zog.

»Auch noch Angst vor Blut?« Lotti entdeckte den Bademeister, der aus einem Zimmer getreten war und sie mit zusammengekniffenen Augen beobachtete.

Sofort schüttelte Lotti den Kopf, drehte sich um und machte sich auf die Suche nach der 2, die sie auf der linken Seite des Gangs fand. Die Tür stand offen, und die Patientin lag still auf ihrer Liege.

»Guten Tag, Frau Leiding«, grüßte Lotti, worauf ein kaum hörbares »Hallo« zurückkam. Die Stimme der Patientin klang abgekämpft und matt, zudem war sie leicht heiser.

Lotti ging zu der Liege und reichte der Frau die Hand. Die Patientin war blass, aber die Bindehäute in ihren Augen waren weiß und nicht gelb, wie Lotti bei einer chronischen Lebererkrankung erwartet hätte. Neben ihr hing an einem Ständer eine Infusion mit fünfprozentiger Glucoselösung, die fast durchgelaufen war.

Die Hand der Patientin war kühl und trotzdem leicht verschwitzt, was Lotti genauso wenig gefiel wie die verlangsamte Art, mit der sie sprach.

»Mein Name ist Lieselotte Richter«, stellte sich Lotti vor. »Ich bin heute Ihre Ärztin.«

»Gerade war schon jemand hier.« Frau Leiding sah sie zweifelnd an, musste dann aber kräftig husten. »Eigentlich hatte ich gehofft, dass ich jetzt gehen könnte«, drängte sie, nachdem der Hustenreiz nachgelassen hatte.

»Aber was ist mit Ihren Beschwerden?«, erkundigte sich Lotti, überrascht von der unerwarteten Eile der Patientin.

»Es geht mir schon viel besser, dieses Zeug da hat mir sehr geholfen.« Die Frau wies auf die Infusion. »Kann ich jetzt los?« Als Lotti nicht gleich reagierte, fügte sie hinzu: »Wissen Sie, wir müssen zu Mittag das Lokal aufsperren.«

Eindringlich musterte Lotti die Patientin, sah den feinen Schweißfilm auf ihrer Oberlippe. Diese Frau war krank, an Arbeiten war nicht zu denken.

»Sicherlich wäre es viel schöner für Sie, jetzt nach Hause zu gehen«, begann Lotti vorsichtig. »Aber Ihre Leberwerte waren nicht ganz in Ordnung. Kennen Sie das?«

»Meine was?« Die Patientin sah Lotti mit einer Mischung aus Unsicherheit, Unglauben und Unwillen an. »Vielleicht liegt das an den engen Räumen hier.«

»Höchstwahrscheinlich nicht.« Lotti musste daran denken, dass sie in den Bergen selbst im kleinsten Raum der Notaufnahme ein Fenster gehabt hatten. Hier hingegen boten die Zimmer mit den angestoßenen Wänden und der grellen Neonbeleuchtung tatsächlich eher eine Umgebung zum Krankwerden als zum Genesen.

»Bisher war ich doch immer fit«, betonte die Patientin. »Ich weiß überhaupt nicht, was das soll!« Ihre Stimme wurde schärfer, fast vorwurfsvoll.

»Ich verstehe, dass das überraschend für Sie kommen muss«, nahm Lotti so einfühlsam wie möglich den Faden auf. »Aber wir müssen leider nach der Ursache für Ihre erhöhten Leberwerte suchen.«

Sie blickte der Patientin in die Augen, und ihr Eindruck verstärkte sich, dass die Frau ihr gegenüber nicht nur krank war, sondern von Minute zu Minute mehr verfiel. Ich muss Daniel holen, dachte Lotti, aber just in diesem Moment wurde auf dem Gang im Laufschritt eine Patientenliege vorbeigeschoben, und irgendjemand rief laut nach Dr. Breyer.

Was soll ich jetzt nur tun?, fragte sich Lotti. Die Patientin noch einmal zu untersuchen erschien ihr nicht sinnvoll, denn das hatte Daniel schon gründlich erledigt. Sie überlegte, dass als Erstes eine Virusinfektion der Leber ausgeschlossen werden musste. Allerdings machte man das nicht in der Notaufnahme, sondern auf Station, aber Lotti hatte nicht die geringste Ahnung, wie in diesem Haus die Verlegung auf Normalstation funktionierte. Außerdem: Was passierte, wenn sie jemanden aufnahm, der eigentlich gar nicht aufgenommen werden musste? Ein solcher Fauxpas gleich am ersten Tag wäre hochnotpeinlich, und Lotti verspürte nicht den geringsten Wunsch, sich gleich zu Beginn vor Daniel Breyer und diesem grässlichen Dr. Turmer zu blamieren. Also grübelte sie weiter.

