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Klinische Ernährung und Infusionstherapie sind komplexe Themengebiete. Nicht nur Ärzte, auch Pflegekräfte, Angehörige und Betreuungspersonen werden vor große Herausforderungen gestellt. Hier sind präzise Handlungsanweisungen und Entscheidungshilfen gefragt!
Dieses Buch fasst die wichtigsten Grundlagen und Konzepte zusammen. Vor dem Hintergrund der aktuellen S3-Leitlinien unterstützt es Sie bei der praktischen Durchführung der enteralen und parenteralen Ernährung:
- mit konkreten Fallbeispielen zu Ziel und Indikation der Therapie, passenden Therapieplänen und Referenzwerten für die Zufuhr,
- mit konstruktiven Entscheidungs- und Argumentationshilfen auf der Basis von fundiertem Fachwissen,
- mit vielen Tabellen, Grafiken und Merkeboxen für eine schnelle Orientierung,
- und mit multidisziplinären Beiträgen von international bekannten Experten.
So stehen Sie bei Ihrer Therapie auf der sicheren Seite!
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Seitenzahl: 1072
Veröffentlichungsjahr: 2021
Arved Weimann, Hans Konrad Biesalski, Stephan C. Bischoff, Armin Sablotzki
Michael Adolph, Carla Aeberhard, Jann Arends, Sven Bercker, Mette M. Berger, Hartmut Bertz, Thomas Bley, Geraldine de Heer, Wilfred Druml, Rainer Dziewas, Gunnar Elke, Maike Fedders, Christian Geyer, Wolfgang Hartig, Wolfgang Hartl, Monika Heilmann, Axel R. Heller, Christian Henker, Michael Hiesmayr, Frank Jochum, Frank Jochum, Bernd-Rüdiger Kern, Alexander Koch, Berthold Koletzko, Thomas Kremer, Georg Kreymann, Georg Lamprecht, Christian Löser, Julika Loss, Konstantin Mayer, Eckhard Nagel, Antonia Nomayo, Kristina Norman, Johann Ockenga, Alexandru Ogica, Lindsey Otten, Hanna Petersen, Hannes-Caspar Petzold, Henryk Pich, Jürgen Piek, Matthias Pirlich, Mathias Plauth, Jens Putziger, Roland Radziwill, Nada Rayes, Emilie Reber, Peter Rittler, Wolfgang Scheppach, Mathias Schneeweiß-Gleixner, Bruno Schneeweiß, Elisabeth Schorling, Zeno Stanga, Peter Stehle, Christian Trautwein, Karl-Heinz Vestweber, Rudolf Weiner, Sylvia Weiner, Ralph Wendt, Rainer Wirth, Gudrun Zürcher
9., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage
200 Abbildungen
Die 9. Auflage der 50 Jahre alten „Ernährungs- und Infusionstherapie“ nach dem Ausscheiden des Gründungsherausgebers Wolfgang Hartig in 2. Generation gestalten zu dürfen, war Anspruch und Herausforderung.
Mit dem Ziel, griffbereit und anwendbar aktuelles Wissen im Handbuch zur Verfügung zu stellen, wurde das Buch neu strukturiert und insgesamt gekürzt. Alle Kapitel wurden völlig überarbeitet. Es ist erneut gelungen, die namhaften Experten aus dem deutschsprachigen Raum zusammenzubringen, denen trotz Kürzung viel Gestaltungsmöglichkeit für ihr Thema gegeben wurde.
Neues soll auch schon im Titel deutlich werden. So wurde der international gut etablierte Begriff der „Clinical Nutrition“ als „Klinische Ernährung“ aufgenommen, der dem traditionellen Fokus des Buchs auf die („künstliche“) Ernährung in Klinik und Praxis entspricht. Besonderes Augenmerk gilt wieder dem Intensivpatienten und der perioperativen Therapie. Synergien mit der 5. Auflage der bei Thieme von Biesalski et al. herausgegebenen „Ernährungsmedizin“ sind durchaus beabsichtigt.
Ernährungstherapie muss sich den Anforderungen an eine evidenzbasierte Medizin stellen. So wurden die aktuellen S3-Leitlinienempfehlungen der Fachgesellschaften, vor allem der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin e.V. (DGEM) und der Europäischen Gesellschaft für Klinische Ernährung und Stoffwechsel (ESPEN), eingearbeitet. Für die enterale und parenterale Ernährung sind die Inhalte der strukturierten curricularen Fortbildung Ernährungsmedizin der Bundesärztekammer enthalten.
Wie schon bei der letzten Auflage, wurde mit den Kapiteln Ethik, Recht und Ökonomie besonderer Wert auf die wichtigen Rahmenbedingungen der medizinischen Ernährungstherapie gelegt. Dies zeigt auch den Paradigmenwechsel, der künstliche Ernährung nicht als Basisversorgung, sondern als aufklärungs- und einwilligungspflichtige therapeutische Intervention und erlösrelevante Prozedur begreift. Auch die Bewertung des Therapieerfolgs muss als Ergebnisqualität nach definierten Parametern geschehen.
Großer Dank gilt allen Autoren und dem Thieme Verlag für die Realisierung, ganz besonders der Programmplanerin Medizin, Frau Cornelia Schönleben, der Projektmanagerin, Frau Heidrun Schoeler und dem Production Manager, Herrn Konrad Seidel.
Leipzig und Stuttgart, im Frühjahr 2021
Arved Weimann,
Hans Konrad Biesalski,
Stephan C. Bischoff,
Armin Sablotzki
1970, vor nunmehr 50 Jahren, erschien die erste Auflage dieses Buches unter dem Titel „Moderne Infusionstherapie“. Vorrangig ging es um den Wasser-, Elektrolyt- und Säuren-Basen-Haushalt. Aber auch der parenteralen Ernährung war damals bereits ein eigenes Kapitel gewidmet. Die in den weiteren Jahren erarbeiteten Erkenntnisse und Erfahrungen auf diesem Gebiet führten dann zu bedeutsamen Fortschritten in der Anwendung der parenteralen und enteralen Ernährung.
