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Beschreibung

Klinische Soziale Arbeit als eigenständiges Fachgebiet ist eine der jüngsten Disziplinen und Professionen in der österreichischen akademischen Bildungslandschaft. Erst seit 2007 wird sie an der FH Campus Wien und seit 2010 an der Fachhochschule Vorarlberg auf Masterniveau gelehrt. Dabei umfasst sie mit ihren vertiefenden methodischen Zugängen ein breites Spektrum innerhalb der Handlungsfelder der Sozialen Arbeit. Ihre fachliche Orientierung ist aufgrund der Beratung, Betreuung und Behandlung vom Menschen in komplexen Multibedarfslagen vielfältig und nicht nur in Einrichtungen des Gesundheitswesens verankert. Das umfassende Praxishandbuch möchte theoretisches Wissen vermitteln und setzt sich dabei mit den grundlegenden Konzepten und Theorien der Klinischen Sozialen Arbeit, wie dem biopsychosozialen Konzept, der Salutogenese, der Resilienz, Social Support u.a. auseinander. Ausgewählte Handlungsfelder wie Psychiatrie, Onkologie, Geriatrie, Klinische Soziale Arbeit mit traumatisierten Menschen etc. werden mit ihren theoretischen Bezügen dargestellt. Unter Einbezug dieser neuen theoretischen und empirischen Erkenntnisse bietet das Buch Studierenden, Lehrenden und Praktiker*innen einen guten fachlichen Überblick und beteiligt sich am wissenschaftlichen Diskurs der Klinischen Sozialen Arbeit in Österreich.

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Seitenzahl: 306

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Elisabeth Steiner, Saskia Ehrhardt (Hg.)

Klinische Soziale Arbeit in Österreich

Die Herausgeberinnen

Elisabeth Steiner, Prof.in (FH), DSAin, Mag.a Dr.in, Psychologin und Diplomierte Sozialarbeiterin. Studiengangsleiterin am Masterstudiengang „Sozialraumorientierte und Klinische Soziale Arbeit“ und Departmentleitung Soziales an der FH Campus Wien. Ehemalige Leiterin des Kompetenzzentrums Soziale Arbeit. Diverse Schwerpunkte in Lehre und Forschung siehe https://personen.fh-campuswien.ac.at/elisabeth-steiner/.

Kontakt: [email protected]

Saskia Ehrhardt, Mag.a, MA, Studien der Erziehungswissenschaft, psychoanalytisch orientierten Sozialtherapie im Suchtbereich, Sozialwirtschaft und Sozialen Arbeit. Hauptberuflich beschäftigt am Masterstudiengang „Sozialraumorientierte und Klinische Soziale Arbeit“ an der FH Campus Wien. Vorstandsmitglied des European Centre for Clinical Social Work (ECCSW). Diverse Schwerpunkte in Lehre und Forschung siehe https://www.fh-campuswien.ac.at/die-fh/personen/detail/saskia-ehrhardt.html.

Kontakt: [email protected]

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen

Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Alle Angaben in diesem Buch erfolgen trotz sorgfältiger Bearbeitung ohne Gewähr,

eine Haftung der Herausgeberinnen, der Autor:innen oder des Verlages ist

ausgeschlossen.

Copyright © 2021 Facultas Verlags- und Buchhandels AG

facultas Universitätsverlag, Stolberggasse 26, 1050 Wien, Österreich

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und der Verbreitung

sowie der Übersetzung, sind vorbehalten.

Umschlagbild: © STILLFX/iStock

Satz: Wandl Multimedia Agentur, Großweikersdorf

Lektorat: Astrid Fischer, Berlin

Druck und Bindung: Facultas Verlags- und Buchhandels AG, Wien

Printed in Austria

ISBN 978-3-7089-2143-3

eISBN 978-3-99111-374-4

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Elisabeth Steiner, Saskia Ehrhardt

Aktuelle Diskurse in der Klinischen Sozialen Arbeit

Klinische Soziale Arbeit als Disziplin und Profession

Elisabeth Steiner, Heinz Wilfing

Das biopsychosoziale Modell als Paradigma in der Klinischen Sozialen Arbeit

Helmut Pauls

Forschungsperspektiven in der Klinischen Sozialen Arbeit und deren Besonderheiten

Elisabeth Steiner

Quantitative Einzelfallanalyse als Evaluierungsmethode in der Klinischen Sozialen Arbeit

Andreas Bengesser

Sozialtherapie als Behandlungsansatz in der Klinischen Sozialen Arbeit.Professionelles Handeln in der sozialen Dimension von Gesundheit

Saskia Ehrhardt, Elisabeth Steiner

Potenziale eines sozialräumlichen Blicks für die Klinische Soziale Arbeit

Christoph Stoik

Achtsamkeitsdenken und die Frage nach der Würde des Menschen.Erwägungen zu einem ethischen Grundverständnis der Klinischen Sozialen Arbeit

Johannes Vorlaufer

Klinische Soziale Arbeit in unterschiedlichen Handlungsfeldern

Quo vadis? Klinische Soziale Arbeit in der ambulanten Sozialpsychiatrie

Georg Psota, Stefan Schwab, Josef Schörghofer

Psychotraumatologie und Resilienz im doppelten Fokus der Klinischen Sozialen Arbeit. Die Entwicklung eines Schemas Sozialtherapeutischer Interventionsplanung auf Individual- und Systemebene

Melanie Zeller

Die disziplinäre Zuständigkeit der Klinischen Sozialen Arbeit in der sozialen Dimension von Suchterkrankungen

Saskia Ehrhardt

Klinische Soziale Arbeit mit älteren Menschen

Michaela Fichtenbauer

Umwege verbessern die Ortskenntnisse: Zur Qualitätssicherung und Outcome-Forschung (Begleitforschung) in der Klinischen Sozialen Arbeit im Handlungsfeld der ambulanten Kinder- und Jugendpsychiatrie

Karoline Benedikt, Patrick Frottier

Klinische Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt auf Kindern und Jugendlichen mit chronischen Gesundheitsproblemen und deren Familien

Kerstin Krottendorfer

Klinische Soziale Arbeit und Gesundheitskompetenz

Gudrun Fritz

Das Social-Support-Konzept. Erkenntnisse über den Puffereffekt und dessen Erschließung für die Klinische Soziale Arbeit

Saskia Ehrhardt, Elisabeth Steiner, Andreas Bengesser

Verzeichnis der Autorinnen und Autoren

Vorwort

Klinische Soziale Arbeit als eigenständiges Fachgebiet ist eine der jüngsten Disziplinen und Professionen in der österreichischen akademischen Bildungslandschaft. Erst seit 2007 wird Klinische Soziale Arbeit an der FH Campus Wien und seit 2010 an der Fachhochschule Vorarlberg auf Masterniveau gelehrt. Dabei umfasst sie mit ihren spezialisierten methodischen Zugängen ein breites Spektrum innerhalb der Praxisfelder der Sozialen Arbeit. Ihre fachliche Orientierung ist aufgrund der Beratung, Betreuung und Behandlung von Menschen in komplexen Multibedarfslagen vielfältig und nicht nur in Einrichtungen des Gesundheitswesens verankert.