Ich könnte einen Ultraschall der Leber machen, war Lottis nächster Einfall. Doch sie wusste auch, dass ihre Künste am Ultraschallgerät nicht gerade berauschend waren. Hier in diesem gigantischen Krankenhaus gab es jedoch sicher jemanden, der das Schallen exzellent beherrschte. Also ging Lotti zu dem Computer, der an einem schmalen Arbeitsplatz in einer Ecke des Raums stand, um von dort aus einen Ultraschall anzumelden. Aber der Rechner war gesperrt, und Lotti fehlte das Passwort.

Zögernd drehte sie sich wieder zu der Patientin um, die sie mittlerweile ziemlich kritisch beobachtete. »Wir brauchen noch einen Ultraschall Ihrer Leber«, erklärte sie daher rasch.

»Dauert das wieder so lange?«, erkundigte sich die Frau auf der Liege und rutschte unwillig hin und her. »Dann verzichte ich lieber darauf, denn ich muss jetzt wirklich los.« Sie machte eine Bewegung, als wolle sie aufstehen, gab dann jedoch ein unterdrücktes Stöhnen von sich.

»Tut Ihnen etwas weh?«, erkundigte sich Lotti und ging zu ihr zurück.

Die Frau winkte ab. »Nur die Schulter, aber dagegen kann man ja etwas nehmen.«

Dieser Satz ließ zwei Gedanken gleichzeitig durch Lottis Kopf schießen. Schmerzen in der Schulter konnten zu einer Leberproblematik passen, da das Gehirn Schmerzinformationen aus der Leber manchmal fälschlicherweise dem Hautbereich über der Schulter zuordnete. Einer von Lottis Professoren hatte dieses Phänomen einmal als Erbstück aus einer Zeit bezeichnet, als die Vorfahren des Menschen noch als Regenwürmer über den Boden krochen.

Lottis zweiter Gedanke war keine konkrete Idee, sondern eher ein vages Gefühl. »Was nehmen Sie denn gegen Schmerzen?«, erkundigte sie sich beiläufig.

»Och, nur so Tabletten.« Die Patientin schien unbeeindruckt.

»Nehmen Sie häufiger Schmerzmittel?« Lotti sah einen schmalen Streif der Erkenntnis am Horizont aufscheinen.

»Ich? Nein, wozu? Höchstens in den letzten Tagen, als ich mich wegen der Erkältung so schlecht gefühlt habe.«

»Was haben Sie da genommen?« Vor Lottis innerem Auge wurde der Streif ein klein wenig heller.

»So kleine weiße Tabletten«, erwiderte die Frau ungeduldig.

»Erinnern Sie sich zufällig, wie die hießen?«

Die Frau schaute erst auf den Boden, dann zur Wand, schließlich an die Decke. »Nein, ich weiß nur, dass sie komplett harmlos waren.«

Was könnte komplett harmlos sein?, überlegte Lotti. Nichts mit Wirkung war ohne Nebenwirkungen, aber Patienten – beraten von Funk und Fernsehen – nahmen es oft anders wahr.

»War es vielleicht Ibuprofen?«, schlug Lotti vor.

Die Frau schüttelte den Kopf.

»Aspirin?«

»Nein, das nehme ich nicht, das ist doch giftig.« Kurzzeitig wirkte die Patientin fast empört, bevor sie wieder in ihrer Lethargie versank.

»Paracetamol?«, fragte Lotti.

Der Gesichtsausdruck der Frau hellte sich auf. »Richtig, genau so hieß das. Aber die Tabletten haben nicht gut geholfen, ich habe immer mehr nehmen müssen, und dann war die Schachtel plötzlich leer.«

Eindringlich musterte Lotti die Patientin, sah die trüben Augen und die angegriffene Haut. »Danach haben Sie gar keine Tabletten mehr genommen? Auch keine anderen?«