Es kam zur Gründung von Gesellschaften für klinische Ernährung: einer internationalen Gesellschaft (ISPN 1966 in Hamburg), einer europäischen Gesellschaft (ESPEN; 1. Kongress 1979, Gründung 1980 in Newcastle) sowie nationaler Gesellschaften und Arbeitsgemeinschaften. Auch Fachzeitschriften wurden neu herausgegeben, so z.B. im deutschsprachigen Raum die „Aktuelle Ernährungsmedizin“ (1976).
Die beeindruckende Entwicklung dieses medizinischen Arbeitsgebietes prägte auch Inhalt und Umfang dieses Buches seit 1970. Entsprechend der weiteren Zunahme des Wissens und der Möglichkeiten zur Anwendung dieser Erkenntnisse wurde es daher notwendig, weitere Autoren für bestimmte Kapitel und Abschnitte des Werkes zu gewinnen. Wurde die erste Auflage noch von einem Autor geschrieben, so waren es in der achten Auflage 60 Autoren. Außerdem wurden für die achte Auflage vier Mitherausgeber gewonnen, Hans Konrad Biesalski, Wilfred Druml, Peter Fürst und Arved Weimann, die mich bei der Herausgabe des Werkes sehr unterstützt haben.
Wichtigstes Anliegen des Buches war es von der ersten Auflage an, anwendungsbereites Wissen für die stationären, aber auch die ambulanten Anwendungen der klinischen Ernährung und Infusionstherapie zur Verfügung zu stellen.
Die ersten sechs Auflagen wurden von Johann Ambrosius Barth, Leipzig, verlegt. Parallel dazu gab es Lizenzausgaben von Urban und Schwarzenberg, München/Wien/Baltimore, 1979 und 1984, sowie Übersetzungen ins Bulgarische (Sofia 1978) und Russische (Moskau 1982).
Nach der Wiedervereinigung Deutschlands wurde dann 1994 die siebte Auflage im W. Zuckschwerdt Verlag, München, und 2004 die achte Auflage beim Georg Thieme Verlag, Stuttgart/New York, herausgegeben.
Es war für mich eine große Freude, dass der Georg Thieme Verlag, nachdem die achte Auflage vollständig vergriffen war, eine neunte Auflage plante und dass die Herausgabe dieser Auflage von meinem Nachfolger als Chefarzt der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Onkologische Chirurgie des Klinikums St. Georg, Leipzig, Arved Weimann, gemeinsam mit drei Mitherausgebern, mit großem Engagement übernommen wurde und dieses Buch damit auch weiterhin im deutschsprachigen Raum präsent sein wird.
Möge auch diese neunte Auflage unser gemeinsames Anliegen, die Klinische Ernährung und die Infusionstherapie zum Wohle unserer Patienten optimal zu nutzen, weiter fördern.
Wolfgang Hartig
To provide optimal nutritionto all patients,under all conditions,at all times.
Stanley J. Dudrick (1935–2020)
Titelei
Vorwort
Geleitwort
The Ultimate Nutritional Goal
1 Körperzusammensetzung
1.1 Bedeutung der Körperzusammensetzung
1.2 Modelle der Körperzusammensetzung
1.3 Methoden zur Bestimmung der Körperzusammensetzung
1.3.1 Anthropometrie
1.3.2 Bioelektrische Impedanzanalyse
1.3.3 Ultraschall
1.3.4 Dual-Röntgen-Absorptiometrie (DXA)
1.3.5 Computertomografie und Magnetresonanztomografie
1.4 Literatur
2 Ermittlung des Energiebedarfs
2.1 Wie kann der Energieverbrauch ermittelt werden?
2.2 Was sagen die Leitlinien?
2.3 Kann durch moderne Messmethoden die Ernährungstherapie besser/effektiver gesteuert werden?
2.4 Gelingt es dadurch, das Outcome zu verbessern?
2.5 Indirekte Kalorimetrie – welche Technik gibt es?
2.6 Literatur
3 Makro- und Mikronährstoffe in der enteralen und parenteralen Ernährung
3.1 Kohlenhydrate
3.1.1 Definition
3.1.2 Verdauung, luminale Aufnahme und zellulärer Transport
3.1.3 Physiologische Funktionen von Kohlenhydraten
3.1.4 Bedarf/Zufuhrempfehlung
3.1.5 Zusammenfassung
3.2 Aminosäuren
3.2.1 Definition
3.2.2 Aminosäurenaufnahme und -transport
3.2.3 Aminosäuren als Proteinbausteine
3.2.4 Nichtproteinogene Aminosäuren
3.2.5 Aminosäuren als Vorstufe von Metaboliten
3.2.6 Aminosäurenbedarf
3.2.7 Zusammenfassung
3.3 Lipide und Fettsäuren
3.3.1 Definition
3.3.2 Verdauung, luminale Aufnahme und zellulärer Transport
3.3.3 Physiologische Funktionen von Lipiden/Fettsäuren
3.3.4 Bedarf
3.3.5 Zusammenfassung
3.4 Vitamine
3.4.1 Subklinischer Vitaminmangel (verborgener Hunger)
3.4.2 Manifester Vitaminmangel
3.4.3 Bedeutung von Vitaminen für die Funktionalität des Immunsystems
3.4.4 Vitamine und künstliche Ernährung
3.4.5 Enterale Ernährung
3.4.6 Parenterale Ernährung
3.4.7 Einzelanwendungen und Indikationen
3.5 Essenzielle Spurenelemente
3.5.1 Einführung
3.5.2 Bedarf der gesunden und kranken Menschen
