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Klinikum Berlin - Herzrasen E-Book

Helene Lynd

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Beschreibung

Das Abenteuer Notaufnahme geht weiter – mit ganz großen Gefühlen!

Klinikum Berlin: Sowohl beim Versorgen kleiner Blessuren als auch beim unerbittlichen Kampf um Leben und Tod ist das Team der Notaufnahme pausenlos im Einsatz. So auch die junge Assistenzärztin Lotti Richter. Nach ihrer turbulenten Anfangszeit ist Lotti endlich angekommen: in der Hauptstadt, im hektischen Krankenhausalltag – und in einer neuen Beziehung. Doch bleibt Lotti kaum Zeit, ihr privates Glück zu genießen und beruflich weiter Fuß zu fassen. Denn als sie sich neben einer medizinischen Krise auch einer persönlichen Tragödie stellen muss, setzt Lotti alles aufs Spiel …

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Seitenzahl: 461

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Klinikum Berlin: Sowohl beim Versorgen kleiner Blessuren als auch beim unerbittlichen Kampf um Leben und Tod ist das Team der Notaufnahme pausenlos im Einsatz. So auch die junge Assistenzärztin Lotti Richter. Nach ihrer turbulenten Anfangszeit ist Lotti endlich angekommen: in der Hauptstadt, im hektischen Krankenhausalltag – und in einer neuen Beziehung. Doch bleibt Lotti kaum Zeit, ihr privates Glück zu genießen und beruflich weiter Fuß zu fassen. Denn als sie sich neben einer medizinischen Krise auch einer persönlichen Tragödie stellen muss, setzt Lotti alles aufs Spiel …

Autorin

Dr. med. Helene Lynd ist Ärztin und Biologin. Nach ihrem Medizinstudium war sie an einem der größten Krankenhäuser Europas tätig. Dort lernte sie alles kennen: Medizin an der Grenze des Machbaren, menschliche Herausforderungen, aber auch besonders kompetente und engagierte Kollegen. Ihnen möchte sie mit »Klinikum Berlin« ein Denkmal setzen.

Helene Lynd

Herzrasen

Klinikum Berlin 2

Roman

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Copyright © 2022 by Helene Lynd

Copyright © dieser Ausgabe 2022

by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Michael Gaeb.

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: © Sabine Lubenow/Schapowalow/Mato; ingret/shutterstock

Umschlaginnenseiten: FinePic®, München

Satz: Mediengestaltung Vornehm GmbH, München

ISBN: 978-3-641-26171-9V001

www.goldmann-verlag.de

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1

»Du kannst jetzt nicht gehen!«, protestierte Laurenz verschlafen.

Mit einem Lächeln blickte Lotti auf den blonden Mann neben sich hinunter. Laurenz’ Haare waren verstrubbelt, und er hatte einen Schlafabdruck auf der Wange, aber er sah sie so bittend mit seinen blauen Augen an, dass sie tatsächlich für eine Sekunde fast schwankte.

»Ich muss – der Frühdienst ruft«, erklärte sie, während sie ihm eine kleine Tasse hinhielt. »Hier, ein Espresso für dich.« Der Geruch von Kaffee breitete sich im Schlafzimmer aus, und Lotti atmete genüsslich ein. Bisher war sie eine reine Teetrinkerin gewesen, aber seit der Pilot Laurenz in ihr Leben geflogen war, hatte sich auch das geändert. Jetzt stand eine glänzende Kaffeemaschine in ihrer Küche unter einer Serie schwarz-weißer Fotos von Laurenz, die Lotti aufgenommen hatte.

»Danke, meine Süße.« Er setzte sich auf und gab Lotti erst einen sehr langen und überzeugenden Kuss, bevor er sich überhaupt für den Kaffee interessierte.

Lotti konnte seine schlafwarme Wohligkeit förmlich spüren. Dass sie sich ausgerechnet in Berlin so glücklich verliebt hatte, schien ihr nichts anderes als ein einziger erstaunlicher Zufall. Ein glücklicher Zufall! Als sie vor einigen Monaten hierhergezogen war, kam ihr die Stadt an der Spree abweisend, kalt und unfreundlich vor, doch jetzt veränderte sich auch das.

»Wenn du hierbleibst, könnten wir lauter schöne Sachen machen.« Laurenz lehnte sich an das Kopfteil des Betts. »Zuerst ein Frühstück mit frischen Croissants, Cappuccino und Obst. Dann vielleicht eine Fototour mit deiner Kamera, oder wir gehen in ein Museum? Auch liegen bleiben wäre eine Option.«

Lotti kuschelte sich an ihn. Das hörte sich herrlich an, viel besser, als jetzt durch das kalte Winterwetter zum Klinikum Berlin zu stapfen und sich dort um Notfälle und Wehwehchen zu kümmern. Aber Dienst war Dienst, außerdem wusste Lotti, dass die anderen heute kaum auf sie als Ärztin in der Notaufnahme verzichten konnten, schließlich waren sie mehr als knapp besetzt.

»Geht nicht«, erwiderte sie mit einem Seufzer. »Du musst doch nachher auch wieder los, oder?«

Laurenz nickte. »Aber man wird wohl noch träumen dürfen. Oder, meine Süße?« Er stellte die Espressotasse auf den Nachttisch und zog sie ganz eng an sich.

»Ich werde heute die ganze Zeit von dir träumen«, versprach sie.

»Zwischen Herzinfarkt und Pflasterkleben?«, hakte er nach.

»Pausenlos. Sogar im Schockraum, falls wir einen ganz schweren Fall bekommen sollten«, versicherte sie. »Wobei ich hoffe, dass jemand anderes den übernimmt.« Vor der Behandlung der schwerstverletzten und schwerstkranken Patienten hatte Lotti noch gehörigen Respekt.

»Also gut, dann werde ich wohl mit Dauerschluckauf fliegen müssen, wenn du so viel an mich denkst«, versetzte Laurenz, bevor er sie noch einmal hingebungsvoll küsste.

Schweren Herzens machte sich Lotti von ihm los. Aber wenn sie sich jetzt nicht beeilte, kam sie zu spät, und das konnte sie den müden Kollegen aus dem Nachtdienst nicht antun. Denn die warteten sicher schon sehnlichst auf Ablösung. Trotzdem griff Lotti noch schnell nach ihrer heiß geliebten Leica, die auf der Kommode gegenüber dem Bett lag, und schoss ein Foto von Laurenz. Sie blickte auf das Display – er sah perfekt aus.

»Bis bald«, sagte sie, während sie zurück zum Original schaute.

»Unbedingt!«, erwiderte er.

Sie war schon im Flur, als sie hörte, wie er etwas hinter ihr herrief. »Bis ganz, ganz bald, Frau Dr. Richter. Versprochen.«

Lotti lächelte.

Dr. med. Lieselotte Richter, Ärztin am Klinikum Berlin – ja, das war sie.

2

Noch zwanzig Minuten, verriet Annabelle ein schneller Blick auf die Uhr. Das muss locker reichen, dachte sie mit der S-Bahn-Station im Rücken. Schließlich war es nicht mehr weit bis zum Klinikum Berlin, und sie hatte reichlich Puffer eingeplant. Trotzdem beschleunigte Annabelle ihre Schritte in der frühmorgendlichen Dunkelheit. Es war eisig kalt, und sie konnte ihren Atem weißlich vor sich sehen. Vom nahen Wasser wehte es feucht herüber, und die Luft fühlte sich klamm an. Kein schönes Wetter, aber das erschien Annabelle nebensächlich. Es war großartig, dass sie überhaupt hier war, da konnte sie bitte schön auch schlechtes Wetter aushalten. Sie ging noch ein wenig schneller, und ihre Absätze klackerten auf dem Gehweg.

Heute war ihr erster Arbeitstag in der Notaufnahme. Ihre große Chance! Annabelle spürte eine packende Aufregung. Sie hatte sich nicht nur vorgenommen, überpünktlich zu sein – pünktlich war sie immer – , sondern auch herausragend gut zu arbeiten. Bis gestern noch hatte sie gepaukt und gebüffelt, als müsste sie abermals das Staatsexamen ablegen, dabei lag ihres gerade mal vier Wochen zurück. Nicht einmal ihren Koffer hatte sie in dem hässlichen kleinen, aber dafür möblierten Apartment ausgepackt, das sie kurzfristig gemietet hatte. Aber auch das bedeutete nichts im Vergleich zu dem Abenteuer, in das sie sich heute stürzen würde.

Die Aushilfsstelle in der Notaufnahme am Klinikum Berlin (von der sie erst letzte Woche erfahren hatte) war Gold wert, und Annabelle gedachte, das Beste aus diesem Glücksfall zu machen. So wie sie das verstanden hatte, fiel eine Kollegin aus, und jetzt brauchte man dringend Ersatz für einige Wochen. Da Annabelle sofort einspringen konnte, war die Klinikleitung auch bereit gewesen, sie als absolute Anfängerin zu akzeptieren. Zwar war sie eine voll approbierte Ärztin mit einer Eins im Staatsexamen, aber ohne große praktische Erfahrung, wenn man mal von den Famulaturen und anderen Praktika absah, die sie im Studium absolviert hatte. Annabelles Traum war nun, dass man ihren Vertrag verlängern würde, wenn sie sich nur geschickt genug anstellte. Eine dauerhafte Stelle am Klinikum Berlin und eine Perspektive in dieser Stadt – das wäre es.