Das umfassende Praxishandbuch möchte theoretisches Wissen vermitteln und setzt sich dabei mit den grundlegenden Konzepten und Theorien der Klinischen Sozialen Arbeit, wie dem biopsychosozialen Konzept, der Salutogenese, der Resilienz, Social Support u. a., auseinander. Ausgewählte Praxisfelder wie Psychiatrie, Onkologie, Geriatrie, Klinische Soziale Arbeit mit traumatisierten Menschen etc. werden mit ihren theoretischen Bezügen dargestellt. Unter Einbezug dieser neuen theoretischen und empirischen Erkenntnisse bietet das Buch Studierenden, Lehrenden und Praktiker*innen einen umfassenden fachlichen Überblick und beteiligt sich am wissenschaftlichen Diskurs der Klinischen Sozialen Arbeit in Österreich.

Die Grundidee zur Umsetzung dieses Herausgeber*innenbandes besteht schon seit längerer Zeit. Die Beteiligung der Studierenden des Masterstudiengangs „Sozialraumorientierte und Klinische Soziale Arbeit“ an der FH Campus Wien ist hier größer, als man auf den ersten Blick vermuten sollte. Zahlreiche und kritische Diskussionen über den Gegenstand der Klinischen Sozialen Arbeit, deren Positionierung und disziplinäre Abgrenzung füllten die Lehrveranstaltungen und forderten auch uns als Lehrende in der Auseinandersetzung mit der sich entwickelnden Fachdisziplin.

Vielen Dank also an unsere vielen Absolvent*innen für die spannenden Debatten und das Hinaustragen des Wissens über Klinische Soziale Arbeit in die Praxisfelder.

Wir danken natürlich auch allen Kolleginnen und Kollegen, die uns mit jedem einzelnen Kapitel im vorliegenden Buch dabei unterstützt haben, der Klinischen Sozialen Arbeit mehr Sichtbarkeit zu verschaffen.

Ein besonderer Dank gilt an dieser Stelle auch Frau MMag. Dr. Sigrid Mannsberger-Nindl von der Facultas Verlags- und Buchhandels AG, die uns schon bei anderen Buchprojekten unterstützt hat. Gedankt sei auch Frau Mag. Victoria Tatzreiter und unserer Lektorin Astrid Fischer für ihre sorgfältige Manuskriptsichtung.

Wien, September 2021

Elisabeth Steiner und Saskia Ehrhardt

Aktuelle Diskurse in der Klinischen Sozialen Arbeit

Klinische Soziale Arbeit als Disziplin und Profession

Elisabeth Steiner, Heinz Wilfing

Verortung der Klinischen Sozialen Arbeit in Forschung und evidenzbasierter Praxis

Klinische Soziale Arbeit als eigenständiges Fachgebiet ist eine der jüngsten Disziplinen in der österreichischen akademischen Bildungslandschaft. Erst seit 2007 wird sie an der FH Campus Wien und seit 2010 an der Fachhochschule Vorarlberg auf Masterniveau gelehrt. Die Etablierung der Ausbildung im Hochschulsektor im Zuge des Bolognaprozesses machte jedoch noch nicht per se aus der Klinischen Sozialen Arbeit eine Disziplin. Die Emanzipation gegenüber den Bezugswissenschaften in Hinblick auf originär sozialarbeiterische wissenschaftliche Forschung und die Entwicklung ihrer Eigenständigkeit in Bezug auf Interventionen und theoretische Bezüge basiert zwar gerade in Österreich auf einer langen Tradition, die aber, will man es provokant sehen, sowohl als Fluch als auch als Segen angesehen werden kann. Natürlich beschäftigt sich jede neu entstehende wissenschaftliche Disziplin mit der Frage, wodurch sie sich von den anderen, bereits länger etablierten unterscheiden lässt und wo daraus resultierend auch die eigene Einzigartigkeit besteht. Jedoch möchten die Autor*innen es im Zugang dazu mit Mayrhofer (2020, S. 235) halten, denn „ab einem gewissen Zeitpunkt langweilt die disziplinäre Nabelschau allerdings vorrangig, spätestens dann gilt es die Arbeitshypothese zu akzeptieren, eine Disziplin zu sein – und einfach so zu handeln – wie eine Disziplin“.

Die in der Disziplin „Klinische Soziale Arbeit“ systematische, aber oft auch zufällige Erkenntnisgewinnung mit einer methodisch bedingten klinisch-sozialarbeiterischen Perspektive auf Praxis und Forschung erforderte einerseits die Anlehnung bzw. Nutzbarmachung enormer Wissensbestände aus anderen Disziplinen, aber auch die Ablösung von jenen in vielen Bereichen. Als handlungswissenschaftlich ausgerichtete Disziplin mit dem Mandat, Lebensweisen und Lebenslagen mittels professioneller Methoden zu verstehen und zu verändern, ist es in der Klinischen Sozialarbeit von besonderer Bedeutung, für eine empirische Basis der Praxis zu sorgen (vgl. Gahleitner & Mühlum, 2010). Dies geschieht neben zahlreichen namhaften deutschen und österreichischen Publikationen im Fachgebiet unter anderem auch mit den zum Abschluss des Masterstudiengangs erforderlichen empirischen Abschlussarbeiten. Seit 2009 kann hier die beachtliche Anzahl von 501 Masterarbeiten an der FH Campus Wien (Stand Jänner 2021) genannt werden, von denen 369 der klinischen Vertiefungsrichtung des Masterstudiengangs „Sozialraumorientierte und Klinische Soziale Arbeit“ zuzuordnen sind. Hinzu kommen 95 Absolvent*innen der FH Vorarlberg (Stand Februar 2021). In diesen wissenschaftlichen Abschlussarbeiten wird sowohl die Theorieentwicklung im Sinne der Vermehrung von grundlegendem Wissen für die Klinische Soziale Arbeit als auch die Verwertung spezifischer sozialklinischer Theorien und Methoden aus der Praxis verfolgt, eben im Sinne einer handlungswissenschaftlich ausgerichteten Disziplin. Eine grundsätzliche Diskussion über Grundlagenforschung und angewandte Forschung soll hier nicht angerissen werden, da deren Relevanz speziell in der Klinischen Sozialen Arbeit sehr differenziert zu sehen ist.