3.5.3 Essenzielle Spurenelemente bei akuter Erkrankung
3.5.4 Verschreibung von Spurenelementen
3.5.5 Zusammenfassende Bemerkung
3.6 Literatur
4 Spezielle Substrate für die medizinische Ernährungstherapie
4.1 Ballaststoffe
4.1.1 Definition
4.1.2 Physiologie
4.1.3 Klinische Studien
4.1.4 Intensivpatienten
4.1.5 Leitlinienempfehlungen
4.2 Probiotika
4.2.1 Einführung
4.2.2 Probiotika in der perioperativen Medizin
4.3 Immunonutrition
4.3.1 Terminologie
4.3.2 Glutamin
4.3.3 Arginin
4.3.4 Omega-3-Fettsäuren
4.4 Literatur
5 Pathophysiologie besonderer Stoffwechselsituationen
5.1 Hungerstoffwechsel
5.1.1 Energiespeicher
5.1.2 Adaptationsphasen
5.2 Inflammation – Infektion – Sepsis
5.2.1 Übergeordnete Signalsysteme zur Auslösung hormoneller und metabolischer Sekundärreaktionen
5.2.2 Hormonelle Veränderungen in der Akutphase
5.2.3 Hormonelle Veränderungen in der subakuten/chronischen Phase
5.2.4 Veränderungen des Substratstoffwechsels in der Akutphase
5.2.5 Veränderungen des Substratstoffwechsels in der subakuten/chronischen Phase
5.2.6 Zusammenfassung
5.3 Mangelernährung
5.3.1 Definition
5.3.2 Diagnostische Kriterien nach den GLIM-Empfehlungen
5.3.3 Häufigkeit
5.3.4 Ursachen
5.3.5 Folgen der Mangelernährung: klinische und ökonomische Bedeutung
5.3.6 Mikronährstoffe
5.4 Refeeding-Syndrom
5.4.1 Einführung
5.4.2 Pathophysiologie und klinische Manifestation des RFS
5.4.3 Diagnostische Kriterien des RFS
5.4.4 Kriterien zur Identifikation von Risikopatienten
5.4.5 Management des RFS
5.5 Literatur
5.6 Weiterführende Literatur zu: Inflammation – Infektion – Sepsis
6 Enterale Ernährung
6.1 Applikationstechniken
6.1.1 Magensonden-Typen
6.1.2 Platzierung und Lagekontrolle von Magensonden
6.1.3 Postpylorische Ernährung
6.1.4 Postpylorische bzw. nasojejunale Ernährungssonden
6.1.5 Gastrale Ernährung
6.1.6 Jejunale Ernährung
6.1.7 Gastrale versus jejunale Ernährung
6.1.8 Enterale Ernährung im Tag-Nacht-Rhythmus
6.2 Perkutane endoskopische Gastrostomie (PEG)
6.2.1 Allgemeines
6.2.2 Indikationen
6.2.3 Techniken und Methoden
6.2.4 Kontraindikationen
6.2.5 Komplikationen
6.2.6 Vorbereitungen und Aufklärung
6.2.7 Risikogruppen
6.2.8 Periinterventionelle Nachsorge
6.2.9 Beginn der Sondenkostgabe
6.2.10 Austausch und Entfernung von PEG-Sonden
6.2.11 Klinischer Stellenwert
6.2.12 Zusammenfassende Empfehlungen
6.3 Feinnadel-Katheter-Jejunostomie (FKJ)
6.3.1 Technische Durchführung der FKJ
6.3.2 Indikationen und Kontraindikationen
6.3.3 Komplikationen der FKJ-Anlage
6.3.4 Ernährung über die FKJ
6.4 Substrate
6.4.1 Gesetzliche Vorgaben und Empfehlungen
6.4.2 Verordnungsfähigkeit
6.4.3 Allgemeine Voraussetzungen
6.4.4 Einzelsubstrate
6.4.5 Sonden- und Trinknahrungen
6.4.6 Arzneimittelgabe über Sonde
6.5 Ernährungstherapeutisches Vorgehen
6.5.1 Basismaßnahmen
6.5.2 Zusatz- und Trinknahrung
6.5.3 Enterale Sondensysteme
6.6 Literatur
6.7 Weiterführende Literatur zu: Substrate
7 Parenterale Ernährung
7.1 Applikationstechniken
7.1.1 Periphervenöser Zugang
7.1.2 Zentralvenöser Zugang
7.2 Substrate
7.2.1 Aminosäuren in der parenteralen Ernährung
7.2.2 Kohlenhydrate in der parenteralen Ernährung
7.2.3 Lipidemulsionen
7.2.4 Vitamine und Spurenelemente (Mikronährstoffe)
7.3 Ernährungstherapeutisches Vorgehen
7.3.1 Stufenplan
7.4 Literatur
7.5 Weiterführende Literatur zu: Substrate
8 Monitoring und Komplikationen
8.1 Monitoring/Nebenwirkungen bei enteraler Ernährung
8.2 Monitoring/Nebenwirkungen bei parenteraler Ernährung
8.2.1 Hyperlipidämie
8.2.2 Hyperglykämie
8.2.3 Intensität der Blutzuckerüberwachung
8.3 Literatur
8.4 Weiterführende Literatur
9 Das Ernährungsteam
9.1 Zusammensetzung des Ernährungsteams
9.2 Aufgaben des Ernährungsteams
9.3 Effizienz des Ernährungsteams
9.4 Literatur
10 Besonderheiten der ambulanten Therapie
10.1 Ambulante enterale Ernährung
10.2 Ambulante parenterale Ernährung
10.3 Literatur
11 Infusionstherapie
11.1 Wasserhaushalt
11.1.1 Gesamtkörperwasser
11.1.2 Extrazellulärraum
11.1.3 Intravasaler Anteil
11.1.4 Interstitieller Anteil
11.1.5 Intrazellulärraum
11.2 Elektrolythaushalt und seine Störungen
11.2.1 Elektrolyte – Grundlagen
11.2.2 Störungen des Wasser- und Natriumhaushalts
11.2.3 Störungen des Kaliumhaushalts
11.2.4 Störungen des Magnesiumhaushalts
11.2.5 Störungen des Kalziumhaushalts
11.2.6 Störungen des Phosphathaushalts
11.3 Säure-Basen-Haushalt und seine Störungen