Leichter Nieselregen setzte ein. Es war wirklich frostig, aber anscheinend nicht kalt genug für Schnee. Im Laufen strich sich Annabelle ihre dunkelbraunen Haare aus dem Gesicht. In einiger Entfernung vor ihr lag eine kleinere Kreuzung, die sie überqueren musste, um dann an der Spree entlang zum Krankenhaus zu gelangen. Es war noch erstaunlich ruhig, nur dann und wann fuhren vereinzelt Autos vorbei. Die meisten Mitarbeiter der Klinik kamen wahrscheinlich direkt mit dem Bus zum Klinikum oder nahmen die U-Bahn. Aber Annabelle mochte es zu laufen. Sie liebte die regelmäßige Bewegung ihrer Beine, die ihr ein Gefühl von Sinn und Zweck gab. Außerdem war sie gern unabhängig. In Münster, wo sie studiert hatte, war sie einfach überallhin gelaufen oder gejoggt. Wenn die Entfernungen in Berlin nicht so gigantisch wären, hätte sie sicher den ganzen Arbeitsweg zu Fuß bestritten, so aber war sie froh, dass sie den Großteil mit der S-Bahn zurücklegen konnte.

Ein Radfahrer überholte Annabelle. Seine Reifen zischten ganz leicht auf dem feuchten Asphalt. Im Gehen öffnete Annabelle ihre Tasche und wollte gerade ein Haargummi herausholen, als das schrill quietschende Geräusch scharf bremsender Autoreifen sie hochfahren ließ. Gerade noch konnte Annabelle verfolgen, wie der Radfahrer mit ausgestreckten Armen über die Motorhaube eines Wagens flog, der ihm offenbar gnadenlos die Vorfahrt an der kleinen Kreuzung genommen hatte. Mit einem entsetzlich krachenden Geräusch landete er kopfvoran auf der anderen Seite des Autos auf dem Asphalt.

Für eine Sekunde war Annabelle wie erstarrt. Doch dann rauschte das Adrenalin durch ihre Adern, und sie rannte hinüber. Die Straßenlaternen und die Schweinwerfer des Unfallwagens, der mit laufendem Motor neben dem Radfahrer stand, beleuchteten die Szene fast surreal, aber Annabelle sah sofort, dass sich um den Mann, der verdreht mit dem Gesicht nach unten auf der Straße lag, eine Lache frisch tiefroten Blutes ausbreitete.

»Hallo«, sagte sie, während sie neben ihm in die Knie ging. Schnell legte sie ihre Tasche ab, um beide Hände frei zu haben. »Können Sie mich hören?«

Als Antwort gab der Mann zunächst nur ein stöhnendes, gurgelndes Geräusch von sich, dann versuchte er, sich über die Seite aufzusetzen. Vorsichtig griff sie nach seiner Schulter, um ihm zu helfen. Sein Helm war verrutscht und sah demoliert aus, aber immerhin trug er einen. Langsam, ganz langsam kam er in die Senkrechte, wobei Annabelle bemerkte, dass er seinen rechten Arm, dessen Hand in einem seltsamen Winkel vom Unterarm abstand, nicht benutzte.

»Vorsichtig«, ermahnte sie ihn. Als er jetzt den Kopf in ihre Richtung drehte, konnte sie sehen, dass seine große Nase gebrochen war und stark blutete. Wenigstens war er nicht bewusstlos.

»Verflucht!« Mit diesem einen Wort spuckte er einen Mundvoll Blut und zwei Zähne aus, die Annabelle in dem fahlen Licht aufblitzen sah.

»Bitte, bleiben Sie sitzen, ich rufe Hilfe.« Sie griff nach ihrer Tasche, aber genau in diesem Augenblick gab der Autofahrer neben ihnen Gas. Annabelle sprang instinktiv zur Seite, wobei sie ihre geöffnete Tasche mit sich riss. Prompt regnete etliches daraus auf die Straße.

»Hey«, schrie Annabelle, doch sie konnte nur machtlos zusehen, wie der Fahrer davonraste. Metall kreischte blechern auf, als der Wagen weiter vorn ein parkendes Auto touchierte. Es klirrte, schepperte, während die Bremslichter erst rot aufleuchteten, dann aber wieder erloschen.

»Bleiben Sie stehen«, brüllte Annabelle durch die kalte Luft, während sie vergeblich versuchte, das Nummernschild zu fixieren. Aber der Wagen war schon zu weit entfernt.

Hektisch beugte sie sich zu ihrem Handy hinunter, das aus der Tasche gefallen und mit dem Display nach unten auf dem Asphalt gelandet war. Schnell! Aber das Display war gesprungen und blieb schwarz, sosehr Annabelle sich auch bemühte, das Handy zu aktivieren. Als sie wieder aufblickte, bog der Unfallwagen in der Entfernung um die Ecke, nur ein auf der Straße hin- und herwippender Seitenspiegel erinnerte noch an ihn. Das und der stöhnende Verletzte neben Annabelle.

Für eine Millisekunde spürte sie so etwas wie Panik, die ihren Hals eng werden ließ. Unwillkürlich schluckte Annabelle. Sie war allein in einer menschenleeren Gegend mit einem Unfallopfer, dessen Verletzungen sie nicht einschätzen konnte, ohne brauchbares Handy und ohne jemanden, der ihr helfen konnte.

Rasch ging sie neben dem Radfahrer wieder in die Knie. »Haben Sie ein Telefon?« Sie sprach hastig, bremste sich dann aber selbst. Schließlich atmete der Mann, war wach und ansprechbar. Außerdem verblutete man nicht so schnell – zumindest hatte sie das im Studium gelernt. Sie riss sich zusammen, und ihre Angst ließ nach.

Der Mann nickte. »Ja.« Ein Sprühregen von Blutstropfen folgte dem kurzen Wort aus seinem Mund, und Annabelle sah, dass er leicht zitterte. Das war der Schock, aber es war zudem noch so kalt. Sie sollte ihn unbedingt von der eisigen Straße wegbekommen, zuerst aber musste sie einen Notruf absetzen, das war das Wichtigste.

Der Mann fummelte an seiner Jackentasche, aber es gelang ihm nicht, das Handy herauszuziehen.

»Darf ich?«, fragte Annabelle und griff, als er nickte, danach. Dabei lief ihr ein ganzer Schwall Blut aus seiner Nase über den Arm und die Hand. Sie spürte es nass und warm.

Auch das noch, dachte Annabelle, während sie die Hand an ihrer Hose abwischte. Aber jetzt war keine Zeit zum Jammern. Hastig wählte sie die 112. Zu ihrem Entsetzen landete sie jedoch erst einmal in einer Warteschleife bei einer automatischen Ansage, die sie bat, nicht aufzulegen. Der Regen, bis jetzt nur ein Nieseln, wurde stärker. Besorgt schaute Annabelle auf den Verletzten. Um ihn herum war schon alles rot, und sie versuchte, den Blutverlust abzuschätzen. Ein paar Hundert Milliliter vielleicht? Blut war tückisch, man konnte die Menge leicht unter- oder überschätzen, vor allem hier, wo es sich mit dem Regen mischte. Andererseits wusste Annabelle nicht, wie viel seine Kleidung schon aufgesogen hatte. Im fahlen Licht der Straßenlaterne sah die Unfallstelle auf alle Fälle grauenhaft aus. Der Mann hob den rechten Arm wie einen lahmen Flügel, bevor er ihn leise stöhnend wieder sinken ließ.

»Bitte legen Sie nicht auf …« Die Stimme in der Warteschleife klang monoton und ungerührt.

Annabelle griff nach einer Packung Taschentücher, die auch aus ihrer Tasche geschleudert worden war. Der Inhalt war feucht. Dennoch nestelte sie rasch die Tempos heraus und drückte sie dem Fahrradfahrer in die linke Hand. »Für Ihre Nase.« Bei der Stärke der Blutung würden die paar Tücher wahrscheinlich nichts bringen, aber so hatte er wenigstens etwas zu tun.

Endlich meldete sich eine menschliche Stimme in der Notrufschaltung.

»Mein Name ist Annabelle Granger«, begann Annabelle und berichtete in wenigen Sätzen, wo sie sich befand und was passiert war. Radunfall, verletzter Patient, Fahrerflucht. »Stark blutende Mittelgesichtsverletzung, Verdacht auf gebrochenen rechten Arm, weitere Verletzungen nicht ausgeschlossen. Patient ist bei Bewusstsein«, schilderte sie stichpunktartig.

Ein Windstoß kam, brachte noch mehr Regen und ließ sie frösteln. Warum war es auch so kalt?

»Ist noch jemand verletzt?« Der Leitstellenmitarbeiter stellte seine Fragen routiniert und sachlich.