Bezieht man die Begrifflichkeit der Profession in die Diskussion mit ein, dann kann Klinische Soziale Arbeit als Fachrichtung, quasi als „vertiefende“ Soziale Arbeit ausgehend von der Definition der Internationalen Federation of Social Workers (IFSW) bereits seit 2014 als Profession und wissenschaftliche Disziplin definiert werden. Grundlegend sind Theorien der Sozialen Arbeit, der Sozial- und Humanwissenschaften und originäres (indigenes) sozialarbeiterisches Wissen:

“Social work is a practise-based profession and an academic discipline that promotes social change and development, social cohesion, and the empowerment as liberation of people. [...] Underpinnend by theories of social work, social sciences, humanities and indigenous knowledge, social work engages people and structures to address life challenges and enhance wellbeing.” (IFSW, 2014)

Ein wichtiger Schritt für die Positionierung der Klinischen Sozialen Arbeit im wissenschaftlichen Kontext wurde durch die Etablierung der Arbeitsgemeinschaft „Klinische Soziale Arbeit“ im Rahmen der neu gegründeten Österreichischen Gesellschaft für Soziale Arbeit (ogsa) im Jahre 2012 getätigt (www.ogsa.at). Diese Organisation vertritt die Positionen der Fachwissenschaften und verfolgt keine berufspolitischen Ziele. Innerhalb der ogsa geht eine Arbeitsgruppe „Körper-Leib und Soziale Arbeit“ noch einen Schritt weiter und bezieht im biopsychosozialen Sinn auch eine Körperarbeit mit ein. „Reden reicht nicht!?“ setzt sich als Thema eines multisensorisch intervenierenden und wirkenden klinischen Ansatzes zunehmend durch (Bohne et. al., 2016, S. 8), der „body turn“ und die Wahrnehmung des Körpers als „Ressource in der Sozialen Arbeit“ wie auch als „Ort der sozialen Veränderung“ stellen eine noch weiter zu entwickelnde Aufgabe einer klinisch-sozialen Arbeit dar (Wendler & Huster, 2015, S. 42).

Um sich in der interdisziplinären Fachlandschaft zu bewegen und auch zu behaupten, muss die Forschung mit ihren sozialarbeitsspezifischen Zugängen weiterentwickelt werden. „Dabei sollte es zum Standard werden, jede Intervention begleitend zu evaluieren und schrittweise zu entwickeln, bevor diese abschließend auf ihre Wirkung geprüft wird“ (Steiner, 2019, S. 91). Die Klinische Soziale Arbeit wird sich in Österreich nur dann weiterentwickeln können, wenn der „klinische Habitus“ bei den Praktiker*innen auch vermehrt durch Rezeption und Implementation von Forschungsergebnissen sowie durch ein eigenständiges Anstreben einer steten Evidenzbasierung ihrer Konzepte, Methoden und Interventionen ergänzt und erweitert wird. Hier ist jedoch schon viel erreicht und es scheint wirklich, als gewinne man immer mehr ein „klares Selbstverständnis als forschungsintensive Disziplin und Profession“ (Gahleitner, 2013, S. 55).

Fachhistorische Wurzeln und vorausgehende Entwicklungslinien Klinischer Sozialer Arbeit

Für eine Klinische Sozialarbeit findet sich historisch schon ein Bezug zu Freud, der 1926 eine „analytische Schulung der social worker zur Bekämpfung der kulturellen Neurosen“ empfahl (Freud, 1982, S. 207, 340). Wurzeln liegen auch im clinical social work in den USA, dessen Entwicklung fachhistorisch unter anderem durch eine Reihe österreichischer Pioniere*innen gefördert wurde. Allerdings stellt die Klinische Soziale Arbeit ungeachtet der Namensgleichheit keine unmittelbare Fortführung dieser Konzepte dar, sie war vielmehr als Neuentwicklung und auf Basis einer evidenzbasierten Forschungspraxis zu begründen und auch in Österreich auf die soziokulturellen Bedingungen der jeweiligen Lebenswelten hin zu orientieren.

Im Zeitraum 1975–1985 wurde auf Initiative von Hans Strotzka ein „Fachkurs für vertiefte Einzelfallhilfe und psychiatrische Fürsorge“ von der Österreichischen Gesellschaft für psychische Hygiene ausdrücklich für Sozialarbeiter*innen angeboten. Der etwa halbjährige Kurs vermittelte klinisch orientierte Methoden und Interventionsformen und befähigte so zu einer Form primär tiefenpsychologisch orientierter Praxis von clinical case work wie auch schon zu einer intervenierenden Familien- und Gruppenarbeit. Damit wurde bereits längere Zeit vor den Hochschulgründungen ein Ansatz klinisch ausgerichteter Fachsozialarbeit auf qualifiziertem Niveau initiiert und vermittelt.

Verbunden mit klinisch-sozialen Ansätzen erscheint (nicht nur) im deutschsprachigen Raum die Entwicklung der Familientherapie. „Deshalb begrüßte die Soziale Arbeit diesseits wie jenseits des Atlantiks die ganz überwiegend nicht von Sozialen ArbeiterInnen entwickelten familientherapeutischen Konzepte und Modelle mit großer Begeisterung“ (Heekerens, 2016, S. 96). Horst-Eberhard Richter hatte die Arbeitsgemeinschaft für Familienforschung und Familientherapie (AGF) in Deutschland, Österreich und der Schweiz initiiert, von welcher eine ursprünglich analytische, später zum systemischen Ansatz hin orientierte Familientherapie ausging und ihre Verbreitung im deutschsprachigen Raum fand. In diese Entwicklung wurde ausdrücklich auch die Soziale Arbeit miteinbezogen (Wilfing, 1976, S. 111–122).

Raoul Schindler leitete den Psychohygienischen Dienst des Wiener Gesundheitsamts, in welchem überwiegend Sozialarbeiter*innen in aufsuchender psychiatrischer Rehabilitation und Betreuung Suchtkranker klinisch tätig waren und aus dem sich später der Psychosoziale Dienst (PSD) entwickelt hat. Schindler hat wesentliche Beiträge zu Gruppentherapie und Gruppendynamik vorgelegt (Schindler, 2016), er ermöglichte den Mitarbeiter*innen vielfache Fort- und Weiterbildungen in diesem Bereich und trug so zur Bildung eines Kreises klinischspezialisierter Sozialarbeiter*innen bei.

Das European Centre for Clinical Social Work (ECCSW, www.eccsw.eu), eine Initiative von Kolleg*innen aus Deutschland, der Schweiz und Österreich, hat wesentlich zur Entwicklung der klinisch-sozialen Disziplin als spezialisierte Fachsozialarbeit beigetragen. Die beim ECCSW abrufbare Expertise begünstigte und beeinflusste die Gründung von Masterstudiengängen für Klinische Soziale Arbeit auch an den österreichischen Fachhochschulen FH Campus Wien und FH Vorarlberg. Österreichische Kolleg*innen sind auch weiterhin repräsentativ im ECCSW vertreten.

Akademisierung Klinischer Sozialer Arbeit in Österreich

Die Initiative zur Etablierung von spezialisierten Fachhochschulstudiengängen der Klinischen Sozialen Arbeit ging zunächst, wie bereits dargestellt, von Deutschland aus. 2001 startete ein Masterstudiengang an der Fachhochschule Coburg, 2005 dann erweitert in Kooperation mit der Alice Salomon Hochschule (ASH) in Berlin. Helmut Pauls, Brigitte Geißler-Piltz und Silke Brigitta Gahleitner sind unter anderen als federführende Gründerpersönlichkeiten zu nennen. In Berlin bietet nunmehr auch die Katholische Hochschule für Sozialwesen einen Masterstudiengang in Klinischer Sozialarbeit an. Eine gemeinsam veranstaltete Tagung in Coburg bildete 2005 einen Ausgangspunkt für die dann folgenden österreichischen Masterstudiengänge für Klinische Soziale Arbeit, wobei diese zwar später als die deutschen ihren Anfang fanden, keinesfalls aber als nachahmend konzipiert erschienen, sondern vielmehr methodisch aktualisiert und auch auf die Spezifika des österreichischen Sozial- und Gesundheitswesens hin ausgerichtet wurden.