11.3.1 Säure-Basen-Haushalt – Grundlagen
11.3.2 Störungen des Säure-Basen-Haushalts
11.4 Ernährungs- und Infusionstherapie in speziellen Situationen
11.4.1 Hypovolämischer Schock
11.4.2 Verbrennung
11.4.3 Herzinsuffizienz
11.4.4 Neurologische Erkrankungen
11.4.5 Neurochirurgie
11.5 Literatur
12 Ernährungs- und Infusionstherapie in der Intensivmedizin
12.1 Sepsis
12.1.1 Definition der Sepsis
12.1.2 Mediatoren der Sepsis
12.1.3 Stoffwechselveränderungen bei Sepsis
12.1.4 Ernährungstherapie
12.1.5 Besonderheiten der Ernährungstherapie
12.2 Akute Pankreatitis
12.2.1 Einleitung
12.2.2 Ernährung bei akuter Pankreatitis
12.2.3 Ernährung bei leichter akuter Pankreatitis
12.3 Akutes Nierenversagen
12.3.1 Infusionstherapie bei akutem Nierenversagen
12.3.2 Ernährungstherapie bei akutem Nierenversagen
12.4 Akutes Leberversagen
12.4.1 Definition
12.4.2 Epidemiologie
12.4.3 Diagnostik
12.4.4 Therapie des akuten Leberversagens
12.5 Akutes Lungenversagen
12.5.1 Definition des ARDS
12.5.2 Ursachen
12.5.3 Pathophysiologie und Pathobiochemie
12.5.4 Ernährungstherapie
12.6 Literatur
13 Ernährungs- und Infusionstherapie in der Viszeralmedizin
13.1 Perioperative Ernährung
13.1.1 Präoperative Phase
13.1.2 Intraoperative Phase
13.1.3 Postoperative Phase
13.2 Entzündliche Darmerkrankungen
13.2.1 Einteilung der entzündlichen Darmerkrankungen und Diarrhöen
13.2.2 Akute infektiöse oder toxische Diarrhöen
13.2.3 Chronische entzündliche Darmerkrankungen (CED)
13.2.4 Zusammenfassung
13.3 Darmversagen und Kurzdarmsyndrom
13.3.1 Einleitung und Definition
13.3.2 Ätiologie, Pathophysiologie und natürlicher Verlauf
13.3.3 Spezifische Infusionstherapie
13.3.4 Venöser Zugang
13.3.5 Organisation heimparenteraler Ernährung
13.4 Adipositas und Bariatrie
13.4.1 Adipositas
13.4.2 Bariatrie
13.5 Chronische Niereninsuffizienz
13.5.1 Einleitung und Definition
13.5.2 Beurteilung der Nierenfunktion/Stadieneinteilung der CNI
13.5.3 Infusionstherapie bei chronischer Niereninsuffizienz (CNI)
13.5.4 Medizinische Ernährungstherapie von Patienten mit chronischer Niereninsuffizienz
13.6 Chronisches Leberversagen
13.6.1 Einleitung
13.6.2 Grundlagen
13.6.3 Ernährungstherapie
13.6.4 Das Wichtigste in Kürze
13.7 Chronische Lungenerkrankungen
13.7.1 Chronisch obstruktive Atemwegserkrankungen
13.7.2 Mukoviszidose
13.8 Literatur
14 Ernährungs- und Infusionstherapie in der Onkologie
14.1 Bedeutung der Ernährung bei Krebserkrankungen
14.2 Mangelernährung, Sarkopenie, Kachexie
14.2.1 Relevanz
14.2.2 Ursachen
14.3 Screening und Assessment
14.3.1 Screening
14.3.2 Assessment
14.4 Ernährungstherapie
14.4.1 Indikationen
14.4.2 Ziele
14.4.3 Möglichkeiten
14.4.4 Energie- und Nährstoffbedarf
14.4.5 Refeeding-Syndrom
14.5 Ernährung bei spezifischer Tumortherapie
14.5.1 Operationen
14.5.2 Radio-/Chemotherapie
14.5.3 Systemische antitumorale medikamentöse Therapie
14.5.4 Autologe und allogene hämatopoetische Stammzelltransplantation (HZT)
14.5.5 Fortgeschrittene Tumorerkrankung ohne antitumorale Therapie
14.5.6 Terminale Phase
14.6 Literatur
15 Supportive Ernährungstherapie
15.1 Ernährung ist Therapie und Prävention – ein Paradigmenwechsel
15.2 Risikofaktor Mangelernährung
15.3 Supportive Ernährungstherapie – Ziele und Indikationen
15.4 Therapeutisches Stufenschema
15.4.1 Ursachen beheben
15.4.2 Etablierte Allgemeinmaßnahmen
15.4.3 Anreicherung der Nahrung
15.4.4 Trink- und Zusatznahrung
15.4.5 Supportive künstliche enterale Ernährung
15.4.6 Supportive künstliche parenterale Ernährung
15.5 Praktische Umsetzung im klinischen Alltag – das „Kasseler Modell“
15.5.1 Wichtige Voraussetzungen
15.5.2 Aufbau interprofessioneller Strukturen
15.5.3 Kostformenkatalog, spezielle Menülinien
15.5.4 Frühzeitiges Screening, standardisierte Behandlungspfade
15.5.5 Individualisierte Patientenversorgung
15.5.6 „ProEnergy-Konzept“
15.5.7 Standardisierte Essensaufnahme
15.6 Literatur
16 Ernährungs- und Infusionstherapie bei Kindern
16.1 Pädiatrie
16.1.1 Einleitung
16.1.2 Indikationen
16.1.3 Applikation
16.1.4 Substrate der parenteralen Flüssigkeits- und Nährstoffzufuhr
16.1.5 Praktische Durchführung
16.1.6 Komplikationen und Überwachung
16.1.7 Heimparenterale Ernährung
16.2 Besonderheiten bei Neugeborenen
16.2.1 Beispiele ernährungsrelevanter physiologischer Besonderheiten von Früh- und Reifgeborenen
16.2.2 „Programmierungseffekte“ („Food Programming“)