»Nein«, erwiderte Annabelle. »Aber bitte schicken Sie schnell jemanden, die Blutung ist doch sehr stark!«

Der Dispatcher in der Leitstelle versprach sein Möglichstes, aber nach dem Auflegen war sich Annabelle nicht sicher, ob sie nicht doch etwas mehr Drama in ihre Stimme hätte legen sollen. Schließlich konnte es in Berlin eine Ewigkeit dauern, bis der Rettungsdienst kam. Aber diese Chance hatte sie vertan.

Der Radfahrer zitterte mittlerweile so sehr, dass er richtig hin- und herschaukelte. Annabelle, die sich zum Telefonieren aufgerichtet hatte, ging wieder neben ihm in die Knie.

»Ich blute«, stammelte er, und seine Stimme verriet, dass der Schock nun auch sein Gemüt erreicht hatte.

»Es wird alles gut«, versicherte sie, so gelassen, wie sie vermochte. »Gleich kommt Hilfe.« Sie blickte sich um. Normalerweise vermied man es, Verletzte unnötig zu bewegen, aber der Mann saß immer noch mitten auf der eiskalten Straße, und obwohl es fast gespenstisch ruhig war, konnte jederzeit der nächste Raser hier auftauchen.

»Meinen Sie, wir schaffen es gemeinsam bis zum Bordstein?«, fragte sie ihn. Behutsam legte sie ihm dabei die Hand auf den Arm. Als er nickte, nahm die Blutung aus seiner Nase, die gerade schwächer geworden war, wieder zu.

Mist, dachte Annabelle. Schon diese kleine Bewegung war schlecht für ihn gewesen. Aber es half nichts – er musste weg von der Fahrbahn. Sie streckte beide Hände aus, um ihm zu helfen. In diesem Moment näherte sich ein weiterer Radler auf der verlassenen Straße. Er fuhr durch eine Pfütze, und das Regenwasser spritzte fast bis zu ihnen. Trotzdem schaute Annabelle erleichtert zu ihm auf. Endlich kam jemand, der helfen konnte. Doch der Radfahrer streifte sie nur mit einem einzigen Blick, bevor er in die Pedale stieg und einfach vorbeidüste. Fassungslos blickte Annabelle ihm hinterher. Erst Fahrerflucht, jetzt unterlassene Hilfeleistung – was war nur los an diesem gottverdammten Morgen in Berlin?

Sie biss die Zähne zusammen und bemühte sich, dem Verletzten aufzuhelfen, aber das Blut machte seine Funktionsjacke rutschig, und sie bekam ihn nicht gut zu fassen. Außerdem konnte sie allein kaum diesen großen Mann hochziehen. In der Theorie der Ersten Hilfe klang es immer ganz leicht, aber die Realität sah eindeutig anders aus.

»Sie geben mir jetzt Ihre linke Hand. Bei drei stützen Sie die Füße fest in den Boden, und ich helfe Ihnen hoch. Einverstanden? Eins, zwei …«

Bei drei zog sie wie angekündigt, und mit einer Mischung aus Schleifen und Humpeln schafften sie es gemeinsam bis zum sicheren Bordstein. Annabelle war vor Anstrengung völlig außer Atem, als sie ihn schließlich in Sicherheit hatte.

»Danke«, murmelte der Mann.

»Keine Ursache.« Annabelle bemerkte, dass jetzt auch die Vorderseite ihrer Jacke und ihrer Jeans blutverschmiert war. Irgendwie war das alles falsch. Eigentlich sollte sie jetzt im Klinikum Berlin stehen, ordentlich, adrett, professionell aussehend. Stattdessen saß sie hier in der winterlichen Kälte auf einer Bordsteinkante, frierend und nass. Um sich zu beschäftigen, stand sie rasch auf und sammelte ihre restlichen Dinge auf der Straße ein, bevor sie das demolierte Fahrrad zur Seite schob. Dann hockte sie sich wieder neben den Verletzten. Ihr war kalt, aber vermutlich war ihm noch viel kälter. Was für ein Elend, dachte sie. Als hätte sich der Himmel gegen sie verschworen, begann es jetzt noch, in dicken Tropfen zu regnen.

»Wie heißen Sie?«, fragte sie, um den Mann neben sich abzulenken. Dabei versuchte sie auszublenden, dass ihr Handy kaputt war, dass sie von oben bis unten blutverschmiert war und – schlimmer noch – dass sie es an ihrem ersten Arbeitstag nie im Leben mehr pünktlich in die Notaufnahme schaffen würde.

»Horst«, antwortete er lispelnd.

Sie hielt sich die Hand schützend über die Augen und schaute nach oben in den Regen. »Kein guter Tag heute, oder, Horst?«, meinte sie, bevor ihr einfiel, dass das vielleicht nicht gerade geeignet war, um ein Unfallopfer aufzumuntern.

Aber Horst nickte nur. »Scheiße.«

Für eine Weile saßen sie einfach nur stumm nebeneinander.

»Gleich wird’s besser«, versprach sie dann, ohne echte Überzeugung, während sie versuchte, ihre Tasche zumindest als halben Regenschutz über Horst zu halten.

Ihr Plan war wirklich ein ganz anderer gewesen. Aber wann hatte sich das Schicksal je an ihre Pläne gehalten?

So hockte sie also weiter auf der Bordsteinkante, bis irgendwann der Krankenwagen auftauchte, dicht gefolgt von der Polizei.

3

»Du hier?«, fragte Lotti überrascht, als ausgerechnet Daniel nach ihr die Kanzel betrat, wie das Arztzimmer der Notaufnahme genannt wurde. Er hatte sich gerade die Hände desinfiziert, und Lotti roch noch den typischen Geruch, der sie hier ständig mal stärker, mal schwächer umgab.

»Holger ist krank«, erklärte Daniel. »Da bin ich eingesprungen, was aber auch schon egal ist, weil ich ja sowieso meistens hier bin.«

Er klang ungewöhnlich frustriert dabei, und Lotti überlegte, dass seine Aussage wahrscheinlich genau den Tatsachen entsprach. Daniel war ein Urgestein der Notaufnahme, außerdem einer der Kollegen, der seine Überstunden nicht aufschrieb, sonst hätte ihn die Personalabteilung wahrscheinlich längst in Zwangsurlaub geschickt. Sie blickte in seine grünen Augen hinter der Hornbrille. Wie immer trug Daniel unter seinem gestärkten weißen Kittel ein Hemd mit Krawatte, während sie selbst ihre Bereichskleidung, einen blauen Kasack und Hosen, anhatte. Es war ihr schleierhaft, wie er es aushielt, in der stets etwas zu warmen Luft hier mehrere Kleidungsschichten zu tragen, aber der Kittel ließ ihn seriös und fast elegant wirken.

Daniel Breyer war der kompetenteste ihrer Kollegen. Hinter seinem Rücken »Sherlock der Notaufnahme« genannt, war er ein Meister darin, auch noch die abwegigsten Diagnosen in Erwägung zu ziehen. Lotti war immer froh, wenn sie mit ihm Dienst schob. Irgendwie vermittelte ihr seine geballte Kompetenz das beruhigende Gefühl, dass den Patienten und ihr nichts Schlimmes passieren könnte.

»Und wer kommt heute noch?«, erkundigte sie sich, während sie sich am Computer einloggte und die Patientenliste aufrief. Die unnatürliche Wärme in der Notaufnahme und die gleißend helle Beleuchtung ließen Lotti gleichzeitig wach und müde werden. Sie gähnte unwillkürlich.

»Kommt heute nicht die Neue?«, fragte Kira, die diensthabende Chirurgin in Grün, die gerade den Kopf durch die Tür steckte. An der Frühbesprechung nahmen die Chirurgen traditionell nicht teil, aber offenkundig hatte Kira eine Sekunde Luft, um sich hier auf der nichtchirurgischen Seite der Notaufnahme sehen zu lassen.

Die gesamte Notaufnahme war in zwei Teile unterteilt, auf der internistischen Seite lagen die Zimmer mit den arabischen Nummern 1 bis 7, der Schockraum und die Kanzel, auf der chirurgischen die Räume I bis IV, der Gipsraum und das Chirurgenzimmer, wie der ärztliche Arbeitsraum mit den Computerarbeitsplätzen und Monitoren drüben genannt wurde.

»Oh ja, die Vertretung für Catrin soll heute eintreffen.« Lotti dachte mit einem Funken Wehmut an ihre Lieblingskollegin. »Wisst ihr, wie es Catrin geht?«

»Es geht ihr gut«, erwiderte Kira ruhig, während sie sich ihre leuchtend roten Haare zum Zopf band. »Sie gönnt sich eine Auszeit und reist mit ihrer Schwester einmal quer durch Afrika.«

»Wie schön.« Lotti dachte, dass Catrin wirklich alles Gute verdient hatte. »Und die Neue?«

»Keine Ahnung.« Kira zuckte mit den Schultern. »Ich habe nur gehört, dass es eine Anfängerin sein soll. Weißt du mehr, Daniel?«

Daniel, der in einer erstaunlichen Geschwindigkeit begonnen hatte, einen Befund zu tippen, blickte nicht einmal auf. »Ich weiß von nichts.«

Eine Anfängerin wäre gar nicht so schlecht, überlegte Lotti, dann müsste ich nicht länger die Jüngste in der Notaufnahme sein. Das war schließlich nicht gerade die angenehmste Position in der Hackordnung der Kollegen und bescherte ihr regelmäßig Ärger.