Wie bereits erwähnt, startete 2007 ein Masterstudiengang für Klinische Soziale Arbeit an der Fachhochschule Campus Wien, 2010 dann an der Fachhochschule Vorarlberg. Eine spezielle Herausforderung in Ausbildung und Studium der vertiefenden Fachdisziplin „Klinische Soziale Arbeit“ besteht darin, dass die diesbezüglichen Masterprogramme der Fachhochschulen in hohem Maße auch von solchen Studierenden frequentiert werden, die im Sinne des Bologna-Systems einen Bachelorabschluss zunächst in einer anderen Studienrichtung erworben haben. Diese Heterogenität an Vorbildungen erschwert eine Vergleichbarkeit der akademischen Lehre, sie wird aber von den Studierenden und auch der Praxis als Chance zu interdisziplinärem Austausch und somit doch auch als deutlicher Mehrwert erlebt. Die anfängliche Skepsis kann durchaus, wie regelmäßig durchgeführte Absolvent*innenbefragungen belegen, mit guten Studienerfahrungen der Absolvent*innen verschiedenster Studiengänge und deren hoher Employability aus dem Weg geräumt werden. Diese positiven Entwicklungen der letzten Jahre lassen sich sicherlich auch auf die Schärfung und kontinuierliche Weiterentwicklung des Ausbildungsprofils von Klinischen Sozialarbeiter*innen zurückführen. Mit dem Studium werden Absolvent*innen für Positionen auf mehreren Ebenen bzw. Hierarchiestufen, die sich auch überschneiden können, qualifiziert. Dies sind neben Lehre, Forschung und fachlicher Leitung eben hauptsächlich Sozialtherapeut*innen im direkten Kontakt mit Adressat*innen der Sozialen Arbeit (vgl. FH Campus Wien, 2018, S. 21). Damit wurde an der FH Campus Wien schon sehr früh dem fachlichen Trend gefolgt in Richtung Sozialtherapie als „Behandlungsansatz, der die verschiedenen Formen sozialer und psychosozialer Interventionen (einschließlich der sozialen Rehabilitation) einer breit angelegten beratend-begleitend-intervenierenden Methodologie in unterschiedlichen Arbeitsfeldern zuordnet“ (Lammel & Pauls, 2017, S. 8).

An der Fachhochschule Vorarlberg orientiert sich der klinisch-soziale Masterstudiengang an einem Kompetenzprofil, welches für sämtliche Studiengänge der FH verbindlich ist und auf gehobener wissenschaftlicher Kompetenz, Führungskompetenz und spezifischer Fachkompetenz beruht. Letzterer kommt durch die Verankerung Klinischer Sozialer Arbeit der mit 55 % größte Anteil an den curricularen Inhalten zu (vgl. Hefel, 2015, S. 14 f.). Die klinische Fachdisziplin wird an der FH Vorarlberg (Standort Dornbirn, www.fhv.at) mit einem parallel geführten interkulturellen Studienschwerpunkt verbunden, die Integration eines sozialräumlichen Konzeptes befindet sich aktuell in Erarbeitung.

Klinische Soziale Arbeit als „work in progress“

In Österreich gab es zum Zeitpunkt der Gründung von Fachhochschulen bereits eine Reihe von Expert*innen mit genuiner Ausbildung und Praxiserfahrung in der Sozialen Arbeit, die zusätzlich in einer anderen Disziplin akademische Qualifikationen erworben hatten und so auch über die formalen Voraussetzungen einer Hochschullehre verfügten. Sie konnten in dieser Weise eine sowohl klinisch orientierte, weiterhin aber sozialarbeitsspezifische Praxeologie entwickeln und in die Lehre einbringen.

Auf dieser Basis haben speziell in der Klinischen Sozialen Arbeit psychologische und psychotherapeutische Konzepte in das methodische Inventar der Klinischen Sozialen Arbeit Eingang gefunden und sich entwickelt. Dabei unterstützen tiefenpsychologisch-psychodynamische, kognitiv-behaviorale, humanistische und in steigendem Ausmaß systemische Ansätze die Handlungsvollzüge der Klinischen Sozialen Arbeit. Allerdings werden bzw. wurden solche Konzepte im Sinne der Entwicklung eines sozialtherapeutischen Profils keineswegs unverändert und unreflektiert übernommen. Grundlegend werden diese für die Theoriebezüge der Sozialen Arbeit und deren ‚soziales Menschenbild‘ nutzbar gemacht. Dieses entspricht einem speziellen und sich von anderen Professionen unterscheidenden Menschenbild, indem es u. a. den Menschen in den subjektiven Erfahrungen seiner Lebenswirklichkeit sieht und annimmt. Einen wichtigen Ansatz dazu postulierte Lothar Böhnisch (2016) mit dem Konzept der Lebensbewältigung, welches auf der Lebensweltorientierung nach Hans Thiersch (2012) basiert. Die Grundidee, professionelle klinisch-sozialarbeiterische Unterstützung anzubieten und davon auszugehen, dass Bedarfslagen in der aktuellen Lebenswelt der Adressat*innen bewältigt werden können, stellt eine höchst ressourcenorientierte und salutogene Sichtweise dar und entspricht damit einem klinisch-sozialen Ansatz. Die Absolvent*innen des Masterstudiengangs füllen mit ihrer Expertise als Expert*innen für sozialtherapeutische Arbeit eine Lücke in multiprofessionellen interdisziplinären Teams mit Professionist*innen des medizinischen, pädagogischen, psychologischen und psychotherapeutischen Bereichs in der Versorgung von Menschen in mehrfachbelastenden Lebenslagen. Die sozialtherapeutische Arbeit sieht ihren Schwerpunkt eben in der Behandlung von diesen biopsychosozialen Bedarfslagen. Der Fokus liegt dabei auf sozialpathologischen Risikofaktoren, wenn auch keineswegs ausschließlich.

Um diesen Zugang umsetzen zu können, wurden und werden verschiedenste Ansätze sowohl inhaltlich als auch in ihrer settingspezifischen Anwendungspraxis teilweise tiefgehend modifiziert. Dies bedeutet einerseits ein Praktizieren auch außerhalb des geschützten Raumes von Kliniken, Praxen oder Ambulanzen und damit ein Agieren im Lebensraum der Klient*innen sowie andererseits einen Verzicht auf hochstrukturierte Behandlungszeiten, Terminvergaben oder Kostenregelungen. Dieses den Lebensraum definierende Merkmal einer niederschwelligen Klinischen Sozialen Arbeit bedingt auch ein weiteres Spezifikum in der diesbezüglichen österreichischen Studienarchitektur, da an der FH Campus Wien seit der Einrichtung des Masterstudiengangs eine Vertiefung zur Sozialraumorientierung angeboten wird. Beide zur Wahl stehenden Vertiefungsrichtungen werden speziell am Beginn des Studiums vielfach zusammengeführt, gemeinsame Lehre für das Masterstudium der Klinischen und der Sozialraumorientierten Sozialen Arbeit wird angeboten (www.fh-campuswien.ac.at) und damit die zentrale Bedeutung des lebensweltlichen Ansatzes zum Ausdruck gebracht.