16.2.3 Enteraler Nahrungsaufbau
16.2.4 Differenzierungen der Empfehlungen für die Ernährung von Früh- und Reifgeborenen
16.2.5 Ernährung während der nachgeburtlichen Umstellungsreaktionen (Phase I)
16.2.6 Ernährung von Neugeborenen in der Phase des stabilen Wachstums (Phase II)
16.2.7 Monitoring
16.3 Ausgewählte kinderchirurgische Krankheitsbilder
16.3.1 Parenterale Ernährung bei chirurgisch kranken Kindern – ist weniger mehr?
16.3.2 Zentralvenöse Katheter im Kindes- und Jugendalter
16.3.3 Ernährungsstrategien nach chirurgischen Eingriffen am Gastrointestinaltrakt
16.3.4 Ernährungsstrategien bei Verbrennungen im Kindes- und Jugendalter
16.4 Literatur
16.5 Weiterführende Literatur zu: Pädiatrie
17 Ethische, juristische und ökonomische Aspekte
17.1 Künstliche Ernährung aus ethischer Sicht
17.1.1 Grundlegende ethische Aspekte der künstlichen Ernährung
17.1.2 Ärztliche Entscheidungsfindung, Patientenautonomie und weitere ethische Prinzipien
17.1.3 Spezielle ethische Aspekte der künstlichen Ernährung
17.1.4 Schlussfolgerung
17.2 Medizinische Ernährungstherapie aus gesundheitsökonomischer Sicht
17.2.1 Einleitung
17.2.2 Prävalenz der krankheitsassoziierten Mangelernährung
17.2.3 Gesundheitsökonomische Bedeutung der Mangelernährung
17.2.4 Ökonomie der einzelnen Ernährungsintervention
17.2.5 Abbildung im stationärem Vergütungssystem (G-DRG-System)
17.2.6 Poststationäre, ambulante Ernährungsintervention
17.2.7 Direkte Kosten einer medizinischen Ernährungstherapie
17.2.8 Zusammenfassung
17.3 Künstliche Ernährung als medizinische Ernährungstherapie aus forensischer Sicht
17.3.1 Einleitung
17.3.2 Definition
17.3.3 Juristische Grundlage
17.3.4 Indikation
17.3.5 Wegfall der Indikation im Laufe der Behandlung
17.3.6 Einwilligung
17.3.7 Betreuung
17.3.8 Vorsorgevollmacht
17.3.9 Aufklärung
17.3.10 Patientenverfügung
17.3.11 Zivilrechtliche und strafrechtliche Verantwortlichkeit
17.4 Medizinische Ernährungstherapie aus haftpflichtrechtlicher Sicht
17.5 Literatur
18 Abkürzungsverzeichnis
Anschriften
Sachverzeichnis
Impressum/Access Code
P. Stehle, J. Mayer, H. K. Biesalski, M. M. Berger
P. Stehle
Kohlen(stoff)hydrate bestehen aus den Elementen Kohlenstoff, Wasserstoff und Sauerstoff. Je nach Aufbau bzw. Anzahl der Untereinheiten werden Kohlenhydrate in folgende Gruppen eingeteilt:
Einfachzucker (Monosaccharide),
Zweifachzucker (Disaccharide),
Mehrfach-/Vielfachzucker (Oligo-/Polysaccharide).
Die für die menschliche Ernährung quantitativ bedeutsamsten Monosaccharide (Einfachzucker) gehören zu den Hexosen (6 C-Atome in der Struktur): Glukose (Traubenzucker, Dextrose), Fruktose (Fruchtzucker, Lävulose) und Galaktose (Schleimzucker). Die in unseren Lebensmitteln häufig vorkommenden Disaccharide (Zweifachzucker) sind meist glykosidische Verbindungen aus Glukose und einem anderen Monosaccharid. Hierzu gehören Saccharose (Rohrzucker, bestehend aus Glukose und Fruktose), Laktose (Milchzucker, bestehend aus Glukose und Galaktose) und Maltose (Malzzucker, bestehend aus zwei Molekülen Glukose). Polysaccharide (Mehrfachzucker) sind aus mehreren hundert Einheiten zusammengesetzte Polymere eines (Homoglykane) oder verschiedener (Heteroglykane) Monosaccharide. Das pflanzliche Polysaccharid Stärke setzt sich ausschließlich aus Glukosemolekülen zusammen, die durch verschiedenartige glykosidische Bindungen miteinander verknüpft sind. Das Pendant in tierischen Zellen ist das Glykogen. Stärke und Glykogen unterscheiden sich vor allem im Verzweigungsgrad der Glukoseketten. Andere Homoglykane sind Zellulose und Inulin; Heteroglykane sind z.B. Hyaluronsäure, Heparin und Hemizellulose.
Bei üblicher Ernährung werden Polyole (Zuckeralkohole) nur in geringen Mengen aufgenommen. Strukturell charakteristisch ist das Vorkommen von mehreren Hydroxylgruppen (Polyalkohole); das Grundgerüst kann sowohl einen linearen (z.B. Sorbit, Xylit) als auch einen zyklischen Aufbau aufweisen. In der klinischen Ernährung wurde zeitweilig der Einsatz von Xylit bzw. Sorbit als insulinunabhängig verstoffwechseltem Zuckerersatzstoff im insulinresistenten Stressstoffwechsel favorisiert.