»Wahrscheinlich ist es eine Anfängerin, weil es so billiger ist«, mutmaßte Kira und klang leicht genervt dabei. »Die Verwaltung nimmt doch stets die billigste Variante, komplett unabhängig davon, wie sinnvoll sie ist.«

»Da hast du recht«, stimmten ihr die beiden Kollegen aus dem Nachtdienst zu, Riccardo und Ayhan, die gerade hinzukamen.

»Vorstellbar wäre es in der Tat«, meinte auch Daniel. »Aber immerhin bekommen wir jetzt überhaupt eine Vertretung. Das ist nach der langen Zeit mehr, als ich zu hoffen gewagt habe.« Er ließ die Liste der abgearbeiteten Fälle ausdrucken und reichte sie Ayhan.

»Aber die Neue ist noch nicht da. Das ist ein schlechtes Zeichen«, unkte Kollege Riccardo. Er trug einen halb leeren Becher Kaffee in der Hand, den er jetzt auf dem Schreibtisch neben Lotti abstellte.

»Keine Zeit für Kaffee gehabt?«, erkundigte sie sich voller Mitgefühl, aber Riccardo gähnte nur breit. »Hat man je Zeit für irgendetwas?«

»Vielleicht hat die Neue gehört, wie es hier zugeht, und war schlau genug, noch schnell abzuspringen.« Kira wies mit der Hand um sich herum.

»Oder es ist so wie mit dem neuen Mitarbeiter aus der Urologie, der erst zwei Stunden zu spät kam und dann erklärte, er könnte wegen ausgeprägter Höhenangst nicht weiter oben als im zweiten Stock arbeiten«, erwiderte Ayhan mit einem Grinsen.

Lotti lachte, aber ihre Fröhlichkeit erstarb, als vom Gang seltsam schlappende Geräusche hörbar wurden.

»Der Bademeister kommt, ich verschwinde.« Kira hob die Hand. »Ruhigen Dienst.«

»Nichts gegen dich, Lotti, aber wenn wir nur zu zweit bleiben, wie sollen wir dann einen ruhigen Dienst haben?«, protestierte Daniel.

Aber Kira war schon in dem Verbindungsgang zwischen chirurgischer und nichtchirurgischer Notaufnahme verschwunden. Keine Sekunde zu früh, denn nun bog Dr. med. Volker Turmer, leitender Oberarzt der Notaufnahme, ins Zimmer. Aus Gründen, die niemand verstand, trug er Badelatschen im Dienst, die nicht nur seltsame Geräusche auf dem versiegelten PVC-Boden machten, sondern ihm auch den Spitznamen »Bademeister« eingebracht hatten. Der Oberarzt war fachlich herausragend, aber menschlich ausgesprochen kantig. Niemand war so gut wie er darin, Kollegen niederzumachen, und er nutzte jede Gelegenheit dazu, dieses Talent maximal auszuspielen. Zeiten besonderer Turmer’scher Grässlichkeit waren erfahrungsgemäß die Früh- und Spätbesprechung, was beides zu verhassten Pflichtterminen werden ließ. Auch jetzt unterdrückte Lotti mühsam den Impuls, Kira hinterherzurennen. Wenn sie doch wenigstens irgendetwas unfassbar Dringendes zu tun hätte! Aber ausgerechnet jetzt warteten keine unaufschiebbaren Patienten, und den einzigen wirklichen Notfall, der diesen Namen zu hundert Prozent verdiente, hatten die Nachtdienstkollegen gerade noch abgearbeitet.

Vorsichtig blickte Lotti zu Turmer. Der Bademeister mit den kurzen grauen Haaren und dem faltendurchfurchten Gesicht sah noch übler gelaunt aus als sonst, und sie konnte sich vorstellen, dass das auch mit ihr zu tun hatte. Im letzten Dienst hatte sie etwas verbockt und eine Patientin mit einer unvollständigen Dokumentation entlassen. Dafür würde es heute sicherlich Keile für sie hageln. Unwillkürlich dachte Lotti an ihr Zuhause, an ihr Bett und an Laurenz. Warum hatte sie sich nicht doch krankgemeldet?

»Frau Dr. Richter«, begann der Bademeister auch schon mit seiner Eisesstimme, die die letzten positiven menschlichen Regungen erstarren lassen konnte. »Ich bin erstaunt, dass Sie sich noch hierhertrauen.«

Lotti schluckte. Wie zum Selbstschutz versuchte sie, die Erinnerung an Laurenz und sein Lächeln herbeizuzaubern. Das munterte sie ein winziges bisschen auf. »Ich bin auch überrascht, hier zu sein«, sagte sie. Seit ihrem ersten Tag in der Notaufnahme wusste sie, dass beim Bademeister Angriff die beste Verteidigung war, was ihr aber meist nur so halb gelang.

Wütend sah Turmer sie aus seinen hellen, wässrig blauen Augen an, aber Lotti bemerkte, dass sich ausgerechnet Daniels Mundwinkel hoben. Daniel, der doch sonst immer die Ernsthaftigkeit in Person war.

Der Bademeister holte Luft. Doch bevor er loswettern konnte, ließ sich nun Daniel hören. »Ich bin ausgesprochen froh, dass Frau Dr. Richter hier ist. Allein diese Schicht zu stemmen wäre schlicht ein Ding der Unmöglichkeit«, erklärte er sachlich.

Da der Bademeister an Widerspruch – außer von der unerschrockenen Kira – nicht gewöhnt war, drehte er sich sofort wie ein gereizter Bulle im Stierkampf zu Daniel.

»Ach ja?« Er klang so unfreundlich, dass Lotti trotz der Wärme im Zimmer ein kalter Schauer über den Rücken lief. Daniel hatte ihr wahrscheinlich helfen wollen, hatte es aber unter Umständen damit noch schlimmer gemacht. Und tatsächlich donnerte der Bademeister in Lottis Richtung weiter, dass der Kaffee in Riccardos Becher leicht zu zittern begann. »Dr. Richter, Sie sind die inkompetenteste Person in dieser Rettungsstelle. Sie sind ja noch unfähiger als der Pförtner, was etwas heißen will. Machen Sie nie wieder so einen Fehler in meiner Notaufnahme, haben Sie mich verstanden? Sonst sorge ich höchstpersönlich dafür, dass Sie gefeuert werden und jemand anderes Ihre Stelle bekommt.«

Lotti nickte langsam. Was sollte sie auch sonst tun? Etwa darauf hinweisen, was sie alles richtig machte? Sie verabscheute die Frühbesprechungen und hasste es, dass der Bademeister seine schlechte Laune überproportional häufig an ihr ausließ. Sie hatte keine Ahnung, warum, aber irgendwie war sie ihm ein wandelnder Dorn im Auge. Wenn doch erst die Neue käme – dann könnten sie diese Last vielleicht teilen! Aber von der jungen Kollegin fehlte weiterhin jede Spur.

Während der Bademeister nun den Nachtdienst ob seiner Inkompetenz auseinandernahm, schwand Lottis Hoffnung, dass die Neue noch auftauchte. Womöglich hatte sie wirklich, wie Kira gesagt hatte, noch rechtzeitig den Absprung geschafft. Der Bademeister erwähnte sie jedenfalls mit keinem Wort.

Sie waren gerade fertig mit der Frühbesprechung, die mal wieder eher eine Frühbeschimpfung gewesen war, als die gläserne Eingangstür aufschwang, die den Warteraum der Notaufnahme vom Behandlungsbereich trennte. Herein kam eine schlanke, auffallend schöne, jedoch über und über blutbespritzte Frau. Ihre dunklen halblangen Haare waren nass und zerzaust, ihre Jeans schien blutverschmiert, und auch ihr Gesicht und ihre Hände hatten offenbar einiges abbekommen.

»Arbeit«, vermutete Ayhan sofort.

Doch bevor Lotti oder Daniel etwas hätten tun können, stürmte der Bademeister auf die Frau zu.

»Dr. Granger, Sie sind zu spät«, erklärte er vorwurfsvoll und ging vollkommen darüber hinweg, dass sie aussah wie Lady Macbeth im zweiten Akt des Dramas.

»Es wird nicht wieder vorkommen«, erwiderte die Frau mit einer leisen tiefen Stimme, während sie sich mit dem blutverkrusteten Handrücken eine Haarsträhne aus dem Gesicht wischte.

Lotti, Daniel, Riccardo und Ayhan wechselten einen Blick.

War das etwa die neue Kollegin?

* * *

»Dr. Richter, kümmern Sie sich um Dr. Granger«, ordnete der Bademeister in seinem üblichen Befehlston an.

»Natürlich.« Lotti setzte sich sofort in Bewegung. Aber was sollte sie mit einer Kollegin machen, die von oben bis unten voller Blut war? Und warum sah Dr. Granger so derangiert aus? Das war für Lotti die erste Frage, aber der Bademeister ging gar nicht darauf ein, stattdessen stapfte er ohne weitere Worte davon, als wollte er mit seinen Latschen auf dem PVC einen neuen Quietschrekord aufstellen.