Der soziomaterielle Aspekt bleibt auch im klinischen Bereich ein relevanter Teil des Handlungsspektrums der Sozialen Arbeit. Ein durch eine existenzielle Krise oder auch wegen problematischen Verhaltens des*der Klienten*in drohender Einkommens- oder etwa Wohnraumverlust führt im klinisch-sozialen Kontext nicht ausschließlich zur Reflexion seiner*ihrer dadurch ausgelösten intrapsychischen Befindlichkeiten, sondern hat vielmehr ein proaktiv-intervenierendes Handeln des*der Sozialarbeiters*in zur Folge, was in manchen eher „alltagsfernen“ Formen der Psychotherapie ein nahezu pönalisiertes „Agieren“ darstellen würde. Dieses Handeln erfolgt jedoch in der Klinischen Sozialen Arbeit stets in Kombination mit einer sozialtherapeutischen Initiative: Je nach geschätztem Grad an Autonomie wird zunächst mit den Klient*innen gemeinsam interveniert, in der Folge dann aber auf deren zukünftiges Verhalten verändernd und im Sinne von Empowerment und Capability fördernd eingewirkt.

Die Klinische Soziale Arbeit widmet sich im Wesentlichen solchen Klient*innen, deren Gesundheitsprobleme eng mit sozialen und persönlichen Verhältnissen verknüpft sind. Im Besonderen sind dies Patient*innen mit vielfach chronischen Erkrankungen, so aus dem Formenkreis onkologischer und neurologischer (z. B. demenzieller) Pathologie sowie nachhaltig belastender Unfallfolgen oder der Dependenz (Alkohol- und/oder Drogenabhängigkeit), zunehmend aber auch nicht stoffgebundenen süchtigen Verhaltens. Sie zielt neben individueller, familien- und gruppenbezogener Hilfe auch auf eine Mitgestaltung von makrosozial-gesellschaftlichen Bedingungen ab – vorwiegend mit dem Schwerpunkt auf der Förderung und Erhaltung von Gesundheit, aber auch auf der innovativen Entwicklung von gesundheitsrelevanten Lebensbedingungen.

Tätigkeitsfelder, Institutionen und Einrichtungen, in denen bereits jetzt Klinische Sozialarbeiter*innen wirken und mit klassisch sozialarbeiterischen wie auch mit sozialtherapeutischen Aufgaben betraut sind bzw. in Zukunft noch befasst werden könnten, sind u. a. ambulante sozialpsychiatrische Dienste, Beratungs- und Serviceeinrichtungen im gesundheitlichen Bereich, künftige Primary Health Care Centres, Schulen, Justizanstalten, Kriseninterventionsstellen und Rehabilitationszentren. Hier wird die Klinische Soziale Arbeit in Form von direkter sozialtherapeutischer Beziehungsarbeit aktiv, welche sich am biopsychosozialen Paradigma und an einem salutogenetischen Konzept orientiert. Zusätzlich zu bereits etablierten Branchen und Feldern Klinischer Sozialer Arbeit werden durch die steigende Anzahl an Absolvent*innen weitere erschlossen und hinzugefügt werden, wie etwa der Kinderschutz, Frauenhäuser, psychosoziale Studierendenberatung, Migrant*innenberatung mit häufig bestehendem traumapädagogischen Interventionsbedarf und in steigendem Ausmaß die Arbeit mit der älteren Generation (vgl. Steiner & Wilfing, 2019, S. 13–16).

Potenzielle und sich weiterentwickelnde Anwendungsbereiche

An den beiden Fachhochschulen FH Campus Wien und FH Vorarlberg ist eine steigende Anzahl von Bewerber*innen für die Masterstudiengänge Klinische Soziale Arbeit zu verzeichnen. Diese Nachfrage an Studienplätzen bringt in den letzten Jahren eine stabile Anzahl von Absolvent*innen in die Praxen Klinischer Sozialer Arbeit. Die Positionierung im Feld geht also recht zügig voran und schlägt sich auch darin nieder, dass bei einzelnen Stellenausschreibungen bereits ausdrücklich der Abschluss in Klinischer Sozialer Arbeit auf Masterniveau erwünscht ist. Darüber hinaus sind zunehmend Absolvent*innen aus den klinisch-sozialen Masterstudiengängen in leitenden und lehrenden Positionen zu verzeichnen. Auch die zumindest leicht erhöhte finanzielle Anerkennung einer derartigen akademischen Qualifikation wird als vorteilhafte Entwicklung erlebt und lässt sich mit einer höheren fachlichen Expertise schlüssig begründen.

Neben den klassischen Praxen Klinischer Sozialer Arbeit im Bereich der Drogenarbeit, Wohnungslosenhilfe, Psychiatrie etc. werden angesichts der sozioökonomischen Entwicklungen verstärkt Aufgabenstellungen im beruflichen Bildungs- und Integrationsbereich erwachsen: Die Förderung, Wiedererlangung und Erhaltung von Erwerbsfähigkeit stellen eine vielfach rehabilitative Herausforderung dar, die den holistisch-methodologischen Ansatz dieser speziellen Disziplin erforderlich erscheinen lassen (vgl. Wilfing, 2018). Das Entlassungsmanagement in Krankenanstalten etwa kann als spezifisches Handlungsfeld angesehen werden, da es vielfach über die medizinische und pflegerische Nachsorge hinaus mit herausfordernden Lebensbedingungen und Neuorientierungen für die Patient*innen verbunden ist. Ein methodischer Fokus ist dabei auf das spezielle Konzept des Clinical Case Management zu richten. Im Handlungsfeld „Kinder, Jugend und Familie“ werden durch eine nunmehr bestehende Ausbildung auf Masterniveau an der FH Campus Wien künftig vorwiegend kinder- und familienzentrierte Sozialtherapeut*innen zum Einsatz kommen, woran auch innerhalb klinischer Ansätze ein sich stetig verstärkender Spezialisierungstrend zu erkennen ist. Diese Entwicklung zeichnet sich natürlich nicht nur in diesem Praxisfeld ab, sondern es entsteht laut Wahrnehmungen und Rückmeldungen von Praktiker*innen der Eindruck, dass die starke Zunahme von chronischen und psychischen Erkrankungen in der Bevölkerung der Klinischen Sozialen Arbeit durchaus eine erhöhte Präsenz in vielen Handlungsfeldern eröffnet, da diese Bedarfe mit einer Steigerung von sozialtherapeutischen Maßnahmen gedeckt werden sollten und auch könnten.

Klinische Soziale Arbeit sollte aber nicht nur auf der Mikroebene, also in der Beziehungsgestaltung zwischen zwei oder mehreren Menschen gesehen werden, da das auf ihren Theorien basierende Wissen auch in der Meso- und Makroebene hohe Relevanz hat. Hier seien die Verbesserung und Optimierung von Gesundheitschancen genannt, die anwaltschaftliche Mitwirkung bei nationalen Aktionsplänen, die Neuorientierung von Gesundheitsdiensten und, ganz allgemein gesprochen, die Schaffung gesundheitsförderlicher Lebenswelten für Klient*innen. Dies schließt auch Initiativen im Bereich von Klimapolitik und nachhaltiger Ressourcenschonung mit ein, wodurch gleichsam der salutogenetisch-präventive Aspekt dieser spezialisierten Disziplin Sozialer Arbeit zum Ausdruck kommt und die mögliche Nutzung ihrer Potenziale auch in diesem Kontext deutlich wird.