Mit der Nahrung aufgenommene Monosaccharide können direkt über die Darmmukosa aufgenommen werden. Die Verdauung (Spaltung in verfügbare Monosaccharide) von polymeren Kohlenhydraten (Oligo- und Polysaccharide) beginnt bereits im Mund durch das im Speichel vorhandene Enzym α-Amylase (Ptyalin). Während der Passage des Nahrungsbreis (Chymus) durch den Magen wird der Kohlenhydratabbau unterbrochen.
Mit der Einstellung eines neutralen bzw. leicht alkalischen pH und der Sezernierung des Pankreasenzyms α-Amylase wird die Verdauung im Dünndarm fortgesetzt; als Endprodukte der Hydrolyse von pflanzlicher Stärke bzw. tierischem Glykogen entstehen dabei überwiegend Maltose, Maltotriose bzw. Grenzdextrine. Der Abbau dieser Zwischenprodukte sowie mit der Nahrung aufgenommener Disaccharide zu verfügbaren Monosacchariden erfolgt letztlich durch membrangebundene Enzyme an den Mikrovilli der Darmschleimhaut (z.B. Laktase, Maltase). Die anschließende Absorption der Monosaccharide Glukose und Galaktose wird durch Natrium-abhängigen aktiven Transport bewerkstelligt; für Fruktose, Mannose und alle Pentosen (z.B. Ribose) sind passive Mechanismen (Diffusion) nachgewiesen.
Die Aufnahme von mit der Nahrung aufgenommenen bzw. aus Disacchariden freigesetzten Monosacchariden erfolgt rasch: Bereits nach ca. 30 min kann ein quantitativer Glukoseanstieg im Plasma nachgewiesen werden (hoher glykämischer Index). Aufgrund der notwendigen Spaltungsprozesse erfolgt die Aufnahme von Monosacchariden aus Oligo- und Polysacchariden verzögert (niedriger glykämischer Index).
Polymere, bei denen die einzelnen Monosaccharide β-1,4-glykosidisch verknüpft sind (z.B. Zellulose), können durch die menschliche α-Amylase nicht gespalten werden. Diese nicht verdaulichen nutritiven Kohlenhydrate werden der Gruppe der Nahrungsfasern (Ballaststoffe) zugeordnet.
Zentraler Weg des Kohlenhydratabbaus ist die intrazelluläre Spaltung von Glukose im Rahmen der Glykolyse; andere aufgenommene Monosaccharide werden in Glukose umgewandelt bzw. auf verschiedenen Stufen in die Glykolyse eingeschleust. Bei der anaeroben Glykolyse werden pro Mol nur 2 Mol ATP freigesetzt; beim aeroben Abbau entstehen dagegen 38 Mol ATP (pro Gramm Glukose 4 kcal). Bei der aeroben Glykolyse beträgt der sog. respiratorische Quotient (Verhältnis von gebildetem Kohlendioxid zu verbrauchtem Sauerstoff) 1,0 und liegt damit günstiger als bei der Fettsäurenoxidation (0,7).
Praxistipp
Dies kann in Situationen mit reduzierter Sauerstoffaufnahme entscheidend für die Wahl des Energiesubstrates sein.
Die Regulation des Kohlenhydratstoffwechsels erfolgt durch verschiedene Hormone: Katecholamine, Glukagon und Cortisol induzieren die Aktivität der Schlüsselenzyme der Glykolyse (Hexokinase, Phosphofruktokinase, Pyruvatkinase), Insulin hingegen vermindert deren Aktivität.
Manche Zellen und Organe sind aus energetischer Sicht vollständig auf die Verfügbarkeit von Glukose angewiesen: Erythrozyten (Fehlen von Mitochondrien – keine β-Oxidation möglich), Gehirn (keine Glykogenspeicher; Fettsäuren passieren nicht die Blut-Hirn-Schranke) und die Tubuluszellen der Nieren. Endogen kann Glukose aus Aminosäuren, Laktat und Glycerin synthetisiert werden (Glukoneogenese) und damit zur Versorgung der Organe beitragen. Werden über längere Zeit keine Kohlenhydrate zugeführt, können zudem alternativ Endprodukte der Fettsäurenoxidation (Ketone, z.B. Hydroxybutyrat) als Energiequelle genutzt werden.
Glykosylierte Makromoleküle (z.B. Glykoproteine und Glykolipide) entstehen durch die Anbindung von Mono-, Di- oder Oligosacchariden an bestehende Strukturen. Diese erfüllen zahlreiche Funktionen im Organismus: Aufbau von zellulären Strukturen, Modulation von Zellinteraktionen, Bestandteil des Immunsystems. Glykosylierte Makromoleküle können auch als „unerwünschte“ Syntheseprodukte bei Vorliegen von Stoffwechselstörungen (z.B. HbA1c) entstehen.
Durch menschliche Enzyme nicht verdauliche Kohlenhydrate erfüllen eine Reihe wichtiger Funktionen: Sie sind Substrat für Darmbakterien – dadurch Abbau zu kurzkettigen Fettsäuren, günstige Beeinflussung des Blutlipidspiegels, verzögerte Verdauungsprozesse – und bewirken ein verstärktes Sättigungsgefühl. Gemäß der evidenzbasierten Leitlinie zur Kohlenhydratzufuhr wirken Nahrungsfasern (Ballaststoffe) präventiv in Bezug auf das Risiko für Adipositas, Hypertonie, koronare Herzkrankheit und maligne Tumoren ▶ [75].
In pathophysiologischen Situationen muss die Zufuhr in jedem Fall medizinisch abgeklärt werden.
Aufgrund der endogenen Synthesekapazität besteht für den Menschen kein „Bedarf“ an Kohlenhydraten bzw. Glukose. Bei gesunden Erwachsenen wird jedoch empfohlen, die pro Tag im Durchschnitt umgesetzte Menge an Glukose (150–180 g) durch eine entsprechende Zufuhr mit der Nahrung zu „ersetzen“, bei oraler Ernährung bevorzugt durch Polysaccharide ▶ [75].