»Hallo«, begrüßte Lotti die Neue. »Ich bin Lotti. Herzlich willkommen.«

»Danke. Ich heiße Annabelle«, erwiderte die andere mit ihrer ungewöhnlich tiefen Stimme.

»So wie ich das sehe, wäre es das Beste, wenn du dich erst einmal umziehst. Bist du irgendwie verletzt?«

Annabelle schüttelte nur knapp den Kopf, was Tropfen aus ihren nassen Haaren regnen ließ.

»Das ist ja mal gut.« Lotti wartete ab, ob Dr. Granger noch etwas hinzufügen würde. Schließlich war das nicht gerade der normale Zustand, in dem man in der Arbeit eintrudelte. Aber die Neue schwieg. Sie gab keine Begründung für ihr Aussehen, sondern wischte sich nur mit dem Handrücken Haare aus dem Gesicht.

Nicht gerade redselig, schloss Lotti, während sie zur Umkleide vorausging. In diesem Punkt unterschied die Neue sich eindeutig von ihrer Vorgängerin. Lotti drehte den Kopf und musterte sie unauffällig. Annabelle sah spektakulär gut aus – selbst unter diesen Umständen. Fast ein wenig hastig öffnete Lotti die Tür und hielt sie der Kollegin auf. Dabei registrierte sie, dass ihnen die Blicke der anderen gefolgt waren. Ayhans Mund stand sogar leicht offen. Ob es nun an dem Blut lag oder an Annabelles Aussehen, jedenfalls war ihr die Aufmerksamkeit der männlichen Belegschaft sicher.

Lotti zeigte auf die Fächer mit Bereichskleidung. »Hier ist unsere Kleidung. Grün für die Chirurgen und Blau für alle anderen. Und hier ist ein freier Spind, da kannst du deine Sachen ablegen.«

»Könnte ich mir vielleicht erst mal die Hände waschen?«, bat die Neue. Lotti fiel erneut auf, wie ruhig ihre tiefe Stimme klang.

»Aber natürlich.« Lotti schalt sich, dass sie nicht selbst gleich daran gedacht hatte. »Willst du vielleicht kurz duschen?«

»Ginge das?« Nun sah die Neue sie direkt an. Die dunklen Augen waren das Hübscheste in dem ganzen Gesicht – mandelförmig und eingerahmt von langen schwarzen Wimpern.

»Klar. Direkt über uns gibt es ein Dienstzimmer mit einer Dusche. Komm, ich zeig es dir.« Mit Annabelle im Schlepptau verließ Lotti die Umkleide wieder und ging mit ihr zum Schwesternzimmer, wo sie an die offene Tür klopfte.

»Grundgütiger«, sagte Schwester Karla nach einem Blick auf die blutbespritzte Frau neben Lotti. »Ich komme ja schon.«

»Nicht nötig. Das ist unsere neue Kollegin«, stellte Lotti vor. »Hättest du vielleicht ein Handtuch und Seife für sie?«

»Die Neue?« Karla stand abrupt auf. Mit ihren grauen Haaren und der hochgeschobenen Brille sah sie nicht besonders furchterregend aus, aber Lotti wusste, dass Karla ein Drachen sein konnte.

Doch entweder ließ sich die Neue von Karlas harmlosem Äußeren täuschen, oder aber sie war furchtlos. »Annabelle Granger«, erklärte sie und streckte die Hand aus.

Karlas Gesichtszüge blieben unbewegt. »Und warum sehen Sie so aus?«, bellte sie, ohne die Hand zu ergreifen (was Lotti ihr nicht verdenken konnte).

Lotti zuckte fast vor diesem Kasernentonfall zurück, aber Annabelle schien unbeeindruckt. »Ich habe gerade Erste Hilfe bei einem Unfall geleistet«, antwortete sie. Dann schloss sie die anmutig geschwungenen Lippen, und Lotti war klar, dass es nicht mehr Informationen geben würde.

Karla kam anscheinend zu demselben Schluss, denn mit einem Grummeln ging sie hinüber zum Pflegeraum. Von dort kam sie mit einem Laken und einer Flasche Handseife zurück. »Handtücher sind aus«, erklärte sie, als sie beides Annabelle reichte.

»Danke«, sagte die, und Lotti fragte sich unwillkürlich, ob Annabelle wohl noch Alt oder schon Tenor sang.

4

»Welcher Fall zuerst?«, erkundigte sich Lotti bei Pfleger Herbert.

»Am besten zwei bis drei gleichzeitig«, giftete der gestresst zurück.

Lotti unterdrückte einen Seufzer. Normalerweise arbeitete Herbert in der Triage, weil er zwar sagenhaft kompetent, aber überhaupt nicht teamfähig war. Wer ihn heute hier drinnen eingeteilt hatte, noch dazu in der Koordination, war Lotti ein Rätsel. Doch ihr blieb keine Zeit, darüber nachzugrübeln, wenn sie nicht riskieren wollte, dass Herbert wegen der ständig länger werdenden Fallliste noch übellauniger wurde.

Mittlerweile war die Notaufnahme so richtig vollgelaufen, und im Wartebereich saßen die Leute dicht an dicht. Es tat Lotti leid, dass es ausgerechnet heute so hektisch zuging und ihr die Zeit fehlte, Annabelle besser einzuweisen. Auf dem Weg zu dem Dienstzimmer im ersten Stock hatte Lotti ihr das Wichtigste erzählt. Mehr konnte sie im Moment für ihre neue Kollegin nicht tun. Allein in dieser kurzen Zeit hatte Lottis Dect-Handy fünfmal geläutet. Lebhaft erinnerte sie sich an ihren ersten Tag in der Notaufnahme und an die abgehetzten Gesichter der Kollegen überall.

Pfleger Herbert riss Lotti aus ihren Gedanken. »Als Erstes siehst du dir bitte die Psychotante in der 5 an«, erklärte er und wies auf eine Fallnummer. »Du sprichst kurz mit ihr und dann ab mit ihr nach Hause. Wir brauchen das Zimmer dringend. Ich verstehe sowieso nicht, warum die Patientin nicht gleich zu ihrem Therapeuten gegangen ist.« Herbert klang ungnädig.

»Ich beeile mich«, versprach Lotti und sauste los. Bloß schnell weg von Herbert und seiner schlechten Laune.

Wie Gefäße von einer Hauptschlagader zweigten die einzelnen Zimmer und Kabinen vom Mittelgang ab. Der Gang selbst war breit genug, dass zwei Betten aneinander vorbeigeschoben werden konnten. Seine Wände waren weiß und schmucklos, aber übersät von Macken und Scharten. Am Anfang hatte Lotti einige Zeit gebraucht, bis sie sich in der Notaufnahme zurechtfand, doch jetzt bewegte sie sich hier mit schlafwandlerischer Sicherheit. Die Schiebetür zur 5 stand halb offen, und Lotti schob sie nach dem Betreten des Zimmers hinter sich zu.

»Guten Morgen«, grüßte sie.

»Guten Morgen, Frau Doktor«, erwiderte die Patientin leise. Sie hatte lange dunkle Haare, die zu einem dicken Zopf geflochten waren, und trug nur Schwarz. Besonders auffällig waren auf den ersten Blick nur ihre bläulich schimmernden tiefen Augenringe.

Im Triagebefund stand, dass sie Angelika Bauer hieß, 32 Jahre alt war, als kaufmännische Angestellte arbeitete und sich wegen Unwohlseins und Schwäche bei einer vorbestehenden Depression vorstellte.

»Mein Name ist Richter«, stellte sich Lotti vor und reichte der Patientin die Hand. »Was kann ich für Sie tun?«

Sie hatte Herberts Drängen, dass sie sich beeilen solle, noch deutlich im Ohr, deshalb ging sie direkt nach dem Händeschütteln zum Arbeitsplatz in der Ecke. Sie entsperrte den Computer, während sie noch auf eine Antwort wartete. Lotti mochte die Mischung aus den unterschiedlichsten Krankheitsbildern und Beschwerden, die sie hier jeden Tag zu sehen bekam, aber sie schätzte die Arbeit unter Zeitdruck gar nicht. Leider stand der chronische Zeitmangel jedoch ganz oben auf der Tagesordnung in der Notaufnahme, und Lotti sehnte sich, was das anging, nicht selten nach ihrer alten Stelle in dem kleinen Alpenkrankenhaus zurück, wo es deutlich ruhiger und beschaulicher zugegangen war. Aber Berlin war nun mal eine Millionenstadt, und manchmal beschlich Lotti das Gefühl, dass jeder einzelne Berliner sich früher oder später hier bei ihnen vorstellen wollte.

Jetzt war eben Frau Bauer da. Rasch öffnete Lotti die Seite für die Befunddokumentation in der elektronischen Akte, bevor sie sich wieder der Patientin zuwandte. Dabei fiel ihr auf, dass Frau Bauer noch nicht auf ihre Eingangsfrage geantwortet hatte.

»Ich … ich weiß auch nicht«, stammelte die Patientin schließlich. Es klang mühsam.