Literatur

Böhnisch, L. (2016). Lebensbewältigung. Ein Konzept für die Soziale Arbeit. Weinheim: Beltz Juventa.

Bohne, M., Ohle, M., Schmidt, G. & Trenkle, B. (Hrsg.). (2016). Reden reicht nicht!? Bifokalmultisensorische Interventionsstrategien für Therapie und Beratung. Heidelberg: Carl-Auer.

FH Campus Wien, Verein zur Förderung des Fachhochschul-, Entwicklungs- und Forschungszentrums im Süden von Wien (2018). Antrag auf Interne Verlängerung des Masterstudiengangs „Sozialraumorientierte und Klinische Soziale Arbeit“.

Freud, S. (1982/1926). Die Frage der Laienanalyse. In ders., Gesammelte Werke, Bd. 14 (S. 207–284). Frankfurt a. M.: S. Fischer.

Gahleitner, S. B. (2013). Forschung »bio-psycho-sozial«: Bestandsaufnahme und Perspektiven aus Sicht der Sozialen Arbeit. In A. Schneider, A. L. Rademaker, A. Lenz & I. Müller-Baron (Hrsg.), Forschung: bio-psycho-sozial. Theorie, Forschung und Praxis der Sozialen Arbeit (Bd. 8, S. 49–66). Opladen: Budrich.

Gahleitner, S. B. & Mühlum, A. (2010). Klinische Sozialarbeit. In K. Bock & I. Miethe (Hrsg.), Handbuch qualitative Methoden in der Sozialen Arbeit (S. 490–499). Opladen: Budrich.

Heekerens, H.-P. (2016). Psychotherapie und Soziale Arbeit. Studien zu einer wechselvollenBeziehungsgeschichte. Coburg: ZKS.

Hefel, J. (2015). Klinische Soziale Arbeit und Ausbildung in Österreich – eine Momentaufnahme. Klinische Sozialarbeit – Zeitschrift für psychosoziale Praxis und Forschung, 11(3), 14–15.

International Federation of Social Workers (IFSW) (2014). Global Definition of Social Work. General Meeting on the 6th and 7th of July 2014, Melbourne, Australia. Verfügbar unter https://www.ifsw.org/what-is-social-work/global-definition-of-social-work/ [16.06.2021].

Lammel, U. A. & Pauls, H. (Hrsg.). (2017). Sozialtherapie. Sozialtherapeutische Interventionen als dritte Säule der Gesundheitsversorgung. Dortmund: Modernes Lernen.

Mayrhofer, H. (2020). Respondenz zu: Soziale Arbeit und Forschung. Daten und Fakten. In J. Bakic, A. Brunner & V. Musil (Hrsg.), Profession Soziale Arbeit in Österreich. Ein Ordnungsversuch mit historischen Bezügen (S. 235–238). Wien: Löcker.

Schindler, R. (2016). Interventionen in kritischen Situationen. In C. Spaller, K. Wirnschimmel, A. Tippe, J. Lamatsch, U. Magreiter, I. Krafft-Ebing & M. Ertl (Hrsg.), Raoul Schindler. Das lebendige Gefüge der Gruppe. Ausgewählte Schriften (S. 305–319). Gießen: Psychosozial Verlag.

Steiner, E. (2019). Forschungsperspektiven in der gesundheitsbezogenen Sozialen Arbeit. In St. Dettmers, J. Bischkopf (Hrsg.), Handbuch gesundheitsbezogene Soziale Arbeit (S. 87–93). München: Ernst Reinhardt.

Steiner, E. & Wilfing, H. (2019). Der österreichische Blick auf die Klinische Soziale Arbeit. Klinische Sozialarbeit – Zeitschrift für psychosoziale Praxis und Forschung, 15, 13–16.

Stiller, J. (2020). Kernkompetenzen Klinischer Sozialarbeiter*innen in der Praxis. Analyse potentieller selbständiger Tätigkeit unter Einbeziehung des social support. Fachhochschule Campus Wien: Masterarbeit.

Thiersch, H. (2012). Lebensweltorientierte Soziale Arbeit. Aufgaben der Praxis im sozialen Wandel (8. Aufl.). Weinheim: Beltz Juventa.

Wendler, M. & Huster, E. U. (2015). Der Körper als Ressource in der Sozialen Arbeit. Grundlegungen zur Selbstwirksamkeitserfahrung und Persönlichkeitsbildung. Wiesbaden: Springer.

Wilfing, H. (1976). Über familientherapeutische Orientierung vom Standpunkt des Sozialarbeiters. In H. E. Richter, H. Strotzka & J. Willi (Hrsg.), Familie und seelische Krankheit (S. 111–122). Reinbek: Rowohlt.

Wilfing, H. (2018). Integration von Jugendlichen ins Arbeitsleben – Perspektiven von Medizin, Sozialarbeit und Politik. In P. Filzmaier, Ch. Hainzl, E. Krczal & P. Plaikner (Hrsg.), Politik und sozialmedizinische Versorgung (S. 88–98). Wien: Facultas.

Das biopsychosoziale Modell als Paradigma in der Klinischen Sozialen Arbeit

Helmut Pauls

Im vorliegenden Beitrag geht es um die Modellierung der Wechselwirkungen zwischen den biologischen, psychologischen und sozialen Integrationsebenen von Gesundheit und Krankheit im biopsychosozialen Modell und um dessen Brauchbarkeit für die Klinische Sozialarbeit. Ausgehend von der Beschreibung des Modells werden theoretische und empirische Grundlagen sowie exemplarische praktische Umsetzungen skizziert.

Einleitung

Die Biologie des Individuums steht in engster Wechselwirkung mit der Sozietät und der individuellen Psyche. Ohne soziale Fürsorge und Einbindung von Geburt an ist kein menschliches Individuum lebensfähig. Körper und Psyche sind existenziell in ein umfassenderes soziales System eingebettet, von diesem abhängig und beeinflusst und auf dieses wiederum einwirkend. Psychische (mentale, geistige) und soziale Phänomene sind emergente (neu auftauchende) Eigenschaften auf der Grundlage der biologischen Ebene (Bunge & Mahner, 2004, S. 152 f.). So wie psychologische und soziale Ebenen von biologischen, chemischen und physikalischen Bedingungen abhängig sind und beeinflusst werden, ihre Eigenschaften aber nicht auf Biologie, Chemie oder Physik reduziert werden können, wirken umgekehrt soziale und psychische Vorgänge auf die biologische Ebene ein (ausführlicher vgl. Pauls, 2013a, S. 40 ff.; Uexküll v. & Wesiack, 1997).