Kohlenhydrate können im Stoffwechsel in Fett umgewandelt werden. Somit führt eine energetische Überernährung mit Kohlenhydraten zur Bildung von Fettdepots.
Info
Eine längere kohlenhydratfreie Ernährung führt zu weitreichenden Stoffwechselumstellungen (z.B. Hypoglykämie, verminderte Glukosetoleranz, Ketose).
Heute besteht Konsens, Glukose (parenteral) bzw. glukoseliefernde Substrate (enteral) grundsätzlich in der Ernährungstherapie einzusetzen (regelmäßige Kontrolle der Blutglukosespiegel erforderlich) ▶ [43], ▶ [92].
Cave
Es ist jedoch zu beachten, dass zu hohe Mengen an Glukose (Kohlenhydrate) mit Lungenfunktionsstörungen einhergehen können (hohe CO2-Belastung).
Klinische Studien zum Einsatz von insulinunabhängigen „Glukose-Ersatzstoffen“ (Fruktose, Xylit, Sorbit) in der parenteralen Ernährung zeigen bisher keine oder nur geringe Vorteile. In der Intensivmedizin ist die Verwendung von Fruktose bzw. Zuckeralkoholen aufgrund einer möglicherweise vorliegenden Fruktose-Intoleranz obsolet.
Eine durch parenterale Ernährung verstärkte, länger anhaltende Hyperglykämie ist signifikant mit einem komplizierten Verlauf assoziiert und hat zum viel diskutierten Konzept einer „intensivierten Insulintherapie“ geführt.
In der operativen Medizin wird mit dem Ziel einer Normoglykämie und Vermeidung einer postoperativen Insulinresistenz präoperativ ein Glukosedrink in der Nacht und 2 Stunden vor der Operation verabreicht – sogenanntes „Carbohydrate Loading“.
In der Ernährungstherapie sind Kohlenhydrate/Glukose unabdingbare Bestandteile, sowohl als Energielieferanten als auch zum Aufbau von zellulären Strukturen und bioaktiven Metaboliten. Die klinische Nutzung dieser unterschiedlichen Komponenten wird in den folgenden Kapiteln beleuchtet.
P. Stehle
Aminosäuren sind Carbonsäuren, bei denen an der Kohlenstoffkette ein Wasserstoffatom durch eine Aminogruppe ersetzt ist. Je nach deren Position – also der Stellung der Aminogruppe relativ zur Carboxylgruppe – werden α-, β-, und γ-Aminosäuren unterschieden. Charakteristisch für jede Aminosäure ist die funktionelle Seitenkette, die auch die jeweiligen chemischen Eigenschaften (sauer, basisch; hydrophob, hydrophil) prägt. Mit Ausnahme von Glycin sind alle Aminosäuren chirale Moleküle (Vorkommen von 2 Enantiomeren: D- und L-Form).
Die luminale Aufnahme und der epitheliale Transport von Aminosäuren und Di- und Tripeptiden (Moleküle mit zwei bzw. drei Aminosäurenresten) erfolgen transzellulär mit Hilfe von Transportproteinen (Translokatoren, aktiver Transport). Die Transporter weisen eine Substratspezifität auf, z.B. für neutrale, basische bzw. saure Aminosäuren. Für nichtproteinogene Aminosäuren existieren eigene Transportsysteme.
Di- und Tripeptide werden mit Hilfe spezieller Oligopeptid-Cotransporter, gekoppelt mit einer effektiven Hydrolyse (Freisetzung der konstituierenden Aminosäuren), aus dem Darm aufgenommen. Aufgrund der hohen Transportrate besitzen kurzkettige Peptide einen „kinetischen“ Vorteil (schnelleres Erscheinen der zugeführten Aminosäuren im Blutkreislauf).
Intravenös verabreichte Dipeptide werden durch Peptidasen effektiv gespalten; die freigesetzten Aminosäuren werden durch Aminosäuretransporter in die Zielzellen aufgenommen.
Für die endogene Proteinsynthese im menschlichen Organismus werden 20, nach ihrer primären Funktion als „proteinogen“ bezeichnete Aminosäuren benötigt.
Elf dieser Aminosäuren kann der gesunde, erwachsene Organismus in ausreichenden Mengen in allen Lebenssituationen selbst synthetisieren, die sog. nichtessenziellen (entbehrlichen) Aminosäuren: Alanin, Arginin, Asparagin, Asparaginsäure, Cystein, Glutamin, Glutaminsäure, Glycin, Prolin, Serin, Tyrosin. Im Rahmen der Ernährung sind diese eine wichtige Quelle für Stickstoff, in ihrer Zusammensetzung sind sie jedoch in weiten Bereichen austauschbar.
Neun proteinogene Aminosäuren können im menschlichen Stoffwechsel aufgrund des Fehlens eines oder mehrerer Enzyme nicht gebildet werden, sie werden als essenzielle (unentbehrliche) Aminosäuren bezeichnet: Histidin, Isoleucin, Leucin, Lysin, Methionin, Phenylalanin, Threonin, Tryptophan, Valin. Die langfristige Aufrechterhaltung des Stickstoffgleichgewichts und der endogenen Proteinsynthese erfordert eine regelmäßige, den Bedarf deckende exogene Zufuhr dieser Aminosäuren. Mit Ausnahme von Lysin und Threonin kann der Bedarf auch durch die Zufuhr von Ketosäuren gedeckt werden (Enzym-katalysierte Transaminierung zu Aminosäuren möglich ▶ [75]).
In bestimmten Krankheitssituationen muss diese für Gesunde geltende Einteilung modifiziert werden. Aufgrund von stark erhöhtem Bedarf bzw. krankheitsbedingt eingeschränkter Enzymkapazitäten ist es möglich, dass die endogene Synthese nicht mehr ausreicht. Bei Früh-/Neugeborenen sind die endogenen Stoffwechselwege zur Aminosäurensynthese noch nicht bzw. nicht ausreichend ausgebildet. Liegen genetisch bedingte Enzymdefekte vor (z.B. Phenylketonurie), ist die Synthese für eine bzw. mehrere Aminosäuren nicht möglich.