Na bravo, dachte Lotti, die förmlich hörte, wie Herbert vorn im Pflegezimmer schon mit den Hufen scharrte. Aber dann riss sie sich zusammen. Es war nicht die Schuld dieser Frau, dass sie hier gestresst waren, sondern vielmehr die der Klinikverwaltung, die immer weiter Stellen kürzte und es somit nahezu unmöglich machte, vernünftig zu arbeiten.

»Als Sie hierher aufgebrochen sind, hatten Sie doch eine Idee, warum Sie in die Notaufnahme gehen wollten«, erkundigte sich Lotti. »Welche war es?«

Frau Bauer fasste an ihren Zopf, als wollte sie sich versichern, dass er noch da war. »Ja, das war vorhin. Da habe ich mich irgendwie so schlecht gefühlt.«

Lotti fiel auf, dass die Patientin langsam sprach und fast ein wenig desorientiert wirkte. Sie musterte Frau Bauer genauer und bemerkte einen feinen Schweißfilm auf ihrer Stirn. Außerdem zitterten ihre Hände leicht. Entzug? Medikamente? Drogen?

»Fühlen Sie sich denn jetzt besser?«, fragte Lotti, während sie einen Blick auf den Aufnahmebefund der Pflege warf. Dort stand: Vorstellung wegen schlechten Befindens. Vorerkrankungen: Depression. Medikamente: Escitalopram.

Lotti wusste, dass es sich bei dem Wirkstoff um einen selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer handelte, der in der Behandlung von Depressionen, Panik- und Zwangsstörungen Anwendung fand. Vermehrtes Schwitzen kam als Nebenwirkung vor, genauso wie Müdigkeit. Aber dass man so stark darauf reagierte? Irgendwie fand Lotti, dass das nicht passte. Außerdem war im Pflegebefund der Puls der Patientin als zu schnell und ihr Blutdruck als zu niedrig dokumentiert worden. Das konnte durchaus erklären, warum sie sich nicht gut fühlte. Doch was war die Ursache? Lotti ließ die Dokumentation sein und wandte sich wieder ganz der Patientin zu.

»Ich fühle mich immer noch schwach, und mir ist übel«, erklärte Frau Bauer. Dabei schaute sie so suchend an Lotti vorbei, als fragte sie sich, wo sie eigentlich sei.

»Ist das neu?«, erkundigte Lotti sich.

Die Patientin nickte.

»Wie lange nehmen Sie schon Escitalopram?« Lotti wurde das Gefühl nicht los, dass sich hinter der Schwäche der Patientin noch etwas anderes als ihre bekannte Depression verbergen könnte.

Angelika Bauer zuckte mit den Achseln. »Wochen, Monate. Ich weiß es nicht.«

Draußen auf dem Gang rumste es.

»Und hilft es Ihnen?« Lotti überlegte, wie sie hier am besten und vor allem auch am schnellsten weiterkommen würde. Die Anamnese gestaltete sich ja eher zäh. Klinische Untersuchung? Blutabnahme?

»Mein Psychologe meint schon«, sagte die Patientin nach einer Pause.

»Aber Sie glauben das nicht?« Lotti versuchte, ihre eigene Unruhe zu bekämpfen, was ihr jedoch schwerfiel. Sie wollte schnell vorankommen, hatte aber das Gefühl, aus voller Fahrt gebremst zu werden, bis Frau Bauer endlich antwortete.

»Nein, ich glaube das nicht. Es ist auch so …« Die Patientin errötete.

Lotti wäre am liebsten aufgesprungen und hätte gerufen: Jetzt reden Sie doch! Aber das wäre nicht nur sinnlos gewesen, es hätte auch jedes Vertrauen der Frau zerstört. Also lächelte sie nur aufmunternd.

»Na ja, es ist so … Mein Psychologe weiß das nicht, aber …« Die Gesichtsfarbe der Frau wechselte zu Flammendrot. »Aber ich … also manchmal …«

Trotz ihrer eigenen Hibbeligkeit spürte Lotti, dass das, was jetzt kommen würde, von größter Wichtigkeit war. Sie unterdrückte das nervöse Wippen ihres Fußes und schaute die Patientin möglichst gelassen an.

»Manchmal erbreche ich mich«, flüsterte Frau Bauer nun.

»Und Ihr Psychologe weiß das nicht?«, hakte Lotti nach.

Die Patientin schüttelte den Kopf. Für einen Augenblick wirkte sie absolut hilflos.

»Essen Sie vorher auch mehr?«, erkundigte sich Lotti behutsam. Sie dachte an Bulimie, eine Essstörung, bei der die Betroffenen oftmals erst riesige Mengen verschlangen, um sie aus verschiedenen Gründen anschließend zu erbrechen.

Die Patientin nickte, aber es war kaum mehr als die Andeutung einer Bewegung.

»Heute Morgen auch?« Lotti wusste, dass sie in diese Richtung weiterforschen musste, wenn sie der Frau helfen wollte.

Wieder nickte Frau Bauer nur, als wöge eine ausgesprochene Antwort zu schwer.

»Und danach haben Sie sich mies gefühlt? So schlecht, dass Sie hierhergekommen sind?«

»Ja, aber …« Die Patientin sah Lotti an, und ihr Blick war bittend.

»Heute war es schlimmer?«, bot Lotti ihr an.

»Ja, ich bin hinterher irgendwie weggekippt. Auf den Badezimmerfußboden. Das ist mir noch nie passiert.«

»Sie waren kurz nicht da? Bewusstlos?« Instinktiv spürte Lotti, dass sich hier eine entscheidende Spur auftat. Je länger sie als Ärztin arbeitete, desto sicherer wurde ihr Gespür für Schwere und Dringlichkeit, und gerade meldete es sich laut und warnend. Lotti war sich mittlerweile auch sicher, dass Herbert falschlag – mit dieser Patientin musste man nicht nur kurz sprechen.

»Ja, ich war kurz ganz weg – direkt neben dem Klo.« Frau Bauer nickte dazu. Nicken schien ihr von allen nonverbalen Kommunikationsmöglichkeiten im Moment am leichtesten zu fallen. Sie schaute zu der kleinen ausgeschalteten OP-Leuchte in der Ecke.

»Dann müssen wir herausbekommen, warum das so war«, erwiderte Lotti und folgte dem Blick der Patientin. »Nehmen Sie sonst noch etwas? Medikamente, Alkohol, Drogen?«

»Nein, Sie dürfen nicht glauben, dass …« Frau Bauer schien so schockiert von der Erwähnung des Wortes Drogen, dass sie geradezu hektisch antwortete.

»Das tue ich nicht«, beruhigte Lotti sie. »Ich muss nur möglichst genau wissen, was Sie geschluckt haben, um Ihnen helfen zu können.«

Frau Bauer schaute auf den Boden. »Nichts«, bekräftigte sie noch einmal. »Nur die Tabletten von meinem Psychologen.«

»Und davon haben Sie nur die normale Dosis genommen?« Vergiftungen mit Antidepressiva konnten etliche schwerwiegende Symptome verursachen – unabhängig davon, warum eine zu große Menge in den Körper gelangt war oder sich dort angereichert hatte.

»Ich nehme immer nur eine Tablette am Abend, sonst nichts.« Wieder griff Frau Bauer nach ihrem Zopf. Lotti sah die Adern auf ihrem Handrücken dabei bläulich grün aufscheinen.

»Und das Erbrechen lösen Sie mit dem Finger in den Hals und nicht beispielsweise mit viel Salzwasser aus?« Lotti wusste, dass man gar nicht gründlich genug nachhaken konnte. Denn das, was im Endeffekt wichtig war, betrachteten die Patienten manchmal als belanglos und erwähnten es von sich aus nicht.

Frau Bauer ließ ihren Zopf los und faltete die Hände. Wieder war ein kleines Nicken die einzige Antwort, aber das genügte.

Lotti versuchte, die Puzzleteile im Kopf zu sortieren. Vor ihr saß eine Frau Anfang dreißig, behandelt wegen einer Depression, mit einer zusätzlich bestehenden Bulimie, von der ihr Psychotherapeut jedoch nichts wusste. Als Medikament bekam sie ein etabliertes Antidepressivum, sonst nichts. Sie schluckte keine weiteren Präparate, trank keinen Alkohol und nahm keine Drogen. Heute Morgen hatte sie sich willentlich nach einer Essattacke erbrochen und war anschließend bewusstlos geworden. Das war erstmalig passiert und hatte die Patientin, die weiterhin desorientiert und unwohl wirkte, so sehr beunruhigt, dass sie in die Notaufnahme gekommen war – der Dokumentation im Computer nach zum ersten Mal.