Das ist kurzgefasst die Grundlage für die Erkenntnis, dass Gesundheit als eine Kompetenz des Individuums und seines Organismus verstanden werden kann, um Störungen auf der körperlichen, psychischen und sozialen Systemebene „autoregulativ zu bewältigen“ (Egger, Pieringer & Wisiak, 2007, S. 46) und pathogene Faktoren wirksam zu kontrollieren. Neben direkten Auswirkungen biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren sind auch die Wechselwirkungen zwischen den Ebenen relevant (vgl. Sommerfeld, 2019). Aus sozialer Perspektive spielen für den individuellen Gesundheitszustand gesellschaftliche Verhältnisse, Konventionen, soziale Regeln und Konflikte sowie der Umgang der Menschen miteinander eine zentrale Rolle. Sozialer Veränderungsstress und soziale Desintegrationsprozesse (durch Migration, Asylsuche, wirtschaftliche Umstrukturierungen, Veränderungen der Geschlechterverhältnisse) verstärken die Anfälligkeit für Erkrankungen (Rutz & Pauls, 2017). Zugleich ist soziale Desintegration und Teilhabeverlust auch Folge von Erkrankungen und Behinderungen.

Das biopsychosoziale Modell und seine Entwicklung

Das biopsychosoziale Modell ist in empirisch-wissenschaftlicher und erkenntnistheoretischer Hinsicht ein „Modell im Werden“ mit vielen Evidenzen, aber auch ungeklärten Fragen und Herausforderungen (Pauls, 2013b). In den 1950er-Jahren bezog die Erforschung von Risikofaktoren zum Krankheitsgeschehen soziale und psychologische Faktoren ein. Sowohl in die Biologie als auch in die Sozialwissenschaften wurde die Allgemeine Systemtheorie (General Systems Theory, GST) eingeführt: Phänomene (Systeme) wurden im Rahmen der komplexen wechselseitigen Beziehungen der in ihnen verknüpften Elemente verstanden und im Kontext der Umgebung, deren Teil sie sind, betrachtet. In diesem wissenschaftshistorischen Kontext formulierte der Psychiater George L. Engel (1977) das biopsychosoziale Krankheitsmodell (siehe Abb. 1).1 Alle drei

Abb. 1:Das biopsychosoziale Modell (nach Friedrich, 2000, zit. n. Beck & Borg-Laufs, 2010, S. 66)

Ebenen – die biologische, die psychische und die soziale – stehen nach Engel in kontinuierlichen und sich verändernden Wechselwirkungen und sind sowohl kausal für die Entstehung und den Verlauf von Erkrankungen zu beachten als auch bei der konkreten ambulanten, stationären oder teilstationären Behandlung. Kliniker*innen aus den verschiedenen Disziplinen müssen kooperierend von einem naturwissenschaftlichen Standpunkt der Beurteilung auch zu einer Einbeziehung der psychosozialen Lebensweise und der sozialen Lebenslage wechseln.

Die soziale Ebene in Form interpersonaler Beziehungen, sozialer Unterstützung und institutioneller Hilfen ist für die Behandlung und ihren Verlauf, den Umgang mit einer Krise und die Rehabilitation mit entscheidend. Egger (2005, S. 6) betont, dass es aufgrund der parallelen Verschaltung der Systemebenen nicht so bedeutsam sei, auf welcher Ebene oder an welchem Ort eine Störung entstehe bzw. erkennbar werde, sondern welchen Schaden eine Störung auf der jeweiligen Systemebene, aber auch auf den unter- oder übergeordneten Ebenen zu bewirken imstande sei. Das klingt für die Klinische Sozialarbeit einladend, weil der sozialen Ebene potenziell eine Gleichrangigkeit bei der Frage von Krankheitsentstehung und -behandlung mit der biologisch-medizinischen und der psychologischen Integrationsebene eingeräumt wird. Doch das Modell steht widerspenstig zwischen unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen, berufsständischen Machtverhältnissen und gesundheitspolitisch-ökonomischen Interessen und Strukturen. Das biopsychosoziale Modell bietet sowohl einem biologischen bzw. biomedizinischen Reduktionismus die Stirn, der Krankheit als rein körperliches Geschehen auffasst und psychologische wie soziale Aspekte allenfalls als nachrangige Phänomene gelten lässt, als auch einem ideologisch aufgeladenen sozialwissenschaftlich-politischen Reduktionismus, wonach Gesundheit, Krankheit, Geschlecht etc. primär soziale Konstrukte und sozialpolitisch zu „behandelnde“ Phänomene seien. Nicht zu vergessen ist last, but not least der psychologische Reduktionismus im Sinne der einseitigen Psychologisierung gesundheits- bzw. krankheitsbezogener Vorgänge.

All diese Reduktionismen erscheinen im Lichte der biopsychosozialen Theorie obsolet. „Die Beachtung mehrperspektivischer Zugangsweisen fordert auch multimethodische Behandlungswege […]“ (Gahleitner, Hintenberger & Leitner, 2013, S. 9). Es geht um die Frage nach der phasenspezifischen Leitdisziplin in Behandlungsverläufen: Wann übernimmt welche Profession in einem jeweils konkreten Fall die Fallführung? Dies ist für die Klinische Sozialarbeit vor allem im Felde der psychiatrischen Störungen und Erkrankungen relevant, z. B. nach einem stationären Aufenthalt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie mit nachfolgender ambulanter jugendpsychiatrischer Weiterbehandlung bei gleichzeitig notwendiger intensiver Betreuung durch klinisch-sozialarbeiterische Jugend- und Familienhilfe. Für Egger (2015, S. 4) lautet die zentrale Frage: „An welchen Punkten der Ätiopathogenese oder des Heilungsprozesses haben psycho-soziale Faktoren einen wie großen Einfluss – sind solche eventuell vernachlässigbar oder aber prozesssteuernd?“ Aufgabe Klinischer Sozialarbeit ist es, geeignete soziale Hilfeformen und soziale Therapien zu entwickeln, ihre Wirksamkeit wissenschaftlich zu belegen und die soziale Manifestationsebene bei Beschreibung, Erklärung und Behandlung (einschließlich Rehabilitation) beizutragen. Ihre Fachkräfte müssen in der Praxis im interdisziplinären Anforderungsprofil mit biopsychosozialen Wechselwirkungen schon immer konkret umgehen und kooperieren. Steiner (2019, S. 88) unterstreicht die dadurch entstehende spezielle Position: Die Klinische Sozialarbeit „unterscheidet sich durch diesen ,person-in-environment‘-Ansatz wesentlich von anderen Disziplinen, mit denen sie in interdisziplinären Teams agiert […], weil ihr Hauptfokus eben auf den Wechselwirkungen verschiedenster Systeme auf sozialer, biologischer und psychologischer Ebene liegt“. Entsprechende komplexe gesundheitsbezogene Problemstellungen mit besonderer Sozialrelevanz lassen sich grob in mindestens drei Bereichen aufzeigen:

1.Multiproblemsituationen (z. B. Alleinerziehende, Arbeitsplatzverlust, Schulprobleme in Verbindung mit psychischen Störungen und/oder Doppel- bzw. Mehrfacherkrankungen, z. B. Diabetes und Depression): Sozialbehandlungsbedürftige psychosoziale Störungen treten nicht selten zusammen mit schweren und/oder chronischen Erkrankungen auf. Neben individuellen multiplen Störungen gibt es die soziale Teilhabe gefährdende „familiäre“ Doppel- bzw. Mehrfachbelastungen und Erkrankungen, z. B. wenn die alleinerziehende Mutter des diabeteskranken Kindes, das nun auch noch verhaltensauffällig wird, suchtkrank ist.