Diese Erkenntnisse führten zur Einführung des Begriffes „bedingt unentbehrliche Aminosäuren“▶ [86]. Zu dieser Gruppe gehören vor allem Cystein, Glutamin, Tyrosin und möglicherweise Arginin. Zur Vermeidung von Mangelerscheinungen ist die Zufuhr dieser Nährstoffe in den entsprechenden klinischen Situationen unabdingbar.
Zu den mit der Nahrung zugeführten bzw. im Stoffwechsel gebildeten nichtproteinogenen Aminosäuren gehören vor allem Citrullin, Ornithin, Taurin und β-Alanin.
Citrullin und Ornithin sind Zwischenprodukte des Harnstoffzyklus und werden auch als Vorstufen für die endogene Arginin-Synthese eingestuft. Ornithin ist Ausgangsprodukt für die Synthese von Polyaminen.
Taurin (β-Aminosulfonsäure) wird im Rahmen der Transsulfurierung (Ausgangsprodukt Methionin) gebildet. Taurin besitzt vielfältige physiologische Funktionen: Stabilisierung des Membranpotenzials, Modulation des Kalziumtransports, Beteiligung an der Osmoregulation, Neuromodulation im ZNS, Bildung von Gallensäurenkonjugaten; außerdem weist Taurin ausgeprägte antioxidative Eigenschaften auf.
β-Alanin ist Bestandteil der Pantothensäure (wasserlösliches Vitamin aus der Gruppe der B-Vitamine) und des im Stoffwechsel gebildeten Coenzyms A.
Unabhängig von ihrer Funktion als Proteinbausteine besitzen Aminosäuren weitere vielfältige Funktionen im Stoffwechsel als Vorstufen für verschiedene stickstoffhaltige Metabolite ( ▶ Tab. 3.1 ). Im Rahmen des Abbaus (Decarboxylierung, Desaminierung) von Aminosäuren entstehende Aminogruppen und Kohlenstoffketten werden zur endogenen Synthese von Aminosäuren und anderen Substraten genutzt.
Tab. 3.1
Aminosäuren als Vorstufen von Metaboliten (Auswahl).
Aminosäure
Metabolit
Glutamin
Glutathion
Glycin
konjugierte Gallensäuren
Glutathion
Konjugate organischer Säuren
Cystein
Taurin
Glutathion
Gallensäuren
Homocystein
Tyrosin
Noradrenalin/Adrenalin
Schilddrüsenhormone (T3, T4)
Melanin
Tryptophan
Serotonin
Nikotinsäure (Niacin)
Arginin
Kreatin
Stickstoffmonoxid
Serin
Ethanolamin
Cholin, Acetylcholin
Histidin
Histamin
Der tatsächliche Bedarf an unentbehrlichen bzw. bedingt unentbehrlichen Aminosäuren bei Krankheit ist nicht bekannt.
Praxistipp
Bei der Planung einer ernährungstherapeutischen Maßnahme werden daher für unentbehrliche Aminosäuren die Bedarfszahlen für Gesunde herangezogen (World Health Organisation ▶ [161]; European Food Safety Authority ▶ [78]) und in der Regel verdoppelt (Abdeckung eines möglichen krankheitsbedingten Mehrbedarfs durch Verschiebungen im Aminosäurenstoffwechsel; Synthese von Akut-Phase-Proteine, Gewinnung von Energie).
Die in pathophysiologischen Situationen beobachtete negative Stickstoffbilanz ist abhängig von der Schwere des Traumas, einem möglichen Auftreten von Komplikationen, dem Alter und dem Ernährungszustand vor Eintritt des Traumas. Eine frühe (24–48h nach Trauma), energetisch angepasste Ernährungstherapie mit adäquaten Mengen an Protein/Aminosäuren kann die Stickstoffverluste minimieren, jedoch nicht vollständig verhindern.
Die Gabe einzelner bedingt unentbehrlicher Aminosäuren richtet sich an aktuellen Interventionsstudien aus. Gleiches gilt für die Verabreichung von nichtproteinogenen Aminosäuren.
Eine an die klinische Situation angepasste Protein-/Aminosäurenzufuhr als Teil einer begleitenden Ernährungstherapie ist zur Unterstützung des Heilungsprozesses und der nachfolgenden Rehabilitation unabdingbar. Unser heutiges Wissen über pathophysiologische Veränderungen bei verschiedenen Krankheitsbildern erlaubt die Formulierung geeigneter Protein-/Aminosäurenpräparate zur Minimierung des Abbaus von Skelettmuskulatur und zur Unterstützung überlebensnotwendiger Adaptationsprozesse nach Eintritt eines Traumas.
P. Stehle, K. Mayer
Lipide stellen eine chemisch heterogene Gruppe von Nährstoffen dar, deren gemeinsame charakteristische Eigenschaft die hohe Löslichkeit in organischen Lösungsmitteln ist. Zu dieser Substanzklasse gehören
Neutralfette (Mono-, Di- Triglyceride),
Steroide (z.B. Cholesterol, Phytosterole),
fettlösliche Vitamine (A, D, E, K),
sog. komplexe Lipide (z.B. Phospholipide, Glykolipide),
Wachse.
Neutralfette und komplexe Lipide enthalten in ihrer Struktur eine oder mehrere Fettsäuren (Carboxysäuren mit Methylende); die Abspaltung der Fettsäuren (z.B. während des Verdauungsprozesses von Triglyceriden) wird als „Verseifung“ bezeichnet.
Die im menschlichen Organismus und in den Lebensmitteln vorkommenden Fettsäuren (FS) werden nach der Kettenlänge in verschiedene Gruppen eingeteilt:
kurzkettige FS (bis 4 C-Atome),
mittelkettige FS (6–12 C-Atome),
langkettige FS (mehr als 12 C-Atome).