Zwischen den Punkten musste es eine Verbindung geben, aber im Moment konnte Lotti ihren Finger noch nicht darauflegen. Antidepressivum, Erbrechen, Bewusstlosigkeit, Desorientiertheit. Die Stichpunkte wirbelten in ihrem Kopf umher, während sie aufstand, um für die körperliche Untersuchung zu der Patientin hinüberzugehen. Sie war fast bei Frau Bauer angekommen, als auf einen Schlag zweierlei passierte. Zum einen ließ die Patientin die Hände auseinandergleiten und sackte mit verdrehten Augen in sich zusammen. Zum anderen sah Lotti plötzlich eine mögliche Verbindung zwischen den Punkten aufleuchten. Was war, wenn die Patientin unter einer Herzrhythmusstörung litt, genauer gesagt einem Long-QT-Syndrom? Vielleicht hatte sie das Antidepressivum ohne weitere vorherige Diagnostik von ihrem Psychotherapeuten verschrieben bekommen. Das könnte ein vorbestehendes Long-QT massiv verstärkt haben. Damit wurde das Herz der Patientin anfällig für schwerste Rhythmusstörungen wie Torsade-de-Pointes-Tachykardien, die in Kammerflimmern übergehen konnten. Und beim Kammerflimmern zog sich das Herz so schnell und unkoordiniert zusammen, dass kein Blut weitergepumpt wurde. Das morgendliche Erbrechen der Patientin hatte zusätzlich eine Verringerung des Kaliumspiegels, eine Hypokaliämie, verursacht, was ihr Herz noch anfälliger dafür machte, aus dem Takt zu geraten.

Aber darüber konnte Lotti jetzt nicht nachdenken. Stattdessen griff sie nach Frau Bauers Armen, um sie festzuhalten. Aber die Patientin rutschte schon bewusstlos und schlaff vom Stuhl. Lotti bemühte sich, ihr so auf den Boden zu helfen, dass sie sich nicht auch noch den Kopf anschlug, dann ging sie sofort neben der Frau in die Knie. Routiniert führte sie zehn Sekunden lang eine Atemkontrolle durch, aber da war nichts. Keine Atmung, dazu kein Puls.

Lotti sprang auf, rannte zu dem roten Knopf an der Wand, den es neben den Lichtschaltern in jedem Raum gab, und haute drauf. Sofort wurde ein Alarm ausgelöst, der die gesamte Notaufnahme erfasste. Lottis eigenes Dect-Handy begann in ihrer Kasacktasche mit dem Alarmton zu klingeln, aber Lotti achtete nicht darauf. Stattdessen stürzte sie zurück zu Frau Bauer, kniete sich neben sie, riss mit leicht zitternden Händen deren schwarzes Oberteil hoch und begann augenblicklich mit einer Herzdruckmassage. Mit aller Kraft drückte sie mittig auf das Brustbein der Patientin, bis sie es ungefähr fünf bis sechs Zentimeter in den Brustkorb geschoben hatte. Das ging schwer, und es knackte leicht in den Rippen, aber davon ließ sich Lotti nicht irritieren. Stattdessen steigerte sie ihr Drucktempo. Mindestens hundert Kompressionen pro Minute musste sie schaffen, und das waren eine ganze Menge. Schon nach kürzester Zeit spürte Lotti, wie unfassbar anstrengend es wurde. Aber sie ließ nicht locker. Jetzt den Blutkreislauf durch das Drücken und Loslassen aufrechtzuerhalten war das Wichtigste, was sie tun konnte, um der Patientin zu helfen. Denn damit konnte sie den fehlenden Herzschlag zumindest teilweise ausgleichen und das Blut weiter durch den Körper und ins Gehirn fließen lassen. Schneller, schneller, dachte Lotti und erinnerte sich daran, dass sie im Studium gelernt hatte, dass man im Rhythmus des Radetzkymarschs drücken musste. Also steigerte sie das Tempo, soweit es ihr gelang. Die Tür zum Behandlungszimmer wurde aufgerissen, und Herbert und Daniel stürzten herein. Herbert löste Lotti bei der Herzdruckmassage ab. Keine Sekunde zu früh, denn Lotti war vor Anstrengung schon außer Atem, und ihre Oberarmmuskeln hatten zu zittern begonnen.

»Verdacht auf Kammerflimmern bei Long-QT unter Escitalopram nach zusätzlichem Erbrechen«, erklärte Lotti keuchend.

Schwester Karla brachte den Notfallkoffer und klappte ihn auf. Sofort griff Lotti nach den selbstklebenden Elektroden des Defibrillators, während Karla das Gerät einschaltete.

»Willst du das nicht lieber übernehmen?«, fragte Herbert Daniel, der seinerseits begonnen hatte, die Patientin nach dreißig Brustkorbkompressionen zweimal mit einem Beatmungsbeutel zu beatmen.

»Nein, Lotti macht weiter«, erwiderte Daniel ruhig.

Lotti blendete alles um sie herum aus. Wie auf Autopilot klebte sie die Elektroden auf den Brustkorb der Patientin. Eine rechts neben das Brustbein unter das Schlüsselbein, die zweite links neben dem Brustansatz im Bereich der mittleren Achselhöhle.

»Weg vom Patienten – Rhythmuskontrolle«, sagte sie laut, und für einen Augenblick hörte Herbert auf zu drücken.

Auf dem Monitor des Defibrillators wurde das klassische Bild des Kammerflimmerns mit den unendlich vielen Bogen ohne geordnete Herzaktionen angezeigt. Damit bestätigte sich Lottis Hypothese. Frau Bauers Herz war aus dem Takt geraten und in ein lebensbedrohliches Flimmern abgerutscht. Doch was hieß da lebensbedrohlich? Wenn sie es nicht schafften, das Kammerflimmern zu beenden, war die Patientin de facto tot.

»Weiterdrücken.« Lotti ließ den Defi laden, während Herbert mit der Thoraxkompression fortfuhr.

»Alle weg vom Patienten«, rief Lotti laut, als das Gerät durch einen Piepton anzeigte, dass es geladen war. Sie kontrollierte mit einem Blick, dass die Patientin frei von Berührung sicher auf festem Untergrund lag, dann sagte sie: »Schock.«

Der Stromimpuls schoss von der einen Elektrode zur anderen, wodurch sich die Muskeln der Patientin zusammenzogen und sie sich leicht aufbäumte.

»Weiterdrücken«, entschied Lotti direkt danach. Herbert führte weiter die Herzdruckmassage durch, während Lotti am Kopfende die Beatmung übernahm und Daniel sich daranmachte, einen Zugang zu legen. Karla bereitete alles für eine Intubation vor.

Komm schon, komm schon, verlangte Lotti vom Herzen der Patientin. Ihr stand der Schweiß auf der Stirn. Noch nie hatte sie in dieser Notaufnahme die Leitung über eine Reanimation innegehabt, aber was noch wichtiger war, sie wollte auf keinen Fall, dass Frau Bauer starb. Nicht jetzt und nicht hier.

»Adrenalin aufziehen.« Lotti sprach hastig. »Bemüh dich«, flüsterte sie dann in Frau Bauers Richtung, während Herbert energisch weiterdrückte.

Lotti wollte gerade eine neue Rhythmuskontrolle ansagen, als Frau Bauer auf einmal zu zucken begann. Es war nur eine kleine Bewegung, aber sie war eindeutig.

Die Frau war zurück.

Lotti seufzte vor lauter Erleichterung laut auf, während sie den Beatmungsbeutel sinken ließ.

»Rhythmuskontrolle«, verlangte sie dann. Tatsächlich zeigte sich auf dem Monitor des Defis jetzt wieder etwas, das wie ein normales EKG aussah, auch wenn Lotti davon ausging, dass ein genaueres 12-Kanal-EKG eine deutlich verlängerte QT-Zeit zeigen würde.

Frau Bauer holte Luft.

»Wunderheilung«, ließ sich Herbert in seiner typisch griesgrämigen Art vernehmen.

»Unsinn«, widersprach Daniel. »Erfolgreiche Frühdefibrillation. Schnell gedrückt, schnell geschossen.«

Lotti schloss für eine Sekunde die Augen, dann sagte sie: »Wir brauchen Blutwerte. Blutgasanalyse jetzt sofort bei uns in der Notaufnahme, dazu Serum-Elektrolyte, Glucosespiegel im Serum, Kreatinin, Blutbild, CRP und das erweiterte Standardprogramm im Labor, alles cito. Die Patientin braucht eine Infusion abhängig vom Kaliumwert und muss an den Monitor angeschlossen werden.«

»Das wissen wir, Herzchen«, antwortete Karla, hörte sich dabei aber ungewohnt wohlwollend und zufrieden an.

Frau Bauer schlug die Augen auf. Sie schien erschrocken, so viele Menschen um sich herum zu sehen, und Lotti erkannte an ihrem Blick, dass sie wahrscheinlich keine Erinnerung an das hatte, was gerade vorgefallen war.

»Was ist denn los?«, fragte die Patientin verunsichert.

»Sie waren gerade tot«, erklärte Herbert ihr mitleidslos.

Panik breitete sich im Gesicht von Frau Bauer aus.

Über die Patientin hinweg wechselten Daniel und Lotti einen raschen Blick, dann griff Lotti nach der kühlen Hand der Frau. »Es ging Ihnen gerade noch einmal so schlecht wie heute früh, vielleicht noch schlechter. Aber jetzt wissen wir, was Ihr Problem ist, und können Ihnen helfen.«

Die Patientin schloss die Augen, während Karla zur Blutgasanalyse nach vorn ging und Herbert das Rollbrett holte, mit dem sie die Patientin ins Bett befördern konnten. Lotti schaute wieder auf den Monitor. Aber dort zeigte sich nur ein normales EKG.