2.Chronische Krankheitsverläufe mit Teilhabebeeinträchtigung: Gerade bei chronischen Erkrankungen ist die Compliance sehr wichtig. Bei Mitgliedern psychosozial marginalisierter „Multiproblemfamilien“ oder bei sozial isolierten Menschen, insbesondere auch psychisch kranken Menschen, werden gerade die kontinuierlich notwendigen medizinischen Maßnahmen aus psychosozialen Gründen nicht selten vernachlässigt. Körperlich wird medizinische Behandlung und Pflege benötigt. Psychisch besteht ein Bedürfnis nach Halt, Zuspruch und Aufmerksamkeit, gegebenenfalls auch psychotherapeutischer Hilfe. Sozial ist nicht nur ein Schonraum sowie die Regelung von sozioökonomischen Angelegenheiten notwendig (z. B. Einkommen, Anschlussheilbehandlung, Rehabilitation), sondern auch soziale Beratung, sozialtherapeutische Mitbehandlung sowie soziale Unterstützung unter Einbezug der Mitwelt (Angehörige, Freundeskreis, Arbeit, Nachbarschaft), um die soziale Teilhabe der Betroffenen zu sichern oder wieder zu verbessern.

3.Psychosoziale Belastungen der Hochleistungsmedizin: Die Zunahme der chronisch-degenerativen Erkrankungen (z. B. Herz-Kreislauf- und Nierenerkrankungen, Krebs, neurologische, psychische Erkrankungen) aufgrund der therapeutischen Erfolge der Hochleistungsmedizin (z. B. Transplantationsmedizin, Onkologie, Neurologie) geht mit der deutlichen Erhöhung der Lebenserwartung einher. Bei vielen dieser Erkrankungen ist nicht mehr die Heilung, sondern die bestmögliche Funktionsfähigkeit und soziale Teilhabe das Ziel der interdisziplinären therapeutischen Arbeit, was die Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) (DIMDI, 2005; s. u. S. 33 f.) auf Basis des biopsychosozialen Modells konkretisiert hat (vgl. auch Knoop & Meyer, 2019, S. 40 f.) Allerdings bringen diese Erkrankungen sowohl für Patient*innen als auch für ihre Angehörigen häufig schwere psychosoziale Belastungen mit sich. Die Soziale Arbeit als Funktionseinheit zur existenziellen Absicherung der Patient*innen (Nachsorge) trifft in diesen Zusammenhängen traditionell auf bestimmte Erwartungen der beteiligten Fachdienste (Pflegepersonal, Ärzteschaft), der Patient*innen und ihrer Angehörigen: Sie soll Vermittlungsaufgaben wahrnehmen (Heim, Pflege, Rehabilitation, Rente) und auf die jeweilige Lebenslage bezogene Hilfestellung geben (Finanzen, Wohnen, Arbeiten). Im Sinne des biopsychosozialen Modells sind klinischsozialarbeiterisch fundierte Interventionen einzubeziehen, wie psychosoziale Krisenhilfe, Angehörigenberatung und Psychoedukation (Dettmers, 2017; s. u. S. 33 f.

Ausgewählte Forschungsgrundlagen

Biopsychosoziale Wechselwirkungen werden durch Forschungsergebnisse verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen belegt und konkretisiert. Im Folgenden wird eine Auswahl von Ergebnissen aus Biologie, Psychologie und Sozialforschung kurz umrissen.

Gesundheitswissenschaftliche Forschung

Sozioökonomische und soziokulturelle Merkmale wie Bildung, Einkommen, Beruf und insgesamt Armut und soziale Ungleichheit, die häufig einhergehen mit Diskriminierung und Einschränkungen der soziokulturellen Teilhabe, spielen eine bedeutsame Rolle für die Gesundheit. Lebenserwartung, Krankheit und Sterblichkeit müssen in diesem Lichte auch als soziopsychische Phänomene angesehen werden (z. B. Hurrelmann, 2010; Buffel, Van de Velde & Bracken, 2015). Das erhöhte Risiko für psychische Erkrankungen ist gerade bei Kindern und Jugendlichen ein Phänomen sozialer Ungleichheit. Sie erkranken häufiger an psychischen Störungen, wenn ihre Eltern einen niedrigen oder mittleren Bildungsabschluss oder ein geringes Einkommen haben (Witt et al., 2019). Zugleich ist soziale Ungleichheit häufig Folge psychosozialer Belastungen, Traumatisierungen und Erkrankungen. Gahleitner, Hintenberger und Leitner (2013) verweisen auf eine Longitudinalstudie zu frühen Traumata in der Kindheit (ACE-Studie über „adverse childhood experiences“). Hier zeigte sich, dass in früher Kindheit traumatisierte Personen „ungleich häufiger an Armut, Arbeitslosigkeit, Mittellosigkeit, unzureichender oder unsicherer Unterkunft bzw. Wohnungslosigkeit und sozialer Gefährdung“ (ebd., S. 3) litten. Fegert (2019) zählt die Forschung zu belastenden Kindheitserlebnissen zu den bedeutendsten Public-Health-Studien und zeigt die Zusammenhänge anhand der ACE-Pyramide (siehe Abb. 2).

Abb. 2:ACE-Pyramide (aus Fegert, 2019, S. 6)

Die ACE-Pyramide ist eine bedeutende Veranschaulichung des biopsychosozialen Modells, und zwar gerade auch im Hinblick auf die soziale Verursachung psychischer und somatischer Störungen und soziopsychobiologischer Wechselwirkungen.

Psychopathologische Forschung

Dass sozialpathologische Einflüsse bei der Entwicklung von Vulnerabilität für psychotische Erkrankungen unterschätzt seien, betont Kröger (2020). Die Autorin verweist auf eine Fülle von Studien zur „Bedeutung von schädigenden sozialen Erfahrungen, vor allem von frühen Traumatisierungen, Diskriminierung und spezifischen Migrationsbelastungen für die Entstehung schizophrener Psychosen (z. B. Aderhold & Borst, 2009; Cantor-Graae & Selten, 2005; Heinz, Deserno & Reininghaus, 2013; Longden & Read, 2016; Os, Kenis & Rutten, 2010; Varese et al., 2012)“ (Kröger, 2020, S. 210). Es werde „in nahezu allen Publikationen zur Frage der Entstehung von schizophrenen Psychosen auf ein multifaktorielles Geschehen im Sinne eines Vulnerabilitäts-Stress-Bewältigungs-Modells (z. B. Zubin & Spring, 1977) rekurriert“, allerdings habe „sich ein differenziertes biopsychosoziales Verständnis noch nicht umfassend etablieren können“ (Kröger, 2020, S. 209 f.). Die soziale Ebene spielt in der Behandlung von chronischen Verläufen psychischer Erkrankungen eine Hauptrolle. Neben der medikamentösen Behandlung benötigen Betroffene im Sinne der Recovery-Orientierung