Glück gehabt, dachte sie und streichelte beruhigend über die Hand der Patientin. Wenn sie auf der Straße kollabiert wäre oder allein beim Warten in der 5, wäre es unter Umständen schlecht ausgegangen. Dann hätten Lotti und ihre Kollegen nicht so schnell mit der Herzdruckmassage beginnen können, und die Patientin hätte vor allem auch nicht so schnell den gerichteten Stromstoß bekommen, der die Erregungsleitung ihres Herzens wieder einnorden konnte.

Lotti schaute auf den Defi. Er war ein kleines, nicht besonders spektakulär aussehendes graues Gerät. Aber was für eine Wunderwaffe! Das regelmäßige Piepen des Monitors daneben zeigte an, dass Frau Bauers Herz jetzt in einem gesunden Rhythmus blieb. Lotti zog ihr Dect-Handy aus der Kasacktasche. Dabei bemerkte sie, wie sehr sie in den letzten Minuten geschwitzt hatte. Mit dem Unterarm wischte sie sich die feuchten Locken aus der Stirn. Als sie aufblickte, sah sie, wie Daniel ihr zunickte. Sie hatte es geschafft.

Kurz erlaubte sie sich, einfach nur durchzuatmen, dann wählte sie die Nummer des Intensivbetten-Koordinators, da sie dringend ein Bett auf der kardiologischen Intensivstation für die Patientin brauchte. Denn so lange, bis das Escitalopram gänzlich aus ihrem System ausgeschieden worden war und sich ihr Kaliumspiegel normalisiert hatte, bestand die Gefahr, dass die Patientin erneut ins Kammerflimmern rutschte. Und dann musste sie an einem Ort sein, wo es sofort bemerkt und behandelt werden konnte. Außerdem brauchte Frau Bauer eine Diagnostik, ob sie auch im Normalfall ein Long-QT-Syndrom hatte oder ob nur das Antidepressivum an der extremen Verlängerung schuld war, die ihr Herz so verwundbar gemacht hatte. Sollte Frau Bauer auch sonst darunter leiden, würde man ihr einen internen Defibrillator einsetzen, der sie vor weiteren Episoden schwerster Herzrhythmusstörungen bewahrte.

Als der Koordinator ans Telefon ging, schilderte Lotti knapp die Situation der Patientin. Ungewöhnlicherweise versprach der Koordinator ihr daraufhin ohne weitere Verhandlungen sofort ein Bett.

»Es gibt einen Platz auf der Kardio«, erklärte Lotti in die Runde.

»Na wunderbar«, erwiderte Herbert, es klang zynisch.

»Dann bekommst du gleich die 5 frei«, sagte Lotti, wie um ihn zu ködern.

Tatkräftig packten alle mit an, als sie die Patientin ins Bett legten und für den Transport vorbereiteten. Daniel stellte den Monitor neben die Frau, während Herbert eine Tüte mit ihren Wertsachen und Schuhen ans Bettende legte. Karla brachte Patientenetiketten und eine noch weitgehend leere Papierakte.

»Und wie lange dauert das jetzt, bis die Kollegen sie abholen?«, fragte Herbert nach einem Blick auf die aktualisierte Patientenfallliste. »Wisst ihr, wie viel es hier zu tun gibt? Wir sind hier kein katholischer Männergesangverein, hier muss endlich weitergearbeitet werden.«

»Alles ist gut«, erwiderte Daniel gelassen. »Es geht gleich weiter.«

»Also wirklich.« Herbert verließ die 5.

»Männergesangverein, dass ich nicht lache«, meinte Daniel auf dem Weg zum Computer. »Manchmal hört sich Herbert schon an wie der Bademeister.«

»Nur, dass der kein so freundliches Wort benutzen würde«, erwiderte Lotti, woraufhin Daniel tatsächlich ein Lächeln zeigte.

Lotti fühlte sich immer noch überwach, überaufmerksam, überwachsam. Permanent flog ihr Blick zu dem Monitor neben Frau Bauer, der das EKG, die Sauerstoffsättigung und den Blutdruck der Patientin, der regelmäßig kontrolliert wurde, anzeigte. Lotti meinte, alles intensiver und deutlicher wahrzunehmen. Das Piepsen des Monitors, den Geruch von Desinfektion und Krankheit in der Notaufnahme, die graue Farbe des Bodens, die weiße der Wände und die unangenehm hellen Strahler an der Decke. Zwar war alles wie immer, aber dennoch sah sie gerade jede kleinste Auffälligkeit.

»Das wird schon, Frau Bauer«, sagte Lotti zu der Patientin, die gerade die Augen aufschlug.

»Ich …«, erwiderte die, sprach dann aber nicht weiter.

Ob sie irgendeine Nahtoderfahrung gemacht hat?, fragte sich Lotti. Aber das konnte sie die Patientin hier und jetzt kaum fragen. Überhaupt, wie es sich wohl anfühlte, ins Kammerflimmern zu rutschen?

Erstaunlich kurze Zeit später kamen ein Kollege und eine Schwester von Intensiv herein. Die Schwester begrüßte Frau Bauer und stellte sich vor, während der Kardiologe mit verwuschelten braunen Haaren und dem obligatorischen Stethoskop in der Kasacktasche sich an Daniel und Lotti wandte. »Hi, was habt ihr denn heute für uns? Sorry, wenn ich drängle, aber wir müssen sofort wieder hoch, bei uns ist heute die Hölle los.«

Rasch berichtete Lotti, warum und in welcher Verfassung Frau Bauer von ihnen auf die Intensivstation verlegt wurde. »Aktuell ist die Patientin im Sinusrhythmus, ihre Sättigung ist bei 99 Prozent, und der Blutdruck ist unauffällig. Sie ist wach und ansprechbar, aber noch etwas mitgenommen von der Gesamtsituation.«

»Verständlich«, meinte der Kardiologe und griff nach dem Bett, dessen Bremse die Schwester gerade löste.

»Alles Gute«, wünschte Lotti der Patientin. »Auf Intensiv wird man sich gut um Sie kümmern.«

»Danke«, murmelte Frau Bauer. Dann wurde sie aus dem Zimmer geschoben.

»Und das, nachdem ich dachte, ich müsste nur kurz mit der Patientin sprechen«, meinte Lotti zu Daniel. Sie fühlte sich immer noch ganz high, und das Bild, wie sie defibrillierte, hatte sich fest in ihre Erinnerung eingebrannt.

Daniel nickte ihr zu. »Gut gemacht, Lotti!«

Erst nach einer Weile wurde Lotti klar, dass es wahrscheinlich kein größeres Lob aus seinem Mund geben konnte. Was für ein Tag! Dabei war es gerade mal halb neun Uhr in der Notaufnahme am Klinikum Berlin.

5

In der Notaufnahme war es tatsächlich so, wie Annabelle es sich vorgestellt hatte: warm, laut und hektisch. Keiner hatte Zeit für irgendetwas, schon vor neun war die erste Reanimation gelaufen, und der Schockraumalarm war bis um kurz nach elf zweimal ausgelöst worden. Immerhin musste Annabelle der jungen Kollegin mit den blonden Locken, Lotti, zugutehalten, dass die ihr trotz des Stresses eine Dusche und ein Handtuch besorgt hatte. Das Blut war ab, und Annabelle war hoch motiviert, so richtig loszulegen. Irgendwo da draußen war Turmer, und Annabelle wollte ihm nur noch begegnen, wenn sie etwas wirklich hervorragend gemacht hatte.

Eine weitere Frau mit weißem Kittel über blauer Bereichskleidung stürmte in die Kanzel. Sie trug ihre braunen Haare hochgesteckt, hielt sich das Telefon ans Ohr und bemühte sich zeitgleich darum, irgendetwas an ihrem Auge zu machen. »Ja, ich habe es verstanden, aber ich kann jetzt nicht auch noch in den OP kommen. Ich schicke dir jemanden«, erklärte sie energisch, bevor sie sich ziemlich ruppig verabschiedete.

Nett geht anders, dachte Annabelle. Aber sie war nicht hergekommen, um neue Freunde zu finden, sondern um sich ihre Zukunft zu sichern. Langsam stand sie auf.

Die Kollegin fummelte weiter an ihrem Auge herum, bevor sie im nächsten Moment aufjammerte: »Mist, jetzt ist mir meine Kontaktlinse auch noch runtergefallen.«

Pflichtschuldig ging Annabelle sofort auf die Knie, um ihr suchen zu helfen, obwohl sie nicht wusste, ob man sich eine Kontaktlinse, die hier auf dem Boden gelegen hatte, noch ins Auge setzen sollte. Aber das blieb eine akademische Frage, denn sie fanden die Linse aller Sucherei zum Trotz nicht.

Als sie sich wieder aufrichteten, sah die Braunhaarige Annabelle fragend an. »Sag mal, bist du nicht die Neue?« Dabei kniff sie die Augen so fest zusammen, dass sie wie ein Maulwurf im Scheinwerferlicht aussah.

Annabelle nickte vorsichtig.

»Prima. Auch wenn ich nicht verstehe, warum du dann hier herumsitzt.« Die Stimme der Kollegin klang spitz und unfreundlich. »Du kannst gleich in den OPrennen. Saal 20.« Sie wischte sich über das Auge. In den OP